CANABBAIA
Samstag, 27. Januar 2007
MORAL'S OWN COUNTRY oder LASSET UNS EINANDER BRÜDERLICHE HÜTER SEIN!
In Deutschland und Europa (in den islamischen Ländern ohnehin) weit verbreitet ist das Gefühl, dass sich die USA in ihrer Nahost-Politik verhalten wie eine nachgeordnete Dienststelle der israelischen Regierung. Wenn es aber doch mal Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden gibt, erinnert mich deren Behandlung an eine Karikatur, die in einer deutschen Zeitung (Handelsblatt? Oder FAZ?) vor dem Kosovo-Krieg gezeigt wurde.
Der serbische Präsident Slobodan Milosevic hielt sich damals in Moskau auf. Der Zeichner zeigt ein Zimmer mit Boris Jelzin, auf einem Stuhl sitzend, wie er Milosevic über's Knie gelegt hat und ihn scheinbar versohlt. Während die Repräsentanten des Westens von draußen neugierig hereinschauen, gibt Jelzin Milosevic die Instruktion: "Und jetzt musst du ganz laut schreien".
Niemand nimmt es den USA ab, dass sie in dieser Region ein ehrlicher Makler sein und unparteiisch für jene Werte eintreten wollen, für welche sie weltweit zu kämpfen vorgeben. (Man kann bezweifeln, dass Deutschland und die EU, trotz Kritik an den USA, insoweit sehr viel besser sind, aber das kann hier dahingestellt bleiben.)
Um die Meinung der Welt müssen sich die USA nicht sonderlich kümmern (glaubt jedenfalls die amerikanische Regierung). Indes wird es zunehmend schwieriger, die Bevölkerung im eigenen Land nicht nur von der Legitimität, sondern sogar von der (machtpolitisch verstandenen) Rationalität des eigenen Handelns zu überzeugen.
Vor diesem Hintergrund regt sich auch im politischen "Mainstream" Amerikas Kritik nicht nur an der Regierung, sondern ebenso an den ideologischen Einflüsterern und Einpaukern einer imperialistischen Nahost-Politik. Die Neo-Konservativen (Neocons) stehen unter Beschuss von Linken, Isolationisten, aber auch von so genannten Realisten, die zwar keine prinzipiellen Einwände gegen eine amerikanische Machtpolitik haben, aber die gegenwärtige Nahost-Politik der USA für kontraproduktiv halten. Als einen Richtung gebenden Faktor für die Ausgestaltung der US-Nahostpolitik identifiziert diese Kritik außerdem (neben christlichen Fundamentalisten) die pro-zionistischen Lobbygruppen in den USA. (Allgemein spricht man von einer "Israel Lobby", also einer pro-israelischen Lobby. Da aber nicht alle Freunde Israels mit dessen gegenwärtiger Politik einverstanden sind und sie aktiv oder passiv unterstützen, scheint mir der Begriff "zionistisch" zur Kennzeichnung einer nationalistisch-israelischen Position treffender zu sein.)
Ganz neu ist diese Kritik an der "Israel-Lobby" zwar nicht. Allerdings hatte es, besonders vor dem Hintergrund des zunehmend unpopulären US-Engagements im Irak, die zionistischen Interessenvertreter in den USA alarmiert, als im März 2006 zwei derart renommierte Politologen der "neorealistischen" Schule wie die beiden Politologie-Professoren John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt eine scharfe Kritik an dem von ihnen angenommenen schädlichen Einfluss der zionistischen Lobby auf die US-Außenpolitik veröffentlichten ("The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy") (Das Papier ist auch auf mehreren anderen Webseiten publiziert.)
[Nachtrag 31.1.07: Soeben eine dt. Übersetzung von und auf der Webseite eines gewissen Lutz Forster entdeckt, den ich sonst nicht weiter kenne: Teil 1 (Text) und Teil 2 (Fußnoten).]
Die Debatte darüber wurde mit großer Heftigkeit, teilweise (speziell von der Zeitschrift "The New York Sun" und von dem pro-zionistischen amerikanischen Jura-Professor Alan Dershowitz) auch mit unsauberen Methoden, geführt.
Mearsheimer und Walt wurden in diesem Meinungsstreit gewissermaßen in die Zange genommen. Seitens der Lobby-Anhänger warf man ihnen nicht nur schlampige Arbeit und unwissenschaftliche Argumentation vor, sondern teilweise sogar Antisemitismus. Aber auch die Israel-Kritiker derjenigen Seite, die im US-Kontext als politische Linke angesehen wird, waren nicht einverstanden (prominent darunter z. B. Noam Chomsky und Stephen Zunes). Wie von Michael Lind in seinem (nicht übermäßig langen, aber weit in die Felder von Politik und Soziologie ausgreifenden) Aufsatz "The Israel Lobby" (auch hier online) bereits im Jahre 2002 konstatiert, sehen die amerikanischen Linken ihr eigenes Land als den Hauptschuldigen. Die Nahost-Politik der USA verfolge eigene Machtinteressen (Erdöl - was im Prinzip auch plausibel erscheint) und mache Israel sogar zu deren Opfer, weil dessen Ansehen hauptsächlich darunter leide, dass es sich als Büttel der USA missbrauchen lasse.
(Zitat aus dem Aufsatz von Lind: "The restraint on robust debate about Israel in the political center means that the most vocal critics of Israeli policy and the U.S. Israel lobby are found on the far left and the far right. Critics on the left, like Edward Said and Noam Chomsky, are not taken seriously outside of left-wing academic circles because their condemnations of U.S. and Israeli policy in the Middle East are part of ritualized denunciations of all U.S. foreign policy everywhere." - Hervorhebung von mir)
Trotz zahlreicher Beiträge auch von prominenten Teilnehmern blieb aber die Debatte über das Arbeitspapier von Mearsheimer und Walt im Wesentlichen auf die Welt der Intellektuellen und Schreiberlinge beschränkt. Zu einer "Revolte" der US-Öffentlichkeit hat sie jedenfalls nicht geführt, auch wenn im Zwischennetz kritische Stimmen gegen die Neokonservativen usw. zahlreich sind. Ob sich die Diskussion erheblich intensiviert und vor allem verbreitert, wenn das angekündigte Buch von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt über die Relevanz der zionistischen Lobby für die US-Politik erscheint, bleibt abzuwarten; ich bin jedenfalls skeptisch.
In Deutschland stellte sich die veröffentlichte Meinung in einigen meist verhältnismäßig kurzen Zeitungsartikel wohl mehrheitlich gegen Mearsheimer und Walt, wobei sich in meinen Augen Christoph von Marschall und Gregor Peter Schmitz durch eine besonders tendenziöse Darstellung hervorgetan haben.
Pierre Heumann und Alain Zucker berichteten in der "Weltwoche" vom "Gedankengebäude zum Weissen Haus" zwar in ihren Schlussfolgerungen ebenfalls kritisch, doch in der Darstellung deutlich ausgewogener. Aber auch ihr Artikel überschreitet nicht das Maß eines etwas größeren Zeitungshappens, wie ihn die Leser in den Wogen der täglichen Informations- und (mehr noch:) Meinungsüberflutung gerade noch verdauen können.
Zwei Personen sind intensiver eingestiegen und haben sehr viel längere Texte über die Debatte und über ihre Sicht des Zusammenhangs zwischen der Debatte und der Gesamtproblematik publiziert.
Die eine ist der Logbuchmeister selbst, der sich auf seiner Webseite "Drusenreich 5" weitschweifende Gedanken über "IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS – A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?" gemacht hat.
Wiewohl der Text schon jetzt zu einer beachtlichen Länge gediehen ist, handelt es sich gleichwohl nur um den Anfang eines als "work in progress" gedachten Vorgehens. Mit anderen Worten: Sofern ich dazu komme, kommt noch sehr viel mehr dazu (nämlich eine Detailanalyse der einzelnen Debattenbeiträge).
[Vergleiche in diesem Zusammenhang außerdem meine früheren Einträge "Propheten-Karikaturen und Palästinenserfrage", "Friedenstruppen oder Marionettenpuppen?" und "Washington – Segesta – Athen – Tel Aviv: William Kristol und der peloponnesische Krieg".]
Eine andere sehr ausführliche (und deutlich professionellere) Darstellung und Bewertung des magischen Dreiecks USA - Israel - Israel Lobby findet der oder die interessierte Leser(in) in der Online-Zeitschrift "Telepolis" des Heise-Verlages. Der Journalist Rudolf Maresch (seine Homepage demonstriert ein breit gefächtertes Interessenspektrum; für Heise online -Telepolis- hat er z. B. auch einen interessanten Aufsatz über Niklas Luhmann geschrieben) bietet seinen Lesern in zwei Artikeln:
"Der amerikanisch-israelische Komplex. Warum Israel im Mittleren Osten (noch) frei agieren kann und keine Sanktionen der Weltgemeinschaft zu fürchten hat - Teil 1" vom 16.08.2006
und
"Israel-Lobby in den USA. Der amerikanisch-israelische Komplex – Teil 2" vom 19.08.2006
nicht nur fundierte Informationen, Meinungen und Informationsverknüpfungen, sondern auch zahlreiche nützliche Verweise (mit Links) zu (in der Regel naturgemäß englischsprachigen) Aufsätzen anderer Autoren, die in einem engeren oder weiteren Zusammenhang mit der Lobby-Debatte stehen. [Für mich besonders wertvoll war der Link zu Michael Links Essay "The Israel Lobby" aus dem Jahre 2002, weil die Lektüre dieses Essays einen interessanten Vergleich von zwei zu unterschiedlichen Zeitpunkten und aus unterschiedlichen Perspektiven verfassten Meinungen zum gleichen Thema erlaubt: man überblickt es quasi in Stereo statt in Mono.]
Rudolf Maresch geht, trotz einiger Detailkritik, in der Tendenz mit Mearsheimer und Walt darin konform, dass auch er die US-Nahostpolitik wesentlich durch israelische (offizielle) Interessen und durch die damit harmonisierten Aktivitäten der zionistischen [mit diesem in der Debatte eher unüblichen Ausdruck versuche ich dem Unstand Rechnung zu tragen, dass es in Israel bekanntlich auch selbstkritische Stimmen und in den USA durchaus auch jüdische Zionismus-kritische Stimmen gibt] Lobby in den USA bestimmt sieht. Damit entspricht er wohl der weitaus überwiegenden öffentlichen (wenn auch vielleicht nicht der veröffentlichten) Meinung in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt.
Ich will hier nicht auf die Einzelheiten seiner beiden Aufsätze eingehen, sondern im Anschluss an eine Passage aus dem Schlussabsatz seines zweiten Aufsatzes einige etwas grundsätzlichere Fragen zum Verhältnis Moral und Politik aufwerfen.
"Dies alles direkt wie indirekt thematisiert und damit ein lange gehütetes 'Tabu' aufgebrochen zu haben," schreibt Maresch, "ist das große Verdienst von Mearsheimer/Walt. Dass sie dafür heftig gescholten worden und mit dem Totschlagargument des 'Antisemitismus' bedacht worden sind, ist nicht wirklich relevant. Im Gegenteil, es zeigt gerade wie wichtig und notwendig, aber auch wie wenig selbstverständlich eine solche Debatte vor allem in 'God's own Country' immer noch ist.
Deutschland könnte sich daran ein Vorbild nehmen, es könnte auch hier einmal offen über das deutsche Interesse in dieser Region diskutiert werden statt im vorauseilenden Gehorsam sich im Libanon zu engagieren. Und das auch noch ohne jede erkennbare 'Exit-Strategie'. Die vielen Soldaten und Polizisten, die diese Hauruck-Politik und hektische Reisetätigkeit unseres neuen Außenministers ausbaden müssen, tun uns schon jetzt leid. Es wird Zeit, dass sich die aktuelle Politik endlich von der Geisel der Moral befreit – ein Akt, der vor allem auch unserem Land gut anstünde." [Hervorhebung von mir]
Das deutsche Engagement im Libanon habe auch ich kritisiert ("Friedenstruppen oder Marionettenpuppen?"), weil es (wie immer es gemeint sein mag) objektiv nur in Israels Interesse liegt (das ja eine deutsche Beteiligung ausdrücklich angeregt, wenn nicht sogar gefordert hat). Das ist nicht schon per se verdammenswert, erscheint aber in meinen Augen angesichts der Intransigenz der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern, insbesondere der imperialistischen Siedlungspolitik, die von den israelischen Regierungen jeglicher politischer Couleur im Westjordanland betrieben wurde und wird, als eine unmoralische Parteinahme.
Ich habe den Begriff "unmoralisch" hervorgehoben, weil meine o. g. Formulierung deutlich machen soll, dass wir keineswegs "unsere Politik von der Geisel der Moral" befreien müssen, um selbständiger in der Nahostpolitik zu agieren. In Wirklichkeit meint Maresch das wohl auch gar nicht. Denn streng logisch würde der Satz bedeuten, dass die bedingungslose Unterstützung Israels moralisch geboten ist. Seine sonstigen Ausführungen lassen jedoch nicht erkennen, dass er die israelische Siedlungspolitik (oder den israelischen Libanon-Krieg) für moralisch und deshalb unterstützenswert hält.
Was Maresch tatsächlich ausdrücken möchten, ist, dass wir unsere Politik von der Geisel unserer Geschichte befreien sollten. Diese unsere unselige Geschichte ist es ja, die uns (durchaus verdient) ein schlechtes Gewissen bereitet. Und daraus wird in der Regel die Forderung abgeleitet, dass für Deutschland aufgrund des Holocaust eine mehr oder weniger bedingungslose Unterstützung des israelischen Staates moralisch geboten sei.
Gegen diese (nicht interessenfreie) Position hat sich eine in der öffentlichen (aber wiederum nicht in der veröffentlichten!) Meinung wohl vorherrschende Gegenposition entwickelt: 'Jetzt reicht es! Wir wollen nicht ewig für das büßen, was unsere Eltern (Großeltern ...) begangen haben!' Und an diese (in der veröffentlichten Meinung oft scharf kritisierte) Tendenz schließt sich auch die Formulierung von Rudolf Maresch an, wonach es "Zeit [wird], dass sich die aktuelle Politik endlich von der Geisel der Moral befreit".
Leider ist die Position der öffentlichen Meinung ebenso undurchdacht wie die Formulierung (die mit seiner Position nicht identisch sein muss!) von Maresch. Es handelt sich ganz einfach um ein negatives Echo, eine Art Trotzreaktion: 'Ich hab's satt, immer die alten Klamotten vorgehalten zu bekommen. Ihr fordert von mir Moral? Ich habe genug von Moral-Politik und will jetzt Interessen-Politik machen wie alle anderen Staaten das auch tun!'
Wer so denkt, lässt sich von einem Reiz-Reaktions-Schema einfangen und liefert Wasser auf die Mühlen der zionistischen Lobby. Er unterschätzt außerdem die Rolle "weicher" Faktoren in der Politik. Der Holocaust-Zeigefinger hat aber eine ähnliche Funktion wie im Mittelalter die päpstliche Strafe der Exkommunikation missliebiger Fürsten und ganzer Städte und Länder. Militärisch war das Papsttum in aller Regel mehr oder weniger machtlos. Doch die Macht des Glaubens war auch in der Tagespolitik oft ebenso stark wie oder gar stärker als das, was wir unter "Macht" zu verstehen gewohnt sind.
Deswegen dürfen wir uns nicht feige vor unserer historischen Verantwortung drücken. Wenn es etwas gibt, worauf wir Deutschen als Volk stolz sein könnten, dann ist es (unabhängig von der moralischen Bewertung) der Umstand, dass die deutschen Soldaten und Truppen in aller Regel nicht feige waren. Kneifen wir also auch nicht vor unserer historischen Schuld, sondern lernen wir daraus. Wenn wir uns auf infantile Trotzreaktionen gar nicht erst einlassen, sondern den unglückseligsten Moment unserer Geschichte und einen der schrecklichsten Momente der Weltgeschichte wirklich innerlich zu verarbeiten suchen, dann müssen (dürfen, brauchen) wir daraus auch nicht die Konsequenz zu ziehen, es sei nun genug mit 'Moralpolitik'.
Wir müssen uns weder von der Geisel der Moral noch von der Geisel unserer Geschichte befreien. Im Gegenteil sollten wir uns in besonderem Maße und mehr als andere Länder bemühen, unsere Politik und insbesondere unsere Außenpolitik moralisch zu legitimieren. Dass wir uns an den Juden versündigt haben, können wir nicht dadurch ins Reine bringen, dass wir nunmehr die Juden bedingungslos gegen die Palästinenser unterstützen: das ist keine "moralische Politik", das ist eine unmoralische Politik! Sicherlich kann man aus unserer historischen Hypothek auch eine Verpflichtung gegenüber Israel ableiten. Wenn aber ein Engagement für Israel zu Lasten dessen geht, was in der konkreten politischen Situation moralisch geboten wäre, dann werden wir unserer besonderen Verantwortung nur dadurch gerecht, dass wir uns auf die Seite der Moral stellen. Die einzig adäquate Antwort auf unsere historische Schuld ist aus meiner Sicht das ständige Bemühen, außenpolitisch als "MORAL'S OWN COUNTRY" zu agieren. Ähnlich wie (aber hoffentlich konsequenter als) die USA in der Vergangenheit als Hüter von Demokratie und Freiheit aufgetreten sind, sollten wir die Moral zum Kernthema unserer Politik machen, und zwar keineswegs nur in unserer Nahostpolitik, sondern in unserer Außenpolitik bzw. unseren Außenbeziehungen ganz allgemein.
