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CANABBAIA
Mittwoch, 24. Juni 2009
 
The Capitalist Threat: Schutzgelderpresser der Mafia sind reine Waisenknaben gegenüber den Ärzten / Medizinern in McAllen, Texas!
An das Gesundheitswesen hatte George Soros wohl kaum gedacht, als er in der Zeitschrift Atlantic Monthly, Volume 279, No. 2, February 1997, seinen berühmten Essay "The Capitalist Threat" verfasste. Darin hatte er die Befürchtung geäußert, dass ein bis zur äußersten logischen Konsequenz praktizierter Kapitalismus jene ethischen Verhaltensnormen zerstören könnte, auf denen er selbst beruht. (Daher übersetze ich den Titel - interpretierend - mit "Die Selbstbedrohung des Kapitalismus").


Dennoch ließen sich jene Missbräuche im Selbstbedienungsladen (auch) des amerikanischen Gesundheitswesen, über die Atul Gawande [Homepage] am 01.06.2009 im Magazin "The New Yorker" unter der Überschrift "The Cost Conundrum. What a Texas town can teach us about health care" berichtete, vorzüglich als Beispiele dafür anführen, wie eine exzessive Kommerzialisierung riesige Kosten verursachen kann, denen kein entsprechender Nutzen gegenüber steht und die eine Gesellschaft ökonomisch in den Ruin treiben können.
[Dem Autor wurde übrigens sogar eine Bestätigung zu Teil, dass die höchste politische Instanz der USA von seinem Artikel Kenntnis genommen hat. In dem (auch ganz allgemein zur Debatte um die regionalen Unterschiede der Ausgabenhöhe des Gesundheitswesens in den USA informativen) New York Times Artikel "Health Care Spending Disparities Stir a Fight " lesen wir dazu (meine Hervorhebung):
"President Obama recently summoned aides to the Oval Office to discuss a magazine article investigating why the border town of McAllen, Tex., was the country’s most expensive place for health care. The article became required reading in the White House, with Mr. Obama even citing it at a meeting last week with two dozen Democratic senators. “He came into the meeting with that article having affected his thinking dramatically,” said Senator Ron Wyden, Democrat of Oregon. “He, in effect, took that article and put it in front of a big group of senators and said, ‘This is what we’ve got to fix’.”]

In einem weiteren Artikel, vom 23.06.2009, fasst Gawande noch einmal nach: "The Cost Conundrum Redux". Dort liefert er eine Reihe von Einzeldaten im Vergleich der (im Gesundheitswesen teuren) Stadt McAllen / Texas mit der (nur halb so kostspieligen, von den demographischen und ökonomischen Daten her aber sehr ähnlichen) Stadt El Paso /Texas und verteidigt im übrigen seine Ergebnisse gegen methodologische Einwände, die in der (nach seinen Angaben sehr umfangreichen) Folgediskussion vorgebracht worden waren.
[Allerdings hat die Stadt McAllen nur ca. 100.000 Einwohner, die Stadt El Paso dagegen ca. 600.000, während die Bevölkerungsziffern der beiden Counties, zu denen diese Städte gehören, von der Dimension her ähnlicher sind: Hidalgo County (McAllen) hat ca. 600.000 EW; El Paso County ca. 750.000. Wenn ich es richtig verstanden habe, vergleicht Gawande bei den Beträgen allerdings die Werte für die jeweiligen Städte. Ob deren unterschiedliche Größe methodologische Verzerrungen beim Vergleich der Gesundheitskosten bringt, kann ich nicht beurteilen. Zu dieser Frage habe ich Dr. Gawande angemailt; da er aber sicherlich mit Zuschriften überschwemmt wird, erwarte ich zumindest kurzfristig keine Antwort.]
Ergänzung vom 15.07.2009: Dr. Gawande war freundlich genug, meine Anfrage und meine Rückfrage rasch zu beantworten. Leider sehe ich aber nach wie vor nicht klar; die Gründe für seine Sprünge zwischen statistischen Daten für die Städte bzw. die Counties bleiben methodisch angreifbar bzw. zumindest für mich unklar.

