CANABBAIA
Sonntag, 31. Mai 2009
Vox populi vox bovi oder Vox populi vox dei? Ein ZEIT-Disput über den intellektuellen Rinderwahnsinn der Massen.
Leute, welche wie ich die Klowände des Internets beschmieren (wie der Werbeagenturchef Jean-Remy von Matt einst so prägnant formulierte), z. B. als Blogger oder als Freizeitpoeten und ~poetinnen, bekamen auf der Webseite der ZEIT vom 20.05.2009 ihr Fett von Adam Soboczynski weg: "Netzkultur. Das Netz als Feind", nämlich als ein Instrument der wild gewordenen Massen zur Hatz auf diejenigen, welche sich für Geistesgrößen halten:
"Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird"
will Soboczynski in seinem angesichts der Thematik verhältnismäßig kurzen Essay aufdecken und entdeckt dort zunächst einen
"Abscheu, der sich ... über die letzten Bastionen sachkundiger Meinungsbildung ergießt", eine "antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren ..., die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt".
Alles kämpft heute gegen die Pinscher, äh, ich meine, die Intellektuellen, sogar die Universitäten und Verlage haben sich heutzutage gegen diese Menschensorte verschworen. Besonders schlimm sind jedoch Kulturkritikkritiker:
"Mit zum Plumpesten gehört derzeit die Kritik an Kulturkritik".
Diese Behauptung erfreut mich, denn schließlich habe ich dafür einen eigenen Täg eingerichtet und weiß also mit Gewissheit, dass ich Soboczynskis Kritik auch auf mich beziehen darf. Und das wir Massenmenschen erfolgreich sein werden, denn
"Als der, der er bislang war, Störenfried des Konsenses, Vermittler von Wissensbeständen, Korrektiv des Staats, wird er [der Intellektuelle] verschwinden."
Und ich werde von mir sagen können, daran mitgewirkt zu haben!
Das heißt, aus anderer Sicht wird gesagt werden:
Der da hat sich daran mitschuldig gemacht!
Doch schon naht Trost spendend Gero von Randow zu meinem Sukkurs und balsamiert - in einem etwas umfangreicheren Aufsatz - meine Bloggerseele, sowie die Seelen des die Poesie profanierenden sonstigen Pöbels, mit seiner Gegenrede (ZEIT vom 28.05.09) "Internet-Debatte. Geistesaristokratie":
"Nicht alles im Internet ist schön – na und? Das Netz ist demokratischer als viele seiner Kritiker. Eine Replik".
"Am Anfang steht ... eine Verwechslung. In dem Artikel ist vorwiegend von Journalisten die Rede. Doch nicht das Impressum macht den Intellektuellen, ebenso wenig wie das Vorlesungsverzeichnis oder der Verlagsprospekt. »Intellektueller ist man immer nur im Nebenberuf«, bemerkte der Bielefelder Philosoph Martin Carrier einmal. Fast alle Untersuchungen zum Thema nähern sich folgender Definition an: Wer aufgrund fachlicher oder künstlerischer Leistung ein ganz besonderes Ansehen genießt und dieses nutzt, um sich auf geistig hohem Niveau wirkungsvoll zu Themen zu äußern, die das allgemeine Wohl betreffen – den nennen wir einen Intellektuellen. Sartre war einer, ich bin keiner [das ist halt eine Definitionsfrage; ich denke, dass die Mehrheit der Beurteiler auch den Wissenschaftsjournalisten Gero von Randow als Intellektuellen bezeichnen würde].
Dürfen Verwaltungsfachangestellte Gedichte veröffentlichen?
Der Intellektuelle wagt sich aus der Deckung ins Getümmel. Er nutzt alle geeigneten sprachlichen Mittel, aber nicht, um sich und seinesgleichen abzugrenzen, sondern um die Bürger zu bewegen. Er ist eben kein »Geistesaristokrat«, der sich der Demokratie »wesenhaft entzieht«, wie Soboczynski glaubt. Fragwürdig, wie er über die Demokratie schreibt. Und über das Volk. ... tritt das Volk in dem Artikel als surfende »Gaby« auf, als bloggender »Kneipier« und dichtende »Verwaltungsfachangestellte«. ...
Ja, die »Massen«. Sie müssen wohl sein, die Gabys und die Verwaltungsfachangestellten, ohne sie gäbe es keine Aristokraten. Aber sie sollen dort bleiben, wohin sie gehören. ...
Hinter der Wut auf das Netz scheint die Angst vor Konkurrenz auf. ..... "
Ich schaue amüsiert zu; den von Soboczynski behaupteten Hass der Internautenmassen auf die Intellektuellen habe ich als Massenphänomen jedenfalls noch nicht wahrgenommen.
Interessant ist immerhin die folgende Google-Suchstatistik:
"vox populi vox bovi" generiert 118 Treffer;
"vox populi vox dei" bringt dagegen 575.000 Fundstellen hervor!
Das Volk, auch dasjenige der Wikipedisten, sieht sich offenbar lieber als Gott denn als Ochsen .
Im übrigen erscheinen "vox populi vox bovi" "vox populi vox dei" nur auf sieben (mittlerweile 9: davon meine zwiefach) Webseiten gemeinsam in trauter Vereinigung der Gegensätze.
Eine davon ist italienischsprachig, eine in einer slawischen Sprache. Einen weiteren Treffer spendiert den Suchenden die Webseite "Sklavenzentrale" - passt irgendwie, denn in der einen oder anderen Weise sind wir ja alle Sklavinnen und Sklaven - nicht unbedingt von irgendwelchen Herren, sondern einfach als Systemgefangene.
Näher an der o. a. Debatte ist allerdings der Artikel:
"Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit" von Agon S. Buchholz für Kefk Network Politik vom 20.06.2005.
Natürlich habe ich auch beim vorliegenden Blott einige Link-Eträge in die Scheuern gefahren:
- zum Wikipedia-Artikel "Direkte Demokratie" z. B., oder auch zur Webseite
des Berliner Vereins
- "Mehr Demokratie e.V."
Dass die direkte Demokratie keine Freikugel (silver bullet) zur Lösung politischer Probleme darstellt, und keineswegs unbedingt der ökonomischen Vernunft zum Siege verhilft, habe ich exemplarisch in meiner Analyse eines Bürgerbegehrens zum Hallenbadbau in Bad Reichenhall untersucht: "Bad Reichenhall: Das geplante Hallenbad, Sportbad oder Familienbad wird kein Spaßbad – für den Steuerzahler".
Als ein zentrales Problem erweist sich dabei der Umstand, dass in einem solchen Verfahren nur eine äußerst beschränkte Zahl von Alternativen 'durchgehechelt' werden kann.
Im übrigen wäre es auch naiv zu glauben, dass jeder, der für mehr Volksbeteiligung plädiert, das wirklich ernst meint, auch wenn er es selbst wirklich ernsthaft glauben mag. Vgl. dazu meinen Blott "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft."
Textstand vom 31.05.2009. Auf meiner Webseite
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Freitag, 29. Mai 2009
Inflation auf dem Sennefriedhof Bielefeld: Und jetzt wird wieder Radieschen geguckt / das steigert das Bruttosozialprodukt!
Eigentlich wollte ich schon gestern über die Inflation auf dem Friedhof bloggen, aber da kreuzten ein paar durchgeknallte Reflationisten (Inflationisten) meinen Weg und lenkten meinen Zorn von der Verteuerung der Gräber ab.
Anno 1935 kostete ein Doppelgrab 200,- RM, also Reichsmark.Anno 2009 kostet ein Reihengrab 806,- € (Position 4.112 der Gebührensatzung), derer zwei nach Adam Riese also 1.612,- € = ca. 3.200,- DM.
Damit hat sich der Preis für die Erstbelegung versechzehnfacht, wenn man Reichsmark = DM setzt! Nur: zum alten Preis gab es 35 Jahre; heute haben die Toten (bzw. haben die Erben) nur noch 20 Jahre lang ihre Ruhe (§ 9 Abs. 1 der Friedhofssatzung).
1956, beim Tod meiner Großmutter, haben meine Eltern die Nutzungsrechte für 10 Jahre Belegungszeit nachgekauft. Das hat, wie man sieht, 110,- DM gekostet. Heute kostet es pro Grabstelle 51,- € (Position 3.1 der Gebührentabelle). Für 2 Grabestellen macht das 102,- €; ergibt für 10 Jahre 1.020,- €, umgerechnet ca. 2.000,- DM. Das entspricht etwa dem 18-fachen Preis, aber in diesem Falle nicht dem 18-fachen von 1935, sondern von 1956. Anders gesagt: in gut 50 Jahren wurde diese Gebühr um den Faktor 18 erhöht!Über die Gründe für solche Inflationsraten kann man spekulieren. Schließt man aus, dass die Stadt Bielefeld damit ihren Haushalt saniert, d. h. wenn man unterstellt, dass diese Gebühren tatsächlich nur die für die Friedhofserhaltung anfallenden Kosten abdecken, dann müssen diese gewaltig gestiegen sein (Zusatzannahme ist, dass die Gebühren auch früher schon kostendeckend waren, also nicht etwa damals der Friedhof teilweise aus dem Steuertopf bezahlt wurde).
Nun ist es ja nachvollziehbar, dass der Rationalisierungsspielraum für Friedhofsarbeiten begrenzt ist. Es handelt sich schließlich nicht um Fließbandproduktion. Andererseits: wenn man unten auf der Ankaufsurkunde liest "Einnahmebuch 1935, Nr. 842, Kartenverzeichnis 4209" dann kann man sich vorstellen, welcher Verwaltungsaufwand, welche 'Pinselei' mit derartigen Buchungsvorgängen verbunden war. Das alles ist im Computerzeitalter weggefallen, und natürlich wurden z. B. auch Wegebauarbeiten und anderes bis zu einem gewissen Grade rationalisiert.
Wieso also derartige Kostensteigerungen? Ich könnte mir vorstellen, dass ein gut Teil daher rührt, dass der Friedhof jetzt "luxuriöser" gestaltet ist als früher. Zwar werden die Wege nicht gerade aus Marmor sein (ich war schon seit langen Zeiten nicht mehr dort), aber es wäre denkbar, dass sie jetzt z. B. asphaltiert sind und es früher nicht waren. Vielleicht werden sie auch häufiger gereinigt usw.
Durchaus möglich also, dass es auch die Ansprüche und Erwartungen der Bürger selbst sind, welche die Kosten in die Höhe getrieben haben.
Dennoch sind solche Ausgabensteigerungen erschreckend. Sie mehren vermutlich statistische Konstrukt wie das BIP (Bruttoinlandsprodukt); unserem persönlichen Wohlergehen helfen sie aber nicht weiter. Statistisch wird man uns vorrechnen, wie unser Wohlstand wieder einmal gestiegen ist; in Wirklichkeit haben uns diese Kostensteigerungen in keiner Weise bereichert; quantitativ gar nicht und "hedonisch" allenfalls minimal.
Wir stehen hier also erneut vor einem jener Sachverhalte, den ich in anderen Blotts ("IN FLAGRANTI"; "BALLA BALLA oder DIE PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITTSDIEBE DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN SAU(G)NÄPFE"; "KEIN "HAPPY END" FÜR DIE HAUSHALTSKASSE oder "WER STIEHLT UNS DEN PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITT BEIM TOILETTENPAPIER?" und "Margarinefigürchen oder wer stiehlt uns den Produktivitätsfortschritt?") als Diebstahl des Produktivitätsfortschritts gebrandmarkt habe.