Gegen eine solche Position kann man z. B. von zionistischer oder amerikanischer Seite kaum überzeugend Einwände erheben. Allerdings wird man mit dem Vorwurf der Heuchelei rechnen müssen (dem kann man durch ein glaubwürdiges Argumentieren und Agieren entgegen treten), und mit einer anderen moralischen Gewichtigung konfrontiert werden ('Wir mussten die Siedlungen im Westjordanland als Akt der Selbstverteidigung bauen, um die palästinensischen Aggressionen gegen Israel in Schranken zu weisen').
Politische Maginot-Linien halten auf Dauer ebenso wenig wie militärische. Wer sich "von der Geisel der Moral" oder "von der Geisel unserer Geschichte" befreien will, wird sich international, besonders aber im Verhältnis zu den USA, schnell in die Defensive gedrängt sehen. Das aber liegt ganz gewiss nicht in unserem wohl verstandenen Interesse. Deutschland sollte (nicht als Einzelkämpfer, sondern möglichst im europäischen Rahmen) legitime Interessen offensiv vertreten. Zu den legitimen Interessen Europas (und, sollte man meinen, eigentlich ja auch Israels und der USA) gehört es aber, den Nahen Osten so gut wie möglich zu befrieden. Dafür sehe ich jedoch, wenn überhaupt, nur dann eine Chance, wenn Europa, und besonders natürlich die USA, sich um größtmögliche Äquidistanz zu Israel und den Palästinensern und Arabern bemühen. Wir sollten nach allen Seiten und gegen allen interessengeleiteten Widerstände glaubwürdig die Bereitschaft kommunizieren, eine praktikablen Lösung (eine "gerechte" Lösung des Palästinaproblems ist ohnehin unvorstellbar) zu unterstützen (durch direkte Finanzhilfen, Handels- und andere Hilfsabkommen und notfalls auch mit Friedenstruppen). Und das sollten wir (Europäer) auch mit aller Konsequenz von den Amerikanern verlangen.
Denn der Hauptpartner des von mir intendierten moralischen Dialoges wäre nicht Israel, sondern Amerika. Es ist an der Zeit, dass wir Europäser unseren brüderlichen transatlantische Dialog der USA mit Europa um einiges symmetrischer gestalten, als das bisher der Fall war. Zumal es weitaus gewichtigere Weltprobleme gibt, als den Nahen Osten. Wir stehen wahrscheinlich kurz vor einer Erdöl- und allgemein Energieverknappung, und auch bei manchen Buntmetalle zeichnet sich eine Ressourcenerschöpfung ab. Da ist es ein Gebot der Moral, über die Verteilung zu reden, und über den Verbrauch.
Die Folgen der globalen Klimaerwärmung kann die Menschheit nur dann (vielleicht) mildern, wenn diejenigen, welche in der Vergangenheit die Atmosphäre am meisten mit Treibhausgasen verschmutzt haben und derzeit noch verschmutzen, ihre Emissionen am meisten zurück fahren. Das ist nicht nur ein Satz der praktischen Vernunft, sondern ebenso ein Gebot der Moral. Und auch da waren und sind neben den Europäern und über sie hinaus die Amerikaner die Hauptsünder. Die Menschen in Amerika sind sich all dieser Probleme durchaus bewusst. Ihre Debatten, wie sie z. B. auf zahlreichen Internet-Seiten geführt wird, erscheinen mir als sehr viel intensiver, leidenschaftlicher, intelligenter und verantwortungsbewusster denn bei uns. Genau genommen geht es also für uns gar nicht um einen Dialog mit "den Amerikanern", sondern mit der amerikanischen Machtelite - nicht nur mit Bush & Co. (da dürfte ohnehin Hopfen und Malz verloren sein, aber diskutieren sollten wir natürlich dennoch), sondern mit republikanischen und demokratischen Politikern gleichermaßen, aber natürlich auch mit der Intelligentsia.
Lasst uns nicht vor der Last der Verantwortung zurück schrecken, den globalen politischen Dialog über diese Dinge zu eröffnen, und natürlich zunächst und vor allem den Dialog mit jenen zu suchen und zu führen, welche den Spielraum hätten, ihre Politik (z. B. ihre Fiskalpolitik) so zu gestalten, dass die nicht erneuerbaren Ressourcen noch ein wenig gestreckt werden und die Erderwärmung ein wenig verlangsamt werden können.
Sprechen wir z. B. aber auch darüber, dass es unmoralisch, und aus unserer Sicht Justizimperialismus, ist, wenn US-Gerichte ihre Zuständigkeit schon bei den geringsten Anknüfungspunkten, und manchmal sogar dann, wenn zum Tatzeitpunkt noch gar kein Zusammenhang bestanden hat, sondern erst später eingetreten ist, ihre Zuständigkeit reklamieren.
Aber auch über gesellschaftliche Fragen sollten wir den Dialog suchen, zumal ja Wirtschaft, Umwelt und Verteilungsproblematik ineiander verzahnt sind. Niemand lebt in einer globalen Wirtschaft auf einer Insel, und wer die Öffnung will, darf auch dem Gespräch über deren (mögliche) Folgen, weltweit wie auch im eigenen Land, nicht ausweichen. Die ökonomischen Strukturen in den USA, welche die Reichen immer Reichen und die Armen immer ärmer machen, sollten uns genauso Anlass zur Sorge und zur Einleitung eines bürderlichen Gesprächs über den trennenden Atlantik hinweig sein, wie sie es für uns in unseren eigenen Ländern sind. Die Verantwortung für eine menschliche und soziale Ausgestaltung der Weltwirtschaft tragen wir gemeinsam; lasset uns diese Verantwortung annehmen und mit unseren Partnern darüber reden!
Ebenso sollte z. B. auch die große Zahl von Inhaftierten, meist aus den sozial benachteiligten Schichten in den USA, für uns in gleicher Weise Anlass zu moralischem Nachdenken und zum transatlantischen Dialog werden, wie sich umgekehrt beispielsweise amerikanische Senatoren um unsere Religionsfreiheit besorgt zeigen, wenn wir Organisationen wie der Scientology-Bewegung nicht völlig freie Hand lassen wollen.
Nicht nur in China und anderen unter- oder noch nicht voll entwickelten Ländern sollten wir die Menschenrechte im Blick haben, sondern auch auf die Zustände in den USA so ab und an ein brüderlich-wachsames Auge werfen.
Mir geht es jedoch ausdrücklich nicht um Guantanamo und andere Ausnahmesituationen, und nicht einmal z. B. um die Todesstrafe als solche.
Auch im Reich der Moral sind viele Vorstellungen zeitgebunden. Wir im Westen (USA, Europa) propagieren (und leben großenteils) derzeit eine "Schönwetter-Moral" in einem ökonomischen Rahmen, den man in historischer Perspektive nur als Schlaraffenland bezeichnen kann. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass auch bei uns die Wiedereinführung der Todesstrafe eines Tages erforderlich werden könnte, etwa um bei einer größeren Ressourcenverknappung die Menschen davon abzuhalten, die Infrakstruktur (Bahnlinien, Telefonkabel) zu zerstören oder sich an Pipelines selbst zu bedienen. [Tatsächlich: so etwas gibt es nicht nur in Russland!]
[Nachtrag 30.05.08: In den USA werden schon jetzt Bronzeskulpturen geklaut - wegen ihres Kupfergehalts! S. Handelsblatt vom 28.05.08 "Rohstoffdiebstahl. Versilberte Bronze".]
Ich rede nicht einem rein abstrakten Moraldiskurs das Wort, wie ihn gute Menschen gern im Lehnstuhl ihrer mentalen Bequemlichkeiten führen. Ebenso würden wir uns mit einem heuchlerischen Gebrauch des Begriffs "Moral", der mehr den Splitter im Auge der anderen als den Balken im eigenen im Blickfeld hat, letztlich selbst schaden. Wir sollten auch nicht so handeln, wie es manchmal Stadträte oder Abgeordnete tun, wenn die Gegenseite eine Diätenerhöhung vorschlägt: sie heimlich herbei wünschen, aber dagegen stimmen in der frohen Gewissheit, überstimmt zu werden. Übertragen: nicht in jedem Fall ist ein militärisches Eingreifen per se verwerflich und damit zu verurteilen. Wir dürfen uns keinesfalls als bedingungslose Friedenshüter positionieren, denn sonst kommen wir in Argumentationsschwierigkeiten, wenn wir uns selbst verteidigen müssen (z. B. Geisel "raushauen" müssten, wie es die USA seinerzeit - zu Recht, wenn auch nicht richtig - im Iran versucht haben, oder Terroristennester in anderen Ländern ausheben, wie die USA das in Afghanistan legitimer Weise getan haben), oder wenn wir - was in Afghanistan, im Gegensatz zur Besetzung des Irak, ein berechtigtes Ansinnen der USA war - unseren Freunden und Verbündeten militärisch zu Hilfe eilen.
Über Unilateralismus, über die Verbindlichkeit der Beschlüsse internationaler Institutionen, über Handelshemmnisse für arme Nationen (wo wir uns natürlich auch an die eigene Nase fassen müssen) und nicht zuletzt beispielsweise auch über die zukünftigen Verteilungsmodi für die Bodenschätze in den Meeren und (auch daran wird die Menschheit eines Tages nicht vorbei kommen) in der Antarktis sollten wir jedoch jetzt, auch im wohl verstandenen eigenen Interesse, einen Dialog eröffnen, der von dem ehrlichen Bemühen um eine Durchsetzung moralischer Prinzipien getragen ist. Interesse und Moral schließen sich in meinem Verständnis ebenso wenig aus, wie aus amerikanischer Sicht. Wieder und wieder hat die Politik der USA Exempel statuiert, bei denen die Verteidigung der Freiheit in anderen Ländern auch den Nutzen Amerikas gefördert hat. Und ebenso nützt es uns und den Menschen in der ganzen Welt, wenn wir eine moralische Politik nicht nur zu praktizieren versuchen, sondern auch von anderen einfordern.
Dass wir dabei auch Opfer bringen müssen, um entsprechend unserem ökonomischen Potential weltweit auch die Lasten einer gerechten Friedenspolitik und eines nachvollziehbaren Kampfes gegen jene gemeinsam mit den USA zu schultern, welche uns terroristisch bedrohen, sollte eigentlich jedem klar sein. Wer sein eigenes Haus nicht in Ordnung halten kann, wer, wie leider wir Europäer, nach der amerikanischen Macht rufen muss um z. B. im Kosovo klar Schiff zu machen, der schreibe Abhandlungen über Moraltheologie: in der Politik wird er nichts als ein verachteter Narr sein. Eine wahrhaft moralische Politik kann nur derjenige auf Dauer glaubhaft verfolgen, der auch bereit ist, dafür Opfer zu bringen.
Im übrigen ist der Kampf für die Freiheit (der anderen) nicht immer mit dem Kampf für mehr Moral in der Weltpolitiks gänzlich zur Deckung zu bringen. Halten also, während Amerika die Fackel der Freiheit lodern lässt, wir Europäer und besonders auch wir Deutschen die Flamme der Moral in die Höhe, damit Europa und Amerika sich gegenseitig anspornen, um gemeinsam zum Wohle einer besseren Welt wirken!
Lasset uns nunmehr beginnen, Deutschlands vergangene historische Schuld als unser zukünftiges geschichtliches Guthaben zu verwalten! Machen wir aus dem "burden" ein "asset", lernen wir endlich aus der Geschichte, was Kaiser Heinrich der Vierte schon anno 1077 wusste: Besser ein Canossagang des Gewissens, als im politischen Gefängnis eines moralischen Bannstrahls zu verharren.
Über unsere Geschichte können wir uns weiß Gott nicht uneingeschränkt freuen. Aber die Lehre aus dieser Geschichte sollten wir freudig akzeptieren: es ist besser, ein moralischer Hammer zu sein, als ein moralisch behämmerter Amboss!
Nachtrag vom 01.02.07:
Auf der Seite der "AG Friedensforschung an der Uni Kassel" [en passant: man glaubt gar nicht, wie viele Friedens-Forschungs-Institute es in Deutschland gibt; sogar in Schleswig-Holstein erforscht man, was die anderen über den Frieden vielleicht noch nicht herausgefunden haben. Finde ich etwas hypertroph; ernährt aber natürlich eine Reihe von Leuten, die irgendwas studiert haben] findet man ein "Manifest der 25" mit dem weiteren Titel: "Freundschaft und Kritik. Warum die 'besonderen Beziehungen' zwischen Deutschland und Israel überdacht werden müssen."
In gewisser Hinsicht ähnelt es meinem o. a. Ansatz insofern, als aus dem Holocaust ähnliche Konsequenzen für die deutsche Politik gezogen werden: Nicht zwangsläufig Pro-Israel, sondern Pro-Moral!
Allerdings wäre Cangrande ja nicht belltwild, hätte er da nix auszusetzen.
Eindeutig verfehlt ist der rhetorische (nicht der sachliche!) Einstieg, der mit folgendem 1. Absatz vorgetragen wird:
"In einem Interview in der ZEIT am 31. August 2006 sagte die israelische Außenministerin Zipi Liwni anlässlich ihres Berlin-Besuchs: 'Aber die Beziehung (zwischen Deutschland und Israel) war immer eine besondere und freundschaftliche.' Diese Besonderheit lässt sich auf der deutschen Seite nach unserer Wahrnehmung im Wesentlichen wie folgt charakterisieren: Deutschland hat sich angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocaust und der prekären Lage Israels uneingeschränkt für Existenz und Wohlergehen dieses Landes und seiner Bevölkerung einzusetzen, unter anderem durch Lieferung von staatlich geförderter hochwertiger Waffentechnologie auch dann, wenn Israel gegen internationales Recht und die Menschenrechte verstößt und sich im Kriegszustand befindet; Kritik an israelischen Handlungsweisen sollte, wenn überhaupt, nur äußerst verhalten geäußert werden und besser unterbleiben, solange die Existenz dieses Landes nicht definitiv gesichert ist."
Nun bin ich freilich der Letzte, der daran zweifeln würde, dass Israel uns unsere Vergangenheit unter die Nase reiben würde, wenn es das politisch für zweckmäßig hielte, und glauben würde, auf diese Weise unsere Solidarität erzwingen zu können.
Aber so dumm, wie unsere Friedensfreunde glauben (und sind?), sind die Israelis ja keineswegs. Die wissen schon, dass nicht jeder in Deutschland das mehr hören mag, und dass Waffen, die allzu oft gebraucht wurden, immer stumpfer werden.
Frau Tzipi Liwni [so eine andere Schreibweise] hat mit dem o. a. Zitat nicht einmal andeutungsweise das gesagt, was die Friedensforschungsfreunde ihr unterschieben.
Sie wurde gefragt:
"ZEIT: Sind die Beziehungen zwischen Berlin und Jerusalem heute besser als früher?"
und hat darauf geantwortet:
"Liwni: Ich bin erst seit ein paar Monaten Außenministerin. Aber die Beziehung war immer eine besondere und freundschaftliche."
Eine Botschaft wie "Deutschland hat sich aufgrund seiner Geschichte für Israel einzusetzen" ist weder aus ihrer Antwort noch aus dem Kontext zu entnehmen.
Wie gesagt: dass Frau Liwni das denkt, und - wenn sie es für zweckmäßig hielte - auch sagen würde, halte ich für sehr wahrscheinlich. Dennoch ist es methodisch unsauber, ihr dies als Interpretation eines Satzes zu unterschieben, der das bei objektiver Betrachtung nicht hergibt. Entweder findet man einen geeigneteren Satz, oder man kennzeichnet es als eigene Vermutung, aber bitte nicht als Interpretation einer im Zusammenhang erkennbar völlig anders gemeinter Aussage.
Dass sie (in diesem Interview) keineswegs versucht hat, Deutschland über seinen Schuldkomplex zu manipulieren, ergibt sich auch an anderer Stelle, wo sie auf die Frage
"ZEIT: Ein anderes Wunder: Israel heißt deutsche Kräfte willkommen, und Berlin will sie bereitstellen. Die Vergangenheit lebt doch noch"
die Antwort gibt:
"Liwni: Die Vergangenheit ist Teil unserer Beziehung und wird es immer bleiben. Aber wir müssen unterscheiden zwischen deren Bedeutung für unser Volk und der Lage im Libanon. Wie gesagt: Wir wollen nicht beschützt werden, wir wollen mit dieser Truppe kooperieren, um die Lage im Libanon zu verbessern. Wenn sich Deutschland beteiligt, wäre das eine unabhängige deutsche Entscheidung; ich bin nicht in Berlin, um deutsche Truppen zu erbitten. Es geht darum, wie Deutschland seine Rolle bei der Verwirklichung der Resolution 1701 wahrnehmen will."
Ob Israel wirklich nicht beschützt werden will (was ich bezweifle) steht hier nicht zur Debatte. Aussagen sind zunächst so hinzunehmen, wie sie gemacht wurden, und wenn man der Meinung ist, dass die Aussage und die Realität auseinander klaffen, muss man das begründen, aber nicht aus dem Kaffeesatz der Sätze anderer das herauslesen, was man schon immer wusste.
