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CANABBAIA
Dienstag, 28. Juni 2005
 
Der Wanderer
Es ist reine Geduldssache. Früher oder später fällt einem bei Ebay alles Bebotene in die Finger, und zwar zum gewünschten (niedrigen) Preis. Man muss nur geduldig an den Ufern des Mailstroms harren und warten, bis der begehrte Fisch (erneut) vorbeischwimmt.

So etwa ging es mir mit dem Buch "Bei Ankauf Mord". Wieder und wieder wurde es mir weggeschnappt (bin doch nicht jeck und zahle 5,- € oder so für ein trivialliterarisches Taschenbuch). Aber eines Tages war ich dann doch der einzige Angler am Ufer, und ein – wenn auch schon recht mitgenommenes – Exemplar war für 1,- € mir (plus Porto natürlich: die größte Gewinnerin bei Ebay ist leider die Deutsche Post!).

Ich vermute mal, dass die früheren Über-Bieter Kölner Lokalpatrioten waren, die das Buch zur Vervollständigung ihrer Sammlung haben wollten. Denn einen Herzkasper kriegt man nicht von der Lektüre dieses Romans. Aber ich wollte das ja auch gar nicht. An Krimis habe ich schon seit langem kein großes Interesse mehr; was diesen ausnahmsweise für mich begehrenswert machte, war die Majolika-Schale, die eine motivierende Rolle spielt. Majolika ist in Deutschland weithin unbekannt, sowohl in natura wie auch schon als bloßer Begriff. Und hier war sie, ganz erstaunlich, zum Gegenstand von Literatur, sogar (muss man in diesem Zusammenhang erstaunt sagen), Trivialliteratur! Kein Wunder: die Autorin, Brigitte Tietzel, war laut Vorsatztext "zuletzt fast sechs Jahre lang Direktorin des Museums für angewandte Kunst in Köln".

Von der Handlung ist mir kaum etwas in Erinnerung geblieben. Memorierenswert sind jedoch die süffisanten (und zweifellos treffenden) Bemerkungen der Ex-Museumsleiterin über ihre (Nicht-) Kunden (S. 1/2):
"
Er hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als sie 'Museum für Angewandte Kunst' gesagt hatte. ... Normalerweise reagierten die Menschen irritiert: 'Angewandte Kunst?' fragten sie zurück. Und 'Ja', antwortete Bona dann .., 'Möbel, Porzellan, Glas, Teppiche, Design, Sie wissen schon'. 'Ach so.' Und dann: 'Ist das ein neues Museum?' Oder: 'Und wo ist das?' Immer war da sofort eine gewisse Ablehnung. Man hatte sie bei etwas erwischt. Sie waren so stolz auf ihre Museen, die Kölner, ... – und dann das: Was um alles in der Welt war Angewandte Kunst? Und dafür gab's ein Museum? Gleich darauf die hochmütige Entscheidung: Kann ja nicht viel sein. Interessiert uns sowieso nicht. Es war besser, gleich zu sagen: 'Das alte Wallraf-Richartz-Museum – wissen Sie?' Dann kam der Aha-Effekt: ja, das kannte man, davon hatte man gehört. Das war ein richtiges Museum, mit Bildern, alten Bildern, Kölner Malerschule und so. Da war man irgendwann sogar mal drin gewesen, wann war das noch ... . Gott, das ist jetzt auch schon so lange her. 'Ach, und da arbeiten Sie? 'Nein, nicht da, oder doch, da schon, aber das ist jetzt ein anderes Museum.' 'Ach so? Wie interessant'."
Man sieht: es ist ein hartes Brot, Direktor(in) eines Museums für Angewandte Kunst zu sein.


Doch bin ich wieder weit vom Thema abgekommen. Eigentlich wollte ich ja vom Wanderer erzählen, welcher heute bei mir eintraf, trotz seiner weiten Reise in erstklassigem Zustand. Das auch deshalb, weil er mit der Post gereist war, wenn auch nicht mit der Post-Kutsche, wie einst sein Urbild. Für 1,99 € ist das Buch von Norbert Miller ein echtes 'Schnäppchen', wie die Kölner sagen würden. Neu kostet es 50,- €, und bislang war es bei Ebay immer so auf 15,- € oder mehr hochgesteigert worden. Vielleicht sind nun alle anderen Bieter schon bedient, die ihr' (Mail-Nachrichts-)Sach' auf Goethe gestellt haben, oder waren in Urlaub. Jetzt brauche ich es nur noch zu lesen – vielleicht nächstes Jahr, im Urlaub, (leider) nicht in Italien? Möge das Buch über Goethes "Italienische Reise" spannender sein als dessen eigener Bericht, der ja seine literarischen und gattungsgeschichtlichen Qualitäten haben mag, aber sprachlich und inhaltlich unserer Zeit doch etwas fern steht (meint, jedenfalls was den Inhalt angeht, immerhin nicht nur CanAbbaia, sondern sogar Robert Walser, hier
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/165534/ in einer Rezension des Buches von Miller zitiert).

(Nachdem ich mich so ausführlich über die Preise verbreitet habe, kann ich nur hoffen, dass jetzt niemand über mich sagt: "Der kennt den Preis von allem ...".)

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Sonntag, 26. Juni 2005
 
Magonza, da capo


Auch heute wieder ein Samstagsausflug nach Mainz; dieses Mal der Rosen wegen.
Südbahnhof ausgestiegen, das römische Theater von oben besichtigt (Zitadellenweg). "Das größte seiner Art" nördlich der Alpen. Bei derartig qualifizierenden Zusätzen werden ich immer misstrauisch: was heißt "seiner Art"? Gab es verschiedene Arten von römischen Theatern? Okay, außer den Theater gab es noch die Amphitheater. Wenn es davon ein größeres nördlich der Alpen gibt, ist das Mainzer Theater gleichwohl das größte nördlich der Alpen. Ein Amphitheater ist schließlich kein Theater, hatte eine ganz andere Funktion – oder? Warum also nicht einfach sagen: "das größte Theater nördlich der Alpen; Amphitheater ausgenommen?".
Na gut, jedenfalls war es für 11.000 Zuschauer, und das ist, für jene Zeiten, schon eine ganze Menge. Frage indes: wo war das römische Amphitheater in Mainz? Oder waren die Mainzelmännchen und -weibchen schon damals so kultiviert, dass sie die rohen Vergnügungen des Amphitheaterentertainments verschmähten?

Dann Straße "Am Rosengarten": eine Allee riesiger alter Platanen, Gründerzeitvillengesäumt. Mentales Lesezeichen im Stadtplan gemacht: für wenn es mal mit dem Jackpott klappt J.

Am Eingang zum Rosengarten ein Kulturschock: ein älterer Herr, der aus dem Volkspark herauskommt, grüßt uns. In einer Stadt mit fast 200.000 Einwohnern grüßt jemand völlig Unbekannte! (Kleiner Intelligenztest en passant: versuchen Sie mal, auf der Webseite der Stadtverwaltung so auf die Schnelle die Einwohnerzahl der Stadt herauszufinden!).

Freundlich ist auch jener Herr mit der großen Nase, der unter einer Überdachung auf einer Bank sitzt. Zwerg ist er nicht, sondern normal groß, aber sein Körper ließe sich werbewirksam vermarkten: "Bier macht dünn, hier ist der lebende Beweis." Würde ich ihm mein Übergewicht abgeben, hätte er vielleicht einen normalen Leibesumfang. Höflich: steht auf, als ich ihn anspreche. 26 Jahre Bund: so was prägt halt. Und was die Flasche neben ihm auf der Bank angeht, und jene gewisse olfaktorische Ausstrahlung: Dienst macht durstig; da ist er nicht der erste, welcher beim Bund das Saufen gelernt hat.

Ist aber kein Obdachloser; sondern heimatlich verwurzelt und erstklassige Auskunftsquelle über dieses und jenes im Mainz: "oral history". Ob das mit der Verbindung zum Bretzel-König stimmt, sei mal dahingestellt. War aber jedenfalls eine interessante Unterhaltung, während meine Frau fleißig Rosen fotografierte. Die Blumen freilich waren zum allergrößten Teil schon hinüber; hätten 2 Wochen eher kommen sollen!

Mainzer waren praktisch keine hier; waren wohl verreist (zum Rosarium nach Sangerhausen?). Jedenfalls: unser "nihil obstat" gewähren wir ihnen gerne, zum Verreisen. Die Volksleere im Rosengarten des Mainzer Volksparks ist nicht unangenehm.

Peter Wolf blickt mit marmorstarrer Zufriedenheit auf seinen Park. Hat er auch Grund dazu: die Bäume sind groß geworden, die ganze Anlage atmet Heiterkeit und Weite.

Manche der alten Bäume freilich sind mit Efeu überwachsen – oder sollte ich das Verb "überwuchert" verwenden? Das ist eine echte Gewissensfrage, denn Efeubäume sind schön fürs Auge, aber weniger angenehm für den Trägerbaum. Ich entschließe mich, die Frage nach zulässigen Verquickung von Biologie und Ästhetik offen zu lassen, und mir statt dessen einen Neologismus einzuprägen: Efeukultur. Welcher nicht gänzlich frei ist von Bezügen z. B. zu meinem Blog-Eintrag vom 17.05.05: "Renten sichern - Wehrfriedhofsmauer zerfallen lassen!" Doch wären insoweit auch andere Zusammenhänge denkbar. Glaube allerdings nicht, dass unsere Zivilisation schon eine Efeu-Kultur ist; eher eine Botrytis-Kultur (s. a.
http://schimmel-schimmelpilze.de/schimmelpilz/botrytis-cinerea.html): "indes Europas Edelfäule, an Pau, Bayreuth und Epsom sog ... ." Heute ist sie noch um einiges reifer als zu Nietzsches, oder zu Benns, Zeiten.

Wo wir aber gerade beim Trinken sind: an diesem Wochenende wird das Johannisfest in Mainz gefeiert, weniger mit Trinken (dafür gibt es extra einen Weinmarkt, im Volkspark übrigens), sondern mehr mit Musik, Essen – und vor allem auch mit einem großen Büchermarkt. Zahllose Antiquariatsstände würden mir die Wahl zur Qual machen, wollte ich noch wie früher das Angebot gewissenhaft sichten. Doch bleibt es meist dasselbe, und vieles, was mich früher wenn nicht begeistert hätte, so doch kaufenswert erschienen wäre, lasse ich heute links liegen. Geänderte Maßstäbe, ein voller Bücherschrank, mit Bergen von noch zu lesender Literatur, und dezimeterhohe Stapel mit noch viel interessanteren Internetausdruck (ach ja, die 14 Wikipedia-Textseiten über Nietzsche sollte ich mir vielleicht auch mal rausziehen): da lockt Gene Bruckers illustrierte Geschichte von Florenz, 1138 - bis 1737, mein Portemonnaie auch nicht mehr aus der Hosentasche. Zumal 14,50 € eine stattliche Summe sind.