Also: Haltet den Dieb!
Nur: Wer ist der Dieb, bzw. wo versteckt er sich???
Hier noch einige Informationslinks zum Bielefelder Sennefriedhof:
Der ist der drittgrößte Deutschlands, schreibt die Wikipedia, der er immerhin einen eigenen Artikel wert war.
Auf einer Webseite der Stadt Bielefeld erfahren wir:
"Mit knapp 100 Hektar Größe gehört der über die Stadtgrenzen Bielefelds hinaus bekannte Sennefriedhof zu den drei größten Ruhestätten Deutschlands. Er erstreckt sich von Nord nach Süd auf einer Länge von rund 2.000 Metern. Lediglich in Hamburg-Ohlsdorf, Berlin-Stahnsdorf und München finden sich vergleichbare Friedhöfe.
Seine einzigartige Lage als typischer Waldfriedhof in der Heidelandschaft der Senne verschafft dem Besucher der Anlage großzügigen Raum in einer angenehm ruhigen Atmosphäre. Der Friedhof wird gerne auch zur Erholung und als Ort zur inneren Einkehr aufgesucht. Zudem bietet der Sennefriedhof zahlreiche natur- und kulturhistorisch bedeutende Objekte."
In der Friedhofssatzung ist alles genau geregelt, z. B. auch die Sarggröße (§ 7 Abs. 3):
"Die Särge sollen höchstens 2,15 m lang, 0,70 m hoch und 0,70 m breit sein. Sind in Ausnahmefällen größere Särge erforderlich, ist die Zustimmung der Friedhofsverwaltung bei der Anmeldung der Bestattung einzuholen."
Sofern Sie länger sind, tun Sie der Vorschrift doch bitte den Gefallen und krümmen Sie sich, z. B. mit Osteoporose, um Ihre Körperlänge Normkonform zu reduzieren.
Auch von mir wurde Konformität erbeten. Die Friedhofsverwaltung wollte das Gräberfeld "M" umwidmen zu einem Grasfeld, weil dort nur noch wenige Grabstätten liegen würden. Ich hätte nichts dagegen, meine Eltern umzubetten. Die Bürokraten erwarten jedoch allen Ernstes, dass die Leute das auch noch selbst bezahlen, wenn sie denen einen Gefallen tun.[Ich habe allerdings den diesbezüglichen Vordruck inzwischen entsorgt und meine mich zu erinern, dass 'nur' die Verlagerung einer evtl. vorhandenen Grabeinfassung und eines Grabsteins zu bezahlen gewesen wäre - dennoch eine Zumutung!] Wie lange muss man im Öffentlichen Dienst tätig gewesen sein, um ein derart deformiertes Denken zu entwickeln? Ich selbst hocke nun schon bald 35 Jahre in einer Amtsstube; auf eine solche Idee wäre ich allerdings nicht gekommen.
Einigermaßen rätselhaft ist für mich die Bestimmung § 7 Abs. 2:
"Die Särge müssen fest verfugt und so abgedichtet sein, dass jedes Durchsickern von Feuchtigkeit ausgeschlossen ist. Särge, Sargausstattungen, Leichenwäsche und Sargabdichtungen dürfen nicht aus Kunststoffen oder sonstigen schwer verrottbaren Werkstoffen hergestellt sein, ausgenommen sind Zinksärge, wenn überführte Leichen mit Zustimmung der Friedhofsverwaltung in diesen bestattet werden sollen."
Wie dichtet man Särge sickerfest ab, ohne Kunststoff zu verwenden? Und wozu eigentlich, wenn sie doch eh' verrottbar sein müssen?
Falls Sie den Friedhof mal besichtigen möchten (um z. B. im Rahmen einer Führung "Frühlingsblüten und Vogelgezwitscher auf dem Sennefriedhof" zu genießen), können Sie sich hier ein vierseitiges Faltblatt des Umweltbetriebes der Stadt Bielefeld mit Plan runterladen.
Auf dem Stadtplan sieht man die Anlage hier. Den "Heimtierfriedhof" oben auf der Karte werte ich als abendländisches Dekadenzsymptom im Sinne der Geschichtszyklentheorie von Oswald Spengler ["Der Untergang des Abendlandes" - begraben wird es auf dem Bielefelder Heimtierfriedhof ;-) ]. Nur dass ich keine weiteren Zyklen mehr erwarte: dazu ist unsere Umwelt zu ausgelaugt. Daran tragen die Heimtierfriedhöfe natürlich am wenigsten Schuld.
"Have it your way" könnte man die zahlreichen möglichen Bestattungsarten bewerben, welche in diesem Faltblatt geschildert werden. (Da ist doch bestimmt auch für Sie etwas dabei?)
Die Gebührensatzung (5 S.) und die Friedhofssatzung (35 S. - wie viele Seiten mag die anno 35 gehabt haben?)
Eine Kurzinfo zur Friedhofsgeschichte hier verlinkt auch zu einer 10-seitigen Chronik.
Und wer sich schließlich noch die anderen Friedhöfe anschauen will, und einige weitere vom Bielefelder Umweltbetrieb betreute Sachen (Biotonnen usw.) findet hier ein Florilegium von Broschüren zum Download.
Gute Nacht, schlafen Sie gut und träumen Sie süß; die Hyperinflation kommt ja erst noch. Da arbeiten gerade die Notenbanken dran.
Textstand vom 20.06.2009. Auf meiner Webseite
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Donnerstag, 28. Mai 2009
Alles Madoff oder was? Amerikanische Wirtschaftswissenschaftler (auch die US-Notenbank?) wollen (erneut) die Welt bestehlen. Jetzt durch Inflation.
“There’s trillions of dollars of debt, in mortgage debt, consumer debt, government debt,” says Rogoff, who was chief economist at the Washington-based IMF from 2001 to 2003. “It’s a question of how do you achieve the deleveraging. Do you go through a long period of slow growth, high savings and many legal problems or do you accept higher inflation?”
Das Vorstehende ist ein Auszug aus dem Bericht "U.S. Needs More Inflation to Speed Recovery, Say Mankiw, Rogoff" der US-amerikanischen Wirtschafts-Nachrichtenagentur Bloomberg vom 19.05.2009. Daraus einige Zitate (Hervorhebungen von mir):
"What the U.S. economy may need is a dose of good old-fashioned inflation. So say economists including Gregory Mankiw, former White House adviser, and Kenneth Rogoff ... . “I’m advocating 6 percent inflation for at least a couple of years,” says Rogoff, 56, who’s now a professor at Harvard University. “It would ameliorate the debt bomb and help us work through the deleveraging process.” [D. h. er glaubt, dass sich dadurch die privaten Hauskäufer (darunter nicht wenige, die aus rein spekulativen Zwecken Häuser gehortet haben), ihrer Schuldenlast leichter entledigen können.] Dass bzw. warum das so einfach nicht läuft, erklärt der Artikel-Autor Rich Miller den Lesern:
"Such a strategy would be risky. An outlook for higher prices could spook foreign investors and send the dollar careening lower."
Harvard-Professor Greg Mankiw (Autor eines weit verbreiteten, auch in Deutschland in mehreren Auflagen erschienenen Lehrbuchs der Volkswirtschaftslehre) rastet in meinen Augen gleich ganz aus, wenn er sagt (bzw. implizit fordert) (meine Hervorhebung):
"If Americans were convinced of the Fed’s commitment, they’d buy and borrow more now".
So also stellt sich ein führender amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler die wirtschaftliche Erholung in den USA vor: Galoppierende Inflation und Kunden, die erneut mehr Geld borgen, als sie zurück zahlen können. Und da die Sparquote in den USA nicht ausreicht, um so viel Kredit aufzunehmen, läuft das Spiel ganz zwangsläufig darauf hinaus, dass wieder einmal die Führerscheinneulinge in den deutschen Landesbanken die Euros über den großen Teich verschiffen.
Für hinreichend bekloppt dürfen wir sie nach allen bisherigen Erfahrungen wohl halten, und die Intelligenz der deutschen Bankenaufsicht Bafin mit dem Ahnungslosen Jochen Sanio an der Spitze (Zitat aus Mai 2008: "Wir haben die Portfolios gesichtet, und mir ist seit längerem kein Institut bekannt, bei dem es Liquiditätsprobleme gibt", sagte der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin).") kann ebenfalls unmöglich unterschätzt werden.
Warum die amerikanischen Schlaumeierstrategien dennoch nicht aufgehen werden, konnte man aber z. B. schon in dem Artikel "Icebergs" von John Riley, "Chief Strategist" des Finanzdienstleisters Cornerstone, vom 12/03/07 nachlesen.
Und bei Canabbaia in dem Blott " 'Ceci n’est pas une inflation' oder: Eine Inflation gibt es nicht!".
Erg. 19.2.10: Kritik kommt auch von der Bloomberg-Kommentatorin Caroline Baum u. d. T. "Inflation ‘Cure’ Exposed When In-Laws Move In" (22.05.09).
Ergänzung 06.09.09: Und bei "Dr. Doom" alias Nouriel Roubini in seinem Forbes-Artikel "Get Ready For 'Stag-Deflation'. That's stagnation/recession + deflation" vom 10.30.08 (meine Hervorhebungen):
"Finally, while in the short run a global recession will be associated with deflationary forces, some ask whether we should worry about rising inflation in the middle run? This argument--that the financial crisis will eventually lead to inflation--is based on the view that governments will be tempted to monetize the fiscal costs of bailing out the financial system, and that this sharp growth in the monetary base will eventually cause high inflation.
In a variant of the same argument, some posit that--as the U.S. and other economies face debt deflation--it would make sense to reduce the debt burden of borrowers (households and, now, governments taking on their balance sheets the losses of the private sector) by wiping out the real value of such nominal debt with inflation.
So should we worry that this financial crisis and its fiscal costs will eventually lead to higher inflation? The answer to this complex question: likely not.
First, the massive injection of liquidity in the financial system--literally trillions of dollars in the last few months--is not inflationary, as it accommodates the demand for liquidity that the current financial crisis and investors' panic have triggered. Thus, once the panic recedes and this excess demand for liquidity shrinks, central banks can and will mop up all this excess liquidity. [Das bleibt noch abzuwarten, ob die das wirklich schnell genug tun werden!]
Second, the fiscal costs of bailing out financial institutions would eventually lead to inflation if the increased budget deficits associated with this bailout were to be monetized, as opposed to financed with a larger stock of public debt. As long as such deficits are financed with debt--rather than by the printing presses--such fiscal costs will not be inflationary, as taxes will have to be increased over the next few decades and/or government spending reduced to service this large increase in the stock of public debt.
Third, to the question raised earlier: Wouldn't central banks be tempted to monetize these fiscal costs--rather than allow a mushrooming of public debt--and thus wipe out with inflation these fiscal costs of bailing out lenders/investors and borrowers? Not likely in my view. Even a relatively dovish Bernanke Fed cannot afford to let the inflation-expectations genie out of the bottle via a monetization of the fiscal bailout costs. It cannot afford to do that because a rise in inflation expectations will eventually force a nasty and severely recessionary Volcker-style monetary-policy tightening to get the genie back into its bottle.