Das ist eine mehr formale Seite; inhaltlich differiert das "Manifest der 25" insofern von meinen o. a. Überlegungen, als hier an einen indirekten Zusammenhang zwischen Holocaust und Palästinenserleiden angeknüpft wird. Durch die nationalsozialistische Verfolgung seien mehr Juden nach Palästina ausgewandert, als das unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre. Außerdem hätten die UN das Land Israel nach dem 2. Weltkrieg unter dem Eindruck des Holocaust anerkannt; ohne diesen wäre es dazu vielleicht nicht gekommen.
Das mag zwar stimmen (nachweisen kann man es, jedenfalls was die UN angeht, ohnehin nicht). Fakt ist aber, dass die israelische Einwanderung nach Palästina von vornherein auf einen eigenen Staat und damit strukturell auf eine zumindest partielle entweder Unterdrückung oder Verdrängung der Palästinenser angelegt war, und zwar unabhängig davon, was die einzelnen Akteure des Zionismus oder gar die Masse der Einwanderer sich subjektiv vorgestellt hat. Und die 'friedliche Rückeroberung' Palästinas durch die Juden hat schon längere Zeit vor dem Nationalsozialismus begonnen.
Das aber nur am Rande; entscheidend ist für meine Kritik an einer solchen Position, dass sie viel zu verkopft ist, zu komplizierte moralische Berechnungen erfordert, quasi ein geistiges "Billardspiel mit Bande" darstellt. So etwas lässt sich politisch nicht verkaufen; statt dessen wird man sehr schnell in einem argumentativen Sumpf landen. Es besteht auch keine Notwendigkeit dafür, die Ablehnung der aggressiven israelischen Siedlungspolitik mit einer indirekten deutschen Verpflichtung gegenüber den Palästinensern zu begründen (die dass dann ihrerseits sehr schnell als selbstverständliche Forderung an uns richten würden).
Unsere Verpflichtung, für eine Konfliktlösung einzutreten, die das aus unserer Sicht geringstmögliche Maß an (letztlich unvermeidlicher) Ungerechtigkeit enthält, leite zwar auch ich aus dem Holocaust ab. Aber als eine Verpflichtung gegenüber dem Prinzip der Moral in der Politik. Das sollten wir durchaus auch mit Pathos vortragen: insoweit dürfen wir Amerika ruhig kopieren. Und auf der Grundlage dieses Prinzips kann man dann sehen, was wir für Israel, was für die Palästinenser vielleicht tun können.
Dass wir insoweit dann auch nicht interessefrei handeln (müssen), erkennen auch die Friedensfreunde an, und das wiederum ist eine mir sympathische intellektuelle Redlichkeit:
"Was oben über die Notwendigkeit einer gleichgewichtigen freundschaftlichen deutschen Nahost-Politik gesagt wurde, mag in manchen Ohren zunächst idealistisch klingen, zu sehr von Ethos und zu wenig von Interesse geprägt. Es ist daher geboten, das damit verbundene Eigeninteresse offen zu legen, und dies tut unseres Erachtens den vorgebrachten Argumenten keinen Abbruch"
schreiben sie, und das könnte auch ich unterschreiben.
Entwurf begonnen am 30.05.2008; erstmalig eingestellt am 28.01.07; aktueller Textstand vom 22.11.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.
Labels: Außenpolitik (D), Europa (politisch), Islamismus, Kulturenkonflikte, Palaestina-Konflikt, Politik (Naher Osten), USA (Außenpol.)
Abonnieren
Posts [Atom]
Freitag, 26. Januar 2007
Der zögernde Imperialist und die unsichtbare Hand
Unter dem Titel
"THE RELUCTANT IMPERIALIST. Terrorism, Failed States, and the Case for American Empire" schrieb Sebastian Mallaby unter anderem:
"There is another reason why state failures may multiply. Violence and social disorder are linked to rapid population growth, and this demographic pressure shows no sign of abating." (und: "Failed states also challenge orderly ones by boosting immigration pressures".)
Bei der Lektüre dieser klugen Sätze frage ich mich wieder einmal, aus welchem (historischen, d. h. nicht notwendig bewussten) Grund einflussreiche Gruppen in jenem vermeintlich zögerlichen Imperium sich heftig dagegen sträuben, gegen den "demographic pressure" etwas zu unternehmen? Mag ja sein, dass sie subjektiv damit keineswegs imperiale Tendenzen fördern wollen. Aber, um zu wiederholen, was ich in meinem Eintrag "EINE NATUR GIBT ES NICHT. EINE UMWELT(PROBLEMATIK) AUCH NICHT" schrieb:
"... willkommen ist die Botschaft einer unbegrenzten Ressourcenverfügbarkeit zweifellos auch für alle jene christlichen Fundamentalisten, welche – speziell in den USA – vehement etwa gegen Kampagnen der Vereinten Nationen für Geburtenbeschränkung kämpfen und mit dieser Begründung für die Sperrung von US-Beiträgen zu den UN eintreten bzw. diese durchsetzen oder in der Vergangenheit durchgesetzt haben. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht erhellend, die objektive (d. h. den Akteuren nicht unbedingt oder in jedem Falle bewusste) Interessenidentität zwischen religiösem Fundamentalismus und einem aus Kapitalinteressen generierten Kampf gegen die Geburtenkontrolle aufzuzeigen: Ein Mangel an Humankapital mindert den Wert des Realkapitals, und umgekehrt steigert ein 'Überschuss' an Humankapital den Wert des Realkapitals (wie z. B. an den Wohnungsmieten und dem davon abhängigen Wert von Wohnimmobilien unmittelbar deutlich wird: viel Nachwuchs bedeutet viel Nachfrage).
'Das Kapital' [auch so ein problematischer Begriff, den ich hier aber mal unhinterfragt stehen lasse, weil im Kontext jeder Leser weiß oder wissen sollte, was gemeint ist] hat also ein natürliches Interesse daran, dass möglichst viele Menschen unsere Erde bevölkern. Insofern könnte man durchaus sagen, dass 'der Kapitalismus' unsere Umwelt nicht nur durch den seinem technologischen Produktionsprozess (den ich freilich als – wenngleich nur proletarischer – Mit-Nutznießer nicht glaubhaft kritisieren kann und nicht fundamentalistisch kritisieren will) zerstört, sondern diese Zerstörung noch dadurch systemnotwendig beschleunigt, dass er seiner 'Natur', seinem Wesen nach an einer Vermehrung der Zahl von Menschen interessiert sein muss. (Und darin wird er eben von gewissen christlichen Fundamentalisten in analoger Weise gefördert, wie weiland die britische Textilindustrie durch die moralischen Maximen britischer Missionare – ein interessanter historischer Parallelismus, nicht wahr?)"
Wie aus dem Eingangszitat zu entnehmen, kann man sich also auch noch einen ganz anderen Interessenzusammenhang vorstellen (wobei sich die beiden Aspekte gegenseitig nicht ausschließen): der Verhinderung eines wirtschaftlichen Erstarkens der unterentwickelten Länder. Mit China hat das allerdings u. a. wegen dessen Ein-Kind-Politik nicht geklappt. Und Indien hat sich, trotz stark steigender Bevölkerungszahlen, in den letzten Jahren eine wirtschaftliche Dynamik entfesselt, in der manche ein noch größeres Entfaltungspotential als in dem uns derzeit so beeindruckenden Wirtschaftswachstum Chinas. [Ich glaube allerdings nicht daran. Zwar mag es sein, dass die indische Gesellschaft Vorteile gegenüber China hat - Demokratie, größere Rechtssicherheit -, die geeignet wären, die Volkswirtschaft weiter zu bringen als jetzt der beeindruckende Impetus der chinesischen Ökonomie. Doch fürchte ich, dass jegliches Wachstum bald durch eine Verknappung der nicht-erneuerbaren mineralischen Ressourcen gestoppt wird. Die knospenden Wirtschafts-Blumen werden mangels Dünger verkümmern und die schon entfalteten Blumen -wir - werden eingehen.]
Aber zurück zum Thema Kinder (Kampf gegen Geburtenkontrolle) und Kapitalismus:
Auch wenn an der Oberfläche kein Zusammenhang (gedacht etwa als eine Verschwörung zwischen Christen und Kapitalisten) besteht: an eine gänzliche historische Zusammenhanglosigkeit glaube ich nicht. Was immer die Transmissionsriemen zwischen Glauben und Interessen sein mögen (oder ob man sich diese Sphärenharmonie nach Art einer prästabilierten Harmonie Leibnitzscher Monaden denken will): unsichtbare Hände ziehen das zögernde Imperium auf die via triumphalis (oder via dolores?) zum Empire. Und die Fraktion von "Ihr Kinderlein kommet" ist sicherlich eine dieser Zug- oder Schubhände.
Textstand vom 28.01.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.
Labels: Bevoelkerungsentwicklung, Ressourcenverknappung, USA (Außenpol.)
Abonnieren
Posts [Atom]
Donnerstag, 25. Januar 2007
Wer schreibt, der bleibt
"Brinkmanns Zorn"
Zum ==> Film
über Rolf Dieter Brinkmann
zu dessen Werk man weitere Verweise in der Wikipedia findet,
und darüber dann hier noch zahlreiche weitere Urlwege.
Textstand vom 25.01.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.
Labels: Doennekes, Persoenliches
Abonnieren
Posts [Atom]
Samstag, 20. Januar 2007
Washington – Segesta – Athen – Tel Aviv: William Kristol und der peloponnesische Krieg.
William Kristols Aufsatz "It's Our War. Bush should go to Jerusalem - and the U.S. should confront Iran" in der Online-Version der Zeitschrift "the weekly Standard" vom 07/24/2006, Volume 011, Issue 42, erreichte ich im Dreisprung.
Am Anfang war die Rückverfolgung einer Suchanfrage zu "The Israel Lobby and US Foreign Policy", dem Titel einer Studie der beiden US-amerikanischen Politologie-Professoren John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt, über die auch ich bereits einen angefangenen Essay (eigentlich als "work in progress" gedacht, aber monatelang nicht fortgeführt) ("IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS – A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?" auf meiner Webseite "Drusenreich Fünf" eingestellt habe.
[Nachtrag 31.1.07: In dt. Übersetzung von und auf der Webseite eines gewissen Lutz Forster entdeckt,: Teil 1 (Text) und Teil 2 (Fußnoten).]
Von dieser Suchanfrage leitete mich Rudolf Maresch aus seinem (für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich langen) Telepolis-Artikel vom 19.08.2006 "Israel-Lobby in den USA. Der amerikanisch-israelische Komplex – Teil 2" [hier Teil 1], in dem er - ebenso wie ich - das deutsche Libanon-Engagement kritisiert, zu William Kristol weiter.
Im ersten Ansatz habe ich nur so drüber gelesen; erst die Kombination mit einem anderen Telepolis-Artikel von Rudolf Maresch, dem "War on Terror" (vom 24.07.05) verhalf mir zu tieferen Einsichten. Eigentlich ist das gar kein Aufsatz von Maresch, sondern eine Nacherzählung des Vortrags "Über die Terrorismusbekämpfung" [so der Titel hier; auf Englisch u. d. T. "On Counterinsurgency" z. B. hier] des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld, den meine regelmäßigen Blog-Leser bereits in meinem Essay "Von der Atombombe zur Frauenemanzipation ... " begegnet sind.
Eine finstere Figur war es, welche mir dort ein Licht anzündete: der verstorbene syrischen Präsident Hafez al-Assad, der einen Aufstand der Islamisten niederschlug, indem er dessen Zentrum, die Stadt Hamma, von zwölftausend schwer bewaffneten Soldaten umstellen ließ und anschließend die Stadt in drei Tagen dem Erdboden gleich machte, wobei er Frauen, Kinder und Männer massakrieren und die Moschee der Stadt, ein bekanntes Heiligtum, niederbrennen ließ. An die zwanzigtausend Menschen verloren bei dieser Militäraktion schätzungsweise ihr Leben. Creveld (der dieses Vorgehen keineswegs als vorbildlich propagiert, es allerdings in bestimmten Stadien des Kampfes gegen den Terrorismus wohl für notwendig hält) konstatiert, dass der Diktator Hafez al-Assad auf diese Weise der Muslimbrüderschaft die Stirn geboten und Syrien dem Zugriff radikaler Islamisten entzogen hatte.
Meine Hervorhebungen verweisen bereits auf das, was für mich im Zusammenhang mit dem Artikel von Kristol die entscheidende Information war: dass nämlich Syrien den Islamismus bekämpft hat. Und natürlich ist Syrien auch jetzt unter Baschar al-Assad, dem Sohn des Aufstands-Bekämpfers, kein islamistischer Staat - im Gegensatz zum Iran. Vor diesem Hintergrund enthüllen sich nach und nach Widersprüchlichkeiten in der Argumentation von William Kristol (der sogar selbst die syrische Regierung als "secular government" bezeichnet - s. u.).
Der (bei Abfassung seines Artikels anhängige) Libanon-Krieg, [hier in streng chronologischer Folge dargestellt] erklärt er seinen Lesern, sei kein arabisch-israelischer Krieg, sondern ein islamistisch-israelischer. Und das eigentliche Angriffsziel sei dabei die liberal-demokratische Zivilisation (nicht nur des Westens, sondern z. B. auch Indiens). Wenn es aber um einen Kampf zwischen Islamismus und (ich sage mal:) 'der Moderne' geht: warum agitiert William Kristol dann für einen "regime change" nicht nur im Iran (was ich im Hinblick auf die iranische Nuklearpolitik interessenpolitisch durchaus nachvollziehen könnte), sondern ausdrücklich auch "in Syria"?
Diese Forderung findet sich aber erst am Schluss von Kristols Aufsatz, der, wenn man einmal die Lupe herausgeholt hat, noch sehr viel mehr Ungereimtheiten aufweist.
Ribbeln wir also seinen Argumentationsfaden vom Anfang her auf.
Stutzig macht gleich im ersten Absatz seine vorsätzlich nebensätzlich hingestreute Bemerkung über die "terrorist groups who have started this war". [Hervorhebungen von mir]
Indirekt wird die im 2. Absatz wiederholt, wenn er sagt "what's under attack is liberal democratic civilization". [Hervorhebung von mir] Ein neutraler Beobachter wird vielleicht Verständnis dafür aufbringen, dass Israel die ständigen Nadelstiche der Hisbollah an seiner Nordgrenze leid war. Aber nicht einmal dann, wenn er den 2. Libanon-Krieg billigt, wird er die Entstehungsgeschichte derart verzerrt präsentieren, wie die eindeutig zweckorientierte Darstellung von William Kristol das tut. Der amerikanische Star-Reporter SEYMOUR M. HERSH hat zahlreiche Gesprächspartner in den Regierungen der USA und Israels zur Genese des Krieges interviewt und referiert die Ergebnisse seiner Recherchen in der Ausgabe des "New Yorker" vom 21.08.2006 (bereits am 14.08.2006 ins Zwischennetz eingestellt) u. d. T. "WATCHING LEBANON. Washington’s interests in Israel’s war." Auf den ersten Blick wirkt die Vielzahl der Meinungen etwas kakophonisch; man geht wohl auch nicht fehl in der Annahme, dass die Informaten von Hersh nicht gerade im Zentrum der Macht sitzen. Trotzdem kann man auch auf einem subordinierten Posten in der Exekutiv-Maschinerie aus Fakten, die einem dort bekannt werden (z. B. Anweisung, bestimmte Vorbereitungen für ... zu treffen) gewisse Rückschlüsse auf die Planungen von "denen da oben" ziehen. In der Summe wird ganz eindeutig, was angesichts der Schnelligkeit und des Umfangs der israelischen Reaktion jedoch von vornherein auf der Hand lag (und allemal für einen Experten, der Kristol ja zweifellos ist): die Schwellenüberschreitung von einem begrenzten Grenzkonflikt war von Israel vorbereitet und gewollt: ganz zweifellos (und, wohlgemerkt, unabhängig von der moralischen oder politischen Bewertung) eine "premeditated action", ein vorsätzlich geführter Krieg bzw. ein ganz bewusst auf die Ebene eines Krieges hochgepuschter Grenzkonflikt. Die USA haben kein Interesse daran, die Tatsachen verfälschend darzustellen. Wer eine Legendenbildung vom 2. Libanon-Krieg als einem großen islamistischen Angriff auf Israel betreibt, agiert bzw. agitiert als Lobbyist Israels, nicht als amerikanischer Patriot.
