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CANABBAIA
Samstag, 31. Dezember 2005
 
EINE NATUR GIBT ES NICHT. EINE UMWELT(PROBLEMATIK) AUCH NICHT.
Leser, welche sich nicht schon kopfschüttelnd über den offenkundigen Unsinn dieser Behauptungen abwenden, werden sich vielleicht über die Formulierung der Überschrift wundern.

Geht man davon aus, dass diese beiden Sätze bedeuten sollen, was sie zu bedeuten scheinen, wären sie zwar nicht fehlerhaft, aber doch unnötig umständlich formuliert. Üblicher Weise würde man statt "gibt es nicht" sagen "es gibt keine" (Natur, Umwelt/problematik).

Was auf den ersten Blick unbeholfen erscheint, soll indes eine gänzlich andere Bedeutung transportieren: "Eine Natur gibt es nicht" und auch nicht "ein Umweltproblem".
Diese Behauptung mag nun wiederum wenigstens im ersten Falle wirr erscheinen, während sie im zweiten banal anmutet.

Dass wir eine Vielzahl von Umweltproblemen haben, weiß schließlich jeder. Aber die Natur ist doch die Natur? Der Satz "Die Natur sind die Naturen" ist so sinnlos wie die Formel "1 =2".

Stellen wir die Frage nach den möglicherweise vielfältigen Naturen des Naturbegriffs zurück und wenden wir uns zunächst der (im vorliegenden Zusammenhang einfacheren) Umwelt bzw. Umweltproblematik zu.

Bücher über "die Umwelt" gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, wissenschaftliche wie populäre, solche mit breiter und solche mit enger Thematik. Und fast immer, wenn der Begriff "Umwelt" auftaucht, wird (von manchen biologischen Fachpublikationen abgesehen, in denen es etwa um das Verhalten von Tieren in oder die Anpassung an ihre jeweilige Umwelt geht) das Wort "Problem" mit gedacht und angesprochen.
Probleme sind in unserer Vorstellung dazu da, gelöst zu werden, d. h. wir haben uns daran gewöhnt, dass es für fast alle Probleme zumindest theoretisch eine Lösung gibt.
So ist auch die Umweltdebatte in aller Regel lösungsorientiert: "tut dies, unterlasst jenes, dann könnt ihr die Probleme lösen, welche wir in unserer Umwelt verursacht haben" ist in aller Regel der Tenor der einschlägigen Literatur.

Mir scheint indes, dass der tendenzielle Lösungsoptimismus seine jedenfalls semantische Fundierung (daneben bzw. dahinter steht natürlich die psychologische Fundierung, die ich hier mal außen vor lasse) in einer unangemessenen Kategorienbildung hat. Konkret: in der Zusammenfassung aller bestehenden oder zu erwartenden Probleme mit der Umwelt unter eben diesem Begriff "Umweltprobleme". Die Vielzahl ist hier zur Einzahl eines Begriffes zusammengefasst. Ich will nicht die Zusammenfassung als solche kritisieren; Kategorienbildung ist zweifellos nicht nur nützlich, sondern auch unumgänglich. Nur würde ich es für erkenntnisfördernd halten, wenn wir den Begriff "Umweltproblem(e)" aufteilen würden (und vor allem eine solche Aufteilung in der öffentlichen Kommunikation ständig präsent wäre und die einschlägigen Beiträge jeweils entsprechend zugeordnet würden) in –2- Untergruppen: Probleme mit dem, was wir in die Umwelt einbringen einerseits und andererseits Probleme mit dem, was wir aus der Umwelt entnehmen.

I. Beim "Einbringen" in die Umwelt denke ich etwa an Emissionen: Abwässer, Gase usw.

II. Beim "Entnehmen" müssen wir allerdings noch einmal unterscheiden.

II.1 Da gibt es zum einen jene Dinge, welche "die Natur" für uns binnen kurzer Zeit wieder "neu herstellt", im wesentlichen also Pflanzen ("nachwachsende Rohstoffe") und Tiere (sofern wir nicht die Arten dauerhaft vernichten) sowie erneuerbare Energien.

II. 2 Dem stehen jene Dinge gegenüber, welche zwar letztlich auch "natürlich" entstanden sind, aber in langen Zeiträumen und unter Bedingungen, die sich heute nicht mehr wiederholen lassen (oder welche die Existenz des Menschen ausschließen würden). Gemeint sind also die nicht-erneuerbaren Rohstoffe und Energiequellen.

Nun bin ich sicherlich nicht der erste Mensch, dem dieser Unterschied bewusst wird oder der als erster öffentlich darauf hinweist. Bekannt ist dies alles längst; jeder "weiß" es – im Prinzip. Trotzdem werden Beiträge zur Umweltdebatte häufig weder von den Autoren noch vom Publikum gedanklich in die entsprechende (Unter-)Kategorie eingeordnet. Und das hat Folgen.

Was mich bei dem Umweltbegriff wie bei dem Naturbegriff umtreibt, ist der Zusammenhang von "Sprache, Denken, Wirklichkeit". Dabei kann das "Henne-Ei-Problem", ob das Denken die Sprache oder die Sprachstruktur das Denken bestimmt, außen vor bleiben (wer Zeit und Lust, kann z. B. hier mehr darüber lesen und dort noch tiefer einsteigen). Mir geht es nicht nur um die Begrifflichkeiten, sondern auch um deren Präsenz im Bewusstsein der Kommunizierenden, in der "Öffentlichkeit". Nicht um irgendeine prinzipielle Präsenz im Sinne von "Wir wissen doch alle, dass ...", sondern darum, dass die jeweils konkrete Kommunikation von den Teilnehmern bewusst in der hier vorgeschlagenen Weise eingeordnet wird. Die hier herausgearbeitete Kategorienbildung schafft aus meiner Sicht also lediglich die Voraussetzung für das, was eine mir problemadäquat erscheinende ökologische Kommunikation ermöglicht

Wenn ich, um von der abstrakten Betrachtung nun zur konkreten Anwendung zu kommen, etwa an ein Buch wie Jared Diamonds "Kollaps" (Collapse) denke, dann wird daran deutlich, wie das Fehlen des o. a. Hintergrundkonzepts Diamond zu einem unangemessenen Optimismus verleitet. 'In der Vergangenheit', so der Inhalt seiner Botschaft, 'haben einige Gesellschaften ihre Umweltprobleme nicht gelöst und sind untergegangen. Andere haben rechtzeitig gehandelt und überlebt.' Diamond will mit dieser historischen Darstellung quasi an uns appellieren: 'Handelt vorausschauend und vernünftig, dann werden auch wir unsere Umweltprobleme lösen. Wenn nicht, wird unsere Zivilisation untergehen wie schon andere in der Geschichte'. Während Letzteres unstreitig ist, lässt sich sein Glaube an die Möglichkeit einer Erhaltung unseres zivilisatorischen Niveaus aus meiner Sicht jedenfalls auf einer gewissermaßen semantischen Ebene damit begründen, dass Diamond die Problemdimensionen nicht Zweck entsprechend bzw. Erkenntnis fördernd einteilt. Wie ich in meinem Blog-Eintrag "KEINE JUNGFRAU ZÄHMT DIESES ZWEIHORN" näher erläutert habe, gründet sich Diamonds ökologische Zuversicht auf seine fehlende Bewusstmachung der Tatsache, dass frühere Kulturen im Wesentlichen Probleme lediglich mit nachwachsenden Rohstoffen bzw. Energielieferanten (hauptsächlich Holz) hatten. Solche Schwierigkeiten kann man zumindest theoretisch lösen, indem man Bedarf und (natürliche) "Produktion" zur Deckung bringt.
Nicht erneuerbare Energielieferanten und Rohstoffe dagegen lassen sich lediglich durch verringerten Verbrauch zeitlich strecken, nicht aber auf Dauer erhalten.

Rein theoretisch kann man natürlich – und das haben z. B. Julian Simon und ähnliche intellektuelle Taschenspieler (z. B. Jerry Taylor und Edward W.Younkins - letzterer Professor an einer Universität der Jesuiten in West Virginia -) auch getan – unterstellen, dass die menschliche Erfindungsgabe (für Simon die "Ultimate Resource", so der Titel seines Buches, das hier in der 2. Auflage online verfügbar ist) immer einen Ersatz für evtl. verbrauchte Rohstoffe und für jedes Umweltproblem eine Lösung finden wird.

Einschub:
Es klingt zunächst beinahe ketzerisch, wenn Younkins von einer "FLAWED DOCTRINE OF NATURE'S INTRINSIC VALUE" spricht und sagt, dass "environmentalists fail to realize that value means having value to some valuer. To be a value some aspect of nature must be a value to some human being. People have the capacity to assign and to create value with respect to nonhuman existence". Man wundert sich, wie ausgerechnet ein Professor an einer Jesuitenuniversität der Natur einen Wert an sich, der ihr von ihrem Schöpfer gegeben worden sein müsste, absprechen kann. Wenn man sich aber daran erinnert, dass die katholische Kirche die Geburtenbeschränkung, bzw. jedenfalls die meisten und die praktikabelsten Methoden dafür, bekämpft, passt ein Ökonom, der die Umwelt als quantité négligeable bezeichnet, durchaus in eine religiös-ideologische Landschaft, in der nach wie vor der Bibelbotschaft von "seid fruchtbar und mehret euch" gehuldigt wird.
Auch Julian Simon war, beiläufig bemerkt, religiös – als Jude war er nämlich "at rest on the Sabbath".
Und willkommen ist die Botschaft einer unbegrenzten Ressourcenverfügbarkeit zweifellos auch für alle jene christlichen Fundamentalisten, welche – speziell in den USA – vehement etwa gegen Kampagnen der Vereinten Nationen für Geburtenbeschränkung kämpfen und mit dieser Begründung für die Sperrung von US-Beiträgen zu den UN eintreten bzw. diese durchsetzen oder in der Vergangenheit durchgesetzt haben. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht erhellend, die objektive (d. h. den Akteuren nicht unbedingt oder in jedem Falle bewusste) Interessenidentität zwischen religiösem Fundamentalismus und einem aus Kapitalinteressen generierten Kampf gegen die Geburtenkontrolle aufzuzeigen: Ein Mangel an Humankapital mindert den Wert des Realkapitals, und umgekehrt steigert ein "Überschuss" an Humankapital den Wert des Realkapitals (wie z. B. an den Wohnungsmieten und dem davon abhängigen Wert von Wohnimmobilien unmittelbar deutlich wird: viel Nachwuchs bedeutet viel Nachfrage).
"Das Kapital" [auch so ein problematischer Begriff, den ich hier aber mal unhinterfragt stehen lasse, weil im Kontext jeder Leser weiß oder wissen sollte, was gemeint ist] hat also ein natürliches Interesse daran, dass möglichst viele Menschen unsere Erde bevölkern. Insofern könnte man durchaus sagen, dass "der Kapitalismus" unsere Umwelt nicht nur durch den seinem technologischen Produktionsprozess (den ich freilich als – wenngleich nur proletarischer – Mit-Nutznießer nicht glaubhaft kritisieren kann und nicht fundamentalistisch kritisieren will) zerstört, sondern diese Zerstörung noch dadurch systemnotwendig beschleunigt, dass er seiner "Natur", seinem Wesen nach an einer Vermehrung der Zahl von Menschen interessiert sein muss. (Und darin wird er eben von gewissen christlichen Fundamentalisten in analoger Weise gefördert, wie weiland die britische Textilindustrie durch die moralischen Maximen britischer Missionare – ein interessanter historischer Parallelismus, nicht wahr?)
Einschub Ende.

Die "Resourcists", die an eine unbeschränkte Ressourcenverfügbarkeit glauben, haben zwar zweifellos unrecht, sind aber immerhin konsequent. Und verhöhnen – nicht zu Unrecht – jene Umweltfreude, welche der Idee einer "nachhaltiger Entwicklung" und ähnlichen Hirngespinsten nachjagen. Wenn ich eine nachhaltigen Entwicklung (engl.: sustainable development) für möglich halte, muss ich – wie die "resourcists" – unterstellen, dass die Menschheit mit neuen Technologien in der Lage sein wird, eine (auf absehbare Zeit) unbeschränkte Ressourcenverfügbarkeit (sei es durch Recycling, sei es durch Kolonisierung des Weltraums: der Phantasie sind insoweit keine Grenzen gesetzt) herzustellen. Dann freilich kann ich mich auch gleich ins Lager von Julian Simon, Jerry Taylor und ihresgleichen schlagen. Es ist schlicht unlogisch, wenn man als "environmentalist" für Ressourcensparen eintritt, gleichzeitig aber eine "nachhaltige Entwicklung" für machbar hält.

Da ich an eine unbeschränkte Ressourcenverfügbarkeit nicht glaube, halte ich meine oben vorgeschlagene Aufteilung der Umweltprobleme in –3- Kategorien (bzw., in einem rein logisch-hierarchisch gedachten Aufbau – der aber für die Kommunikation eher hinderlich ist – in 2 Kategorien mit weiterer binärer Unterteilung der "Entnahme"-Kategorie) für erforderlich, um zu einer realistischen Einschätzung unserer Lage zu gelangen.



Was - um nun auf ein zwar verwandtes, aber logisch nicht direkt anschließendes Gebiet überzuleiten - die Frage nach "der Natur" angeht, so geht mir indes nicht um irgendeinen imaginiertes "Wesen" der Natur(en). Die Frage ist vielmehr, in welcher Weise und vor allem mit welchen Folgen der Begriff "Natur" (wie vorstehend der Begriff "Umwelt(problem/e)") im gesellschaftlichen Diskurs verwendet wird.

Ich will dabei nicht der Wissenschaft Konkurrenz machen, welche mit großer Gelehrsamkeit z. B. in (meiner Heimatstadt) Bielefeld über "Die Natur der Natur" nachgedacht hat (irgendwann werde ich hoffentlich Zeit für die Lektüre dieses Textes finden, und – dringlicher noch - für das Lesen eines anderen und mutmaßlich gewichtigeren Gedankenwerks "made in Bielefeld" über die Umweltdebatte, nämlich die "Ökologische Kommunikation"). Meine ganz naive Fragestellung lautet, welchen Bedeutungsinhalt, oder welche Tragweite, das Wort "Natur" in bestimmten Zusammenhängen hat.

Bislang sind mir insoweit –6- Möglichkeiten eingefallen, nämlich

1) "Alles", also der gesamte Kosmos. Als Beispiel dazu gebe ich die Rezension des Buches "Mind, Matter and Quantum Mechanics" von H. P. Stapp, wo ein gewisser P. Kafka, Garching schreibt: "Henry Stapp glaubt einer Überwindung dieses unbefriedigenden Zustands nahe zu sein und mit einem Streich ,,die vier grundlegenden Fragen zur Natur der Natur" aufzulösen." Hier wird aus dem Kontext deutlich, dass wirklich "die" Natur, der gesamte Kosmos nämlich, gemeint ist.