Fourth, inflation can reduce the real value of debts as long as it is unexpected, and as long as debt is in the form of long-term nominal fixed-rate liabilities. An attempt to increase inflation would not be unexpected: Investors would write debt contracts to hedge against such a risk if monetization of the fiscal deficits does occur.
Also, in the U.S. economy, a lot of debts--of the government, of the banks, of the households--are not long-term nominal fixed-rate liabilities. They are, rather, shorter-term variable-rate debts. Thus, a rise in inflation in an attempt to wipe out debt liabilities would lead to a rapid repricing of such shorter term, variable-rate debt. And thus expected inflation would not succeed in reducing the part of the debts that are now of the long-term nominal fixed-rate form--i.e., you can fool all of the people some of the time (unexpected inflation) and some of the people all of the time (those with long-term nominal fixed-rate claims), but you cannot fool all of the people all of the time."
Ganz so optimitisch wie Roubini bin ich mir allerdings nicht, dass die Notenbanken bzw. zumindest die US-Notenbank nicht versuchen werden (wird), die Schuldenlast teilweise wegzuinflationieren . Allzu plump können und werden die das natürlich nicht machen; man wird versuchen, die Inflation fein zu dosieren und gut zu verteilen, ggf. auch zu verstecken, indem man die Berechnung von Indizes ändert oder bestimmte Daten offiziell gar nicht mehr erfasst - das ist ja nichts Neues in den USA. Und hat nicht die ganze Welt jahrelang geglaubt, die amerikanischen Schuldner würden die Kredite tilgen können, und das US-Finanzwesen sei sicher, weil gut reguliert? Ben Bernanke selbst hat offenbar geglaubt, zumindest bis 2007, was er im Jahr 2002 der Welt vorgegaukelt hatte (meine Hervorhebung):
"Despite the adverse shocks of the past year [i. e. 2001], our banking system remains healthy and well-regulated, and firm and household balance sheets are for the most part in good shape."
Ob es damals noch "healthy" war, darüber mag man streiten. "Well regulated" war es längst nicht mehr.
Trotzdem werden wir und wird die Welt natürlich wieder gewaltigen Schaden nehmen.
Nachtrag 06.09.2009
An Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt der Bericht "Nur ein Vorgeschmack" in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 25.05.2009 (aus der Artikelserie "Das Kapital"; meine Hervorhebungen):
"Auf die Liebhaber von Staatsanleihen kommt einiges zu: zunächst eine Emissionsflut, dann vermutlich Inflation. Da sind starke Nerven gefragt. .....
... verficht auch der Einwand der Deflationsmahner nur bedingt: dass das Zentralbankgeld wegen der gestörten geldpolitischen Transmission, der sinkenden Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes sowie des riesigen Kapazitätsüberhangs nicht inflationär wirken kann.
Vorläufig mag das so sein. Doch während die industriellen Kapazitäten in den USA wegen unterlassener Investitionen und Firmenpleiten bereits sinken, könnte die Geldumlaufsgeschwindigkeit schon bei den geringsten Anzeichen eines Preisauftriebs anspringen, wobei die Fastverdoppelung des Ölpreises infolge zartester Konjunkturhoffnung nur beunruhigen kann. [Vgl. dazu meinen Blott "Jauchzet, frohlocket: der Ölpreis steigt! Endlich dürfen wir auf die Wiederkehr der Inflation hoffen, deren wir nach Meinung mancher bedürfen!"] ...
... wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Zentralbanken ihre Bilanzen bei Bedarf tatsächlich wieder hinreichend verkürzen, wenn die Staatsschulden der G7-Länder 2010 im Durchschnitt auf 115 Prozent des BIP steigen, wie es der IWF vermutet? Das ist ja gerade das Dumme bei der wirtschaftspolitischen Antwort auf die Krise: dass diese auf noch höhere Schulden hinzielt.
Werden die Zentralbanken den Finanzministern und Privaten da wirklich unangenehme Refinanzierungsbedingungen aufbürden ...?
Und was, falls die nun verordnete Medizin nicht anschlägt? [Dann] würden Geld- und Fiskalpolitik dann wohl noch viel höhere Dosierungen verabreichen, so lange, bis sie die gewünschte Inflation kriegen. ...
... über Wechselkursmechanismen wird ihre [die amerikanische] Wirtschaftspolitik auf die ganze Welt ausstrahlen."
Nachtrag 7.6.09
Dass und in welchen Anlageklassen die Madoffs dieser Welt, bzw. spezifisch diejenigen in den USA, auch weiterhin Gewinn bringend aktiv sind, berichtet Tobias Bayer in dem Artikel "Lückenhafte Kontrolle. Betrüger entdecken den Rohstoffhandel" in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 05.06.09
Nachtrag 27.06.09
Auch in den vorliegenden Kontext passt, was Dieter Wermuth, ein von mir wegen seiner Sachkunde und seiner profunden Analysen besonders geschätzter Volkswirt und „Hirte“ neulich in dem auf ökonomische Fragen spezialisierten ZEIT-Weblog „Herdentrieb“ schrieb.
Zwar geht es in seinem Blott „Alle sparen – wie kann der Exportweltmeister reagieren?“ vom 11.06.2009 eigentlich um die aktuelle Weltwirtschaftskrise (WWK II), doch einige Ausführungen zum Thema Kapitaldeckungsverfahren in der Rentenversicherung passen insoweit auch vorzüglich in den vorliegenden Kontext, als er dort jene diversen 'Madoff'-Mechanismen beschreibt, mit denen die Schuldnerländer ihre ausländischen Gläubiger (teilweise allerdings auch ihre eigenen) enteignen können und tatsächlich auch expropiieren werden (meine Hervorhebungen):
„In einer alternden Gesellschaft ist es ja plausibel, ausländisches Vermögen anzusammeln, von dem man später einmal leben kann, wenn die Arbeitskraft nachlässt. ..... Wer realistisch ist, muss aber damit rechnen, dass die Kinder das Geld, das sich die Eltern von diesen sparsamen Ländern geliehen hatten, nicht mehr zurückzahlen wollen, vor allem dann nicht, wenn die Eltern die Kredite nicht in die Verbesserung und Vergrößerung des Kapitalstocks gesteckt ..... sondern konsumtiv verjubelt hatten.
Die Gläubiger werden auf die unterschiedlichste Art enteignet, sei es, dass sich amerikanische Wertpapiere als Schrott erweisen, dass man also einem Pyramidensystem aufgesessen ist, oder weil die Kurse und Preise von General Motors-Aktien, des Ferienhauses in Florida oder des Flats in London in den Keller gerauscht sind, oder weil sich Dollar und Pfund stark abwerten, oder weil durch forciertes Gelddrucken (“quantitative easing”) die amerikanische oder britische Inflation dann doch einmal ins Galopieren kommen, wodurch die Kurse der festverzinslichen Wertpapiere einbrechen, einschließlich der von Staatsanleihen. Durch diese Prozesse schrumpft, in Euro gerechnet, der Wert unseres Auslandsvermögens, ... . All das erleben wir seit etwa einem Jahr – was noch fehlt, ist ein richtiger Dollarcrash.“
Nachtrag 19.08.09
In dem "Handbook of Monetary And Fiscal Policy (Public Administration and Public Policy)" (Autor ist ein gewisser "Rabin"; erschienen ist das Buch im Jahr 1991) lesen wir in einem Kapitel über die optimale Inflationsrate unter dem Zwischentitel "Other Considerations" (meine Hervorhebung):
"Other factors might further increase the optimal rate of inflation. For example, the underground economy uses cash intensively and is difficult to reach with other tax instruments. Some additional inflation might be desirable as a tax on activity in this sector. Similarly, much of the stock of U.S. currency is held abroad, and it might be desirable to collect seignorage from foreigners. Quantitative information on the amount of money held abroad or used in the underground economy is sparse, however, and it is difficult to say how much these factors might raise the optimal inflation rate."
Timothy Cogley, Senior Economist der Federal Reserve Bank of San Francisco, hat den Text reproduziert [hat abgeschrieben? Oder geht er in beiden Fällen auf eine der bei Cogley genannten Quellen zurück?] in dem "FRBSF Economic Letter. 97-27; September 19, 1997" unter der Überschrift "What is the Optimal Rate of Inflation?"
Wie auch immer: die Idee, durch die Verbreitung der eigenen Währung bei den Ausländern abzukassieren, ist auch in Zeiten, wo der Münzprägegewinn unbedeutend ist, nicht ausgestorben. Und die "Seignorage" soll heutzutage nach den Vorstellungen einiger anscheinend auch durch ein bisschen gesteuerte Inflation aufgebessert werden.
Nachtrag 28.08.09
Auch in den USA gibt es natürlich (nicht wenige) kritische Stimmen gegen eine Inflation; nicht weil man die Interessen der ausländischen Geldschlepper im Blick hat, sondern Schaden für die eigene Wirtschaft befürchtet. ALLAN H. MELTZER schloss seinen Kommentar "Inflation Nation" in der New York Times vom 3.5.09 mit der Mahnung:
"Milton Friedman often said that “inflation was always and everywhere a monetary phenomenon.” The members of the Federal Reserve seem to dismiss this theory because they concentrate excessively on the near term and almost never discuss the medium- and long-term consequences of their actions. That’s a big error. They need to think past current political pressures and unemployment rates. For the next few years, they cannot neglect rising inflation."
Nachtrag 18.09.09
Im Handelsblatt vom 04.02.2009 erklärte Hugo Dixon von "breakingviews.com": "Inflation ist keine Lösung":
"Inflation ist unser Freund. So lautet der verführerische Gedanke, den eine wachsende Armee von Wirtschaftsgurus verbreitet. In einer deflationären Welt brauchen wir eine Politik, die gezielt die Inflation anheizt, sagen diese Experten. Denn dann verringere sich der "reale" Wert der weltweiten Schulden, ... . Aber sie haben unrecht.
Zunächst einmal ist es zweifelhaft, ob die vorgeschlagene Behandlung überhaupt wirkt. .....
Natürlich könnten die Politiker auch entscheiden, den Markt für Festverzinsliche zu ignorieren, wenn sie wirklich wild entschlossen sind, die Inflation anzukurbeln. In diesem Fall müssten sie nur die Notenpresse anwerfen. Aber eine solche Entwertung der Währung könnte auch leicht zu einer Hyperinflation führen. .....
Aber stellen wir uns einmal vor, die Inflationsmedizin habe kurzfristig gewirkt. Auch in diesem Fall wären die langfristigen Auswirkungen dramatisch. Die Sparer würden sich zu recht beraubt vorkommen. ... Und es würde ein falsches Signal aussenden. Warum sollte in Zukunft noch irgendjemand sparen? .....
Eine bewusste Inflationspolitik würde die moralischen Grundfesten des Kapitalismus erschüttern. Der Staat sollte sich darauf nicht einlassen."
Nachtrag 21.09.09
Lorenzo Bini Smaghi ist Italiener und Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank. Geldpolitisch ist er ein Hardliner, wie die Deutsche Bundesbank keinen besseren ausbrüten könnte. Es ist daher nicht als Kritik an ihm (und auch nicht an der EZB) zu verstehen, wenn ich sage, dass ich aufgrund einer Äußerung von ihm nunmehr ziemlich sicher einer Inflationspolitik der US-Notenbank erwarte.