Und dennoch erwischt es mich noch: das Bücherlaster und die Trinkerei, und das ausgerechnet in der katholischen Bücherei in der Grebenstraße!
"H. E. Köhler, Unsere Ahnen, die Germanen. 45 Zeichnungen zu Tacitus 'Germania'."
Nachdem Tacitus die reichen Römer zunächst über die einfachen Speisen der Germanen informiert hat, fährt er fort: "Dem Durst gegenüber sind sie weniger maßvoll. Würde man ihrer Trunksucht entgegenkommen und ihnen das nötige Quantum verschaffen, könnte man sie ebenso leicht durch ihre eigenen Laster wie durch Waffen besiegen." Krieg mit Feuerwasser also, hier vorgeschlagen, 2.000 Jahre später praktiziert: Guns, Germs and Steel (
http://en.wikipedia.org/wiki/Guns,_Germs_and_Steel) – und eben Feuerwasser. Und mit Tacitus' Beschreibung des deutschen Durstes kam wohl der "tedesco ubriaco" ins Standardrepertoire der italienischen Literatur. (Wir wehren uns verzweifelt: http://www.viaggio-in-germania.de/ubriac.html) Denn jener Prälatendiener, welcher dem Fiasco marketingwirksam sein "Est, est est" entgegenschleuderte, kann dieses Werk nicht vollbracht haben, und auch nicht (da war schon alles zu spät) Theodor Mommsen, der sich im Tagebuch seiner französisch-italienischen Reise von 1844/1845 rühmt, keinen Kater zu bekommen, egal wie viel Vino er abends konsumiert. (Wir wollen mal höflich unterstellen, dass Mommsens Tagebuchführungselan in Italien nicht wegen des Vino so schnell eingeschlummert ist. In Wirklichkeit war es sicherlich seine Epigraphenjagd, welche ihm für das Tagebuch keine Zeit mehr ließ. Oder?)

Was bringen wir sonst noch vom Tacitus (nur Ziff. 1 – 27 sind in diesem Büchlein abgedruckt) in unsere Bildungsscheuer ein? "Kinderlosigkeit bringt keinen Vorteil" – bei den Germanen. Also hat man das bei den Römern, in der Oberschicht jedenfalls, offenbar anders gesehen. Schon damals anscheinend im alten Rom Geburtenkontrolle: "Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes Kind zu töten gilt als Schande, und gute Sitten vermögen dort [d. h. in Germanien] mehr als anderswo [im Rom?] gute Gesetze." Muss ich mir mal merken, für mein "
Rentenreich".
Und dass die Germanenfrauen in den Kriegen der Germanen logistische und medizinische Aufgaben hatten. Vor allem aber im Krieg die richtigen "incentives" zu gebrauchen wussten (eine "incentive tour" war, wie wir aus einer anderen Stelle erschließen, schon der Krieg selbst). Aus dem Tritt gekommene Heere brachten die Frauen durch Entblößen der Brüste zum Stehen (
http://mitglied.lycos.de/elmarsonline/uebersetzungen/tacitus/frauen.htm; s. z. B. auch http://philognosie.net/index.php/article/articleview/113/7/). Welches uns nun zu verschiedenen weiteren Erkenntnissen führt. Z. B. den Mythos von der natürlichen Friedlichkeit des Weibes als einen wahrheitswidrigen entlarvt (ja, ja, Fritjof Capra, glaub du nur dran, dass der Feminismus die "Zeitwende" zum friedlich-freundlichen Zusammenleben der Menschen bringt: du hast zwar vieles gelesen, aber offenbar weder die "Germania" des Tacitus, noch die "Geschichte vom weisen Njal"!). Oder eine neue Deutung entsprechender Verhaltensweisen in der Realität und in Darstellungen der Kunst aus der Zeit der französischen Revolution ermöglicht. Nicht um Emanzipation ging es dabei, vielmehr zeigten die Frauen ihre Brüste, um ihre Männer zu motivieren, den Tyrannen die Zähne zu zeigen (nachdem die Tyrannen von den anderen Dingern speziell im 18. Jh. ja auch genug zu sehen gekriegt hatten)! Und wenn es derzeit blank auf allen Titelblättern blitzt, dann sind jene optischen Reize synästhesierend als Klänge von Luren (http://www.pe.tu-clausthal.de/AGBalck/vorlesung/server/musik2003/m07/imh_0052.htm) zu deuten, luring us into the wars of economic competition.

Also, mehr konnte ich aus dem Tacitus wirklich nicht rausholen, und wende mich desderwegen nun jenem Druckwerk zu, das zu den überflüssigsten Zellstoffverschlingern der gesamten Buchgeschichte gehört: Hans Peter Duerr, Gänge und Untergänge, edition Suhrkamp 1999. Ein armes Schwein, (kann nicht sein) der dafür 16,80 DM oder 8,50 € ausgegeben hat! 1,99 € fürs Remittendenexemplar lässt sich gerade noch vertreten, für eine erste Bekanntschaft mit dem Anthropologen Hans Peter Duerr. Über den lässt sich im Internet wohl deshalb nur schwer etwas in Erfahrung bringen , weil er sich den lexikalischen Locus mit dem Physiker und engagierten Umweltschützer gleichen Namens (schreibt sich allerdings mit "ü") teilen muss. Der Buchpreis ist eine Wohlthat (drei dieser Remittendenbuchläden verdienen ihr Geld in Mainz, welches dadurch nicht nur ein hohes kulturelles Niveau beweist – "richtige" Buchläden gibt es daneben natürlich auch noch- , sondern auch einen relativen Mangel an Antiquariaten, verglichen mit Frankfurt a. M., locker ausgleicht).

Der Inhalt – na ja, man hat ihn auf der Heimfahrt rasch durchgelesen, was nicht nur über den Umfang des Buches, sondern auch über den Gehalt manches sagt. Eines freilich kann man nicht sagen: dass es langweilig wäre. Ein origineller und humorvoller Kopf ist dieser Duerr, und dass ich sein vierbändiges Opus Magnum "Der Mythos vom Zivilisationsprozess" nicht gelesen habe, spricht gegen mich, nicht gegen ihn. (Tatsächlich war es die häufige Begegnung mit diesen – mittlerweile auch remittierten – Büchern, die mich bewog, bei dem Anthropologen Duerr mal lateral über "Gänge ..." einzusteigen.) Doch ist es etwas mühsam, sich aus indirekten Billardballspielen seine Thesen über die Lage des 1362 sturmgefluteten Küstenortes Rungholt herauszupuhlen (oder –pulen, wie ist es richtig?). Und die Phantasie, so scheint es, überflutet bei ihm manchmal den festen Boden der Wahrscheinlichkeit. Auf einen (möglichen) Hausfund und auf ein (mögliches) Kirchenfundament lässt sich wohl noch kein reiches Rungholt gründen, so imponierend auch die Fundstücke des Wissens sind, die er dafür anführt.


Schon gar nicht kann man Geheimgänge aus Südfrankreich einfach nach Heidelberg verpflanzen; zu unwahrscheinlich ist es, von der Frage der technologischen Realisierbarkeit im Mittelalter ganz abgesehen, dass damals ein Fürst einen Gang, zumal durch Granitfels, hätte bauen lassen, damit ihn sein Leibarzt schneller erreichen konnte. Für solche kostspieligen Scherze mit wenig transparentem Nutzen hätte der Hof wohl nicht einmal im Absolutismus Verständnis gehabt. Militärische Überlegungen könnten da schon ein anderes Gewicht haben.

Überzeugend ist Duerrs Replik ("Ideologiekritik als Mode") gegen Enzensbergers Kritik. Und auch in dem Spiegel-Interview "Wissenschaft und Esoterik" weiß Duerr, dass "All diese existentiellen Ängste und Konflikte, die unser heutiges Leben beherrschen, damals [d. h. vor der Sesshaftwerdung der Menschheit in den Agrargesellschaften] längst nicht so ausgeprägt" waren. [Aha, stimmt also anscheinend, was Jared Diamond behauptet hat (zumindest steht dieser damit nicht allein auf weiter Flur), dass die Menschen durch den Übergang zur Agrargesellschaft individuell keineswegs glücklicher geworden sind (vgl. Blog vom 10.05.05, "
Der größte Fehler in der Menschheitsgeschichte?")].
"Doch diese Welt ist für uns unwiderbringlich verloren. Und selbst wenn nicht, wir würden uns nicht mehr wohl fühlen. Das verkennen viele Romantiker." Sagt Duerr, aber so ganz falsch liegt Enzensberger mit seiner Lesart von Duerrs Meinungen nun auch wieder nicht. Die rhetorische Frage "Wird der Untergang unserer Zivilisation nur Nachteile für die Menschen haben" zeigt schon als solche Duerrs Tendenz: "Nein". Nach dem Crash der Ressourcenerschöpfung wird die Gesellschaft (insoweit zitiert er; behauptet dieses Szenario auch nicht als sichere Erwartung, sondern nur als Möglichkeit) zunächst auf das technische Niveau des 18. Jh. zurücksinken und sich langfristig auf dem der mittelalterlichen Agrarwirtschaft einpendeln. Wenn es die Umweltsituation zulässt, "werden die Überlebenden [das ist jetzt allerdings wirklich seine eigene Überzeugung] in kleinen, relativ 'entdifferenzierten' Gemeinschaften eine neue, einfachere und ruhigere Zivilisation aufbauen, mit niedrigem materiellen Lebensstandard zwar, doch sie werden vermutlich ein sinnvolleres und erfüllteres, wenn auch härteres Leben führen als ihre Vorfahren" (d. h. als wir).
Da darf man Zweifel gleich aus mehreren Gründen anmelden:
1) Ein "sinnvolles" Leben setzt einen Sinngeber voraus. Einen solchen unterstellt: woher wollen wir wissen, was dem sinnvoll erscheint oder nicht? Die "Demut", ein von Duerr mehrfach gebrauchter Begriff, gebietet, nicht darüber zu rechten, ob das Leben des Knechts, Reisigen oder Räubers im Mittelalter sinnvoller war als jenes des Programmierers, Handelsvertreters oder Lkw-Fahrers heute (Ladies sind natürlich einbegriffen).
2) Wie immer man es anstellt, gerät die Sinngeber-Konstruktion nicht nur per se schon anthropomorphistisch. Vielmehr wird zusätzlich noch unterstellt, der Sinngeber sei uns Menschlein wohlgewogen und wolle, dass wir glücklich sind. Ja, wieso denn eigentlich? Vielleicht will er mal ausprobieren, wie wir die Welt kaputt kriegen? Da könnte man gar nicht sinnhafter leben, als wir das in der Moderne tun!
3) Kleine Gemeinschaften? Na ja, gar so monadische Gesellschaftskörper waren die vorindustriellen Zivilisationen auch nicht gerade.
4) Aufbauen? Wird mühsam sein; hauptsächlich werden die sich mit dem Abbauen herumschlagen müssen.
Nachtrag vom 08.02.07: Für den Zustand unserer Gesellschaft im Stadium der Erschöpfung der nicht-erneuerbaren Ressourcen möchte ich einen Neologismus vorschlagen: "Ruderal-Zivilisation" (oder: Ruderalzivilisation). Dies in Anlehnung an den Begriff "Ruderalpflanzen", welche auf Schutthalden besonders gut gedeihen.
Schon in der Vergangenheit haben Menschen im Schutt früherer (oder zeitweise auch ihrer eigenen) Zivilisation(en) gelebt. Das gilt z. B. für die Städte der Indus-Zivilisation nach deren Niedergang, für die Maya-Städte und natürlich, allerdings nur mehr oder weniger kurzzeitig, für Kriegs- und Katastrophenzeiten.
Dass sich wahrscheinlich unsere Nachkommen weltweit in den Hinterlassenschaften ihrer Ahnen einhausen müssen, wird allerdings eine neue Erfahrung für die Menschheit sein. Wäre interessant, die Ruderal-Bewohner zu beobachten, ob und wie sie damit klar kommen.