1a) Theoretisch kann auch dabei der Mensch insoweit, als er als "Geist" oder "Seele" gedacht wird, natürlich ausgenommen sein.

2) Eine andere, meist auf die Welt (d. h. den Planeten Erde) Erde beschränkte Benutzung des Begriffs "Natur" ist schon mehr an den unmittelbaren Interessen der Menschen orientiert. In dieser Gestalt umfasst der Begriff Natur aus praktischen Gründen zwar nicht den Kosmos (der auf uns, wenn man von der Sonne absieht, keine direkte Auswirkung hat), aber doch immerhin die gesamte Welt einschließlich des Menschen. Ein Beispiel finde ich auf Anhieb nicht; jedenfalls handelt es sich um einen Begriffsgebrauch, wie er wohl mehr für philosophische "Sonntagsreden" als für die alltägliche – lebensweltliche oder wissenschaftliche – Kommunikation verwendet wird.

3) Gebräuchlicher ist der Begriff "Natur" als Gegensatz zum "Menschen". Bei einer solchen Redeweise ist alles (theoretisch der Kosmos, praktisch wird aber meist nur die Erde gemeint sein) "Natur", mit Ausnahme des Menschen: Mensch – Natur ist ein Gegensatzpaar, was uns allen (allzu sehr?) vertraut ist.
Mit einem solchen Begriffsinhalt haben wir es z. B. in den folgenden Sätzen zu tun:
"Die Natur ist meine Lehrmeisterin. Ich bin Teil von ihr. Natur ist einfach, ohne Absicht entwickelt sie sich immer weiter. Ich kann ihr folgen oder mich gegen sie stellen."
Das ist (auch wenn es sich bei diesem Text um einen etwas esoterischen handelt, der wohl der sozialen Bewegung der "Tiefenökologie" – engl. "deep ecology" zuzuordnen ist) eine uns allen durchaus geläufige und tief in unserer Denkweise verankerte Vorstellung.

3a) Bei genauerem Hinsehen haben wir hier sogar eine dynamisch gedachte Begriffsbedeutung vor uns: Ich kann mich mit der Natur vereinigen oder mich von ihr trennen. Auch das ist kein spezifisch esoterisches, sondern uraltes (nicht nur religiöses) Gedankengut und fließt als solches wahrscheinlich häufig in unsere Kommunikation ein.

4) Definitiv auf die Erde beschränkt, bezeichnet das Wort "Natur" häufig nur die belebte Natur. Dabei kann der Mensch eingeschlossen sein oder

5) in einer wiederum eingeschränkten Begriffsbedeutung ausgeschlossen. Wiederum haben wir es also mit einem gedachten Gegensatzpaar "Mensch – Natur" zu tun, aber hier auf Seiten der Natur mit der Einschränkung (im Vergleich zur Ziff. 3), dass nur die belebte Natur gemeint ist.

6) Weniger offensichtlich für ein abstrahierendes Denken, in der Praxis aber gleichwohl weit verbreitet und für den gesellschaftlichen Diskurs sehr viel heimtückischer, ist eine im Kommunikationsakt mitgedachte Beschränkung des Naturbegriffs auf einen ganz bestimmten, jeweils erlebten oder imaginierten Auszug aus der Umwelt, eine "ad-hoc-Natur" gewissermaßen. Dies insbesondere auf denjenigen Teil, mit dem man ständig in Berührung lebt, gelegentlich (z. B. bei einem Abenteuerurlaub) in Berührung kommt, den man im Kopf als Wunschbild mit sich herumträgt oder den uns jemand uns aus bestimmten – z. B. propagandistischen - Gründen gerade vor Augen stellen und für "die Natur" ausgeben möchte.


Was auf der Ebene abstrakter Begrifflichkeit den Eindruck einer geistigen Seilakrobatik erwecken muss, wird an jenem Beispiel, an dem es mir selbst auch erst so recht bewusst geworden ist, gleichzeitig sowohl entzaubert als auch in seiner Bedeutung für den gesellschaftlichen Ökologie-Diskurs verdeutlicht.

Michael Crichton, Verfasser des Buches "Welt in Angst" (Orig.: "State of Fear") (hier eine bemerkenswerte Rezension, die inhaltlich für ihn argumentiert, ihn aber gleichzeitig literarisch geradezu "niedermacht"; eine andere, inhaltlich gegen ihn gerichtete, sowie eine wiederum positive, mit anschließender kontroverser Debatte. Das ist aber nur eine willkürliche Auswahl von mir; im Netz gibt es noch weitaus mehr Fischschwärme, welche das geistige Planktonfutter von Hr. Crichton entweder verschlingen oder verschmähen) hat nicht nur durch den (pseudo-)wissenschaftlichen Anmerkungsapparat in seinem Roman den Anspruch erhoben, die seiner Meinung nach unbegründete (Klima-)Angst der "environmentalists" (Umweltschützer) zu 'denunzieren' (wie Herbert Marcuse und gleich gerichtete linke 68er-Opas in anderen Zusammenhängen 'verbalisiert' haben würden). Er hat seine für das Buch gesammelten vermeintlichen Einsichten auch in einem großen (und unstreitig sehr geschickt aufgebauten) Vortrag propagiert, den er am 15.09.2003 vor dem Commonwealth Club in San Francisco gehalten und in vorgetäuschter geistiger Bescheidenheit unter den Titel "Remarks to the Commonwealth Club" gestellt hat (sollte der aktuelle Link nicht funktionieren, findet man den Vortrag in der Suchmaschine auch unter zahlreichen anderen URLs: Crichtons – rechte – Gesinnungsgenossen haben für eine weite Verbreitung gesorgt).

Eine Analyse dieser mephistophelisch geschliffenen Rede war bereits Gegenstand meines allerersten Blogeintrages u. d. T. "The (b)rat in the box at the ultimate lever?" Seinerzeit habe ich Crichtons Text mehr literarisch behandelt ("literarisch" sage ich hier lediglich als Hilfsmittel zur gedanklichen Einordnung, nicht als Qualitätsbeanspruchung), und außerdem in englischer Sprache.
Vorliegend will ich in einer mehr analytischen Form (und auf Deutsch) diejenigen Aspekte herausgreifen, die sich mit Crichtons "Transformation" des Naturbegriffs befassen. Dabei verstehe ich den Begriff "Transformation" mit Erving Goffman – vgl. hier den Auszug aus dem Glossar der Uni Essen zu Erving Goffmans Begriffswelt – als eine einseitige Umwandlung eines begrifflichen Rahmens zum Zwecke der Täuschung, wobei m. E. allerdings dieses Täuschungsmanöver dem Kommunizierenden selbst nicht unbedingt bewusst sein muss, sondern durchaus in der nicht-bewussten strategischen Ausnutzung von vorgegebenen kommunikativen Konventionen begründet sein kann.

Was sich in der Abstraktion kompliziert anhört, löst sich in der konkreten Analyse von Crichtons Rede in (hoffentlich) leicht verständlicher Weise auf.

"I have been asked", sagt er einleitend, "to talk about what I consider the most important challenge facing mankind, and I have a fundamental answer. The greatest challenge facing mankind is the challenge of distinguishing reality from fantasy, truth from propaganda." Unter diesem Motto verbreitet Michael, unter anderem durch (explizite oder implizite) Verwendung eines Naturbegriffs mit schwankendem Bedeutungsinhalt, eine perfide Propaganda gegen das Umweltbewusstsein (und straft seine Schutzbehauptung "I want it perfectly clear that I believe it is incumbent on us to conduct our lives in a way that takes into account all the consequences of our actions, including the consequences to other people, and the consequences to the environment. I believe it is important to act in ways that are sympathetic to the environment, and I believe this will always be a need, carrying into the future. I believe the world has genuine problems and I believe it can and should be improved" im Fortgang seiner Rede Lügen).

"We must daily decide whether the threats we face are real, whether the solutions we are offered will do any good, whether the problems we're told exist are in fact real problems, or non-problems" – da hat er zweifellos Recht.

Crichton ist kein Umweltwissenschaftler und erst Recht kein Klimatologe. Immerhin hat er aber Medizin und Anthropologie studiert und ist als Akademiker dem Gegenstand seines Themas doch zumindest um Meilen näher als, sagen wir mal, der Knacki Karl May der Ethnographie der nordamerikanischen Indianerstämme. (Karl May, das muss hier zu seiner Ehrenrettung mal gesagt werden, litt an einer "Dissoziativen Identitätsstörung" und wäre im übrigen, meint jedenfalls die "Karl-May-Stiftung", "nach heutiger Rechtsprechung ... nicht in das Gefängnis gekommen" - vgl. die Eintragung für das Jahr 1862.)

Was immer May (nicht) getan haben mag: Crichton stapelt schon im Anfangsteil seiner Rede eine hohe Bürde auf seine anthropologische (Aus-)Bildung: "Today, one of the most powerful religions in the Western World is environmentalism."

"There's an initial Eden, a paradise, a state of grace and unity with nature, there's a fall from grace into a state of pollution as a result of eating from the tree of knowledge, and as a result of our actions there is a judgment day coming for us all. We are all energy sinners, doomed to die, unless we seek salvation, which is now called sustainability. Sustainability is salvation in the church of the environment. Just as organic food is its communion, that pesticide-free wafer that the right people with the right beliefs, imbibe."
Die von mir hervorgehobenen Worte bzw. Satzteile [auch im Folgenden stammen die Hervorhebungen jeweils von mir, nicht vom Autor] zerschmelzen auf der Zunge wie Lindt + Sprüngli-Chocolade (die ich als allzu schmelzig nicht mag) und wer mit der Methode einer parallelisierender Persiflage eine (jedenfalls im Kern und vom Ursprung her, und – mit exotischen Ausnahmen – auch heute noch im Großen und Ganzen) problemgenerierte und problemorientierte soziale Bewegung [auch hier müsste ich eigentlich den Plural verwenden] zu diskreditieren versucht, hat in gewisser Weise schon selbst ein Sprüngli in der Schädelkalotte.

Lassen wir aber diesen Aspekt seiner Anti-Umwelt-Propaganda beiseite und schauen wir nach, auf welche Weise Michael Crichton in seiner Rede den Begriff "Natur" ge- oder missbraucht.

"There is no Eden. There never was" stellt er – zutreffend – fest. Und fährt fort, dass "the romantic view of the natural world as a blissful Eden is only held by people who have no actual experience of nature. People who live in nature are not romantic about it at all. They may hold spiritual beliefs about the world around them, they may have a sense of the unity of nature or the aliveness of all things, but they still kill the animals and uproot the plants in order to eat, to live. If they don't, they will die."

Schon hier sind wir mit mindestens –2- verschiedenen Naturbegriffen konfrontiert: Die "natural world" (die es in der Phantasie mancher Menschen zweifellos gibt, welche eine direkt adressierte – und quantitativ auf den entsprechenden Personenkreis limitierte – Kritik durchaus zu Recht treffen würde) ist die ganze (belebte) Welt, unter Einschluss des Menschen: Natur i. S. der o. a. Ziff. 4 also.
Soweit es aber um die 'Erfahrung der Natur' und das 'Leben in der Natur' geht, versteht Crichton diese schon aus dem Gegensatz Mensch – Natur heraus, also im Sinne der o. a. Ziff. 5.
Das mag an dieser Stelle noch angehen und wirkt noch nicht als Desinformation, weil die Zahl der Eden-Träumer auch unter den Umweltschützern eher begrenzt sein dürfte.

"And if you, even now, put yourself in nature even for a matter of days, you will quickly be disabused of all your romantic fantasies. Take a trek through the jungles of Borneo, and in short order you will have festering sores on your skin, you'll have bugs all over your body, biting in your hair, crawling up your nose and into your ears, you'll have infections and sickness and if you're not with somebody who knows what they're doing, you'll quickly starve to death. But chances are that even in the jungles of Borneo you won't experience nature so directly, because you will have covered your entire body with DEET and you will be doing everything you can to keep those bugs off you."

Hier haben wir es mit einer sehr spezifischen Form von "Natur" zu tun.
Nicht mit jener freundlichen Kulturlandschaft, von der uns Ron Arnold, ein anderer (und noch weitaus leichtfüßigerer) Propagandist der Anti-Umweltschutz-Lobby unter dem einschmeichelnden Appell "Overcoming Ideology" als "pastoral ideal" schlangenhaft lockend ins Ohr züngelt, dass "Marx [welcher den im US-amerikanischen Diskurs zumindest von ihren Gegnern generell im 'linken' Spektrum verorteten Umweltschützern offenbar als unverdächtiger Zeuge präsentiert werden soll] saw it as a cultivated rural 'middle landscape', not urban, not wild, but embodying what Arthur O. Lovejoy calls 'semi-primitivism'; ... located in a middle ground somewhere between the opposing forces of civilization and nature."

Auch Ron Arnold führt diese wilde, gefährliche Seite von "Natur" drohend auf's Podium seines anti-ökologischen Lobbyisten-Panoptikums, wenn er schreibt: "Eco-ideologists have thrust their metaphoric raging Wolf into every rank and row of our civilized Garden to rogue out both the domesticated and the domesticators. The Wolf howls Wild Land, Wild Water, Wild Air. Whether Wild People might have a proper place in Wolf World remains a subject of dispute among eco-ideologists."

Fürchten, dass ist der beiden Botschaft, sollen wir Menschen die "wilde" Natur; lieben – und letztlich jeglicher menschlicher Veränderung gedankenlos vertrauen – sollen wir der gezähmten Natur: des Ackers, des Gartens: letztlich aber auch der 'biologischen Bodenversiegelung namens Rasen' und anderen Formen von "Natur"-Zerstörung.

Und ähnlich bringt Crichton seine sehr spezifischen Natursegmente propagandistisch in Stellung:

"The truth is, almost nobody wants to experience real nature. What people want is to spend a week or two in a cabin in the woods, .... They want a simplified life for a while, without all their stuff. ... Nobody wants to go back to nature in any real way, and nobody does. It's all talk - and as the years go on, and the world population grows increasingly urban, it's uninformed talk. Farmers know what they're talking about. City people don't. It's all fantasy."