In Deutschland scheint die Diskussion um die Feststellungen von Atul Gawande noch kaum herübergeschwappt zu sein; eher beiläufig wird Gawandes Artikel im New Yorker von Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung vom 27.06.09 (also von heute) erwähnt: "Hoffentlich nicht privat versichert":
"Unnötige Operationen, unnütze Röntgenbilder - die vermeintlich privilegierten Patienten leiden unter einer Überdosis Medizin".
Auch die Basler Zeitung erwähnt Gawandes Untersuchung in dem anders fokussierten Artikel "Eine Krankenversicherung für 47 Millionen unversicherte Amerikaner" von Martin Kilian, Washington, aktualisiert am 09.06.2009: "Präsident Obama will endlich das kranke amerikanische Gesundheitswesens reformieren. Der medizinisch-industrielle Komplex fürchtet vor allem eine staatliche Versicherung."

In anderer Form wurde und wird die Debatte um die Gesundheitskosten - bzw. um die Kosten der Krankenversicherung, hauptsächlich der gesetzlichen - zwar auch bei uns geführt; indes vermisse ich die Präzision und sozusagen skalpellhafte Schärfe von Gawandes ökonomischer Krankheitsdiagnose des Medizinsystems.
Ich bin übrigens weit davon entfernt, die Ärzte als einzige Schuldige der unaufhaltsamen Kostensteigerungen diskreditieren zu wollen. Die Pharmaindustrie, die anderen Leistungserbringer (Krankenhäuser mit ihrem Personal usw.), aber auch die Patienten mit ihrer "Ich hab schließlich Beiträge dafür bezahlt"-Einstellung helfen kräftig mit bei der Kostenexpansion im Krankheitswesen; auch dürfte die Vielzahl der gesetzlichen Krankenkassen die Verwaltungskosten unnötig in die Höhe treiben und die Kontrolle - z. B. die Rechnungsprüfung auf Korruptionsverdacht - der Leistungserbringer unnötig fragmentieren und damit erschweren.
Allerdings vermisse ich bei den deutschen Ärzten (mit Ausnahme weniger 'Rebellen') jegliche selbstkritische Perspektive. Sie scheinen aber nicht einmal bereit zu sein, anderen Kostentreibern - insbesondere der Pharma-Industrie [die in den USA gerade von Obama gerupft wird, allerdings unter Vorbehalt einer Gesamtreform im Gesundheitswesen: vgl. "Drug deal valid if Congress overhauls health care", AOK-News vom 22.06.09] sachkundig auf die Füße zu treten. Wieso nicht? Sind sie zu üppig geschmiert worden von der Pharmaindustrie? Wir müssen von unseren Medizinern verlangen, oder sie ggf. dazu zwingen, dass sie sich Gedanken über möglichen Kostensenkungen machen, den sie sind dafür am ehesten kompetent. Tun sie es nicht, sind sie nicht legitimiert sich zu beschweren, wenn sie administrativ immer mehr gegängelt und ihre Einkommen in manchmal vielleicht wenig sachgerechter Weise beschnitten werden.

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Nachfolgend einige Auszüge aus Gawandes erstem Bericht (meine Hervorhebungen):

" "The greatest threat to America’s fiscal health is not Social Security,' President Barack Obama said in a March speech at the White House. 'It’s not the investments that we’ve made to rescue our economy during this crisis. By a wide margin, the biggest threat to our nation’s balance sheet is the skyrocketing cost of health care'.."
Das amerikanische ist das kostspieligste Gesundheitswesen der Welt:
"Spending on doctors, hospitals, drugs, and the like now consumes more than one of every six dollars we earn."
McAllen, Texas, ist dabei als "the most expensive town in the most expensive country for health care in the world" wiederum ein Extremfall:
"In 2006, Medicare spent fifteen thousand dollars per enrollee here, almost twice the national average. The income per capita is twelve thousand dollars. In other words, Medicare spends three thousand dollars more per person here than the average person earns."
Eben das schafft kein Schutzgelderpresser: den Geschorenen mehr Geld abzunehmen, als sie überhaupt verdienen! So betrachtet, sind die Mafiosi wahrhaftig Waisenknaben gegenüber den Ärzten!

