CANABBAIA
Freitag, 20. Februar 2009
Lässt Klingklax sich klaglos beklauen? Keine Euro-Anleihen zur Rettung der Mittelmeer-Länder! Keine deutschen Steuergelder gen Süden senden!
Im Internet finde ich ihn nicht, den Klingklax, doch bin ich ganz sicher, ihm einst in einem Buch über das Italien zur Zeit des 2. Weltkrieges begegnet zu sein. In den Anfangsjahren, als man einen Sieg der Achsenmächte noch nicht ausschließen konnte, ging dort ein Spruch um, dessen Tenor lautete: "Lasst doch den Klingklax die (Drecks-)Arbeit machen". Der Ausdruck hat die onomatopoetische Anmutung von Stiefelschritten, und tatsächlich bezog er sich in diesem Zusammenhang auf die deutsche Wehrmacht.
Eigentlich aber war es die Markenbezeichnung für ein Abführmittel.
Ums Abführen geht es auch bei den Euroanleihen (d. h. hier nicht "in Euro denominierte Anleihen" sondern "Anleihen, die von den Ländern der Euro-Zone gemeinsam begeben werden").
Die abgewirtschaftete Londoner Finanzwelt wackelt mit der Feder, und gehorsam kotzen uns Deutschlands Publizisten das Wiedergekäute vor die Füße:
Der deutsche Steuerzahler soll zum Dukatenscheißer für die europäischen Südländer werden - Griechenland, Italien, Portugal; vielleicht braucht Spanien ja auch noch Geld: egal, ab damit, sendet unser Geld gen Süden!
Begründung ist, wie schon bei der Bankenrettungsgeldvernichtungsorgie, die unbedingte Notwendigkeit, die Verantwortlichkeit gegenüber Gott und der Welt und, ach ja, auch unseren eigenen Interessen.
Petra Pinzler und Mark Schieritz halten sich im Zeit-Online-Artikel "Euroland. Unglaublich! Wirklich?" noch einigermaßen zurück und berichten eher referierend (meine Hervorhebungen):
"David Marsh, Chef des Beratungsinstituts Oxford und London, prognostiziert daher: "Deutschland müsste in einem solchen Extremfall einspringen, um für das Versagen der anderen geradezustehen." Wohl auch, weil ein Staatsbankrott alle Euro-Länder und ihre Unternehmen hart treffen würde. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben allein die deutschen Banken in Spanien 240 Milliarden Euro verliehen. ...
Warum den Pleitiers nicht direkt helfen? Auf politischer Seite wagt solche Gedankenspiele nur der luxemburgische Premierminister und Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker. Es könne nicht sein, "dass man Ungarn oder Lettland stützt, aber kein Instrument für Länder in der EU hat", sagt er und hält das auch für eine Frage der »Solidarität«. ... Noch ist das nicht nötig. Und damit es nicht so weit kommt, mahnt Juncker "stärkere wirtschaftspolitische Koordination" an. Zudem rät er, sich der Frage der Eurobonds zu nähern. Solche gemeinsamen europäischen Anleihen sollen es kleinen und gefährdeten Ländern ermöglichen, billiger an Geld zu kommen, um damit ihre Wirtschaft anzukurbeln. Vom deutschen Finanzminister kam umgehend ein Veto. "Wie soll ich das den Leuten zu Hause erklären?", fragt Peer Steinbrück. Doch Nein hat Deutschland in Europa in den vergangenen Wochen schon ein paar Mal gesagt, um dann doch still und leise einzulenken."
20.02.2009 , 04:00 Uhr
Ruth Berschens dagegen geht im Handelsblatt vom 20.02.09 in die Vollen. Sie behauptet einen "Zwang zur Solidarität in der Eurozone" .
Da müssen erst mal die Fanfaren ran (meine Hervorhebungen):
"Die Europäische Währungsunion ist eine Schicksalsgemeinschaft."
Die Deutschen Geiz-Geier erweisen sich in einem solchen Schicksalsmoment als elende Schufte, unwillig zu erfüllen, was doch die Vorsehung mit ihnen beschlossen hat:
"Im finanzstarken Deutschland mögen ja manche davon träumen, das auf die Zahlungsunfähigkeit zusteuernde Griechenland einfach fallen lassen, zumal die Regierung in Athen hartnäckig schlecht wirtschaftet."
Dumm gelaufen, die Sache mit dem griechischen Staatshaushalt, aber den hängen wir doch einfach - 'Auferstanden aus Ruinen' - dem doofen Klingklax an den Hals, denn:
"Den Verlust des kleinen Landes an der Ägäis könnte die Währungsunion auch locker verkraften. Doch leider käme ein europäischer Staatsbankrott mit Sicherheit nicht allein. Die Euro-Kette hat noch mehr schwache Glieder. Die Investoren an den Finanzmärkten würden bald kritische Fragen stellen zur Solidität der Staatsfinanzen von Portugal. Auch Italien, das auf einem gigantischen Schuldenberg sitzt, käme ins Kreuzfeuer der Spekulanten."
"Auch für die Griechen selbst ist ein Austritt aus der Gemeinschaftswährung keine Option. ..... Die Euro-Zone muss Griechenland wohl oder übel durchschleppen ...".
Wieso durchschleppen, wenn die doch eh' nicht austreten können (nachdem sie sich ursprünglich mit Statistikfälschungen reingelogen haben)? Ach Mensch, sei doch nicht so kleinlich, du Pfennigfuchser. Alles eine Frage des politischen Schrottanleihenverkaufs. Dass wir unser Geld nicht gar so offenkundig da runterschicken können, dass auch der dümmste deutsche Wähler es mitkriegt, ist klar:
"Eine Milliardenüberweisung aus Berlin und Paris an die Athener Staatskasse kommt nicht infrage."
Nee, ist ja gar nicht wegen Wählerwohlwollen, sondern bloß wg. Paragraphen:
"Der Maastrichter Vertrag verbietet ausdrücklich solche Rettungsaktionen. Den Passus hatte der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel durchgesetzt. Er wollte ausschließen, dass deutsche Steuerzahler für die laxe Haushaltspolitik anderer Euro-Staaten die Zeche zahlen."
Jetzt also haben wir den Übeltäter ausgemacht: Der Theo ist Schuld, dass wir den Schatztempel vom Theodoropoulos auf der Akropoulos nicht einfach unbürokratisch auffüllen können! Pfui, Theo, wie konntest du nur!
"Waigels Nachfolger Peer Steinbrück muss nun erkennen, dass gegenseitiger Beistand in der Euro-Zone doch nicht zu vermeiden ist. Einen Zusammenbruch der Währungsunion kann Steinbrück nicht riskieren, denn die Folgen für die deutsche Wirtschaft wären dramatisch."
Wieso soll die Währungsunion krachen, wenn der griechische Staatshaushalt crasht? Ich dachte, die Griechen kommen sowieso nicht raus aus dem Euro-Haus? Egal, Theo ist kein Finanzminister mehr, jetzt ist Peer Steinbrück Schuld an der griechischen Misere. Warum? Na weil der Lump sich einfach bislang keine Gedanken gemacht hat, wie wir dem Peloponnes mit unserem Geld 'ne goldene Nees aufsetzen könnten:
"Leider wird Steinbrück erst in der Krise bewusst, dass er zur Solidarität mit den schwachen Euro-Staaten verdammt ist."
Klar, auch die anderen Euro-Länder hätten sich schon mal Gedanken machen sollen. Schließlich hat die griechische Regierung ja lange genug Geld in ihre Olympischen Luftwege versenkt; da hätte man doch sehen müssen, dass so was den Staatshaushalt auszehrt! Aber ach:
"... die Währungsunion ... hat das erste gute Lebensjahrzehnt des Euros nicht genutzt, um für den Ernstfall Hilfsmechanismen zu schaffen."
Doch lieber als die Splitter bei anderen zu entfernen, rammt Ruth Berschens die Balken uns selbst ins Auge - mea maxima culpa -:
"An diesem Versäumnis trägt Deutschland die Hauptschuld. Allen seit Einführung des Euros amtierenden Bundesregierungen war nur daran gelegen, das deutsche Steuersäckel vor dem Zugriff aus finanzschwächeren Euro-Staaten zu schützen."
Hey, Sie da, ja Sie sind gemeint, der Sie diese Zeilen gerade lesen: Sagen Sie doch selbst: ist das nicht eine bodenlose Unverschämtheit von unseren Regierungen, dass die nichts Besseres im Kopf haben als den deutschen Steuerzahler vor mediterranen Taschendieben zu schützen? Mein Urteil steht jedenfalls fest: Schuldig! Zahlen!
"Dabei gibt es durchaus intelligente Wege, die Staatsfinanzen schwacher Euro-Staaten zu stützen, ohne den deutschen Steuerzahler zu stark zu belasten. Dazu gehören auch die von Steinbrück bislang strikt abgelehnten Eurobonds."
Bravo, Frau Berschens, genau das brauchen wir: Wege, um dem deutschen Steuerzahler das Geld auf intelligente Weise aus der Tasche zu ziehen! Im Süden hat man in solchen Sachen übrigens schon eine lange Tradition:
"Il birbone sa pelar la gazza senza farla stridere" sagt die italienische Volksweisheit: Der Gauner versteht es die Elster zu rupfen, ohne dass sie schreit.
Ach ja: Warum wettere ich hier eigentlich gegen Euro-Anleihen für die gesamte Eurozone? Weil Deutschland dann höhere Schuldzinsen zahlen muss! Und die holt man sich wieder vom Kleinen Mann.
Die nächste Mehrwertsteuererhöhung kommt bestimmt. Wetten dass?
Klingklax kann schließlich nicht erwarten, das schöne Schauspiel der gleichzeitigen Fütterung von anglophonen Kredithaien und mediterranen Rundum-Sorglos-Regierungen (und Völkern) gänzlich gratis zu genießen, gelle?
Nein, nicht nur die Südländer: Irland ist auch dabei [und wie geht es eigentlich dem schuldenreichen belgischen Staatshaushalt?], erfahren wir im Handelsblatt-Bericht vom 20.2.09 "Länder in Zahlungsschwierigkeiten. Bund sorgt sich um die Euro-Zone"
von Sven Afhüppe, Ruth Berschens und Marietta Kurm-Engels:
"Kanzlerin Merkel ist grundsätzlich bereit, EU-Ländern bei Zahlungsschwierigkeiten als Folge der Weltwirtschaftskrise zu helfen. Sollte es in einzelnen Staaten den Bedarf nach Hilfe geben, sei man zur Unterstützung bereit, sagte Merkel nach einem Treffen mit EU-Kommissionspräsident Barroso. Das Bundesfinanzministerium prüft offenbar bereits konkrete Hilfen. Im Gespräch sind dabei vier Varianten."
Brav, Angie, brav: du bist ein liebes Schaf!
Du kommst zwar nicht aus Pommernland,
Doch Deutschland ist bald abgebrannt!
Schlaf, Angie, schlaf!
Und dein Kumpan Peer Steinbrück-Knick ist immer gut für'n Täuschungs-Trick!
Aufwachen, ihr germanischen Bärenhautbelieger: tua res agitur.
Oder auf Deutsch: Deine Gelder bewegen sich - gen Süden und gen Westen, die brauchen es am besten. Hahahahaha ... .
P. S.: Kann mir mal jemand erklären, warum wir nicht gleich auch den Isländern mal einige lumpige Euronen-Milliärdchen über'n Atlantik schiffen?
Besteht ein Widerspruch zu meiner in früheren Blotts häufig bekundeten pro-europäischen Einstellung?
Nein. Nur glaube ich nicht, dass unser Kontinent in der gegenwärtigen politischen Konstellation überlebensfähig bzw. sinnvoll aufgestellt ist.
Was Europa bräuchte (aber natürlich nicht bekommen wird) wäre eine kreative Zerstörung.
Die EU wäre auf die ursprünglichen EG-Länder plus Ostseeanrainer (mit Russland enge Zusammenarbeit) plus Nachfolgestaaten der Habsburger-Monarchie plus iberische Halbinsel zu reduzieren; das ist ein ziemlich homogener Kulturraum. Die anderen Länder drum herum könnten, soweit gewünscht, als Satelliten des europäischen Imperiums mit einem verminderten Integrationsgrad assoziiert werden (Die Grundidee dafür nehme ich von Herfried Münkler; vgl. dessen Artikel "Das imperiale Europa" in der WeltOnline vom 29.10.04).
Ökonomisch ist auch die 'Kernzone' sicherlich nicht problemfrei, aber in der Dimension der Probleme noch in den Griff zu bekommen. Dieser Kern sollte staatlich organisiert sein, mit einheitlicher Währung und als offizielle Sprachen lediglich Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Außerdem Englisch, selbst wenn Großbritannien wohl (besser?) nicht dabei wäre. Im Laufe der Zeit würde Englisch wohl die Verkehrssprache eines solchen Staatsgebildes werden.
Auch das würde teuer für uns, aber die gesamtstaatliche Struktur könnte, mit entsprechenden Befugnissen der Zentralregierung und des Parlaments, ein Ende einzelstaatlicher Eskapaden gewährleisten.
Dass wir reinfallen, halte ich für sicher. Denn sogar schon in der Bild-Zeitung vom 21.02.09 lesen wir: "Euro stürzt ab! Müssen wir für unsere ärmeren Nachbarn Milliarden blechen? Sorge um den Euro: Hält die 16-Staaten-Währung der Krise stand?". Mit anderen Worten: unsere Regierung bereitet uns schon mal medial auf den geplanten Taschenraub vor.
Ich halte es für Unfug, dass Deutschland Probleme bekommen würde, wenn Griechenland den Staatskonkurs anmelden müsste. Wenn in den USA Kalifornien pleite ginge, würde weder die US-Bundesregierung haften, noch wäre der Dollar bedroht. Wieso soll das im Euro-Raum anders sein?
Letztlich wohl deshalb, weil den Finanzinvestoren (halbwegs) solide Schuldner, und insgesamt höhere Anleihezinsen, lieber sind. Da wird möglicherweise ein finanzielles Erpressungsmanöver gefahren; leider ist unsere Regierung dumm genug, darauf einzugehen. Und unsere Öffentlichkeit ist leider zu träge oder vertrauensselig, um sich zu wehren.