In dem FTD-Artikel "Deflationsangst. EZB-Notenbanker warnt vor Überreaktion"
(zusammenfassender Vorspann: "Das EZB-Direktoriumsmitglied Bini Smaghi dämpft die Deflationsängste und lehnt vorbeugende Schritte ab. Mit seinen Aussagen stellt sich Bini Smaghi klar gegen Volkswirte und internationale Institutionen wie OECD oder IWF") referiert Mark Schrörs Äußerungen Binis (von einer Pressekonferenz?) wie folgt:
"Bini Smaghi prognostiziert, dass das Potenzialwachstum nach der Krise "erheblich niedriger" sein wird [als] zuvor. Hintergrund dafür ist auch, dass laut Bini Smaghi das Wachstum der vergangenen Jahre auf einem "exzessiven Wachstum bestimmter Sektoren" wie dem Finanz- oder dem Häusersektor basiert hat. Das müssten Fiskal- und Geldpolitik beachten. Für die Geldpolitik bedeute das etwa, dass die Produktionslücke kurzfristig kleiner ist: "Deshalb kann man den Leitzins weniger stark senken."
Was das mit der Geldpolitik des Federal Reserve System zu tun hat? Nun, die US-Amerikaner werden nicht verstehen und nicht glauben, dass mit dem fröhlichen Wachstum jetzt Schluss sein soll. Es wäre auch hart für die überschuldeten Wirtschaftssubjekte in dieser Scheinblütenwirtschaft, wenn sie ihre Verbindlichkeiten ohne Wachstum abtragen müssten. Es sei denn, sie entledigen sich der Schulden durch Inflation.
Die Fed wird auf Teufel komm raus Geld rausgeben, in der Hoffnung, auf diese Weise das Wachstum anzukurbeln - Greenspan-Style. Sollte den Akteuren bewusst sein, dass nachhaltiges Wachstum so nicht zu haben ist, werden sie bewusst Inflationspolitik betreiben, um die Schuldenlast zu mindern. Die Beobachter werden nicht sagen können, welche Motive die Fed wirklich hat, denn zu einer Inflationierung würden sich die Akteure natürlich nicht ausdrücklich bekennen.
Die Motive sind jedoch gleichgültig; in jedem Falle ist aufgrund des US-Verständnisses von Wirtschaft und der amerikanischen Interessenlage als Schuldnernation mit einer zunehmenden Dollarentwertung zu rechnen.
Nachtrag 02.10.09
Für einen späteren Rückblick speichern wir uns hier mal den Link zum FTD-Artikel "Politik auf Pump. US-Schuldenrekord bedroht Weltwirtschaft".
Werden die USA ihre Schulden abbezahlen - oder sie weginflationieren? Ich tippe mal auf weginflationieren - auf die Gefahr hin, Unrecht zu behalten.
Nachtrag 25.12.09
Freunden einer "maßvollen" Inflation sei eine Lektüre des Bundesbank-Jahresberichts für 1996 ans Herz gelegt, und zwar speziell des Kapitels "Vom Wert stabilen Geldes" (Seiten 82 ff.). Vor üertriebener Deflationsangst wird darin ebenso gewarnt wie vor dem Spiel mit kleiner Inflations-Flamme:
"In eine andere Richtung als der Deflationsvorwurf zielen dagegen Überlegungen, von vornherein nicht Preisniveaustabilität anzustreben, sondern eine optimale (positive) Inflationsrate, die bewußt mehr oder weniger mäßige Preissteigerungen in den Dienst der Wachstumsförderung zu stellen versucht. Dahinter steht die generelle Vermutung, daß eine „begrenzte Relativierung“ des stabilitätspolitischen Zieles für die Erreichung anderer Ziele nützlich oder doch wenigstens nicht schädlich ist, also keinerlei Nachteile gegenüber einem strengeren Geldwertmaßstab bringt. Eine permissive Geldpolitik und „etwas mehr Inflation“ wird gerade in Zeiten eines hohen Grades an Geldwertstabilität von manchem als zumindest tolerierbar angesehen, insbesondere wenn andere Ziele der Wirtschaftspolitik wie ein angemessenes Wirtschaftswachstum oder ein hoher Beschäftigungsstand verfehlt werden und damit in den Vordergrund treten. Diese Einstellung entspricht dem immer wieder beobachtbaren Verhaltensmuster, daß ein Ziel – einmal erreicht – nach einiger Zeit als etwas Selbstverständliches angesehen und mit abnehmender Wertschätzung bedacht wird. Vor diesem Hintergrund erscheint es geboten, den Wert stabilen Geldes analytisch stärker in das Blickfeld zu rücken und – wie in diesem Abschnitt ebenfalls beabsichtigt – in einen größeren Zusammenhang zu stellen. .....
Umgekehrt wird auch die Ausbeutung von Geldillusionen allenfalls ein konjunkturelles Strohfeuer entfachen, kann man doch nicht davon ausgehen, daß eine dauerhafte und stabile, wirtschaftspolitisch nutzbare wechselseitige Beziehung zwischen der Höhe der Inflationsrate und dem Beschäftigungsgrad besteht. Strukturelle Verwerfungen monetär zu überspielen und niedrige Realzinsen sowie Reallohnanpassungen auf diesem Wege herbeizuführen, bleibt ein untaugliches Unterfangen. Zu den Irrtümern einer solchen Politik zählt, daß dabei nicht zwischen Geld und Kapital und zwischen Liquidität und Ersparnissen sowie transitorischen und permanenten Wirkungen unterschieden wird. So werden die wirtschaftspolitische Steuerungsfähigkeit realer Prozesse überschätzt und das Problem der Kontrollierbarkeit in Gang gekommener inflatorischer Vorgänge unterschätzt.
Ebensowenig überzeugend ist die These, eine mehr oder weniger deutlich positive Inflationsrate sei nötig, um der Notenbank die Option offenzuhalten, bei entsprechender Konjunktursituation die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch negative Realzinsen stimulieren zu können. Da das Niveau der Nominalzinsen positiv sein muß beziehungsweise im Extremfall seine Untergrenze bei Null findet, liege dort im Falle der Preisstabilität auch die Grenze für das Realzinsniveau. Damit verliere die Geldpolitik in einer gesamtwirtschaftlich besonders bedrohlichen Lage jegliche Einflußmöglichkeit. Dieses Argument trifft jedoch nicht zu, da die Notenbank jederzeit die Möglichkeit behält, durch Käufe von Aktiva (Wertpapiere, Devisen) praktisch jede gewünschte Änderung der Geldmenge beziehungsweise Liquidität zu erzielen. [Das "Quantitative Easing", um das 'Hubschrauber'-Ben Bernanke solchen Wind gemacht hat, ist also ein alter Hut!!] Zum andern stellt sich auch grundsätzlich die Frage, ob die Zentralbank eine solche konjunkturpolitische Aufgabe übernehmen und auf die Politik des „stop and go“ setzen sollte. Schon in der Vergangenheit wurde die Geldpolitik damit oftmals überfordert. Eine überexpansive Zinspolitik legte häufig die Basis für einen neuen Inflationsschub, der dann mit umso höheren Zinsen wieder bekämpft werden mußte. Für eine mittelfristig orientierte Verstetigungsstrategie dürften negative Realzinsen kaum förderlich sein. Kaum zu überschätzen sind hingegen die Vorteile der Preisstabilität, zumal diese prinzipiell zeitlich unbegrenzt sind und Jahr für Jahr anfallen. Dies gilt auch im Vergleich zu einer niedrigen Inflationsrate, wenn eine weitere Rückführung gelegentlich als nicht mehr lohnend angesehen wird. Zu diesen Vorteilen ist zu rechnen, daß knappe Ressourcen, die der Umgehung der Inflationswirkungen dienen, eingespart und produktiveren Verwendungszwecken zugeführt werden können."
Nachtrag 04.01.2010
Sehr informativ betr. die Krisen-Aktivitäten der Zentralbanken, insbesondere der Fed, der englischen Notenbank und der ECB, ist der lange Eintrag (allerdings schon vom 21.03.2009) "Fiscal dimensions of central banking: the fiscal vacuum at the heart of the Eurosystem and the fiscal abuse by and of the Fed" im Blog "Maverecon" von Willem Buiter. Buiter kritisiert die Europäische Zentralbank dafür, dass sie nicht Staatspapiere ankauft (indirekt am Markt) und keine privaten Verbindlichkeiten, sondern nur Geld an Banken, und auch nur gegen Sicherheiten, verleiht. Im Grunde verlangt er aus meiner Sicht eine Subventionierung von Krediten durch die Länder der Eurozone via ECB. Das scheint mir doch recht fragliches Rezept zu sein; vor allem ist das Exit Szenario schwierig vorstellbar, wenn die Notenbanken Geld nicht verliehen, sondern durch Effektenkäufe in die Wirtschaft eingespeist haben. Zwar können sie die Wertpapiere bzw. Kredite wieder verkaufen; jedoch ist es gut vorstellbar (real bei der Fed, die US-Staatsanleihen im Wert von 1,6 Billiarden Dollar angekauft hat - vgl. HB-Artikel "Analysten sehen für US-Bonds schwarz" vom 4.1.10), dass sie diese Papiere später nicht mehr zu den Ankaufspreisen verkaufen kann. Dann hat sie nicht nur Verluste, sondern vor allem bleibt ein Teil der emittierten Liquidität im System hängen. Da die EZB lt. Buiter nur Kredite bis zu 6 Monaten vergibt, kann sie diesen Geldhahn relativ kurzfristig zudrehen.
Was die USA angeht, kritisiert Buiter die quasi-fiscal actions (Aufkäufe von Wertpapieren, Subventionen an Finanzinstitutionen) der Fed, weil sie ohne eine volle Garantie durch den Staat erfolgen. Im übrigen erwartet auch er, dass die Fed die US-Staatsschuld weginflationieren wird (meine Hervorhebungen):
"... little if any likelihood is attached [by the markets] to the scenario where the ECB colludes in inflating away the real value of Eurozone government debt.
I consider the opposite outcome to be more likely for the country with the least independent of the leading central banks - the USA. The Fed has always acted like what it is: a creature of Congress: “..the Federal Reserve is subject to oversight by Congress, which periodically reviews its activities and can alter its responsibilities by statute.” More recently, it has also consented to become an off-balance sheet and off-budget dependency of the US Treasury.
If, as I consider likely, the US Federal government will not be able to commit itself credibly to future tax increases or future public spending cuts of sufficient magnitude, US public debt will, during the next two or three years, build up to unsustainable levels. When faced with the choice between sovereign default and inflating away the real value of the public debt, there is little doubt about the alternative that will be chosen by the US Executive and the US Congress. The Fed will be instructed to inflate the public debt away. Either Ben Bernanke or a more pliable successor will implement these instructions."
Nachträge 19.02.10:
In seinem New York Times Artikel "It May Be Time for the Fed to Go Negative" vom 18.04.2009 schlägt Mankiw sogar die Einführung von Schwundgeld vor (wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob er das ernst meint oder nicht). Hilfsweise soll die Fed negative Realzinsen durchsetzen. [Dass sich die Chinesen als Hauptgläubiger der USA für diese Idee erwärmen werden, darf bezweifelt werden!]
