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CANABBAIA
Sonntag, 31. August 2008
 
Frankfurt am Main: "Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn"
So lautet der Titel einer Ausstellung über die Deportation von Menschen mit der Bahn in Vernichtungslager, die zur Zeit (und noch bis zum 14.08.2008) im Frankfurter Hauptbahnhof läuft (Link zur entsprechenden Webseite der Deutschen Bahn siehe oben im Titel).

Sie findet im Ersten Stock statt (dort, wo sich -das ist allerdings schon geraume Zeit her - die Post befand) und ist
von der Eingangshalle aus zu erreichen.






















Aus Zeitgründen konnte ich sie nur oberflächlich anschauen; aber etwas hat mich ganz erheblich irritiert (nicht im Sinne von verägert, sondern eher von verwirrt, verwundert, desorientiert), eine Zahl nämlich, die auf einer Texttafel vor dem Eingang zur Ausstellung genannt wird:
"Ohne die Mitwirkung von Eisenbahnen an der fahrplanmäßigen Durchführung der Transporte wären die systematische Ermordung der europäischen Juden sowie der Völkermord an Sinti und Roma nicht möglich gewesen. Insgesamt wurden im Zweiten Weltkrieg mehr als drei Millionen Menschen aus fast ganz Europa mit Zügen zu den nationalsozialistischen Vernichtungsstätten transportiert" heißt es da.
Also: Mehr als drei Millionen Menschen, nicht nur Juden, wurden per Bahn in die Vernichtungslager transportiert. Ohne diese Bahntransporte wäre die systematsiche Vernichtung unmöglich gewesen. Das heißt nach meinem Verständnis: Die weitaus überwiegende Anzahl der im Holocaust Umgekommenen (nicht nur der Juden) muss mit der Bahn in Lager transportiert worden sein.

Nun gibt allerdings die Wikipedia wie auch ganz allgemein die öffentliche Debatte (soweit sich nicht die Holocaust-Leugner zu Wort melden) die Zahl der Umgekommenen mit um die 6 Millionen an, wobei der Wikipedia-Eintrag diese Zahl sogar nur für die ermordeten Juden nennt.
Wenn aber die in Konzentrationslagern (bzw. Vernichtungslagern; es gab ja auch Lager mit anderen Funktionen) Umgebrachten im wesentlichen per Bahn dorthin transportiert worden sind, haben wir eine riesige Lücke von 3 Millionen Menschen, die - ja: wie und wo? - umgebracht wurden oder umgekommen sind.
Natürlich hat es im Osten auch Massenerschießungen gegeben, rein theoretisch wäre auch denkbar, dass einige Opfer per Lkw oder Bus in die Lager transportiert wurden, aber von letzterem hat man nie etwas gehört und ersteres kann quantitativ keine solche Dimension gehabt haben.

In moralischer Hinsicht ist es zwar unerheblich, ob sechs, drei oder wieviel Millionen auch immer Menschen von den Nazis systematisch umgebracht wurden. Da sich allerdings Statistiken immer auch für eine Instrumentalisierung eignen (vgl. die Debatte um die "Holocaust-Industrie"), wäre es schon nicht ganz unwichtig, eine solch gigantisches Auseinanderklaffen der Opferzahlen (bzw. von Zahlen, die Aufschlüsse über die Opferzahlen geben können) zu erklären.




Textstand vom 03.09.2008. Auf meiner Webseite
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Freitag, 29. August 2008
 
... und morgen gehört uns Biblis ...: Wollen die Block-Warte des Luft-Schutzes Deutschland das Licht austreten? Dummland hätte es verdient, ich nicht!
Das hätte ich mir nicht träumen lassen, damals, als ich einen Internet-Anschluss bekam und häufig auch auf Umwelt-Webseiten - denen der Besorgten wie jenen der "Skeptiker" - unterwegs war:
Dass ich eines Tages genau so erzböse schimpfen würde wie die (jedenfalls in der US-Diskussion häufig als "Rechte" bezeichneten) Füllhornisten oder Cornucopians.

Das Dumme ist, dass diejenigen, welche gegen Kohlekraftwerke demonstrieren, im Prinzip ja recht haben: diese Dinger stoßen Klimagase aus, und das kann für uns böse ausgehen.

Nur fürchte ich, dass uns diese isolierte Betrachtungsweise führt, wohin wir nicht wollen. Daher schrieb ich im "Stopp-Staudinger"-Blog (wo ich meinen Kommentar, der bei Eingabe mit "awaiting moderation" markiert war, freilich nicht finde):

"Recht so! Kämpft fleißig gegen die KKWs:
- gegen Kohlekraftwerke (damit Kohle erschwinglich bleibt - schließlich müssen ja die armen Länder noch Kraftwerke bauen, um zu uns aufzuschließen),
- und gegen Kernkraftwerke sind wir doch sowieso oder?
- Ach ja, Wasserkraftwerke, jedenfalls ‘richtige’, mit einem Staudamm dabei, lehnt ihr doch auch ab - oder zumindest viele von euch.
Irgendwie habt ihr ja Recht: die Population in Ägypten wäre ohne den Assuan-Staudamm zweifellos deutlich dünner. Aber dafür würdet ihr natürlich den bösen Kapitalismus verantwortlich machen und unsere Steuerkassen plündern um Hilfsgüter zu schicken für die armen Hungernden, gelle?
Und übrigens: wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass der Mais jetzt in den Tank statt auf den Teller kommt? Doch nicht etwa Ihr? Nein, so etwas habt ihr doch nicht gewollt! Ihr seid doch nur für erneuerbare Energien! Was könnt ihr dafür, wenn der böse Bush den Mais versprittet, oder die Bauern, oder der Teufel. Ihr wolltet ja nur das Klima retten. Und bei dem Stichwort “Energiepflanzen” habt ihr natürlich Plantagen auf dem Mond im Kopf gehabt.
Immerhin will ich euch zugute halten, dass ihr anständige Menschen seid, welche die armen Länder auf unser Wohlstandsniveau bringen wollen.
Ich fürchte nur, ihr habt da irgendwo die falsche Abzweigung erwischt: uns runterziehen war ja eigentlich nicht gemeint!
"

Es mag ja ungerecht erscheinen, wenn ich die ganze Anti-Staudinger-Mischpoke für Einstellungen verantwortlich mache, die nicht unbedingt jede(r) von denen teilen muss.
Aber zum einen kommt eine Kraftwerksaversion selten allein: wer gegen Kohle ist, dürfte sehr häufig auch gegen Kernkraft sein (wofür es, isoliert betrachtet, ja ebenfalls gute Gründe gibt).
Zum anderen definiere ich - und meine ich, dass wir definieren sollten - Verantwortung jedenfalls im politischen Bereich anders, als es die herkömmliche Einzelbetrachtung unter dem Gesichtspunkt der "Gerechtigkeit" nahe legen würde.
Ich rechne diesen Demonstranten - wie auch allen anderen, die gegen irgend eine Form der Stromerzeugung demonstrieren (Biostrom aus Nahrungsmitteln ausgenommen) - eine Verantwortung zu, die ich mal mit dem Begriff "Vektorverantwortung" belegen will. Denn es kann nicht angehen, dass unsere Industrialisierung arbeitsteilig kaputt gemacht wird: diese gegen Kohlekraftwerke, jene gegen Atomstrom, andere gegen Staudämme.



Ehre wem Ehre gebühret: Die Sponsoren haben es verdient, dass man das Kleingedruckte ganz unten auf dem Plakat mal aufmerksamer studiert. Oxfam gehört dazu (schade, muss ich zukünftig meine Bücher in den Abfall werfen, statt sie zu den Ochsen zu tragen), und Brot für die Welt. Die fahren übrigens gerade eine Plakat-Kampagne gegen Biosprit (habe das Plakat im Vorbeifahren gesehen und konnte es leider nicht fotografieren; auch auf der Homepage von Brot für die Welt steht noch keine Abbildung): Mais auf den Teller statt in den Tank, oder so ähnlich. Bin ich ja voll dafür, nur verschwenden derartige Menschenfreunde offenbar keinen Gedanken daran, woher die notwendige Energie dann kommen soll - und wie eine Wirtschaft beschaffen sein muss, um - zum Beispiel - Spenden abwerfen zu können.
Oder wollen die etwa ihr Arbeitsfeld ausweiten und dafür sorgen, dass sie bald im eigenen Land Not lindern können / müssen?


Zur Webseite der "Klima-Allianz" geht es hier.










Nachtrag 30.08.2008 ff.
Zufällige Synchronizität der Informationsaufnahmen: Gestern las ich auch den Wikipedia-Eintrag "Leningrader Blockade". Das ist, als Kriegsereignis, nicht direkt einer Knappheitssituation in Friedenszeiten vergleichbar. Trotzdem könnte es nicht schaden, wenn unsere notenthobenen Demonstrationstouristen sich damit, oder mit der Alltagsgeschichte selbst noch der frühen Neuzeit (Hungersnöte) vertraut machen würden. Wahrscheinlich werden sie argumentieren, dass sie ja gerade deshalb gegen die weitere Emission von Klimagasen demonstrieren, um zu verhindern, dass so etwas wie das "Jahr ohne Sommer" ein Dauerzustand wird. Die Frage ist nur, ob wir die Erderwärmung überhaupt noch signifikant vermindern können; aber das würde uns nichts nützen, wenn wir dafür ohne Energie daständen ("ohne" ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen, sondern schließt auch eine drastische Reduzierung der verfügbare Energiemenge ein).