FAZ.net berichtete am 20.02.09:
"Staatsverschuldung. Berlin sorgt sich um Euro-Schuldenländer " (meine Hervorhebungen):
"Die Bundesregierung verfolgt mit Sorge, dass einige Mitgliedstaaten des Euro-Raums an den Kapitalmärkten nur noch immer teurere Kredite erhalten. Das Bundesfinanzministerium sieht Anzeichen für spekulative Übertreibungen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sprach davon, dass die Europäische Union in ihrer Gesamtheit helfen müsse, wenn ein Euro-Land in gravierende Zahlungsschwierigkeiten geriete. Ausdrücklich nannte er Irland, das sich in einer "sehr schwierigen Lage" befinde. [Aha, die Griechen sind gar nicht die am meisten Gefährdeten?]
Aus seinem Ministerium hieß es, Steinbrück habe Spekulationen an den Märkten vorbeugen wollen. Dahinter stehe keine Änderung der Grundposition; in der Vergangenheit hatte sich Steinbrück stets vehement gegen Überlegungen ausgesprochen, hoch verschuldeten Ländern wie Irland und Griechenland zu helfen, etwa durch gemeinsam aufgelegte Anleihen. Ein solches Vorgehen würde für Deutschland höhere Zinskosten von bis zu 3 Milliarden Euro bedeuten."
Finanzminister Peer Steinknick wird langsam zum Ärgernis. (Was allerdings keineswegs bedeutet, dass unsere Steuerzahlerinteressen bei Kanzlerin Angela Merkel besser aufgehoben wären.
Ach ja: wenn wir die Eurozonen-Anleihe durchgezogen haben, kommt als nächstes das Hilfspaket für Mittel- und Osteuropa auf die Agenda.
In dem österreichischen Online-Magazin "profil.at" meint bzw. berichtet Georg Hoffmann-Ostenhof u. d. T. "Engstirnig und kurzsichtig" Folgendes (meine Hervorhebungen):
"Dass die österreichische Regierung in der Sache Recht hat, wenn sie ein großes EU-Hilfspaket für Ost- und Mitteleuropa anmahnt, wurde Mitte vergangener Woche erst so richtig klar. Das Absacken der dortigen Währungen und die kolportierte Perspektive, die Ökonomien der ehemals kommunistischen Staaten im Osten Europas könnten demnächst in sich zusammenbrechen, ließ die westeuropäischen Börsen weiter dramatisch abstürzen.
Nicht nur Andreas Treichl von der Erste Bank und Christian Konrad von Raiffeisen haben also allen Grund, schlecht zu schlafen. Nicht nur die österreichische Regierung muss zittern. ..... Inzwischen geht auch in Brüssel und den anderen EU-Metropolen die Angst vor einem osteuropäischen Kollaps um. Diese Perspektive ließ offenbar auch Steinbrück eine Kehrtwende vollziehen. Bisher lehnte er stets schnoddrig ab, dass die Union Not leidenden Mitgliedsländern zu Hilfe eilt, und versteifte sich auf die Ansicht, dass jeder für sich selbst und seine eigenen Schulden verantwortlich sei. Vergangene Woche erklärte nun der deutsche Finanzminister, einem Bankrott eines EU-Landes werde die EU nicht tatenlos zusehen können."
Während ich hier schreibe, sind offenbar die Eurozonenanleihen schon längst beschlossene Sache. Diesen Eindruck jedenfalls gewinne ich bei der Lektüre des Reuters-Berichts von heute, 21.02.09: "Kreise - Euro-Zone-Anleihe nimmt langsam Formen an".
Nun ja: in der Politik ist es ebenso wichtig wie im Finanzwesen, die eigene Position zu hedgen. Für den Fall eines evtl. erforderlich werdenden Meinungswechsel habe ich mir prophylaktisch schon mal eine zündende Parole ausgedacht. Angesichts unserer wiewohl nicht immer ruhmreichen, so doch jedenfalls kampfreichen Vergangenheit wird dieser Slogan die Steuersubjekte ganz gewiss zu neuen großen Taten begeistern:
Deutscher Bürger, sei ein Held -
Blute für das Glück der Welt!
New York und London werden deinen Pappsarg mit Girlanden umwickeln, und mit einer gerateten Wahrscheinlichkeit von B-o-a-h legt Frankfurt dir 'ne Strohblume oben drauf.
Übrigens hat es der von mir in anderer Hinsicht durchaus geschätzte Blogger "weissgarnix" (Thomas Strobl) schon lange im Voraus gewusst (und es, aus meiner Sicht leider, auch befürwortet), dass die Euro-Gemeinschafts-Anleihen kommen: "Die Eurozone-Anleihe kommt!" schrieb er am 20.1.09 unter Bezugnahme auf seine noch weitaus früheren Äußerungen auf einer anderen Webseite.
Gegen unsere eigene Regierung hetzte Wolfgang Münchau, FTD- und FT-Kolumnist, in der Financial Times Deutschland vom 04.02.09: "Das nächste Spekulationsopfer":
"In den angelsächsischen Ländern fragen die Investoren mittlerweile nicht mehr, ob die Europäische Währungsunion zusammenbricht. Ihre Frage ist vielmehr: Wann ist es soweit? .... mit der antieuropäischen Haltung unserer Regierung schon jetzt echte Kosten verbunden sind."
Die Iren gehen auf die Straße: "100 000 demonstrieren in Dublin wegen Finanzkrise" meldet das Handelsblatt vom 21.02.09.
Es wird wohl Zeit, dass wir auch mal auf die Straße gehen?
Nachtrag 24.02.09
Wenig begeistert über die Aussicht, dass der deutsche Steuerzahler auch für Europa blechen muss, berichtet Hans Sedlmaier bei Focus Money Online: "Währungsunion: Wird der Euro scheitern?" Zweifel, dass man uns wieder mal in die Tasche packen wird, hat auch er allerdings nicht (meine Hervorhebung):
"Zehn Jahre nach seiner Einführung steckt der Euro in der Krise. Griechenland und Spanien sind hoch verschuldet, die Währungsunion droht zu zerbrechen. Eine Rettung dürfte deutsche Steuerzahler Milliarden kosten. .......
Alles graue Theorie [der von einigen erwartete bzw. erhoffte Zerfall der Eurozone], findet Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors: „Innerhalb der Euro-Zone wird man teilnehmende Länder nicht in den Konkurs stürzen lassen. Denn das hätte einen starken Vertrauensverlust des Marktes mit massiven Kapitalabflüssen zur Folge.“ Schwächelnden Ländern könne man mit Überbrückungskrediten helfen.
Ohne Euro würden alle schlechter fahren – „auch die, die heute unter hohen Risikoaufschlägen leiden“. Für Naumer ist daher klar: „Auf das Auseinanderbrechen der Währungsunion können Sie bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten.“ Für Naumers Argumente spricht Steinbrücks jüngster Vorstoß. Offenbar sollen deutsche Steuerzahler erneut Retter spielen – diesmal nicht für Banken, sondern für Staaten. Es geht, so heißt es, um drei Milliarden Euro – fürs Erste."
Nachtrag 24.02.09
"Irgendwann ist Zahltag" mahnt ein Autorenkollektiv (8 Personen) in einem langen Artikel bei Spiegel Online vom 26.01.09:
"Die Rettungspakete für die Wirtschaft werden stetig teurer. Sie drohen viele Länder finanziell zu überfordern. Die Folgen treffen jeden Bürger: Eine schleichende Geldentwertung ist unausweichlich, Staatspleiten werden nicht mehr ausgeschlossen. Könnte selbst der Euro-Raum zerfallen?"
Ungefähr in der Mitte (S. 5 ff. in meinem Ausdruck) wird auch recht ausführlich die Frage der Kollektivhaftung bzw. Solidarhaftung der Mitglieder der Eurozone füreinander erörtert. Ein weiterer langer Abschnitt am Schluss (S. 8 - 10) befasst sich mit der Frage, ob sich der Staat seiner Schulden durch Inflation entledigen wird.
Nachtrag 26.02.09
Wolfgang Münchau, u. a. Kommentator der Financial Times Deutschland, sieht eine absolute Marktpanik kommen, falls ein Land der Eurozone pleite gehen sollte. In einem "Comment on Wyplosz's column" auf der Webseite VOXEU("VoxEU.org is a policy portal set up by the Centre for Economic Policy Research (www.CEPR.org) in conjunction with a consortium of national sites. Vox aims to promote research-based policy analysis and commentary by leading scholars. The intended audience is economists in governments, international organisations, academia and the private sector as well as journalists specializing in economics, finance and business.") schrieb der dazu am 25.02.09:
"A decision to allow a euro area member state to declare default would risk an even greater catastrophe. Within seconds of such a decision, the financial markets will have launched a full-blown speculative attack on the bond markets of every southern European country plus Ireland, either directly or via credit default swaps, the perfect speculative instrument for such occasions. Within hours, Italy would have warned that it will not be able to roll over its debts. Moody’s and S&P would have downgraded all southern European bonds to junk-grade level, and may downgrade Germany by a notch or two, on the grounds that bailing out a insolvent banking sector plus five or six European governments simultaneously might be touch ambitious."
Eine Spekulation kann man aussitzen: die Spekulanten haben keinen unbegrenzt langen Atem. Wenn die Rating-Agenturen ihre Investment-Grade an den Marktpreisen orientieren, haben sie den letzten Beweis ihrer Überflüssigkeit geliefert. Schließlich sollte es doch ihre Aufgabe sein, die Bonität des Schuldners - im Falle von Staaten also das Verhältnis von Steuereinnahmen zu Schuldentilgung - zu beurteilen. Natürlich können die Marktkurse bei der Beurteilung von Banken eine wichtige Rolle spielen: deren "Assets" verlieren ggf. an Wert, wenn die Kurse sinken. (Wobei das auch eine Frage der Buchungsmethode ist. Wenn eine Bank Anleihen hält oder Kredite vergeben hat, die auch am Markt gehandelt werden, und der Markt fällt aus irgendwelchen markttechnischen oder marktpanischen Gründen, können die Anleihen oder Kredite durchaus mehr wert sein als ihre Kurse vorspiegeln.) Ein Staat jedenfalls hat solche Probleme nicht. Freilich kann er Probleme haben, neue Kredite zu bekommen. Insoweit wäre es Sache der Regierungen, Vorsorge zu treffen: durch Ausgabe möglichst langfristiger Anleihen, und indem sie neue Anleihen nicht erst dann auflegen, wenn der Finanzbedarf akut wird. Das kostet dann etwas mehr, aber Risikovorsorge ohne Kosten gibt es halt nicht. Wieso die Agenturen dann auch Deutschland abwerten sollten, ist mir völlig schleierhaft. Aber selbst wenn: wem sonst, wenn nicht einem noch halbwegs finanziell soliden Staat, wollen die Kapitalbesitzer ihr Geld verleihen? An Opel? Oder Zimbabwe? Eine Marktspekulation gegen solide Staaten der Eurozone würde in die Hose gehen, weil auf die Dauer nicht durchzuhalten. Ein Bailout für die Verschwender-Länder ist deshalb so überflüssig wie ein Kropf.
Nachträge 27.02.09:
Adel verpflichtet: Robert von Heusinger trommelt im Zeit-Blog "Herdentrieb" für Süd-Solidarität: "Oh, Du verdammter Stabilitätspakt".
Irgendwie sind die deutschen Ökonomen einfach zu doof. Nur gut, dass es in Amerika von lauter klugen Kerlchen nur so wimmelt: Inflations-Mann Krugmann, ein Hubschrauber-Ben der Nominalzins und Realzins tautologisch definiert, Alan Greenspan, der erst die regulatorischen Deiche eingerissen und dann die Flutwelle abgelassen hat: das sind die Richtigen!
Bundesbankpräsident Axel Weber pflegt die bürgerliche Tugend der Sparsamkeit. Im Welt-Interview "Drohende Staatsbankrotte. Bundesbank-Chef plädiert für Osteuropa-Nothilfe" vom 25.02.09 sagt der Mann knallhart:
"Wir müssen aufpassen, dass die Politik nicht dem Helfersyndrom unterliegt. Man muss nur nach Hilfe rufen und schon springen andere mit einem Milliardenkredit bei. Das kann nicht gut gehen."
Bravo Herr Weber, bravissimo! Bieten Sie den bravi unseres Staatshaushaltes die Stirn! Und hier einige weitere Zitate (meine Hervorhebungen):
"Ein Eurobond wäre genau der falsche Weg. Eine gemeinschaftliche Haftung für die nationalen Staatsfinanzen ist nicht wünschenswert ... . Es muss klar sein, dass die einzelnen Nationalstaaten die Verantwortung für ihre Fiskalpolitik tragen. ... Die derzeitigen Zinsaufschläge bedeuten noch lange nicht, dass eine Zahlungsunfähigkeit droht. Die höheren Finanzierungskosten erhöhen aber zu Recht den Druck auf Anpassungen in den betroffenen Ländern, ... . Ich werde hier nicht die Lage in einzelnen Ländern kommentieren. Richtig ist, dass die verschiedenen Euroländer vor unterschiedlichen Problemlagen stehen. Hier wurden in der Vergangenheit teilweise entgegen den europäischen Vereinbarungen notwendige Reformen ... nicht eingeleitet. Diese Länder stehen jetzt in der Krise unter besonderem Druck ... . Die Ausstellung eines Blanko-Schecks wäre aber definitiv falsch. Wären bei einer extremen Zuspitzung der Lage gezielte Hilfen für einzelne Mitgliedstaaten angesichts außerordentlicher Notsituationen unumgänglich, so müssten diese zwingend mit strikten Anforderungen und Auflagen verbunden werden."
Da fragt sich natürlich nicht nur WELT ONLINE: "Also würde man sich doch stützen." Da wird der Herr Weber dann doch ein wenig weich (kann wohl auch nicht anders, denn wenn er den Investoren die Karotte der Hoffnung auf europäische Schuldensolidarität verbal wegziehen würde, käme es sicher in kürzester Zeit zur Währungskrise - und Weber, nicht den Defizitsündern, würde daran die Schuld gegeben werden):
"Dies kommt letztlich auf die konkrete Situation an. Jeder Regierung und der Bevölkerung, die andere Länder zur Hilfe ruft, muss aber klar sein, dass eine eventuelle Hilfe an strenge Auflagen gebunden ist. Es muss dabei gewährleistet sein, dass diese dann auch eingehalten werden und das Land wieder auf den richtigen Weg zurückfindet. Dies wäre auch für die politische Akzeptanz in den helfenden Ländern entscheidend."
Wer ständig herausgehauen wird, wird sich wenig um strenge Auflagen scheren. Dazu brauchen wir nicht einmal den Daumen gen Süden zu senken: Das können wir schon daheim in Bremen und Berlin beobachten.