5) Ruhiger? Das nun wohl absolut nicht. Hauen und Stechen wird da sein um jene Ressourcen, welche wir denen als Müll hinterlassen haben. (Aus dem Boden kann man dann nicht mehr viel holen: was mit mittelalterlicher Montantechnologie abgebaut werden kann haben wir, in unseren Breiten jedenfalls, längst ausgebuddelt.)

Zum Wiederauffinden eines Textes, den ich im Internet (hier?
http://www.wsu.edu/~converse/MP.html) gelesen hatte, und sicherlich auch irgendwo lesezeichengespeichert habe, jedoch ums Verrecken nicht mehr wiederfand, half mir der Interviewer von "Facts" ("Die Wahrheit in der Ethnologie") mit seiner Erwähnung des Anthropologen Turnbull und der Iks. Alles erstunken und erlogen also? Überrascht mich nicht sonderlich; die Geschichte (Excerpt 4) von "Adupa Locked up in Home to Die" kam mir sowieso "fishy" vor. Wer kann denn eine Schilderung glauben: "Even worse, she thought parents were for loving, for giving as well as receiving. Her parents were not given to fantansies, and they had two other children, a boy and a girl who were perfectly normal, so they ignored Adupa, except when she brought them food that she had scrounged from somewhere. They snatched that quickly enough. But when she came for shelter they drove her out, and when she came because she was hungry they laughed that Icien laugh, as if she had made them happy." Nicht dass die Eltern unsentimental sind, ist unglaubhaft: das sind die Erzeuger der Scugnizzi in Neapel auch. Weil es eben unter solchen Verhältnissen nicht zu vermeiden ist. Aber das "she thought parents were for loving", das klingt doch allzu sehr nach glücklicher Familienidylle der affluenten viktorianischen Bourgeoisie. Fehlen nur noch ein paar Illustrationen von Ludwig Richter zu der ganzen Story. Das ist viel zu lyrisch-literarisch, jenes höllische ikische Gelächter z. B., um als glaubhafte anthropologische Beobachtung durchgehen zu können. Trotzdem: hätte ich hier nicht ausdrücklich gelesen, dass Turnbull unglaubwürdig ist, hätte ich zumindest der Tendenz nach die Schilderung der Ik für bare Münze genommen. Insoweit habe ich für 1,99 € doch eine nützliche Aufklärung erhalten. Und insgesamt eine muntere Lektüre für die Bahnfahrt.

Was wohl die nächste Mainzfahrt bringen mag?


Nachtrag 16.05.08:
Nicht eine Mainzreise (die steht freilich, mit Flohmarktbesuch und Spargel'hamstern'* auf dem Wochenmarkt, schon für morgen wieder an) brachte mir neue und aufregende Erkenntnisse über Hans Peter Duerr, oder genauer: über dessen Meinungen zur Ressourcenverknappung und zur zivilisationsgeschichtlichen Funktion des Feminismus, die weitestgehend mit meinen identisch sind. Sondern sein Spiegel-Interview "Von herzlosen Hedonisten zum sozialen Kollaps" (den Hinweis "Quelle: DER SPIEGEL 49 / 2000 / 188 ff" entnehme ich einem anderen 'Abdruck' des Interviews auf dieser Seite, die freilich im Kommentar reichlich merkwürdige Ansichten enthüllt) auf der Webseite "Anarchie heute", welches ich heute bei Nachverfolgung eines Suchzugriffs auf meine Seiten entdeckte.
Genau wie ich ist Duerr ein Ressourcenpessimist (wie oben schon dargelegt; zusätzlich ist er allerdings ein Umweltpessimist und Gesellschaftspessimist; in diesen beiden Punkten bin ich weniger skeptisch). Außerdem hinterfragt er den Feminismus auf seine möglichen sozialökonomischen Funktionen (und leitet dessen Entstehung, darf man wohl vermuten, ebenso wie ich aus eben diesen Zusammenhängen, und nicht etwa - wie das die eigene Narrative dieser Bewegung tut - aus einer Entwicklung "zum Guten" oder "zum Fortschritt" her). Hier die einschlägigen Textpassagen (Hervorhebungen von mir):

"SPIEGEL: Herr Professor Duerr, unter Fachkollegen gelten Sie als eingefleischter Fortschritts‑Pessimist. Trifft das zu?
Duerr: So ziemlich. Optimisten müssen ein sonniges Gemüt haben. Das leiste ich mir nur privat.
SPIEGEL: Was stimmt den Ethnologen so skeptisch?
Duerr: Ich sehe drei ernste Bedrohungen für die Zivilisation: den sozialen und den ökologischen Kollaps und das Ende der Energiereserven.
...
Duerr: ...Immer stellt sich diesen Leuten die Frage: Was bringt mir das?
SPIEGEL: Nach dieser Logik sind alle individualistischen Bewegungen modernistische Erzübel. Ist das nicht arg übertrieben?
Duerr: Leider überhaupt nicht. Der Feminismus zum Beispiel stößt deshalb allenthalben auf so viel Zustimmung, weil der Markt die unabhängige, selbständige Konsumentin braucht und eben nicht die sich aufopfernde Frau als Geliebte und Mutter. ..........
SPIEGEL: Sie behaupten, der Feminismus sei eine reaktionäre Ideologie?
Duerr: Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass Emanzipations-Freunde immer wieder erkennen müssen, dass sie im Grunde Erfüllungsgehilfen der modernen Marktgesellschaft gewesen sind. Denken Sie an die 68er mit ihren Forderungen nach hemmungsloser Bedürfnisbefriedigung. Ohne es zu wissen, waren sie damit die Avantgarde des Kapitalismus.
.........
SPIEGEL: Irgendwann muss diese Lebenslust [unserer individualistischen Spaßgesellschaft] an ihre Grenzen stoßen. Wann ist Schluss mit lustig?
Duerr: Die Grenzen sind die natürlichen Ressourcen dieses Planeten, und sie sind erkennbar, weil der Kapitalismus ihre hemmungslose Ausbeutung betreibt. Und offensichtlich gibt es keine Möglichkeit, die Gewinn‑Gier zu durchkreuzen. Mich überzeugen die Prognosen, nach denen die in absehbarer Zeit versiegenden fossilen Energieträger nur in sehr geringem Maße durch alternative ersetzt werden können. Vom Öko‑Crash, der Erderwärmung, Unwettern und Ozon will ich gar nicht reden. Ich glaube, all das wird zu unlösbaren Problemen führen.
SPIEGEL: Ein Teil der Mensch­heit hat den Ernst der Lage er­kannt.
Duerr: Aber sie tut letztlich so gut wie nichts. ... Fast alle wollen sich für Umwelt engagieren, Flug‑ und Autover­kehr jedoch nehmen zu. Die Haushalte verbrauchen immer mehr Energie. ...
SPIEGEL: Und was blüht den Erdlingen?
Duerr: Ich halte für realistisch, was viele Experten glauben: Schon Mitte dieses Jahrhunderts [Mein Einwurf: "Wirklich erst dann"?] wird es ‑ unter den dann mögli­cherweise zwölf Milliarden Menschen ‑ zu erbitterten Kämpfen um Ressourcen, um Land, Süßwasser, Nahrung und fossile Energieträger kommen. Die staatlichen Infrastrukturen werden sich auflösen, Städte veröden, die Überlebenden müssen aufs Land ziehen, wo sie auf dem wirtschaftlichen und sozialen Niveau des Mittelalters in Dorfgemeinschaften zusammenleben werden.
.........
SPIEGEL: Vielleicht entwickelt der Homo sapiens doch noch revo­lutionäre Überlebensstrategien, die alle finsteren Prognosen Lügen strafen.
.........
Duerr: Wie spricht der Futurologe? Pro­gnosen sind unsicher, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Natürlich kann und will ich nichts ausschließen. So ist es durchaus möglich, dass der liebe Gott in seiner Güte in die Geschichte eingreift und das Steuer herumwirft. Ich halte es aller­dings für unvernünftig, allzu sehr damit zu rechnen.
"

* (Nachtrag vom Samstag, 17.05.08, zu dem oben erwähnten "hamstern" von Spargel in Mainz: "Oder würden Sie nicht hamstern, wenn Ihnen guter Spargel in dicken Stangen zum Kilopreis von 2,- € angeboten wird? Das ist übrigens der gleiche Preis, zu dem wir schon im Jahre 2006 eingekauft haben: vgl. Blott "MAGGIO DI MAGONZA oder VOR DEM DOM DAS PARADIES").