Der Clou bei Gawandes Studie ist der Vergleich der Behandlungskosten in den (nach den sonstigen Umständen - mit Ausnahme der stadtbezogenen Einwohnerzahl - weitgehend ähnlichen) beiden Städten McAllen und El Paso:
"El Paso County, eight hundred miles up the border, has essentially the same demographics. Both counties have a population of roughly seven hundred thousand, similar public-health statistics, and similar percentages of non-English speakers, illegal immigrants, and the unemployed. Yet in 2006 Medicare expenditures (our best approximation of over-all spending patterns) in El Paso were $7,504 per enrollee—half as much as in McAllen. An unhealthy population couldn’t possibly be the reason that McAllen’s health-care costs are so high. (Or the reason that America’s are. We may be more obese than any other industrialized nation, but we have among the lowest rates of smoking and alcoholism, and we are in the middle of the range for cardiovascular disease and diabetes.) .....
... there’s no evidence that the treatments and technologies available at McAllen are better than those found elsewhere in the country. The annual reports that hospitals file with Medicare show that those in McAllen and El Paso offer comparable technologies—neonatal intensive-care units, advanced cardiac services, PET scans, and so on. Public statistics show no difference in the supply of doctors. .....
Nor does the care given in McAllen stand out for its quality. Medicare ranks hospitals on twenty-five metrics of care. On all but two of these, McAllen’s five largest hospitals performed worse, on average, than El Paso’s. McAllen costs Medicare seven thousand dollars more per person each year than does the average city in America. But not ..... because it’s delivering better health care. .....
Compared with patients in El Paso and nationwide, patients in McAllen got more of pretty much everything—more diagnostic testing, more hospital treatment, more surgery, more home care. .....
Between 2001 and 2005, critically ill Medicare patients received almost fifty per cent more specialist visits in McAllen than in El Paso, and were two-thirds more likely to see ten or more specialists in a six-month period. .....
... Medicare paid for five times as many home-nurse visits. The primary cause of McAllen’s extreme costs was, very simply, the across-the-board overuse of medicine.
"

Gawande stellt auch Vergleiche mit anderen Regionen und anderen Modellen der (amerikanischen) Gesundheitsversorgung an, auf die ich hier nicht eingehen will.

Zugleich untersucht er die Kostenexplosion in McAllen nicht nur im geographischen Vergleich, sondern stellt sie auch in ihrer erstaunlichen chronologischen Entwickung dar:
"In 1992, in the McAllen market, the average cost per Medicare enrollee was $4,891, almost exactly the national average. But since then, year after year, McAllen’s health costs have grown faster than any other market in the country ... ."

Als Grund für den riesigen Unterschied - diachronisch und geographisch - sieht er "the culture of money" an. Er zitiert einen Insider:
" 'In El Paso, if you took a random doctor and looked at his tax returns eighty-five per cent of his income would come from the usual practice of medicine,' he said. But in McAllen, the administrator thought, that percentage would be a lot less.
He knew of doctors who owned strip malls, orange groves, apartment complexes—or imaging centers, surgery centers, or another part of the hospital they directed patients to. They had “entrepreneurial spirit,” he said. They were innovative and aggressive in finding ways to increase revenues from patient care. “There’s no lack of work ethic,” he said. But he had often seen financial considerations drive the decisions doctors made for patients—the tests they ordered, the doctors and hospitals they recommended ... .
"