Allenfalls dann, wenn "Brot für die Welt" sich umbenennt in "Kondome für die Welt", könnte die Menschheit Hoffnung schöpfen. Aber das werden wir nicht nur deshalb nicht erleben, weil die amerikanische religiöse Rechte grundsätzlich gegen Geburtenkontrolle ist.
Jedenfalls ist für mich eine Einstellung wie "Heute demonstrieren wir erst mal gegen den Neubau eines Kohlekraftwerks in Großkrotzenburg, und morgen sehen wir weiter" für mich schlicht inakzeptabel. Was bei solchen Volksfront-Aktivitäten herauskommt, kann man beim Bio-Treibstoff besichtigen: 'Heute packen wir erst mal Nahrungsgetreide in den Tank ... '.
Wahrscheinlich agieren bzw. agitieren viele gegen neue Kraftwerke mit der Hinterkopf-Vorstellung: "Man muss nur den Saftstrom reduzieren, dann lassen sich die Leute schon was einfallen, wie sie Energie sparen können". Erinnert mich irgendwie an alte Lehrer-Mottos: "Drei leichte Schläge auf den Hinterkopf fördern die geistige Verdauung." Nur träfen die Schläge einer Mangelwirtschaft die Massen am härtesten; am wenigsten die Reichen (und diejenigen, welche Beziehungen haben und zu nutzen wissen).
Deswegen lieber jetzt verbal draufkloppen, bevor jene allzu großen Schaden anrichten, welche in der Erwartung kommender Verknappungen (die übrigens auch eintreten werden: Peak Oil!) die Energiezufuhr zu ihrem Gehirn schon jetzt gedrosselt haben.



Textstand vom 02.09.2008. Auf meiner Webseite
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Dienstag, 19. August 2008
 
IL FASCINO DI FISCHER und DAS GEHEUL DER LINKEN LÄMMERHERDE
Joschka Fischer hat den Zeit-Journalisten Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert ein Interview gegeben: "Ich bin immer noch ein Linker!"

Mit Passagen von faszinierendem Mut und Realismus, und mit einem wunderbar austarierten Verhältnis von Faszination und Distanz zu den USA und zu den Amerikanern.
Auf Einzelheiten will ich hier nicht eingehen (selber lesen macht schlau!), sondern nur anmerken, wie peinlich mich die kleingeistige Kritik an Fischer berührt, wie sie in den meisten der bislang 17 Leserkommentaren in der "Zeit" zum Ausdruck kommt. Leserkommentar Nr. 18 tritt dem scharf entgegen. Der ist natürlich von Cangrande.

Cangrande kann es allerdings den 'richtigen' Linken durchaus nachfühlen, wenn sie Fischer nicht als Linken akzeptieren wollen. Nur hält er es für relativ unwichtig, wo man Joschka Fischer im ideologischen Spektrum verorten darf oder muss. Im politischen Spektrum jedenfalls gehört er zum Lager der Realisten sowie zum Lager jener, die sich mit zunehmender Selbstverständlichkeit zu ihrem Heimatland bekennen, ohne darum andere herabsetzen zu müssen. Das ist anzuerkennen.


P. S.: Mit dem vorliegenden Blott habe ich mal eine neue Funktionalität der Blog-Software von blogspot ausprobiert und den Titel direkt zum Fischer-Interview verlinkt.


Textstand vom 19.08.2008. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 17. August 2008
 
JAGD AUF RÄUBER FÜHRT ZUR DEZIMIERUNG DER OPFER oder DIE BLAUWALE UND DER KRILL: DAS ANTARTKISCHE PARADOX
Zwei blinde Hühner finden manchmal auch ein Korn. Das erst blinde Huhn ist unser lokales Inseratenblatt (eins von zweien) "GT am Sonntag". Das zeichnet sich naturgemäß nicht gerade durch eine umfangreiche journalistische Berichterstattung aus. Trotzdem elektrisierte eine Überschrift das 2. Huhn, während es am Frühstückstisch ein Hühnerei verspeiste: "Jagd auf Wale beeinträchtigt Ökosystem". Volkstümlich hätte man auch anders betiteln können:
"Weil die Wale nicht mehr scheißen / muss der Nahrungskreislauf reißen".
Denn das ist der Kern des "antarktischen Paradox' ", über das der Meeresbiologe Victor Smetacek in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift "Die Zeit" erzählen wird, und worüber man vorab schon lesen kann, was auch in unserem Käseblatt stand:
"Jagd auf Wale beeinträchtigt Ökosystem mehr als bisher bekannt
Hamburg (ots) - Das Abschlachten der Wale im Südpolarmeer hatte weitaus gravierendere ökologische Folgen als bisher bekannt war. Nach Angaben des Meeresbiologen Victor Smetacek vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven führte das weitgehende Verschwinden der Blauwale zu einem massiven Niedergang des Krill, der Hauptnahrung der Meeressäuger. Früher hätten die Wale jährlich schätzungsweise 180 Millionen Tonnen Krill gefressen, das ist mehr Biomasse, als alle Fangflotten und Aquakulturen pro Jahr an Meerestieren auf den Weltmarkt bringen, sagt Smetacek der ZEIT. Dass der Krillbestand trotz des Verschwindens seiner Räuber abgenommen habe, gelte als antarktisches Paradox.
Der Meeresbiologe Smetacek erklärt das so: 'Die vielen Wale hielten als Umweltgärtner ein sehr produktives Ökosystem aufrecht. Mit ihrer Dezimierung verfiel es.' Ihren Meeresgarten bestellten die Wale und Kleinkrebse durch intensives Recycling lebenswichtiger Nährstoffe in der oberen Wasserschicht. Dazu gehöre besonders Eisen, ein wachstumsbestimmendes, weil sehr rares Element in weiten Teilen der Ozeane. Bliebe Eisen als Dünger im Kreislauf erhalten, gediehen üppige Algenfelder, von dem viele Minitiere leben könnten. Diesen Plankton würden die Krillkrebse radikal abweiden. Die Krebse wiederum werden von den Walen gefressen. Am Ende der Kette haben die Wale ihren flüssigen Kot an der Oberfläche abgelegt und so neue Algenfelder gedüngt - ein perfektes Recycling. Die Wale aber fehlen heute, allein 300.000 Blauwale fielen über die Jahrhunderte der Jagd zum Opfer
."

Da diese Nachricht in einem Presseportal publiziert wurde und auch z. B. bei den "Weekly Whale News - Nachrichten über Wale und Delfine ..." erschienen ist gehe ich davon aus, dass auch ich sie hier übernehmen darf.
Auch wenn ich also nur tue, was ich doch darf, möchte ich mich dafür rechtfertigen. Nicht in juristischer Hinsicht freilich, sondern im Hinblick darauf, dass ich nur die allgemeine Informationsüberflutung unnütz zu mehren scheine.

Zunächst einmal hat der vorliegende Blott absolut gar keinen Zusammenhang mit der 'Rüsselsheimer Räuberpistole' meines letzten Eintrags.

Worum es mir hier geht, ist das Paradox. Das ist ähnlich, wie das Paradox der freien Marktwirtschaft: "Wenn jeder auf wirtschaftlichem Gebiet seinen egoistischen Interessen (im Rahmen einer durch Gesetze und tief eingeprägte Verhaltensweisen vorgegebenen Ordnung) nachgeht, gedeiht die Gesellschaft am besten" ist ein ebenso (scheinbar) 'verrückter' Satz wie (wiederum nur auf den ersten Blick) die Behauptung, dass sich die Krill-Bestände vermindern, weil der Mensch die Freßfeinde dieser Fischart, die Wale, dezimiert. Erst wenn man die Zwischenglieder der Nahrungskette kennt - die vom Walkot gedüngten Algenfelder, das davon sich ernährenden Kleingetier (Plankton) und die wiederum dieses futternden Krill-Krebschen - macht die Behauptung Sinn und wird völlig einleuchtend, selbstverständlich: nichts ist natürlicher als dieser Zusammenhang!
Nur wussten wir Menschen bisher nichts davon, und haben, wie ich ähnlich schon in meinem Blott "Energie-BDSM: Fritz Vorholz für Breathcontrol-Play mit der Stromleitung?" im Zusammenhang mit dem Energiespar-Paradox schrieb, mit unseren kleinen Patscherchen recht unbekümmert in diesen Zusammenhängen herumgefummelt.

Ich habe diesen Text deshalb hier für mich im Sinne eines Wissensspeichers reproduziert, eines Marksteins, auf den ich bei anderen Gelegenheiten immer wieder vergleichend verweisen kann: Die Welt ist komplizierter, als wir glauben, oder, wie zwar schon Shakespeare wusste, wir aber noch immer nicht umfassend begriffen haben:
"Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt" (William Shakespeare, Hamlet).

Nachtrag 19.08.2008:
"Gärtner der Meere" heißt der Zeit-Artikel von Hans Schuh (14.08.08), auf den sich die Vorabmeldung bezog. Ich würde mal sagen: ein "must read".


Textstand vom 19.08.2008. Auf meiner Webseite
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Bad Rüsselsheim: Entspannungsbrunnen an der Festung; Ehrenmänner in der Eisdiele
Rüsselsheim hat eine Festung ...


mit unersteiglich hohen Wällen ...


und einer kanonenkugelsicheren gekrümmten Einfahrt ...



sowie geheimnisvollen Höhlen im inneren Festungsgraben.




Doch die ganz große Überraschung erwartet uns bei einem Rundgang außen um die Renaissancefestung: hier gibt es jede Menge Entspannungsbrunnen!
Und also schließe ich messerscharf,
Dass dieser Ort wohl ein Bad sein darf.











Beinahe im Anschluss an die Festung (dazwischen liegen noch die Opel-Villen) erstreckt sich der Verna-Park (hier ein Obelisk wie er, neben den gleichfalls vorhandenen romantischen Burgruinen, wohl zum Standardinventar englischer Gartenanlagen gehörte).


Alles kann der Mensch nicht haben: Friedensplatz oder Bahnhofstraße?


Wir entscheiden uns natürlich für die B-Straße: Bad Rüsselsheim - Blumen - Bahnhofstraße. Und kommen zu einem Eiscafé und einem griechischen Restaurant daneben.



Blumen sind in Bädern üblich, aber was passt hier nicht ins Bild? Richtig: die Kerzen!