Hier ist "Natur" ein jeweils erlebtes (bzw. im Falle der Städter: nicht erlebtes) Segment, mit dem man (als Bauer) in ständiger Berührung lebt oder dass man (als Städter) eben nicht kennt. Indes: Wind und Wetter erlebt auch der Städter, und gegen die Effekte einer weltweiten Klimaänderung ist er in ähnlicher Weise machtlos wie der Bauer, für welchen dieser Teil von "Natur" – derzeit noch - ebenso wenig Teil der Lebenswelt ist wie für einen Städter. Nur das ein "Städter", wenn er etwa Klimatologe ist, diesen zunächst abstrakten Teil "der Natur" erforschen und darüber (mehr oder weniger zutreffende) Prognosen anstellen kann. Der Farmer kann das nicht; globale Messungen von Temperaturreihen, Meeresströmungen usw. haben nichts mit jener Natur zu tun, bei welcher er 'weiß, wovon er spricht'.

"One way to measure the prevalence of fantasy is to note the number of people who die because they haven't the least knowledge of how nature really is. They stand beside wild animals, like buffalo, for a picture and get trampled to death;.... They drown in the surf on holiday because they can't conceive the real power of what we blithely call 'the force of nature.' They have seen the ocean. But they haven't been in it."

Wieder hämmert Crichton dem Leser eine Vorstellung von "Natur" ein, welche nur das beinhaltet, was man erlebt hat oder erleben könnte. Kompetent ist, wer physischen Kontakt mit dem Ozean hatte. Nur: die Vorhersage, bzw. das rechtzeitige Entdecken, einer Tsunami-Welle ist nichts, was man selbst beim härtesten Brandungs-Surfen lernen könnte. Allein die Wissenschaft mit ihren Messinstrumenten kann (wenn man von der Vorahnungsfähigkeit von Tieren absieht, welche ja angeblich vor der Tsunami-Welle wie in anderen Fällen auch vor Erdbeben durch Verhaltensauffälligkeiten gewarnt haben sollen) die Entwicklung einer solchen Springflut rechtzeitig feststellen und nur eine hoch entwickelte Technik kann sie schnell genug kommunizieren. (Was Crichton sicherlich auch einräumen würde und in anderen Zusammenhängen, wo es besser in seine Kommunikationsstrategie passt, durchaus herausstellt.)

"The television generation expects nature to act the way they want it to be. They think all life experiences can be tivo-ed. The notion that the natural world obeys its own rules and doesn't give a damn about your expectations comes as a massive shock. Well-to-do, educated people in an urban environment experience the ability to fashion their daily lives as they wish. .... Within limits, they can contrive a daily urban world that pleases them.
But the natural world is not so malleable. On the contrary, it will demand that you adapt to it - and if you don't, you die. It is a harsh, powerful, and unforgiving world, that most urban westerners have never experienced."

Wieder und wieder assoziiert Crichton "Natur" ausschließlich mit wilden und gefährlichen Segmenten, und verweist z. B. auf seine Erfahrungen bei einer Reise im Karakorum-Gebirge im Norden Pakistans.
Dann aber kommt der semantische Turnaround in seinem Naturbegriff:

"But let's return to religion. If Eden is a fantasy that never existed, and mankind wasn't ever noble and kind and loving, if we didn't fall from grace, then what about the rest of the religious tenets? What about salvation, sustainability, and judgment day? What about the coming environmental doom from fossil fuels and global warming, if we all don't get down on our knees and conserve every day?"

Da haben wir es nun mit einer Form von "Natur" zu tun, die (derzeit noch) mit der Erfahrung weder des Bauern noch des Städters, weder der Wilden noch der Zivilisierten zu tun hat. Würde er seine (durchaus zutreffende) Aussage über die Natur als einer "harsh, powerful, and unforgiving world" auf diese Gefahren im unbelebten Teil von Natur (hier im Sinne der o. a. Ziff. 3 gebraucht) übertragen, müsste er vor Furcht geradezu heulen und mit den Zähnen klappern und könnte nicht so salopp über die vermeintlich religionsaffinen Umweltschützer spotten.

The second reason to abandon environmental religion is more pressing. Religions think they know it all, but the unhappy truth of the environment is that we are dealing with incredibly complex, evolving systems, and we usually are not certain how best to proceed. Those who are certain are demonstrating their personality type, or their belief system, not the state of their knowledge. Our record in the past, for example managing national parks, is humiliating. .... We need to be humble, deeply humble, in the face of what we are trying to accomplish.

Hier plötzlich kommt – ohne dass der Begriff "Natur" auftaucht - eine ganz andere Natur ins Spiel, der mit Erfahrung des Bauern, des Abenteuertouristen oder auch der "Primitiven" nicht mehr beizukommen ist. 'Unvorstellbar kompliziert' ist diese Natur, was Crichton dann sogar zur Verwendung des religiös gefärbten Begriffs der "Demut" (humble – demütig) verführt.

How will we manage to get environmentalism out of the clutches of religion, and back to a scientific discipline? There's a simple answer: we must institute far more stringent requirements for what constitutes knowledge in the environmental realm.

Schluss mit Glauben, Bauernregeln und dem aus Karakorum-Gletscherstromdurchquerungen gewonnenen Erfahrungswissen: eine "wissenschaftliche Disziplin" soll die Umweltwissenschaft endlich werden, mit stringenten Erkenntnisregeln.

"We need" sagt er, gegen die amerikanische Umweltbehörde – EPA = Environmental Protection Agency - polemisierend "an organization that will be ruthless about acquiring verifiable results, that will fund identical research projects to more than one group, and that will make everybody in this field get honest fast."

Because in the end, science offers us the only way out of politics. And if we allow science to become politicized, then we are lost. .... So it's time to abandon the religion of environmentalism, and return to the science of environmentalism, and base our public policy decisions firmly on that.

Mit anderen Worten: Die Wissenschaftler, Städter, welche doch angeblich gar nicht wissen, was "Natur" bedeutet, sollen uns vor den Gefahren der Natur schützen. Bis dahin aber und so lange die nicht unwiderleglich nachweisen können, dass der Klimakollaps morgen beginnt, machen wir erst mal weiter mit Bauernwissen und Borneo-Tracking-Überlebenserfahrungen.


Warum ich mich darüber so echauffiere? Weil es für solche begrifflichen Transformationstechniken sicherlich auch bei uns Beispiele gibt, und weil, selbst wenn das nicht der Fall wäre, es uns nicht gleichgültig sein kann, wie andere große Wirtschaftsmächte mit "der Natur" umgehen.
Ich weiß, auch ohne Reisen nach Borneo und ins Karakorum-Gebirge, dass die Natur unsere Fehler "harsh[ly] and unforgiving[ly] " ahnden wird, wenn wir dem religionsäquivalenten Irrglauben frönen, handfeste Indizien für globale Gefährdungen "der Natur" so lange für unser Handeln unbeachtet lassen zu können, wie die Gefahren noch nicht mit letzter Gewissheit wissenschaftlich bewiesen sind.


Um diese Problemsituation, sowie die Möglichkeit einer Erschöpfung der nicht-erneuerbaren Ressourcen, angemessen zu kommunizieren, müssen wir uns bewusst machen, dass Begriffe, besonders wenn sie im Dienst von Interessen eingesetzt werden, mit schwankenden Inhalten besetzt werden. Und diesen propagandistischen Begriffsbesetzungen ein klares Kategorienschema entgegen stellen, dass die Lobbyisten-Wölfe in unseren Reihen entlarven kann.

Nachtrag vom 11.01.06:
Wie unschwer zu erkennen, bin ich ein Ressourcenpessimist. Merkwürdiger Weise produziert die Eingabe dieses Begriffs keinen Treffer bei "Google", ebenso wenig wie "Ressourcenpessimismus". Stehe ich damit ganz allein auf der weiten (deutschsprachigen) Welt oder hat der gesellschaftliche Diskurs es bislang noch nicht zu einer abstrakten Begriffsfassung dieser Einstellung gebracht?
Auch "Umweltpessimismus" (17 Treffer) und "Umweltpessimist" (5 Treffer) sind erstaunlich schwach vertreten im Internet, was angesichts der Vielfalt der dort eingestellten Texte dann wohl auch als repräsentativ für Seltenheit im Sprachgebrauch überhaupt angesehen werden darf.

Häufigkeiten der äquivalenten (?) englischen Begriffe: "resource pessimism" = 52; "resource pessimist" = 29; "environmental pessimism" = 202; "environmental pessimist" = 30. Auch das sind erstaunlich geringe Zahlen angesichts der heftigen Debatte im englischsprachigen (Internet-)Raum über Umweltfragen allgemein und "Peak Oil", also den bevorstehenden Gipfel (und anschließenden Abfall) der Förderleistungen beim Erdöl.

Pessimist mag sich anscheinend dennoch niemand gern nennen (lassen).


Nachtrag vom 05.03.06:

Die Einsicht, dass es "eine" Natur nicht gibt, ist nicht neu. Z. B. definiert das Fachwörterbuch von "Erdkunde-Wissen" den Begriff wie folgt: "Natur --> ursprünglich der Totalbegriff für die "Gesamtheit der Dinge, aus denen die Welt besteht", der sich jedoch inzwischen in verschiedene Einzelbegriffe aufgelöst hat, die einer bestimmten Erfahrung über einen Bereich entsprechen, so daß die Erde N. sein kann, die Landschaft, die Umwelt. Manche N.-Begriffe können aber auch den Menschen mit umfassen." Ausführlicher ist, wie meist, die "Wikipedia".

Wahre Wissenschaft freilich gründelt schon längst nicht mehr im Flachwasser der begrifflichen Schelfzone, sondern treibt ungehemmt in den Abgründen der terminologischen Tiefsee.

Jutta Weber hat über "Umkämpfte Bedeutungen. Natur im Zeitalter der Technoscience" dissertiert, an der Universität Bremen. Auch wenn diese südlichen Nordlichter den Bremer Vulkan und das Space Center - den Space Park - in den Sand oder den Marschenschlick gesetzt haben: Die Produktion von geisteswissenschaftlichem Wissen läuft da oben offenbar noch auf vollen Touren.

Frau Weber z. B. hat erkannt, dass "Natur auch heute eine zentrale, wenn auch vehement umkämpfte Kategorie in den symbolischen Ordnungen gegenwärtiger Gesellschaften ist".
Da kann es nicht wundern, wenn sie "bedeutungsschwangere Umwälzungen der ontologischen Grundlagen der Technowissenschaften im Übergang von der Spätmoderne zur Technoscience" konstatiert. Den anscheinend millieuüblichen "radikalen De-Ontologisierungs- bzw. Entmaterialisierungsstrategien erkenntniskritischer Ansätze" erteilt sie mutig eine Absage. Denn sie hat erkannt, was wir schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten, dass sich nämlich "implizit und vielfach gebrochen in der radikalen Erkenntniskritik humanistischer Konzepte von Natur die posthumanistische Neukonfiguration von Natur durch die Technowissenschaften [reflketiert] und ... so ein Feld für konstruktive Ansätze [eröffnet], diese Entwicklungen zu begreifen, kritisch zu reflektieren und alternative Konzepte zum Mainstream der Technokultur zu entwerfen".
Kritisch, alternativ und gegen den Mainstream: das ist der "genuine[...], wenn auch unfreiwillige Beitrag [der Technowissenschaften?] zu einer kritischen Theorie der Natur und Technik".
Typen wie Jacques Derrida und Niklas Luhmann sind chancenlos gegen den "zeitgenössischen kritischen Begriff von Ontologie" dieser Naturbegriffsbetrachterin. Glaskar hat sie durchschaut, was unsereiner noch nicht einmal geahnt hatte: dass nämlich Derrida und Luhmann "zwar eine berechtigte Krtik des Essentialismus formulieren, aber ihre eigenen ontologischen Setzungen ... negieren bzw. verkennen".
Frau Weber hat jene "Anti-realistischen Tendenzen", welche "die Subjektivierung der Erkenntnis in der Moderne weiterhin radikalisieren" indem sie "das 'Außen', die Natur, ... in einer weiteren reflexiven Schleifen nach innen" nehmen, voll durchschaut, wenn sie konstatiert, dass "ihr ontologischer Ansatz ... gleichzeitig zu pragmatistischen und neopositivistischen Tendenzen" führt.
Ihnen ist das vielleicht egal, aber ich finde das einfach großartig, dass hier der Pragmatismus gemeinsam mit dem Neopositivismus auf den Misthaufen der Geschichte geworfen werden. Denn nur dort können sie eines Tages wieder auskeimen, wenn der Hahn kräht oder die intellektualistische Modeschöpfung sich wendet.
Gegenwärtig freilich gilt es, aus der
"Figur der Denaturaliserung"
die Grundlage herauszukitzeln für
"eine kritische Revision des aktuellen definitionsmächtigen Naturbegriffs der Technokultur".
Ehrlich gesagt, ist das gar nicht so schwer, und im Nachhinein kann ich überhaupt nicht begreifen, dass ich nicht selbst auf diese Lösung gekommen bin. Wir brauchen nämlich nur "der Denaturalisierung treu [zu] bleiben", müssen dabei aber "den traditionellen erkenntnistheoretischen Fokurs überschreiten", um "offensiv Erkenntnispolitik [zu] betreiben".
Entscheidend dürfte allerdings sein, dass wir "für eine Situierung des Wissens plädieren", denn dann fällt uns der "postessentialistische Naturbegriff" quasi in den Schoß - und wenn nicht, nehmen wir zumindest "erste Ausblicke" in diese Gegenden.
Ich hoffe, meine Leser fühlen sich genau wie ich nach der Austragung einer solchen terminologischen Geistesfrucht hinreichend erleichtert und zur Aufnahme weiterer tief tauchender Einsichten bevorreitet, denn jetzt treibt es die Technoscience knüppeldick oder tolldreist.
"Trotz des dynamisierten Naturbegriffs" und trotz ihrer "immer offener zu Tage tretenden konstruktivistischen Verfahren" verfolgt sie in ihren "rhetorischen Praktiken" "weiterhin eine naturalistische Repräsentationspolitik" mit welcher sie "die neue konstruktivistische und artefaktische Natur wiederum reifiziert".
Wer würde sich da nicht freudig dem Urteil der Autorin anschließen, dass hier "im Kontext der Beschleunigung der Technowissenschaftsentwicklung zu einem Technosymbolischen bzw. Technoimaginären" eine "mythische Selbstinszenierung der Technoscience" stattfindet?


Im Detail kann man das bei einer Analyse der Artificial Life-Forschung beobachten, deren Träume überhaupt nur "denkbar bzw. plausibel [werden] auf der Grundlage eines weiter radikalisierten informationstheoretischen Verständnisses von Leben bzw. Natur, das alte Dichtotomien wie Natur-Kultur, Mensch-Maschine transzendiert, aber interessanterweise altvertraute Dichotomien wie Inhalt-Form bzw. Information-Materie oder auch 'Geist-Körper' eher stabilisiert". Touché, kann ich da nur sagen!