Gawande unterscheidet idealtypisch zwei Sorten von Medizinern (ich fasse seine Ausführungen hier interpretierend zusammen): diejenigen, die vorwiegend durch ihre Berufsethik motiviert sind und diejenigen "physicians who see their practice primarily as a revenue stream. They figure out ways to increase their high-margin work and decrease their low-margin work. This is a business, after all".
Natürlich weiß er:
"In every community, you’ll find a mixture of these views among physicians, but one or another tends to predominate." Und erklärt sich deshalb den Kostenausreißer so: "McAllen seems simply to be the community at one extreme."
Wie es dazu kam, versucht er mit einem ursprünglich für den Bereich der Innovationsforschung genutzen Begriff des "Ankermieters" zu erklären:
"Woody Powell is a Stanford sociologist who studies the economic culture of cities. Recently, he and his research team studied why certain regions — Boston, San Francisco, San Diego — became leaders in biotechnology while others with a similar concentration of scientific and corporate talent — Los Angeles, Philadelphia, New York — did not. The answer they found was what Powell describes as the anchor-tenant theory of economic development. Just as an anchor store will define the character of a mall, anchor tenants in biotechnology, whether it’s a company like Genentech, in South San Francisco, or a university like M.I.T., in Cambridge, define the character of an economic community. They set the norms."
[Wo ist uns der Begriff "Ankermieter" schon mal begegnet? Richtig: in meinem Blott "Einkaufszentrum My Zeil Frankfurt am Main. Ein Fossil aus der Zeit vor unserer Weltwirtschaftskrise? Oder: Frankfurter Kommentar zur Finanzkrise."]

Von der Marketing-Mitarbeiterin einer Hauspflegeagentur lässt er sich erklären, dass im Medizinsystem von McAllen nicht einfach nur eine Übernutzung von Leistungen die Kosten treibt, sondern auch regelrechte Korruption [von der wir ja in amerikanischen Studien immer wieder lesen, wie gering sie doch dort sei; diese Studien sind wahrscheinlich genau so verlässlich wie die offiziellen US-Wirtschaftsdaten oder einstige Versicherungen von Ben Bernanke & Co. über die Robustheit des US-Finanzsektors und dessen angeblich intensive Überwachung]:
" ... a decade or so ago [zitiert Gawande die Verkaufsrepräsentatin der Pflegeagentur], a few early agencies began rewarding doctors who ordered home visits with more than trinkets: they provided tickets to professional sporting events, jewelry, and other gifts. That set the tone. Other agencies jumped in. Some began paying doctors a supplemental salary, as “medical directors,” for steering business in their direction. Doctors came to expect a share of the revenue stream. ... Doctors have asked her for a medical-director salary of four or five thousand dollars a month in return for sending her business. One asked a colleague of hers for private-school tuition for his child"
und nur in Einzelfällen wären sie auch mit nicht-monetären Leistungen zufrieden gewesen: "another wanted sex".
Aus den Statistikdaten und aus (wie Ökonomen sagen würden:) "anecdotal evidence" (am ehesten vielleicht mit "Indizien" zu übersetzen) der vorgenannten Art folgert Gawande mit erkennbarer Entrüstung:
"About fifteen years ago, it seems, something began to change in McAllen. A few leaders of local institutions took profit growth to be a legitimate ethic in the practice of medicine. Not all the doctors accepted this. But they failed to discourage those who did. So here, along the banks of the Rio Grande, in the Square Dance Capital of the World, a medical community came to treat patients the way subprime-mortgage lenders treated home buyers: as profit centers."
Einer der von Gawande befragten Ärzte bringt es auf den Punkt:
"Medicine has become a pig trough here," das Gesundheitssystem als Sautrog und Selbstbedienungsladen - kommt uns ja auch nicht unbekannt vor!