Doch ist es mir ein Leichtes, auch diese in meine Rüsselsheim-Nomenklatur einzuordnen: einfach das Anfangs-B klein statt groß schreiben, und schon wird "Bad Rüsselsheim" zu "bad Rüsselsheim". Wer darüber mehr wissen will, googele nach "rüsselsheim schießerei eisdiele"! Ich hatte zwar mitgekriegt, dass da was los gewesen war, aber nicht, dass dort bei einer Schießerei gleich drei Menschen ermordet worden waren, und das erst vor wenigen Tagen, am 12.08.2008. [Unser Besuch in Rüsselsheim war lediglich die Folge eines verkürzten Mainz-Trips; eigentlich wollten wir dann noch nach Frankfurt ins Starbucks an der alten Börse, aber, da wir immer schon mal Rüsselsheim hatten besichtigen wollen, enschlossen wir uns ganz spontan beim Halt der S-Bahn im Bahnhof zum Aussteigen.] Eine der getöteten Personen, eine 55-jährige Griechen, war sogar gänzlich unbeteiligt; zu deren Gedenken wurden hier die Kerzen, Blumen und ihr Foto aufgestellt.

Zwei türkische Gruppen hatten dort eine Meinungsverschiedenheit gewaltsam ausgetragen; angeblich ging es darum, dass Mitglieder der einen in ihrer Eigenschaft als Türsteher vor einer Mainzer Diskothek Mitglieder der anderen nicht reinlassen wollten.

Ganz abgesehen davon, dass Türsteher bekanntlich ausnahmslos Ehrenmänner sind, die nur so an Eingangstüren herumstehen und denen es nie und nimmer in den Sinn käme, etwas gesetzwidriges zu tun (wie z. B. mit Drogen zu handeln), ist es doch einigermaßen untypisch für Ehren-Männer, dass die "Gruppenmitglieder" der Polizei schon einschlägig wegen Körperverletzungen bekannt sind. Auffällig ist auch, dass die Polizei bei der Fahndung nach den Tätern sofort mehrere Wohnungen durchsuchte: deren Inhaber waren also offenbar bereits in den einschlägigen polizeilichen Dateien gespeichert.
Das alles (und einige andere Details wie z. B. der Umstand, dass einer der Getöteten in Rüsselsheim ein Wettbüro betrieb) macht mir die Theorie von einer 'Ehren-Fehde' doch reichlich suspekt, jedenfalls für die tieferen Hintergründe der Tat.
Aber natürlich ist sie für die Justiz bequem, und wird zweifellos von der Politik präferiert. Organisierte Kriminalität? Nein: kultureller Hintergrund, Ehrenhändel ... diese leidenschaftlichen Südländer, man weiß ja, wie empfindlich die in Ehrensachen sind, wie locker denen die Messer und Pistolen sitzen, wenn es um die Ehre geht.
Schnarch, Michel, schnarch ...
Bald liegste auch im Sarch?


Aber wir wollen uns wieder abregen, und was wäre für eine Entspannungsübung besser geeignet, als einen letzten Blick auf einen der Rüsselsheimer Entspannungsbrunnen ?
Also dann, hier isser noch mal:
(Falls Ihnen das zuviel an Entspannung ist, suchen Sie den Begriff "Entspannung" mal in diesem pdf-Dokument!)















P. S.: "Von den drei Eiscafés in der Innenstadt gilt das „Rocco“ als das erste Haus am Platze. Gerade jüngere Rüsselsheimer treffen sich gerne „beim Rocco“ mit dem angeblich besten Stracciatella der Stadt" heißt es in dem (informativen) Bericht "Morde in Rüsselsheim. Schüsse vor dem Eiscafé" von Hanns Mattes und Thomas Holl im FAZ.NET.
Also, Straciatella habe ich nicht probiert, nur dieses Keks-Eis. Wenn mir davon jemand sagen würde, das sei das Beste, auch nur in Rüsselsheim, würde ich ihm die gleiche Frage stellen, die mir mal ein Amerikaner bei einem (von mir gelobten) Apfelwein-Schoppen in Frankfurt-Sachsenhausen stellte: "If this is the good stuff, than how does the bad stuff taste ...?"

Mehr über das Eis-Café, das gerade erst am Vortag wieder eröffnet worden war, berichtet Alexandra Dehne in der lokalen Zeitung "Main-Spitze" (aus der Verlagsgruppe Rhein Main): "Hoffen auf Rückkehr zur Normalität. Eiscafé 'De Rocco' gestern wieder eröffnet / Solidaritätsbekundungen." (Vgl. auch den Bericht "Die Stammgäste sind wieder da. Eiscafé 'Rocco': Francisco Soldan und sein Team kehren zum Alltag zurück" in einem anderen lokalen Medium, "Echo Online" ("Darmstädter Echo"), vom Andrea Volb v. 16.08.08.)

Ich habe darauf verzichtet, die zahlreichen Zeitungsartikel, die ich im Internet durchgeschaut habe, zu verlinken. [Ärgerlich sind übrigens die überlangen "Header" der Online-Texte, weil sie das Abspeichern der URL in Unter-Unter-Ordnern der Favoriten erschweren. Das Handelsblatt hat sich diese Masche schon abgewöhnt (vgl. meinen Blott "Motzen: manchmal hilft's (?)"); wenn ich mal Zeit habe werde ich versuchen, auch die anderen Zeitungen von der Würze der Kürze zu überzeugen.] Interessant sind wohl die Reportagen insbesondere der FAZ, der Frankfurter Rundschau, der Welt und des Spiegel.
Lokales Flair, und teilweise auch noch detailliertere Informationen als die Berichte der "Großen", vermittelt naturgemäß die Berichterstattung der lokalen Zeitung "Main-Spitze":
"Vier Tote bei Schießerei in Innenstadt" vom 13.08.08;
"Sieben Festnahmen nach Bluttat" vom 15.08.08;
Reaktionen von Rüsselsheimern fasst der Bericht "Probleme seit Jahren verharmlost. Main-Spitze-Leser fordern Handeln von der Politik / Innenstadt wird gemieden" zusammen.
Als Kuriosum entdeckte und präsentiere ich diesen Artikel aus dem Jahr 2006: "Sich bewusst die Kugel geben. Bei geschickter Eis-Auswahl lassen sich viele Kalorien sparen".
Selbstverständlich verurteilen auch die türkischen Einwohner von Rüsselsheim die Bluttat. Sehr ausführlich dazu im "Echo Online" [in der Printausgabe wohl als "Rüsselsheimer Echo"; das ist der lokale Ableger des Darmstädter Echo] der Artikel "Null Toleranz für solche Täter. Kriminalität: Vier türkische Vereine verurteilen Bluttat vor der Eisdiele scharf – Aktionen mit der Jugend geplant".
Canabbaia wäre nicht der große Hund, der er nun einmal ist, hätte er nicht auch da ein irritierendes Detail aufgetrieben:
" 'Wir haben erwartet, dass sich die Väter der Tatbeteiligten bei den Menschen dafür entschuldigen, dass sie der Bevölkerung Angst und Schrecken einjagen', sagte Sedat Cakir SPIEGEL ONLINE. 'Das gehört sich, wenn man Menschen so etwas antut' " erfahren wir unter der Überschrift "Haftbefehle nach tödlicher Schießerei vor Eisdiele" auf der Spiegel-Seite. Das ist mit Sicherheit gut und ehrlich gemeint; dennoch hat es für mich einen beunruhigenden Unterton von Sippenhaft, woran meine Assoziationskette dann Sippe, Großfamilie und Clan ... anschließt.
Ich bringe einen solchen Appell gedanklich mit einem Satz aus dem FR-Artikel 'Viele Fragen' (s. u.) zusammen: ".. während der einzige Überlebende des Massakers schwerverletzt operiert wurde, kamen dutzende Verwandte des Mannes in das Krankenhaus".
Und mit Erinnerungen an Gerichtsprozesse (Hamburg? U-Bahn-Mord, bei dem jemand vor die Bahn gestoßen worden war?), wo ebenfalls zahlreiche Freunde im Gerichtssaal erschienen waren - und sich lautstark für den Täter stark machten. Oder an eine Erinnerung aus der Autobiographie des italienischen Renaissance-Bildhauers Benvenuto Cellini (aus der ich ein anderes Detail als "Cellini-Therapie" bereits an anderer Stelle verwendet habe). Dieser brachte nämlich in einem Rechtsstreit vor einem (Pariser) Gericht ebenfalls seinen ganzen Anhang mit - bewaffnet, um das Gericht zu "überzeugen", nicht etwa zu Gunsten seines Gegners zu urteilen. Direkte Pressionen dieser Art auf das Gericht würden hier zwar nicht toleriert werden, aber das ganze Umfeld, insbesondere die Bedrohung von Zeugen, kann die Polizei natürlich nicht kontrollieren.
Und dann erinnere ich mich an meine Ausführungen in dem Blott "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft", nämlich an Zitate aus einem Essay des Amerikaner Stanley Kurtz "The Future of 'History' " (Policy Review, No. 113, June and July 2002). Kurtz schreibt hier u. a. über die Familienbande in islamischen Gesellschaften:
"Maybe with time, for example, the “acid of modernity” will dissolve Turkey’s traditional social structure and the modernizers will win out. Or maybe the piecework ateliers of Turkey will develop into a working blend of capitalism and the traditional social structure. Or will the kinship structure’s formidable interference with bureaucratic and capitalist efficacy tell the tale in the end? To begin to answer the question, we need detailed case studies and hard analyses of the social and economic riddles at the heart of the urbanizing Islamic world (and the Third World more generally). At the moment, however, we have too little in the way of either data or theory to make an informed decision. That, in the end, is why neither Huntington, nor Fukuyama, nor anyone else at the moment can plausibly resolve the issue." In der Verzahnung von (islamischer) Religion mit großfamiliären Strukturen, könnte die eigentliche Bedrohung des Islamismus für unsere nicht nur säkular, sondern auch kleinfamiliär orientierte Kultur liegen; und ganz besonders dann, wenn es uns aufgrund von Ressourcenverknappungen (Stichwort: Peak Oil / Ölfördermaximum usw.) nicht mehr gelingen sollte, den Lebensstandard unserer Gesellschaften weit über dem Subsistenzniveau zu halten.