Die oben schon zitierte Bloomberg-Kommentatorin Caroline Baum weist in ihrem kritischen Kommentar "Higher Inflation Is a Lousy Cure for Meltdowns" vom 17.02.10 auf ein aktuelles (12.02.10) Arbeitspapier von Mitarbeitern des Weltwährungsfonds hin, in dem eine erhöhte Inflationsrate tendenziell positiv bewertet wird:
"Rethinking Macroeconomic Policy" von Olivier Blanchard, Giovanni Dell’Ariccia und Paolo Mauro.
Gewinnen die Inflationisten also an Boden?
Nicht unbedingt zum Thema (Inflationismus/Inflationisten), wohl aber zu meiner Überschrift "Alles Madoff ..." passt dieser Blog-Eintrag vom 05.03.2010 auf der Webseite "Naked Capitalism": "Complexity is the handmaiden of deception." Auf Deutsch z. B. so zu übersetzen: Komplexität ist die Tarnkappe der Täuschung.
Nachtrag 8.6.10
Alles Madoff, in der Tat!
Während die Financial Times Deutschland schon häufig über die amerikanischen Statistikfälschungen berichtet hat, hat nun im Handelsblatt vom 04.06.2010 Norbert Häring in einem relativ langen Artikel "Geschönte Wachstumsdaten: Der Statistik-Schmu der Amerikaner" die Methoden und Ziele der amerikanischen Verfälschungen wesentlicher ökonomischer Kennziffern der USA recht detailliert dargestellt:
"Mit ihrer starken Wirtschaft im Rücken haben die Amerikaner die wachstumsschwachen Europäer immer über die richtige Wirtschaftspolitik belehrt. Doch ein tiefer Blick in die amtlichen Statistiken zeigt, dass die Behörden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihre Wachstums- und Inflationsdaten schönen."
Textstand vom 08.06.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Mittwoch, 27. Mai 2009
Ursula-von-der Leyen-Fanclub. Sind Sie noch nicht dabei? Ich bin für Internetsperren! Sie doch hoffentlich auch?
Für gute Sachen bin ich doch immer zu begeistern!
Zum Beispiel dafür, dass ausnahmsweise mal das Volk entscheidet, ob es Internetsperren will oder nicht.
Ob wir es schaffen, die Berliner Benevolenzdiktatur (benevolent dictatorship) in diesem Punkt abzuschaffen?.
Hilf mit und verbreite
Auch du diese Seite!
(Ich meine nicht meine, sondern diejenige, auf welche das obige Ursula-Symbol verweist!)
Freiheit, die ich meine:
Legt Ursula an die Leine!
Oder schickt sie zurück an die Leine.
Damit wir eines Tages aufatmen können wenn es heißt:
URSULA VON DER LEYEN:
VON DER LEINE - AN DIE LEINE!
----------------------------------------------------
Nachfolgend übernehme ich einen Essay von einem gewissen Christian Wöhrl. Wöhrl legt (wie das anderwärts auch zahlreiche andere Gegner von Internetsperren getan haben) für mich überzeugend dar, dass die jetzt geplanten Maßnahmen lediglich der Anfang einer schiefen Ebene wären, auf der wir ganz schnell in Zensurmaßnahmen auch politischer Natur abgleiten können. Im Original (und dort mit den Links, die hier bei mir fehlen) ist Wöhrls Aufsatz hier aufzurufen; auf einer anderen Unterseite hat er zahlreiche weitere einschlägige Informationen verlinkt.
cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 1 von 4
Kinderpornografie und Internet-Zensur
Hintergründe, Zusammenhänge, Denkanstöße
Christian Wöhrl, April 2009
Alle verwendeten Weblinks finden Sie auf Seite 4 auch im Volltext.
uf den ersten Blick wirkt es wie eine ehrenwerte Aufgabe, der sich Ursula von der Leyen
verschrieben hat. An allen Fronten kämpft die Bundesfamilienministerin gegen Kinderpornografie:
gegen den sexuellen Missbrauch Schutzbedürftiger und gegen den Vertrieb solcher
Pornografie im Internet. Doch nähere Betrachtung ihrer Argumente und Handlungsansätze zeigt,
dass ihr eigentliches Ziel keineswegs die Bekämpfung von Kinderpornografie ist, ja nicht sein kann.
A
Worum aber geht es wirklich? Hier mein Versuch einer kurzen Zusammenfassung der geplanten
„Anti-Kinderporno“-Maßnahmen1 sowie einer auch für technische Laien verständlichen Erklärung:
Die Familienministerin und ihre Mitstreiter legen ihrem Handeln die Annahme zugrunde, der
„WWW“ genannte Teilbereich des Internets (also all das, was mit einem Browser wie Internet
Explorer oder Firefox zugänglich ist) sei ein wesentlicher Distributionskanal für frei zugängliche
oder auch kommerzielle Kinderpornografie. Viel spricht dafür, dass dies nicht so ist, dass also
Kinderpornografie nahezu ausschließlich außerhalb des WWW verbreitet wird und auch das nicht
im großen Stil gewerbsmäßig. Dennoch soll speziell für das WWW, zunächst nur bei großen
Internet-Zugangsanbietern, später bundesweit verbindlich, das Instrumentarium der „Stoppseite“
eingeführt werden, um nach den Vorstellungen von Frau von der Leyen die Verfügbarkeit kinderpornografischer
„Einstiegsdrogen“ zu erschweren. Die entsprechenden Verträge mit einigen der
größten Provider sind bereits unterschrieben. Eine Liste der kooperierenden Anbieter gibt es hier.
Wie funktioniert die Stoppseite?
Wenn man im Browser wie gewohnt eine Internet-Adresse im Klartext aufruft, wird die Anfrage
zunächst an einen DNS-Server geschickt, der den Klarnamen (z.B. http://cwoehrl.de) in die
zugehörige IP-Adresse (z.B. 80.67.17.71) auflöst und die Anfrage dorthin weiterleitet. Jeder
Internet-Anbieter hat seinen eigenen DNS-Server, und dadurch ist es ihm möglich, die
Weiterleitung zu bestimmten IP-Adressen oder -Bereichen (z.B. alles mit 123.456.xxx.xxx)
zu blockieren oder auf andere Seiten umzuleiten. Genau das passiert hier: In den DNS-Servern
der beteiligten Provider werden Listen hinterlegt, die regeln, welche IP-Anfragen auf eine
Stoppseite umgeleitet werden.
Und jetzt wird’s spannend: Diese Listen sind geheim. Sie werden beim Bundeskriminalamt erstellt
und aktualisiert, vertraulich an die Provider weitergegeben, und diese haben sie umgehend und
ungeprüft in ihre Server einzupflegen. Wer sich darüber informieren möchte, was auf diesen Listen
steht, der macht sich bereits strafbar. Nochmals: Wir reden vom BKA – dieselbe Behörde, die
gerade im Rahmen eines höchst umstrittenen Gesetzes mit weit reichenden Geheimdienstbefugnissen
ausgestattet wurde, soll hier Ermittler, Ankläger und Richter in Personalunion sein, und
1 Stand ca. April/Mai 2009.
cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 2 von 4
demokratietypische Kontrollmechanismen sind nicht vorgesehen. Allein: „Das grenzenlose
Vertrauen ins BKA widerspricht dem Menschenverstand“, wie ZEIT-Verleger Michael Naumann in
der Begründung seiner Verfassungsklage gegen das BKA-Gesetz schreibt.
Niemand darf wissen, was auf diesen Sperrlisten steht. Jeder von uns könnte also beim ziellosen
Internet-Surfen, beim Anklicken eines launigen Links in einer E-Mail, unbeabsichtigt auf einer
Stoppseite landen. Und nun sage niemand „na und“, denn die Perfidie geht weiter: Während Frau
von der Leyen bei ihrem Propagandafeldzug durch Redaktionen und Rundfunkanstalten bislang
darauf beharrte, dass zufällige Aufrufe nicht protokolliert würden, klingt das neuerdings aus dem
Justizministerium ganz anders. Dessen Pressesprecher Ulrich Staudigl erklärte jüngst gegenüber
heise online, dass sehr wohl eine Echtzeitprotokollierung des Datenverkehrs an den Stoppseiten
geplant sei und jeder Nutzer, der eine solche Seite aufrufe, mit Strafverfolgung zu rechnen habe.
Klartext: Sobald diese Vereinbarungen und Gesetze in Kraft sind, stehen wir alle beim ganz
normalen Surfen mit einem Bein im Gefängnis. Und Unschuldsvermutung hin oder her: Wenn Ihr
Nachbar aufschnappt, dass bei Ihnen eine Hausdurchsuchung wegen des Verdachts auf Konsum
von Kinderpornografie stattgefunden hat, können Sie vermutlich nur noch ganz weit wegziehen ...
Was man nicht sieht, das gibt es nicht. Oder doch?
Und bei alledem sollte nicht vergessen werden: Die möglicherweise2 zu Recht anstößige Webseite
ist zwar nicht mehr auf Anhieb sichtbar; sie ist aber nach wie vor online und kann von jedem
Interessierten problemlos aufgerufen werden. Ich habe das vor einigen Monaten hier als den
Versuch beschrieben, einen Exhibitionisten im Stadtpark nicht etwa festzunehmen, sondern mit
einem Paravent zu umstellen.
Erfahrungen mit Sperrlisten in anderen Ländern zeigen zudem, dass auf solchen Listen längst nicht
nur kinderpornografische Websites zu finden sind. Hier ist etwa eine auf verschlungenen Wegen
veröffentlichte skandinavische Liste verlinkt, die nur zu rund einem Prozent echte Kinderpornografie
umfassen soll, welche zudem mehrheitlich auf Servern in Europa und den USA liegt, wo man
sie problemlos binnen Minuten vom Netz nehmen könnte, statt sie bloß zu verhüllen. Genau das ist
übrigens eine Hauptforderung der Gegner von Netzsperren: Nicht bloß wegsehen, sondern Inhalte
vom Netz nehmen und die Urheber verfolgen! Diesbezüglich sind wir deutlich rigoroser als die
Politik, und deshalb sind die Vorwürfe aus den Reihen der Regierung, Sperrkritiker sympathisierten
mit Kinderschändern, vollkommen aus der Luft gegriffen. Ist es im Gegenteil nicht sogar strafvereitelnd,
wenn die Urheber krimineller Websites durch eine Stoppseite vorgewarnt werden, dass
sie möglicherweise demnächst mit Strafverfolgung zu rechnen haben?
Wohin der Hase läuft, zeigen auch Forderungen diverser Politiker, solche Sperrseiten nicht nur
gegen Kinderpornografie, sondern beispielsweise auch gegen ausländische Glücksspielseiten
einzusetzen. Wir müssen also davon ausgehen: Sobald diese Infrastruktur existiert, wird sie gegen
die unterschiedlichsten missliebigen Dinge zum Einsatz kommen. Damit jedoch sind wir im
Bereich lupenreiner, keiner Kontrolle unterworfener Zensur, die allerdings laut Artikel 5 GG nur
unter allerstrengsten Vorbehalten zulässig ist.