Angesichts des mentalen Kulturwandels und der gegebenen Anreizsysteme ("as economists have often pointed out, we pay doctors for quantity, not quality"), die eher die Quantität der Behandlungen anstatt deren Qualität belohnen, [ein Mangel, an dem sogar unsere Messung der Wirtschaftsleistung insgesamt krankt, weshalb Kosten, die unseren Wohlstand mindern, auf dem Papier das Bruttoinlandsprodukt steigern: z. B. auch Behandlungskosten] wundert sich Gawande zu Recht:
"The real puzzle of American health care, I realized on the airplane home, is not why McAllen is different from El Paso. It’s why El Paso isn’t like McAllen. Every incentive in the system is an invitation to go the way McAllen has gone. Yet, across the country, large numbers of communities have managed to control their health costs rather than ratchet them up."
Deshalb fordert er:
"The lesson of the high-quality, low-cost communities is that someone has to be accountable for the totality of care. Otherwise, you get a system that has no brakes. You get McAllen."

Das nachfolgende Zitat werde ich unten teilweise wiederholen; man kann diesen Punkt betr. 'Eigenverantwortung der Patienten' überhaupt nicht oft und tief genug in die Diskussion hineinhämmern:
"The third class of health-cost proposals, I explained, would push people to use medical savings accounts and hold high-deductible insurance policies: “They’d have more of their own money on the line, and that’d drive them to bargain with you and other surgeons, right?” fragt Gawande einen Arzt.
Der erwidert: “Who comes up with this stuff? ... Any plan that relies on the sheep to negotiate with the wolves is doomed to failure.”

Die zielführende Lösung ist, nach Gawande:
"Instead, McAllen and other cities like it have to be weaned away from their untenably fragmented, quantity-driven systems of health care, step by step."
Das hofft er zu erreichen, indem das System die richtigen Anreize - positive in Form von wirtschaftlichem Lohn, aber wohl auch negative in Form von Verboten - setzt:
"And that will mean rewarding doctors and hospitals if they band together to form Grand Junction-like accountable-care organizations, in which doctors collaborate to increase prevention and the quality of care, while discouraging overtreatment, undertreatment, and sheer profiteering."

Der Autor ist sich bewusst, dass sein Artikel die Fragestellung nicht erschöpfend und abschließend klären kann; daher fordert er weitere Forschungen zur Medizinökonomie:
"Congress has provided vital funding for research that compares the effectiveness of different treatments, and this should help reduce uncertainty about which treatments are best. But we also need to fund research that compares the effectiveness of different systems of care — to reduce our uncertainty about which systems work best for communities. These are empirical, not ideological, questions [... möchte man auch in Deutschland so manchen in die Ohren brüllen]. And we would do well to form a national institute for health-care delivery ... ."
Eine Reform des Gesundheitswesens hält der Verfasser für um so dringlicher, als er die allgemeinen Zeittendenzen in die genau entgegengesetzte Richtung abdriften sieht:
"Something even more worrisome is going on as well. In the war over the culture of medicine—the war over whether our country’s anchor model will be Mayo or McAllen—the Mayo model [d. h. die kostengünstige und patientenfokussierte Medizinethik und ~Organisation] is losing. In the sharpest economic downturn that our health system has faced in half a century, many people in medicine don’t see why they should do the hard work of organizing themselves in ways that reduce waste and improve quality if it means sacrificing revenue."

Wenn wir nicht handeln, ist uns ein böses Ende gewiss:
"The decision is whether we are going to reward the leaders who are trying to build a new generation of Mayos and Grand Junctions. If we don’t, McAllen won’t be an outlier. It will be our future."

Und wird am ehesten in der Lage sein, eine Reform zu implementieren, die sowohl den Interessen der Patienten dient, als auch kostenorientiert ist? Die Krankenkassen und die privaten Krankenversicherungen haben schon in der Vergangenheit gegenüber dieser Aufgabe versagt; die Ärzte dagegen haben, in einigen Gemeinden bzw. Gegenden, erfolgreich Systeme implementiert, die beide Ziele im Auge behalten haben:
"Whom do we want in charge of managing the full complexity of medical care? We can turn to insurers (whether public or private), which have proved repeatedly that they can’t do it. Or we can turn to the local medical communities, which have proved that they can. But we have to choose someone—because, in much of the country, no one is in charge. And the result is the most wasteful and the least sustainable health-care system in the world."