Prof. Wilhelm Hankel, schon früher wackerer Kämpfer gegen den Euro, wurde von Robert Heusinger für die Frankfurter Rundschau interviewt. "Euro blockiert Kampf gegen die Krise" (Meine Hervorhebung):
"Die Finanzmärkte rechneten damit, dass die Währungsunion zerbricht, warnt Wilhelm Hankel. Klüger sei, den Euro geordnet abzuwickeln – und die Mark wieder einzuführen."
Eine Fülle von Daten und Informationen zur historischen Entwicklung des Euro bzw. der Euro-Zone bietet Dr. Joachim Jahnke "Deutschland im Würgegriff des Euro."
Nachtrag 11.03.09
FTD-Kommentarchef Christian Schütte äußert sich zur Bailout-Frage in der Financial Times Deutschland von 23.02.2009 u. d. T. "Wer soll das bezahlen?" eindeutig:
"Deutschland darf nicht für Schulden der Nachbarn haften. ... Otmar Issing, der frühere Chefvolkswirt der Bundesbank und der EZB, hat recht: Es wäre eine Katastrophe für die Währungsunion, wenn die neuesten Gedankenspiele der Bundesregierung darauf hinauslaufen würden, dass künftig alle Euro-Länder gemeinschaftlich für nationale Schulden einiger Mitgliedsstaaten bezahlen müssten.
Eine solche Kollektivhaftung, nach der etwa Deutschland, Frankreich oder die Niederlande die Rechnung begleichen würden, falls Griechenland, Italien oder Irland ihren Zahlungsverpflichtungen einmal nicht mehr nachkommen können, wäre eine Einladung zum finanzpolitischen Freibier in ganz Euroland."
Allerdings ist das nur die eine Hälfte seiner Meinung zu Thema. Die andere:
"Gerade deshalb sind aber Kredit- und Konjunkturhilfen nötig. Wenn Krisenländer erst einmal radikale Auswege suchen, ist das Regelwerk der Euro-Zone in Gefahr. ... Das Prinzip der Nichtübernahme von Schulden muss weiterhin strikt gelten. Es wird sich in der großen Finanzkrise aber nur dann verteidigen lassen, wenn andere Mittel der wechselseitigen Unterstützung jetzt ausgebaut werden: zusätzliche Kreditmöglichkeiten für Mitgliedsländer, die am Kapitalmarkt in Bedrängnis geraten; dazu eine gemeinsame Expansionspolitik gegen den Einbruch der Realwirtschaft.
Was derzeit mit Sicherheit nichts nützen und die Gefahr sogar noch erhöhen würde, wären Reaktionen nach dem Prinzip schwäbische Hausfrau: Wir geben nix, wir sparen."
Nachtrag 13.03.09
Helfen möchte Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Beklauen lassen will der sich allerdings ebenso wenig wie ich. Am Schluss seines heutigen Handelsblatt-Artikels "Ordnungspolitischer Einspruch. Euro-Zone im Schlechtwettertest" sagt er (meine Hervorhebungen):
"Da ein Austritt aus der Währungsunion allenfalls theoretisch skizzierbar ist, aber unter den obwaltenden Umständen als Offenbarungseid gelten würde, müssen die Südländer Reputation und Glaubwürdigkeit importieren. Das können nur Hilfen der starken Länder – allen voran Deutschland – bewirken. Freilich steht dem Artikel 103 des EG-Vertrages entgegen, der ein „Bail-out“ innerhalb der Währungsunion ausschließt. ..... Artikel 100 Absatz 2 EG-Vertrag bietet jedoch die Möglichkeit des Beistands bei schweren Belastungen.
Die Krise kann als eine solche Situation gewertet werden. Denkbar wären temporäre Garantien, aber auch Kredite starker Volkswirtschaften, die mit einem Zinsaufschlag – aber deutlich unterhalb der Risikoprämien des Marktes – zu bedienen wären. Nicht geben darf es allerdings Euro-Staatsanleihen, die disziplinierte Länder zugunsten disziplinloser belasten würden. In jedem Fall müssen die Hilfeempfänger sich durch ein „European Stability Commitment“ strikt zur Konsolidierung nach der Krise verpflichten."
Freilich bin ich ein wenig skeptisch, was die Selbstverpflichtungen auf zukünftiges Handeln angeht. Unterschreiben würden die Schuldnerländer solche Papierchen sicherlich problemlos. Aber glaubt denn Hüther ernsthaft, dass Griechenland, das sich bereits in die Eurozone gelogen hat, solche Verpflichtungen ernst nehmen wird? Selbst wenn man (kühn) guten Willen der Regierung unterstellen würde: der fehlt die Kraft und Autorität, um Einschränkungen und harte Sparmaßnahmen durchzusetzen. Und ich vermute mal, das gilt nicht nur für die aktuelle Regierung, sondern auch für zukünftige - egal welcher Couleur. Aber auch die anderen Länder werden tausend gute Gründe generieren, warum sie zwar selbstverständlich sparen wollen, aber nicht gerade heute, morgen oder übermorgen.
Nachtrag 13.03.09:
Auch Joachim Fritz-Vannahme auf ZEIT ONLINE v. 11.3.2009 versteht nicht, wieso die Insolvenz eines Mitgliedslandes der Eurozone Probleme für den Euro insgesamt nach sich ziehen müsste. In seinem Artikel "Irland / Kalifornien. Der schöne Schein der Peripherie" [nun ja: Kalifornien als Peripherie? Das ist wohl eine sehr Europafixierte Perspektive!] meint er (meine Hervorhebung):
"Kleine Pointe am Rande: Wenn Kalifornien siech am Strand liegt, dann ruft das keine Untergangspropheten auf den Plan, die mit Blick auf die Bedeutung des Golden State für die United States gleich dem Dollar das Totenglöcklein läuten. Wenn hingegen das kleine Irland in stürmischer See Wasser schluckt, zerbrechen sie sich in Europa sehr wohl den Kopf darüber, ob der Euro das nun aushält. Dabei sind die Spielregeln in den Vereinigten Staaten von Amerika ziemlich genau dieselben wie in der EU: Seine marode Wirtschaft muss jeder Bundesstaat, pardon, jedes Mitgliedsland gefälligst selbst in Ordnung halten zuerst."
Nachtrag 15.03.09
In einem außerordentlich interessanten Meinungsartikel zur Finanzkrise äußert sich ein gewisser Kajetan Hinner (bereits am 21.10.2008) beiläufig auch zu den Spannungen in der Eurozone:
"Wenn der Euro Bestand haben soll, muß sich die Währungsunion für eine kurze Zeit aufspalten: Einige Länder müssen den Euro-Raum für eine Weile verlassen, weil das Defizit der öffentlichen Hand letztendlich von anderen Mitgliedsstaaten finanziert wird und dies nicht unbegrenzt so weitergehen kann."
Nachtrag 18.03.09
Der Mann wird mir ständig sympathischer (auch wenn ich kein Verständnis dafür habe, dass er partout positive Realzinsen will). Unter dem Titel "Euroländer. Weber sieht keine Gefahr des Zahlungsausfalls" berichtet das Handelsblatt vom 17.03.09"
"Bundesbank-Chef Axel Weber hat Ängste beschwichtigt, verschiedenen Euroländern drohe der Bankrott. Sorgen vor einem Zahlungsausfall der Euroländer wies er als "unbegründet und rein hypothetisch" zurück." Nun ja, das muss er natürlich auch sagen; dieser Teil ist sozusagen die "Pflicht". Aber dann in der "Kür" zeigt er sich erneut als ein hartnäckiger Verteidiger deutscher fiskalischer Interessen:
"Zugleich pochte Weber auf die Einhaltung des EU-Vertrages, in dem eine gegenseitige Haftung von EU-Staaten ausgeschlossen ist. Dies sei ein unverzichtbares Instrument, um ein allzu risikobehaftetes Verhalten der Mitgliedstaaten zu verhindern. "Blanko-Schecks auszugeben, wäre definitiv der falsche Weg" mahnte Weber."
Allerdings sagt er auch:
"Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Staaten doch Nothilfe bräuchten, müssten die Stützungsmaßnahmen an klare Bedingungen geknüpft werden."
Müssen wir also am Ende doch zahlen?
Nachtrag 22.03.09
Auf einem (möglicher Weise interessanten) Blog "Lost Generation" werden unter dem Stichwort "Länderrisiken" die Credit Default Swap (CDS) Prämien präsentiert, die jene zu zahlen haben, die ihre Ausfallrisiken beim Kauf von Staatsanleihen versichern wollen.
Nachtrag 31.03.09
Heute erst entdecke ich den FTD-Kommentar "Staatspleite allerorten"" von Lucas Zeise vom 03.02.2009:
"Deutschland lebt von seinen Ausfuhren: Darum wird der Staat die Exportmärkte im übrigen Euroland mitfinanzieren - über kurz oder lang."
Neben einem Seitenhieb auf die Ratingagenturen und den Hinweis, dass Spanien verhältnismäßig weniger verschuldet ist als Deutschland:
"Auch die Ratingagenturen sind wieder beliebt. Ihr Urteil folgt dem der Märkte. Da die Renditen auf spanische Staatsanleihen stark stiegen, folgerte S&P, Spanien verdiene das alte "Triple A" nicht mehr. Wie man im Zuge der Finanzkrise ja erkannt hat, arbeiten Ratingagenturen stets zuverlässig und korrekt. Auf ihr Urteil ist Verlass. Da tut es auch nichts zur Sache, dass die Verschuldung des spanischen Staates auch relativ zum eigenen Bruttosozialprodukt weit geringer ist als die des deutschen"
prognostiziert er eine alsbaldige Beklauung des Klingklax:
"Ich wette, dass der deutsche Staatshaushalt alsbald zur Aufpäppelung der Absatzmärkte in Europa angezapft wird. Und zwar schneller, als Weber und Steinbrück das heute für möglich halten. Da wären ein paar EU-Anleihen eigentlich eine billigere Lösung."
Wieso eigentlich? Wenn der Staat pleite geht, sind deswegen doch nicht seine Bürger insolvent. Und schließlich sind ja die es, die unsere Exporte abnehmen, nicht die Regierungen. Panik ist ein schlechter Ratgeber, und Ratingagenturen aus der angelsächsischen Welt sind noch schlimmer. Die italienische Regierung hat aus ihren Bürgern noch immer Kredite rausgekitzelt, und ein eventueller Staatsbankrott Griechenlands wird unsere Ausfuhren gewiss nicht beeinträchtigen.
Kettenreaktionen? Wo wollen die Kapitalbesitzer ihr Geld denn in Pension geben? Klar kriegen die USA von ihren hauseigenen Bewertungsagenturen immer erstklassige Noten; wer Geld genug hat, um den zu erwartenden Verfall des Außenwertes einer inflationierten Währung zu tragen, mag sich gern mit Dollars eindecken. Großbritannien? Viel Spaß auch da!
Gar so schlecht steht, im Verhältnis, Italien in Wirklichkeit gar nicht da. Und jene, die unseren beflissenen Meinungs-Marionetten die Melodie vom Staatsbankrott soufflieren, wollen lediglich höhere Zinsen bei größerer Sicherheit kassieren: Euro-Zonen-Anleihen mit bundesdeutscher Bonität aber weit höherer Verzinsung. Das sollten die deutschen Kommentatoren erkennen, statt den financial wizards vom anderen Ufer des Kanals und des Ozeans auf andere Weise wieder einmal auf den Leim zu gehen - und unseren eigenen Politikern und Finanzleuten, die unsere Interessen vertreten, in den Rücken zu fallen (wie das auf anderem Gebiet leider z. B. auch Wolfang Münchau tut).
Nachtrag 02.04.2009
Wie schon mehrfach betont, bin ich über den deutschen Weltmeistertitel im Export keineswegs überglücklich. Allen jenen aber, die behaupten, Deutschland sei durch seinen großen Exportüberschuss mitschuldig an den weltweiten Ungleichgewichten (bzw. dem riesigen US-Handelsbilanzdefizit) empfehle ich einen Blick auf die Handelsbilanz der Eurozone. Auf der Webseite des Europäischen Statistikamtes Eurostat erfahren wir nämlich: "Januar 2009. Handelsbilanzdefizit der Eurozone bei 10,5 Mrd. Euro". Und für 2008 hieß es sogar: "Erste Schätzung für 2008. Handelsbilanzdefizit der Eurozone bei 32,1 Mrd. Euro". Da mag es Korrekturen gegeben haben; eine Recherche nach den exakten Daten ist mir zu mühsam. Auf jeden Fall zeigt sich, dass die Eurozone als Ganzes ein erhebliches Handelsbilanzdefizit hat. Wollte Deutschland seinen Handelsüberschuss außerhalb der Eurozone zurückfahren (oder würde er durch Verschlechterung der Konkurrenzfähigkeit oder eine Aufwertung des Euro vermindert), hätten der Euro und die Eurozone ein Problem. Mit anderen Worten: Deutschlands Überschuss im Handel außerhalb der Eurozone (den ich mal unterstelle) gleicht lediglich Handelsbilanzdefizite anderer Euroländer aus. Die Eurozone hat KEINE Handelsbilanzüberschüsse. Das trifft natürlich nur insgesamt zu; bilateral im Verhältnis zu den USA dürfte ein erheblicher Überschuss bestehen. Aber das ist ja die Essenz des freien Welthandels, dass dieser sich per Saldo ausgleichen sollte, nicht direkt zwischen einzelnen Ländern. Es ist nicht Schuld der Länder der Eurozone oder Deutschlands, wenn es den USA nicht gelingt, ihre Außenhandelsbilanz gegenüber der Welt insgesamt in einem ausgewogenen Verhältnis zu halten.
Nachtrag 07.04.09
Was eigentlich haben Außenstehende - jene, die weder Bürger noch Gläubiger eines insolventen Staates sind - von einer Staatsinsolvenz zu befürchten? Was muss es mich interessieren, oder auch unsere Regierung wenn, zum Beispiel, Griechenland pleite gehen sollte? In der Regel schüren die Schreiberlinge nur diffuse Ängste (oder nutzen solche aus).