Wen wundert es da noch, dass "gemäß der Logik des kulturalistischen Fehlschlusses, der u. a. die jeweilige aktuelle Technologie auf die Natur projiziert, ... nun die Funktionslogik der neuen postmodernen, chamäleonartigen Maschine namens Computer auch den Organismen zugrunde liegen [soll]", und dass "dies ... wesentliches Konstituens der posthumanistischen Natur der Technoscience [ist]"? Mich jedenfalls nicht, und wenn Sie jetzt vielleicht Mund und Nase aufsperren, dann kann ich Ihnen den Tadel nicht ersparen, dass Sie den Text einfach nicht adäquat rezipiert haben.

Zum Glück können wir uns indes aus diesem ganzen Schlamassel auf einfache Weise befreien. "Dies gelingt, indem es [d. h. unser Konzept] nicht das posthumanistische Naturkonzept affirmiert und unbesehen übernimmt, sondern im Rahmen transdisziplinärer Erkenntnislogik eine situierte Ontologie entwickelt, die um die eigenen ontologischen Voraussetzungen genauso weiß wie um diejenigen der Technoscience, aber auch die eigenen Erzählstrategien kritisch reflektiert, um den auktorialen Erzählgestus zu vermeiden, der die Situierung unterläuft." Beim "auktuorialen Erzählgestus" hätte ich beinahe das Handtuch geworfen oder "hilf, Samiel, hilf" gerufen; indes gab Google mir zum Glück / den Glauben an mich selbst zurück. Und so bin ich denn einleitungsschlussendlich der Erkenntnis teilhaftig geworden, dass solche "kritischen Reflexionen" uns "Möglichkeiten ... [eröffnen], Natur jenseits von Reifizierung und Hyperproduktionismus zu denken".

Wäre es Gesualdo Bufalino beschieden gewesen, dieses intellektuelle Natur-Ringen noch mit zu erleben, hätte er es sicherlich in seinem "Museum der Schatten" mit einem erstrangigen Plätzchen geehrt.
Es hat indes nicht sollen sein, und so konnte dieser terminologische Obskurantismus nur mit einer Spalte in meiner Blog-Nische gewürdigt werden. Er hat so etws rührend Obsoletes im Post-Science-Wars-Age, und dass die Dissertation sogar gewissermaßen handwerklich angefertigt wurde, obwohl doch die Scheinsinns-Produktion längst automatisch erledigt werden kann ["The essay you have just seen is completely meaningless and was randomly generated by the Postmodernism Generator. To generate another essay, follow this link."], macht sie dem Nostalgiker nur noch sympathischer.
Und was die Schatten angeht, seien Sie unbesorgt: so lange die Schamanisten-Fraktion der Zwei Kulturen ihre Begriffsrituale im gesellschaftlichen Bewusstsein als Wissen-schaffend positionieren kann, werden sich im Reiche Akademia schon schattige Plätzchen dafür finden.

Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. Nur scheint mir unsere Wissenschaftsförderung einen Hundefutterüberschuss zu produzieren.


Nachtrag vom 16.05.06:
Eine flüssig lesbare und weit ausgreifende "tour d'horizon" als Einstieg in das neue Fachgebiet der Umweltgeschichte bietet z. B. der Aufsatz (ursprünglich ein Vortrag) "Das Ausbleiben der Heringe". Ein Autor ist nicht angegeben, und die Webseite gehört dem "Verein für Geschichte des Weltsystems e. V." [klingt esoterisch, ist aber nur die Übersetzung der im anglophonen Sprachbereich durchaus etablierten historischen Forschungsrichtung des "World Systems Research" - vgl. dazu und speziell zur Welt-Umweltgeschichte auch eine Vielzahl von Textbeiträgen aus einer Tagung der Universität Lund/Schweden]. Ich gehe aber wohl nicht fehl in der Annahme, dass der Historiker Prof. Hans-Heinrich Nolte, Vorsitzender dieses Vereins, auch der Autor dieses Aufsatzes ist. (Den man direkt von der Homepage des Vereins allerdings nicht erreicht; zumindest habe ich keinen Weg gefunden. Da würde man sich eine mehr systematische Webseitenorganisation der Systemforscher wünschen.)

Im übrigen existiert sogar ein deutschsprachiges Portal http://www.umweltgeschichte.de/index.php. Der Inhalt ist freilich noch etwas dürftig, aber eine Chronologie der deutschen Umweltgeschichte zusammengestellt zu haben, ist schon ein verdienstvolles Unternehmen.


Nachtrag vom 18.01.07:
Da denke ich wunders, was ich entdeckt habe, mit meinen sechs Naturbegriffen - und muss nunmehr erschüttert lesen, dass "Robert Boyle, einer der Gründungsväter der modernen Naturwissenschaften, ... bereits im Jahre 1682 mehr als dreißig verschiedene Bedeutungen auf[zählte], die das Wort Natur haben konnte".
Solches, und einiges andere mehr, erfahren Leser und Leserinnen des Aufsatzes "Was ist Natur" von Rolf Sieferle. Sehr plastisch arbeitet der Autor die Geschichte und die gesellschaftliche Funktion eines Naturbegriffes heraus, ungefähr wohl desjenigen Begriffs, den ich oben unter Ziff. 3 isoliert hatte: "Natur" gedacht als und entwickelt aus dem Gegensatz zum Menschen bzw. Menschenwerk. Man macht sich nur selten unsere "polemische[n] Struktur der Rede von der Natur" bewusst. Wir verwenden (ich wandele hier seine Ausführungen ab, glaube aber, dem Sinn treu zu bleiben) den Gegensatz von Natur und Kultur, von natürlich und künstlich in ambivalenter Weise: "Natürlich ist, wie die Dinge sein sollten (nämlich nicht degeneriert), natürlich ist, wie die Dinge nicht sein sollten (nämlich nicht vernünftig)" fasst er die gängigen Diskurse über Mensch und Natur treffend zusammen. (Hervorhebungen von mir). Man könnte vielleicht noch ergänzen, dass diese Dichotomie so tief in uns allen verankert ist, dass man diese gegensätzlichen Positionen nicht nur bei unterschiedlichen Personen in der jeweils einen oder anderen Ausprägung findet, sondern dass wahrscheinlich jeder von uns je nach Zusammenhang die "Natur" mal positiv sieht, als ein Wahres, Schönes, Gutes, zu dem wir hinstreben bzw. zurückkehren sollten, dann wieder negativ als etwas Gefährliches, Böses, Primitives, dass wir durch menschliches Können überwinden sollten.

Der Essay von Rolf Sieferle hatte mich zunächst beeindruckt. Klar formuliert, flüssig geschrieben, kein Blabla. Mit etwas Abstand muss ich mir indes eingestehen, dass er mir einen konkreten Erkenntnisgewinn nicht gebracht hat.
Dass Abstraktionen wie "die Natur" (aber auch "die -anderen- Menschen") nicht durchgängig "gut" oder "böse" oder "schlecht" sind, weiß man ohnehin, auch wenn man es manchmal im Eifer der Rede vergisst. Schlimmer ist der Missbrauch derartiger Pauschalierungen im Interessengeleiteten Diskurs, auch wenn dieser Missbrauch - wie z. B. bei Crichton aus den logischen Widersprüchen seiner Begriffsverwendung deutlich wird - unbewusster Natur ist. Wie das funktioniert, und wie man das dechiffrieren kann, habe ich oben am Beispiel von Michael Crichtons Rede "Remarks to the Commonwealth Club" zu demonstrieren versucht. Erkenntnisgewinn scheint mir nur aus einer konkreten Arbeit dieser Art möglich. Sieferles Aufsatz bleibt dem gegenüber bei genauerem Hinsehen auf der Ebene einer gewissen feuilletonistischen Unschärfe.
Aber anregend zu weiterem Nachdenken ist er allemal.



Textstand vom 27.04.2008
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Freitag, 30. Dezember 2005
 
BEDARF - BEDÜRFNIS - BOTRYTIS?
Gestern sah ich in Frankfurt am Main vor einem jener Läden, wo es alles gibt, was man nicht braucht, eine Kiste mit Toilettenpapierrollen.

Nicht irgendwelche weißen, grauen oder farbigen Rollen, welche auf ihre rein subordinierte Funktion beschränkt sind: sondern vielmehr bedeutungsvoll bedruckte, anlassbezogen zum Neuen Jahr.
Schaut alle her, das bieten wir: Veritables Silvester-Klopapier!
Und einzeln verpackt in durchsichtige dünne Plastikbehälter, vergleichbar etwa jenen, welche auf den Tresen kleiner Bäckereien den Kindern die Dauerlutscher präsentieren.

Sie forderten aber für eine Rolle von Klopapier, eine jegliche von dieser Gestalt, einen Preis von vier Euro neunzig.

Il pesce puzza dal – ventre. (Vom Bauch der Städte aus!)


Nachtrag 18.02.06:
Als "Kontrastprogramm" empfehle ich die Lektüre des Textes "Wohnungselend einer städtischen Arbeiterfamilie um 1890".
Diesen und weitere interessante Quellentexte zur Alltagsgeschichte (mit Schwerpunkt auf Wohnen) von Tacitus bis heute fand ich heute bzw. können Sie finden auf der Webseite "Wie gewohnt".


Textstand vom 18.02.2006
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Dienstag, 20. Dezember 2005
 
Pssst, nicht verraten: Ein peinlicher Verbrecher!
HANDELSBLATT, Dienstag, 20. Dezember 2005, 11:40 Uhr

Titel:
Umfrage
Bush sammelt wieder Sympathiepunkte


"US-Präsident George W. Bush scheint sein Allzeit-Tief überwunden zu haben: Einer Umfrage zufolge hat er wieder mehr Rückhalt in der Bevölkerung für seine Politik - obwohl er sich auf einer Pressekonferenz erneut einen peinlichen Verbrecher leistete. "
[Link: http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1159452]

Wer war der "Verbrecher"?

"So sei Ende der 90er Jahre bekannt geworden, dass die Regierung Osama bin Laden auf die Spur gekommen sei, weil er ein spezielles Telefon benutzt habe. 'Und wissen Sie was passiert ist? Saddam ... Osama bin Laden änderte sein Verhalten', verhaspelte sich der US-Präsident."


Textstand vom 15.04.2007. Auf meiner Webseite
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Samstag, 17. Dezember 2005
 
DAS WEIHNACHTSWUNDER IN DER ÜBERDRUSSGESELLSCHAFT
Reimerei auf einen Weihnachtsmarkt- und Stadtbummel durch Wiesbaden
(es hätte aber auch irgend eine andere Stadt sein können):

DAS IST DAS WAHRE WEIHNACHTSWUNDER:
JEDES JAHR GIBT'S NOCH MEHR PLUNDER!
IN JEDEM JAHR GIBT'S AUCH MEHR SCH...... -
UND JEDES JAHR ZUM HÖH'REN PREISE!


Nachtrag vom Morgen des 18.12.05:
Es ist allerdings nicht jede Produktinnovation Schrott. Dass ich meinen neuen Elektrorasierer unter dem Wasserhahn reinigen kann - das erkenne ich dankbar als zeitsparend an!


Texstand vom 18.12.2005
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Freitag, 16. Dezember 2005
 
Stehlen en passant



Die Überschrift des Handelsblatt-Artikels vom 15. 12. 2005 wird nicht allzu viele Leser hinter dem Ofen hervor locken: "Bayern legt sich mit der Bankenaufsicht an" (anderer Link: http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1157030).
Dabei versteckt sich im Text eine ziemlich brisante Information:
"Nach Angaben des bayerischen Bankenverbandes sind alleine im ersten Quartal 2005 netto 150,4 Mrd. Euro aus Deutschland nach Österreich und in die Schweiz abgeflossen", heißt es da.

In etwa bestätigt das der Wikipedia-Eintrag zu "Kapitalflucht" (Stand 16.12.05), wo die Zahl von 150 Mrd. € allerdings für die Gesamtabflüsse genannt wird, nicht lediglich diejenigen nach Österreich und in die Schweiz. Wenn es dort allerdings beruhigend heißt:
"Wenn teilweise Milliardenbeträge aus Deutschland auf luxemburgische Konten gebracht werden, dann geht damit keineswegs Investivkapital verloren, wie gelegentlich behauptet wird. Dies wird deutlich, wenn man sich fragt, wo in dem kleinen Staat Luxemburg solche Milliardenbeträge zinsträchtig angelegt werden sollten. Stattdessen ist vielmehr damit zu rechnen, dass dies wieder in Deutschland geschieht. Eine entscheidende Rolle spielt somit der Wirtschaftskreislauf",
dann frage ich mich, wie der unterstellte Kapitalrückfluss rein statistisch erklärbar sein soll, wenn es sich doch bei dem Kapitalexport um Netto-Abflüsse handelt??? Ich denke, man muss davon ausgehen, dass dieses Kapital wirklich aus Deutschland abgezogen wurde und jedenfalls derzeit (irgendwann könnte es natürlich repatriiert werden) hier für die Wirtschaft nicht verfügbar ist.

Möglich ist ein solcher Kapitalabzug letztlich nur durch unseren immensen Exportüberschuss, auf den viele (allerdings nicht dieser Blogger) so stolz sind. Mit anderen Worten: während die orthodoxen Wirtschaftswissenschaftler uns ermahnen, Lohnzurückhaltung zu üben, damit Deutschland konkurrenzfähig bleibt, vor allem aber damit die Kapitalbesitzer investieren können, schleppen Geldsäcke ihre uns abgepressten Mittel ins Ausland (und können das sogar nur deshalb in diesem Umfang tun, weil wir auf dem Weltmarkt mit unseren Produkten – allzu – konkurrenzfähig sind).
Ich sehe zwar nicht, auf welche Weise man diesem Übel abhelfen könnte (sicherlich nicht mit marxistischen Rezepten).
Aber die Sache stinkt gewaltig!
Wenn es wirklich so ist, dass wir Lohnverzicht üben, um Investitionen zu ermöglichen, dann müssten man konsequenter Weise auch formulieren, dass die Kapitalbesitzer jenes Kapital, was sie nicht reinvestieren (und auch nicht konsumieren) unterschlagen. Ich habe aber von der Mainstream-Nationalökonomie eine solche Meinung noch nicht gehört und werde sie wohl auch nicht hören.