2 bedenken Sie, dass wir nicht das Recht haben, das zu prüfen.
cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 3 von 4
Doch selbst wenn wir wider jeglichen Verstand davon ausgehen wollen, dass diese Filterlisten für
die DNS-Server auf kinderpornografische Websites begrenzt bleiben, so ist es doch eine Sache von
Sekunden, diese DNS-Sperren zu umgehen. Eine Anleitung dazu gibt es unter anderem hier. Und
diese Möglichkeit sollten Sie nutzen. Nicht um Webseiten mit verbotenen Inhalten aufrufen zu
können – das wäre berechtigterweise strafbewehrt –, sondern um sich selbst vor dem Risiko zu
schützen, ungewollt eine Stoppseite aufzurufen und dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Aber worum geht es denn nun?
Fassen wir zusammen: Als Sperren gegen Kinderpornografie sind DNS-Filter sinnlos. Es ist
wirklich so simpel. Wozu also sind sie gut?
Wenn man sie nicht einfach als wohlfeilen Wahlkampf-Aktionismus abtun möchte, sind sie nur so
zu erklären, dass hier ein Klima erzeugt werden soll, in dem technische Zensurmaßnahmen gegen
das Internet gesellschaftlich weitestgehend akzeptabel erscheinen. Und die für jeden Interessierten
offensichtliche Sinnlosigkeit von DNS-Filtern sollten wir uns als Nebelkerze vorstellen: Sie suggeriert,
dass man politisch nichts gegen die Filterung unternehmen muss, weil sie so einfach technisch
zu umgehen ist. Im nächsten Schritt werden wir technisch wirksame Zensur erleben, und wenn sich
daraufhin Opposition regt, wird es heißen: Na und, letztes Mal hat doch auch keiner gemeckert?
Wir müssen diese Maßnahmen im Zusammenhang sehen: Die Vorratsdaten spei cherung , das BKAGesetz,
die EU-Telecoms Packages, die DNS-Sperren – all das stellt unbescholtene Bürger unter
Generalverdacht, erzeugt ein Klima der Angst und beschneidet Freiheiten im Namen imaginärer
Sicherheit. Nichts von alledem wird der Kinderpornografie oder sonstiger Kriminalität das Wasser
abgraben, aber kritischen Bürgern wird dadurch vermittelt, dass sie besser den Mund halten sollten.
WWW, E-Mail und Co. ermöglichen fraglos neue Dimensionen der Kriminalität, denen Strafverfolgungsbehörden
adäquat begegnen können müssen. Aber sie ermöglichen auch neue Dimensionen
der unabhängigen Information, der Vernetzung und der Meinungsbildung; sie sind im besten Sinne
basisdemokratisch, indem sie jeder neuen, unkonventionellen, unbequemen Idee zunächst einmal
dieselbe Chance geben, sich in Windeseile im ganzen Land und darüber hinaus zu verbreiten. Und
ich wage zu behaupten: Wenn sie an die letztgenannten Möglichkeiten denkt, dann geht, verzeihen
Sie mir die Wortwahl, unserer derzeit herrschenden Klasse der Arsch auf Grundeis. Oder eleganter:
„Die utopischen Visionen des Netzes basieren, genau wie das Grundgesetz, auf einem Misstrauen
der Bürger gegenüber dem Staat. Die dystopischen dagegen auf einem Misstrauen des Staates
gegenüber den Bürgern. Welche Vision sich durchsetzen wird, ist noch nicht entschieden.“
Ralf Bendrath, Kampf der Kulturen
In ihren Bemühungen, ihr Elfenbeintürmchen gegen unerwünschte Partizipation des Wahlvolks
abzuschotten, erhält die Politik überdies Schützenhilfe von Interessengruppen etwa aus der
Musik- und Filmindustrie, die sich von einer wirksamen Zensur-Infrastruktur Schutz für
ihre überkommenen Geschäftsmodelle erhoffen. Diese Zusammenhänge auszuführen würde
allerdings den Rahmen dieses Dokuments sprengen; Hintergrundinformationen zu diesem
Themenkomplex finden Sie beispielsweise bei netzpolitik.org oder in Cory Doctorows frei
verfügbarer Essaysammlung Content.
cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 4 von 4
Und nun?
Aufklärung tut Not. Informieren Sie Ihren Freundeskreis, was es mit der ach so nützlichen Internet-
Filterung auf sich hat und was auf dem Spiel steht: Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie das
vielleicht wichtigste, sicherlich aber demokratischste Medium des 21. Jahrhunderts zu einem
schäbigen Outlet konsensfähiger Wischiwaschi-Meinungen heruntergewirtschaftet und jeder
Kritiker dieser Tendenzen pauschal kriminalisiert wird.
Auch politischer Gegenwind gegen solcherlei repressive Maßnahmen ist unumgänglich. Beispielsweise
können Sie noch bis 16. Juni 09 hier eine entsprechende Petition mitzeichnen. Kontaktieren
Sie auch Ihre Wahlkreisabgeordneten und -kandidaten, fragen Sie sie nach ihrer Haltung zur Informations-
und Meinungsfreiheit. Möglicherweise werden Sie schon bei Abgeordnetenwatch fündig;
auch dort können kritische Fragen gestellt werden. Geben Sie Ihren Kandidaten zu verstehen, dass
Sie nicht gewillt sind, Ihre bürgerlichen Freiheiten beschneiden zu lassen. Gehen Sie wählen, und
wählen Sie solche Personen und Parteien, die der Demokratie freundlich gesonnen sind.
Danke.
Autor: Christian Wöhrl, Hoisdorf
http://cwoehrl.de
chw@wort-und-satz.de
PGP: 0x3e4f310497fe2c8f (Info zu Verschlüsselung)
Ursprungsdatei: http://cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Letzte Bearbeitung: 12.05.09
Dieses Dokument darf in elektronischer oder gedruckter Form zu nicht-kommerziellen Zwecken
bei Urhebernennung vervielfältigt und verbreitet werden; keine Bearbeitungen ohne vorherige
individuelle Rücksprache bitte! Creative-Commons-Lizenz: CC by-nc-nd/3.0/DE
Benutzte Quellen, nach Verwendung im Text sortiert:
http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/03/25/die-legende-von-derkinderpornoindustrie/
http://providerzensur.de/
http://www.zeit.de/2009/18/BKA-Gesetz?page=all
http://www.heise.de/newsticker/Kinderporno-Sperren-Regierung-erwaegt-
Echtzeitueberwachung-der-Stoppschild-Zugriffe--/meldung/136769
http://cwoehrl.de/?q=node/439
http://netzpolitik.org/2009/schwedische-filterliste
http://www.thomasmoehle.de/zensur/index.php/Argumente#Begehrlichkeiten
http://www.ccc.de/censorship/dns-howto/
http://www.vorratsdatenspeicherung.de/
http://www.blackouteurope.eu/lang/deutsch/main.html
http://www.zeit.de/online/2009/18/internet-sperren-kulturkampf?page=all
http://netzpolitik.org/category/urheberrecht
http://craphound.com/content/download
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=3860
http://www.abgeordnetenwatch.de
http://cwoehrl.de/?q=node/451
Nachtrag 29.05.2009
Natürlich verlinken wir hier auch zur Gegenmeinung. "Was darf das Internet?
Wider die Ideologen des Internets!" titelt Heinrich Wefing einen längeren Aufsatz in der ZEIT vom 28.05.2009: "Die Freiheit im Netz ist wichtig. Und doch muss das Internet endlich allen Regeln des Rechtsstaats unterworfen werden."
Nachtrag 20.06.09
Schwaches Bild: "600 demonstrieren gegen Internet-Sperren" meldet das Handelsblatt am 20.06.2009 aus Berlin.
"Mehrere hundert Menschen haben am Samstag in Berlin gegen Sperrungen von Internet-Seiten protestiert. Zu der Demonstration hatte die Piratenpartei aufgerufen."
600 nur - das ist erschreckend! ICH wäre mitgegangen, wenn ich in Berlin wohnen würde! Obwohl ich kein Fan der Piratenpartei bin.
Nachtrag 28.11.2009:
"Gesetz ausgebremst: Köhler hegt Zweifel an Internet-Sperren" meldet das Handelsblatt heute:
"Bundespräsident Köhler unterstreicht seinen Ruf als Staatsoberhaupt mit eigenem Kopf: Dem noch von der alten Bundesregierung verabschiedeten Gesetz gegen Kinderpronographie im Internet wird vorerst die Unterschrift verweigert. Einem Magazinbericht zufolge will sich Köhler jetzt erst einmal mehr Informationen beschaffen."
Textstand vom 28.11.2009. Auf meiner Webseite
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Freitag, 22. Mai 2009
Kein Hessischer Kulturpreis für Navid Kermani. Kochte Hessens Ministerpräsident Roland Kusch-Koch ein Opfermahl für symbolische Anthropophagen?
Es begab sich aber zu der Zeit, da Johannes Dyba Bischof war in Fulda, einer alten Stadt im Hessischen Lande. Da kam an jenem Tage, an welchem derjenige, welchen die Christen als ihren Herrn bezeichnen, gen Himmel gefahren ist, der Referent mit seinem (staatlich) angetrauten Weibe daher. Sie durchquerten den schönen Schlosspark der einstigen Fürstäbte (zeitweise dann Fürstbischöfe) von Fulda (den er mittlerweile auch von oben angeschaut hat) und beendeten ihren Gang am barocken Dom, welcher geheißen wird "Dom St. Salvator zu Fulda". "Salvator" aber ist nicht, wie manche irrenden Schäfchen unserer glaubenslosen Zeit vielleicht glauben mögen, als Name einer Biermarke in die Welt getreten. Heiland heißt es, weil Jesus Christus uns gerettet hat vor dem (derzeit allerdings noch nicht vor: den) Bösen.
Dorten fanden die beiden Pilger eine Menge des Volkes versammelt und es waren darunter nicht wenige in wunderlichen bunten Gewändern. Auch hatten sie (mutmaßlich) Myrrhen und Weihrauch dabei, und einige Geräte, welche der Blick unseres Ethnographen unmittelbar und intuitiv als Gegenstände kultischer Gebräuche qualifizierte. Nicht unterschlagen darf der Chronist auch das Faktum, dass unser reisender Anthropologe zwar nicht unbedingt fett, jedoch ebenso wenig von magerer Körperbeschaffenheit ist. So werden meine Leser verstehen, dass kein geringer Schrecken unseren Observanten des Volkslebens erfasste, als er aus dem Munde des frommen Dr. jur. Johannes Dyba Worte vernahm, welche er als Ausdruck kannibalischer Bräuche deuten zu müssen glaubte:
"Dessen Leib wir essen, dessen Blut wir trinken ... ".
Dieses Ereignisses, welches sein sensibles Seelchen damals tiefinnerlich erschüttert haben mochte, erinnerte sich sein Backup-Memory, als er heute, verführt von finsteren ZEIT-GEISTERN, das Breve eines leibhaftigen Muselmanen las, in jener Zeitung, welche da kommt aus der Stadt der Gnome und wird genennet "Neue Zürcher Zeitung".
Navid Kermani heißt der Heide, welcher in diesem Blatt aus dem bergigen Lande lästerliche Meinungsäußerungen über den Herrn abgelassen hat: "Bildansichten: Warum hast du uns verlassen?"