Genug aber nun des kulturphilosophischen Einschubes und noch einige interessante Links mit Informationen zum eigentlichen Blog-Thema:
Aus dem Bericht "Mord wegen Spielschulden? Schießrerei [sic!] in Eisdiele fordert vier Opfer" im "Echo Online" von Liz Schuster vom 12.08.08 haben die überregionalen Medien anfängliche Mutmaßungen über einen Zusammenhang der Gewalttat mit der Wett-Szene in Rüsselsheim übernommen.
Einige interessante Details, die anderswo fehlen, finden sich im Artikel "Drei Haftbefehle nach Blutbad von Rüsselsheim" vom 15.08.08: "Wie das ECHO aus dem Bekanntenkreis des Raunheimer Mordopfers Erkan K. (29) erfuhr, soll die Türsteherszene des Rhein-Main-Gebietes entgegen den Angaben der Polizei wohl doch eine gewisse Rolle spielen. K. soll demnach kürzlich zwei Diskotheken in Mainz und Wiesbaden gekauft und beabsichtigt haben, die Türsteher auszutauschen. Daraus sollen die Auseinandersetzungen resultieren. Nach einer verbalen Auseinandersetzung am Dienstag im Café habe einer der Besucher einen Cousin von Erkan K. geohrfeigt. Erkan K. wollte das Eiscafe verlassen. Daraufhin sei auf ihn geschossen worden. Später seien alle aufeinander losgegangen. Das lebensgefährlich verletzte Opfer soll gedroht haben, er werde sich an der Familie K. rächen. Daraus resultiert wohl das starke Polizeiaufgebot in Raunheim".
Überhaupt scheint die Berichterstattung im Echo Online die umfangreichste zu sein; vgl. etwa "Aktion in Rüsselsheim abgeschlossen. Motiv für Schießerei weiterhin unklar" vom 14.08.08 (mit Links zu weiteren eigenen Artikeln); "Dreifachmord: Alle Beteiligten sind identifiziert", ebenfalls vom 14.08.; die Übersicht "Gewaltverbrechen in Rüsselsheim"; "Kerzen und Blumen für die Opfer. 24 Notfallseelsorger im Einsatz – Unzählige Schaulustige in Fußgängerzone" vom 13.08.08.

Natürlich rufen solche Ereignisse auch die professionellen Psycho-Analysten (vulgo: Seelen-Klempner) auf den Plan; siehe dazu auf der Webseite "Rhein-Mainer": "Trauer zulassen und ein Zeichen setzen. Dr. Peter A. Schult über die Rüsselsheimer Seele und Chancen, Lähmendes zu überwinden".

Die Rüsselsheimer sind freilich mitnichten gelähmt, sondern feiern erst einmal ihre Marktkirmes: "Historisch, festlich, vergnüglich. Rüsselsheimer Kerb lädt bis Dienstagabend zum Feiern ein / OB hofft auf friedliches Fest" (Mainspitze).
Die Konkurrenz vom "Echo" titelt: "Nach sieben Schlägen fließt das Bier. Kerb: Böllerschüsse und Herold eröffnen fünftägiges Fest – Fassanstich mit OB Gieltowski – Weindorf kaum noch erkennbar". (Schläge und Böllerschüsse klingen für denjenigen etwas makaber, der gerade tief in die Nachrichten über die Bluttat eingetaucht war.)
Irgendwo in den großen Medien hatte ein Leser kommentiert, dass nur Lebensmüde auf diese Kerb gehen. Nun: wir sind drübergegangen - und haben's überlebt.

Weitere Artikel, die mehr über die Hintergründe berichten bzw. spekulieren:
"Blut auf dem Pflaster - und viele Fragen" von STEPHEN WOLF (Frankfurter Rundschau vom 13.08.08) und im gleichen Blatt vom gleichen Tag: "Keine organisierte Kriminalität bei Türken": "Die Bluttat von Rüsselsheim lässt Vermutungen aufkommen, dass Bandenkriminalität eine Rolle spielen könnte. Doch die Volksgruppe der Türken fiel in jüngster Zeit nicht durch organisierte Kriminalität auf. Es waren andere Ethnien, die in Gruppen von Landsleuten Delikte begingen, lautet die Auskunft der Staatsanwaltschaft in Frankfurt." Nun ja, ich will gern glauben, dass sich die Türken hier im Vergleich zu gewissen anderen Völkerschaften nicht durch eine besonders intensive organisierte Kriminalität 'auszeichnen'. Daraus freilich zu folgern, dass es unter dieser Bevölkerungsgruppe so etwas ganz und gar nicht gebe, scheint mir schon deshalb etwas voreilig, weil die Mafiosi aller Länder ihre Aktivitäten im Normalfall bekanntlich nicht coram publico entfalten.


Ach ja, zu "Wettbüros" fällt mir auch noch etwas ein:
Ich vermute mal, dass man dort vorzüglich Geld waschen kann. Und in einigen wohl auch tut.


Nachtrag 18.08.2008:
Anfang 2005 sollten alle illegalen Wettbüros in Südhessen geschlossen werden. Aus (vgl. dieser Polizeimeldung) können wir entnehmen, dass die Polizei durchaus weis, was sich in verschiedenen dieser "Wettbüros" abspielt - u. a. auch in Rüsselsheim: "Einige Wettbüros sind nach den Erkenntnissen und längeren Beobachtungen des Polizeipräsidiums Südhessens auch ein Hort für fast alle Arten von Kriminalität. Angefangen von Falschgelddelikten über Geldwäsche, Steuerhinterziehung bis hin zu Gewaltdelikten, die schlimmstenfalls wie kürzlich in Rüsselsheim sogar tödlich enden".
Während es in einer Pressemeldung vom 14.03.2007 noch hieß "27 von 30 Wettbüros im Kreis sind geschlossen", lesen wir in einem Bericht der "Main-Spitze" vom 05.02.2008: "Wettbüros bleiben auch ohne Lizenz geöffnet. Gericht empfiehlt Behörde Stillhalten": "Seit vier Jahren werden auch im Kreis Groß-Gerau Sportwettbüros, nach altem wie neuem Glücksspielgesetz illegal, geschlossen. Die meisten Betreiber der ursprünglich allein in Rüsselsheim eröffneten zwölf Büros prozessieren und machen weiterhin Geschäfte." (Hervorhebung von mir)
Die Geschichte von 'da hat einer gewonnen, und der Besitzer des Wettbüros hat die Auszahlung verweigert' dürfte die Standard-Version der Beteiligten für das Publikum sein, soweit dieses von einer Auseinandersetzung etwas mitbekommt. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass es in Wirklichkeit um ganz andere Transaktionen geht.

Verschiedene Forendiskussionen - z. B. bei politik.de oder "ShortNews" enthalten viel Müll (allgemeine, meist negative Bemerkungen über Ausländer und Türken in Deutschland), aber auch einige interessante Informationen und Links. Dort kann man lesen, dass es sich um 2 kurdische Clans gehandelt haben soll, und es wird auf eine vergleichbare Situation in Wiesbaden verwiesen und zu einem ausführlichen Bericht des "Tagesspiegel" vom 02.09.2005 über die dortigen Morde verlinkt.
Der Spiegel-Bericht "Die Folgen einer Disconacht" von Julia Jüttner (den Link verdanke ich ebenfalls einem Foren-Beitrag) zieht nicht nur eine Parallele, sondern auch eine Verbindung zu den Wiesbadener Vorgängen. Bemerkenswert ist die Äußerung des Vaters eines der in Rüsselsheim erschossenen jungen Mannes: "Aus Sicht der Familie K. laufen die eigentlichen Veranlasser und Täter dieser Bluttat noch frei herum, was alle Angehörigen und Freunde der Familie nach wie vor in großer Angst und Sorge lässt." Diese Bemerkung werte ich ebenfalls als einen Hinweis auf bandenmäßige Strukturen.
Im "express.de" vom 14.08.08 berichtet MARKUS KRÜCKEN unter der Überschrift "Angst vor Rache der Clans" sogar: "Hintergrund der Schießerei ist ein Krieg kurdischer Clans, der eine aus Rüsselsheim, der andere aus Wiesbaden: Eine der beiden Familien, laut Insidern im Drogenhandel aktiv, wollte in der Türsteherszene der Region Fuß fassen, die Konkurrenz ausschalten".
Es mag schon sein, dass bei diesen Auseinandersetzungen auch Begriffe von "Familienehre" eine Rolle spielen.
Aber der eigentliche Hintergrund scheinen doch (wie auch in den Foren einige betonen) kriminelle Strukturen zu sein.

Natürlich erinnert sich in einem Forum auch jemand daran, dass in Rüsselsheim schon mal Terroristen im Eiscafé gefasst wurden, und verlinkt zu den Artikel: "Die Fahndung endete im Eiscafé Dolomiti" aus der Welt Online vom 23.02.2007.
Im Forum von Web.de musste der Moderator die Notbremse ziehen: "Liebe Nutzer,
diese Diskussion wurde geschlossen, da zu häufig gegen unsere Forenregeln verstoßen wurde
". Ich habe mir die noch vorhandenen Beiträge (über 500) nicht angeschaut; da scheint einiges hochgekocht zu sein.