Übrigens, hochgerechnet auf das ganze Jahr summiert sich ein Quartalsexport von 150 Mrd. € im Jahr auf 600 Mrd. €. Der ganze Bundeshaushalt verbraucht nur (2004) ca. 260 Mrd. € (so jedenfalls der Haushaltsplan; aber auf ein paar Mrd. mehr oder weniger kommt es im vorliegenden Zusammenhang ohnehin nicht an). Mit anderen Worten: der Kapitalexport hat, wenn er in diesem Umfang weiterging (-geht), mehr als das doppelte Volumen des gesamten deutschen Bundeshaushalts.

Die Steuerlast ist also in Deutschland offenkundig keineswegs so hoch, dass sie die Investitionen strangulieren würde.
Die werden wahrscheinlich u. a. durch den Kapitalexport selbst stranguliert, weil dieser dem Land Kaufkraft entzieht. Ganz schön beschissen, gelle? Werden wir!
Und auf diese Weise (wie auch direkt, soweit es sich um Erträge aus Steuerhinterziehung handelt) strangulieren die Kapitalexporte sogar den Staatshaushalt.


Textstand vom 16.12.2005
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Donnerstag, 15. Dezember 2005
 
Wort-Schlemmer


Durch die Welt wälzt sich der Schlammstrom der Worte. Manches ist Nilschlamm, anderes Nihil-Schlamm.


Textstand vom 15.12.2005
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Mittwoch, 14. Dezember 2005
 
LUHMANNIA oder ES BLITZT
Auch wenn ich mich mit den Vorstellungen von Niklas Luhmann über "Kausalität im Süden" nicht so recht anfreunden kann (vgl. meinen Blog-Eintrag vom 06.12.05): 'blitzgescheit' war der Mann allemal.
Deshalb habe ich aus dem Interview "Wahrheit ist nicht zentral" einige Sentenzen extrahiert, von denen ich glaube, dass ich sie im Gedächtnis behalten sollte. Da mein geistiges "information storage and retrieval-system" freilich nicht das leistungsfähigste ist, und weil ich einen Zettelkasten weder in Papierform noch als PC-Programm besitze, lege ich sie hier im Blog ab.
Da haben dann vielleicht auch etwaige Leser einen Nutzen davon.


Gegen die gedankenlose Verwendung des Begriffs "Krise" für alles und jedes:
"Ich bezweifle, dass die Politik tatsächlich in einer Krise steckt. Denn Krisen würden ja auch irgendwann beendet sein. Übrigens ist das bei der Rede von einer Kirchenkrise oder einer Krise der Familie ganz dasselbe. Alle diese Bereiche mögen neuen Bedingungen unterliegen, aber ich glaube nicht, dass das Krisen sind."
[Zur Geschichte des Krisenbegriffs gibt es Informationen im "Dictionary of the History of Ideas"]

Über den Spielraum von Politik (den wir Bürger/Wähler meist gewaltig überschätzen):
"Die heutige Politik ist ja zwischen Richtern und öffentlicher Meinung eingeklemmt. Ihr Spielraum besteht aus dem, was das Verfassungsgericht zulässt und was die Öffentlichkeit als Resonanz gibt."

Zum möglichen Wahrheitsgehalt einer Kommunikation unter Zeitdruck:
"Ich denke, dass eine Kommunikation, die auf Wahrheit spezialisiert ist, nicht unter Zeitdruck stehen darf. Man weiß ja nicht, wie lange man prüfen muss. Schon im 17. Jahrhundert gab es übrigens ein Theaterstück über einen Menschen, der eine Zeitung gründete, die jede Woche erscheinen sollte. Im Fortgang der Handlung wurde dann gefolgert, dass da nur Lügen drin stehen können, denn, so dachte man damals, es passiert ja nicht jede Woche etwas."

Zur gewissermaßen 'wahrheitsunabhängigen' Funktion von Medien:
"Was in den Medien und der öffentlichen Meinung reproduziert wird, ist eher ein Verständnis für Themen oder, wie ich sage, frames. In dem Sinne, dass man überhaupt weiß, dass es Umweltverschmutzung gibt. Ob die konkrete Meldung nun zutrifft oder nicht, jedenfalls hat sie einen Kontext, in dem sie weiterbehandelt werden kann. ... Was Medien leisten, ist, Verständnis für Themen herzustellen."

Warum er kein Fernsehgerät besaß:
"Ich selbst habe übrigens gar keinen Fernseher, da finde ich sowieso kaum etwas und habe auch gar nicht die Zeit dazu."

Ergänzung vom 20.12.05:

Interessante Zitate aus einem in 2 Teilen gesendeten Interview von Dr. Wolfgang Hagen für Radio Bremen aus dem Jahr 1997 (das Interview ist auf der Webseite von Radio Bremen auch als Audio-Datei verfügbar):

Teil I (http://www.radiobremen.de/online/luhmann/es_gibt_keine_biographie.pdf)

[Nachtrag 25.07.2008: Übrigens können wir uns glücklich schätzen, dass Luhmann seine Kriegsgefangenschaft überlebt hat. Er war offenbar in einem der sogenannten "Rheinwiesenlager" interniert (in dem hier verlinkten Wikipedia-Artikel wird in der Liste der Rheinwiesenlager ausdrücklich auch ein solches bei Ludwigshafen erwähnt) und sagt darüber u. a. (in dem o. a. 1. Teil des Interviews): "Wir hatten nachher in den Rheinauen in der Nähe von Ludwigshafen so Abteilungen, jeweils tausend Leute in einer Abteilung, und dann die nächste, und da gab es immerhin einen Toten pro Tag von tausend. Wo die alle begraben sind, das weiß ich auch nicht. Ich meine, einfach verhungert, nicht wahr, Erschöpfung, vor allem ältere Leute."]

Teil II (http://www.radiobremen.de/online/luhmann/realitaet_der_massenmedien.pdf)


1) Psychologischer Ausgangspunkt für Luhmanns Theoriebildung:

Also ich denke, dass mein Ausgangspunkt immer ist: ein Defizit in der gegenwärtigen intellektuellen Landschaft, was immer wieder dazu führt, dass einzelne Gesichtspunkte hochgezogen werden, und dann also für das Ganze verkauft werden. Da spricht man von der Risikogesellschaft oder von der Informationsgesellschaft, wenn man meint, das alles über den Computer besser begreifen zu können, oder die Verteilungsungerechtigkeit des wirtschaftlichen Wohlstandes als das Zentralproblem der modernen Gesellschaft. Aber wie kommt es zu diesem Urteil? Die Frage ist: Wieso weiß jemand, dass es darauf ankommt und auf nichts anderes. Und ich finde, dass das gegenüber den möglichen intellektuellen Ansätzen einfach unzureichend ist, und man das besser machen könnte.


2) Zielsetzung von Luhmanns Theoriebildung:

An sich habe ich natürlich schon den Eindruck, das Gefühl und auch den Willen, das zu bekennen, dass die Theorie etwas leistet: Ein besseres, komplexeres Verständnis der modernen Welt.


3) Kommentare Luhmanns zum Zeitgeist:

Frage:
Denn die anderen haben es ja vorweg schon beantwortet, dass sie, sozusagen in Anführungszeichen, bestimmte Haltungen mitteilen, die, wenn man sich mit ihnen identifiziert, Heilung bringen.

Antwort Luhmann:
Das sehe ich einfach nicht, oder ich sehe es nur als eine Spätfolge von, sagen wir mal, Phantomschmerzen, die man im 19. Jahrhundert mit Sinnverlust und, was weiß ich, Entfremdung und Ausbeutung und all diesen Begriffen. Die reagierten auf eine komplette Veränderung der Gesellschaftsstrukturen um 1800, also die Ermordung des Königs, die Beschäftigung der Leute außerhalb der Häuser; Schulen, Fabriken, Büros usw. usw. Es hat also so viele Brüche gegeben in der Tradition, dass infolgedessen gleichsam so eine Formulierung wie Sinnverlust oder Mangel an Selbstverwirklichung oder Emanzipation (was immer das dann bedeuten kann) auftaucht. Aber das ist keine ausreichende Grundlage, das ist also eine Art von Reaktion auf etwas, was in der Reaktion nicht begriffen wird.

[Eigener Kommentar dazu: Letztlich ist auch das ("Reaktion ...") ein geistesgeschichtliches Verständnis dieser Erscheinungen. Die soziologische Frage wäre aber doch wohl eher, welche Funktionen diese Reaktionen im System haben könnten?]


Frage:
Sie haben Phantomschmerzen gesagt, das ist ja ein interessanter Begriff.
L:
Ja, weil es auch Mutation war. Früher war man in der Gesellschaft geborgen und aufgehoben und hatte seinen Platz, einen guten oder schlechten. Und das ist jetzt vorbei, und genau deshalb kommt diese Klage - Sinnverlust, Orientierungsverlust und so etwas.

[Eigener Kommentar dazu: Dieses "Früher hatte man seinen Platz in der Gesellschaft ..." hat man nun schon allzu oft gehört. Ob die Dynamisierung des sozialen Gefüges aber wirklich zur Begründung derartiger Gedanken oder geistiger Strömungen taugt? Könnte nicht etwas anderes – aber was? – dahinter stecken? Beispielsweise das Unbehagen jener, die früher ihren Platz automatisch oben in der Gesellschaft hatten, jetzt aber einen solchen Platz erst erkämpfen oder behaupten müssen? Denn warum sollten diejenigen, die früher einen schlechten Platz in der Gesellschaft hatten bzw. gehabt hätten, diesem nachtrauern bzw. diesen Zustand wieder herbeisehnen?]




Teil II = http://www.radiobremen.de/online/luhmann/realitaet_der_massenmedien.pdf


4) Über Kommunikation und Realität:

Und dass wir die Realität, so wie sie wirklich ist, wenn es so etwas überhaupt gibt, nicht in die Kommunikation einbauen können, weil das immer eine Auswahl erfordert, das ist auch klar. Insofern: der Einwand vermisst etwas, was es nicht geben kann aus meiner Sicht, nämlich eine direkte Übernahme von Realität, was immer das ist, in Kommunikation. .....
Die eigentliche Frage des Konstruktivismus ist ja letztlich nicht so eine punktuelle, stimmt es oder stimmt es nicht, so eine Frage, wo wollen wir etwas unterscheiden, was ist eigentlich der Kontext, in dem irgendwas profiliert wird. ..... Man könnte in Los Angeles ja ganz andere Sachen sehen als Rassenunruhen und könnte technische Wunderleistungen oder was immer oder die Verkehrsströme oder das Klima oder was immer beobachten, und die Hintergrundthese ist, dass also alles, was wir beobachten, bezeichnen, beschreiben, immer über Unterscheidung läuft. Es gibt immer eine andere Seite, die nicht berichtet wird.

Frage:
Und deswegen schon ist der Wahrheitsanspruch falsch.

L:
Ja, wenn man ein traditionelles Verständnis zugrunde legt, eine Korrespondenztheorie oder so etwas hat. Aber wenn man generell konstruktivistisch denkt..., es kann nur so laufen, und was von Wahrheit verlangt werden kann, ist eigentlich je nach dem System verschieden. Also in der Wissenschaft wäre das etwas anderes.
...............
... Ich meine, die Theorie reflektiert den Konstruktivismus sozusagen, dass es eine Konstruktion ist, und sagt aber zugleich, dass das nur funktioniert, wenn man das nicht ständig reflektiert. Dass man also natürlich, wenn man Zeitung liest, annimmt, das, was da steht, stimmt oder allenfalls den Ausschnitt oder etwas anderes etwas mehr beleuchtet haben möchte...

Frage:
Finden Sie das nicht schrecklich? Finden Sie diese Art der offensichtlich notwendigen Konstruktion von kommunikativen Systemen nicht schrecklich?

L:
Nein. Wenn ich sehe, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, Welt wahrzunehmen, als über Berichte, die immer etwas beleuchten, etwas unbeleuchtet lassen, immer ein“ marked“ und ein „unmarked space“ erzeugen...


5) Persönliches: Warum kein Fernsehgerät?

Frage:
... warum haben Sie keinen Fernseher?

L:
Weil in den wenigen Momenten, wo ich Zeit habe, nie irgendwas kommt, was mich interessiert.

Frage:
Es gibt also kein prinzipiellen Ausschlussgrund ...

L:
Nein, nein.

Frage:
.. diesem Medium gegenüber?

L:
Nein ... . Was nachteilig ist, ist, dass es alles sequentiell läuft ... während man bei Zeitungen ja sich raussuchen kann: ich lese jetzt nur noch die Börsennachrichten ... oder ich lese Politiknachrichten, aber nicht ... usw. Man kann ... also sich Schwerpunkte wählen und auch den Zeitpunkt bestimmen, in dem man etwas liest. Das ist eine sehr persönliche Teilnahme an Kommunikation entgegen allem, was man von Massenmedien hört. Man wählt sehr persönlich aus, den Zeitpunkt, den Ausschnitt usw., und das ist nicht vorgegeben durch die Drucktechnik. Aber es ändert nichts daran, dass ..., was immer man auswählt, man wieder in die Konstruktion einer Welt hineingesogen wird.


6) Menschenbild, Liberalität:

Frage:
Kann Ihre Theorie niemals Aussagen darüber machen, welche Systeme, auch Teilsysteme der Gesellschaft gut für den Menschen sind und welche schlecht?

L:
Den Menschen, welchen Menschen? ...
... ich wüsste nicht, wie ich Kriterien finden könnte, die mir sagen, was gut für den Menschen ist und was nicht gut für den Menschen ist. Da bin ich zu individualistisch orientiert. Für einen ist es gut, für den anderen ist es nicht gut,


7) Über Evolution:

Also, das einzige, was mir dazu einfällt, sind sehr allgemeine Aussagen wie etwa, dass etwas an sich Unwahrscheinliches wahrscheinlich gemacht wird.

(Der Interviewer und Luhmann so zu sagen "im Duett"):
Frage:...die Tendenz von Evolution zusammengefasst, ist die, dass ...L:... dass etwas ...Frage: ... dass etwas Unwahrscheinlicheres ...L: ... wahrscheinlich wird.

L:
... situativ, spezifisch wahrscheinlich wird. Es wird auch manchmal gesagt, dass Komplexität ... Aber da muss man natürlich sagen, dass neben den komplexeren Sachen immer auch die alten, die nicht komplexen Sachen überleben. Es gibt Salamander mit Schleuderzungen und solche ohne Schleuderzungen, und ...

Frage:
Das heißt, Sie gehen von der Annahme aus, dass Komplexität zunehmen wird.

L:
Dass es auch komplexere Arrangements geben wird; nicht, dass sie ein durchschlagender Überlebensvorteil ist, so dass alles andere verschwindet. Das ist ja auch also empirisch, in der biologischen Evolution einfach nicht zu belegen.

Frage:
Aber was ist das Evolutionsmoment daran, dass etwas Unwahrscheinliches wahrscheinlicher wird?