Im vierten Absatz unterlegt Kristol zunächst sein Argument, dass "states matter", überzeugend mit Beispielen: Kommunismus und Nationalsozialismus wurden in der Tat erst dann wirklich gefährlich, nachdem sie in Rußland bzw. Deutschland die Macht ergriffen hatten. Seine anschließende Behauptung, dass "Islamism became really dangerous when it seized control of Iran", verblüfft uns insofern, als Kristol selbst daran erinnert, wie lange der Iran nun schon islamistisch ist: "... which then became, as it has been for the last 27 years, the Islamic Republic of Iran." [Hervorhebung von mir]
In welcher Weise hat der Iran nach Meinung Kristols seit 1979 die liberal-demokratische Zivilisation bekämpft? 1979 gab es die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft (deren Befreiung verpatzt wurde): gut, dass könnte man als einen aggressiven Akt (wenn auch möglicher Weise nicht von der iranischen Regierung geplant) bezeichnen. Aber danach? Wo hätte der Iran, zunächst selbst (wenn auch nicht ganz unschuldiges) Opfer einer irakischen Aggression ("Erster Golfkrieg"), "den Westen", oder auch nur die USA, angegriffen? Wenn man einmal von den offenkundigen Vorbereitungen für eine atomaren Rüstung absieht, die nicht zuletzt unseren eigenen (und keineswegs etwa nur den amerikanischen!) Interessen in der Tat gefährlich werden könnte, findet man nichts. Gewiss: die iranische Unterstützung der Hisbollah im Libanon ist ein Ärgernis; eine Gefahr ist sie für Amerika jedoch nicht. Für Israel ist sie eine Bedrohung.
"No Islamic Republic of Iran, no Hezbollah, ... no one to prop up the Assad regime in Syria (a secular [sic!] government ... that has its own reasons für supporting Hezbollah and Hamas) ...". Aber haben die Hisbollah oder die Hamas die USA angegriffen (von den Vorkommnissen im Jahr 1983 - vgl. Wikipedia-Eintrag zu "Hisbollah" - abgesehen)? Weshalb und und wie stellen sie eine Bedrohung der USA oder gar des Westens insgesamt dar? Streben sie nach Weltherrschaft (wie anscheinend nicht wenige Mächtige in den USA)? Während wir noch zweifelnd über seine Behauptungen nachsinnen, sind jedoch die politischen Rechenkünste von Mr. Kristol schon zur nächsten Gleichung des Bösen enteilt. Die Saudis finanzieren nämlich "the export of the Wahhabi version of Sunni Islam as a competitor to Khomeini's claim for leadership of militant islam". Warum sind aber dann nicht auch die Saudis gefährlich, wenn sie mit dem Iran um die Führung des militanten (!) Islam ringen? Und die Taliban in Afghanistan an die Macht gebracht haben, denn Kristol fährt fort: "... and thus [d. h. ohne die Unterstützung durch Saudi-Arabien] no Taliban rule in Afghanistan".
Haben nicht gerade auch die USA selbst jene religiös motivierten Kämpfer unterstützt, die gegen die Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion gekämpft haben? [Vgl. dazu und weit darüber hinaus gehend z. B. die ausführliche Dokumentation über "The use of Islamist militants by American and Israeli militarists" auf der Webseite "Cooperative Research". (Ich kenne die Seite nicht näher und kann mir über die Qualität der Inhalte kein Urteil erlauben; dass aber die USA die Islamisten in Afghanistan gegen die Russen unterstützt haben, ist ja allgemein bekannt.) (Siehe in diesem Zusammenhang auch einen Artikel des Sunday Herald (Scotland), vom 12.09.2004 von Neil Mackay mit der Überschrift: " US Neo-Cons: Kremlin is ‘Morally’ to Blame for the School Massacre".)]
Zweiflern an der islamistischen Gefahr [die im übrigen auch ich durchaus sehe, aber weniger als etwas von außen Kommendes, sondern etwas, das längerfristig die demographischen und geistigen Vakuen unserer Gesellschaft von innen her erobern könnte], die auf die erbitterten Gegensätze zwischen verschiedenen islamischen Ländern verweisen, erinnert er im 6. Absatz mit einem historischen Vergleich an Zweckbündnisse erbitterter Gegner:
"... temporary alliances of convenience are no less dangerous because they are temporary. Tell the Poles of 1939, and the French of 1940, that they really had little to worry about because the Nazi-Soviet pact was bound to fall apart"
schreibt er, und hat natürlich Recht. Andererseits war es aber vielleicht diese Passage, die mich nun meinerseits zu der im Titel angedeuteten historischen Parallelisierung angeregt hat - dazu unten mehr.
Aus dem Vergleich von Kristol können wir, wenn wir ihn konsequent fortführen, aber auch etwas anderes ableiten. Die zeitweise Zweck-Allianz zwischen Hitler-Deutschland und Stalin-Rußland hat kleinere Mächte bedroht; in der Auseinandersetzung mit den USA, wo es ums Ganze, um die Weltmacht ging, hätte sie auch bei einem entsprechenden Wollen der Bündnispartner nicht halten können.
Und so sind Zweckbündnisse zwischen dem säkularen Regime in Damaskus und den Theokraten in Teheran sicherlich für Israel gefährlich; eine Bedrohung der USA stellen sie allenfalls im Irak dar, aber nicht auf einer globalen Ebene. Auch hier erweist sich also wieder, auf welch kurzen Beinen die von William Kristol versuchte Vorspiegelung einer Identität israelischer und US-amerikanischer Interessen steht.
"The war against radical Islamism" (für dessen angebliche Notwendigkeit ich in seinem Artikel keine Begründung erkennen kann - außer natürlich aus israelischer Perspektive) wird nach Kristols Überzeugung lange dauern. Wenn man ihn so führt, wie Bush das im Irak tut und wie Kristol das für Syrien vorschlägt, nämlich die säkularen Gegengewichte vom Sockel haut, weil sie - wem eigentlich? - nicht passen, kann man diese Auseinandersetzung in der Tat sowohl verschärfen als auch - in wessen Interesse? - auf lange Zeiträume ausdehnen. Denn Kristol will gegen die Hintermänner vorgehen und fordert in Abs. 7, dass "... our focus should be less on Hamas and Hezbollah, and more on their paymasters and real commanders - Syria and Iran." Viel Feind, viel Ehr' (und aus dem Irak-Krieg hat Kristol ohnehin nichts gelernt - oder, aus einer anderen Perspektive betrachtet, eben doch?). Deswegen gleich weltweit den Plan Armagedon (Harmagedon) ausführen: "... our focus should be not only on the regional war in the Middle East, but also on the global struggle against radical Islamism."
Den Kampf gegen den weltweiten Islamismus betreibt er selbst freilich widersprüchlich, denn das "American Committee for Peace in Chechnya", dass mittlerweile eine Metamorphose zum "American Committee for Peace in the Caucasus" (hier dessen Homepage) durchgemacht hat und dessen Mitglied William Kristol ist, dürfte weniger daran interessiert sein "... to [disseminate] ... knowledge about the peoples, cultures and regions of the North Caucasus, including Chechnya, Ingushetia, Dagestan, North Ossetia, Kabardino-Balkaria, Karachayevo-Cherkessia and Adygeya" als vielmehr den Russen Schwierigkeiten zu bereiten - und dafür ggf. auch mit den Islamisten zusammen zu arbeiten. Mit Zweckbündnissen kennt Herr Kristol sich aus; nur verdrängt er offenbar, dass auch die anderen in derartigen Konstellationen Zwecke verfolgen - ihre eigenen nämlich. Der Pakt mit dem Teufel geht nicht immer so glücklich aus, wie in jenen frommen Christensagen, bei denen sich der dumme Teufel über's Ohr hauen lässt. (Ein gewisser Jeffrey Steinberg berichtet in der Executive Intelligence Review vom 17.09.2004 sogar darüber, dass die "Neo-Cons Knee Deep in Caucasus Provocations" verwickelt seien. Freilich ist die EIR eine Publikation von Lyndon LaRouche, und Jeffrey Steinberg nimmt darin die Position eines "Director of Counterintelligence", Chef der Gegenspionage also, ein. Wir wollen deshalb auch nicht unsere ganze Weisheit aus den Wässern dieser möglicher Weise trüben Quelle schöpfen, sondern z. B. dem Aufsatz eines gewissen Taki Theodoracopulos (den man im politischen Spektrum der USA wohl den "Paläo-Konservativen" zuordnen muss)Gehör schenken (der Artikel ist ursprünglich in der Ausgabe der Zschr. "The American Conservative" 19.06.2006 erschienen, dort aber nicht online):
"Russia's democratic institutions ... were nonexistent before 1991. What is Putin supposed to do? Force the Russian people to ... turn into democrats overnight? Puffed up with their own importance, busybody fools like Madeleine Albright, Joe Biden, Richard Holbrooke, William Kristol, and Martin Peretz, among others, signed a ludicrous letter warning the West about Putin's dictatorial tendencies. ... A Washington outfit called the American Committee for Peace in the Caucasus is comprised of such individuals as Kristol, Elliot Abrams, Richard Perle, Frank Gaffney, James Woolsey, and Norman Podhoretz--all hawks where the Middle East is concerned but doves on Chechnya. The real purpose of the group is to justify Chechen terrorism, demonize Russia, and to seek to involve NATO in the Caucasus. These are the very same people who promised us a cakewalk in Iraq and are doing their best to get us to bomb Iran in order to make Israel safe. Just try and imagine the following: how would these 'peace in the Caucasus' types respond if we were to substitute Palestinian for Chechen and Israel for Russia?
Russia is an ancient country with a great history behind it. The people who have got us into the Iraqi mess should try to keep their mouths shut for a while. As we do not permit anyone to tell us what to do - far from it, perhaps it's time to practice what we preach and mind our own business for a change." [Hervorhebungen von mir]
In Absatz acht bleut Kristol seinen Lesern wiederum beweislos noch einmal ein:
"... while Syria and Iran are enemies of Israel, they are also enemies of the United States". Als Grund dafür reicht es ihm offenbar aus, dass Syrien die Israel-feindlichen Organisationen der Hisbollah und Hamas unterstützt (Abs. 5 und 7). Denn eine andere Ratio nennt er, in diesem Aufsatz jedenfalls, nicht. In diesem Zusammenhang liefert das Editorial in "The Nation", Ausgabe 3.11.2003, ins Internet eingestellt am 16.10.2003 "Is Syria Next?" eine interessante Information:
"Shortly after 9/11, the government received an extraordinary gift of hundreds of files on Al Qaeda, crucial data on the activities of radical Islamist cells throughout the Middle East and Europe and intelligence about future terrorist plans. These dossiers did not come from Israel or Saudi Arabia, whose kingdom appeared more concerned at the time with securing safe passage for members of the bin Laden family living in the United States, but--as Seymour Hersh revealed in the July 28 New Yorker--from Syria. One CIA analyst told Hersh, "the quality and quantity of information from Syria exceeded the agency's expectations." Yet, the analyst added, the Syrians "got little in return for it" lesen wir dort. (Der Artikel von Seymour Hersh - dem wir schon oben auf der Suche nach den Ursachen des Libanon-Krieges begegnet waren - trägt den Titel: "THE SYRIAN BET. Did the Bush Administration burn a useful source on Al Qaeda?" by und wurde in der Ausgabe vom 28.07.03 veröffentlicht, aber schon am 18.07.2003 ins Netz gestellt.)
Weitere Hintergrund-Informationen zu diesem Thema gibt uns gewisser Michael Young in seinem Artikel "SYRIA, THE U.S. AND TERRORISM" im "Terrorism Monitor" der (mir nicht näher bekannten) "Jamestown Foundation." Nach Inhalt und Tonart zu urteilen, erscheinen die Informationen glaubwürdig. Gegen die islamistischen Terroristen hat Syrien mit den USA zusammengearbeitet. Die Unterstützung von militanten anti-israelischen Organisationen entspringt offenkundig einem machtpolitischen (teilweise zweifellos auch innenpolitischen) Kalkül, nicht einer grundsätzlich anti-zionistischen oder gar islamistischen Ideologie. Und nirgendwo ist zu erkennen, dass Syrien darauf erpicht wäre, sich mit den USA anzulegen.
Warum also bezeichnet Kristol Syrien als Feind Amerikas? Weil es ein Gegner Israels ist? Möglich, dass er anderswo andere Gründe nennt; nach dem vorliegenden Aufsatz muss ich jedenfalls davon ausgehen, dass für ihn alle Gegner Israels automatisch auch Feinde Amerikas sind.
Sein Rezept im folgenden Absatz lautet:
"The right response is renewed strength--in supporting the governments of Iraq and Afghanistan, in standing with Israel, and in pursuing regime change in Syria and Iran." [Kurios ist, wie er seine hier von mir graphisch hervorgehobene Sicht der Beziehung zwischen den USA und Israel später umdreht in ein 'Israel is willing to stand with us'. Kristol hält offenbar seine Leser für ziemlich bescheuert - oder für derart ideologisch benebelt, dass sie solche Kehrtwendungen gar nicht wahrnehmen. Dass die regelmäßigen Leser des Weekly Standard dumm sind, halte ich aber für ausgeschlossen. Denn Politiker, welche als weniger intelligente Galionsfiguren welcher Strömungen auch immer an die Macht kommen - lesen nicht. Die lassen sich beraten. Leider offenbar zu oft von gemeingefährlichen Subjekten wie William Kristol.]
Dass die Invasion Israels in den Libanon ein "act of Iranian aggression" ist, bedarf für Kristol gar keiner weiteren Begründung. Und unbekümmert um die Folgen z. B. für die Ölversorgung, nicht zuletzt der USA, fordert er als Antwort auf die iranischen Aggression einen "military strike against Iranian nuclear facilities". Je eher desto besser! Die Folgen? "Yes, there would be repercussions - and they would be healthy ones, showing a strong America that has rejected further appeasement." Gesunde Rückwirkungen? Tja, wenn er darunter versteht, dass dann die USA (und ebenso wir) ernsthaft ans Energiesparen denken müssten - könnte man ihm sogar, mit einem gewissen Augenzwinkern freilich, zustimmen. Aber das ist ganz gewiss das Letzte, was der brutale amerikanische Militär-Macht-Fetischist William Kristol erhofft.
Dass Kristol freilich, im Nahen Osten jedenfalls, in allererster Linie nicht die patriotischen amerikanischen, sondern nationalistische Interessen Israels im Sinn hat, wird mit seltener Klarheit deutlich, wenn man den zehnten und letzten Absatz liest:
"But such a military strike would take a while to organize. In the meantime, perhaps President Bush can fly from the silly G8 summit in St. Petersburg - a summit that will most likely convey a message of moral confusion and political indecision - to Jerusalem, the capital of a nation that stands with us, and is willing to fight with us, against our common enemies. This is our war, too." [Hervorhebung von mir]
Erst wenn man sich klar macht, welche ungeheuren symbolischen Provokationen der gesamten Weltgemeinschaft sowie der arabischen und islamischen Welt im Besonderen in einer solchen Aktion des US-Präsidenten George W. Bush stecken würden, begreift man, dass es Kristol offenbar darum geht die USA, Seite an Seite mit ihrem selbstlosen Freund Israel, in eine Konfrontation mit der islamischen Welt und notfalls auch mit der gesamten Völkergemeinschaft zu hetzen.
Es mag ja sein, dass die Gipfeltreffen keine konkreten Ergebnisse bringen. Gänzlich funktionslos sind sie aber vielleicht doch nicht. Sie symbolisieren: wir, die Völker der Welt, stehen zusammen, wir beraten unsere Probleme und versuchen, sie friedlich zu lösen [ich bin kein Illusionist und weiß: das ist nicht immer möglich]. Wenn da plötzlich der Oberboss vom Mittagsstisch aufsteht, die Serviette hinschmeißt und den 7 restlichen 'Laberfürsten' der Gipfel-Schwatzbude seine verlängerte Kehrseite zuwendet, um zu seinem treuen Verbündeten, dem gigantischen Machtfaktor Israel, zu eilen, dann ist das eine Provokation der gesamten Welt.
Wenn er dann auch noch nach Jerusalem fliegt, dessen rechtlicher Status außerhalb Israels noch immer umstritten ist, dann ist das ein Schlag ins Gesicht zunächst einmal der Palästinenser, aber, gravierender, auch jener arabischen Welt, die nach Kristols zutreffender Darstellung (Abs. 1) derzeit gar nicht im Konflikt mit Israel steht. Man muss also annehmen, dass Kristol die arabischen Staaten radikalisieren will (die gleiche Folge hätte ja mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein Umsturz des weltlichen syrischen Regimes für dieses Land). Und darüber hinaus wäre es natürlich Wasser auf die Mühlen der radikalen Islamisten, würde diesen Selbstmordattentäter in Massen zutreiben.
Es ist absolut ausgeschlossen, dass ein Mann von seinem intellektuellen Zuschnitt den zwangsläufigen Eintritt derartiger Folgewirkungen nicht bedacht hat. Daher darf und muss man unterstellen, dass er sie ganz bewusst intendiert. Cui bono? Für Israel?
Diese Antwort wäre, wie alles, was so an Antworten auf der Straße herumliegt, zu unpräzise (auch wenn ich selbst manchmal nachlässig von "israelischen", "amerikanischen" usw. Interessen spreche).
"Das" Interesse Israels gibt es nicht. Man kann aber sinnvoll unterscheiden zwischen dem, was sich durch die Politik der israelischen Regierung als (derzeitiges) offizielles Staatsinteresse Israels darstellt und allen möglichen anderen Positionen einzelner Personen oder Gruppen, die ihre jeweils eigene Sicht der Dinge haben mögen (und theoretisch ja auch an die Macht kommen und "die" Interessen Israels dann ganz anders definieren könnten).