Nachtrag 23.08.2008:
Recht informativ im vorliegenden Zusammenhang ist auch der Artikel "Trauergäste aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet. Raunheimer Mordopfer gestern auf dem Friedhof beigesetzt / Seit Tagen starke Polizeipräsenz in der Stadt" aus der "Mainspitze" vom 16.08.08. Dort wir du. a. berichtet:
"Zum Hintergrund der Bluttat vom Dienstagabend sagte Wallasch [der Rechtsanwalt der Familie des Getöteten Erkan K.] nur so viel: Weder Wettschulden noch eine Fehde angeblich verfeindeter Familien hätten zu den Morden geführt. ... Beide Familien stammten aus dem gleichen Dorf in der Türkei. 'Man kennt sich.' Zur Vorgeschichte der entstandenen 'Streitigkeiten' wollte sich Wallasch nicht äußern. 'Die Situation ist eskaliert und außer Kontrolle geraten', sagte er. Möglicherweise seien hier lediglich zwei junge Männer beider Clans aufeinander geprallt." Und weiter:
"In Raunheim waren die Folgen der Bluttat von Rüsselsheim in den vergangenen Tagen allgegenwärtig. Polizeistreifen drehten ihre Runden und bezogen Posten an Einfallstraßen. Mancher unbescholtene Bürger geriet unversehens in eine Personenkontrolle ..... . Am Elternhaus des ermordeten Erkan K. in einer kleinen Anliegerstraße im Neubaugebiet herrschte tagelang Ausnahmezustand. Wie Anwohner berichteten, flanierten ständig rund 50 bis 100 Türken vor dem Haus auf und ab. Die Straße sei mit 'großen Schlitten' zugeparkt gewesen ... ."
Ach ja: ein 'Aufmarsch' von "großen Schlitten" einerseits - und andererseits sollen "lediglich zwei junge Männer beider Clans aufeinander geprallt" sein? Wer's glaubt ... .


Irgendwie muss Rüsselsheim tierisch interessant sein. Jedenfalls für eine Rotte Wildschweine, die am 27.09.08 in der Stadt Räuber und Gendarm mit der Polizei spielen wollten. Wahrscheinlich hatten die Wasser aus den Entspannungsbrunnen getrunken. Die Polizei spielte aber Spielverderber und machte alle alle. Wer mir nicht glaubt, lese es im FAZ-Net den Bericht "Wildschweinjagd in der Innenstadt" vom 28.09.08.


Nachtrag 25.03.2010
Ein Suchzugriff zum vorliegenden Blott erinnert mich an diesen und führt mich zu einigen Links über die aktuelle Berichterstattung. Nachfolgend eine nicht systematisierte Auswahl (von Artikeln aus der "Wormser Zeitung"; dort finden sich auch Links zu weiteren Berichten):
"Tumult im Gerichtssaal: Angeklagter Erdal E. sorgt im Eisdielen-Prozess für Eklat" vom 25.01.10;
Von "hohen Sicherheitsvorkehrungen" berichtet der Artikel "Prozess um Rüsselsheimer Eisdielen-Morde wird wohl länger dauern" vom 06.01.2010.
Ruhigstellung der Bevölkerung ist die erste Behördenpflicht, auch wenn man dazu die Wahrheit verschleiern muss.
"Hintergrund waren persönliche Reibereien im Türsteher-Milieu. Zur Wiederherstellung der Familienehre hätten die Streitenden geschossen und aufeinander eingestochen, so die Staatsanwaltschaft" heißt es in dem Bericht "Rüsselsheimer Eisdielen-Prozess enthüllt brutale Details" vom 30.06.2009.
In "Eisdielen-Morde: Eine Bagatelle als Auslöser?" vom 24.09.2009 heißt es: "Möglicherweise haben unfassbare Nichtigkeiten zur Eskalation am 12. August des vergangenen Jahres in der Eisdiele “De Rocco" geführt, Nichtigkeiten, hergeleitet von einem infantil anmutenden Ehrgefühl. “Wegen nichts sind so viele Menschen gestorben", sagt Erdal E.. Unter anderem ist die Rede davon, der Stolz Erkan K.s, eines möglichen Schützen, sei verletzt gewesen, weil dessen Vater ihn im Verlauf einer Schlichtung “zurückgepfiffen" habe."
Besonders hervorzuheben ist, wegen seiner Ausführlichkeit, der Artikel "Rüsselsheimer Eisdielen-Prozess: Ein Albtraum - ausgelöst durch Lappalien" von Claus Langkammer vom 12.12.2009. Auszüge:
"Hinweise auf diese läppischen Vorkommnisse finden sich in Einlassungen zweier der drei wegen Mordverdachts angeklagten Männer, Erdal E. - bei der Schießerei selbst schwer verletzt - und Taylan K., vor dem Darmstädter Schwurgericht, wo man mittlerweile seit Mai dieses Jahres prozessiert. "Wegen nichts und wieder nichts", so räumen diese Männer unisono ein, seien die Opfer zu beklagen. Es klingt zerknirscht. Ist diese Zerknirschung echt?"
Wenn beide Seiten "einräumen", dass der Streit um Lappalien ging, dann darf man wohl davon ausgehen, dass beide Seiten trotz aller Feindschaft doch ein gemeinsames Interesse daran haben, hier niemanden auf den Gedanken kommen zu lassen, dass es etwa in Deutschland Verbrecherbanden gebe, die sich Bandenkriege liefern. Immerhin, ein klein wenig lüftet sich dieser Verharmlosungsschleier in dem Satz
"Ungeachtet anderslautender Beteuerungen der Angeklagten geht das Gericht vor dem Hintergrund der Ermittlungen inzwischen davon aus, dass keine der beiden Seiten in gewaltloser Absicht zu dem Eiscafé-Treffen erschienen ist."
Was in Wirklichkeit hinter der Schießerei stand, erfahren wir auf S. 2:
"Hintergrund: In der Türsteher-Szene, in der Angehörige der beiden ostanatolischen [vermutlich kurdischen, aber wieso liest man darüber nichts? Warum ist immer nur - formal zwar korrekt, aber den ethnischen Hintergrund dieser offenbar in Familienbanden organisierten Großkriminalität verschleiernd, von "Türken" die Rede?] Familien ein gewichtiges Wort mitzureden haben, sind Schläge und Beleidigungen gefallen. Aus Anwaltskreisen am Rande des Prozesses ist zu hören, dass Türsteher oftmals Clans verpflichtet sind. Sie haben Einfluss darauf, wer in einer Discothek ein- und ausgeht - und dort beispielsweise Drogengeschäfte abwickeln kann, woran wiederum die Clans Interesse haben. Die beiden Familien, in Raunheim, Rüsselsheim und Wiesbaden ansässig, gelten als einflussreich im Rhein-Main-Gebiet." Auch sonstige Informationen (ebenfalls S. 2) sprechen dafür, dass es sich um eine Auseinandersetzung krimineller Banden gehandelt hat:
Zeugen "wissen nichts von einem "scharlachroten Rächer", nach dem der Vorsitzende Richter sie fragt, der demjenigen Vergeltung androht, der sich in seine profitablen Pfründe im Einzugsbereich von Discotheken einmischt. Ebenso auch wissen sie nichts davon, dass ein führendes Mitglied der Familie K. der "Pate von Rüsselsheim" sein soll. Bei manchen biegen sich die sprichwörtlichen Balken. Aussagen von Zeugen aus der Männerwelt zwischen Fitness-Studio, Fußballclub, Internet-Café, Wettbüro und Döner-Grill nehmen sich oft ausgesprochen patzig aus."
In anderer Hinsicht richtig spannend ist aber eine Information auf S. 3:
"Die Polizei schaltet über Funkstellen in der Tatnacht ein elektronisches Überwachungsnetz scharf, das sich - eingeteilt in Planquadrate - über die Stadt breitet. In diesem Netz bleiben ungezählte Handy-Telefonate hängen. Die Nummern können zugeordnet werden und spielen eine wichtige Rolle beim Ausfindigmachen von Zeugen. Bei den Prozessakten befindet sich ein Protokoll dieser Gespräche. Es umfasst 1.300 DIN-A-4-Seiten und veranlasst einen Verteidiger zu der Bemerkung, niemand sei leichter zu überwachen als Handy-Besitzer. Mit dieser Technik gelingt es der Polizei allerdings auch, die Zeitdauer des reinen Tötungsgeschehens herauszufiltern: dreieinhalb Minuten."
Gibt es solche Überwachungsnetze in ganz Deutschland, oder nur in Städten, die als Zentren organisierter Kriminalität bekannt sind?


Nachtrag 17.07.11
Die Nachverfolgung eines Suchzugriffs führte mich heute wieder zu einigen Informationen über den Mordfall, die ich hier verlinke:
"Zweiter Angeklagter bricht Schweigen. Prozess: Taylan K. beteuert, niemanden ermordet zu haben" meldete Echo Online am 04.11.2009 über eine Phase des Mordprozesses.
"Hohe Haftstrafen wegen tödlicher Schießerei in Eisdiele" erfahren wir bei Ad Hoc News vom 06.04.2010. Interessant daraus sind auch Informationen über die Solidarität mit den Verbrechern, welche die Familien  als Zuschauer im Prozess gezeigt haben:
"Mit Zwischenrufen, gegenseitigen Vorwürfen und lautem Schluchzen hatten Angehörige der verfeindeten Familien eine reguläre Urteilsverkündung zeitweise unmöglich gemacht. «Ich brauche meine Söhne», rief die Mutter der beiden verurteilten Brüder, nachdem sie des Saals verwiesen worden war."Nicht überraschend haben die Verurteilten offenbar versucht, durch eine Revision beim BGH Rabatt zu erlangen, was freilich misslang:
"BGH bestätigt Verurteilungen wegen Mordes in Rüsselsheimer Eisdiele. Zu BGH, Beschluss vom 18.05.2011 - 2 StR 601/10" informiert uns die Nachrichten-Webseite des juristischen Beck-Verlages.
In den Hintergrund von organisierter Kriminalität ist die Polizei allerdings nicht eingestiegen; konnte das wohl auch nicht, weil insoweit beide Seiten einig waren, nichts nach außen dringen zu lassen. Für die Öffentlichkeit sollen das halt nichts als "Streitigkeiten in der Türsteherszene" gewesen sein.
Wer's glaubt ..... .






Textstand vom 17.07.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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Freitag, 8. August 2008
 
Energie-BDSM: Fritz Vorholz für Breathcontrol-Play mit der Stromleitung?