Nachtrag 19.05.08:
Die Google-Suche nach Hans Peter Duerr brachte mir jetzt auch die Einsicht, wie sehr doch offenbar (jedenfalls wenn man die Berichterstattung dieses Artikel als charakteristisch für das Fakten, Fakten, Fakten-Blatt ansehen darf) das Nachrichtenmagazin "Focus" ein sensationalistisches Käseblatt ist. Was beim Spiegel an selbstverliebten Wortspielen und barockem Informationsschwulst zu viel ist, hat anscheinend das konkurrierende Wochenmagazin "Focus" an kritischer Distanz zu wenig. Dort verbreitete nämlich der FOCUS-Redakteur Werner Siefer in der Ausgabe 12/2008 unter der Überschrift "Kretas Hochkultur im Watt" die Behauptung: "Nach jahrelangen Forschungen legt Ethnologe Hans Peter Duerr sensationelle Ergebnisse vor: Die Minoer entdeckten Deutschland". Keinerlei Zweifel werden in dem Artikel laut und keine Gegenmeinung wird eruiert.
Fachleute sehen die Sache dagegen äußerst skeptisch. In der Zeitschrift "epoc" kommentiert Joachim Schüring unter dem Titel "Frühe Seefahrt. Eine unendliche Geschichte" Duerrs angebliche Funde äußerst distanziert: "Im nordfriesischen Watt will der Ethnologe Hans Peter Duerr die Hinterlassenschaften von Minoern gefunden haben. Aber auch wenn es neue Analysenergebnisse gibt, kann die Sensation keine sein." Vielleicht sollten die Journalisten von Focus beim Time Magazine, das sie sich im Hinblick auf die Kürze der Artikel offenkundig zum Vorbild genommen haben, auch hinsichtlich der inhaltlichen Darstellung noch einmal in die Lehre gehen, gell Helmut Markwort? (Wie die durchgängig zweifelnden Kommentare zeigen, sind die Focus-Leser aber doch nicht alle dumm.)





Textstand vom 19.05.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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Freitag, 24. Juni 2005
 
Peking bohrt (1), Amerika bombt (2), Europa brütet (3)
1) nach Öl. Info satt im Handelsblatt: "Peking bohrt nach Öl um jeden Preis" (http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1057967)

2) wegen Öl. Hat jedenfalls mal gebombt, leider werden die Ölstaatbefreier jetzt selbst gebombt. Trotzdem: keine Häme. Letztlich holen die wohl auch für uns das Öl aus dem Feuer!
(Einen erschütternden Mikrozensus der irakischen Misere kann man hier http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1057124 im Handelsblatt u. d. T. "Die Oberschicht flieht aus dem Irak" lesen.)

3) über seine Zukunft: Penner. Altes Europa! Wacht aber trotz "Rums!" nicht auf. Eigentlich schade.

Ich jedenfalls sage euch: Maginot macht Europa nicht froh (that much, at least, we should have learnt from the German history - and not least the French from theirs).

Die Frage ist nur, ob der Tony ein Ass oder ein Aas im Ärmel hat?

Wenn ich mal so vergleiche, wie der Tony ("EU-Geld für Arbeitsplätze, nicht für Kühe" - 22.06.05) und der Gerhard ("Wir werden die Krise Europas lösen" - 23.06.05) sich Bild-lich beharken (kann man leider nicht verlinken, zu den Artikeln der Bild-Zeitung), muss ich sagen, dass die Message vom Tony doch als eine sehr viel dynamischere rüberkommt. "Wir brauchen einen zukunftsorientierten Haushalt ... der Arbeitsplätze schafft ... . Wir müssen in Investitionen und Ausbildung investieren, nicht jede Kuh mit 2 Euro am Tag fördern. ... Wir müssen herausfinden, warum manche Volkswirtschaften Europas Arbeitsplätze schaffen und andere nicht" - Recht hat er. Und mehr Geld, sagt wer, will er auch zahlen - aber eben nicht für die Landwirtschaft.

Meint er es ehrlich? Der Gerd jedenfalls meint, dass wir "in Europa in den nächsten Monaten vor einer Wahl zwischen zwei Polen [stehen]. Die einen wollen die Europäische Union entkernen und sie auf eine Art Freihandelszone reduzieren. Die anderen wollen eine politisch aktive und gestaltende Europäische Union erhalten. Für diese Politik stehe ich." Und also der Tony für die andere?

Gestalten ist gut, aber mit Kohlen für Kühe gestaltet man wenig. Oder weiß der Gerd mehr über den Tony? Ist die Sache mit dem "leidenschaftlichen Europäer" nur ein Trick, und will der in Wirklichkeit den Laden in die Luft gehen lassen? Oder hat sich der Gerd das nur vom Jacques einflüstern lassen?

Was jedenfalls Inhalt und Duktus der beiden Artikel in der Bildzeitung angeht, muss ich sagen, dass Tony Blair mich mehr überzeugt. Der geht ran wie Blücher. Gerhard Schröder, wiewohl ich ihn als politische Verkörperung der Leibnizschen Theodizee geschätzt (d. h. für den besten aller aktuell möglichen Kanzler gehalten) hatte (zumindest bevor ich den Spiegelartikel vom 23.05.05 über den "Hartz-Horror" las) steht staatsmännisch rum wie 'ne Panzersperre an der Maginot-Linie (http://www.maginot-line.com/index.htm).
Und die hat nicht lange gehalten.

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Nachtrag: Meine E-Mail v. 25.06.05 an Bild-T-Online:
Sehr geehrte Damen und Herren,
habe in meinem Blog ... die Artikel von Tony Blair und Gerhard Schröder kommentiert und bedauere es sehr, dass man zu diesen nicht verlinken kann. Es mag ja sein, dass die sonstigen Beiträge in der Bild-Zeitung bzw. in Bild/T-Online keinen Ewigkeitswert haben. Jedoch gebietet es m. E. der Respekt vor dem Rang der Schreibenden und vor dem vielleicht historischen Inhalt dieser Kontroverse, dass Sie diese dauerhaft für den Leser zugänglich machen; es ist gewissermaßen Ihre Verantwortung gegenüber der Geschichte - und den Internet-Nutzern.


Peking bohrt immer noch und überall: "Besiegelung neuer Ölverträge. China stützt Afrikas korrupte Regime" berichtet das Handelsblatt am 02.05.2006.
Was sagen wir dazu? "Schnarch weiter, altes Europa!"


Nachtrag vom 10.05.06: Ein gewisser Jake Gordon informiert auf der Webseite der ASPO Irland ("Association for the Study of Peak Oil and Gas) in dem Artikel "The New Cold War" über die Ölpolitik der Chinesen, Amerikaner und Russen. Ziemlich ernüchternde Lektüre wenn man sieht, wie wunderbar die scheinbar so menschenfreundliche Demokratisierungspolitik des Westens und speziell der USA mit deren (und wohl auch unseren) wirtschaftlichen Interessen harmoniert. (Andererseits gilt in der Welt hat das Gesetz von "dog eat dog": die Anderen würden's mit uns auch nicht anders machen, wenn sie am längeren Hebel säßen!)


Nachtrag vom 17.05.06: "Armee soll Ölversorgung sichern" berichtet das Handelsblatt vom 17.05.06 über ein geplantes Weißbuch mit einer Neubestimmung der Aufgaben der Bundeswehr. Und "die Bundesregierung formuliert erstmals nationale Interessen für den Auslandseinsatz der Bundeswehr" heißt es einleitend. Im Artikel steht dann zwar nichts über die Rolle der Bundeswehr bei der Sicherung der Ölversorgung, aber immerhin: anscheinend schlafen doch nicht alle in Deutschland.


Nein, da oben sind einige schon wach geworden:
"Der CDU-Politiker Eckart von Klaeden sagte, der EU-Einsatz solle auch dazu beitragen, dass die im Kongo so zahlreich vorhandenen Rohstoffe in fairer Weise abgebaut und auch von Deutschland genutzt werden können"
berichtet das Handelsblatt am 01.06.2006 u. d. T. „Bundeswehr nicht vorbereitet auf Afrika


Nachtrag 21.03.07: "Merkel bietet Wirtschaft Hilfe an. Deutschland kämpft um Rohstoffe" berichtet Klaus Stratmann in der Handelsblatt-Online-Ausgabe von heute.
Sachte, sachte der Michel erwachte: wird auch langsam Zeit!


Nachtrag 10.10.2008
Erst heute kam mir der Handelsblatt-Artikel vom 25.08.2008 "Versorgungsperspektiven bei wichtigen Metallen kritisch. IW: Deutschland droht Rohstoff-Engpass" zu Gesicht.
Es ist nicht nur das Erdöl, das knapp wird; bei einigen seltenen Metallen scheint die Lage noch kritischer zu sein:
"Die Sicherung der Energie- und Rohstoffversorgung zu bezahlbaren Preisen stellt nach IW-Einschätzung eine zentrale Zukunftsfrage für Deutschland dar. Der Politik warf das Institut dabei Versäumnisse vor. Das gelte für die Energie- wie für die Außenwirtschaftspolitik. Das gravierendste Problem sei, dass Deutschland bei den für die Industrie bedeutsamen metallischen Rohstoffen zu 100 Prozent von Importen abhängig sei, bei Energierohstoffen zu 74 Prozent.
Das Institut warf der Politik vor, über Steuern die Energiepreisentwicklung selbst anzuheizen. Zudem warnte das IW vor Subventionen zu Dämpfung der Teuerung. Um von Rohstoffeinfuhren unabhängiger zu werden, schlägt Hüther der verarbeitenden Industrie unter anderem Beteiligungen an ausländischen Bergwerken vor. 'Andersfalls droht dem Wohlstand Gefahr'
."


Nachtrag 24.02.09
Erst jetzt fand ich zufällig den Artikel "Verteidigungspolitik. 'Europäer im militärischen Tiefschlaf' " von Andreas Rinke, Handelsblatt vom 29.07.08. Der Titel ist selbsterklärend. Fordern wir also von der Politik: More bang for the buck! (Und den "bang" vor Somalia dann auch so einsetzen, dass den Piraten innerhalb kürzester Frist die Lust vergeht. Bzw. denjenigen, die von den Piraten dann noch überleben.
Wofür sonst halten sich normale Staaten - z. B. die USA - eine Militärmacht, wenn nicht um sich effektiv zu wehren, wenn sie angegriffen werden?


Nachtrag 14.05.09
Peking - und andere asiatische, aber auch arabische, Staaten, bohren nicht nur: sie leasen auch. Agrarland. In Afrika. Vgl. dazu den Artikel "Kampf um strategische Anbauflächen. Fossier Brot für den Rest der Welt" von Marina Zapf in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 14.05.2009. Sehr vorausschauend. Und was tun wir? Glauben an den Götzen Markt!