Nach den (überzeugenden) Darlegungen von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt ist es (auch) die offizielle israelische Politik, welche die USA zu feindseligen Aktionen gegenüber dem syrischen bzw. iranischen Regime drängt:
"Israeli leaders did not push the Bush Administration to put its crosshairs on Syria before March 2003, because they were too busy pushing for war against Iraq. But once Baghdad fell in mid-April, Sharon and his lieutenants began urging Washington to target Damascus. ..... Syria was not on bad terms with Washington before the Iraq war ...and it was no threat to the United States. Playing hardball with Syria would make the United States look like a bully with an insatiable appetite for beating up Arab states. ..... Yet Congress insisted on putting the screws to Damascus, largely in response to pressure from Israel officials and pro-Israel groups like AIPAC. If there were no Lobby, ... U.S. policy toward Damascus would have been more in line with the U.S. national interest." [Hervorhebungen von mir]
Was Syrien angeht, agitiert also die pro-israelische Lobby (und handeln das US-Parlament und die US-Regierung) eindeutig gegen das amerikanische Interesse und ganz eindeutig ausschließlich im israelischen Sinne.
Beim Iran liegen die Verhältnisse komplizierter. Wie ich in meiner o. a. Analyse u. d. T. "IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS – A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?" näher erläutert habe, gefährdet eine atomare Bewaffnung des Iran weniger die israelische Sicherheit, als vielmehr die Ölversorgungs-Sicherheit (so lange dort unten überhaupt noch Öl im Boden liegt) der USA, Europas und der restlichen Welt. Ich kann es eigentlich nicht recht verstehen, dass sich Israel in dieser Sache weit aus dem Fenster lehnt und militärische Aktionen gegen den Iran fordert (oder gar vorbereitet?).
Die anti-israelische Rhetorik der iranischen Führung halte ich im Wesentlichen für einen Trick, um mögliche Kritik (zumindest öffentliche Kritik) und Ängste der anderen Staaten am persischen Golf einzudämmen. Die sind ja nicht blöd, die Iraner: niemand kann es sich leisten, innerhalb der arabischen Welt die iranische Atomrüstung als Bedrohung anzuprangern (was sie ja tatsächlich für Saudi-Arabien usw. ist!), weil der Iran die öffentliche Meinung derjenigen Länder, die sich in erster Linie bedroht fühlen müssten, mit der Parole "Es geht ja gegen Israel" für sich mobilisiert.
Tatsache ist allerdings, dass Israel leider das Spiel der iranischen Führung gewissermaßen mitspielt, indem es, statt die (eigentlich doch sehr durchsichtige) iranische Strategie zu decouvrieren, ihr durch die entsprechenden Reaktionen auch noch Glaubhaftigkeit verleiht.
Unabhängig von dem, was die israelische Regierung gegenwärtig meint und tut, gibt es aber, aus dem Blickwinkel eines ethnozentrierten israelischen Nationalismus betrachtet, ein ganz fundamentales Problem für den jüdischen Staat. Stillstand ist aus einer solchen Perspektive Rückschritt, weil die Araber in Israel und die Palästinenser in den besetzten Gebieten sich deutlich schneller vermehren als die Israelis. Über kurz oder lang ist dadurch die jüdische Identität Israels bedroht.
Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass extreme israelische Nationalisten (und in den USA Personen, welche sich dieser Sicht der Dinge und den so definierten israelischen Interessen verpflichtet fühlen) dieses "Problem" in der Weise zu lösen hoffen, dass sie einen weitaus größeren Konflikt auszulösen versuchen, in welchem sie dann relativ unbeobachtet mit den Palästinensern 'Schlitten fahren' könnten.
Aber auch bei dem gegenwärtigen Zustand muss Israel mit der Möglichkeit eines Meinungsumschwungs in den USA rechnen. Die Reaktion auf die Studie von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt war nicht zuletzt deshalb so heftig, weil die beiden Politologen in den - wie ich sie genannt habe - "aktivierenden" Passagen ihres Papiers die Diskrepanz zwischen den amerikanischen Werten und dem von den USA unterstützten israelischen Verhalten aufgezeigt haben. So lange die USA freilich selbst in Konflikte im Nahen Osten verwickelt sind, und man die Gegenseite in die Sammelkategorie "Terroristen" packen kann, wird auch die Kritik an der israelischen Siedlungspolitik nicht allzu laut werden. Mit anderen Worten: zumindest die derzeitige israelische Politik (wenn nicht gar die israelische Politik überhaupt, denn auch die sog. "linken" Regierungen haben die Siedlungspolitik nicht gestoppt) hat ein objektives, gewissermaßen 'macchiavellistisches' Interesse daran, die USA in der Rolle eines Spießgesellen im Nahen Osten zu positionieren.
Man kann solche Gedanken als "wilde Phantasien" oder "Verschwörungstheorien" abtun; es dürfte sich auch kaum nachweisen lassen, dass sie ein Bestandteil der offiziellen israelischen Politik sind. Doch würde es mich angesichts der menschlichen Natur sehr überraschen, wenn nicht eine ganze Reihe von zionistischen Israelis und außerisraelischen Sachwaltern des Zionismus so oder so ähnlich denken würden.
Wenn aber irgend jemand eine bessere oder auch nur gleich pausible Erklärung für das Bemühen von Kristol (und vermutlich noch einigen anderen aus den Reihen der so genannten Neo-Cons) anbieten kann, einen Weltenbrand anzuzünden, ist herzlich willkommen, diese in den Kommentaren einzutragen.
Meine Leserinnen und Leser sind aber mittlerweile vielleicht weniger an irgend einem mythologischen Ragnarök und mehr am Rätsel des Zusammenhangs zwischen William Kristol und dem Peloponnesischen Krieg interessiert sind. Dazu hat mich seine grotesk verzerrte Wiedergabe der realen Machtverhältnisse im letzten (10.) Absatz inspiriert, wo Kristol Jerusalem bezeichnet als "... capital of a nation, that stands with us, and is willing to fight with us ...".
Das erinnert mich verdammt stark an die argumentative Strategie des Volkes der Elymer (im antiken Sizilien), mit der sie Athen (erfolgreich) in ihre Konflikte zu ziehen suchten. Vgl. dazu in der Wikipedia das Stichwort "Sizilienexpedition" (übrigens in die Liste exzellenter Artikel aufgenommen):
"... im Herbst 416 v. Chr. baten Gesandte der sizilischen Stadt Segesta Athen um Beistand im Konflikt mit Syrakus. Sie argumentierten, dass das mächtige Syrakus, wenn es erst ganz Sizilien beherrsche, bald Sparta, seinem dorischen Verwandten auf dem Peloponnes, zu Hilfe kommen und gegen Athen in den Krieg ziehen würde. Ein Eingreifen Athens sei also ein Präventivkrieg."
Gut: Anders als die Elymer den Athenern versprechen die Israelis den Amerikanern keine "Finanzierung der Kriegskosten". Schließlich hängen sie ja selbst am amerikanischen Finanztropf, mit dem sie nicht nur ihre Verteidigung (teilweise) finanzieren, sondern auch ihre völkerrechtswidrigen Siedlungen im Westjordanland. (Diese sind natürlich keine aggressiven Handlungen, gell Mr. Kristol?)
Aber nicht minder lächerlich als der von den Elymern vorgetäuschte Reichtum ist der von Herrn Kristol suggerierte Wert einer militärischen Unterstützung der USA durch Israel in einer weit reichenden Auseinandersetzung mit der arabischen und darüber hinaus insgesamt der islamischen Welt.
Der Kampf gegen Syrakus (der natürlich aus athenischer Sicht weniger als Hilfe für die Elymer denn vielmehr als Mittel der eigenen Machtsicherung und Machterweiterung gedacht war, in welchen aber ganz konkret die Elymer aus der westsizilianischen Stadt Segesta die Athener hineingelockt hatten) ging schlecht aus für Athen. Im Irak läuft's jetzt schon schlecht für die USA. Wer in dieser Situation anderswo ohne Not (also insbesondere in Syrien) Streit anfangen und George Bush zu einer demonstrativen Provokation weg vom Gipfeltreffen der führenden Länder der Erde nach Jerusalem schicken will, argumentiert nicht als amerikanischer Patriot, sondern als Lobbyist nationalistischer israelischer Strömungen.
Schon aus der Logik von Kristols eigener Argumentation ist nicht zu begründen, mit welcher politischen Zielsetzung Busch nach Israel reisen sollte. Ein Bittgang ist überflüssig, weil Israel in der Story von Kristol ja ohnehin auf "unserer" (i. e. der amerikanischen) Seite steht und bereit ist [wie freundlich!] mit "uns" gegen "unsere gemeinsamen Feinde" zu kämpfen. Der Vorschlag kann also nur als Herausforderung konzipiert worden sein, um es im Nahen Osten so richtig zum Krachen zu bringen. Dieser Zuendel-Bube weiß ganz genau, dass bereits seine beiläufig hingestreute Bemerkung "... Jerusalem, the capital of a nation ..." das Blut jedes Palästinensers und Arabers (und natürlich auch der Islamisten) zum Kochen bringt. Nicht umsonst sitzt ja nicht einmal die US-amerikanische Botschaft (hier eine Webseite der Botschaft mit Zahlenangaben über die US-Hilfe für Israel) nicht in Jerusalem, das nach israelischem Recht die Hauptstadt ist, sondern nach wie vor in Tel-Aviv. Über die Hintergründe informiert uns der Wikipedia-Artikel über Jerusalem: "Der Kongress der USA beschloss 1995, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, da Israel – wie alle Staaten – das Recht habe, seine Hauptstadt selbst zu bestimmen. Aus Furcht vor den außenpolitischen Folgen ist dies jedoch bis heute (2006) nicht umgesetzt."
Noch ausführlicher dazu die englischsprachige Wikipedia (Stichwort "Positions on Jerusalem"):
"The United States Jerusalem Embassy Act, passed by Congress in 1995, states that "Jerusalem should be recognized as the capital of the State of Israel; and the United States Embassy in Israel should be established in Jerusalem no later than May 31, 1999". Since then, the relocation of the embassy from Tel Aviv is being suspended by the President semi-annually, each time stating that "[the] Administration remains committed to beginning the process of moving our embassy to Jerusalem". As a result of the Embassy Act, official U.S. documents and web sites refer to Jerusalem as the capital of Israel.
Section 214 of the Foreign Relations Authorization Act, 2003 states:
"The Congress maintains its commitment to relocating the United States Embassy in Israel to Jerusalem and urges the President [...] to immediately begin the process of relocating the United States Embassy in Israel to Jerusalem". [16]
However, U.S. presidents, including President Bush, have argued that Congressional resolutions regarding the status of Jerusalem are merely "advisory", stating that it "impermissibly interferes with the President's constitutional authority". [17] The U.S. Constitution reserves the conduct of foreign policy to the President and resolutions of Congress which make foreign policy are arguably invalid for that reason. .....
The U.S. Department of State maintains a Consulate General in Jerusalem. .....
US citizens born in Jerusalem do not have “Israel” written on their passports as their country of birth, but rather "Jerusalem". [citation needed]"
William Kristol will also ganz eindeutig die Gegner Israels durch die USA provozieren und damit die ohnehin schon geringe Handlungsfreiheit der US-Regierung in der Nahostpolitik gänzlich einschränken. Welchen Nutzen hätten die USA davon, wenn sie noch mehr als das ohnehin jetzt schon der Fall ist, in den Nachbarländern Israels und in der ganzen Welt als dumm-treuer Schnuffi-Hund wahrgenommen würden, der vom israelischen Stummelschwänzchen nach Belieben herumgewedelt wird?
Was andere Amerikaner zu Meinungsäußerungen in der Art der hier besprochenen sagen, kann man z. B. bei dem bereits oben zitierten Taki Theodoracopulos nachlesen:
"Failure has done nothing to moderate the insane ambitions of [my addition: certain] U.S. policymakers. Not content with the bloody fiasco in Iraq, the intensification of the war in Afghanistan, a soaring budget deficit, and the electoral triumphs of the anti-American populist Left throughout South America, American policymakers have decided to open up a number of new battlefronts. First, they threaten to overthrow the clerical regime in Tehran. As if that weren't enough, they have now decided to pick a fight with Russia. Yes, Russia, the biggest country in the world and one that possesses thousands of nuclear warheads. Hubris like this has not been seen since Adolf Hitler." [Hervorhebung von mir]
In der Tat fällt es schwer, William Kristol und andere Leute seines Schlages anders zu sehen denn als gemeingefährliche Irre. Andererseits: Irre sind unzurechnungsfähig; mit einer solchen Einstufung würden wir Kristol bitter Unrecht tun. Damit bleibt als einzige sachgerechte Alternative eine Rubrizierung von William Kristols Plänen als kriminell gefährlich - für die USA, den Rest der Welt und letztendlich auch für Israel, das nicht ewig in Unfrieden mit seinen Nachbarn leben kann. Andererseits kann aber Israel am allerwenigsten seine "Probleme" mit einer "Endlösung" nach dem Vorbild von Adolf Hitler lösen. Freilich frage ich mich aber doch , was Heißsporne wie Kristol mit ihren Provokationen letztendlich beabsichtigen, wenn nicht eine Konfrontation im ganz großen Stil, bei der es zwar nicht zur physischen Eliminierung der Palästinenser, aber doch wenigstens zu deren "Umsiedlung" in andere arabische Staaten kommen könnte. Auch wenn es richtig ist, dass "states matter", zeigt ja gerade die jüdische Geschichte, dass ein Volk oder eine Religionsgemeinschaft sogar in der Diaspora unter bestimmten Voraussetzungen seine/ihre Identität auch ohne einen eigenen Staat wahren kann, und dass sogar über historisch immense Zeiträume.
Sicherlich haben Kristol & Co. nicht nur geographisch, sondern auch zeitlich ein weites Blickfeld.
Ganz generell möchte ich also zu bedenken geben, dass das Verständnis der israelischen Position und Politik möglicherweise an einer relativ oberflächlichen Fixierung der Debatte auf Außenpolitik und die Sicherheitspolitik (Außenpolitik, Kampf gegen Terrorismus) krankt. Israel ist aber (wie natürlich auch Deutschland usw., jedoch im Gegensatz zu den USA) ein ethnozentrischer Staat. Die große und im Verhältnis schneller wachsende Zahl von Palästinensern muss aus der Sicht eines Zionisten als Bedrohung erscheinen. Es könnte deshalb Erkenntnis fördernd sein, wenn man sich fragen würde, ob sich nicht bestimmte Handlungsweisen der israelischen Politik und Forderungen der zionistischen Lobby in den USA dadurch stringenter interpretieren lassen, dass man eine Orientierung der Akteure und ihrer Ziele an der Wahrnehmung einer vorwiegend von innen kommenden Bedrohung der jüdisch-israelischen Staatsidentität annimmt.
Manche Leser(innen) finden vielleicht, dass ich meine Interpretation von Kristols Artikel "It's Our War" überdehne, wenn ich darin Indizien für eine auf breit angelegte außenpolitischen Brandstiftung gerichtete Zielsetzung zu erkennen glaube.
Gegen eine Fehlinterpretation meinerseits spricht aber, dass sich Kristol an anderer Stelle explizit für einen breiten Konflikt ausspricht. In der Fußnote 210 der Arbeit von Mearsheimer und Walt (das Zitat findet man aber auch sonst zahlreich im Zwischennetz) lesen wir:
"Robert Kagan and William Kristol wrote in the aftermath of 9/11 that, “Afghanistan will prove but an opening battle …. this war will not end in Afghanistan. It is going to spread and engulf a number of countries in conflicts of varying intensity. It could well require the use of American military power in multiple places simultaneously. It is going to resemble the clash of civilizations that everyone has hoped to avoid.” "The Gathering Storm,” Weekly Standard, October 29, 2002. [Hervorhebung von mir] Das also ist (nicht der unvermeidliche Gang der Geschichte, sondern:) das erklärte Ziel von William Kristol und seiner Gesinnungs-Gang: einen ganz großen Krieg der Zivilisationen anzuzetteln. Wozu? Für was? Oder: Für wen?
Kehren wir indes zum Ausgangspunkt dieses Eintrages zurück, nämlich der (auch von einer Reihe von Gegnern der israelischen Politik viel kritisierten) Studie der beiden amerikanischen Politologie-Professoren John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt "THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY."
Tatsächlich sind die israelischen und die US-amerikanischen Interessen im Nahen Osten nicht immer so sauber zu trennen, dass man denjenigen Personen, die in den USA bestimmte außenpolitische Forderungen aufstellen, welche mit Forderungen der israelischen Regierung identisch sind, von vornherein einen Lobbyismus zu Gunsten Israels oder gar eine Inkaufnahme der Schädigung eigener amerikanischer Interessen unterstellen könnte. Dies um so weniger, als man nicht ausschließen kann, dass andere Menschen dort eine Interessenidentität sehen, wo man selbst keine zu erkennen vermag.
Stephen Walt stellt in einer Pressekonferenz vom 28.08.06 ausdrücklich klar, dass: "... we didn’t accuse and don’t accuse anyone of being disloyal to the United States. Rather, we recognize that all of us have many commitments and affinities to our country, to our religion, to our families, sometimes to our employers. It’s entirely permissible for those different commitments and attachments to manifest themselves in politics. That’s perfectly okay here in the United States. People like Paul Wolfowitz or Doug Feith and people who work for AIPAC advocate policies they think are good for Israel and the United States alike." [Hervorhebung von mir]
Im konkreten Falle des William Kristol lässt aber in meinen Augen meine vorliegende Detailanalyse keinen anderen Schluss zu als den, dass er im Nahen Osten in allererster Linie die Interessen Israels im Auge hat und bereit ist, für dessen Verteidigung eine Katastrophe für sein eigenes Land in Kauf zu nehmen, wie sie sich im Irak schon jetzt, aber in einem weitaus kleineren Maßstab, abzeichnet.