Prof. Dr. Hans Peter Grüner, trägt in seinem Blog im Handesblatt ("Das Grüner-Blog") in einem Eintrag vom 17.03.09 u. d. T. "Wie verlässt man geordnet eine Währungsunion?" erst einmal die Fakten vor:
"Zunächst zur Lage: Das Verhältnis aus Staatsschulden und Bruttosozialprodukt liegt in Griechenland noch unter 100% (bei etwa 92 % in 2008). Diese Staatsschulden können wohl noch etwas anwachsen, bis zu es zu einer wirklich bedrohlichen Staatskrise kommt. Daher ist die Lage zwar ernst, aber nicht hoffnungslos."
Und erörtert dann ein Szenario, das einen Bailout (durch andere Länder) erforderlich machen könnte (meine Hervorhebung):
"Kann es dazu kommen, dass Griechenland innerhalb der Währungsunion teilweise darauf verzichtet, Staatsschulden zurückzubezahlen? Das ist durchaus denkbar. Die betroffenen Gläubiger müssten dann für ihr Vertrauen gegenüber Griechenland bezahlen. Allerdings wird dies in Zeiten der Finanzkrise möglicherweise doch wieder Staatseingriffe erfordern, soweit die Gläubiger systemisch relevant sind. Eine solche Lösung ist übrigens nur dann günstiger als ein vollständiger Bail-Out des gesamten Landes wenn diese Gläubiger schnell identifiziert werden können."
Mit anderen Worten: nur dann, wenn eine Bank (oder eine andere systemisch wichtige Finanzinstitution) einen derart hohen Anteil an (z. B.: griechischen) Staatsanleihen hält, dass deren (Teil-)Ausfall zur Insolvenz führen würde, wäre eine Stützungaktion Außenstehender mehr oder weniger zwingend.
Das aber möge unsere transusige Bankenaufsicht doch hoffentlich verhindert haben: dass unsere Finanzinstitute jetzt, faute de subprime-Anleihen, ihre Bücher jetzt mit Staatsanleihen eines einzigen Landes, und noch dazu eines Risiko-Landes vollstopfen. Das dürfte wegen des Klumpen-Risikos gar nicht zulässig sein, und so dumm können nicht einmal Landesbanken bzw. deren internes Risk-Management sein, dass sie alles auf eine Karte setzen.
Mit anderen Worten: Wir brauchen keinen Bailout, denn es wird kein systemisch wichtige Finanzinstitut pleite gehen, wenn ein Staat (meinetwegen auch 2 oder 3) ihre Anleiheschulden (realistisch nur: teilweise) nicht zurück zahlen.
Nachtrag 02.12.09
Für die Euro-Länder mit sehr hoher Staatsverschuldung gibt es einen (wenig schmeichelhaften) Sammelnamen: PIGS (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) (eigentlich müssten die ja PIIGS heißen?). Wundert mich nur, dass Belgien nicht in dieser Gruppe vertreten ist; die hatten doch, wenn ich mich richtig erinnere, ebenfalls eine hohe Staatsverschuldung?
In der Wirtschaftswoche hatte Roland Tichy am 28.02.2009 die Situation kommentiert: "Chefsache Zahlen für den Euro":
"Was passiert, wenn sich Deutschland weigert, die Schulden der PIGS zu finanzieren, und deren Regierungen zu schwach sind, unpopuläre Reformen durchzusetzen, so wie es Irland mit einer Kürzung der Beamtengehälter um rund sieben Prozent gerade versucht? Dann wird der starke Euro für die PIGS zur Belastung. Vor dem Euro konnten sie in ähnlichen Lagen einfach ihre Lira oder Drachme abwerten und so ihre Wettbewerbsfähigkeit künstlich stärken. Deshalb wird längst diskutiert, ob es für die PIGS nicht besser wäre, die Euro-Zone zu verlassen. Der Preis wäre hoch – sie müssten ihre heute in Euro aufgenommenen Schulden morgen trotzdem in Euro zurückbezahlen. Es sei denn, sie erklären den Staatsbankrott und weigern sich, Schulden zu begleichen. Damit katapultieren sie sich zwar aus der wirtschaftlichen Vereinigung Europas zurück in eine Re-Nationalisierung wie vor dem europäischen Einigungsprozess.
Aber auch Deutschland würde mit dem Scheitern des Euro in einen Strudel aus Entwertungen riesiger Anleihebestände und der Zerstörung gewachsener Märkte gerissen. Zudem wäre Deutschland von Ländern umgeben, die ständig ihre Währungen abwerten und damit die Exportchancen der deutschen Industrien unterlaufen.
Für Deutschland stellt sich eine hässliche Alternative: zähneknirschend zahlen – oder das Scheitern des Euro riskieren."
Auch Tichy überschätzt m. E. die Gefahren für Deutschland. Es wird beim Länder-Bailout genau so laufen wie beim Banken-Bailout: aus Angst wird man den Moral Hazard stärken. Und zur Angst kommt natürlich das Interesse der Anleihebesitzer.
Am 07.03.2009 fragte Bert Losse in der WiWo: "Boom and bust. Wer zahlt für die PIGS?"
Er beurteilt den Sachverhalt realistischer als die Hilfswilligen (meine Hervorhebungen):
"Die bisher kursierenden Vorschläge [zur Unterstützung der 'PIGS'] – gemeinsame Euro-Anleihen oder gar die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds nach dem Vorbild des IWF – überzeugen nicht, vor allem nicht aus Sicht Deutschlands, das mit ziemlicher Sicherheit der größte Zahlmeister solcher Aktionen würde. Die Sorgenkinder der Euro-Zone haben in den vergangenen Jahren massiv von der Währungsunion (vor allem von niedrigen Realzinsen) profitiert. Fiskalpolitisch aber haben viele über ihre Verhältnisse gelebt und überdies wichtige Strukturreformen verschleppt. Dass nun jene Staaten, die noch Vertrauen der Märkte genießen, für die Versäumnisse anderer geradestehen sollen, ist eine ebenso bittere Pille wie Milliardenhilfen für Zockerbanken. Doch so dürfte es am Ende wohl kommen. EU-Kommissionschef Barroso hat bereits angedeutet, dass die EU keinen Staatsbankrott in ihren Reihen hinnehmen und notfalls mit Kredithilfen einspringen will.
Das aber macht (wenn überhaupt) nur Sinn, wenn das Staaten-Bail-Out mit harten wirtschafts- und finanzpolitischen Auflagen verbunden ist. Sonst stehen bald die nächsten Bittsteller vor der Tür – oder die gleichen in der nächsten Krise. Auch sollte sich die EU nicht von unterschwelligen Drohungen aus den PIGS-Staaten beeinflussen lassen, bei einer Eskalation die Währungsunion zu verlassen. Diese Schmach wird sich keine Regierung antun. Es wäre für die betroffenen Staaten auch ökonomisch kontraproduktiv. Zwar könnten sie ihre neue (alte) Währung abwerten und sich so Vorteile im Export verschaffen. Doch die hohen Zinsen und Risikoaufschläge wären sie nicht los, im Gegenteil. Dass Anleger begeistert niedrig verzinste Staatsanleihen in Drachme und Lira kaufen würden, ist kaum zu erwarten."
Textstand vom 02.12.2009. Auf meiner Webseite
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Mittwoch, 18. Februar 2009
Nun Volk hör auf: deine Volksparteien zu unterwandern. Nun Flüchtlingssturm, brich los! Nein, war nicht so gemeint, Hr. Perger?
Merkwürdig: immer dann, wenn in einer Demokratie mal der Volkswille herrschen soll, kriegen viele feine Demokraten Magenkrämpfe. Man weiß ja schließlich, was richtig isst - im Gegensatz zum Volk, das eh' nur in dunklen Stuben beisammensitzt und dort ein dumpfes Stammtischmurmeln absondert.
Nun gibt es zweifellos eine ganze Reihe von Themenfeldern, wo dem Volk ein sachkundiges Mitreden schwer fällt. Bankenrettung, Wirtschaftspolitik oder gar Währungspolitik: da fehlen entweder zum einen die erforderlichen Fach- und Sachkenntnisse, und zum anderen der nötige Zeithorizont. Scheinbar wirksame Sofortlösungen können aber, gerade auf diesen Gebieten, mittel- und langfristig verheerende Folgen haben.
Bei der Frage indes, wer sich auf dem Territorium eines anderen Volkes niederlassen darf, sollten doch wohl die Mitglieder des Volks-Vereins ein Mitspracherecht haben? Oder sollen wir alle reinlassen, denen es daheim nicht gut geht, und die deshalb hier an den Hartz IV-Honigtöpfen saugen möchten?
Nun, das hat Hr. Perger ja nicht gesagt.
Werner A. Perger beschränkt sich in der ZEIT ONLINE vom 18.02.2009 in seinem
Kommentar "Flüchtlinge. Wie der Populismus die Volksparteien unterwandert" auf das Gebiet der politischen Hygiene. "Flüchtlingsbekämpfung" ist ein Wort, das ihm nicht gefällt.
Darüber kann man lange reden; es ist indes nicht sonderlich demokratisch, sondern eher hinterfotzig, wenn man der öffentlichen Meinung inhaltliche Positionen auf dem Weg über scheinbar bloße Stilfragen unterjubeln will.
Das ist natürlich intelligenter als der Stammtisch, aber es ist eine hinterhältige Strategie, uns die geistigen Waffen zur Verteidigung unseres Raumes aus der Hand zu luchsen, "unser Raum" als Raum verstanden, wo 'wir' unsere Kultur aufgebaut haben, die wir nicht demontiert und nicht überformt sehen wollen. Das ist keine Frage der Qualität, und auch die Legitimität dieser Position hat nichts damit zu tun, ob unsere Kultur besser oder schlechter als andere ist: My home is my castle, my country is my home - und nicht die Siedlungspampa für die ganze Weltbevölkerung und auch nicht und schon gar nicht den verelendeten Teil davon.
Die eigentliche Frage ist also "wolle mer jeden reinlasse", oder wollen wir das nicht. Davon, aber auch davon, mit welchem Maß an Aggressivität die Flüchtlinge in unser Territorium einzudringen versuchen. Schon der Terminus Flüchtlinge ist bei der Anwendung auf sogenannte "Wirtschaftsflüchtlinge" ein Euphemismus, auch wenn uns das meist nicht bewusst wird. "Fliehen" im eigentlichen Sinne kann man nämlich nur vor einer drohenden Gefahr, einst z. B. "vor den Russen", "vor den Nazis" oder "vor den Deutschen". Wirtschafts"flüchtlinge" sind indes gar keine Flüchtlinge in diesem strengen Sinne; in korrekter Bezeichnung, aus der Perspektive derjenigen, die sich von ihnen bedroht fühlen, müssten sie als Eindringlinge bezeichnet werden.
Da würden Herr Perger und andere Menschheitsfreunde fraglos noch mehr toben, aber die aggressive Zuwanderung in Wohlstandsländer ist keine Flucht. Wir sollten also Hr. Perger insoweit durchaus Ernst nehmen, als wir uns um Bezeichnungen bemühen, welche unsere Sicht der Dinge wiedergeben.
Wer sich daran stört, dass andere den Begriff der "Bekämpfung" verwenden, wenn sie den Flüchtlingsansturm auf unser Siedlungsterritorium abwehren wollen, der will ihn halt nicht bekämpfen, sondern hinnehmen. Er will uns zunächst das begriffliche Instrumentarium madig machen, mit welchem wir den Sachverhalt aus unserer Interessenposition heraus beschreiben. Und wenn uns erst die Worte fehlen, wenn starke Worte illegitim geworden sind, dann sind wir auch zur energischem Handeln nicht mehr fähig.
Das ist der eigentliche Sinn seiner Kritik (und der zahlreichen ähnlich operierenden Kritiker), diese Zielsetzung gilt es zu erkennen, zu denunzieren (wie Herbert Markuse und nach ihm die 68er gesagt haben würden) und zu bekämpfen.
Ein gewisser Bevölkerunsaustausch ist zweifellos sinnvoll; Stagnation liegt nicht in unserem wohl verstandenen Interesse. Doch müssen wir, gerade jetzt in den Zeiten der Wirtschaftskrise, und weitaus mehr und weitaus härter noch in den Zeiten der Ressourcenkrise (Peak Oil / Ölfördermaximum usw.) unsere legitimen Interessen als Volk mit allem Nachdruck verteidigen.
Wir, das Volk, dürfen uns weder in die Nazi-Ecke drängen lassen, noch dürfen wir uns zu Vollidioten umerziehen lassen, die alle und jeden bei uns reinlassen. Die Härte der Abwehr muss der Härte des Angriffs entsprechen - bei der illegalen Einwanderung wie übrigens auch auf anderen Gebieten (z. B. bei der Piratenbekämpfung).
Wer im vorliegenden Zusammenhang mit negativer Bewertung von "Rechtspopulismus" spricht, schwingt zwar die "Ihr-seid-böse-Nazis"-Argumentations-Keule noch nicht sichtbar, hält sie aber hinter seinem Rücken schon bereit. Logisch ist das natürlich unhaltbar; Menschen umzubringen, die Teil der eigenen Kultur sind und sich als Teil dieser Kultur fühlen, ist eines; Menschen - ggf. auch mit Gewalt - am Eindringen zu hindern, um unseren eigenen Lebensstandard und/oder unsere ganz spezifische Lebensweise ("Kultur") zu sichern, ist etwas völlig anderes. Es geht heute nicht darum, andere anzugreifen. Wir müssen aber und wir dürfen uns entschlossen und auf eine Weise verteidigen, die Erfolg verspricht. Massenhafte illegale Einwanderung ist eine Form des Angriffs auf unser Territorium und, je nach Umfang, ggf. längerfristig auf unsere Lebensform. Solche Angriffe müssen wir abwehren und nötigenfalls auch die Härte unserer Abwehr so lange steigern, bis wir die Angreifer von der Aussichtslosigkeit überzeugt haben.
"Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt" reimten die 68er. Und hatten gar nicht so Unrecht. Wir, die Völker (oder das Volk?) Europas, brauchen ein neues Selbstbewusstsein, damit wir uns bei der Verteidigung unserer legitimen Interessen uns nicht mehr verunsichern lassen.
Wer immer der Meinung ist, dass man den Armen der Welt eine Chance geben sollte, mag ganz persönlich seine eigenen Scherflein gen Süden senden.
Doch leider läuft (nicht im konkreten Aufsatz Perger, der dieses Thema gar nicht berührt, aber doch sehr häufig in der Diskussion) die Moral der Guten meist darauf hinaus, den anderen in die Tasche zu greifen, um das eigene Gewissen zu streicheln - indem man die Hilfebedürftigen reinlässt, oder indem man eine wachsende Weltbevölkerung durchfüttert.