   
 

Den Zeit-Autor Fritz Vorholz habe ich als kundigen Energie-Experten schätzen gelernt und verschiedentlich aus seinen informativen Beiträgen zitiert bzw. zu diesen verlinkt (hier, da, dort und nochmal). So sagt er z. B. in seinem Beitrag "Vierter Ölschock" vom 29.05.2008: "Es ist paradox: Einerseits muss der Westen Öl sparen, um sich unabhängiger von dem Stoff zu machen und um den Klimawandel zu begrenzen. Andererseits hoffen alle, dass schnell neue Förderkapazitäten entstehen, damit der Preis sinkt" und vermutet dann sehr richtig: "Fraglich, ob das eine oder das andere gelingt." (Hervorhebung von mir) In seinem Artikel "Atomkraft, nein danke" (10.07.2008) reiht er sich mit seinen Forderungen allerdings in die Reihen jener Wunderheiler ein, die uns kurieren wollen, indem sie uns den Saft abdrehen. Man könnte das "Cellini-Therapie" nennen, nach dem Bildhauer Benvenuto Cellini. Der berichtet in seiner Autobiographie (die einst kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe übersetzt hat) von der mittelalterlichen Standard-Therapie gegen Fieber: dem Kranken nichts zu trinken geben. Cellini hat diese Behandlung überlebt, weil er vorschriftswidrig doch einen großen Krug voll Wasser getrunken hat; in Deutschland bzw. der Menschheit werden es viele nicht überleben, wenn uns erst eigene Unvernunft und später (das ist allerdings irgendwann wohl unvermeidlich) die Natur den Saft abdrehen.

   
 

Die Verurteilung von Vorholz als energetischem Wunderheiler rechtfertigt sich nicht unmittelbar daraus, dass er den Betrieb deutscher Kernkraftwerke über die in der Ausstiegsvereinbarung hinaus festgelegten Zeiträume ablehnt. Es lässt sich schließlich gar nicht bestreiten, dass die Stromerzeugung durch Atomkraftwerke gefährlicher ist und größere Probleme mit sich bringt als andere Methoden der Stromgewinnung. Wer sie (wie ich) dennoch befürwortet, nimmt eine Abwägung vor zwischen der mutmaßlichen Situation mit und ohne Nuklearreaktoren.

Das tut auch Vorholz, und in Sachen Klimaschutz nicht völlig abwegig. Selbst wenn man neue Kernkraftwerke baut, werden diese nicht ausreichen, um die Emission klimaschädlicher Gase in dem erforderlichen Ausmaß zu reduzieren. Allerdings können sie einen Beitrag zur CO²-Reduktion leisten.

Wer davon ausgeht, dass die Menschheit insgesamt in der Lage und auch bereit ist, ihren Energiebedarf zu reduzieren; müsste bestrebt sein, den restlichen Bedarf so klimaschonend wie möglich zu produzieren. Wenn der Betrieb von (abgeschriebenen) Kernkraftwerken kostengünstiger ist als z. B. von Kohlekraftwerken, werden die Energieerzeuger schon aus eigenem Interesse mehr von dem klimagünstigen Atomstrom produzieren und weniger Kohlestrom. CO²-Reduktions-Optimisten können ihre Hoffnungen allenfalls auf einen Mix von Energiesparen und saubererer Stromproduktion richten; insoweit allein auf Energiesparen zu setzen, sollte eigentlich selbst den Träumern zu träumerisch sein.

Nur Wolkenkuckucksheimer können indes glauben, dass die Menschheit insgesamt bereit oder auch nur in der Lage ist, ihren Energiebedarf zu reduzieren; der wird im Gegenteil weiterhin steigen (mehr dazu unten). Selbst in Deutschland werden wir keine massiven Einsparungen erzielen (und wenn solche in der Statistik erscheinen wäre zu prüfen, ob wir da etwa unseren Energieverbrauch in andere Länder ausgelagert haben: Energieintensive Industrien, Urlaubsreisen ... .). Bei einem steigenden Energiebedarf wäre es sogar noch wichtiger, den Strom möglichst sauber zu produzieren. (Ich selbst gehe davon allerdings aus, dass uns das Rohöl rasch ausgehen wird und dass wir deshalb jede Form von Energie - sauber oder unsauber - nutzen müssen und nutzen werden, um uns für einige Jahrzehnte noch halbwegs über Wasser zu halten. Das Klima wird mit ziemlicher Sicherheit ohnehin baden gehen – meint auch die Energie-Expertin Claudia Kemfert: "Der Klimawandel ist höchstens noch abzumildern".)

   
 

Wer die ökonomische Perspektive in der Debatte über eine Laufzeitverlängerung der KKWs auf die Frage verengt, wie viel jeder einzelne Stromkunde dabei spart, und ob überhaupt, will entweder den Leuten Sand in die Augen streuen (Kernkraftgegner) oder Honig ums Maul schmieren (Politiker). Die von Vorholz zitierte Meldung "Minimale Ersparnis durch längere AKW-Laufzeiten" (dieser Bericht stammt übrigens von ihm selbst) aus der Zeit Online vom 10.07.2008 enthält keinerlei Angaben zur Methodik der Studie. (Das wäre vielleicht von einem Zeitungsartikel auch etwas viel verlangt; andererseits ist die Zeit keine Zeitung, sondern eine Wochenzeitschrift mit mehr Seiten und mit dem Anspruch, vertiefende und Hintergrundinformationen zu liefern, die bei Tageszeitungen untergehen.) Immerhin wird aber in dem Artikel die Höhe der Gesamtersparnis genannt, welche durch längere Laufzeiten der Atommeiler in Deutschland anfallen würde: "E.on könnte laut Matthes mit 27,5 Milliarden Euro rechnen, RWE mit 17, EnBW mit 14 und Vattenfall Europe mit knapp 4,5 Milliarden Euro": in der Summe sind das 65 Mrd. Euro! Es müssten uns eigentlich eiskalte Schauer über den Rücken laufen wenn "Umweltschützer" solche Summen kurzerhand als "minimale Ersparnis" abtun und auf Centbeträge herunter rechnen. Denn schließlich zieht man uns mit der gleichen Argumentation "das macht ja nur ... Cent / Euro aus" ja auch auf anderen Gebieten zig Milliarden aus den Taschen. Selbst im Worst-Case-Szenario, bei dem die Stromkonzerne den ganzen Gewinn einsacken und keinen Cent an ihre Stromkunden weitergeben, würde der Staat - und würden damit im Ergebnis wir Bürger - via Gewinnsteuern mit zig Milliarden von dieser Ersparnis profitieren.

Im übrigen wäre es natürlich blauäugig anzunehmen, dass die Stromkonzerne ihre Preise nach der Formen "Gestehungskosten plus xxx % Aufschlag" kalkulieren und sofort ihre Preise senken, wenn sie drüber liegen. Es wäre aber schlicht ignorant wenn jemand behaupten wollte, dass die Strompreise völlig losgelöst vom Gestehungspreis sind. Und ebenso naiv wäre der Glaube, dass Öffentlichkeit und Politik die Stromerzeuger mit riesigen "Windfall Profits" ungeschoren davonkommen lassen würden.

Die Kernkraftgegner beschummeln uns also wenn sie vortäuschen, es wäre für die Bürger finanziell unwichtig, ob die Laufzeiten der AKWs verlängert werden oder nicht. Politiker dagegen vereinfachen die Sachverhalte, wenn sie ausschließlich auf mögliche Strompreissenkungen abstellen. Differenziertere Überlegungen, wie ich sie hier angestellt habe, sind auf dem politisch relevanten Teil des Meinungsmarktes nun einmal nicht zu verkaufen. Die Botschaft, dass (auch) der Bürger von einer längeren Laufzeit der Kernkraftwerke massiv profitieren würde, entspricht jedenfalls der Wahrheit.

Wer Haushaltspolitik nach dem Motto betreiben wollte "Wenn die Energiefrage zur Überlebensfrage geworden ist, dann müssen in einem 280 Milliarden Euro schweren Bundeshaushalt ausreichend Forschungsmittel lockergemacht werden können", wie Vorholz meint, wäre als Finanzpolitiker ein Super-Gau für Deutschland. Ohnehin wäre es fragwürdig, die eingesparten Milliarden in die Erforschung regenerativer Energien zu stecken: Masse gebiert nicht zwangsläufig Klasse.

Im übrigen: Wenn die Energiefrage wirklich zur Überlebensfrage geworden ist, was die Meinung von Vorholz ebenso sein dürfte wie es definitiv die meine ist, dann können wir es uns auf gar keinen Fall leisten, nicht alles zum Einsatz zu bringen, was physisch und technologisch derzeit für die Energieerzeugung verfügbar ist: auch Uran, so lange die Vorräte noch reichen.

   
 

Vorholz fürchtet, dass sich die derzeit weltweit 439 Atomkraftwerke für den Menschen und die Umwelt noch als Albtraum erweisen könnten. Er wird freilich kaum friedlicher schlummern, wenn nur noch 422 Kernkraftwerke Strom produzieren. Ganz allgemein scheinen mir die Kernkraftgegner die Folgen von Energiemangel (wie sie z. B. der US-Admiral Hyman Rickover schon 1957 in einer glänzenden Rede eindrucksvoll ausgemalt hatte - vgl. meinen Blott "Salut für den Atom-Admiral! Hyman Rickovers visionäre Energie-Rede aus dem Jahre 1957 hier in deutscher Übersetzung" - sträflich zu unterschätzen. Die ruhen mir etwas zu bequem auf ihren Kissen-Gewissen, von denen aus sie ihre Götter der Solarenergie und der Energiesparschweine anflehen, dass diese ihre Mitmenschen endlich auf den Pfad der Erleuchtung schicken mögen. Beide Herrschaften sind zwar ehrenwert, aber leider nicht omnipotent, sondern im Gegenteil sehr begrenzt in ihren Wirkungsmöglichkeiten.