Hier gibt es keine "split loyalty" mehr; hier ist - mit einer Wahrscheinlichkeit, wie sie in politischen Vorgängen kaum größer nachgewiesen werden kann - seine (Ill-)Loyalität ganz eindeutig.
Auch im eigenen (deutschen, europäischen) Interesse müssen wir also hoffen, dass es Mearsheimer und Walt gelingt, in ihrem angekündigten Buch die Wirkung der pro-israelischen Lobby in den USA noch stringenter nachzuweisen und die Diskrepanzen zwischen amerikanischen und israelischen Interessen noch überzeugender darzulegen, als das in ihrer - angesichts der breiten und intellektuell verminten Thematik relativ kurzen - Studie geschehen konnte.
Vielleicht wacht die amerikanische Öffentlichkeit dann doch auf und verjagt jedenfalls Hasardeure wie William Kristol endgültig von der Bühne und aus den Garderobenräumen der US-Außenpolitik.
Informationen zur Person William Kristol finden sich, außer in der Wikipedia (s.o.), z. B. auf den Webseiten von "SOURCEWATCH", in einem BBC-Panorama, "MEDIA TRANSPARENCY", "RIGHT WEB", Links zu einigen Artikel auf "DISCOURSE DB", und mit einer relativ ausführlichen Darstellung seiner Positionen bei "Cooperative Research".
Nachtrag vom 24.01.07:
Dass Kristol nicht der einzige ist, der den Nahen Osten so richtig aufmischen will (und dann Saudi-Arabien gleich mit - was ideologisch zwar Sinn macht, realpolitisch-ökonomisch aber tödlich wäre), zeigen z. B. Äußerungen des Neo-Konservativen Michael Ledeen, wie die folgende:
“Stability is an unworthy American mission, and a misleading concept to boot. We do not want stability in Iran, Iraq, Syria, Lebanon, and even Saudi Arabia; we want things to change. The real issue is not whether, but how to destabilize.” [Wall Street Journal, 9/4/2002] (Nachzulesen auf der Webseite "Cooperative Research") [Hervorhebung von mir]
Eine außerordentlich luzide Studie der "Israel Lobby" ist der gleichnamige Aufsatz vom Michael Lind vom 01.04.2002 (auch hier). Im Grunde nimmt er - in einem relativ kurzen Text - alles vorweg, was John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt in ihrer Studie "THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY" vom März 2006 schreiben. Michael Lind informiert sehr viel breiter (wenn auch nicht wissenschaftlich mit Quellenverweisen operierend) nicht nur über die politische Dimension der Lobby, sondern auch über deren soziologischen Hintergrund: einem "Rise of Jewish fundamentalism in the USA and Israel", der nur zu verstehen ist im Zusammenhang mit einer "... attrition of Jewish numbers by assimilation and intermarriage [which] is producing alarm among Jewish-Americans devoted to preserving Jewish distinctness, by means of conservative religious observance, ideological Zionism, or both." Er schreckt auch nicht davon zurück, das Loyalitätsproblem ("dual loyalty") mit voller Schärfe zu adressieren: "... making political Zionism the basis of Jewishness imposes a stark dual loyalty". Mit einer breiten Übersicht über das politische Spektrum zeigt er auf, dass die Kritik an der Israel-Lobby bzw. an der israelischen Politik in der amerikanischen Gesellschaft hauptsächlich in linken und rechten Strömungen zu finden ist und dadurch auf Randsegmente der Gesellschaft beschränkt bleibt. Als Grund dafür, dass man solche kritischen Postionen in den USA (im Gegensatz zu Europa) nur selten in der politischen Mitte antrifft, identifiziert er die Dominanz der Lobby in den Meinungs-Medien. Ähnlich wie Mearsheimer und Walt kommt er zu dem Schluss dass "America's Israel lobby ... is not all-powerful, but it is still far too powerful for the good of the US and its alliances in the middle east and elsewhere." (Ich hoffe, meine kurzen Streiflichter haben Sie ermutigt, diesen wunderbar klar und ausbalanciert geschriebenen Aufsatz selbst zu lesen; selten werden einem Informationen von solcher Tragweite und Breite der Betrachtung in derart lesbarer Form und Kürze präsentiert.)
Patrick Buchanan scheint (in der breiten Meinung) zu den rechten Schmuddelkindern der intellektuellen Debatte in den USA zu gehören (wenigstens gehört er nicht zur agressiven Rechten; in den USA muss man ja bekanntlich -2- "Rechten" unterscheiden: die mehr isolationistischen Altkonservativen und die aggressiv-nationalistischen - und/oder zionistischen? - Neu-Konservativen).
Aber die Zitate von Neo-Cons, die er in seinem Aufsatz "Whose War? A neoconservative clique seeks to ensnare our country in a series of wars that are not in America’s interest" in dem Magazin "The American Conservative" vom 24.03.2003 in einem langen Aufsatz präsentiert, hat er sicherlich nicht erfunden. Z. B. die ebenso enthüllende wie erschreckende Vision von Norman Podhoretz:
"We may willy-nilly find ourselves forced … to topple five or six or seven more tyrannies in the Islamic world (including that other sponsor of terrorism, Yasir Arafat’s Palestinian Authority). I can even [imagine] the turmoil of this war leading to some new species of an imperial mission for America, whose purpose would be to oversee the emergence of successor governments in the region more amenable to reform and modernization than the despotisms now in place. … I can also envisage the establishment of some kind of American protectorate over the oil fields of Saudi Arabia, as we more and more come to wonder why 7,000 princes should go on being permitted to exert so much leverage over us and everyone else."
Auch dieser Aufsatz ist jedenfalls sprachlich überzeugend. Zumindest habe ich auf den ersten Blick (freilich ohne nähere Kenntnis der Positionen von Buchanan und ohne die Zitate in den Zusammenhängen recherchiert zu haben) nicht den Eindruck (anders als z. B. bei der Polemik von Alan Dershowitz gegen Mearsheimer und Walt), dass hier einer mit Schaum vor dem Mund Hetzpropaganda verbreitet. Auch seine Analyse scheint wichtige Informationen zu enthalten und ist m. E. lesenswert.
Nachtrag v. 25.01.07:
"Niemand sollte Illusionen darüber hegen, worauf die Lage zuzusteuern beginnt - auf einen großen Endkampf um den Nahen und Mittleren Osten, auf den Regimewechsel in Damaskus und Teheran, um den Regimewechsel in Bagdad abzusichern. Es ging von Anfang an nie um Saddam allein, so wenig wie es nach dem 8. Mai 1945 um Deutschland allein ging. Damals musste die Demokratie in ganz Westeuropa gegen Stalin gesichert werden. Heute steht Ähnliches für den Raum zwischen Mittelmeer und Persischem Golf an. Künftige Historiker können sich auf interessante Zeiten gefasst machen"
schrieb Torsten Krauel in der "Welt" vom 12.01.07 u.d.T. "Bush steuert auf den großen Endkampf zu". Das scheint beinahe treffend beobachtet.
Ich sage deshalb "beinahe", weil Bush nicht steuert:
Robot Bush wird gesteuert - RoBush!
Vgl. zum Thema Europa (Deutschland) und naher Osten auch meinen Eintrag "Propheten-Karikaturen und Palästinenserfrage".
Textstand vom 31.01.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.
Labels: Diskursanalyse, Islamismus, Kulturenkonflikte, Palaestina-Konflikt, Personen Tadel, Politik (Naher Osten), USA (Außenpol.)
Abonnieren
Posts [Atom]
Sonntag, 14. Januar 2007
Auf Zeit-Seite Eins rettet Iris Radisch die Erde. Doch leider so, dass ich bald kotzen werde.
Feierabend: für die Zeit-Zeitschriften-Werberin, die beim Kaufhaus Karstadt in Mainz Kunden keilt. Eigentlich für ein Probeabonnement (3 Wochen gratis), welches ich aber nicht wollte. Beim Reingehen also habe ich sie gemieden. Beim Rausgehen hält sie mir die aktuelle Ausgabe vom 11.01.2007 unter die Nase - und jetzt nehme ich sie.
Normaler Weise funktioniert das Spiel so, dass einem die Zeitschrift wieder weggezogen wird - bis man seine Anschrift für das Probeabonnement preisgegeben hat. Aber irgendwie hatte ich instinktiv begriffen, dass die junge Dame jetzt nur noch die übrig gebliebenen Exemplare verschenken wollte. In Erwartung möglicher Blog-Katalysatoren griff ich zu.
Die Erwartung trog nicht. Als unser Zug am späten Abend [immerhin: in Mainz sind die Kaufhäuser noch so Reisendenfreundlich, dass sie um 20.00 h schließen; in Frankfurt wären wir so früh nicht weggekommen; dort haben die Kaufhäuser in der Innenstadt nunmehr die Ladenöffnungszeiten jedenfalls von Donnerstag bis Samstag abends auf 22.00 verlängert] im Bahnhof "Mainz Römisches Theater" (ehemals Mainz Südbahnhof) wieder anfuhr, war ich schon tief in die Lektüre versunken.
Bereits der Aufmacher reicht "to rile me up" [falls wen der Grund dafür interessiert: Denkmalschutz ist für mich auch ein Symptom zivilisatorischer Verkrustung; und im übrigen bei einer schrumpfenden Population ökonomisch kaum durchzuhalten]: "Rettet die alten Häuser! Mehr als hunderttausend Baudenkmale wurden in den vergangenen Jahren zerstört: Wie Deutschland sein kulturelles Erbe verspielt". (Der Feuilleton-Artikel dazu von Hanno Rauterberg ist betitelt: "Ein Land auf Abriss. Die Republik verliert ihr kulturelles Erbe. Über 100 000 Baudenkmale sind in den letzten Jahren zerstört worden. Und die Vernichtung geht weiter."
Aber während ich gerade dabei bin, auf die Palme zu klettern, fällt mein Blick auf Jens Jessens Meinungsbeitrag
"Gefährlicher Eifer. Über die Denkmal-Ideologie."
Man soll nicht Gott spielen; und selbst der Versuch, so gerecht zu sein wie dieser, ist schon frevelhaft. So gesehen, hätte ich keinen Anlass, die Denkmalschützer um des einen Gerechten Jessen willen zu verschonen. Das Problem ist nur, dass ich den (langen) Aufsatz von Rauterberg zunächst einmal lesen müsste, bevor ich beginne, dagegen zu wettern.
Doch da tritt mir, kurz und knackig, auf S. 1 Irisch Radisch's "Wir könnten auch anders" in den Weg. Leider führt kein Urlweg [potzblitz: sogar zu einem solchen Begriff sucht mir Google 116 Belegstellen raus - wenn auch wohl in anderer Bedeutung!] zu diesem Meinungsaufmacher; nur im Online-Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 3/2007 ist er zu finden.
[Nachtrag v. 17.1.07: bin ich zu blöd oder die Suchmaschine auf der ZEIT-Seite? Jedenfalls habe ich den Artikel heute doch online gefunden, zufällig, bei der Rückverfolgung eines Surfer-Zugriffs u. d. Stichwort "weißer Flussdelfin".]
Die Entwicklungshilfe-Bilanz "Wofür das Ganze? Eine Billion Dollar hat der Norden dem Süden gegeben, um die Armut zu bekämpfen. Doch viele Arme sind arm geblieben. Von der Hilfe profitiert haben Diktatoren, Kleptokraten - und die Helfer selbst" (S. 20, leider nicht Online) versucht zwar, meine Aufmerksamkeit abzulenken und wäre sicher des Lesen wert.
Indes falte ich diese Blätter für meine werktäglichen Pendelfahrten zusammen und widme mich mit Verve dem Studium von Iris Radischs Ideen zur Rettung der Welt. Zunehmend packt mich dabei jedoch eine Art heiliger Zorn.
Meine Leser(innen) werden sich fragen: Welch giga-großes Böse verbreitet Frau Radisch denn gleich auf der ersten Seite der "Zeit"?
Ihr Aufsatz beginnt mit einem ausgestorbenen Weißen Flussdelfin. Tut mir auch leid, der Bursche: sorry Sir Dolphin.
Ein kleines Mädchen, das als nächstes auftritt, ist mir allerdings eher unsympathisch, wenn es altklug wie in amerikanischen Familien-Filmen oder auf-agitiert wie die Plakate schwingenden Anti-Atom-Bälger der schein-oppositionellen 68er Avantgarde der Bourgeoisie sagen und fragen muss:
"Der arme Weiße Flussdelfin! Warum tun wir das? Was tut ihr dagegen? Der Vater von Lorenz fährt schon lange mit Biosalatöl".
Ja, ja: "Die Kinder fragen völlig zu Recht, warum wir nichts dagegen tun. Sind wir denn genauso blöd wie der arme Flussdelfin, der sich nicht zu helfen weiß?"
Anscheinend ja, denn
"Vergnüglicher als die Salatöl-Nummer ist es angeblich sowieso mit 300 PS über die Autobahn zu brettern."
Die Essayistin verkennt nicht, dass wir
"versuchen, ... den Schaden zu begrenzen. Wir haben es inzwischen sogar zu einer gewissen Meisterschaft in der Reparatur von Zivilisationsschäden gebracht. ..."
Und sie hat natürlich Recht, wenn sie sagt
"... dass wir immer nur mehr und noch mehr haben wollen".
Dass die Zivilisation unser Glücksstreben gerne entgleisen lässt: wer wollte daran zweifeln? Aber nicht erst in [unserem] "materialistischen Zeitalter" ist "Glück ... in der Regel etwas zum Essen, zu Fahren oder zum Anfassen". Die Dimensionen haben sich ganz gewiss verschoben; aber ganz sicherlich hat (oder besser wohl: hätte) sich der ägyptische Fronsklave über ein Stückchen Fleisch in seinem Was-auch-immer-Brei genau so gefreut wie ein / eine kultivierter / kultivierte Zeit-Genosse oder Zeit-Genossin über eine Mahlzeit im Hotel Traube in Baiersbronn-Tonbach. Und wäre ebenso wie der Mensch der Moderne bereit gewesen, dafür eine Überstunde am Steinschlepp-Seil zu leisten oder sein Pyramiden-Plansoll auf andere Weise zu übererfüllen.
Warum wir dem -echten oder scheinbaren- Glück nachjagen müssen, sagt uns der Philosoph Thomas Metzinger in seinem (ansonsten in meinen Augen nicht überdurchschnittlich bemerkenswerten) Essay "Der Preis der Selbsterkenntnis" (Gehirn & Geist vom Nr. 7-8/2006, S. 46) wenn er die evolutionäre Funktion unseres Glücksstrebens zutreffend als "hedonische Tretmühle" charakterisiert.
Freilich kann man meinem Vergleich vorwerfen, dass es in dem einen Falle um grundlegende Nahrungsbedürfnisse geht, im anderen um ausgesprochenen Luxus. Iris Radisch jedenfalls meint, dass wir in unserer Epoche Glück auch mit einem deutlich geringeren Ausstoß an Kohlendioxid produzieren könnten:
"Bis heute fehlt jeder Beweis dafür, dass industriell erzeugter Luxus glücklich macht. Wir wissen nicht, ob der Mann, der am Sonntag mit seinen Kindern über die Autobahn in den hochgerüsteten Erlebnispark düst, wirklich zufriedener ist als jener, der mit den Kindern nur Verstecken im Schrebergarten spielt".
Nun ist freilich das Kleingartenparadies des Dr. Schreber bereits ein (indirektes) Produkt der Industriegesellschaft - als Reparatur gewisser höllenhafter Verhältnisse aus der Zeit der Industrialisierung gedacht. Da sind Jared Diamond (vgl. meinen Eintrag "Der größte Fehler in der Menschheitsgeschichte?") und die Primitivisten sehr viel konsequenter, wenn sie uns ihre Version des "Revenons [à peu près] à la nature" zurufen.
Frau Radisch dagegen träumt den ewigen Menschheitstraum, dass man alles zugleich haben kann: ein gemütliches Leben und (jedenfalls spricht sie sich nicht für franziskanische Armut aus), einen gewissen - vernünftigen natürlich - Wohlstand.
Es erscheint uns auf den ersten Blick auch keineswegs falsch oder unvernünftig, wenn sie meint, dass "der gefährliche spätindustrielle Wachstumswahnsinnn ... in Wahrheit selten [hält], was er verspricht: mehr Lebensqualität".
Und welches denkende Wesen könnte etwas einzuwenden gegen
"Eine intelligente Transformation des Wachstumsprinzips", oder gegen die Feststellung, dass eine solche "auch aus egoistischen Motiven geraten ist"? Es wird auch ein jeglicher Leser beifällig nicken, wenn er liest
"worauf es uns einzig ankommen sollte: ein gelingendes Leben"?
Den Weg dahin will uns die Autorin über
"Die Entdeckung der Langsamkeit [weisen], des einfachen, aber intensiven und gesunden Lebens, des Downshifting, der Muße und der Nachhaltigkeit."