Mit der Begründung "Wir sind so reich", da müssen "wir doch etwas für die Armen tun", wird nicht das eigene Portemonnaie gezückt, sondern der Steuerzahler geschwitzt. Und vorzugsweise erhöht man dann die Mehrwertsteuer: das trifft ausgerechnet die Reichen am wenigsten und die eigenen Ärmsten am ehesten. (Und dann heißt es wieder "Eine Schande, wo wir doch so reich sind ...", und die nächste Steuererhöhungsrunde ist eingeläutet.)
Ethikpopulisten wie Perger sind auf ihre Weise ebenso kurzsichtig wie das Volk. Ihr Denken ist aus der Fülle geboren, welche wir derzeit genießen. Dass diese schon sehr bald zu Ende sein wird (der Ölpreis von 150,- USD pro Barrel im vergangenen Juli war ein erster vager Vorgeschmack darauf), liegt außerhalb ihres Blickfeldes.
Eigentlich müssten wir uns jetzt auf vielfältige Weise auf die kommenden Knappheiten vorbereiten:
Demographisch, indem wir die Schrumpfung unserer Bevölkerung nicht mit der Brechstange bekämpfen (und, wie es momentan scheint, leider sogar erfolgreich - vgl. z. B. Handelsblatt-Meldung "Bevölkerung. Die Deutschen kriegen wieder mehr Kinder" vom 15.02.09).
In der Raumordnung durch einen Stopp (und möglichst eine Umkehr) der Zersiedelung.
Technologisch durch alternative Energien, aber z. B. auch durch Überlegungen für eine optimierte Agrarwirtschaft (weitgehend) ohne Rohöl. Und in nicht allzu ferner Zukunft sogar ohne abbauwürdige Phosphatvorkommen (hier ein deutscher Text darüber).
Mental, indem wir uns auf eine Neue Härte einrichten: eine Härte des Lebens, aber auch harte Grenzziehungen. Piraten? Versenken! Unerwünschte Eindringlinge? Abwehren! Es geht aber keineswegs nur um Härte nach außen; auch im Innern, untereinander, müssen wir bereit sein, ggf. auch mit extremen Maßnahmen unsere Infrastruktur so lange wie möglich und so intakt wie möglich zu erhalten.
Schon in den letzten Jahren häuften sich wir "Dank" stark gestiegener (vgl. z. B. Handelsblatt-Bericht "Rohstoffdiebstahl. Versilberte Bronze" vom 28.05.2008 oder "Kupfer-Klau: Skrupellose Jagd auf das teure Metall" in den Lübecker Nachrichten vom 20.02.08). Ein anschauliches Beispiel (wenn auch nicht gerade der für Metalldiebe attraktivste Rohstoff) sind Bahnschienen. Beliebter waren und werden sein Kupferkabel (Stromkabel, Telefonkabel).
Aus unserem derzeitigen saturierten Blickwinkel (oder Bettwinkel) klingt es geradezu hysterisch, wenn ich (für zukünfte Zeiten der sich ständig verschärfenden Ressourcenverknappung) fordere: "Plünderer werden erschossen!" Das kann man sich heute nicht vorstellen (will ich auch heute nicht); da mag auch niemand dran denken. Doch kann eine Rechtspflege im Zeitalter der Ressourcenerschöpfung nicht mehr dieselbe sein wie heute.
Ich freilich denke, dass wir uns auf jede Weise, mental, organisatorisch und technologisch auf die Rohstoffverknappung vorbereiten sollten. Dass wir das allerdings beizeiten tun werden, bezweifle ich.
Ein Beispiel dafür, wie man sich in früheren Zeiten erfolgreich seiner Haut wehrte, bzw. seinen Handel schützte, präsentiert uns, beiläufig, die Historikerin Margrit Schulte Beerbühl in ihrem Artikel "Welthandel. Die Deutschen von London", in der Zeit Online vom 12.02.09 (meine Hervorhebung):
"Zu jener Zeit war der Handel mit den Mittelmeerländern von London aus nicht nur lukrativer, sondern auch erheblich sicherer. Piratenüberfälle machten den Hamburgern die Reise schwer. Unter englischer Flagge indes liefen die Geschäfte gefahrloser: Wagten die Piraten Übergriffe auf die Schiffe, so hatten Städte wie Algier und Tunis, die Heimathäfen der Seeräuber, mit schweren Gegenmaßnahmen der Navy zu rechnen. Und das schreckte ab."
Der derzeitige Spuk etwa vor der Küste von Somalia wäre sehr schnell zu Ende, wenn man wenigstens die Piratenschiffe versenken würde, ggf. auch in den Häfen. Angriffe auf die Städte oder gar mit Bodentruppen wären völlig überflüssig.
Textstand vom 18.02.2009. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 15. Februar 2009
Neuartige Buchgeldschöpfung im Finanzsystem als Ursache der Finanzmarktkrise: Heureka oder Denkfehler?
Die nachfolgenden Ausführungen habe ich ursprünglich als ZEIT Leser-Artikel konzipiert und (hier) publiziert. Ich übernehme sie hier in weitgehend derselben Form. Der Appell, mich bei der Lösung der aufgeworfenen Frage zu unterstützen, gilt mutatis mutandis natürlich auch für den (wenn gleich eher unwahrscheinlichen) Fall, dass eine(e) Bankbilanzierungskundige(r) in meinen Blog verirren sollte.
Dass Banken Geld generieren können (Buchgeld, Giralgeld) ist banal und bekannt - soweit das auf dem Wege der Kreditvergabe geschieht. Bei diesen Schöpfungsakten sind sie allerdings auf die Hilfe der Realwirtschaft angewiesen: ohne Kreditnehmer keine Buchgeldschöpfung (dieser Art).
Meine Fragestellung geht dahin, ob das Finanzsystem (die Finanzwirtschaft, hier unter Ausschluss der Notenbank gedacht) die Geldmenge (Buchgeldmenge) rein aus sich heraus steigern kann, ohne jeglichen realwirtschaftlichen Bezug (und Nutzen).
Wenn ja stellt sich die weitere Frage, ob und ggf. auf welche Weise das Finanzsystem der Realwirtschaft die Kosten dieser Geldschöpfung in Rechnung stellen (sie gewissermaßen dafür tributpflichtig machen) kann.
Sollte beides zutreffen, dürften sich erhebliche Konsequenzen für unsere Betrachtung und für die Strategien zur Bewältigung der weltweiten Finanzkrise ergeben. (Womit natürlich immer noch offen bleibt, welchen Bezug zur oder welches Ergebnis für die weltweite Wirtschaftskrise das hat.)
Es ist wirklich meinerseits nur eine Frage, bzw. eine Arbeitshypothese. Zur Lösung müsste ich vieles wissen über Bilanzen überhaupt und über die Bilanzierungsvorschriften in Finanzwesen im Besonderen und ganz speziell über die Bilanzierung von Derivaten. Aber was die Wespen können (http://www.zeit.de/2009/0...) können wir doch auch, gelle? Nämlich unsere Kenntnisse kombinieren und dadurch weiter kommen.
In diesem Sinne präsentiere ich den klugen Köpfen, welche (vielleicht nicht immer, aber immerhin nicht selten) hinter der ZEIT stecken die Frage, ob das Finanzsystem durch den (systeminternen) Derivatehandel die Buchgeldmenge vergrößern kann.
Modellhaft stelle ich mir das so vor (wobei es immer um den Handel innerhalb des Finanzsystems geht; Derivateverkäufe an Private sind eine andere Sache):
Wenn eine Nehmerbank (Käuferin) von einer Geberbank (Verkäuferin) z. B. einen Credit Default Swap (CDS) ankauft, muss die erstere der letzteren eine Prämie zahlen. Diese muss sie natürlich aus der Kasse ausbuchen und somit ist die Käuferin entsprechend ärmer.
Die Verkäuferin bucht die Gebühr ein und ist entsprechend reicher.
Freilich hat nun die Käuferin ein Wertpapier (bzw. hatte: damals, als CDS' noch handelbar waren), dass sie z. B. an der Börse verkaufen könnte. Entsprechend müsste sie den Gegenwert auf der Habenseite buchen. Lassen wir die Transaktionskosten mal beiseite, hätte die Käuferin den Betrag aus der Kasse aus- und bei ihrem Wertpapierbestand eingebucht. Im Ergebnis wäre sie also gar nicht ärmer geworden.
Da nun aber die Geberbank (Verkäuferin) reicher, die Nehmerbank (Käuferin) jedoch nicht ärmer geworden ist (genauer: der Abfluss von Realgeld wäre durch den Zuwachs beim Buchgeld ausgeglichen), müsste, wenn man beide Banken zusammen als "das Finanzsystem" betrachtet, dieses System insgesamt (buchmäßig) reicher geworden sein. Und das allein dadurch dass sich die Geberbank ein Stück Papier ausgestellt und weiterverkauft hat!
Sollte das zutreffen, dürfte ein modernes Äquivalent zur Geldfälschung der Kipper und Wipper (http://beltwild.blogspot....) vorliegen.
Allerdings wäre meine Annahme dann möglicher Weise nicht haltbar, wenn z. B. die Verkäuferin bis zum Ablauf des CDS auf der Passivseite für die Gebühreneinnahmen in vollem Umfang Risikopositionen gegenbuchen müsste, die nicht zum Gewinn oder Eigenkapital zählen. Da blicke ich zu wenig durch, um das beurteilen zu können.
Falls aber tatsächlich eine Scheinbereicherung des Finanzsystems eintritt, wäre der Scheinreichtum des Systems nur transitorischer Natur: spätestens bei Fälligkeit des dem CDS zu Grunde liegenden Wertpapiers verfällt ja der eigenständige Wert des CDS, er ist wieder auszubuchen. [Das gilt auch dann, wenn ein "credit event" eingetreten ist, denn der CDS als solcher wird ja auch in diesem Falle wertlos, und das System buchungsmäßig um diesen Betrag ärmer, wenn Verkäuferin der Käuferin des 'Sicherungsscheins' den vollen Anleihebetrag auszahlen muss. Und diese letztere Transaktion ist natürlich in der Summe neutral, weil der Gewinn der Nehmerbank exakt dem Verlust der Geberbank entspricht.]
Könnte es sein, dass jene Rechnungen, welche das Finanzsystem jetzt den Staaten präsentiert, (auch; die Immobilienkrise ist natürlich ein weiteres Problem) darauf beruhen, dass hier eine Art Pyramidenspiel -Ponzi-Game; vielleicht müsste man jetzt Madoff-Game sagen ;-) - vorlag, welches jetzt (mangels Vertrauen der Teilnehmer) an seine Grenzen gestoßen ist?
Abgesehen vom aktuellen Ruf nach Staatsknete: könnte das Finanzsystem der Realwirtschaft noch auf andere Weise (zu Zeiten, als das derivative Pyramidenspiel noch funktionierte) Rechnungen präsentiert haben? Ich denke ja; die Bilanzen und die ausgewiesenen (Buch-)Gewinne werden ja auf diese Weise aufgebläht; bei einer Kapitalerhöhung z. B. müssten Aktionäre ein höheres Aufgeld zahlen.
Die Banken hätten höhere Ausschüttungen (Dividenden, ggf. Aktienrückkäufe) gezahlt, als ohne diese Scheingewinne. Die Ausschüttungen wandeln sich bei den Empfängern natürlich in Forderungen gegen die reale Wirtschaft um: Man kann sich damit Yachten kaufen, Flugzeuge, Aktien oder das Geld aufs Konto legen, wo es jederzeit wieder abgezogen und in reale Güter eingetauscht werden kann.
Auch die Banker-Boni wären dann wohl teilweise aufgrund dieser Scheingewinne entstanden.
Erstaunlich wäre freilich, dass ein solches System der Geldfälschung noch nicht zu einer Hyperinflation geführt hat. Das ließe sich vielleicht damit erklären, dass die "Player" das Geld zum allergrößten Teil im Finanzkreislauf gelassen und eben keine Waren und Dienstleistungen davon gekauft haben (weil sie gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld).
Dass der Staat die Zeche bezahlen soll, wäre bei Gültigkeit meiner Annahmen folgerichtig: es war ja teilweise gar kein wirkliches Geld (d. h. einschließlich realer Forderungen aus Krediten), das da im Finanzsystem kursierte. Erst der Staat (also letztlich die Steuerzahler, über reguläre Steuern oder, insoweit als die Aktionen von den Notenbanken finanziert werden, durch Inflationssteuer) kann das Scheingeld oder Falschgeld in Ansprüche gegen die Realwirtschaft umwandeln.
Da ich keine Bankaktien besitze und keine Boni bekommen habe, aus meiner Sicht ein suboptimales Ergebnis.
Indes kann nicht einmal ich mir vorstellen, dass man das Finanzsystem einfach über die Wupper gehen lassen kann.
Wie also (das wäre eine dritte Frage) bekommen wir die Guten ins Kröpfchen und die Schlechten ins Töpfchen (zum Wegkippen)?
Aber das geht schon über die Zielsetzung meines vorliegenden Zeit-Leserartikels hinaus.
Hier will ich die Leserinnen und Leser nur um Ihre Hilfe bitten bei der Verifikation oder Falsifikation meiner Hypothese, dass es die Mechanismen des Finanzsystems erlauben eine (vorübergehende) Geldschöpfung rein innerhalb des Systems zu bewerkstelligen (ggf. auch auf andere Weise als in meinem Modell beschrieben).
Danke!
Für weitere Überlegungen zu dieser Fragestellung vgl. auch meinen Blott "Kipper, Wipper, Notenbanken".
Nachtrag 20.2.09: Zumindest habe ich nun eine Bestätigung dafür gefunden, dass Derivate (bei der kaufenden Bank) so verbucht werden, wie ich es vermutet hatte:
"entsprechend der Bilanzierungsvorschriften der Marktwert der Derivate in der Bilanz erfasst" meldet die HRE (zitiert z. B. hier in der FAZ).
Einen etwas anderen denkbaren Weg der Geldvermehrung habe ich in einem Kommentar (Nr. 9) zu einem (fremden)Zeit-Leserbriefartikel "Hypo Real Estate und die 100 Milliarden" beschrieben. Ausgangspunkt war bzw. die Anregung dazu gab der Kommentar Nr. 7. Dort hatte Erich Gengerke (mit Bezug auf einen anderen Vorkommentator) geschrieben:
"Gebetsmühlenartig, verehrter "Auf ein Wort": Geld wird in einer solchen Situation nicht vernichtet, es wird auch nicht verbrannt, sondern es wechselt schlicht den Besitzer."