Nachtrag 22.07.09
Jamil Anderlini (Peking) und Tobias Bayer (Frankfurt) berichten in der Financial Times Deutschland (FTD) von heute über eine neue chinesische Strategie für die Anlage ihrer Devisenüberschüsse: "Angst vor Dollarschwäche. China geht auf weltweite Firmenjagd":
"Die Volksrepublik hat mit 2000 Mrd. $ die größten Devisenreserven der Welt. Bisher floss das Geld vor allem in sichere US-Staatspapiere. Das ändert sich: Der Premierminister will mit den Devisen heimische Firmen bei der Auslandsexpansion unterstützen - und nennt das "Going out"."
Ich erinnere mich nicht mehr, welcher US-Wirtschaftsprofessor (natürlich keiner aus dem Mainstream) es war, der Deutschland (zu DM-Zeiten) genau diesen Tipp gab: Zahlungsbilanzüberschüsse nicht in (US-)Staatsanleihen oder gar zinslosen Dollarscheinen anzulegen, sondern echte Wert-Papiere, Beteiligungen am weltweiten Produktivvermögen eben, zu kaufen.
Deutschland ist diese Möglichkeit heute, wo es ein Euro-Gefangener ist, verwehrt. Eigentlich begrüße ich den Euro und (gegen unser Bundesverfassungsgericht) eine stärkere politische Integration Europas (durchaus auch zu einem europäischen Bundesstaat). Doch dass wir mit unseren Zahlungsbilanzüberschüssen (d. h. realwirtschaftlich: mit unserem Konsumverzicht) nur noch den Überkonsum unserer europäischen Brüder und Schwestern finanzieren können, freut mich eher weniger.
Doch zurück zu China: auch in diesem Artikel lesen wir, dass ein Schwerpunkt der chinesischen Auslandsinvestitionen voraussichtlich im Rohstoffbereich liegen wird:
"Sollte China seine bisherigen Präferenzen beibehalten, würde der Fokus weiterhin auf den Einstieg bei Rohstoff- und Energiefirmen liegen. Chen Yuan, der Vorsitzende der China Development Bank, äußerte sich in einem Interview in diese Richtung: "Jeder erzählt, wir sollen uns Richtung Westen wenden und unterbewertete Firmen kaufen. Ich bin der Meinung, dass wir nicht an die Wall Street gehen sollten, sondern uns stattdessen auf Rohstoffe und Energie konzentrieren sollten."

Es ist freilich nicht alles langfristig strategisch geplant, was aus China kommt. Auf einer Webseite namens "Caijing" berichtet ein gewisser Andy Xie über die weniger soliden Seiten des chinesischen Wirtschaftswunders: "Fear the Dark Side of China's Lending Surge" schreibt er unter dem 19.06.(offenbar 2009; echt 'genial', dass die Angabe der Jahreszahl im Text fehlt!):
"Banks loans designed to spark economic recovery have been channeled into asset speculation, doing more harm than good.
China's credit boom has increased bank lending by more than 6 trillion yuan since December. Many analysts think an economic boom will follow in the second half 2009. They will be disappointed. Much of this lending has not been used to support tangible projects but, instead, has been channeled into asset markets
."
"Ganz schön amerikanisch geworden" könnte man dazu passend aus dem Artikel "China kennt die Kraft der Illusion" der Financial Times Deutschland (FTD) vom 18.06.2009 sagen. (Einleitungstext: "Das Land will nur noch chinesisch kaufen, frisiert volkswirtschaftliche Statistiken und hängt weiter vom Ausland ab. Ganz schön amerikanisch geworden.") [Erg. 19.12.09: Weg iss'er, der Amerika-kritische Kommentar in der FTD!]


Nachtrag 09.09.09
Zur chinesischen Rohstoffpolitik vergleiche auch den Bloomberg-Bericht "China Considers Rare-Earth Reserve in Inner Mongolia" vom 02.09.2009 über Produktionseinschränkungen und Exportbeschränkungen für seltene Erde (Minerale, Metalle):
"China, holder of the world’s largest rare-earths deposits, may build a strategic reserve in Inner Mongolia, strengthening its control over materials used in technology ranging from iPods to guided missiles."


Nachtrag 04.01.2010
Neues vom chinesischen Ressourcenbohrwurm: Andrzej Rybak berichtet heute in der Financial Times Deutschland (FTD) über "Nigerias begehrte Energie":
"Der Kampf um die Rohstoffvorkommen in Nigeria erreicht die nächste Stufe: Jahrelang haben westliche Konzerne das Geschäft beherrscht. Nun greifen Russland und China an - und bringen die USA und Europa in Bedrängnis."


Nachtrag 26.11.10 22.11.2010
Im Manager-Magazin kritisiert Wolfgang Hirn am 22.11.2010 die westliche Sorglosigkeit in der Ressourcenfrage: "Im Kaufrausch China greift an, der Westen schaut zu"





Textstand vom 26.11.2010.
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Donnerstag, 23. Juni 2005
 
Hummel Hummel!
Jahrelang war mir eine Werbung im Gedächtnis haften geblieben, welche behauptete, dass die Hummel, physikalisch gesehen, eigentlich gar nicht fliegen könne. (Sie wisse es aber nicht und tue es trotzdem, so solle auch der oder die Beworbene ... ich weiß nicht mehr, was, tun oder kaufen.)

Wieder und wieder wollte ich, seit ich Zugang zum Internet habe, diese Weisheit verifizieren. Aber immer vergaß ich es - lebenswichtig ist es ja nun nicht gerade. Immerhin, auch wenn ich von Physik und von Naturwissenschaften überhaupt so gut wie keine Ahnung habe, sind unerklärbare Phänomene für das agnostizistische Weltbild von Beltwild doch äußerst beunruhigend.

Gestern endlich gab ich nun aber doch Hummel fliegen physikalische Gesetze in die Suchmaschine. Und siehe, mittlerweile zumindest darf die Hummel auch physikalisch gesetzmäßig durch die Gegend fliegen - erklärt uns z. B. Alexander Schlecht, alias "Bombus" sehr gut auf seiner Hummel-Spezial-Seite http://www.bombus.de/cgi-bin/bombus.exe/showpage?fragen#2.

Aber, wie es so geht, die neu gewonnene Sicherheit meines Weltbildes ist schon wieder dahin.
Auf der Webseite http://www.dg-flugzeugbau.de/fluganalyse.rtf lese ich mit Grausen, dass wir nun schon seit über 100 Jahren fliegen, aber noch gar nicht wissen, welche Kräfte unsere Flugmaschinen nun tatsächlich in der Luft halten.
"Die Lösung des Rätsels Fliegen steht wieder ganz am Anfang: Es ist keine physikalische Erklärung des Fliegen-Könnens vorhanden! Im 21ten Jahrhundert!" belehrt Dipl. Ing. J. Peter Apel den Leser.

Und kaum hat der sich von diesem Schrecken erholt, erwischt ihn eiskalt die alte Schöpfungslehre in upgedateter Form: http://members.aon.at/evolution/IflightIdesignPDF1.pdf.
Bauen wir uns so den Herrn nach unserem Bilde? Einst als Stammeshäuptling, heute als Chefingenieur? Na ja, zumindest klingt der Text, soweit ich ihn überflogen habe, ziemlich wissenschaftlich. Immer noch besser als "Creationism" (z. B. hier http://www.icr.org/ und, als Begriff jedenfalls, in 919.000 Google-Treffern präsent).
Also wieder nix, mit agnostizistischer Sicherheit.

Vielleicht sollte ich überhaupt diese Art von Glaubensgewissheit substituieren durch ein "googele, ergo sum"?




Textstand vom 06.05.2011. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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Dienstag, 21. Juni 2005
 
Von wohltemperierten Madonnen und eiskalten Energieverschwendern
(Vorsicht: Dieser Text ist eingefroren! Sperrfrist für das Auftauen mindestens 10 Jahre!)

Vor einigen Jahre wurde ein gotisches Madonnengemälde aus der Kirche eines größeren Dorfes, welches selbst wiederum Ortsteil einer kleinen Stadt ist, zur Restaurierung gegeben. Die Kosten wurden mischfinanziert, d. h. neben der Kirchengemeinde bzw. Diözese steuerte auch die Stadt zu den Restaurierungskosten bei.

So etwa 600 Jahre, schätze ich, hat die Madonna durchgehalten, aber der Zahn der Zeit macht auch vor ihr nicht halt, und um das Ergebnis der aufwändigen restauratorischen Mühen nicht zu gefährden, musste man ihr den Aufenthalt in der Kirche angenehmer gestalten. Gesehen habe ich sie nicht (so ziemlich das einzige, was ich - außer den wasserspeienden Ungeheuern natürlich - von der Gotik mag, sind die Netzgewölbe, besonders jene der englischen Kathedralen), doch las ich, dass sie in einem klimatisierten Glasgehäuse untergebracht ist.

Die Klimatisierung wird nicht sehr viel Strom benötigen, wahrscheinlich weniger als die Gefriertruhe im Supermarkt. Wenn aber das Energieangebot in kurzer Zeit drastisch knapper werden und die Gesellschaft zur Bewirtschaftung (Rationierung, Zuteilung) übergehen sollte (weil der Marktmechanismus derartige Mangelerscheinungen nicht zum Wohle und zur Zufriedenheit der großen Mehrheit bewältigen kann), wird sich in vielen Bereichen, so z. B. auch hier, die Prioritätsfrage in verschärfter Form stellen.

("Mach doch bitte mal den Ventilator aus. Es ist zwar heiß heute, aber irgendwie stört der mich beim Nachdenken.")

Die Kryonik (http://www.transhumanismus.de/Dokumente/Kryonik.htm) ist, vermute ich mal, eine Wachstumsbranche. Jedenfalls sind schon gigantische Grabkammergebäude in der Planung (http://timeship.org/). Wer möchte schließlich nicht gern länger, gern auch ewig, leben? Und mit der beschleunigten Umverteilung der gesellschaftlich erarbeiteten ökonomischen Ressourcen von unten nach oben haben ja auch immer mehr Menschen genügend Mittel, um ihre toten Körper in Erwartung einer künftig ggf. möglichen Reanimation tiefgefrieren zu lassen.

Wenn aber die Gesellschaft zur Energiebewirtschaftung übergehen muss, kann ich mir gut vorstellen, dass sie dort (eher als am Temperaturstabiliserungsschrein der gotischen Madonna) zuerst den Stecker rausziehen wird. Abgestorbene Energieverbraucher, die den Lebenden eiskalt den Saft wegsaugen, würden sich in Notsituationen kaum einer politischen Lobby erfreuen. Nur Zeiten einer herbstlichen Fülle dulden eine derartige Ressourcenver(sch)wendung.

Mit ihrem hinterlassenen Geld könnte man ja Seelenmessen für die dann zunächst endgültig Toten lesen lassen.
Die Kirche garantiert, im Gegensatz zur Kryonik, die Auferstehung, sogar "des Fleisches". Rücknahmegarantien bei Diskrepanzen zwischen Werbeversprechen und Leistung gibt es dort allerdings auch nicht.

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Sonntag, 19. Juni 2005
 
Margarinefigürchen oder wer stiehlt uns den Produktivitätsfortschritt?
Was, Sie kennen nicht die Margarinefiguren? Wenn das der Dietrich Schwanitz wüsste - der würde sich doch glatt im Grabe umdrehen! :-)

Ein Margarinefigurensammler hat diesen Palimpsesten der Kindheit (von uns Älteren) sogar eine eigene Webseite gewidmet: http://www.margarinefiguren.de/index.htm.
Eigentlich sind Margarinefigürchen (mir ist nur die Diminutivform in Erinnerung, aber "offiziell" laufen sie wohl unter "Margarinefiguren") nichts anderes als Überraschungsfiguren.