Und hinführen zu einer Entwicklung, bei der wir verzichten auf
"... unsere Lebenszeit oft sinnlos verschlingende Rennerei im Hamsterrad der Hochleistungsgesellschaft"
und uns nicht länger
"... mit teurem und ödem Klimbim abspeisen lassen".
Nein, kein Verzicht wird uns hier (scheinbar) abverlangt; die Glücksmenge bleibt (mindestens) gleich, wenn wir dem Materiellen ein wenig [aber wie viel genau?] entsagen, denn:
"Es geht nicht darum, auf Glück zu verzichten. Sondern darum, falschen Glücksversprechen zu entkommen. Es geht um nichts Geringeres als um einen neuen westlichen Lifestyle". [En passant: ein "Lebensstil" hätte es auch getan!]
Wie dumm sind eigentlich die Menschen, dass sie nicht erkennen, wie einfach das alles im Grunde zu haben wäre? Denn
"Anders leben - das meint nicht, schlechter zu leben, sondern auf echte Lebensqualität zu setzen, auf sinnlosen Konsum zu verzichten, weniger vom Schlechten und mehr vom Besseren zu haben." [Hervorhebungen von mir]
Sie beschränkt sich auch nicht auf solche allgemeinen Empfehlungen, sondern regt z. B. an, dass wir "millionenfach nach Ökoautos ... verlangen" sollen, aufhören "die schädliche Rindfleischindustrie durch fleißigen Fleischverzehr weiter zu unterstützen" oder den "Billigflieger ... nach Neapel" zu buchen. Und wenn sich erst einmal
"... 80 Millionen Deutsche ab morgen an die Ökostromanbieter [halten würden], müsste sich die Stromwirtschaft etwas einfallen lassen".
Ihren Appell beschließt sie mit dem Brecht-Zitat über die Verhältnisse, die nicht so sind, und der daran anknüpfenden Behauptung
"... die Verhältnisse haben einen Herrn und Meister. Und das sind immer noch wir."
Probleme habe ich mit Frau Radischs gesellschaftlichem Ringelpietz-Appell schon (wie vielleicht auch der eine oder andere Leser) auf der konkreten Ebene.
Rindfleisch mag ich und würde (wenn ich es mir leisten könnte) auch ganz gern öfter ein saftiges Steak essen: nicht den Schrott aus hiesigen Ställen natürlich, sondern die saftigen Lendenstücke der Pampas-Bullen ... .
Und wenn alle Ökostrom verlangen würden, würden bei allen die Lichter ausgehen.
Neapel? Na gut, muss nicht sein: wenn man dort hinfährt, schaufelt man auf die eine oder andere Weise eh' nur Geld in die Taschen der Camorra. Aber Liguren, Cinque Terre: würd' ich schon gern mal wiederseh'n. Okay: kann man auch im Schlafwagen bequem hinkommen - wenn man in Frankfurt startet. Etwa von Oslo aus wär' das schon 'ne ziemliche (Tor-)Tour. (Andererseits: wenn wir erst Zeit und Muße haben, könnte man ja auch mit dem Schiff von Oslo nach Neapel kommen?) Die Bahn verursacht weniger Emissionen als das Fliegen, aber ganz unschädlich ist nicht einmal das Bahnfahren. Vor allem verbraucht es ebenfalls, wenn auch weniger, Energie. Auch da könnte man sparen, indem man seinen Sommerurlaub im Bayerischen Wald genießt. Oder ganz drauf verzichten, indem man gleich daheim hocken bleibt: Kant in Königsberg hat es uns vorgemacht, wie man gleichzeitig geographisch immobil und trotzdem geistig höchst rege bleiben kann.
Wo also setzen wir beispielsweise die Grenze zwischen einer überflüssigen Luxusreise und einem notwendigen, oder noch erlaubten oder unnötigen oder schädlichen Erholungsurlaub?
Schwingen wir uns auf vom praktischen Klein-Klein (aus dem freilich alles besteht!) in die Regionen der Abstraktion. Keine Frage, dass die Menschheit in die Sch. rennt. Auch keine Frage, dass wir die Entwicklung ein wenig retardieren könnten. Und Konsumkritik habe auch ich, und sogar häufig schon hier in diesem Blog geübt. Aber nicht in der Erwartung, damit die Erde zu retten, zumal unser Wollen nicht selten widersprüchlich ist.
Meine eigenen (meist kritischen) Bemerkungen über Konsum finden sich z. B. in den nachfolgend verlinkten Einträgen:
"Margarinefigürchen oder wer stiehlt uns den Produktivitätsfortschritt?", "KEIN "HAPPY END" FÜR DIE HAUSHALTSKASSE oder "WER STIEHLT UNS DEN PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITT BEIM TOILETTENPAPIER?" [Zeitungspapier täte es ja eigentlich auch ...], etwas anders in "Es muss nicht immer Frottee sein: Klassenkampf im Morgenmantel?", ausnahmsweise mit dem Lob eines (auch noch US-amerikanischen!) Produktes unter "Spar dich reich!" und, den Dienstleistungsbereich nicht zu vergessen (ja, ja Freunde, so langsam geht's an -euer- Eingemachtes!) "BALLA BALLA oder DIE PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITTSDIEBE DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN SAU(G)NÄPFE". Kritik am Anspruchsdenken (hier im Gesundheitswesen) übe ich in "Bauchfalte? Ich fauch' balde!".
Unter "IN FLAGRANTI" geht es weniger um weniger Konsum, als vielmehr um mehr Effizienz. Und wenn ich beklage "DIE WELT WIRD CAPECODISIERT!", dann habe ich keineswegs die eigene Abstinenz, sondern vielmehr den Über-Konsum der anderen im Visier, der mir meinen 'gerechten' (was immer das sein mag) Anteil vorenthält.
Trotzdem (oder eher deswegen?) versuche ich (manchmal) mich gegen den Kaufzwang zu immunisieren, wie bei "KASIREST oder DIE NEUE ART DES STADTBUMMELS". (In "Die Botschaft der Taube" hat es allerdings nicht geklappt.)
Ganz nahe an dem dran, was Irisch Radisch vielleicht meint, wenn sie überflüssigen Luxus kritisiert, liegen zweifellos meine Bemerkungen über "BEDARF - BEDÜRFNIS - BOTRYTIS?" oder gar in "DAS WEIHNACHTSWUNDER IN DER ÜBERDRUSSGESELLSCHAFT" und unter "Alle Jahre wieder" oute ich mich als ein Anhänger des Konsumgüterrecycling. Beim "Baden-Badener Thermalsozialismus" richten sich meine Überlegungen wiederum eher darauf, auf welche Weise ich vielleicht mehr von diesem spezifischen Gut "Planschen in Thermalmineralwässern" konsumieren könnte. "VIVA - WER? oder KULTUR-WARENUNTERSCHIEBUNG " und noch einige andere Eintragungen behandeln ebenfalls, auf die eine oder andere Weise, den oder meinen Konsum).
[Verdammt, so viel habe ich bereits über -meinen- Konsum gebloggt? Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, dass "la lingua batte, dove il dente duole"!]
Und wie hält es die Advokatin einer neuen Selbstbescheidung z. B. mit den Denkmälern (s. o.): wie vieles ist davon (nicht) sinnvoll, oder gar klimaschädlich? Wie viel Geld / Aufwand darf / soll / muss man ihrer Meinung nach (nicht) da reinstecken (um mehr Muße zu haben)? Die Standard-Antworten (vielleicht auch ihre, aber das kann ich natürlich nicht behaupten) sind in solchen Fällen vorhersehbar: 1) ist das doch ganz etwas anderes und 2) wird man uns vorrechnen, dass wir auf die eine oder andere Weise sogar etwas für die Umwelt tun, wenn wir alte Häuser restaurieren statt neue zu bauen. Und überhaupt: damals hat man doch so viel menschlicher gebaut. Freilich mit 3,40 m Deckenhöhe - nun ja ...: die Leute können in Fachwerkhäuser ziehen; die sind gesund und die Zimmerdecken deutlich niedriger! Und Lehm gibt's überall, da fallen keine weiten Transportwege an ... und so weiter.
Ich weiß sehr wohl, dass wir Menschen "(B)rats in the box" sind und derzeit an jenem Hebel herumspielen, welchen der große Demiurg [bei mir freilich nur als Verbildlichung der -natürlichen- Verhältnisse gedacht, die nun mal so sind, wie sie sind] als "ultimate lever" in unsere Playbox eingebaut hat. Doch bin ich skeptisch, was die Möglichkeit einer Lösung angeht. Nicht nur, dass ich (wie ja zweifellos auch die Autorin) kein Leben führen möchte, bei welchem "... for Schouh .. dat Jeld to knapp" ist.
Schon auf der alltäglich-praktischen Ebene kann man die Prediger des Konsumverzichts ohne Mühe in endlose Debatten darüber verwickeln, was "nötig" oder auch nur "sinnvoll" ist, und was nicht. Wie viele Opernhäusern braucht Berlin, und braucht es überhaupt diesen aristokratisch-bourgeoisen Kulturplunder, der seine Blütezeit im 19. Jahrhundert längst überlebt hat? Lieber Musical-Spielstätten? Oder eher, um menschliche Nähe und örtliche Gebundenheit zu fördern, Nachbarschafts-Jazzkeller, jeweils vielleicht synergetisch unter dem Straßen-Block-Kraftwerk eingebaut?
Auf dieser Ebene erreicht man freilich noch nicht die eigentliche Problematik, die (leider) dem Kampf gegen den (zweifellos) "gefährlichen [aber nicht erst:] spätindustriellen Wachstums-Wahnsinn" innewohnt. Mit dem Problemkern wird konfrontiert, wer z. B. auf S. 3 der gleichen "Zeit"-Ausgabe Nr. 3 aus 2007 den Artikel "Es wird heiß auf dem Planeten Erde" von Fritz Vorholz liest (das wiederum ist erfreulicher Weise online möglich).
Kein bequemes Zurücklehnen wird uns da anempfohlen, sondern z. B. eine Optimierung der Pkws: harte (Ingenieurs-)arbeit also, kein Bett-bequemes Meditieren unter spitzwegischen Dachschrägen!
Und was würde die Autorin zum "Kampf" (schon dieser Begriff verspricht Un-Gemütlichkeit!) gegen Aids und andere Krankheiten sagen, oder zur Feuerwehr, die nicht ganz schnell in die Puschen kommt, wenn's wo brennt, oder dem Rettungshubschrauber, der nicht aufsteigt, weil der Pilot der Muße frönt, oder der Armut in den Entwicklungsländern?
Wie positioniert sie sich z. B. in der Unterschichtdebatte? Arbeit für alle / mehr Konsummöglichkeiten für die Arbeitslosen? Ich selbst habe auf diesem Gebiet zwar keine eigenen Forderungen vorgetragen, habe aber von den Menschen- und Umweltfreunden intellektuelle Redlichkeit, zumindest jedoch Konsequenz, eingefordert: z. B. auf meiner Webseite im "Drusenreich vier" u. d. T. "Nur die totale Entfesselung des Kapitalismus rettet unsere Umwelt!".
Aber die meisten Leute, auch wenn sie ihre Meinungen in Medien verbreiten, verknüpfen nichts: die plappern nach, was gerade angesagt ist: Weniger Materialismus bei uns, denn "wir" haben doch längst genug. Aber natürlich: die Armen sollen (auch bei uns, besonders aber im Rest der Welt) besser leben, und gegen die Krankheiten könnte man noch viel mehr tun, und Geld für mehr Forschung müsste auch her, und nur Barbaren reißen historistische Schnörkelhäuser ab, statt sie mit hohem Kostenaufwand zu renovieren, und die Sch.-Politiker sollen sich gefälligst mal andere Ersparnisquellen einfallen lassen, anstatt als Banausen immer bei der Kultur zu kürzen ... .
Das zentrale Problem (das ich ein ganz klein wenig angeritzt habe in meinem "Drusenreich eins" u. d. T. "Der Deutsche Wald: jenseits von Gut und Böse?") streift die Essayistin bei ihrem Versuch, die Welt zu retten, nicht einmal: es ist die schiere Zahl der Menschen. Das könnte ja auch gefährlich werden; da ist man sehr schnell in einem Wir- / Die-Denken drin, Rassismus leuchtet schwefelgelb am geistigen Himmel auf ... . Also solche Klippen lieber meiden, lieber ein bischen Bescheidenheit predigen ... die nichts nützen wird, denn die Menschen, die Gesellschaften, stehen im Wettbewerb untereinander, und die Leute aus der DDR wollten keine miefige Gemütlichkeit mehr, sondern westlichen Lebensstandard: tja, und nun wundern sie sich, wenn's mit der Liebe nicht mehr so klappt wie damals, als die Welt noch heile [und eng] war.
Eine derartige Feigheit, das Kernproblem, die schiere Zahl von Menschen nämlich, zu benennen: so etwas macht mich fuchsteufelswild. Mein Zorn richtet sich garnicht einmal so sehr gegen den konkreten Artikel, oder gar gegen die Person Iris Radisch. Was mir ganz gehörig gegen den Strich geht ist die Tatsache, dass diese Art zu denken der (nach meiner Einschätzung zumindest) Mainstream-Debattenstand ist. Ein Meinungsschleim, der uns davor bewahrt, die Probleme, wenn wir sie schon nicht lösen können, doch wenigstens mit der größtmöglichen intellektuellen Schärfe ins Visier zu bekommen.
Was ich ihr (der Autorin wie besonders der ganzen gleich-geschalteten gesellschaftlichen Meinungssuhle) letztendlich vorwerfe, ist einerseits Dummheit: geboren nicht aus mangelnden intellektuellen Fähigkeiten, sondern aus Denkfaulheit (welche ihrerseits in hoffnungsraffender Realitätsverweigerung begründet sein mag), andererseits Hybris.
Das wird die Verfasserin ebenso wie meine mit dieser Debattenposition in zahlreichen Zeitungsartikeln usw. indoktrinierten Leser/innen vermutlich weniger verletzen, als vielmehr verwundern: sie sind es doch, die sich sorgenvolle Gedanken über die Zukunft machen, was viele andere nicht tun. Und sie wollen doch unserem Umwelt-Übermut ein Ende setzen?
Man kann die zahlreichen Probleme der Menschen unserer Zeit (die sicherlich auch die Autorin, in einem anderen Diskurszusammenhang, als Probleme darstellen würde, gegen die es anzugehen gilt) nicht ohne Wachstum lösen. Und um die dadurch generierten neuen Probleme zu lösen, braucht es weiteres Wachstum. Die Menschheit kann es sich nicht leisten, dass ihre Forscher und Erfinder sich zurück lehnen und lieber dem Müßiggang als der Arbeit frönen. Die Heizung ein wenig runterdrehen ist zwar ein kleiner Beitrag, reicht aber bei weitem nicht aus, um Energie in größerem Umfang einzusparen. Natürlich können wir Schiffsdiesel einsparen, wenn wir Muckefuck aus Zichorienwurzeln statt Kaffee aus Kolumbien trinken. Aber so weit wollen diese Leute sicherlich nicht gehen: Kaffee (Tee) ist ebenso selbstverständlich für uns wie Bananen. Also müssen wir uns beispielsweise neue Schiffsantriebe einfallen lassen. Wellenenergie nutzen: komplizierte Berechnungen, Strömungskanal, neue Materialien vielleicht wegen der besonderen Beanspruchung: viel, viel Arbeit ist das alles, und man wird diese Arbeit nicht bekommen, wenn die Gesellschaft nicht mehr in der Lage oder willens ist, den Arbeitenden ... ihren Trip nach Neapel, ihr Auto ... und viele, viele andere überflüssige Zuckerstückchen zu geben. Fleißige Forscher werden sicherlich nicht nur durch materielle Anreize angetrieben, auch nicht alle Erfinder. Dennoch geht es nicht, bzw. deutlich weniger gut, ohne. Man bleut uns immer ein, aus der Geschichte zu lernen: und vergisst dann so erschreckend schnell, was z. B. im Kommunismus geschehen ist, wo diese Anreize (weitgehend) fehlten oder jedenfalls aus der Perspektive des Individuums nicht mehr in einem wahrnehmbaren Zusammenhang mit der individuellen Leistung standen. Der Umwelt - den Emissionen wie dem Ressourcenverbrauch - ist dort das weitaus niedrigere Produktionsniveau keineswegs besser (eher schlechter) bekommen. Die Konkurrenzwirtschaft des Kapitalismus war es, die (zwar nicht ohne staatliche "Nachhilfe") die Umwelt mehr geschont und kostenträchtige Ressourcen eingespart hat (indem man z. B. die Alufolien - brauchen wir zwar eigentlich auch nicht: früher kam man schließlich auch ohne aus! - immer dünner auswalzte). Man bekommt nicht einzelne nötige (bzw. für nötig gehaltene) Spitzenleistungen in einer ganz allgemein entspannten, selbstzufriedenen Gesellschaft. Dem "Wahn" des "besser, höher, mehr, weiter ..." zu entsagen heißt eben auch, die Gesellschaft insgesamt ab-zuspannen. Aber der Weg vom konkurrenzgetriebenen Komparativ zum selbstzufriedenen Positiv ist kurz, und von da kann man ganz schnell in einem gesellschaftlichen Dormativ rutschen.