Das gab mir Veranlassung zur Entwicklung eines Modells, in welchem Geld (Buchgeld) nicht einfach den Besitzer wechselt, sondern tatsächlich gewissermaßen 'von selbst' entstehen und vergehen kann, ohne dass es von einer Hand in die andere gelangt:
"Mit dem "Besitzerwechsel" habe ich gewisse Probleme:
Nehmen wir an, 1000 Aktionäre haben je eine Aktie zum Preis von 10,- € gekauft und vergraben sie dauerhaft in ihren Depots. Deren Gesamtwert beläuft sich somit auf 10.000,- €.
An der Börse werde täglich eine Aktie gehandelt, zunächst ebenfalls zum Preis von 10,- €.
Langsam steigt der Kurs und schließlich wechselt täglich eine Aktie (nehmen wir mal an, es wäre immer dieselbe) zum Preis von 20,- € den Besitzer.
Nun beläuft sich (auf Basis der aktuellen Marktbewertung, wie sie in der Finanzwelt bislang jedenfalls m. W. zwingend vorgeschrieben war) der Depotwert (Buchwert) für alle Aktionäre insgesamt auf 20.000,- €.
Dann gehen die Lehman-Brüder um; die (eine) Aktie wird an der Börse wie eine heiße Kartoffel für 1,- € gehandelt.
Dadurch sind sämtliche alle Aktionäre plötzlich und unerwartet bettelarm geworden: ihr gesamter Depotwert beträgt gerade noch 1.000,- €.
Bezahlt haben die Aktionäre 10.000,- €: dieses Geld hat jetzt ein anderer.
"Besessen" haben die Aktionäre zwischenzeitlich jedoch 20.000,- €, also 10.000,- € mehr. Dieses Geld hat niemand; es stand lediglich auf dem Papier. (Abgesehen von den 10,- €, die irgend jemand beim Handel mit der einen Aktie an der Börse verdient hat.)
Mir scheint, dass diese beiden Sachverhalte allzu leicht durcheinander gebracht werden."
In diesem Modell besteht immer noch ein (wenngleich nur noch sehr loser) Zusammenhang mit der Realwirtschaft, weil es ja um Aktien geht. Die gleichen Mechanismen wären aber natürlich auch bei anderen Wertpapieren wirksam, bei Anleihen z. B. (die auch noch einen Bezug zur Realwirtschaft haben) oder eben bei Credit Default Swaps, die reine Geschöpfe des Finanzsystems sind. Gänzlich ohne Bezüge zur Realwirtschaft - in diesem Falle zur Bonität des Kreditnehmers des / der zu Grunde liegenden Kredits / Anleihe - sind nicht einmal die CDS', aber natürlich ist der Zusammenhang noch mehr aufgelöst.
Vor allem aber sind Derivate wie z. B. die Credit Default Swaps reinrassige Geschöpfe des Finanzsystems, welche zu ihrer Entstehung keinerlei Hilfestellung der Realwirtschaft benötigen. Hier schöpft - wenn meine Annahme zutrifft - die Finanzwirtschaft 'Geld' völlig aus sich heraus.
Die Bewertung kommt allerdings in beiden Fällen vom Markt (z. B. in Gestalt von Börsenkursen), also insoweit "von außen", als der Wertpapiermarkt und die Börse ja auch ein Teil der realen Wirtschaft ist. Wie immer man das sehen mag: auf jeden Fall können die "Player" die Kurse nicht (im großen Rahmen und auf Dauer) selbst steuern; hier sind auch sie die Spielbälle der Märkte.
Anders als bei Krediten haben sie es bei dieser Form der "Geldschöpfung" also nur bedingt in der Hand, selbst über deren Umfang zu entscheiden. Hinsichtlich der im Besitz er Kreditinstitute befindlichen Wertpapiere ist es der Markt, der über deren Bewertung und damit auch darüber entscheidet, ob die daraus verbuchte "Geldmenge" steigt oder sinkt.
Nachtrag 17.02.2009
Weiteres Nachdenken bringt mich zu einer Unterscheidung, welche vielleicht die Möglichkeit einer tieferen Einsicht in jene Aspekte der Finanzmarktkrise bietet die sich nicht auf die Immobilienblase zurückführen lassen.
Das Finanzsystem besitzt 3 - wie soll ich sagen? Geldarten? Ich sage lieber vage: 'Wertarten'; ein präziserer Begriff für das, was ich bezeichnen will, fällt mir derzeit leider nicht ein.
Diese drei 'Wertarten' sind zunächst:
1) Bargeld und
2) Forderungen gegen Schuldner (Kredite, Rentenpapiere).
Das sind die klassischen 'Werte' im Finanzsystem.
Im Laufe der Zeit ist aber eine weitere 'Werteklasse' hinzugekommen, die eine ganz andere Natur hat als die beiden vorgenannten Arten. Bargeld und Forderungen lassen sich gemeinsam in der Kategorie "Forderungen" zusammenfassen, denn Bargeld war ja lange Zeit eine Forderung auf eine bestimmte Goldmenge. Auch wenn die Goldbindung weggefallen ist, bedeutet der Besitz von Bargeld noch immer den Anspruch auf einer bestimmte Menge an Gütern und Dienstleistungen; diese kann ich mit dem Geld kaufen, also beanspruchen.
Die dritte Werteklasse ist zum großen Teil eine 'Luftnummer': in den Büchern steht ein Wert, der möglicher Weise niemals zu realisieren ist. Die Höhe der Forderung ist hier nicht mehr durch eine Art 'Tauschgeschäft' bestimmt. Die Geldeinlage bei der Bank oder die Kreditvergabe durch die Bank sind ein Tausch von Geldhingabe gegen ein Rückzahlungsversprechen; der Wert - Nominalwert plus Zinsen - wird durch eine Vereinbarung zwischen den Tauschpartnern definiert und ist eindeutig festgelegt.
Ganz anders bei der Forderung Nr.
3) Nicht direkt einlösbare Wertpapiere.
Damit meine ich z. B. Aktien, die man nicht direkt bei der ausgebenden Firma einlösen kann (Aktienrückkaufprogramme mal ausgenommen). Anders ist das z. B. Anleihen, die zwar auch eine Wertpapierklasse darstellen und an der Börse handelbar sind, die aber irgendwann vom Emittenten wieder eingelöst werden müssen. Das sind Kredite (Nr. 2). Zwar können, anders als bei normalen Krediten, Anleihekurse in der Zwischenzeit schwanken. Jedoch entfernen sie sich in aller Regel sich nicht extrem weit vom Nominalwert.
Bei Aktien (und dann in noch einmal potenzierter Form bei -handelbaren- Derivaten) ist alles anders. Deren Wert bestimmt sich nicht nach einem Rückzahlungsversprechen, sondern wird sozusagen 'symbolisch' durch einen Vergleich mit denjenigen Preisen bestimmt, welche beim tatsächlichen Handel mit solchen Wertpapieren entstehen.
Das kann zu gigantischen Verzerrungen führen. (Bei den Derivaten gibt es ein Zahlungsversprechen, z. B. beim Credit Default Swap die Verpflichtung des Gebers, im Falle eines Kreditausfalls dem Nehmer den Schaden zu ersetzen. Aber so lange ein solches "Kreditereignis" nicht eingetreten ist, kann der Wert eines CDS im wesentlichen nur durch Vergleich mit den Marktpreisen ermittelt werden, welche von anderen für dieselben oder ähnliche 'Produkte' bezahlt werden.)
Würden in meinem o. a. Beispiel die Aktionäre versuchen, ihre 1.000 Aktien auf einen Schlag an der Börse zu verkaufen, würde die wahrscheinlich crashen. Speziell beim Handel mit Derivaten gibt es vermutlich nicht einmal so viel 'richtiges' Geld (Bargeld und aus Krediten geschöpftes Buchgeld), um diese Fantasieprodukte der Finanzwirtschaft zu bezahlen. Da aber immer nur kleine Mengen gehandelt werden, kann der Preis 'am Markt' (an der Börse) sozusagen 'beliebig' hoch steigen. Er bildet aber dann keinerlei wirklichen Wert in dem Sinne mehr ab, dass der Wertpapierinhaber gegen irgend jemanden eine rechtswirksame Forderung in dieser Höhe hätte. So gesehen, hat eine Aktie keinerlei 'inneren' Wert - wie die Aktionäre von General Motors oder HRE leidvoll erfahren mussten. [Und ebenso die Zocker zu Zeiten der Technologieblase - Neuer Markt -: da brauche ich nur in den Spiegel zu schauen ;-) ]
Wenn der Anteil dieser Wertklasse in den Finanzinstituten in den letzten Jahren stark gestiegen ist, und wenn die Probleme der Finanzbranche -auch- wesentlich durch den Verfall der Kurse derartiger Wertpapiere am Markt enstanden sind, dann hilft uns diese Unterscheidung der 3 (bzw., wenn ich Pos. 1 + 2 zusammenfasse, was sinnvoll erscheint:) der 2 verschiedenen Wertkategorien vielleicht, die Finanzkrise besser zu verstehen und sinnvolle Regulierungen als Vorbeugung gegen künftige Krisen zu schaffen.
Nachtrag 18.02.09
Im heutigen Handelsblatt-Bericht "Finanzkrise. Studie: Krise schmälert Bankenwert um 5,5 Bio" werden Zahlen über die Wertschrumpfung der Banken genannt:
"Nach einer Studie der Unternehmensberater hat die Krise den Börsenwert aller Banken bisher um 5,5 Billionen Dollar geschmälert. Dies entspräche zehn Prozent der jährlichen globalen Wirtschaftsleistung. Zu Beginn der Finanzkrise im Herbst 2007 habe sich der Börsenwert aller Banken noch auf 8,8 Billionen Dollar belaufen. Bis Ende vergangenen Jahres schmolz ihr Wert auf vier Billionen Dollar und verlor dann allein in den ersten drei Wochen des Jahres noch einmal 700 Mrd. Dollar auf 3,3 Billionen Dollar."
Derartige Zahlen bestärken mich in meiner Meinung, dass wir es in den letzten Jahren im Bankenwesen mit einer gewaltigen Geldschöpfung neuer Art, nämlich außerhalb der Notenbanken und außerhalb des Kreditsektors, zu tun hatten, die jetzt in eine Geldvernichtung umgeschlagen ist.
Nachtrag 22.02.2009
Um meine Überlegungen noch einmal zusammen zu fassen:
Das Finanzsystem kann bekanntlich durch Kreditvergabe Geld (Buchgeld) schöpfen ("Kreditgeldschöpfung" -Weg 1- will ich das hier nennen, um es von den u. g. Formen der Buchgeldmacherei zu unterscheiden).
Dabei, aber ebenso bei den nachfolgend beschriebenen weiteren Wegen zur 'Geldvermehrung', handelt es sich im Prinzip immer um eine lediglich vorübergehende Geldvermehrung, und um eine reine Buchgeldschöpfung. Real gewinnt das Finanzsystem allerdings die von der kreditnehmenden Realwirtschaft zu zahlenden Zinsen; diese sind 'ehrlich verdient' (zumindest im Vergleich zu den u. g. Wegen der Geldschöpfung; auf die Zinskritik von marxistischer, freiwirtschaftlicher oder moslemischer Seite will ich hier nicht eingehen).
Ich gehe davon aus, dass das Finansystem darüber hinaus die Fähigkeit hat, aus sich heraus und völlig ohne Bezug zur Realwirtschaft vorübergehend Geld zu generieren. Dies wird (nach meiner Vermutung)durch die Bilanzierungsregeln ermöglicht bzw. geradezu erzwungen ("Derivategeldschöpfung" -Weg 2-, um dem Kind für den Augenblicksgebrauch mal einen - wenngleich nicht sehr schönen- Namen zu geben). (Der Weg 2 steht außerdem in einem engen Zusammenhang mit dem Weg 3.)
Ein dritter Weg zur Geldschöpfung (diese kann theoretisch sogar dauerhaft sein; andererseits schlägt sie jedoch bei fallenden Börsenkursen bzw. Marktpreisen unmittelbar in eine Geldvernichtung um) ist die Buchung von marktgängigen Werten in Abhängigkeit von der, pauschal gesagt, Börsenlage (ich sage mal: "Bewertungsgeldschöpfung" - Weg 3). Auch dieser Zusammenhang dürfte im Verlaufe der Finanzkrise erheblich zu deren Verschärfung beigetragen haben und muss also ins Auge gefasst werden, ist jedoch nicht mit dem zu verwechseln, was ich momentan mal als 'aktive innersystemische Geldschöpfung' bezeichnen will.
Bei der 'Bewertungsgeldschöpfung' ist das Finanzwesen nämlich auf der Ebene der konkreten Fälle passiv (dass es die Höhe der Börsenkurse insgesamt mit- oder sogar wesentlich bestimmt, lasse ich außen vor; ebenso Manipulationsmöglichkeiten im Einzelfall), es produziert (i. d. R.) diejenigen Wertpapiere nicht, um die es hier geht (Aktien, Anleihen) und ist bezüglich deren Bewertung gewissermaßen ein Spielball der Börse.
Also nochmal:
Weg 1 = (temporäre) Kreditgeldschöpfung (allgemein bekannt)
Weg 2 = (temporäre) Derivategeldschöpfung (vielleicht sollte man besser sagen: 'Geldschöpfung durch Ausgabe von handelbaren Versicherungspolicen' oder, kürzer und einprägsamer, 'Eigengeldschöpfung'?)
Weg 3 = (temporäre) Bewertungsgeldschöpfung (brauchbare alternative Bezeichnung: 'Marktgeldschöpfung'?) (Hierzu wäre wohl auch die Buchung eines abstrakten Unternehmenswertes -"Goodwill"- zu rechnen; vielleicht auch von Patenten usw.?)
Diese drei Wege lassen sich nach einem zentralen Unterscheidungskriterium wiederum in zwei Gruppen zusammenfassen.
Bei der Kreditgeldschöpfung wird 'richtiges' Geld 'wirklich' bewegt. Das trifft natürlich in Wahrheit nicht zu, doch kann man sich diesen Weg der Geldschöpfung ("Mindestreservesystem", engl. "fractional banking") immerhin so vorstellen, dass vom Einleger eingezahlte Münzen -Kurantwährung- oder auch Geldscheine (teilweise) an einen Kreditnehmer ausgezahlt werden, dieser sie wieder zur Bank schleppt usw. - vgl. Wikipedia-Eintrag "Geldschöpfung").