Tante Klara, kinderlose Schwester meines Vaters, kaufte Margarine (nicht wegen der Diät, sondern weil ihr Portemonnaie kleiner war als ihr großes Herz) und schenkte mir die in den Packungen enthaltenen elfenbeinfarbenen Figuren. Sie wusste, dass sie mir damit eine riesige Freude machen konnte. Deshalb ihr hier ein Denkmal.
Meist waren es einfachere Figuren, z. B. Zäune, Bäume, Tiere, doch gelegentlich waren begehrenswerte Objekte darunter: Häuser, Bauernhäuser und als Krönung ist mir eine Burg in Erinnerung: die Rheinpfalz bei Kaub.

Irgendwann waren sie nur noch infantile Relikte, verachtet und weggeworfen, in großer Menge. Heute bereue ich das; man kann die Figuren zwar noch auf Trödel- und Antikmärkten kaufen, aber dort kosten sie schon "richtiges Geld". Zwar müssen sie in großen Mengen in Umlauf gewesen sein, aber offenbar haben die kleinen Sammler (oder deren Eltern) die Margarine-Figuren am Ende der jeweiligen Kindheit auch in großen Mengen entsorgt. Andererseits: wenn ich sie noch besäße, meine Margarinefigürchen, lägen sie sicherlich auch jetzt unbeachtet in irgendeiner finsteren Ecke. Und dennoch ist da dieses Gefühl von Verlust ... .

Damals lagen diese Plastikfiguren den Margarinepackungen bei (und wohl auch anderen Lebensmitteln). Jetzt muss man extra "Überraschungseier" kaufen, um etwas Vergleichbares (und , zumindest noch vor einigen Jahren, ebenso Begehrtes wie Anfang der 50er Jahre unsere Margarinefiguren) zu bekommen. So verplempert heute der Mensch sein Geld.

Und deswegen bin ich mir auch gar nicht so sicher, ob das Kapital, das die Gesellschaft durch die Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens bilden soll, wirklich die Wirtschaft stärkt. Wahrscheinlich versickert es irgendwo, in unnützen "Gimmicks", welche die Werbung den Menschen andreht, oder das Kapital wird in einem noch aufwendigeren Marken-Marketing verplempert. Solche Überlegungen freilich gehören nicht hierher, sondern in mein "Rentenreich" (http://www.beltwild.de/rentenreich.htm).

P. S. Bei meinen nostalgischen Erinnerungen an die Margarine-Figürchen kann ich nur hoffen, dass Sie meinen Eintrag über den "Olim-Diskurs" (12.06.05) nicht gelesen haben :-)


Textstand vom 19.09.2006. Auf meiner Webseite
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Samstag, 18. Juni 2005
 
Eviva Magonza - ein Sommersamstag in Mainz
Nicht nur die Amerikaner sind maulfaul, und machen z. B. aus unserem schönen alten Kaiserslautern ein geschichtsloses "Quai-Town" (phonetisch). Auch wir kürzen allzu lange Ortsnamen gern ab. Wer aber weiß denn heute noch, dass "Mainz" ursprünglich "Main-zu-Ende" hieß (weil der Main gegenüber von Mainz in den Rhein fließt)? Verhunzt hat dieses der Volksmund im Laufe zu Zeit zum einsilbigen "Mainz". ["Se non è vero, è ben trovato", hätte Schorschi Vasari zu dieser Etymologie zweifellos gesagt.]

Zugegeben: ich kenne nicht alle Wochenmärkte Deutschlands. Aber von denen, welche ich gesehen habe, ist der Mainzer Wochenmarkt der schönste. Und der echteste: da kommen teilweise wirklich die Produzenten, nicht nur Händler! Entsprechend sind auch die Blumen, das Obst, und, Wunderwelt der kuriosen Formen, im Herbst die Zierkürbisse meist preiswerter als auf anderen Märkten. Liebevoll arrangiert präsentieren die Verkäufer das Obst, die Blumen, und sogar das Gemüse: ein Paradies für Hobbyfotografen (also z. B. auch für meine Frau).
Zu trinken gibt es nicht nur Pfirsich-Maracuja, und ähnliche Exotendrinks, zu Piratenpreisen. Nein: Apfelsaft findet man hier, trüb und also (vermute ich mal) voll gesunder Nährstoffe; den genieße ich natürlich, und für gesunde 70 ct.! Kaffee kippt man im Kirchenladen, zwar eigentlich eher für Gesprächszugängliche gedacht, nicht für eingefleischte Agnostiker wie den Blogger. Jedoch um wohlfeile 50 ct traut auch der sich hier hinein. Und trinkt, was besser schmeckt als nebenan. Im freundlichen Café der Kirche wird also jener Heide gehegt, dieweilen dessen Ehefrau ästhetische Trips auf dem Markte pflegt.

Doch hält es mich dort nicht allzulange, denn das Besuchsritual führt mich zum alteingesessenen Antiquariat: um der Bücher willen, oder um blätternd gedämpfe Barockmusik zu genießen?

In gewisser Hinsicht war übrigens der heutige Ausflug nach Mainz eine Premiere für uns: erstmalig haben wir der Versuchung widerstanden, den Flohmarkt (soweit er gerade abgehalten wird) zu besuchen. (Gemeint ist natürlich der Flohmarkt - offiziell hier "Krempelmarkt" geheißen - am Rheinufer, wiederum ebenfalls der attraktivste, den ich kenne.)


Irgendwie hat das Leben in Mainz einen anderen Rhythmus als in den anderen Großstädten, zumindest jenen des RMV-(Rhein-Main-Verkehrsverbund)Gebietes. "Immer Mensch bleiben" kann man in dieser Stadt. Der Leviathan bricht sich im Gewirr der Gassen, welche die Planung der Stadt auch nach der Zerstörung der Innenstadt im letzten (nicht vergessen, Landsleute: von uns angezettelten) großen Krieg nicht einfach begradigt hat. Verwirrend zwar ist es, sich dort zu bewegen: mannheimische Grundrisse wären übersichtlicher. Doch wandelt nicht das Abenteuer wabernd in Milet!
Impressed by the Robinien-Laubengang in der Neubrunnenstraße (mi scusi for the language, sono un poco tipsy; das freilich hat nichts mit Mainz zu tun, trotz der dortigen gemütlichen Weinstuben in alten Häusern, welche der Krieg nicht gekriegt hat) we penetrated into the working-class district of Boppstr. etc.: Ein Wohnhaus des Historismus im Stil venezianischer Gotik; andere mit Oberstübchen in Fachwerk: die Zeit heilt alle Wunden. Nicht nur jene des Krieges, sondern sogar die Sünden der Architektur.

Bevor wir freilich die große Bleiche überquerten, mussten wir die (beinahe) sitzplatzlose Zone zwischen Theater und Römerpassage durchmessen. Mag hier die Stadt (fast) keine Bänke hinstellen, um zuhälterhaft das Gaststättengewerbe zu fördern?

Egal - fra poco werden wir ungefähr dort wieder Vino genießen, den neuen, "Federweißer" genannt, und poco denaro wird er nur kosten, im Vergleich etwa zu Frankfurt. Und schon naht alle Jahre wieder stilvoll am Dom der weihnachtliche Lichterzauber. Unkommerziell ist der Weihnachtsmarkt auch hier nicht. Und doch umweht ihn noch der Hauch eines "richtigen" Weihnachtsmarktes (nostalgische Illusion der allzu Erwachsenen), und verführt uns alljährlich zum Besuchsbummel.

Ah, Magonza: tu sei bellissima!

Das Leben ist fürwahr ein Fest:
Für den, der sich in deinen Gassen
An sonnigen Tagen treiben lässt!

Und dennoch machte ausgerechnet ein Sohn von dir den allergrößten Schritt zu unsrer rationalen Welt? Hat ja auch ein Denkmal dafür gekriegt, zu dessen Füßen wir Cappuccino aus dem Pappbecher trinken - ehe wir den 50. Breitengrad überschreiten "per tuffarci in un gommitolo di strade" (zitiert in Memoriam eines einst im Italienischkurs gelernten, nur rudimentär noch erinnerten, Weihnachtsgedichts).



Textstand vom 17.05.2009. Auf meiner Webseite
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Zu einem „Permalink“, d. h. zu einem Link nur zum jeweiligen Artikel, gelangen
Sie mit einem Klick auf das Erstellungsdatum unterhalb des jeweiligen Eintrages.
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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Es muss nicht immer Frottee sein: Klassenkampf im Morgenmantel?
Es war einmal, so vor etwa 25 Jahren, da ging ich und kaufte 2 Morgenmäntel (bei C & A). Das wäre an sich nicht weiter berichtenswert, wäre nicht der Stoff, aus dem die Umhüllung nach dem Aufwachen aus den Träumen war, außergewöhnlich gewesen. Aus Cordstoff waren diese beiden Bademäntel oder Morgenmäntel nämlich genäht, und das habe ich seither nie wieder gefunden.
Nicht nur elegant, sondern auch spottbillig waren sie; sofern ich mich recht erinnere, haben sie nur 20,- DM pro Stück gekostet.

Durchgescheuert an den Ellenbogen, haben meine beiden Cord-Morgenmäntel, einer dunkelblau, einer beige, vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet. Seit jenen glücklichen Tagen bin auch ich in Frottee (oder Velours) gehüllt, jene stofflichen Reichseinheitsmorgenmäntel, welche z. B. den Aufenthalt (auch als Besucher) in einem Krankenhaus zu einem ganz schrecklichen Erlebnis machen. Auf den Fluren wimmelt es von Frotteefeen, unförmigen und trostlosen Gestalten, welche alle in jene Produkte eingepackt sind, mit welchen die Bourgeoisie das Volk auf Abstand hält.

Oder verschmäht jenes Volk, welches sich mittlerweile nicht nur mit gewissen olfaktorisch unerträglichen (aber sauteuren) Duftmarken als Unterschicht markiert, sondern sogar schon die Ringe selbst durch die Nase zieht, eine elegantere Kleidung für den Morgen und die (Krankheits-)Sorgen?
Da muss ich die Massen wohl mal aufrütteln. Deshalb meine herzliche Bitte:
Morgenmantelmenschen aller Länder: Erwachet!
Kämpft gegen die Geschmacksdiktatur der Bourgeoisie!
Ihr habt nichts zu verlieren als die Fesseln des Frotteefimmels!