Vorholz will uns voll auf Energiespar-Diät setzen, denn Kohlekraftwerke lehnt er ebenfalls ab, jedenfalls den Bau neuer Anlagen. Begründung: "... in 40 Jahren, Mitte des Jahrhunderts, müssen Länder wie Deutschland ihren CO²-Ausstoß um 80, womöglich um 90 Prozent gesenkt haben, soll die Erderwärmung in Grenzen gehalten werden". In der Tat ist das mit Kohle-Kraftwerken nicht zu schaffen: solche Werte sind mit Sicherheit überhaupt nicht zu schaffen. Wer außerdem noch glaubt, allein durch Energiesparen dahin zu kommen, hat eine absolut unrealistische Perspektive.

Im Prinzip hat Vorholz natürlich Recht: Politiker, Manager und Verbraucher bewegen sich in der Tat nur unter dem Druck der Verhältnisse. [Wohl deshalb bewegen sich derzeit ja auch schon die ersten Atomgegner - aber für Vorholz sicher in die falsche Richtung]. Nur: ‚Druck machen damit sich etwas bewegt' ist leicht gesagt: was bedeutet das in der Realität für uns?

   
 

Konkret können wir einen solchen "Druck" auch als einen Zug an der Stromleitung visualisieren. Es ergäben sich dann folgende Szenarien:

   
 

In unserer Gesellschaft, d. h. in den entwickelten Ländern, gibt es viele Leute, denen die Stromleitung recht locker um die Schultern hängt. Bei einigen ist sie so weit weg, dass die sich gar nicht vorstellen können, so ein Ding könnte am Hals mal unbequem werden. Andere (sehr viel mehr Menschen) schnürt sie schon eng genug ein, um ihnen das Atmen zu erschweren. Jegliche Verknappung von Energie wirkt zunächst einmal wie ein Zug an einem einheitlichen Seil um aller Menschen Hälse, d. h. in meinem eben entwickelten Bild merken einige noch lange nichts davon, während andere nur mit Mühe atmen könnten und manchen der Atem dauerhaft abgeschnitten würde.

In Kriegszeiten, jedenfalls in den insoweit gewissermaßen ‚zivilisierten' beiden Weltkriegen, wo die erforderliche Bürokratie verfügbar war, hat man den Kabelzug im Prinzip individuell feinjustiert, nämlich durch die Zuteilung von Lebensmitteln und anderen Gütern, also durch Rationierung. Auch in jenen Zeiten schwamm zwar das Fett (bzw. die Cleverness) oben, aber immerhin hielt die Gesellschaft auch ihren anderen Bürger das Stromkabel soweit von der Luftröhre weg, dass sie (gerade noch so) atmen konnten.

   
 

Massives Energiesparen, das durch eine natürliche oder mehr oder weniger "künstliche" (darunter verstehe ich hier auch den Verzicht auf Atomkraftwerke) Energieverknappung (die Vorholz ja will) erzwungen wird, führt in einer Marktwirtschaft zu Preiserhöhungen. Freiwillige Verzichte auf Energieverbrauch wird es im erforderlichen Umfang nicht geben. Niemand wird freiwillig von seinem Porsche auf einen Polo umsteigen, schon gar nicht vom Polo aufs Fahrrad. Eine freiwillige "Feinsteuerung" ist also unmöglich; eine marktwirtschaftliche "Globalsteuerung" schnürt jedoch ihrer Natur nach (da sie Knappheitssignale nur über die Preise setzen kann) einigen oder vielen oder allen von denen die Kehle ab, denen das Kabel schon jetzt eng ansitzt (und irgendwann sogar noch vielen anderen, die seine Existenz bislang gar nicht wahrnehmen). Auch ich gehe davon aus, dass es eines Tages aufgrund der Ressourcenverknappung zu einer massiven und sich rasch verschärfenden Energieverknappung kommen wird, nur möchte ich diese im Unterschied zu Hr. Vorholz möglichst lange hinauszögern und würde dafür sogar die Nutzung der Kernkraft in Kauf nehmen. Wenn es dann doch so weit kommt, werden zumindest die entwickelten Gesellschaften aller Wahrscheinlichkeit nach wieder mit einer Art Kriegswirtschaft mit Zuteilungen reagieren. Man könnte das natürlich schon mal freiwillig üben und müsste das wohl auch, wenn man die Energie schon vorher "künstlich" verknappt, indem man mögliche Energieressourcen ungenutzt lässt.

Kriegswirtschaft ist allerdings kein Vergnügen, denn abgesehen davon, dass sie nur den Mangel verwalten kann, generiert sie noch ihre eigenen Ineffizienzen und möglicher Weise auch Fehlallokationen der knappen Ressourcen. (Von der "Weisheit" der Politik – aber auch eines Großteils der Experten - liefert uns ja schon jetzt die Bioenergie erschreckende Exempel, und während unsere "Grünen" zwar bei der Stromerzeugung ausgesprochen leksch sind, sich aber schon die Finger nach Strom verbrauchenden Elektroautos lecken. Die müssten sie dann allerdings mit ihrem sauberen Gewissen antreiben, denn saubere Energie in den nötigen Mengen wird es nicht einmal dann geben, wenn wir die Atomkraftwerke weiter betreiben.)

   
 

Nun muss Energiesparen ja nicht unbedingt durch Umstieg vom Porsche auf den Polo erfolgen; man könnte sich ja auch vorstellen, dass z. B. Porsche einen Sportwagen mit gleichem Leistungsvermögen, aber deutlich geringerem Energieverbrauch konstruiert. Selbst unterstellt, dass das möglich wäre, bleibt es dennoch beinahe unmöglich, durch solche wissenschaftlich-technischen Großtaten freiwillig Energie zu sparen.

Warum ist der Menschheit das Energiesparen unmöglich, obwohl der Einzelne oder auch einzelne Organisationen oder Gruppen durchaus Energie einsparen können? Es gibt zwei Alternativen, wie sich Energiesparen auf unser Portemonnaie auswirkt, bzw. zwei Dimensionen der Wirklichkeit, in denen sich dieses "Sparen" abspielt:

   
 

- Entweder wir stecken z. B. in Wärmedämmung oder energiesparende Produktionsverfahren mehr Geld rein, als wir rausholen (Stichwort: "1-Liter-Auto"?). Dann wird im Großen und Ganzen dafür auch viel Energie aufgewendet worden sein; unter dem Strich haben wir also Null Energie gespart.

Das ist die physikalisch-technische Dimension, die entsprechend und vielleicht noch mehr für die Energieerzeugung gilt. Denn gerade im letzteren Bereich verkauft man uns gern alternative Energien in Form von Mogelpackungen mit der Begründung, dass sie ja "nur" mehr Geld kosten, und da wir doch so reich sind, müsste uns die Energiesicherheit doch ein paar Euro extra wert sein. Es liegt mir fern, diese Argumentation in Grund und Boden verdammen zu wollen, denn gerade wenn man davon ausgeht, dass uns die fossilen Brennstoffe schon in Kürze ausgehen, muss man es begrüßen, dass die Menschheit alles Mögliche ausprobiert, um diese zu ersetzen. Nur darf man sich (und seine Mitmenschen) nicht grundsätzlich darüber täuschen, dass "hohe Kosten" in der Regel bedeuten, dass ein hoher Energieaufwand in die jeweilige Art von Energiegewinnung gesteckt wurde; im ungünstigsten Falle (so anscheinend großenteils bei der "Bioenergie)", steckt man sogar mehr Energie rein als man rausholt. Man muss die Möglichkeiten ausloten, darf aber nicht in Überschwang verfallen und vor allem nicht glauben oder so tun, als ob es keinerlei Zusammenhang zwischen Kosten und Energieeinsatz gebe. Jegliche Art von Energiegewinnung frisst selbst Energie, sie frisst sich also zum Teil (bzw. ganz; im allerschlimmsten Falle frisst sie sogar noch zusätzlich reingesteckte Energie) selbst auf. Wir müssen darauf schauen, dass unter dem Strich möglichst viel für uns übrigbleibt; vom Drauflegen kann weder der Kaufmann leben, noch der Energienutzer.

   
 

- Oder die Sache ist für uns finanziell ein lohnendes Geschäft (Stichworte "Energiesparlampen", "Standby abschalten"): dann haben wir bei dieser konkreten Maßnahme auch einiges an Energie eingespart. Nur: was machen wir dann mit dem Geld, das wir durch diese Energiesparmaßnahme in Zukunft übrig haben? Soweit wir es nicht in die Derivatewirtschaft versenken, kaufen wir uns halt etwas anderes dafür, machen eine Urlaubsreise oder, wenn wir edel (aber nicht besonders weitsichtig) sind, füttern unsere Futterkonkurrenz in den armen Ländern durch (nein, meine Zeit als Edel-Mann ist vorbei: in unserer Epoche des greifbar nahen Energiemangels bevorzuge ich eine realistische Perspektive). Egal wie: wir kaufen bzw. bezahlen andere Güter oder Dienstleistungen, zu deren Produktion Energie benötigt wird; gespart ist damit gar nichts.

Das ist die volkswirtschaftliche Dimension: technisch und ökonomisch wirksame Energiesparmaßnahmen (betriebswirtschaftliche Rationalisierungen) führen noch lange nicht zu einer gesamtwirtschaftlichen Minderung des Energieverbrauchs. Dieses Problem (bzw. einen Sonderfall davon) hat schon vor beinahe 150 Jahren der britische Ökonom William Stanley Jevons erkannt; nach ihm sprechen wir vom "Jevons' Paradoxon" bzw. auf Englisch "Jevons Paradox". Dieses geht allerdings sogar noch über die Frage der Einsparmöglichkeiten hinaus, denn danach führt "technologischer Fortschritt, der die effizientere Nutzung eines Rohstoffes erlaubt, letztlich zu einer erhöhten Nutzung dieses Rohstoffes …, anstatt sie zu senken" (Zitat Wikipedia). Aber darauf, ob bzw. unter welchen Bedingungen und in welchem Umfang das zutrifft (Industrielle Revolution?!) oder nicht, kommt es hier nicht an; an dieser Stelle reicht die Feststellung, dass wir den Energieverbrauch nicht einfach dadurch senken können, dass wir die Energieeffizienz von Produktionsprozessen usw. steigern.