L:
Das ist ein Resultat von Evolution, und das hängt offensichtlich mit größerer Komplexität und größerer Spezifikation zusammen.

Frage:
Wo kommt die Triebkraft dafür her?

L:
Das passiert.

Frage:
... aus dem System?

L:
Ja, irgendwas hält sich, was zufällig ..., was zufällig entstanden ist, hat eine hohe Reproduktionswahrscheinlichkeit bekommen. Also Evolution ist die Umformung von Entstehungsunwahrscheinlichkeit in Erhaltenswahrscheinlichkeit
[Hervorheb. v. mir], wenn man es mal so ausdrücken will.


8) Luhmanns Ressourcenpessimismus:

Frage:
Das heißt, Sie halten von Theorien, die davon ausgehen, dass die Ressourcen nicht ausreichen, um diesem Typ von hochentwickelten Gesellschaften weiterhin Bestand zu geben, und ähnlichen mit negativen Untergangsphantasien konnotierten Visionen nichts?

L:
Ich würde vorsichtiger sein. Also es gibt Sektoren, Energieproduktion ist einer von denen ... Werden wir immer genügend Energie-, verbrauchende Energieproduktion haben, um die gesamte Wirtschaft damit beliefern zu können? Da bin ich nicht sicher.

Frage:
Und was passiert dann, wenn wir das irgendwann nicht mehr haben?

L:
Dann gibt es Kollapse noch und noch. Dann kriegt man also plötzlich das Haus nicht mehr geheizt oder den Wagen nicht mehr betankt, und dann müssen sich irgendwie Lösungen einspielen, die auf einem geringeren Grad eine Zufriedenheit und ...

Frage:
... Komplexität ...

L:
Ja, ja.

Frage:
Das halten Sie für durchaus möglich?

L:
Ja, also vor allen Dingen im Energiesektor, nicht so ganz generell. Aber ich weiß nicht, wie man wirklich ..., ob man ..., ob es technologisch absehbar ist, eine laufende Reproduktion von Energie in dem Maße, wie wir es heute brauchen, sicherzustellen - technisch, wenn es mal kein Öl mehr gibt und keine Kohle usw.



Im übrigen enthalten beide Interviewteile noch einige Zitat zu Entwicklungsfragen, die für mich im Zusammenhang mit Luhmanns Aufsatz "Kausalität im Süden" (vgl. mein Blog-Eintrag v. 06.12.05) von Interesse waren. Deren Wiedergabe reserviere ich aber für eine hoffentlich bald mögliche intensivere Beschäftigung mit diesem Aufsatz.

Nachtrag vom 26.12.05: Zahlreiche Nachrufe auf sowie einige andere Texte über Luhmann findet man, wenn man auf einer Webseite mit der URL http://www.soziale-systeme.de/docs/sosydebfl001.pdf die Nummern der Dokumente "abschreitet", also statt der "001" die "002" usw. eingibt (derzeit geht es, wenn ich nicht irre, bis Nr. 28). Ein Dank an denjenigen, welcher die Texte dort abgespeichert hat!

Nachtrag vom 27.12.05: Vier "Freiburger Reden" (Vorträge über Luhmann) von Baecker, Bolz Fuchs und Sloterdijk sowie eine Einführung in den Begriff der Kommunikation bei L. hat Dr. Franz Josef Witsch-Rothmund unter http://www.uni-koblenz.de/~dkwitsch/page1d.html ins Internet gestellt; darin findet man auch (auf der gleichen Seite mit dem Vortrag von Sloterdijk) den Text von Raffaele De Giorgi "Niklas Luhmann Die Zukunft des Gedächtnisses".

Nachtrag vom 29.12.05: Ein hilfreiches Glossar zur Luhmannschen Begriffswelt gibt es auf der Webseite der Uni Essen. Ebenfalls sehr hilfreich (teilweise ausführlicher und im übrigen weiter ausgreifend) ist auch ein Streifzug durch die Wikipedia (hier das Stichwort "Luhmann").

Nachtrag vom 01.01.2006: Hier gibt es offenbar 19 Stunden Luhmann-Vorlesung als "torrent"-Datei anzuhören. Für Leute, die sich mit "torrents" auskennen ... . Ich gehöre leider nicht dazu.

07.01.06: Etwas verfremdet finden wir unseren Helden hier wieder (nämlich als "Nicras Roux Man" - :-) ). Da hat das Übersetzungssystem sich selbst überlistet. Dass die Ostsasiaten kein "R" sprechen können und unser "R" zum "L" machen, wissen wir ja (vgl. hier das Stichwort "Schweinelippen"). Aber dass umgekehrt jedes japanische "L" in den westlichen Sprachen ein "R" sein muss, ist ein klarer Fall von "faulty logic".




Nachtrag vom 28.10.2006

Zwei Beispiele für Luhmanns trockene bis bissige Realitätsbeschreibungen [aus "Was ist Kommunikation? N. Luhmann in: Simon, F. B. (Hg.) Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie. Berlin u. a.: Springer 1988"]:

"... selbst wenn man endlich einen Parkplatz gefunden hat und nach langen Fußmärschen das Café erreicht hat, wo es in Rom den besten Kaffee geben soll und dann die paar Tropfen trinkt ..."

"Was das Bewußtsein sich dabei [bei der Kommunikation über Werte] denkt, ist eine ganz andere Frage. Wenn es versiert ist, wird es wissen, daß Wertkonsens ebenso unvermeidlich wie unschädlich ist. Denn es gibt keinen Selbstvollzug der Werte, und man kann alles, was sie zu fordern scheinen, im Vollzug immer noch entgleisen lassen, im Namen von Werten natürlich."

Zentral für Luhmanns Denken ist wohl der Systembegriff. Deshalb dürfte der folgende Auszug aus der gleichen Textquelle zu diesem Thema für sein Verständnis hilfreich sein:

"... der Ansatz [zum "Verständnis von Kommunikation"] betont die Differenz von psychischen und sozialen Systemen. Die einen operieren auf der Basis von Bewußtsein, die anderen auf der Basis von Kommunikation. Beides sind zirkulär geschlossene Systeme, die jeweils nur den eigenen Modus der autopoietischen Reproduktion verwenden können. Ein soziales System kann nicht denken, ein psychisches System kann nicht kommunizieren. Kausal gesehen gibt es trotzdem immense, hochkomplexe Interdependenzen. Geschlossenheit heißt also keinesfalls, daß keine Wirkungszusammenhänge bestünden oder daß solche Zusammenhänge nicht durch einen Beobachter beobachtet und beschrieben werden könnten. Nur muß die Ausgangslage der autopoietischen Geschlossenheit in diese Beschreibung eingehen. Das heißt: man muß der Tatsache Rechnung tragen, daß Wirkungen nur durch Mitvollzug auf Seiten des die Wirkungen erleidenden Systems zustande kommen können. Und man muß berücksichtigen, daß die Systeme füreinander intransparent sind, sich also wechselseitig nicht steuern können." [Hervorhebung von mir]

Nachfolgenden Text kann man wohl als Beispiel dafür anführen, dass er auch mit der Methode der Introspektion arbeitet [ob nur zum Zwecke von Erläuterungen oder auch zum Erkenntnisgewinn - darüber bin ich mir noch nicht im Klaren]. Ich zitiere diese Passage hier nicht wegen ihrer Funktion im Luhmannschen Denken überhaupt oder im konkreten Argumentationszusammenhang des Aufsatzes von L., sondern weil ich mein eigenes Erleben, wenn ich beim Schreiben [beim Sprechen hat man keine Zeit, das zu reflektieren, zumindest ich habe beim Sprechakt dafür keine geistigen Datenverarbeitungskapazitäten frei] um das richtige Wort, ein treffendes Bild usw. ringe. Luhmann spricht mir hier also aus der Seele:

"... schon bei einer geringen Aufmerksamkeit auf das, was wir selbst sagen, wird uns bewußt, wie unscharf wir auswählen müssen, um sagen zu können, was man sagen kann; wie sehr das herausgelassene Wort schon nicht mehr das ist, was gedacht und gemeint war, und wie sehr das eigene Bewußtsein wie ein Irrlicht auf den Worten herumtanzt, sie benutzt und verspottet, sie zugleich meint und nicht meint, sie auftauchen und abtauchen läßt, sie im Moment nicht parat hat, sie eigentlich sagen will, und es dann ohne stichhaltigen Grund doch nicht tut. Würden wir uns anstrengen, das eigene Bewußtsein wirklich in seinen Operationen von Gedanken zu Gedanken zu beobachten, würden wir zwar eine eigentümliche Faszination durch Sprache entdecken, aber zugleich auch den nichtkommunikativen, rein internen Gebrauch der Sprachsymbole und eine eigentümlich-hintergründige Tiefe der Bewußtseinsaktualität, auf der die Worte wie Schiffchen schwimmen, aneinandergekettet, aber ohne selbst das Bewußtsein zu sein, irgendwie beleuchtet, aber nicht das Licht selbst.
Diese Überlegenheit des Bewußtseins über die Kommunikation (der natürlich in umgekehrter Systemreferenz eine Überlegenheit der Kommunikation über das Bewußtsein entspricht) wird vollends klar, wenn man bedenkt, daß das Bewußtsein nicht nur mit Worten oder vagen Wort- und Satzideen, sondern nebenbei und oft vornehmlich mit Wahrnehmung und mit imaginativem Auf- und Abbau von Bildern beschäftigt ist.
"

In dem Sammelband verschiedener Autoren, in welchem Luhmanns Beitrag erschienen ist, geht es um Therapie. Auf diesen Aspekt geht er am Schluss mit einigen Bemerkungen ein, von denen ich noch nicht recht weiß, was ich daraus machen soll (oder was man damit anfangen könnte), die mir aber doch wichtig erscheinen und die ich deshalb hier für mich [aber vielleicht findet auch der/die eine oder andere Leserin diese Überlegungen von L. "anschlussfähig" für eigenes fruchtbares Weiterdenken?] festhalte:

"Die Kommunikation läßt sich, anders gesagt, durch Bewußtsein stören und sieht dies sogar vor; aber immer nur in Formen, die in der weiteren Kommunikation anschlußfähig sind, also kommunikativ behandelt werden können. Auf diese Weise kommt es nie zu einer Vermischung der Autopoiesis der Systeme und doch zu einem hohen Maß an Co-Evolution und eingespielter Reagibilität.
Ich bin mir im klaren darüber, daß diese Analyse noch keineswegs ausreicht, um zu beschreiben, was wir als pathologischen Systemzustand erfahren. Das wechselseitige Rauschen, Stören, Perturbieren ist, von dieser Theorie her gesehen, ja gerade der Normalfall, für den eine normale Auffang- und Absorptionskapazität bereitsteht, sowohl psychisch als auch sozial. Vermutlich entsteht der Eindruck des Pathologischen erst, wenn gewisse Toleranzschwellen überschritten sind, oder vielleicht könnte man auch sagen: wenn die Gedächtnisse der Systeme hierdurch in Anspruch genommen werden und Störungserfahrungen speichern, aggregieren, wiederpräsentieren, über Abweichungsverstärkung und Hyperkorrektion verstärken und mehr und mehr Kapazität dafür in Anspruch nehmen. Wie dem auch sei: Von der theoretischen Position aus, die ich versucht habe zu skizzieren, müßte man psychische und soziale Pathologien deutlich unterscheiden und vor allem vorsichtig sein, wenn man die eine als Indikator oder gar als Ursache für die andere ansehen will."
[Hervorhebung von mir]


Nachtrag 29.07.09
Ein gewisser Alexander Filipovic hat in seinem Blog "Geloggd" -4- Luhmann-Videos von YouTube eingestellt. Habe sie selbst aus Zeitmangel nicht angeschaut; verlinke sie jedoch hier zu Nutz und Frommen meiner Leser/innen.

In der Internetzeitschrift "FiFo Ost" steht ein längeres Interview mit Niklas Luhmann online, dass Andreas Otteneder und Hermann Schubert im Sommer 1994 geführt haben. Auch das kann ich selbst momentan nicht lesen, obwohl es (wie vermutlich alle Luhmann-Interviews) sehr interessant zu sein scheint.





Textstand vom 29.07.2009
Gesamtübersicht der Blog-Einträge auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm

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Freitag, 9. Dezember 2005
 
Dada in der U2
Vielleicht war dieser Barbiere di Francoforte sul Meno schon allzu lange nicht mehr in seiner Heimat?
Jedenfalls wirbt der Frankfurter Coiffeur "Il Cavallino" (Inhaber Giuseppe Alfano) auf einem Scheibenaufkleber in der U-Bahn mit folgendem surrealistischen Text:

"Der Friseur im italienischen Stil mit Espresso è Musica italiana."

Oder hat ihm ein dadaistischer deutscher Werbetexter oder Plakatgestalter den "accento grave" auf's "e" gedrückt?



Textstand vom 15.04.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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Dienstag, 6. Dezember 2005
 
NIKLAS LUHMANN, DER ITALIENISCHE MEZZOGIORNO und DIE DIDAKTIK DES RELIGIONSUNTERRICHTS
Die Bestände der Bielefelder Stadtbücherei waren, jedenfalls in den 60er Jahren, nicht sonderlich gehaltvoll. So griff ich, als ich mich irgendwann während meiner Schulzeit einmal für das Thema "Didaktik" interessierte (Feindaufklärung :-)?), in meiner Verzweiflung u. a. zu einem Buch über die Didaktik des Religionsunterrichts.

Weder an den Titel noch an den Autor erinnere ich mich; auch nicht im Detail an den Inhalt. Das Buch war aber eine Dissertation (oder aus einer Dissertation heraus entstanden), in der es um einen sogenannten "didaktischen Dreischritt" ging. Um welche Schritte, das habe ich längst vergessen. Jedenfalls hatte der Verfasser so ungefähr 200 Schriften zu diesem Thema untersucht aus ca. 150 Jahren (ich glaube, das einschlägige Schrifttum setzte um ca. 1800 ein) und kam zu dem Schluss, dass die dort vorgeschlagenen Formen der Religionsdidaktik sämtlich auf einen Dreischritt hinauslaufen.

Am Schluss machte er selbst einen Vorschlag, wie man die christlichen Glaubenslehren ganz anders vermitteln könne, eben ohne diesen bewussten Dreischritt. Auch insoweit erinnere ich mich nicht an Details, sondern nur daran, worauf mir bei der Lektüre auch die Vorstellungen des Verfassers eindeutig hinauszulaufen schienen: auf einen Dreischritt!

An diesen Sachverhalt erinnere ich mich wieder und wieder, wenn irgend jemand (ggf. auch ich selbst) Weisheiten mit vermeintlich fundamentalem Neuigkeitswert von sich gibt, die aber, bei genauer Betrachtung, nur neuer Wein in alten Schläuchen sind.