Eigengeldschöpfung und Marktgeldschöpfung dagegen sind rein buchungsmäßige Vorgänge. Das bedeutet aber auch, dass sie von den Buchungsregeln abhängig sind. Nur wenn bzw. insoweit als diese es zulassen (oder gar erzwingen), findet eine Geldschöpfung statt.
Meine 'Wikipedia-Forschungen' haben mich wenigstens zu der Erkenntnis geführt, dass das deutsche Bilanzierungsrecht (Handelsgesetzbuch - HGB) diese Problematik schon lange kennt und es sogar einen deutschsprachigen Begriff für den Versuch einer Bewältigung gibt: "Imparitätsprinzip".
Zusammen mit dem "Niederstwertprinzip", das seinerseits wiederum ein Ausfluss des allgemeinen Gedankens eines bilanziellen Vorsichtsprinzips ist, sollte es (so jedenfalls stelle ich mir das vor, aber die tatsächlichen Wirkungen sind natürlich von den konkret geltenden Regeln abhängig) eine Geldschöpfung durch bloße Aufwertung von Vermögenswerten am Markt verhindern (nicht dagegen die Geldvernichtung durch fallende Marktpreise; die wäre nach dem Imparitätsprinzip -mehr oder weniger- voll zu buchen).
Die angelsächsische Kritik an einer solchen Art der Buchführung ist freilich nicht unberechtigt. Unter dem Wikipedia-Stichwort "Bankbilanz-Bewertung" wird die Problematik wie folgt beschrieben:
"Durch die Möglichkeit der Glättung des Unternehmensgewinns wird bei den Kapitalgebern Vertrauen in die Sicherheit der Anlagen geweckt. Voraussetzung hierfür ist aber ein naiver wie unwissender Kapitalgeber als auch eine Bankleitung, die im Sinne der Kapitalgeber handelt."
Kapitalgeber (Aktienkäufer) werden bei einer Bilanzierung nach dem Vorsichtsprinzip in gewisser Hinsicht über den "wahren" Wert eines Unternehmens getäuscht:
Nehmen wir an, die Firma Firmeninvest AG besitze als einzigen Vermögenswert eine Aktie an einer anderen Firma (fiktiv: Porsche). Diese habe sie für 1.000,- € gekauft; inzwischen werde die Porsche-Aktie an der Börse für 10.000,- € gehandelt.
Nach dem Vorsichtsprinzip dürfte die Bilanz der Firmeninvest AG lediglich einen Wert von 1.000,- € ausweisen, obwohl die Firmenleitung durch einen Verkauf der Porsche-Aktie den Firmenwert problemlos auf 10.000,- € steigern (und diese 10.000,- an ihre Aktionäre ausschütten) könnte.
Wer das weiß, ist deutlich im Vorteil. Er kann dem umwissenden Firmeninvest-Aktionär dessen Anteile für 1.000,- € abkaufen, anschließend die Firmenleitung zwingen, 10.000,- auszuschütten (wie soeben beschrieben) und hat also durch seinen Informationsvorsprung 9.000,- € verdient. So oder so ähnlich arbeiten ja häufig (aber keineswegs immer; häufig steigern sie auch den Wert von Firmen durch ein besseres Management) die "Heuschrecken", engl. "corporate raiders" genannt, also "Unternehmensausplünderer".
Das ist bei einer marktnahen Bewertung (engl.: mark-to-market) nach angelsächsischen Buchführungsgrundsätzen im Prinzip nicht möglich (im Detail dürfte es da freilich einige Nischen geben; ansonsten wäre bereits die Entstehung des Phänomens der 'Firmenplünderer' im anglophonen Sprachraum unverständlich).
Kann man, und ggf. auf welche Weise, Vor- und Nachteile der beiden Buchführungssysteme kombinieren? Entscheidend wäre, insbesondere im Hinblick auf das Finanzsystem, dass
- Buchgewinne einerseits AUSGEWIESEN,
- andererseits aber nicht AUSGESCHÜTTET werden.
Denn das Finanzsystem wurde vermutlich (immer vorausgesetzt, meine Annahmen über die Derivategeldschöpfung treffen überhaupt grundsätzlich zu) auch dadurch wesentlich geschwächt, dass Buchgewinne als dauerhafte Gewinne behandelt und ausgeschüttet wurden: an die Aktionäre, als Boni, aber auch als Gehalt an die normalen Angestellten. Das gesamte System wäre (in diesem Teilbereich) parasitär gewesen. Eine realwirtschaftliche Verwendung rein buchungstechnischer und vor allem rein temporärer Geldgewinne lässt sich ausschließen, gleichwohl aber eine Anzeige dieser eventuellen Gewinne einschließen, wenn man in der Bilanz und in der Gewinn- und Verlustrechnung die Kategorie eines "Potenzialkapitals" (Bilanz, entsprechend ggf. natürlich "Potenzialverlust") bzw. "Potenzialgewinns" (GuV; entsprechend "Potenzialverlust") einführt.
Der Begriff "Potenzial" bezieht sich auf die Vorstellung der Möglichkeit einer Realisierung von Gewinn und Verlust, wie sie sich nach den aktuellen Marktverhältnissen darstellt. Von der Entstehung her wäre es anschaulicher, von (positivem bzw. negativem) "Bewertungskapital" zu sprechen und in der GuV von "Bewertungsgewinnen" bzw. "Bewertungsverlusten".
Boni und Gewinne aus eventuellen Bewertungsreserven dürften (im Prinzip; sachgerechte Detailregelungen mögen davon auch Abweichungen vorsehen) nicht ausgeschüttet werden, sondern erst bei einer Realisierung von Gewinnen durch Verkauf der entsprechenden Finanzaktiva.
Verluste müssten im Prinzip aufgefüllt werden; insoweit käme das Imparitätsprinzip zum Tragen. Im Detail könnte ich mir allerdings Abweichungen vorstellen; insbesondere könnte der Umfang der 'Auffüllungspflicht' davon abhängig gemacht werden, wie weit in der Zukunft sich die mutmaßlichen Verluste tatsächlich realisieren.
Auf diese Weise könnten wir vielleicht das Finanzsystem insgesamt robuster machen. Notfalls auch in einem Alleingang Kontinentaleuropas gegen das angelsächsische System, das mir im Kern doch sehr dem Räuberprinzip der alten Wikinger zu entsprechen scheint. Während unsere Bilnazierungsvorschriften nach HGB vielleicht mehr vom Nachhaltigkeitsdenken der Forstwirtschaft geprägt, aber insoweit, als diese den Eigentümern und der Öffentlichkeit Informationen vorenthalten, zweifellos gleichfalls unbefriedigend sind.
Habe ich hier neue Lösungsmöglichkeiten entwickelt oder habe ich lediglich das Rad neu erfunden? Wurden entsprechende Vorschläge bereits anderweitig entwickelt?
Erg. 4.3.09: Peter J. Wallison ist ein Wissenschaftler des Think Tanks "The American Enterprise Institute", einer Lobby für eine möglichst von staatlichen Einwirkungen freie Wirtschaft. Als solcher desinformiert er ohne Skrupel ahnungslose Leser z. B. in seinem (an sich durchaus informativen) Aufsatz "Everything You Wanted to Know about Credit Default Swaps--but Were Never Told" indem er ihnen weismachen will, dass die eigentlich nichts als nützliche Instrumente zur Risikobegrenzung sind und vor allem behauptet, dass diese Derivate kein größeres Risiko enthalten würden als die ihnen zu Grunde liegenden Anleihen ("reference entity" dt. vielleicht "bezogenes Wertpapier"(?)). Das sind sie zwar auch, und insoweit, als sie tatsächlich Kredite von Banken usw. besichern, vergrößern sie auch nicht das systemische Risiko. Tatsächlich aber können sie auch ausgestellt werden und werden oder wurden sie zumindest häufig ausgestellt, ohne dass der CDS-Käufer einem Kreditrisiko ausgesetzt gewesen wäre. In der Praxis werden oder wurden sie sehr weitgehend zu Spekulationszwecken genutzt und können von einer Finanzinstitution (konkret z. B. der AIG, die dadurch riesige Verluste machte) in weit größerem Umfang ausgestellt werden als Kredite ausgeliehen werden. Insoweit stellen sie Wetten dar, und wenn die 'Wettbüros' sich nicht ihrerseits abgesichert haben (was bei AIG nicht der Fall war), können sie dort gigantische Finanzlöcher aufreißen. Das alles versucht Wallisons Papier nach Kräften in den Hintergrund zu drängen; man muss also seine Texte (wie überhaupt die von AEI-Fellows) sehr kritisch lesen.
Allerdings kann ich in seinem Meinungspapier "Fair Value Accounting - A Critique" keine ideologische Nebenabsichten erkennen. Er kritisiert dort, recht detailliert und informativ, die vorgeschriebene extensive Anwendung des Zeitwertprinzips bzw. Marktwertprinzips für die Rechnungslegung der Finanzinstitute und sieht sie anscheinend sogar als einen wesentlichen Mitauslöser der Finanzkrise an:
"But for USD 500 billion in bad subprime debt to cause a year-long crisis in a financial market with global assets of USD 140 trillion something else had to be at work. That something else is fair value accounting - a sensible system in some respects and for some limited purposes, but not well designed for the challenges ... in the subprime meltdown ... .")
Er stellt auch fest, dass sie nicht nur Abschwünge überzeichnen, sondern auch im Aufschwung prozyklisch wirken:
" ... it is highly procyclical. In other words, it tends to exacerbate current financial trends, whatever they are. It may well be, for example, that fair value accounting was in substantial part responsible for the residential real estate bubble that collapsed--with devastating consequences--over a year ago.
We can now see how the mark-to-market effect of fair value accounting has caused a downward slide in asset values and how this decline has evolved into a dangerous downward spiral. But it is important to note that rising asset prices have the opposite--and equally procyclical--effect. As market values rise for homes, stocks, commodities, or any item that has a readily available price, more and more credit becomes available to carry these assets. As more credit is available, more money is chasing fewer assets and prices rise. From the standpoint of institutions, a rise in the value of assets is recognized in earnings under fair value principles if the assets were held for trading and recognized in the institution's capital or equity position if the assets were treated as available for sale. In both cases, the growing earnings and strengthening capital induces more borrowing and the acquisition of more assets, so the upward spiral--also known as a bubble--continues.
It is no answer to say that bubbles and collapses of all kinds are ultimately the result of the human tendency to think that trends at any given moment will continue. Of course this is true, but the object of policy design is to adopt those policies that will counteract and ameliorate what we know to be the normal failures in human activities and perceptions."
Von den drei Kategorien, in welche Finanzinstitute (und andere Firmen) nach US-amerikanischen und internationalen Bilanzierungsvorschriften ihre Wertpapiere und Kredite einzustufen haben ("held for trading", "available for sale" und "held to maturity", also Werte, die im Eigenhandel ständig ge- und verkauft werden, Werte, die die Bank zu verkaufen bereit ist, aber nicht andauernd auf dem Markt umschlägt und solche, die sie bis zur Endfälligkeit halten will), sollen seiner Meinung nach die Zwischenstufe "available for sale" nicht nach aktuellen Marktwerten, sondern nach Ertragswerten bilanziert werden. Tatsächlich hat die EU (und haben wahrscheinlich auch die zuständigen US-Aufsichten) schon eine gewisse Anpassung an die Probleme vorgenommen, als sie eine Umgruppierung von den zum Verkauf stehenden Werten in den dauerhaft gehaltenen Bestand zugelassen und damit eine (günstigere) Neubewertung nach Ertragswerten ermöglicht. Das geht Wallison aber offenbar nicht weit genug. Indes ist die von ihm vorgeschlagene bloße Änderung der Buchungsregeln insoweit nicht unproblematisch, als dadurch der aktuelle Marktwert des Wertpapier- und Kreditbestands eines Finanzunternehmens nicht mehr erkennbar wäre. Ist dieser höher als der Börsenwert, wird es Insider anlocken bzw. verschafft ihnen Vorteile. Ist er niedriger, werden Aktionäre, die neu einsteigen, übervorteilt.
Für sinnvoller halte ich es deshalb, beide Werte auszuweisen. Das vergrößert zwar den Bilanzierungsaufwand erheblich. Andererseits könnte man aber z. B. statt einer quartalsweisen Erfassung eine nur jährliche zulassen; das würde den Unternehmen wohl erhebliche Arbeit ersparen.
Auf jeden Fall ist das ein sehr lesenswerter Aufsatz zum Thema; auf der angegebenen Webseite habe ich ihn auch kommentiert (als "Cangrande").(Ergänzung Ende)
Jenseits der Frage nach der zweckmäßigen Bilanzierung von Buchgewinnen stellt sich aber die Frage (und war ja schließlich der Ausgangspunkt meiner Überlegungen) nach dem Erklärungswert meiner Hypothesen im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise 2008.
Nicht nur mir fällt ein Verständnis 'der Krise' schwer. Sehr schön hat z. B.Max Hastings im "Guardian" vom 5.1.09 unser aller Probleme formuliert: "With all these trillions, how can we keep hold of the meaning of money?We lack the slightest idea of the significance of the vast sums being pledged, lent, spent or squandered in our name".
Die Krise zu verstehen heißt zum einen, ihre Ursachen zu kennen. Die lagen, unmittelbar, wohl in der US-amerikanischen Immobilienblase. Hier kann dahingestellt bleiben, ob diese, wie ich vermutet habe, ihrerseits einen Zusammenhang mit einer sich abzeichnenden Rohstoffverknappung (insbesondere "Peak Oil" / Ölfördermaximum) hat oder nicht.
Die andere Dimension des Verstehens betrifft ein Begreifen des aktuellen Ausmaßes, d. h. eine Kenntnis jener Faktoren, welche das aktuelle Ausmaß der Buchverluste bei den Finanzinstituten bestimmen. Denn als ein wesentliches Hindernis für ein vertieftes Verständnis der Finanzkrise erscheinen mir die Diskrepanzen zwischen denjenigen Zahlen, die als Verluste aus der US-Immobilienkrise genannt werden, und dem weitaus höheren Abschreibungsbedarf, der als Folge der Finanzkrise für das Bankensystem insgesamt kolportiert wird. Diese Diskrepanz, und was an Meldungen über "Verluste aus Derivaten" durch die Medien schwirrt, erscheinen mir als das eigentlich Verwirrende an der Finanzmarktkrise, während die Immobilienblase selbst und ihre Auswirkungen auf die Kreditbücher der Finanzintermediäre nicht schwer zu begreifen sind.