Nachtrag: habe heute im Kaufhaus festgestellt, dass ich Unrecht hatte. Es gibt sie, doch ist die Alternative zum Frotteebademantel genehmigungspflichtig. Sintemalen es sich um ein "Dual Use"-Produkt handelt: Waffelpique. Da kann der Mensch mit seinem Morgenmantel gleich auch das Geschirr abtrocknen!

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Freitag, 17. Juni 2005
 
Flaschenbürstenbohrung - das Wort des Jahres
Sie wissen nicht, was eine Flaschenbürstenbohrung ist, gelle?

Nicht verzagen: Google fragen. Oder MSN. Bei beiden nicht fündig geworden? Dann Yahoo versuchen: dort klappt es. Obwohl auch da die "Flaschenbürstenbohrung" nicht im Singular gefunden wird, sondern nur im Plural. Irgendwie hat Yahoo offenbar einen Einzahl-Mehrzahl-Umwandler; oder eine gewisse Toleranz bei der Suche. (Bei den "Bohrungen" sprudelt auch Google.)

Aber das nur nebenbei. Ehrlich gesagt: nicht einmal ich :-) kannte, bis vor wenigen Tagen, die Flaschenbürstenbohrung. Und das, obwohl es doch das Wort des Jahres ist! Allerdings erst des Jahres 2010, oder so.

Denn offenbar handelt es sich um eine Methode, den letzten Tropfen Öl aus den Quellen zu quetschen. Und falls der Gipfel der Ölförderung - "Peak Oil" - um 2010 erreicht wird, dürften wir dann auch mit dem Begriff Flaschenbürstenbohrungen nähere (unangenehme) Bekanntschaft machen.

Einzelheiten zu dieser Technik hier auf der Webseite eines Michael Prox http://www.miprox.de/Sonstiges/Peakoil-China.html (wo ich die Information zunächst fand) oder dort, wo der Artikel ursprünglich herkommt: http://www.chinaintern.de/article/Wirtschaft_Hintergrundberichte/1088085090.html. Die nach eigenen Angaben privaten Seitenbetreiber von "Chinaintern" informieren fairer Weise den Netznutzer darüber, dass sie praktizierende Falun Gong Anhänger sind (http://www.chinaintern.de/impressum.php). [Nachtrag v. 14.5.06: Zu Falun Gong vgl. auch meinen Eintrag "Wie mich die Außerirdischen beim Pizzaessen erwischten".] Das sollte man im Hinterkopf haben; es muss aber nicht bedeuten, dass die allgemeine Information über China auf der Webseite Chinaintern falsch oder fragwürdig ist.

Auch in der Wikipedia findet man den Begriff "Flaschenbürstenbohrungen" http://de.wikipedia.org/wiki/Peak_Oil. Das englische Original (“bottle-brush” drilling) und einige weitere Hintergründe sind im Forum "Peak Oil" http://f27.parsimony.net/forum67590/messages/802.htm vorgestellt worden.

In einem anderen Forum http://www.weltverschwoerung.org/modules.php?name=Forums&file=viewtopic&p=309129 erfahren wir, dass unser Staat sich mit der Wirtschaftssicherstellungsverordnung schon vorbereitet für den Absturz der Ölproduktion (meint jedenfalls "Samhain").
Na, wenn unsere Regierung das Problem bereits voll im Visier hat, brauche ich mir ja keine Gedanken über die Etablierung einer Ressourcenerschöpfungsfolgenabschätzungskommission mehr zu machen.

Trotzdem wäre es vielleicht doch zweckmäßig, wenn auch unser Volk ein wenig darüber nachdenken würde, was da in relativ kurzer Zeit auf uns zukommen könnte.
Und desderwegen stelle ich das Wort des Jahres 2010 an dieser Stelle bereits im Jahre 2005 vor.

Nach Meinung des US-Geologen Kenneth Deffeyes allerdings wird uns "Peak Oil" schon dieses Jahr pieken : so um den US-Amerikanischen Erntedanktag, Thanksgiving, herum (vgl. z. B. hier http://www.climateark.org/articles/reader.asp?linkid=40805 und an zahlreichen anderen Stellen im Netz). Da können wir dann Dank sagen für die Fülle der Vergangenheit.


Nachtrag vom 09.04.06:
Wo bringe ich die nachfolgende Meldung unter? So viele Einträge wären passend:

- The (b)rat in the box at the ultimate lever? oder
- False Teachers in and on our Environment? oder
- Rentensimonie? (Sowohl was den Un-Sinn einer Kapitalmassierung bei schwindenden Ressourcen angeht, wie auch als Indiz für einen schon bestehenden Kapitalüberfluss) oder
- Peking bohrt (1), Amerika bombt (2), Europa brütet (3) oder
- KEINE JUNGFRAU ZÄHMT DIESES ZWEIHORN
- EINE NATUR GIBT ES NICHT. EINE UMWELT(PROBLEMATIK) AUCH NICHT ;
ebenfalls passend wäre natürlich auch
- Hungerskandal in Wuppertal: Porsche-Fahrer frisst Rentner-Oma die Polenta vom Teller!

Der passendste Rahmen für die folgende Information ist aber doch wohl der vorliegende Eintrag zum Stichwort "Flaschenbürstenbohrung":

Unter der Überschrift "Das Dagobert-Syndrom der Unternehmen" berichtet Udo Rettberg im Handelsblatt vom 05.04.06 über Berechnungen von Jeff Currie, Leiter des Commodities Research bei Goldman Sachs. Danach "sitzen die internationalen Ölkonzerne auf Barreserven in Höhe von weit mehr als 500 Mrd. US-Dollar. Die wirkliche Dimension dieses Dagobert-Syndroms der Ölbranche wird erst dann so recht deutlich, wenn man weiß, dass diese Summe gut 20 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts entspricht." Rettberg (bzw. wohl auch Currie) wertet das als ein bedenkliches Zeichen für die künftige Energieversorgung, weil er davon ausgeht, dass die Unternehmen das Geld mangels förderungswürdiger Vorkommen nicht investieren. Das ist sicher richtig; darüber hinaus zeigt es aber auch ganz generell, dass wir keinen Kapitalmangel, sondern einen Kapitalüberfluss im System haben. Denn wenn es andere attraktive Investitionsmöglichkeiten gäbe, würden die Unternehmen ihr Kapital schließlich dort anlegen. Offenbar (das ist jetzt meine Vermutung, nicht eine Information aus dem Artikel) legen sie es aber auf dem Kapitalmarkt an, wo es zwar teilweise auch in Sachanlagen investiert werden mag, zu einem großen Teil sicherlich aber auch in den Spekulationsmarkt und in unproduktive Anleihen abdriftet.


Nachdem sich jetzt ein(e) Suchende(r) über die "Flaschenbürstenbohrungen" zu mir durchgegoogelt hat, kam ich auf die Idee, zu Dokumentationszwecken hier die aktuelle Google-Trefferzahl festzuhalten:

225 Treffer sind es per 14.05.2006. (Im Singular gibt es, außer meinen Webseiten, bislang nur hier einen Google-Treffer zu einem Forenbeitrag vom 08.07.2004.)

Schaun wir mal, wie sich dieser Knappheitsindikator im Laufe der Jahre entwickelt.


Nachtrag vom 08.12.06:
Ähnlich wie im Eintrag "Mein Ressourcenpessimismus gehört mir!" beabsichtige ich nun auch hier, alljährlich eine Google-Wort-Häufigkeitsstatistik zu führen.

"Flaschenbürstenbohrung" = 9 Ergebnisse per 08.12.06 // -6- Ergebnisse (davon -5- von mir) per 07.05.2007 // 12/2011: 150 //
und
"Flaschenbürstenbohrungen" = 145 Ergebnisse per 08.12.06 (Merkwürdig - das sind ja deutlich weniger als im Mai 2006?) // 95 Ergebnisse per 07.05.2007 - es werden immer weniger (aber das Öl auch!) // 12/2011: 150 //

Nachtrag 15.05.08:
Nun gibt es nur noch -42- Flaschenbürstenbohrungen (mit Mehrfachzählungen von der gleichen Webseite und weitgehend gleichen -also übernommenen oder abgekupferten- Texten unter verschiedenen URLs) und nur noch 13 mal die Flaschenbürstenbohrung im Singular - fast alle von mir.
Weiterhin sinkt also die Trefferzahl der Flaschenbürstenbohrungen - als Wort, aber vermutlich auch in der Realität. Derweil steigt der Ölpreis munter weiter.

Nachtrag 12.05.09:
Heute finde ich bei Google, allerdings ohne die "übersprungenen Ergebnisse" im Singular wie im Plural noch ca. 25 Erwähnungen. Das mag keine Verminderung gegenüber der Trefferquote von vor einem Jahr sein (damals waren Mehrfachzählungen einbezogen); es zeigt allerdings, dass der Begriff im breiten öffentlichen Diskurs nach wie vor nicht präsent ist.


Nachtrag 04.06.2010
Im Gegensatz zu früher (vgl. hier bzw. meine Eintragung in einem Suchmaschinenforum dort) ist der Google-Suchalgorithmus jetzt anscheinend "pluraltolerant". Jedenfalls bringt heute die Flaschenbürstenbohrung (162) praktisch ebenso viele Ergebnisse wie die Flaschenbürstenbohrungen (163).


Nachtrag 29.05.2012
Im letzten Jahr (Google lässt bekanntlich eine entsprechende Einschränkung der Suche zu) gab es keinen neuen Eintrag mehr für "Flaschenbürstenbohrung".






Textstand vom 29.05.2012
Gesamtübersicht der Blog-Einträge auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm

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Donnerstag, 16. Juni 2005
 
Metooston
Schöne Namen hat man für Frankfurt (am Main) erfunden: "Bankfurt", "Mainhattan" usw.
Jeder erfasst einen Teil ihres Wesens. Doch hat die Stadt auch andere Seiten. Nicht "Klein-Chicago" meine ich hier. Sondern den Mangel an Kreativität und Originalität, der das Stadtbild "auszeichnet".

Sobald irgendwer irgendwo die Postmoderne als Architekturstil ausruft, baut Frankfurt gleich modisch nach.
Und Anziehungspunkte sucht man mit dem gleichen Konzept (nur sehr viel weniger Geld) zu schaffen, wie sie anderswo in einer langen Sammelgeschichte gewachsen sind: London und Paris, München und Berlin haben Kunstmuseen? "Auch haben", ruft man in Frankfurt, und klatscht das Mainufer voll damit. Alte und neue Kunst, Kunstgewerbe und Kopfjäger, alles, was es anderswo (meist großartiger) gibt, muss auch für Frankfurt her. Plus Architektur und Film - na gut, das ist nicht ganz so häufig. Lockt aber keine Menschenmassen nach Frankfurt.