Kermani meditierte (bereits am 14.03.09) über ein Bild, nämlich eines des italienischen Barockmalers Guido Reni: «Kreuzigung» ("Gesù crocifisso"), 1637/38, Altarbild in der Basilika San Lorenzo in Lucina, Rom, auf einer Webseite der Stadtverwaltung leider sehr verwackelt dargestellt. (Hier eine Abbildung und ein italienischsprachiger Artikelauszug über ein anderes Kreuzigungsbild von Guido Reni.) (Dort eine weitere Abbildung und diese aus den Wikimedia Commons ist leider auch etwas unscharf).
Schon immer war es ja mein Reden, dass die Künstler gefährlich seien für die Kirche.
Und ist es außerdem auch meine tiefinnerliche Überzeugung, dass das Unterhalten eines Kunststipendientourismushotels in Rom, Villa Massimo mit Namen, eine bourgeoise Erblast des (jedenfalls in Deutschland) letztlich doch recht banausischen 19. Jahrhunderts ist, welche schnellstens abgeschafft gehört (und durch Stipendien für Aufenthalte nach Wahl der Künstler ersetzt).
Diesen Kermani also hatte man dort hingeschickt, und der machte natürlich gleich einen Artikel aus seinen Erlebnissen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum man die Leute nach dort unten disloziert, aber warum konnte der Mann nicht schreiben wie z. B. Rolf-Dieter Brinkmann? Das war ein ehrlicher Mensch, denke ich mal, wenn ich über ihn lese:
"Brinkmann mag Rom, mag Italien, mag die ihn umgebenden Menschen nicht – das 10monatige Stipendium, so wird in „Rom, Blicke“ immer wieder deutlich, hat er nur angenommen, weil die finanzielle Situation unerträglich war."
Aber nein, der Kermani muss was Klerikales observieren und einen entsprechenden Text produzieren. Anstatt ein schönes Gedicht zu machen, etwa "... am toten Fluss verkohlte Feuerstellen, und Kondome im Unkraut, zwischen den Ritzen ...", wie unser braver Brinkmann ("Roma di notte") das Großstadtleben so trefflich beobachtet, schleicht sich dieser Muselmann an gemalte Kreuze in Kirchen ran!
Kein Wunder wenn Navid Kermani sodann mit intellektueller Perfidie dem Christentum ein unscheinbares Personalpronomen voll ins Gesicht klatscht . Mit ketzerischen Künsten transformiert er das wiewohl erschütternde doch gleichwohl strikt subjektive Lamento unseres großen Dulders "Eli, Eli, lama asabtani?" (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?) in ein kollektives "uns". Uns habe der Herr verlassen? Welche Blasphemie, hat er uns doch gerade gerettet (wiewohl wir hardly verstehen, dass uns der Allweise, Allgüte und Allmächtige zuvörderst in die Niederungen von Sünd und Tod habe herabfallen lassen, um uns erst anschließend auf einem rather tortuos path aus der Schiete wieder rauszuholen. Doch bannt die Theologie dies Problem als "Theodizee").
Viele Arglose mögen gerne glauben, dass dieses der Grund gewesen sei für jenes hinterhältige Entsetzen, mit welchem der hochwürdige Erzbischof und Kardinal Karl Lehmann (justament aus meinem geliebten Mainz) mit dem ehemaligen evangelischen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker, seinem ketzerischen Bruder in Christo im Schlepptau, die Vergabe des Hessischen Kulturpreises, oder genauer: eines Viertels eines solchen, an den persischen Moslem Navid Kermani hintertrieben hat.
Da rauschen heftig die Blätter, und ihre Links hat der Inkriminierte selber gesammelt (sie dürften ihm zumeist auch gewogen sein).
Ich wittere hier (un)heimlichere Hintergründe als angeblich despektierliche Äußerungen des Rompreisträgers über Kruzifixe und christliche Kruzifixologie: Entdeckungsfurcht nämlich der symbolischen Anthropophagen.
Nach einem zugegebenermaßen nur kursorischen Streifzug durch die Kommentare, wie auch durch die Debatte in den Medien, habe ich den Eindruck, dass niemand versteht woran die Kirchenfürsten hier in Wahrheit Anstoß nehmen (und die werden sich hüten, der Öffentlichkeit ihr wahres Gravamen auf die Nase zu binden). Zentrale Stelle des Anstoßes für das schwarze Lehmännchen und seinen häretischen Bruder in Christo dürften nämlich weniger Kermanis Meditationen über das Kreuz Christi als vielmehr seine folgende Textpassage sein:
"Eingegriffen habe ich nur bei der Messe zur Einschulung, als die Kinder Hostien essen sollten, gleich welchen Glaubens."
Warum hat Kermani seine Tochter vom Genuss der Hostien abgehalten? Klar: Hostien sind Menschenfleisch! (Die Passage fällt auch der katholischen Webseite kreuz.net besonders auf.)
Nicht vergessen: "seinen Leib essen, sein Blut trinken ..." Eine jegliche Religion, welche eine wenn auch nur symbolische Menschenfresserei praktiziert (mehr dazu z. B. hier), ist schon ein wenig 'merkwürdig' (um meine diesbezügliche Denkungsart in einer von sozusagen christlicher Liebe schallgedämmten oder auch geknebelten Verbalverpackung darzubringen). Und Kermani nimmt ja, seinem eigenen Bekunden nach, die religiösen Riten und Vorstellungen des Christentums ernst ("Wenn solche Vorgänge für mich nur Kindereien wären, ..."). Da ist Horror vor dem Genuss einer Hostie durchaus verständlich (ich dagegen hätte keinen: für ein Agnostiker können diese Scheiben nur - laffes - Gebäck sein).
Jedenfalls ist eine Theologie des Gott-Verspeisens dermaßen merkwürdig, dass wir uns damit behelfen müssen diesen Aspekt des Christentums weitestgehend aus unserem Bewusstsein zu verbannen.
Und wenn dann doch einer hervortritt, und gar ein Anhänger des Propheten (ich bin, nebenbei, alles andere als ein Advokat der rückständigen islamischen Kulturen), und richtet das helle Licht der Scheinwerfer auf solch rituellen Kannibalismus: dann spielt man halt nicht mehr mit dem Schmuddelkind.
Sondern ordert bei Roland Kusch-Koch ein christenpolitisch korrektes Opfermahl. Der macht einen Diener und lässt dem Lästerer die schon versprochene Zuteilung des Hessischen Kulturpreis-Vierteles (11.250,- € für einen; ist eh' nicht die Welt) wieder wegnehmen.
Es hat freilich einer der Amtsvorgänger vom Mainzer Erzbischof Lehmann einen Kardinalfehler gemacht, indem er dem Gutenberg gutgläubig das Drucken erlaubte. Dessen schwarze Magie hat der christlichen Kirche mählich das Blut aus den Adern gesogen. [Merkwürdig allerdings, dass das bei den Islamisten nicht funktioniert. Andererseits: bei den Evangelikalen klappt's auch nicht. Dort evtl. wg. Fernsehen?]
So rauschet nun der Blätterwald
Und Roland Koch der fühlt sich kalt.
Einstens hatte unser aufmerksamer Beobachter, nachdem er wieder einmal in der Würde seines Magens beleidigt worden, ein kleines Spottgedicht verfasst, welches da lautet:
In Hessen Kassel saßen Grafen
Die konnten meistens Nachts nicht schlafen.
Und das lag nicht an den Mätressen
(Denn die gab es nicht nur in Hessen):
Das lag allein am schlechten Essen:
Davon gibt es genug in Hessen!
Jetzund hat in freilich anderer Weise der kruzitürkische chattische Landesfürst einen Brei zusammengeköchelt, der ihm noch übel aufstoßen wird (und auch nach meinem Wunsche bös bekommen soll).
Mit welcher Schlussformel mag unser Roland Koch den Klerikern Vollzug gemeldet haben? Vielleicht mit einer barocken wie
"In tiefster Ehrfurcht ersterbe ich als Euer hochwürdigen Exzellenzen stets beflisstentlichst gehorsamer Diener Roland Koch-Komparse"?
Sofern gewünscht, kann ich meine Meinung über den hessischen Ministerpräsident und CDU-Mitglied Roland Koch auch etwas volkstümlicher formulieren:
Dieser kirchenhörige Hampelmann hat bei mir gründlich verschissen!
Hören wir nun zum (zumindest momentanen) Abschluss noch eine anglophone Stimme der Webseite "Catholic Church Conservation", Unter der Überschrift "Cardinal Lehmann puts borders an religious dialogue" heißt es dort u. a.:
"Rapid decision.
Why did the Board, after Lehmann and Steinacker refused their agreement to Kermani decide also not to award it at least to these two intended recipients? The Board of Trustees deems it "unacceptable", to withdraw the "already publicly expressed honour for their undisputed major life's work in the interaction of religion and culture to the personalities of Cardinal Karl Lehmann, Peter Steinacker and Salomon Korn." The Regional Government is obviously striving to accept Lehmann and Steinacker’s interpretation of Kermani’s understanding of the image and to make the evil verdict of irreconcilability their own. But the latest contribution of the two clerics to the interaction of religion and culture is for the time being the most striking part of their life’s work.
One is amazed by the sudden determination of the ecclesiastical figures. Not least because even last Easter, the terms used by both churches for the death on the Cross was distant from a conception of sacrificial reparation: it was only as a sign of "solidarity" of Christ with humanity which makes the Cross still important. And one should remember a few years ago: The Bishop of the Northern Regional Church, Maria Jepsen suggested instead of showing the Crucified as the Cross has been envisaged for 2000 small children at play should be substituted."
Die Fettnäpfchentrampelei seines päpstlichen Chefs scheint leider auch beim Lehmann Schule zu machen.
Wenn ich den Lehmann demnächst mal wieder beim Karstadt treffe, wie er schelmisch lächelnd Unterwäsche zur Kasse trägt, dann werde ich nicht wieder verlegen zur Seite schauen (weil ich ihn "kenne" und er mich nicht), sondern ihn gleich anhauen: "Das war wohl nix, Satz mit X, wie?"
Andererseits: vielleicht drehe ich mich einfach um und denke: "Mönchsgezänk"! (Indes: solches Gezänk ist schon früher grob unterschätzt worden bzw. hat sogar direkt zu Kriegen geführt.)
Nachträge 24.05.2009
Nähere Informationen über die Kirche San Lorenzo in Lucina, und auch über das Bild (jeweils durch Anklicken vergrößerbar; Aufnahmen sind aber unscharf) z. B. auch auf den Webseiten "Stadtführung in Rom" und vom gleichen - namenlosen aber hier abgebildeten - Autor mit dem gleichen Text in "Der Blog aus Rom".
Soweit Kermani davon spricht, dass "Martyrium ... exzessiv bis hin zum Pornografischen zelebriert wird" mögen die Kirchenfürsten doch mal ihre Bibel lesen. Pornographie gibt es dort (wenn auch wohl vorwiegend im Alten Testament) genug. Nun halte ich es zwar durchaus für wahrscheinlich, dass die Pornographie (zusammen mit ihrer weitgehenden Unterdrückung bzw. den Bemühungen um Unterdrückung - einer Art von "simul justus et peccator" oder einer "coincidentia oppositorum" -, denn nur in der Dialektik der verbotenen Frucht kann sie ihre Triebkraft voll entfalten) eine auch positive Antriebskraft, etwa der Kreativität, in unserer Kultur ist. Insofern könnte man es sogar als Leistung der Bibel und der christlichen Kirchen, der christlichen Literatur - Heiligenviten - und der christlichen Ikonographie ansehen, diesen Aspekt des gesellschaftlichen Diskurses in unserer Kultur inkorporiert zu haben (während er in anderen Kulturen, z. B. auch der moslemischen, möglicherweise allzu rigide unterdrückt wird).