Gedankensprung zu Niklas Luhmann.
Nachdem ich ihn mit lokalpatriotischem Eifer für Bielefeld gegen München vereinnahmt habe (siehe: "PISTOLE ODER DEGEN? ICH FORDERE SATISFAKTION") erschien es mir nicht unpassend, endlich mal etwas von ihm und über ihn zu lesen. Glücklicher Weise muss man in Internet-Zeiten nicht mehr dicke (oder auch dünnere) Bücher wälzen, um zumindest einen ersten Eindruck zu bekommen. Zwar liegt der 1. Teilband von "Die Gesellschaft der Gesellschaft" seit einem unbedachten Flohmarktkauf in meinem Bücherschrank herum, doch müssen zum Einstieg einige Aufsätze genügen:

"Das Medium der Religion. Eine soziologische Betrachtung über Gott und die Seelen"
und
"Entscheidungen in der "Informationsgesellschaft"

sind recht abstrakt. Zwar stellt sich ohnehin die Frage, ob ich überhaupt Texte von Luhmann verstehen kann, oder ob ich nur glaube, das eine oder andere daraus zu verstehen. Stellenweise geht es mir tatsächlich wie bei der Betrachtung eines Bildes des bekannten Schwarz(über)malers Arnulf Rainer. Wie weiß ich, was drunter ist, und ob überhaupt was? Und welche Botschaft kann ein unsichtbarer Untergrund eines Bildes überhaupt transportieren – außer der sozialen Botschaft einer Inklusion jener, die daran glauben und umgekehrt der Exklusion der Banausen?
Ganz sicher bin ich mir bei manchen Passagen wirklich nicht, ob sie Sachverhalte kommunizieren, die mir intellektuell oder mangels einschlägiger Kenntnisse (noch) nicht zugänglich sind, oder ob ihr Informationsgehalt nicht stellenweise gegen gegen Null geht.
Indes: wenn ich nicht glauben würde, von Luhmanns Aufsatz

Kausalität im Süden

wenigstens das eine oder andere verstanden zu haben, würde ich nicht darüber schreiben. In diesem Aufsatz ist er gewissermaßen zu uns einfachen Menschen auf die Erde herab gestiegen. Ob er sich bei Abfassung des Artikels gerade (wieder) in der "Terra d’Otranto" aufgehalten hat, weiß ich nicht. Dass er aber dort, nämlich im " Barock-Athen" (Ferdinand Gregorovius) Lecce, an der Universität tätig war, ist gewiss (vgl. Einleitung S. 16 von "Die Gesellschaft der Gesellschaft").

Was ich an biographischen Informationen über Luhmann im Internet finden konnte, gibt zur Chronologie seiner Italienaufenthalte leider nichts her. Immerhin entnehme ich dem "testimonial" [gute Idee übrigens, diese Art von persönlichen Erinnerungen ins Netz zu stellen!] von Javier Torres, Chicago Illinois, USA (07.07.2002), dass Luhmann bereits 1992 über seine Arbeit in Lecce sprach. D. h. er war schon dort gewesen, bevor er diesen Aufsatz schrieb.

Erster Einschub:
Bei Luhmann kann man sich wohl nie ganz sicher sein, ob er bestimmte Worte oder Sätze nicht ironisch gemeint hat. Angesichts des Aufsatztitels "Kausalität im Süden" frage ich mich, ob "Süden" darin nicht auch eine Nebenbedeutung haben sollte wie man etwa in der Börsensprache sagt "Die Kurse gehen gen Süden".

Zweiter Einschub:
Gewichtigere "testimonials", die dem Leser einen tieferen Einblick in Luhmanns Persönlichkeit gestatten (die mir aufgrund dieser Darstellungen übrigens sehr sympathisch erscheint) haben seine Wissenschafts- bzw. Professorenkollegen in einem Gedenk-Kolloquium vorgetragen. In dem Büchlein "Niklas Luhmann - Wirkungen eines Theoretikers", herausgegeben von Rudolf Stichweh, sind diese Vorträge versammelt. (Eine ausführliche Rezension hat Tom Levold verfasst; Auszüge der Vorträge sind in der Bielefelder Universitätszeitung zu lesen.).
Einen sehr verdichteten Blick (auf Englisch) über bzw. in Luhmanns Denken hat der Luhmann-Schüler Dirk Baecker verfasst (im Internet-Explorer die Codierung auf "Westeuropäisch" umschalten, sonst fehlen ein paar Umlaute!).
Einschub Ende

In dieser Arbeit geht es Luhmann um nichts weniger als um eine "Revision ... [der] theoretischen Grundlagen" der Forschungen (vordergründig) über das Mezzogiorno, also um einen gänzlich neuen Erklärungsansatz für den Entwicklungsrückstand und die Entwicklungshemmnisse des italienischen Südens. Wie aber in der Zusammenfassung ("Politische Entwicklungsplanungen ... haben sich als wenig erfolgreich erwiesen") und insbesondere in den Überlegungen unter Ziff. V des Aufsatzes deutlich wird ("... regional orientierte Forschungen"; "... extremen Unterschiede an Realisierung der Leistungsmöglichkeiten der Funktionssysteme"; "... Beschreibung unterentwickelter Regionen" usw.), geht es ihm letztlich um eine Erklärung der Entwicklungshemmnisse der Entwicklungsländer überhaupt.
Da mögen auch Erfahrungen aus seinen Brasilienaufenthalten eingeflossen sein; dass er dort war, entnehme ich dem Interview, das Hans Dieter Huber 1990 mit Niklas Luhmann geführt hat (http://www.hgb-leipzig.de/ARTNINE/huber/aufsaetze/luhmann.html - "Seite 131" unten).

Bleiben wir aber zunächst bei Süditalien, dass ich selbst nur einmal für kurze Zeit gesehen habe, bei einem Urlaubsaufenthalt in Vieste am Monte Gargano (Apulien). Auch habe ich natürlich nicht Luhmanns Lesehorizont, und leider auch keinen Zettelkasten. Immerhin, wenngleich Friedrich Vöchtings in der einschlägigen Literatur häufig als grundlegend bezeichnetes (für die neuere Entwicklung natürlich nicht verwertbares) Werk "Die italienische Südfrage" (Berlin 1951) noch ungelesen bei mir im Bücherschrank steht, und ich auch sonst keine Fachliteratur des "Meridionalismo" gelesen habe, kenne ich doch zumindest einiges an Belletristik über den und aus dem italienischen Süden. "Fontamara" von Ignazio Silone hat mich nachhaltig beeindruckt (vielleicht deshalb, weil ich es, mit großer Mühe, auf Italienisch gelesen habe). "Christus kam nur bis Eboli" von Carlo Levi ist als Film vielleicht noch bekannter denn als Buch. Aus letzterem (wo die Situation mehr "von außen" betrachtet wird als bei Silone) ist mir immerhin ein Begriff in Erinnerung geblieben: "in un grande naufragio di noia". (Konkret bezieht sich das auf einen Arzt, der in der Langeweile eines süditalienischen Nestes den größten Teil seines im Studium erlernten medizinischen Wissens vergessen hatte; es ist aber vielleicht auch ganz allgemein eine lern- und sozialpsychologisch eine wichtige Aussage.)

Dazu kam im Bereich der Sachliteratur die Lektüre u. a. einiger Bücher von Danilo Dolci. Ähnlich portraitiert der Bericht "Die zehn Todesqualen" des Briten Gavin Maxwell die Situation der (einfachen) Menschen im Sizilien der 50er Jahre. Die Insel lässt sich natürlich nicht in jeder Hinsicht mit dem restlichen Süditalien gleich setzen, doch habe ich auch einiges z. B. über Neapel gelesen und besonders ist mir auch das Buch – man muss wohl sagen: die anthropologische oder ethnographische Fallstudie - der US-Amerikanerin Ann Cornelison über die bzw. aus der Stadt Tricarico (Region Molise) in Erinnerung geblieben: "Torregreca. Eine Stadt südlich von Neapel." (Infos zum Buch - auf Englisch - hier und dort. Infos – und Bilder - über das wirkliche "Torregreca" gibt's hier und da und – dort!).
[Zu weiteren - rein subjektiv ausgewählten - Lesehinweisen, nicht nur über Süditalien, s. a. meine Webseite "Italienreich: Bibliothek"]

Natürlich enthalten auch zahlreiche allgemeine Bücher über Italien Hinweise auf die Situation im Süden, so z. B. das relativ neue Reisebuch "Im Gegenlicht" von Joachim Fest. Wenn der Corriere Della Serra wirklich geschrieben haben sollte "Dopo Goethe, arriva Fest … Das schönste Buch über Italien seit langem", notiere ich dazu zwar nur: "De gustibus non disputandum est!" Gleichwohl ist Fests Schilderung stellenweise aufschlussreich für die Mentalität des Mezzogiorno (auch wenn man dergleichen an vielen anderen Stellen schon gelesen hat). So öffnet sich für ihn etwa das eigentlich geschlossene Castello in Catania, weil er vom örtlichen Oberpaten begleitet wird. Oder seine Schilderungen des weit verbreiteten Aberglaubens, insbesondere der Furcht vor dem bösen Blick ("malocchio").

Auch an eher unerwarteter Stelle kann man Einsichten in die Mentalität (Luhmann mag den Begriff nicht; ich verwende ihn hier dennoch) des Südens gewinnen. So z. B. in der volkstümlichen Biographie der Marie Sophie Amalie, Herzogin in Bayern und dann Gemahlin des letzten Königs von Neapel ("Die Heldin von Gaeta" - ital. "La Regina del Sud" von Arrigo Petacco). Dort (wenn ich mich richtig erinnere) wird geschildert, wie der zum Kommandierenden der Armee des "Regno delle due Sicilie" (Königreich beider Sizilien, häufig auch kurz als "Königreich Neapel" bezeichnet) im Krieg gegen Garibaldi eingesetzte (adelige) Befehlshaber nach seiner Ernennung zunächst einmal seine privaten Pferde verkaufte. Er konnte sich ja jetzt aus Staatsbeständen gratis bedienen ... !

Auf diese Weise wird man zwar noch nicht zum Weisen der Mezzogiorno-Wissenschaft. Aber man gewinnt doch ein Gespür für die Unterschiede im Denken (und entsprechend im Handeln) der Menschen im italienischen Süden und unserer Breiten. Mit besonderem Schmunzeln las ich seinerzeit das Buch von Conrad Lay: "Das tägliche Erdbeben: E. Bericht über d. Stadt Neapel, Arbeitslosigkeit, Schmuggel, Mafia, Revolten". Der Linke Lay war zu seinen Genossen nach Neapel in eine Kommune gezogen und beobachtete dort, wie sie sich "durchschlugen". Trotz (scheinbar) gleicher ideologischer Orientierung und entsprechender Sympathie kann Lay sein Entsetzen über das Staatsverständnis und das mangelnde Verantwortungsgefühl der Neapolitaner denn doch nicht unterdrücken. [Was werden die Neapolitaner über ihn gedacht haben? "Der kauft auch erst 'ne Bahnsteigkarte, bevor er Revolution macht"? Und Lay mag gedacht haben: "Mit diesen Egoisten eine sozialistische Gemeinschaft aufbauen ...?"]


Zurück nun aber zu Luhmanns Aufsatz über die Kausalität im Süden. Auch wenn sich mir die Textstruktur nicht in allen Einzelheiten enthüllt habe ich das Gefühl, dass der Autor seine Gedankenfäden in einem geradezu filigranen Muster entwickelt. Auf diese Weise entfaltet und verwebt er zwei 'Erzählstränge'. Der eine handelt von "Kausalität", der andere von "Freiheit".

Wenn ich Luhmann richtig verstehe, läuft seine Argumentation darauf hinaus, dass die Menschen im Mezzogiorno ein anderes Verständnis von Kausalität haben.
Diese Formulierung scheint zunächst nicht Luhmann-adäquat zu sein, da für diesen soziale Systeme bekanntlich nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikation bestehen. Dennoch 'infiltrieren' die Menschen auch seine Texte, oder zumindest den hier gegenständlichen. So spricht er z. B. von der "Gewohnheit, in Netzwerken der Hilfe, der Förderung und der erwartbaren Dankbarkeit zu denken", und denken können ja nur Menschen, nicht das System. Ebenso bezieht er die Erwartungen der Menschen ein: "Man erwartet und testet gegebenenfalls Wiederholbarkeit. Jemand hatte in einer schwierigen Lage geholfen und damit gezeigt, daß er über Kompetenz und Macht verfügt, die man in ähnlichen Situationen wiederbenutzen kann." Deshalb halte ich meine Interpretation für zulässig.

Kausalität ist für uns weitgehend mit technischer Rationalität identisch. Für Luhmann indes sind Kausalität (und Freiheit) "Konstruktionen, ... deren Anwendung unter regionalen und historischen Sonderbedingungen gelernt werden muss und im Bewährungsfalle nur schwer zu revidieren ist." Kausalität sei ein "als Medium ... die bloße Möglichkeit einer Zurechnung von Wirkungen auf Ursachen. Als Form ist es die vollzogene Zurechnung." Das Kausalschema prägt sich unserem Gedächtnis "in der diffus erlebten und rasch wieder vergessenen Wirklichkeit" deshalb besonders nachdrücklich ein, "weil es relationale und damit außergewöhnliche Formen sind, ... [ein besonderer] Anreiz für Erinnerung und für Lernen." (Auch das "Lernen" verweist auf das einzelne Individuum.)

Es bleibt (mir zumindest) letztlich unklar, ob er den Kausalitätsbegriff ganz allgemein relativieren will oder lediglich in der Anwendung auf bzw. in soziale(n) Verhältnisse(n). Luhmann jongliert insoweit in einer zwar eindrucksvollen, für mich aber auch irritierenden Weise mit der Geistesgeschichte, angefangen bei Aristoteles.
(Mir scheint, dass er zu einer Reifizierung von Begriffen tendiert. So jedenfalls deute ich z. B. den Satz: "Und trotzdem werden wir fragen müssen, ob Kausalität richtig verstanden ist, wenn man sie schon durch ihren Begriff auf eine feste, technisch verfügbare Koppelung von Ursachen und Wirkungen reduziert."