Hätte man etwa ein großzügiges Umweltmuseum eingerichtet, z. B. in der Großmarkthalle: da hätte man etwas für die Attraktivität der Stadt und die Erziehung des Menschen geleistet. Statt dessen sammelt man den gleichen alten Plunder, den die anderen (in wertvolleren Exemplaren, weil sie mehr Geld oder großzügigerer Stifter haben) ebenfalls anhäufen. "Originale" will die Bourgeoisie, statt Originalität.

Und so ist Frankfurt leider nur eine "Me too Town" geworden; verschleifend gesprochen also: "Metooston"!


Doch wenn ich dann im Geiste durch die Stadt wandere, rührt sich mein Gewissen: vielleicht habe ich ihr Unrecht getan?
Denn etwas hat doch sie, was andere nicht haben. Die Zeil, die berühmte breite Einkaufsstraße, hat man mit marmornen Frittenbuden möbliert!
Und die passen wiederum wunderbar zum postindustriellen Stadt- und Zeitgeist: wer die Emissionen der Farbwerke vermisst, der kann sich hier 'ne Nase voll holen!


Nachtrag vom 30.11.2005:
Vielleicht passend zum Thema ist ein Buch (das ich zwar nicht näher kenne) von Franziska Puhan-Schulz: "Museen und Stadtimagebildung. Amsterdam – Frankfurt/Main – Prag. Ein Vergleich" (http://www.transcript-verlag.de/ts360/ts360for.htm)

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Samstag, 11. Juni 2005
 
Armes Deutschland
Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen vom 22.05.2005 ist schon einige Zeit vorbei. Urlaubsbedingt hole ich hier den Eintrag zu der von Bundeskanzler Schröder an diesem Tag verkündeten Entscheidung nach, Neuwahlen herbeizuführen (durch Stellung der Vertrauensfrage).

Die Kommentare, die ich dazu in der Presse las, waren beschämend. Endlich einmal beweist ein Politiker historische Größe, indem er die Macht in der sicheren Gewissheit aufgibt, nicht wiedergewählt zu werden. Und was fällt den Kommentatoren dazu ein? Nur die übliche Suche nach taktischen Winkelzügen. Eine beschämende "Dietrologia" (wie man in Italien sagen würde)der Meinungsmacher, die viel über deren eigene Geistesart verrät, sowie natürlich auch über Politik im allgemeinen.
Nur eben der geschichtlichen Entscheidung Schröders wird derartiges Wortgeklingel in keiner Weise gerecht .

Nicht immer hat das Volk die Politiker, die es verdient.
Manchmal ist der eine oder andere besser, als das Volk eigentlich verdient hätte.

(Rein abstrakt sprechend, müsste ich hier natürlich auch die feminine Form einfügen. Doch das könnte als postive Bewertung der Kotau-Kanzlerin Angelika Merkel verstanden werden. Welche wohl trotz ihres Kotaus in Washington - und ihrer innenpolitischen Präferenz für größtenteils sehr fragwürdige Reformen - zur Kanzlerin gewählt werden wird. Che peccato!)


Nachtrag vom 03.07.05:

Man muss das "Revolverblatt" nicht lieben, aber die Art, wie in der Ausgabe vom 01.07 05 die (bei Redaktionsschluss erst noch bevorstehende) Misstrauensfrage Gerhard Schröders vom gleichen Tag kommentiert wird, hat Anstand, Logik und Stil. "Danke, Kanzler!" balkt die Bild-Zeitung und im Text darunter heißt es u. a. "Man muss Gerhard Schröder nicht lieben - und auch nicht seine Partei. Aber der Kanzler hat in schwierigen Zeiten gehandelt wie ein Mann - und wie ein Patriot". Auf S. 2 geht Peter Boenisch auf die Behauptung der Kritiker ein, dass Schröder das Grundgesetz mit dieser Vertrauensfrage missbraucht. "Wieso Missbrauch?" "Was ist daran undemokratisch?" "Ihr Seid das Volk - ihr bestimmt den Kurs - diese Botschaft des Kanzlers ...". "Zu Recht kann man deshalb wie Bild dem Kanzler dankbar sein." "Es ist eine gute patriotische Tat, jetzt vor aller Welt zu zeigen, dass [in Deutschland wirklich der Wille des Volkes regiert]".
Es ist eine gute, patriotische Tat, in jenen seltenen Momenten, wo ein Politiker Größe zeigt, dies zu würdigen, ihm zu danken und nicht ihn in den Hintern zu treten. Danke, Bild-Zeitung!

"Gerechtigkeit für Schröder" titelt "Die Zeit" vom 30.06.05 (http://www.zeit.de/2005/27/01___leit_1_27). Untertitel: "Der Kanzler hat sich gegen die eigene Macht, für das Wohl des Volkes entschieden". Bernd Ulrich u. a. "Aber so egozentrisch, dass er nur für das Dranbleiben die Interessen des Landes verlezten würde, ist er eben nicht. Seine Entscheidung ... hat eine einfache Logik: Die Regierung muss wechseln, damit die Agenda [2010] fortgesetzt werden kann. Dass der Kanzler sich am Freitag das Misstrauensvotum holt, ist seine vierte patriotische Tat. ... Gerhard Schröder hat also im Interesse des Gemeinwohls gehandelt."

Nur Bernd Ziesemer (
http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1061416
), Chefredakteur des Handelsblattes, hat die Dreistigkeit, für seine schwarzen Gesinnungsgenossen noch etwas Wahl-gerechter eine noch größere Selbstdemütigung Schröders einzufordern:
"Dass der Bundeskanzler den Weg frei macht, ist also gut. Aber muss man den Schritt Gerhard Schröders deshalb zur „patriotischen Tat“ stilisieren, wie es die „Zeit“ heute in ihrem Leitartikel tut? Das Gegenteil ist wahr: Wollte sich der Bundeskanzler wenigstens in seinem Abgang als Staatsmann mit Verantwortungsgefühl erweisen, dann wäre er am Tag nach der NRW-Wahl zurückgetreten. Stattdessen versuchte der politische Spieler, der Schröder immer war, eine allerletzte Partie. ... Letztlich macht Schröder „den Lafontaine“: Er schmeist die Brocken hin, ohne Rücksicht auf Verfassung und politische Langzeitfolgen."

Fies, mies, kleinkariert: Düsseldorfer Provinzperspektive halt. Vielleicht sollte man das "Handelsblatt" nach Hamburg verlegen; da könnte sich Herr Ziesemer bei seinen Kollegen aus den großen Pressehäusern ein wenig Nachhilfe in Sachen der "feinen englischen Art" holen!

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Der Olim-Diskurs ...
... bringt mich immer wieder auf die Palme. "Früher war alles besser", "Zu DM-Zeiten war alles billiger" oder "Man kann sagen, was man will, aber das hätte es früher (oder gar: 'beim Adolf') nicht gegeben!" sind volkstümlichere Varianten, doch versumpft diese Vorstellung eines früheren (mehr oder weniger) goldenen Zeitalters sehr weitgehend auch den gesellschaftlichen Diskurs.

[Michael Crichton hat durchaus nicht Unrecht, wenn er derartige Ideen kritisiert; nur dass er der Umweltbewegung insgesamt eine derartige nostalgische Sicht der Dinge unterstellt und sie auf dieser Grundlage lächerlich machen zu können glaubt - vgl. dazu meine Eintragung vom Dienstag, April 26, 2005: "The (b)rat in the box at the ultimate lever?" - ist nichts als konservative Propaganda.]

Konkret wurde ich jetzt wieder in Fritjof Capras Buch "Wendezeit" (amerikanischer Originaltitel: "Turning Point") (das ich durch Zufall und gratis fand und erst etwa zur Hälfte gelesen habe) daran erinnert, wie in Weltverbesserungswerken der verschiedensten Autoren dem Leser dieser "Olim-Diskurs" immer wieder unterschwellig untergejubelt wird. Präzise Daten gibt es da nicht; oft wird auch gar nicht ausdrücklich behauptet, dass früher alles besser war. Vielmehr wird diese Vorstellung über das Wörtchen (nicht) "mehr" eingeschmuggelt.

So schreibt z. B. Capra: "Bezeichnend für unsere Zeit ist, dass Personen, die als Fachleuten in den verschiedenen Sachgebieten gelten, die dort auftretenden Schwierigkeiten nicht mehr beseitigen können". (S. 19; Hervorhebung von mir). Wenn man sich dann seine Beispiele ansieht, stellt man fest, dass diese Probleme früher ebenso wenig oder noch viel weniger lösbar waren: Krebs oder psychische Krankheiten haben die Ärzte früher keineswegs besser verstanden als heute; Inflation wird heute sehr viel effizienter bekämpft als früher (und das trotz der Vermachtung des Marktes und die angebliche Unkontrollierbarkeit der international tätigen Unternehmen, die Capra in späteren Kapiteln beklagt!). Die Polizei ist mitnichten "hilflos", sondern kann zwar heute wie früher nicht alle Verbrechen aufklären, aber zumindest Kapitalverbrechen durch den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt besser als früher.
Da wundert es dann auch nicht, wenn Capra im Mittelalter einen angeblichen "organischen Zusammenhang" von Werten und Verhaltensweisen diagnostiziert (S. 210), oder behauptet, dass "in allen frühen Gesellschaften … Privateigentum .. nur in dem Maße gerechtfertigt [war], in dem es der Wohlfahrt aller diente" (S. 211). Dass sich "der moderne Industriearbeiter .. für seine Arbeit nicht mehr verantwortlich" fühlt und "unzufrieden" sowie "nicht mehr stolz darauf" ist (S. 253) kann im Umkehrschluss ja nur heißen, dass früher die Arbeitnehmer – Knechte und Mägde auf dem Bauernhof etwa? – sämtlich stolz auf ihre und zufrieden mit ihrer Arbeit waren und Produkte mit Geschmack oder gar künstlerischer Qualität erzeugten (S. 253/254).

Ich weiß nicht, ob es bereits einen Begriff für diese romantisierenden Vergangenheitsvorstellungen, und speziell für die unterschwellig durch die "nicht mehr-"Sätze ausgedrückten bzw. erzeugten Varianten, gibt. Und deshalb verwende ich versuchsweise mal den Begriff "Olim-Diskurs". Erklärt ist der Begriff "olim" z. B. in einem Blog, der sogar unter der Bezeichnung "Olim" läuft (http://olimm.free.fr/olim.html). Dieser Blog, der allerdings seit April 2003 nicht mehr aktualisiert wurde, ist übrigens auch in anderer Hinsicht interessant. Er nennt Gründe dafür, einen "Blog" zu führen, die weitgehend auch für mich gelten(http://olimm.free.fr/why.html). Und schließlich wurde er von einer Französin auf Englisch erstellt, was zweifellos ganz und gar ungewöhnlich ist.






Textstand vom 18.04.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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