Schon Bibel ist jedenfalls voll von einschlägigen Schilderungen; eine Reihe von Webseiten thematisieren "Bibel und Sex":
"Nudity, as mentioned in the Bible" heißt es auf der Webseite "ReligiousTolerance",
"Holy Shit Index Page. Bad Bits of the Bible" compiled by Vexen Crabtree;
"The Sceptics Annoted Bible" hat eine Seite mit dubioser "Language of the Bible" [und eine andere über fragwürdige Koranstellen]
Die österreichischen (identischen) Webseiten "Nackte Tatsachen" bzw. "BlazingGrace" sorgen sich um Pornosucht der Christen;
Ein Schweizer Aufsatz auf "JesusCH" beschäftigt sich mit "Pornographie: 'Ich dachte, ich komme da nie raus' "
Und gerade vor kurzem las man im Spiegel Online vom 07.05.09 unter "SEXUELLE VERGEHEN. Wo es in der Bibel drunter und drüber geht" über einen (von Marcus Becker in Spiegel Online wegen relativer inhaltlicher Dürftigkeit kritisierten) Aufsatz des indischen Wissenschaftlers Anil Aggrawal "References to the paraphilias and sexual crimes in the Bible".
Auf Glaube.de lesen wir unter "Umgang mit Pornographie - ein Tabu?":
"Anlässlich einer in den USA durchgeführten Umfrage (bei einem großen christlichen Männertreffen) gaben 71% der Männer an, Probleme mit der Sexualität zu haben. Die meisten von ihnen, indem sie regelmäßig im Internet und Fernsehen Sex konsumieren. Auf uns konservative Deutsche treffen solche Zahlen natürlich nicht zu, oder? Einer anderen Umfrage zufolge meinten 51% der charismatischen Pastoren, dass Internet-Pornografie eine Versuchung sei und 37% sagten, dass sie gegenwärtig ein Problem damit haben."
Der katholische Bischof Robert William Finn von der Diözese Kansas City - St. Joseph, Missouri, USA, hat einen langen Hirtenbrief zum Thema Pornografie verasst:
"Selig, die reinen Herzens sind. Hirtenbrief 'Blessed Are The Pure In Heart' über die Würde des Menschen und die Gefahren der Pornografie vom 21. Februar 2007."
Einschlägige Bibelstellen auf Deutsch hat Markus Gansel auf der Webseite Unmoralische.de u. d. T. "Das zynische Bibellexikon" herausgesucht.
Andere sehen die Erwähnung von Sexualität in der Bibel positiver:
HERMANN TRAUB verneint die rhetorische Frage "Ist die Bibel sexfeindlich?" (auf der Webseite Porno-frei.ch).
Ebenso Rainer Jetzschmann mit der Seite "Liebe, Lust, Sexualität ... und die Bibel" auf der Webseite GottesBotschaft.de.
Wer mag kann sich aber auch auf die Aussage beschränken: Die Bibel spiegelt das pralle Leben wider.
Nachtrag 26.05.09
Audiatur et eine gewisse Gudrun Eussner. Die zieht auf ihrer Webseite gegen Kermani vom Leder, dass es eine (Lese-)Lust ist. Köstliche Polemik ist bereits der Titel
"Navid Kermani aus Versehen in einer Kirche"
Und dann geht's zur Sache:
"Wenn Dr. phil. habil. Navid Kermani einmal nicht das Werk anderer ausschlachtet, um es gelinde auszudrücken, wie im Falle des Klassikers von Hellmut Ritter Das Meer der Seele geschehen, sondern ein eigenes Sujet findet, dann ist die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) so begeistert, daß sie es freudig abdruckt. Das soll nicht heißen, daß der Text nicht in die NZZ paßte, im Gegenteil, dieses ästhetisierende Geschwätz des Muslims ist durchaus auf Linie, die anderen Beiträge sind von ähnlicher Qualität. ..... "
Und der Versehens-Kirchgänger ist nur einer aus eine ganzen Salve von Breitseiten, welche sie auf ihrer Webseite gegen Kermani und für die christlichen Kleriker abfeuert:
"Navid Kermani und das Elend der katholischen Theologie"
"Ich war gestern in der nahen Kreisstadt, dies und das besorgen, dann zurück, im Dorf-Supermarkt einkaufen. In diesen zerstückelten 90 Minuten war im Autorradio dauernd von Navid Kermani die Rede. Es ist, als ob er ein Medikament gegen Krebs entdeckt, und nicht das Kreuz beleidigt hätte, schreibt mir Calamitas, man faßt es irgendwie nicht mehr. ....."
"Navid Kermani in den deutschen Medien: Armes Deutschland!"
"Deutsche Journalisten zeichnen sich aus dadurch, daß sie ihr Publikum erziehen oder indoktrinieren, daß sie meinten, eine Pflicht zur Information zu haben, ist aus ihren Beiträgen nicht ersichtlich. Ich kenne mindestens drei Orientalisten, die unbeeindruckt von heute moderner Schwärmerei für den Islam und seine angeblich moderaten Vertreter den NZZ-Artikel des Navid Kermani hätten in der Luft zerreißen können, wissenschaftlich, nicht als gläubige Christen oder Juden. ....... "
Und noch eine Reihe weiterer Artikel für die Freunde des fetzigen Sophismus.
Freilich sollten wir auch und ganz besonders unser Selbstbewusstsein gegenüber dem Islam bewahren, und ich gehöre gewiss nicht zu denjenigen, die dieser Religion naiv gegenüber stehen. Aber der Kermani-Artikel ist doch ein sehr persönliches Bekenntnis und in meinen Augen ganz gewiss nicht in beleidigender Absicht geschrieben. Hier waren der Karl und sein Schlepptau-Peter einfach zu mimosenhaft. Und Roland Koch ist in dieser Staatsposse als Kümmerling in Erscheinung getreten.
Am besten wäre es ohnehin, von Preisen für den interreligiösen Dialog ganz abzusehen.
Dialog der Religionen hört sich gut an, aber keine Religion und Kirche der Welt, die etwas auf sich hält, kann im Grunde ihres Herzens die Lehren der anderen, die ja zwangsläufig Falschgläubige sein müssen, anerkennen.
Und wer interessiert sich letztlich für das 'Mönchsgezänk' der Frommen? Einige wenige tief Gläubige mag ein solcher Streit (bzw. mögen Kermanis Worte) tatsächlich (negativ) berühren; Kirchenfunktionäre mögen damit Symbolpolitik machen: für den riesigen Rest des Volkes wirkt ein solcher Streit lediglich skurril und wird im übrigen lediglich medial hochgekocht.
[Letztlich dann wohl auch hier - von mir?]
Nachtrag 02.06.09
Ich sollte vielleicht, und sei es nur als pro memoriam für mich selbst, meine eigene Position hier ein wenig präzisieren. Bzw. (auch wenn ich von beidem nichts oder wenig verstehe) meine eigenen Positionen:
- zu Navid Kermani und
- zur Theologie von Kreuz und Leiden.
Dass ich dem Terz der Kirchenfürsten um den vom Preiskuratorium erst ausgewählten und dann wieder abgewählten Mit-Preisträger ziemlich verständnislos gegenüberstehe bedeutet keineswegs, dass ich mit Navid Kermani - und schon gar nicht mit dem Islam - sympathisiere. Allerdings würde mich sein Text, wäre ich denn gläubig, wohl eher positiv berühren. Immerhin bezieht hier jemand Position, und das tut er wohl auch deshalb, weil er sich irgendwie verpflichtet fühlt, eine Position zur christlichen Religion zu beziehen. Da können die Christen eigentlich froh sein; schlimmer wäre es doch, wenn es sonst nur noch Agnostiker gäbe (wie mich), denen die Bibel und alles Drum und dran ziemlich gleichgültig sind und die vor allen Dingen nicht einmal Gott leugnen: weil sie die Alternative für oder gegen in diesem Zusammenhang einfach nicht akzeptieren, sondern a priori als sinnlos verwerfen.
Außer einer gewissermaßen philosophischen Position (d. h. einer Position des Nicht-Einlassens auf religiöse Fragestellungen) habe ich zur Religion allerdings auch eine historische Position.
Insofern stehe ich der christlichen Religion so ähnlich gegenüber, wie manche gebildeten Protestanten (Ferdinand Gregorovius z. B.) im 19. Jahrhundert der katholischen Kirche. Ebenso wie die es mit ihrem protestantischen Gläubigkeit problemlos vereinbaren konnten, die katholische Kirche als einen prägenden Faktor unserer kulturellen Entwicklung zu würdigen, kann auch ich das Christentum der abendländischen Zivilisation anerkennen. Und, wie ich schon früher (und seitdem wiederholt) schrieb, bin ich bin nun einmal (auch) ein Kulturkreispatriot. Die Leidensmythologie gehörte zumindest in der Vergangenheit wohl zum notwendigen Repertoire in der Entfaltung unserer Zivilisation. Bogumilen, Katharer, Waldenser, John Wyclif, Jan Hus, Martin Luther - wären diese historischen Figuren (von denen zwar nur Huss als Ketzer hingerichtet wurde, die sich aber alle einem solchen Risiko ausgesetzt haben) vorstellbar in einer Religion, die nicht das Leiden verklärt, wie die christliche?
Wie auch immer die spirituellen und sozialen "Transmissionsriemen" zwischen dem Kreuz und dem Fortschritt funktioniert haben mögen: ich gehe davon aus, dass es solche gibt, und dass sich die westliche Kultur als fortschrittlichste Kultur der Welt ohne solche Elemente nicht entwickelt hätte. Und da ich den Fortschritt (in meinem Begriffsverständnis, d. h. als ein Fortschreiten zu höherer Komplexität, nicht unbedingt zu größerem Glück) positiv bewerte, kann ich die christliche Theologie rund um einen Gekreuzigten philosophisch als eine ziemlich krause Mythologie geißeln, sie aber gleichwohl für eine historisch notwendige und weiter führende Erscheinung halten. Damit werte ich das Christentum wohl analog zu Karl Marx' Beurteilung der historischen Funktion des Kapitalismus: er hält den Kapitalismus und ich halte das Christentum zwar nicht für gut, aber für einen historisch notwendigen Zwischenschritt zum Besseren.
Nachtrag 13.09.2009
Nun haben sich die beiden Christenmenschen mit ihrem moslemischen Mitpreisträger ausgesöhnt und der hessische Kulturpreis wird ihm demnächst wohl doch noch (anteilig) zuerkannt. Vgl. dazu z. B. den Kommentar "Die spannendste Preisverleihung" von Matthias Alexander in der FAZ vom 31.08.2009 oder, gehaltvoller, in der Süddeutschen Zeitung (auf deren Webseite nur gegen Bares zu haben, aber auf der Webseite von Navid Kermani gratis als pdf-Datei einzusehen) ebenfalls vom 31.08.09 der Kommentar "Entscheidung unter dem Kreuz".
Textstand vom 13.09.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Labels: Deutschland, Doennekes, Gesellschaft, Islamismus, Italien(bezug), Religion
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