Letztlich dürfte allerdings weder die Frage, auf welcher Ebene er "Kausalität" relativieren will, noch diejenige, ob er ein Realist im Sinne des scholastischen Universalienstreites war, entscheidend sein. Physikalische Kausalzusammenhänge hätte Luhmann kaum geleugnet; im übrigen geht es in seinem Aufsatz um die Gesellschaft, also auch nur um gesellschaftliche Kausalitäten bzw. um jeweils gesellschaftsspezifische Kausalverständnisse. (Oder müsste man präziser sagen, dass Luhmann darüber nachgedacht hat, wie spezifische gesellschaftliche Kausalitäten durch ein jeweils gesellschaftsspezifisches Kausalitätsverständnis erzeugt werden?)

Das gesellschaftliche Kausalitätsverständnis betrachtet er, zumindest in seinen Konkretisierungen, allerdings monoperspektivisch: aus der Sicht der Antragsteller, derjenigen, die von den (staatlichen) Organisationen etwas wollen (was ihnen zusteht – oder auch nicht zusteht). Komplementär zu der Frage, weshalb 'von außen' erwartet wird, dass sie Organisationen (häufig) nur unter Verwendung von 'Vitamin B' dazu gebracht werden können, ihre Pflicht zu tun (oder auch vom Weg des rechtstreuen Verwaltungshandelns abzuweichen), stellt sich immerhin die Frage, wieso die Personen innerhalb der Organisationen ihre Pflicht häufig nicht tun, sei es, dass sie gar nichts, sei es, dass sie Unerlaubtes tun.

Vielleicht hängt es mit seiner monoperspektivischen Sicht zusammen, dass Luhmann für die (wohl auch von ihm so empfundenen) Funktionsdefizite der Staatsorgane im Mezzogiorno (und vermutlich noch weitaus mehr in Entwicklungsländern) eine monokausale Erklärung liefert: eben jenes angeblich andere Kausalitätsverständnis. Eine detaillierte Analyse und Kritik will ich hier nicht vortragen; dafür bietet sich vielleicht bei einem späteren Eintrag Gelegenheit. An dieser Stelle geht es lediglich um die Einordnung von Luhmanns Analyse in den Rahmen anderer Erklärungsversuche für die Funktionsdefizite (und damit im Ergebnis für die Rückständigkeit) derartiger Gesellschaften.

Zunächst stellt sich allerdings noch die Frage, welche Funktion seine Ausführungen über "Freiheit" haben. Ich selbst bin eher skeptisch ob, im sozialen Raum, zu einem – sei es auch altehrwürdigen – Begriff immer ein konkretes Substrat existiert, d. h. ob es "Freiheit" überhaupt gibt (oder nicht lediglich "Freiheiten"). Luhmann hätte vielleicht schon die Fragestellung als solche verworfen; vielleicht hätte er aber sogar zugestimmt. Denn "Freiheit" scheint sich bei ihm auf den Spielraum innerhalb eines jeweiligen Systems zu beziehen, und das lässt sich zwanglos pluralisieren; denn schließlich sind wir alle in eine Vielzahl von System in der einen oder anderen Weise (und mehr oder weniger tief) eingebunden.

Jedenfalls betrachtet er Freiheit als ein soziales Konstrukt; das ist eine m. E. richtige, aber wohl auch nicht neue Perspektive. Für Luhmann liegt "Freiheit" insoweit auf der gleichen Ebene mit "Kausalität", als es "sich in beiden Fällen um Konstruktionen handelt, deren Anwendung unter regionalen und historischen Sonderbedingungen gelernt werden muss und im Bewährungsfalle nur schwer zu revidieren ist".

Für mich dagegen liegen die Begriffe "Kausalität" und "Freiheit" auf völlig verschiedenen Ebenen. Kausalität existiert in der Natur unabhängig vom Menschen. Auch im Süden fahren die Autos nicht, wenn man Wasser in die Tanks schüttet. Und schon die Tatsache, dass Luhmann die "Kausalität im Süden" überhaupt problematisiert, zeigt ja, dass er selbst ebenfalls eine Gesellschaft als problematisch ansieht, deren Einstellung zur staatlichen Gemeinschaft z. B. in einem Sprichwort wie diesem zum Ausdruck kommt (das Beispiel von mir, nicht von L.):
"Roba dello stato è roba del governo.
Chi non la mangia, va nel inferno."
(Staatsgut ist Regierungsgut; zur Hölle fährt, wer's nicht nehmen tut.)

"Freiheit" ist dagegen ausschließlich ein (notwendiges) soziales Konzept, das in unterschiedlichen Zusammenhängen unterschiedliche Funktionen ausfüllt (z. B. in der Ethik als Begründung von Verantwortung). Insofern (da stimme ich im Ergebnis vielleicht mit Luhmann überein) ist letztlich die Frage nach der Wirklichkeit von (Willens-)Freiheit verfehlt. "Freiheit" ist, jedenfalls im moralischen Bereich ein Feedback-Begriff, weil nur die Hypothese des freien Handelns das Konzept der Schuld und damit von psychischen ("Gewissen") und sozialen Sanktionen legitimieren und überhaupt erst glaubhaft machen, kann.

Letztlich kann aber dahingestellt bleiben, was Freiheit "wirklich" oder "eigentlich" "ist" und wie Luhmann den Begriff ganz allgemein versteht. Hier geht es lediglich darum, welche Funktion seine Überlegungen zu den (möglichen) Realisierungsgraden und dem systemischen Ort von "Freiheit" im Rahmen seiner Analyse der "Kausalität im Süden" haben.

Ich kann seinen Ausführungen nicht entnehmen, dass Luhmann einen spezifischen Zusammenhang zwischen meridionalen, d. h. entwicklungshemmenden, Denk- und Verhaltensweisen und dem Grad an Freiheit gerade in diesen Gesellschaften herstellen wollte. Sein Argument scheint mir lediglich darauf hinaus zu laufen, dass der Mensch nicht die Freiheit hat, aus seinem jeweiligen (nördlichen, südlichen oder sonstigem) System auszubrechen. 'Extra ecclesiam nulla salus' heißt die Parole der Kirche und 'tritt aus der Gesellschaft heraus und die fällst ins Nichts' heißt die Parole der Gesellschaft. Freiheit ist lediglich die Bandbreite möglichen Verhaltens innerhalb eines bestehenden sozialen Systems (bzw. Sub- oder Sub-Sub-Systems).

Das wäre allerdings, kaum wage ich es zu sagen, eine ausgesprochen banale "Erkenntnis". Sollte Luhmann sein Feuerwerk an intellektueller Brillanz wirklich zur entzündet haben, um uns diese alte Weisheit in neuer Verpackung zu servieren?
Zumindest an dieser Stelle kann ich mich des Versuchs einer Entscheidung dieser Frage enthalten. Hier kommt es mir allein darauf an, herauszustellen, dass Luhmann die (aus dem Blickwinkel "besser" funktionierender Staaten betrachtet:) Funktionsdefizite der Staatsorgane im italienischen Mezzogiorno kausal auf ein anderes Kausalitätsverständnis dieser Gesellschaftssysteme zurück führt. Dass dies eine monokausale Erklärung, und schon als solche fragwürdig, ist, hatte ich bereits oben aufgezeigt. Eine detaillierte Kritik wird (hoffentlich) der Gegenstand eines weiteren Blog-Eintrags werden.

Vorliegend interessiert, wie Luhmann seinen Erklärungsansatz gegen andere Erklärungsmodelle abgrenzt, bzw. gegen welche Modelle. Er kritisiert Deutungsversuche, die mit Begriffen wie "unterschiedliche Kultur" oder "andere Mentalität" arbeiten, als verfehlt. Der Begriff "Mentalität" etwa kann nach Luhmann "nicht klarstellen ..., was durch ihn ausgeschlossen wird"; deshalb "sind wissenschaftliche Erträge nicht zu erwarten". Die "Feststellung von Unterschieden in der Kultur und den Mentalitäten des Südens im Vergleich zu den Zentren der modernen Gesellschaft" ist seiner Meinung nach "[wissenschaftlich wie politisch] ebenso inspirativ wie unergiebig geblieben". Luhmann sucht "Konzepte, die historisch und regional vergleichende Untersuchungen anleiten können und die in ihrer theoretischen Prägnanz den Begriffen 'Kultur' und 'Mentalität' überlegen sind". Mit einer "Begriffsrevision" hofft er "bessere Ausgangspunkte für vergleichende Untersuchungen" zu gewinnen.

Wenn aber die Menschen im "Süden" Kausalität anders verstehen als "wir" (Luhmann hätte, da seine Gesellschaft bekanntlich nicht aus Individuen besteht, das wahrscheinlich anders formuliert; für mich läuft es aber gleichwohl darauf hinaus): ist ein derartiger Sachverhalt etwa nicht unter den Oberbegriff "andere Mentalität" zu subsumieren? Natürlich präsentiert Luhmann hier eine spezifisch bezeichnete Form von Mentalität. Aber zweifellos haben auch jene anderen Forscher (und die sonstigen Teilnehmer der Meridionalismo-Diskussion), die mit diesem Begriff gearbeitet haben, das oder die jeweils aus ihrer Sicht bezeichnende(n) Element(e) der Mentalitätsunterschiede benannt. Kein ernsthafter Debattenteilnehmer könnte sich darauf beschränkend, achselzuckend zu sagen: "Tja, iss halt 'ne andere Mentalität da unten" [oder "hier", denn in der italienischen Diskussion kamen zahlreiche Beiträge ja nicht zuletzt aus dem Süden selbst, z. B. in den Publikationen des Bareser Verlages Laterza].


Damit schließt sich der Kreis meines eigenen "Erzählstrangs" und ich bin wieder bei den zweihundert Modellen der Religionsdidaktik angelangt. So wie dort der Autor das 201 entwickelt hatte, was aber etwas gänzlich anderes sein sollte als die anderen, so hat Luhmann (nach meinem Verständnis zumindest) nur das 1001 Modell einer anderen Mentalität im Süden geliefert. Stände er selbst "auf der anderen Seite" von seinem Aufsatz, hätte Luhmann mit seiner feinen Ironie vielleicht das Gleiche gesagt, was ich über seinen Text denke: die Freude an der intellektuell hoch gestochenen Debatte, die als eine Art l'art pour l'art geführt wird [hm ..], erinnert mich doch stark an den Diskurs vieler Intellektueller im "Süden". War Luhmann vielleicht zu lange oder zu oft dort unten? Oder wandert, um ein Bild von Leonardo Sciascia zu variieren, nun auch die intellektuelle "Palmengrenze" nach Norden? Wenn er sich mit "Orientierungswissen" zufrieden geben will ("Die Frage ist nur, ob man mit der vorgeschlagenen Revision der Annahmen über Kausalität zu besseren Einsichten kommt - und wenn nicht im Sinne von Erfolgswissen, dann doch im Sinne von Orientierungswissen", sagt er an einer Stelle), würde er nicht mehr bieten, als andere Meridionalisten. Dass deren Deutungen im Rahmen der jeweiligen Gesellschaft Orientierungswissen vermitteln, ist dann um so weniger zu bestreiten, wenn man Kausalitäten ohnehin für relativ hält.

Vielleicht hat Niklas Luhmann sich in seinem Text aber sogar selbst ironisiert. Er diagnostiziert im Süden eine "Schwerpunktverlagerung in Richtung auf die Ebene der latenten Kommunikation von Einstellungen", bei der "die Informationen eine untergeordnete Rolle spielen und ... es vor allem auf das Symbolisieren des Netzwerks ankommt." Ersetzt man "des Netzwerks" durch "der intellektuellen Potenz", lässt sich sein Satz zwanglos auf seinen hier behandelten Aufsatz beziehen.
(Die gleiche Schwerpunktverlagerung entdeckt er selbst ohnehin auch in Kunst und Wissenschaft: "Die gleiche Schwerpunktverschiebung in Richtung auf personalisierte Einstellungskommunikation findet man auch in der Inszenierung von Kultur. Wissenschaft und Kunst werden in erster Linie als Kultur gefördert.")


Trotz aller Kritik kann ich mich einer gewissen Faszination an Luhmanns Stil und seiner Ideenwelt nicht entziehen. Vor allem Bemerkungen mit einer über das eigentliche Thema hinausgehenden Reichweite blitzen auf:

"Direkte Rückschlüsse von Kultur auf Verhalten [sind] nicht möglich".

"In der offiziellen Kultur herrschen diese Schemata der technischen Rationalität und der individuell fundierten Freiheit nach wie vor. Es gibt eine romantische Gegenkultur, es gibt zahllose Ansätze zur Kritik der modernen Gesellschaft; aber solche Bestrebungen leben davon, daß das, wogegen sie sich wenden, den ersten Platz besetzt hält. Und doch gibt es deutliche Zeichen dafür, daß diese beiden aufeinander abgestimmten Schemata nur noch wie kulturelle Fiktionen fortexistieren."

"Das Paradies war der Ort für einen Modellversuch in genau dieser Frage [nämlich der "Freiheit konstituierende[n] Funktion von Wissen"] und die Welt verdankt einer mutigen Frau die Folgen des Normbruchs: Unterscheidungsvermögen und Freiheit. Die Kenntnis des Verbots hat genügt."

"Freiheit ist ... ein Konzept für das Abschneiden der Rückfrage nach weiteren Ursachen"

"Der einzige Sinn dieser Rede von 'postmodernen' Verhältnissen dürfte darin liegen, sich um ein Begreifen der modernen Gesellschaft herumzudrücken mit der Behauptung, es sei schon vorbei."

"Kultur ... wird als eine sich selbst konsumierende Angelegenheit zelebriert, fast wie ein Ritual, bei dem das Dabeisein und Gesehen- und Gehörtwerden zählt. Es geht, könnte man vermuten, um die Schokoladenseite des Netzwerks [erinnert mich irgendwie an Schelskys Buch "Die Arbeit tun die anderen"] oder auch um die Symbolisierung von Gemeinsamkeit bei stark divergierenden Interessen."

Und noch ein Satz, der stutzig macht, und speziell auf den Süden bezogen ist:
"Forschungen über die besonderen Strukturen und Probleme des 'Mezzogiorno' Italiens sind in großer Zahl durchgeführt oder jedenfalls projektiert und finanziert worden. "
Was will er uns mit dem "jedenfalls ... finanziert" sagen? Werden da im Süden sogar Forschungsgelder in dunkle Kanäle abgezweigt?

Zur Finanzierung eine andere gelungene Formulierung:
"Man kann eine Diskrepanz zwischen verfügbarem Wissen und rhetorischen Formulierungen beobachten, auch eine Diskrepanz zwischen dem, was man wissen kann, und derjenigen Sprache, mit der man Finanzierungen erreichen kann. "


Hier ein Vortrag von Stefan Nehrkorn vor der Humboldt-Gesellschaft zur Einführung in die Ideen von Niklas Luhmann: http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann



Textstand vom 07.02.2008
Gesamtübersicht der Blog-Einträge auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm

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