Was aber spannt (spornt) unsere Gesellschaft (an)? Gestehen wir es uns ein: es ist ganz wesentlich auch der Konsumwahn. Es gibt nun einmal keine Münzen ohne (mindestens) zwei Seiten. Und leider ist, was die Umwelt, und auch die Menschen selbst angeht, die Kehrseite der Schokoladenseite in aller Regel die Sch'e-Seite. Leben ohne Risiken, vor allem aber ohne zahlreiche Nebenwirkungen, gibt es leider nicht. Und je entwickelter das Leben, desto zahlreicher die Nebenwirkungen.
Wer davor die Augen verschließt, weil es doch so hässlich und schädlich ist, frönt der Realitätsverweigerung. Und was uns hindert, die Wirklichkeit zu erkennen, kann durchaus als eine Form von Dummheit eingestuft werden.
Wo aber finde ich Hybris in einem Artikel, der doch gerade (wenn auch nicht ausdrücklich) unsere Hybris im Umgang mit der Natur beklagt?
Sie haben es vermutlich nicht gemerkt, gelle, worin die ungeheure Hybris in der Argumentation des hier besprochenen Umwelt-Debattenbeitrages liegt? Und auch nicht die feine Ironie, mit der sich die Kombination von Sätzen selbst widerlegt? Ausgerechnet Bertolt Brecht soll die Macht des Menschen über seine (gesellschaftlichen) Verhältnisse bezeugen: ein Kommunist, der als solcher gescheitert ist mit seinem Glauben, dass wir "die Verhältnisse" von Grund auf ändern könnten! Das ist fast so viel sagend wie die Idee der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg, eine Verteidigungslinie in Italien als "Gotenstellung" zu bezeichnen!
Dabei muss man im Vergleich zu dem, was Irisch Radisch erreichen will, die Zielsetzung des Kommunismus sogar noch bescheiden nennen. Dies mag meinen Lesern als kühne Behauptung erscheinen, denn die Essayistin will ja "nur", dass wir ein wenig bescheidener werden. Nur dass der ganze Laden zusammenbricht, wenn wir anfangen, z. B. auf den Kauf von Autos (die selbst bei großzügigen Maßstäben sicherlich die Hälfte der Autofahrer nicht "braucht") zu verzichten. Wenn wir alle anfangen, "nur" dieses und jenes nicht mehr zu kaufen - krachen wir mit Karacho in eine Wirtschaftskrise, aus der uns dann Diese-und-Jene, schwarz, rot, oder braun gewandete scheinbare Lichtgestalt herausführen wird. Aber darüber haben andere nachzudenken: Iris Radisch hat ihren Beitrag zur Rettung der Welt geleistet; der Rest ist Sache der Politik, der Wirtschaft ... . Ja, auch das ist wieder so eine bequeme Position, nicht nur der Autorin, sondern in der einen oder anderen Weise von uns allen. Wir wollen ja "nur" ...., wir wollen ja "das Gute", "das Richtige": Risiken und Nebenwirkungen? Dafür sind andere zuständig. Und unter den anderen wird sich ganz gewiss der der eine oder die andere finden, der sich drum kümmert. Nur möglicher Weise nicht so, wie wir das stillschweigend, unbewusst gar, voraussetzen: schiedlich-friedlich wie jetzt (auch wenn wir über unsere Politiker schimpfen: wir haben schon schlechtere gehabt!). [Freilich: wenn wir in eine echte Umweltmisere geraten, wird das Gleiche passieren: so oder so wird es in nicht allzu ferner Zeit mit unserer relativen ökonomischen und in der Konsequenz dann auch ganz schnell mit der politischen Gemütlichkeit zu Ende gehen.]
Dennoch ist es kein Wunder, dass keine Warnlampen bei uns angehen, wenn wir Gedanken (Topoi) wie die hier besprochenen und kritisierten lesen: wir alle sind konditioniert, Artikel im Stil von "Wir könnten auch anders" gedankenlos zu konsumieren. Das geht uns runter wie Öl, egal, ob es in der Zeitung steht oder z. B. von einer Kanzel verkündet wird. Kardinal Lehmann (den wir, ebenfalls im Kaufhaus Karstadt in Mainz, aber bevor ich meinen Blog-Kat geschenkt bekam, beim Einkaufen gesehen hatten), hätte wahrscheinlich nichts anderes gesagt (außer natürlich, dass er den Menschen berufsbedingt Gottvertrauen empfohlen hätte), wenn wir ihn angehauen und gefragt hätten: "Herr Kardinal, was meinen Sie, wie wir Menschen unsere Umwelt retten können"?
Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass wir "Herren und Meister" unserer eigenen Verhältnisse sind. Oder genauer: wir sind es nicht in derjenigen Dimension, um die es der Autorin geht. Wir sind nicht in der Lage, die Gesellschaft insgesamt quasi von außen rational umzukrempeln. Wir können Stützen einreißen, das Gebälk verfaulen lassen: aber uns jetzt an den Tisch setzen und sagen: das, dieses und jenes ist sinnlos, das produzieren wir nicht mehr, das wird nicht mehr angeboten? Machen kann man auch das, aber den ganzen Rattenschwanz der Folgen, die gesellschaftlichen und ökonomischen Kettenreaktionen: die können wir schon deshalb nicht beherrschen, weil wir sie nicht vorhersehen können.
Die erschütterndste (und extremst situierte) Darstellung eines menschlichen Versuchs, Herr und Meister seines eigenen Schicksals zu werden, ist mir beim Durchblättern des Buches "Ist das ein Mensch?" von Primo Levi begegnet. Levi berichtet darin u. a. über einen anderen jüdischen Lagerinsassen in Auschwitz, der vor der Ausgrenzung der Juden ein Fabrikant oder hochrangiger Manager (genau erinnere ich mich nicht mehr, habe den Text auch nur überflogen: ist aber dornig in mir hängen geblieben) in der Chemieindustrie war. Dieser versuchte, sich durch äußerste Selbstdisziplin (u. a. sogar Tausch von Brot mit Mitgefangenen, um dafür an Seife zu kommen!) sich in dem Gefangenen-Gewimmel bemerkbar zu machen und in der Häftlings-Hierarchie hochzuarbeiten. Seinem Handlungsspielraum waren extremste Grenzen gezogen, aber mehr oder weniger eng sind die Grenzen für uns alle.
Uns eben mal so zu Herren über die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt aufzuschwingen? Im Kollektiv? Wir können froh sein, wenn wir überhaupt dann und wann die Nase vom Schleifstein hoch kriegen!
Nein, andererseits ist es doch kein Ammenmärchen, dass wir "Herr und Meister unser Verhältnisse" sind, oder "Unseres Glückes Schmied": es ist wahr. Nur eben nicht auf jener Ebene, welche unsere Weltretterin anvisiert.
Es ist keine absolute, sondern eine außerordentlich relative Wahrheit, die lediglich innerhalb ganz, ganz enger Schranken, die auch noch ständig schwanken, gilt.
Es handelt sich auch gar nicht um eine "deskriptive Wahrheit", sondern vielmehr um eine "motivationale Wahrheit". Es ist die Peitsche, die uns als Sklaven letztendlich der Evolution vorantreibt. Akzeleration, eine ständig sich beschleunigende Entwicklung, ist keine Erfindung der Menschen oder gar erst der Industriegesellschaft (oder auch nur der abendländischen Zivilisation). Es ist das Prinzip der Evolution selbst, in welchem wir, als Teil der Natur (von den verschiedenen möglichen Begriffsinhalten hier den umfassendsten gedacht) zwar mit Bewusstsein begabte Getrieberädchen sind - aber dennoch nichts als Rädchen in irgend einem riesigen Was-oder-Wie-auch-immer-Uhrwerk, dem unser Glück(lichsein) herzlich gleichgültig ist. Glück ist nichts als eine Karotte im großen Hasenrennen der Evolution des Lebens zum Stadium des Bewusstseins - "für" was auch immer, vielleicht gar "für" gar nichts? Glück wäre dann einfach ein Raketenantrieb, welche die Evolution dem Leben in den Hintern gesteckt hat!
Wenn wir erst einmal anfangen, uns zurück zu lehnen, werden wir (die Menschheit respektive die jeweilige Lehnsessel-Gesellschaft) eines Tages da enden, wo Carlo Levi den örtlichen Arzt in Aliano sozial-psychologisch verortete, welchem in der Öde der Provinz alles Wissen abhanden gekommen war, das er sich einst auf der Universität in Neapel angeeignet hatte: "In un grande naufraggio di noia" nämlich, einem großen Schiffbruch der Langeweile [ein Zitat, das ich schon seit 10 oder 20 Jahren mit mir herumschleppe, und hier nun endlich in den Hafen bringen kann ;-)]. Der einzelne kann mal etwas kürzer treten, es dann und wann etwas ruhiger angehen lassen. Als Rezept für die Gesellschaft taugt es nicht: es ist der Anfang einer schiefen Ebene, auf der Gruppen, Völker, Länder, Zivilisationen oder auch die ganze Menschheit sehr schnell heruntersausen würden (und in der Vergangenheit bereits heruntergeschlittert sind).
Gegen das Ende hin kehre ich noch einmal zurück zum Anfang - nicht meines Blog-Eintrages, sondern des Artikels von Iris Radisch: zum Bio-Salatöl nämlich. Insoweit mag statt (weiterer) langatmiger Ausführungen ein Hinweis auf meine Eintragung vom 15.04.06 "Hungerskandal in Wuppertal: Porsche-Fahrer frisst Rentner-Oma die Polenta vom Teller!" genügen.
Und die Ergänzung: wenn wir die Bio-Kraftstoffe auch noch mit 'Bio-Methoden' produzieren, wollen, kommt noch weniger Polenta auf den Teller.
Auch hier also redet die Essayistin so daher, ohne im Geringsten an die Folgen zu denken. Ach, Frederic Vester: du hast, fürchte ich, umsonst gelebt und uns zu "vernetztem Denken" aufgefordert! [Nachtrag 21.01.08: Zum Thema -fehlendes- "vernetztes Denken" vgl. mittlerweile auch meine Blotts "terreur des sommes" und "Kopf oder Zahl? Oder acephal?".]
Was, Freunde, ist also meiner Weisheit letzter Schluss?
Dass man, vor Inbetriebnahme des Federkiels, die grauen Zellen einschalten muss!
Das rettet zwar auch nicht unseren Globus (bzw. die Menschheit), doch gehen wir auf diese Weise vielleicht etwas aufrechter unter.
Vielleicht emigriert aber auch die Menschheit, zumindest in Gestalt einiger (weniger) Repräsentanten, auf diese Weise hoch erhobenen Hauptes zum nächsten ressourcenstrotzenden Planeten?
Auf jeden Fall wurden wir, Frau Radisch, nicht in die Welt geworfen, um uns im nächsten Schrebergarten in die Hängematte zu werfen!
Drum hätt' ich die dringende Bitte:
Solche Artikel nur in der "Brigitte"!
Dagegen auf Seite eins in der "Zeit"
Tut mir sowas für Deutschland PISAisch leid!
Nachtrag vom 06.12.2007:
Heute führte mich der Nikolaus zu den (nicht allzu zahlreichen) Leserbriefen, welche dem sonnigen Optimismus der Frau Radisch ebenfalls größtenteils sehr distanziert gegenüberstehen.
Nachtrag vom 17.01.07:
Bis ich den o. a. Essay von ihr las, war Frau Radisch mir völlig unbekannt. Wenn ich jetzt z. B. den Artikel "Der Preis des Glücks" in der DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12 lese: der ist nicht schlecht!
"Junge Frauen bekommen überall zu hören: Kriegt Kinder, und zwar schnell! Über die Folgen werden sie getäuscht. Ein paar unbequeme Wahrheiten" heißt es im Untertitel, und der Text ist eine überzeugende Darstellung der Situation berufstätiger Mütter.
Das freilich ließe sich verknüpfen mit "Wir können auch anders": die Mütter könnten aufhören zu arbeiten (meinetwegen alternativ auch die Väter). Früher konnte ein Alleinverdiener seine Familie (wenn auch in den meisten Fällen wohl nicht besonders gut) ernähren: auch heute ginge das, nur ist das Erwartungsniveau sehr viel höher, sind die Konsumlockungen sehr viel mächtiger. Die logische Folge ihres Klima-Hilfs-Essay wäre die Rückkehr zum Alleinverdiener; das wird in der Regel der Mann sein. Die Frau wieder als Heimchen am Herd - wird ihr auch nicht behagen. Kann man verstehen; aber was sie (und wohl auch sonst niemand) nicht versteht: die ganze Emanzipation ist, auch wenn sie von den Betroffenen zweifellos positiv empfunden wird, nicht eigentlich "dazu" da, um die Frauen (oder sonstige zu Emanzipierende) glücklich zu machen. Ihre gesellschaftliche Ratio, ihre Funktion innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklung, ist es zweifellos, das Humankapitalpotential optimal auszuschöpfen: die Produktion zu steigern - und den Wert des Sachkapitals.
Das ist keine Verschwörung, da dreht niemand bewusst dran: das ist der für unsere Zivilisation natürliche Lauf der Dinge. (S. a. "Von der Atombombe zur Frauenemanzipation ...".)
Da würde zweifellos sie ihrerseits fuchsteufelswild werden, wenn man fordern würde: Frauen zurück zu Küche (und eventuell Kind). Ich könnte das verstehen; nicht verstehen kann ich allerdings, dass jemand sich hinstellt und behauptet, die Menschheit wäre Herr ihres eigenen Schicksals, und in diesem Zusammenhang Konsumbescheidung predigt - ohne sich im Geringsten Gedanken darüber zu machen, was das dann in anderen Zusammenhängen bedeutet.
Nachtrag vom 05.04.2008:
Iris Radisch lässt nicht locker: "Vom Glück der Erleuchtung" betitelt sie ihr Wort zu Weihnachten (Zeit vom 19.12.2007). Auch hier sind die Leser skeptisch. Köstlich ist aber der Kommentar des Kabarettisten Matthias Tretter:
"... Ich hab eine Menge Feuilleton gelesen .... und was soll ich sagen - es war nicht ausreichend Glühwein vorhanden, um alles wieder zu vergessen. ..... Man sollte in diesen Tagen keinesfalls den Kulturteil aufschlagen, ohne Vorsorge zu tragen, dass Alkoholika in amnesiesicheren Mengen bereit stehen. ..... Was Weihnachten ... wirklich unerträglich macht, sind die Feuilletonisten ... . Jedes Jahr leuchtet die vierte Kerze auf dem Kranz dem deutschen Kulturjournalisten den Weg in die Konsumkritik. Allen voran natürlich die ZEIT. ... Das Zentralorgan der Geistespullunder dieser Republik. Und dort hat jetzt Iris Radisch, die Literaturchefin der ZEIT ... anlässlich des Christfestes etwas ganz Unerhörtes aufgedeckt: Konsum allein macht nicht glücklich. ... Einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz ..... haben wir seit 200 Jahren. Hätte er ein tierisches Gesicht, würde er Ruhe geben, wenn genug zu Fressen da ist. Und das muss so sein. Kapitalismus basiert allein auf Gier. Und Demokratie basiert auf Kapitalismus. ... Verzicht ... wäre undemokratisch. Wenn alle Verzicht üben, bricht der Markt zusammen. Und damit das demokratische System. Wundern Sie sich, dass der Dalai Lama keine Demokratie auf die Beine bringt? Nein, was wir brauchen, ist ein Mensch mit kapitalistischem Antlitz. Einer, der 'Ja' sagt zum absoluten Konsum." [Hervorhebungen von mir]
Nachtrag 25.05.2009
Bewusst oder unbewusst hat Wolfgang Uchatius in einem langen Essay in der ZEIT vom 20.05.2009 den Titel von Iris Radisch wieder aufgegriffen: "Kapitalismus. Wir könnten auch anders". Das ist ein ganz anderes Kaliber als das süßliche Gartenlauben-Gewäsch der Literaturwissenschaftlern über Kinder und Flussdelphine. Der gemeinsame Nenner beider Artikel ist der (zutreffende) Hinweis, dass das wirtschaftliche Wachstum die Menscheit in eine Sackgasse führt. Uchatius wird aber zum einen sehr viel konkreter (Grundeinkommen, Schwundgeld oder ein anderes Geldsystem - ich bin da skeptisch, aber immerhin), zum anderen weiß er sehr wohl, dass es keine Blaupause für ein neues Wirtschaftssystem und keine Garantie dafür gibt, dass eine freiwillige Abkehr der Menschheit vom Wachstumszwang funktionieren wird.
Auch Uchatius lotet die möglichen Schwierigkeiten nicht in ihrer ganze Tiefe aus (z. B. was wird aus dem wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritt in einer 'genügsamen' Gesellschaft?), aber wenigstens die Oberflächenprobleme, die eine Konsumeinschränkung zur Folge haben würde - Verlust von Arbeitsplätzen usw. - stellt er dar, die für Iris Radisch schlicht nicht zu existieren scheinen.
Im Gegensatz zum Radisch-Gerede kann man den Uchatius-Essay als Diskussionsgrundlage oder Ausgangspunkt einer Debatte schon eher ernst nehmen.
Textstand vom 25.05.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blotts ).
Labels: Diskursanalyse, Konsum, Konsumkritik, Mainz, Personen div., Personen Tadel, Ressourcenverknappung, Tagesausfluege, Umwelt
Abonnieren
Posts [Atom]