   
 

Ob und ggf. auf welche Weise man dieses Problem aushebeln kann, ist zumindest im englischen Sprachraum Gegenstand einer intensiven Debatte. Mehr darüber hoffe ich demnächst in einem eigenständigen Blott zum Thema "Energiesparen" einzutragen. An dieser Stelle muss es genügen, einen Link zu dem Stichwort "Rebound effect" in der "Encyclopaedia of Earth" zu setzen. Es handelt sich dabei um einen sehr ausführlichen und anspruchsvollen Eintrag des britischen Wirtschaftswissenschaftlers Horace Herring, der sowohl über die Problematik als solche wie auch über die wirtschaftswissenschaftliche Diskussion (und deren Geschichte) informiert.

Ergänzend möchte ich hier jedoch noch die Begriffe aufführen (falls Leser danach googeln wollen), die in diesem Artikel genannt werden (auch deren "Erfinder" sind dort aufgeführt) und unter denen die Debatte auf Englisch geführt wird (in Klammern die Google-Treffer, zunächst allgemein, dann für "Seiten auf Deutsch", wobei sich allerdings auch dort einige englischsprachige Webseiten einschleichen):

"Conservation paradox" (1.080 // 1.080 - die Suchmaschine unterscheidet hier nicht; wahrscheinlich findet sie den Begriff auf deutschsprachigen Webseiten überhaupt nicht)

"Jevons paradox" - 10.500 // ganze 67!

"Khazzoom-Brookes postulate" - 538 // 2 (!)

"Rebound effect" - 158.000 // 1.130 (Dieser Begriff ist allerdings sehr unspezifisch und wird keineswegs nur in der Energiespardebatte verwendet; die Zahlen sind also nicht aussagekräftig)

Merkwürdiger Weise scheint man in Deutschland diese Problematik so gut wie gar nicht zu diskutieren. (Eine rühmliche Ausnahme ist der allerdings kurze Artikel "Steigerung der Energieeffizienz: Problem oder Lösung?" von Reinhard Madlener und Blake Alcott aus der Zeitschrift "ENERGIEWIRTSCHAFTLICHE TAGESFRAGEN", 57. Jg. -2007-, Heft 10; online auf der Webseite des Co-Autors Alcott.) Um unser (der Menschheit insgesamt) Dilemma wenigstens mal auf den Begriff zu bringen (d. h auf einen deutschsprachigen Begriff) schlage ich (in Anlehnung an die o. a. Bezeichnung "Conservation paradox") vor, diesem Kind, welches uns unser wohliges Energie-Spar-Bad auszuschütten droht, den Namen "ENERGIESPAR-PARADOX" (bzw. "Energiespar-Paradoxon") zu geben. Der Ausdruck kommt einem dermaßen leicht über die Lippen dass man sich wundert, bei Google nur 2 Treffer zu erhalten. Armes Deutschland! Kein Wunder, dass deine Vorholzens gedeihen.

Der eine Fritz ist natürlich nicht das Problem, das liegt darin, dass recht viele Menschen der Komplexität des Themas ausweichen: unser Drang nach umfassender Welterkenntnis wird leider übertroffen von unserem Bedürfnis, mit unseren kleinen Patscherchen recht unbekümmert in diesen Zusammenhängen herumzufummeln. Andererseits ist einzuräumen, dass viele Menschen, die nicht groß über die Zusammenhänge nachdenken, sie dennoch richtig erfassen. Man braucht sich ja auch lediglich immer wieder klar machen, dass nichts von nichts kommt.

   
 

Eine ähnliche Position wie Vorholz vertritt wohl auch der sehr bekannte amerikanische Energieexperte und Kernkraft-Gegner Amory Lovins. Auf den ersten Blick klingt es gar nicht schlecht, was er z. B. in dem Gespräch "Energy Tribune Speaks with Amory Lovins" in der Energy Tribune vom 09.11.2007 sagt. Beim Überdenken seines sonnigen Optimismus wird man aber doch skeptisch: z. B. ist eine unbegrenzte Effizienzsteigerung bei der Energieverwendung unmöglich. Sein Interviewpartner Robert Bryce gibt ihm denn auch in seinem Artikel "Green Energy Advocate Amory Lovins: Guru or Fakir?" vom 12.11.07 im gleichen Magazin heftig kontra. Und Lovins' Argumente gegen die Kernenergie (die im ersten Anhören ebenfalls nicht schlecht klingen) schmelzen wie Schnee in der Sonne unter dem Angriff einer Artikelserie ("Amory Lovins and His Nuclear Illusion - Final Thoughts" ist davon der letzte) in dem Blog "NEI Nuclear Notes. News and commentary on the commercial nuclear energy industry".

   
 

Dies mag in Sachen "Energie-BDSM" und "Breathcontrol-Play mit der Stromleitung" zunächst genügen; im Übrigen hoffe ich sehr, dass ich Sie demnächst auch in meinem geplanten Energiespar-Blott als Leser / Leserin begrüßen darf!

   
 

Nachtrag 09.08.08:

So, nun weiß ich wenigstens auch, mit welchen Rezepten Fritz Vorholz die Welt retten will. Jedenfalls glaubt er "Die Welt ist noch zu retten" (DIE ZEIT, 08.03.2007). Ich will dieses Florilegium aus dem Reich der Pläneschmiede und Projektemacher nicht im Detail kommentieren. Unvoreingenommene Leser mögen sich ihr eigenes Urteil bilden; Traumtänzern würde selbst eine eingehende Widerlegung nicht die Binden von den Augen reißen.

Allerdings kommen Vorholz' gute journalistischen Manieren seinem Idealismus gelegentlich in die Quere. So wenn er darlegt, dass sich die (unpolitisch gesprochen) "Grünen" gegenseitig selbst nicht grün sind, wenn es um den richtigen Menschheits-Rettungs-Pfad geht: Die einen wollen uns Windenergie und Sonnenstrom aus riesigen Entfernungen andienen [da würden dann freilich die Wüstenbewohner zunächst einmal ihre heißen Hütten kostengünstig kühlen]; die andere Schule setzt auf dezentrale Energieerzeugung mit Blockheizkraftwerken [ganz abgesehen von den in der Wikipedia beschriebenen Nachteilen müssen die ja wohl auch irgendwie gefüttert werden: Bauen wir dann riesige Gasleitungsnetze, oder transportieren wir die Kohlen mit LKWs dorthin? Und um die alle im Verbund zu betreiben, würden wir wohl auch ein superkomplexes Reglernetz benötigen].

Unkommentiert stellt Vorholz seinen Lesern auch vor, was der Energieexperte Ottmar Edenhofer zur zukünftigen Rolle der Kernenergie im Hinblick auf das Ziel des Klimaschutzes meint: "Die Atomkraft spielt keine große Rolle …". Richtig: wenn man den gesamten Energieverbrauch nimmt, spielt sie in der Tat weder gegenwärtig noch zukünftig eine übermäßig große Rolle. Aber wer ausschließt, dass sie eine "große" Rolle spielt, impliziert zugleich, dass wir auch in Zukunft nicht ohne sie auskommen werden.

Selbstwidersprüchlich wird, was der Autor uns im Untertitel verheißt [Hervorhebungen von mir]: "Klimaschutz, Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsexplosion: Die Menschheit kann sich alles leisten – wenn sie sofort umdenkt" und am Schluss noch einmal bekräftigt: "Die Menschheit kann die Kurve bekommen, ohne ihr Wohlstandsstreben aufzugeben" – wenn der Verfasser uns in Absatz 5 verkündet: "Die Zukunft zu retten ist anspruchsvoll und anstrengend und nicht zuletzt auch eine Sache des Verzichts". Also, Frittken, ich sach's mal so: Wer uns den Weg des Heils weisen will, sollte sich doch wenigstens für eine der beiden Abzweigungen entscheiden: Verzicht oder Sonntagsspaziergang (wo wir auf der Wiese auch an der Fortsetzung der Bevölkerungsexplosion arbeiten könnten).

Nachtrag 26.08.08:
"Efficiency Policy, Jevon’s Paradox, and the 'Shadow' Rebound Effect" lautet der Titel eines "guest post" von Jeff Vail (hier seine Nachbetrachtung auf seiner eigenen Webseite "Rhizome") in "The Oil Drum". Vail macht darauf aufmerksam, dass wir Geld, welches wir durch Energiesparen übrig haben, höchstwahrscheinlich anderweitig ausgeben - und damit gewissermaßen die Energiebilanz der Gesellschaft an anderer Stelle belasten.
Außerordentlich interessant (und größtenteils recht niveauvoll) ist die (jetzt geschlossene) Debatte (ich hatte sie zum Lesen ausgedruckt: 89 S.!). Da dürften so ziemlich alle Meinungspositionen vertreten sein (wenn auch nicht proportional zu ihrer gesellschaftlichen Häufigkeitsverteilung: die "Cornucopians" sind naturgemäß auf einer solchen Webseite, bei der es um die drohende Gefahr eines Ölfördermaximums geht, unterrepräsentiert). Und es werden eine Reihe sehr einsichtsvoller Gedanken geäußert. Eine wirklich empfehlenswerte Lektüre wenn man wissen will, was die anderen über die Risiken von "Peak Oil" denken und wie sie die (Un)Möglichkeit einschätzen, einen Crash unserer Zivilisation abzuwenden.


Nachtrag 02.09.2008
Wer sich dafür interessiert, wie die Menschen - nicht Goethe & Co., sondern die Masse - in der energiearmen Vorölzeit wirklich lebten, oder wer einfach der literarischen Horrorstories überdrüssig geworden ist und sich mal wieder richtig gruseln möchte: solchen Suchenden empfehle ich einen Aufsatz des verstorbenen Hamburger Hygieneprofessors Stefan Winkle über die sanitären Verhältnisse im Paris des "Ancien Régime": "Paris am Vorabend der Französischen Revolution. Städtehygienisches und Sozialmedizinisches aus Merciers 'Tableau de Paris'." (Auch hier zu finden.)

 
 

 
 

   
 

Textstand vom 02.09.2008. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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