Die quantitativen Dimensionen will ich, abstrakt, durch eine Erläuterung mit Hilfe fiktiver Zahlen modellhaft zu analysieren versuchen:
Angenommen, das Finanzsystem insgesamt habe (aktuelle; zukünftig können natürlich noch weitere Belastungen hinzukommen) "Buchverluste" i. H. v. 5 Billionen Währungseinheiten (WE - Dollar oder Euro ist für das Beispiel gleichgültig). (Dabei seien alle Verluste einbezogen, die nach strengen Bewertungsregeln eigentlich gebucht werden müssten, egal ob das erfolgt ist oder nicht.) Woher könnten die kommen?
Eine Billion könnte zum Beispiel von der Immobilienblase herrühren, von Hypothekenkrediten, die ganz oder teilweise nicht einziehbar sind.
Es bliebe demnach eine erklärungsbedürftige Differenz von 4 Billionen WE.
Eine weitere Billion könnte aus notleidenden Krediten an (mehr oder weniger) insolvente Firmen (u. a. US-Automobilhersteller) rühren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest teilweise abgeschrieben werden müssen, oder an Staaten in Osteuropa, welche möglicher Weise ihre Schulden ebenfalls nicht begleichen können.
Bleibt Rest von 3 Billionen WE.
Die Banken besitzen alle möglichen Finanzaktiva. Auch ältere Anleihen eigentlich solider Schuldner werden aktuell an der Börse wahrscheinlich mit Abschlägen gehandelt (weil z. B. aktuell höher verzinsliche Anleihen ausgegeben werden). Bei marktnaher Bewertung ergibt sich ein angenommener Abschreibungsbedarf von 1 Billion WE; bleiben 2 Billionen WE Wertverlust noch zu erklären.
Diese könnten einerseits durch das Auslaufen von Derivatekontrakten (konkret z. B. Credit Default Swaps) entstanden sein (wir hatten oben ja gesehen, dass diese ihren Wert bei Endfälligkeit verlieren). Zum anderen dadurch, dass sie niemand mehr ankaufen will (etwa weil die Finanzwelt der Bonität der Emittenten nicht mehr traut). Dadurch würde ihr Wert am Markt ganz oder teilweise verfallen, und zwar stärker, als er bei einem normalen Zustand des Finanzmarktes (bzw. was man früher für normal gehalten hat) verfallen wäre. Daraus ließen sich die restlichen Verluste von 2 Billionen WE erkären.
Früher oder später wären diese Verluste zwar ohnehin eingetreten. Jedoch hätte das Finanzsystem insgesamt sie durch Ausgabe von neuen Derivaten kompensiert oder sogar überkompensiert. Es wäre wahrscheinlich auch keine Katastrophe gewesen, wenn das Volumen dieser Neuausgaben sich langsam reduziert hätte (oder durch Regulierung reduziert worden wäre). Erst die Plötzlichkeit des Einbruchs macht die gigantischen Auswirkungen verständlich.
Habe ich mit diesen Überlegungen ein vertieftes Verständnis der Krise gewonnen? Mir scheint es so. Der nächste Schritt wäre es nun, daraus Konsequenzen a) für eine aktuelle 'Heilung' und b) für die zukünftige Krisenvermeidung zu ziehen.
Den Schritt b) habe ich oben mit meinen Vorschlägen für eine Bilanzierung nach dem Vorsichtsprinzip gedanklich vollzogen.
Schritt a) ist schwieriger, weil das Finanzsystem das Scheingeld bereits an reale Personen verteilt hat: als Gehalt, Bonus, Dividende, Kosten. Wer soll die Belastungen aus dem vom Finanzsystem ausgegebenen Falschgeld tragen? Werden die Belastungen uns alle in Form einer Inflationssteuer treffen, wie zu Zeiten der Kipper und Wipper im Deutschland um 1620?
Ein gewisser Mike Adams dürfte Recht haben, wenn er in einem Artikel "The Economic Fallacy of Government Intervention with Bailout Money" meint:
"... the real question about bailout money today is not whether we should “bail out the homeowners who can’t pay their mortgages,” but rather the more important question: “WHO should we confiscate money from in order to pay for those bailouts?”
New Money Creation = Wealth Confiscation. All money creation is a hidden form of wealth confiscation that steals from both the holders of U.S. dollars and holders of U.S. debt."
Es spricht in der Tat vieles dafür, derzeit sein Geld in Gold anzulegen.
Andererseits: wer kein Geld hat, kann auch keins verlieren. Das gilt aber nur auf den ersten Blick. Denn erfahrungsgemäß werden Löhne usw. weit weniger schnell angepasst, als die Preise steigen. Auch, und am Ende gerade, die Besitzlosen, so wie ich, werden also die Leidtragenden der aktuellen Inflationierungspolitik sein.
Patentrezepte für andere Wege, welche ohne Risiken und Nebenwirkungen wären, habe ich allerdings auch nicht anzubieten.
Nachtrag 24.02.09 / 28.02.09:
Vielleicht macht es Sinn, -3- Arten von Geld zu unterscheiden:
- Realgeld (= "Dauergeld") (Münzen, Geldscheine, Guthaben bei der Zentralbank)
- Kreditgeld (= "Zeitgeld") und
- "Bewertungsgeld" (= "Schwankungsgeld") (rein durch buchhalterische, wenn auch vom Markt induzierte, Zuschreibungen generierte "Werte").
Nachtrag 28.02.09:
Zum Informationsgehalt der mark-to-market-Buchführung erscheint mir eine Bemerkung des US-Wirtschaftsprofessors (und frühzeitigen Warners vor der Immobilienkrise) Robert Shiller in dem Focus-Interview "Noch fünf Jahre Rezession" vom 10.02.09:
"Ich hatte schon 1981 in einem Artikel für die American Economical Review statistisch nachgewiesen, dass die meisten Preisschwankungen der Aktienmärkte nur ein statistisches Rauschen sind. Und damit hatte ich die akademische Finanzwelt verärgert, die von der Effizienz der Märkte ausging. Aber widerlegen konnten sie meine Analyse bisher nicht."
Das bedeutet in meinen Augen auch, dass eine ständige Neubewertung nach Zeitwerten nicht unbedingt Information produziert, sondern Informationsmüll. Bzw. genauer: für die Marktteilnehmer (einen Corporate Raider z. B.) hat diese Information schon einen gewissen Wert, auch für die Firmenleitung, die aktuelle Daten benötigt um z. B. Verlustbringer zu verkaufen oder Kursgewinne zu realisieren. Aber für die Regulierung bei Finanzinstituten, wenn es um die Eigenkapitalunterlegung geht, sind solche Daten mit Zurückhaltung zu bewerten.
----------------------------
Hinsichtlich der viel gerügten Banker-Boni (vgl. aktuell z. B. den Handelsblatt-Bericht "Bonuszahlungen. Merkel geißelt Boni für Bankmanager" sowie vom 16.2.09 "Finanzkrise. Koalition will hohe Manager-Boni verbieten") ergäbe sich, falls meine Geldschöpfungshypothese zutrifft, wahrscheinlich sogar eine juristische Möglichkeit, die Auszahlung selbst von bereits fest zugesagten oder vertraglich vereinbarten Boni zu verweigern (zumindest in Fällen, wo Banken durch den Steuerzahler oder die Zentralbank gerettet werden müssen).
Falls nämlich die von der jeweiligen Bank 'verdienten' Gelder zumindest zum großen Teil 'Scheingeld' aufgrund der oben skizzierten Bilanzierungsmechanismen sein sollten, dürfte sich die Inanspruchnahme von Boni als Umwandlung von Forderungen aus 'Falschgeld' in echte Forderungen gegen die Realwirtschaft darstellen. Eine solche Umwandlung würde aber, aus meiner Sicht jedenfalls, einen Verstoß gegen den Grundsatz von Treu und Glauben (§ 242 BGB; im angelsächsischen, sehr stark an Billigkeitsüberlegungen orientierten, Recht existieren mit Sicherheit gesetzliche oder richterrechtliche Entsprechungen) darstellen; die Geltendmachung derartiger Forderungen wäre rechtsmissbräuchlich.
Nachtrag 22.09.09:
In einem Kommentar von heute im Blog von George Washington "We Are Giving Them Our Real Money to Make Up for Losses of Pseudo Money that Never Really Existed" habe ich versucht, meine Problemstellung auf Englisch zu formulieren, nachdem ich auf meinen Zeit-Leserartikel (und hier in meinem Blog sowieso) bislang keine hilfreiche Resonanz verzeichnen kann.
Nachtrag 10.03.09:
Welchen riesigen Einfluss die Bewertungsfrage auf die Finanzwirtschaft hat, wird sehr deutlich in dem (auch sonst vorzüglichen) Bericht von Michael Lewis vom April (sic!) 2009 [d. h. zur Veröffentlichung im Aprilheft vorgesehen?] in Vanity Fair über den Aufstieg und Fall des Finanzsektors in Island: "Wall Street on the Tundra." Lewis kommt an verschiedenen Stellen darauf zu sprechen, wie die Werte der "assets" durch den Handel der Banken untereinander hochgetrieben wurden, und wird in einem Falle sehr präzise:
"Virtually the entire bank’s stated profits were caused by its marking up assets it had bought at inflated prices. “The actual amount of profits that were coming from what I’d call banking was less than 10 percent,” said [der britische Banker Tony] Shearer."
Nachtrag 11.03.09
Unter der Überschrift "USA erwägen Bilanzregel-Reform" berichtet die Financial Times Deutschland heute über entsprechende Bestrebungen, aber auch Widerstände dagegen.
Nachtrag 13.03.09:
In gewisser Weise war die ganze US-(Miss-)Wirtschaft ein auf einer 'mark-to-market'-Bewertung aufgebautes Kartenhaus. Sagt jedenfalls "Dr. Doom" alias Nouriel Roubini, der in einem Blog-Eintrag "Nouriel Roubini is a Ponzi" im Financial Times Blog "FT Alphaville" wie folgt zitiert wird (auf der Roubini-eigenen Webseite "Nouriel Roubini's Global EconoMonitor - RGE" kommt man nur mit Anmeldung zu diesem Eintrag):
"... most of the “wealth” that supported the massive leverage and overspending of agents in the economy was a fake bubble-driven wealth."
Nachtrag 16.03.09
Sehr intensiv setzt sich in zahlreichen Beiträgen der "Blick Log" kritisch mit der Mark-to-market-Bewertung für Finanzpapiere auseinander, z. B. in dem Eintrag "Bernankes Schlüssel zur Erholung der Banken: FED könnte “race to the bottom” beenden" vom 12.03.09.
Diesem verdanke ich auch den Link zu einem Bericht über einen entsprechenden Vorschlag von Ben Bernanke. Auszug (meine Hervorhebung):
"Mr. Bernanke stoked a new controversy by endorsing more flexible accounting rules that would not force banks to book as many losses during an economic downturn as current rules require.
In so doing, the Fed chairman came closer than other top officials to supporting a policy known as “regulatory forbearance,” a phrase that became an epithet among policy makers after the savings and loan crisis of the early 1990s.
Although the Fed chairman did not use that phrase, he called for reducing the “pro-cyclical” aspects of current regulation — the tendency of accounting rules and capital requirements to aggravate both financial retrenchment during a slowdown and financial excesses during a boom."
Weiterer Eintrag im Blick Log z. B. "Bundesbank: Wertberichtigungen haben sich von tatsächlichen Ausfallerwartungen entfernt" vom 27.02.09.(Die Texte im Blick Log enthalten jeweils umfangreiche Verlinkungen auf andere einschlägige eigene Blotts und fremde Artikel.)
Nachtrag 02.04.09:
"Bilanrecht geändert. US-Banken dürfen sich reich rechnen" berichtet Rolf Benders heute auf der Handelsblatt-Webseite:
"Die US-Banken werden trotz anhaltender Krise bereits in den nächsten Quartalsberichten wohl deutlich bessere Ergebnisse vorweisen. Grund sind bilanzrechtliche Veränderungen. Am Donnerstag lockerten die US–Behörden die Bewertungsrichtlinien für toxische Kreditpapiere."
Es gab Lob, aber auch Kritik:
"Viele Experten kritisierten die Entscheidung. Nur weil man die Krankenakte des Patienten fälsche, werde er dadurch nicht gesund, sagte beispielsweise Howard Silverblatt von der Ratingagentur Standard & Poor's. Die Anleger bräuchten valide und ehrliche Informationen, sonst hätten die Banken noch größere Probleme als bisher, das dringend benötigte, frische Kapital aufzutreiben."
Mein Hauptproblem mit den neuen Regeln, wenn ich den Artikel richtig verstanden habe (bzw. der Autor korrekt berichtet hat) ist der Umstand, dass sie anscheinend eine Einbahnstraße darstellen. Sie sollen den Banken offenbar helfen, ihre Bilanzen jetzt in der Krise zu schönen; wenn der Finanzmarkt aber wieder "brummt", können die Banken wohl wieder nach den - ggf. überhöhten - Marktpreisen buchen. DAS wäre, wenn es zutrifft, für mich der wesentliche Kritikpunkt.
Nachtrag 24.07.09
Auf der Webseite "Baseline Scenario" berichtete James Kwak am 03.01.2009 u. d. T. "The Importance of Accounting. Or, as I thought of titling this post, SEC does something useful!" über eine Studie der US-Börsenüberwachungsbehörde SEC ("U.S. Securities and Exchange Commission") zur Wirkung der Bewertungsvorschriften auf die Finanzkrise. Deren Ergebnis fasst er so zusammen:
"fair value [mark-to-market, as will be explained] accounting did not appear to play a meaningful role in bank failures occurring during 2008. Rather, bank failures in the U.S. appeared to be the result of growing probable credit losses, concerns about asset quality, and, in certain cases, eroding lender and investor confidence."
Der "Report and Recommendations Pursuant to Section 133 of the Emergency Economic Stabilization Act of 2008: Study on Mark-To-Market Accounting" umfasst 259 Druckseiten. Kwak empfiehlt, auf jeden Fall den 10-seitigen "Executive Summary" (am Anfang) zu lesen. Das habe ich getan, schlauer fühle ich mich deswegen allerdings nicht.
Textstand vom 11.11.2011. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.
Labels: Finanzkrise2008, Finanzwirtschaft, Inflation, Wirtschaft
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