Nun Beitragszahler, Steuerzahler und Patienten steht auf! Nun Debatte, brich (auch in Deutschland) los!
Denn schließlich wollt ihr doch nicht die totale Beitragszahlung?



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Die amerikanische Diskussion um Gawandes Thesen scheint sehr breit zu sein, ist allerdings leider auf den verschiedensten Webseiten zerstreut. Bedauerlicher Weise bietet der Internetauftritt des New Yorker keine Kommentarfunktion.
Nachfolgend in halbwegs alphabetischer Reihenfolge einige unsystematische Links zur Debatte um Gawande bzw. zum Thema "Gesundheitsreform" (in den USA) überhaupt (Hervorhebungen jeweils von mir, soweit nicht anders erwähnt):


(The) Baseline Scenario bringt -2- Artikel zum Thema, jeweils gefolgt von zahlreichen Kommentaren. Ich selbst bin übrigens über diese Webseite auf den Gawande-Report gestolpert, und zwar bei der Suche nach weiteren Publikationswebseiten des Essays "The Economic Crisis and the Crisis in Economics" von Simon Johnson (früher u. a. Chefökonom des Weltwährungsfonds). [Der ursprünglich als Rede gehaltene Text erfüllt insoweit nicht die Erwartungen, welche die Überschrift weckt, als er eigentlich nicht "die" Wirtschaftswissenschaft überhaupt infrage stellt, sondern sich letztlich hauptsächlich eine größere Unterstützung der Wirtschaftswissenschaft für eine Notenbankpolitik der "credible irresponsibility" wünscht, also für Ben Bernankes Gelddruckerei.]
Der erste Artikel (von James Kwak) [Wikipedia: "James Kwak is probably best known as co-founder, in September, 2008, with Simon Johnson of The Baseline Scenario a widely-cited commentary on the global financial crisis, mostly focused on the situation in the USA. James received his A.B. from Harvard University and his PhD in history from the University of California, Berkeley (b. 2007.)"] datiert vom 31.05.2009 [demnach müsste der Gawande-Report bereits zu diesem Zeitpunkt online gewesen sein] und beschränkt sich im wesentlichen auf die Wiedergabe einer 'Appetitmacher' aus dem Gawande-Text: "What happened to the global economy and what we can do about it" (das ist anscheinend die 'Dachüberschrift' für sämtliche Artikel bei Baseline Szenario) und hier spezifisch: "When Market Incentives Lead to Bad Outcomes" [Marktversagen also: das Thema kommt einem aktuell sehr bekannt vor, und in der Tat lassen sich Passagen von Gawandes Ausführungen mutatis mutandis leicht auf die Finanzwirtschaft bzw. die Finanzkrise übertragen.]
Kwaks eigene Stellungnahme "The McAllen Problem" folgte am 21.06.2009; u. a. zieht er darin auch die (nahe liegende) Parallele zum Verhalten der Finanzmarktakteure:
"In some ways McAllen isn’t the aberration; according to the old Chicago economics department, everywhere should be like McAllen.
Remember all the people who said that you can’t blame mortgage brokers and investment bankers for being greedy, because that’s how a capitalist economy works? Well, you could make the same defense for the McAllen doctors. We long ago stopped expecting lawyers and accountants to behave contrary to their economic interests; now we simply expect them to conform to the law and to certain professional codes of conduct, and otherwise make as much money as possible. Why should we expect anything different from doctors?
In a capitalist economy, the thing that is supposed to keep prices in check is the buyers. If someone offers me a product that costs more than it is worth to me, then I won’t buy it. But we can’t count on patients to play this role in health care, because there is no way to make patients internalize all of the costs of their care; they simply don’t have the money. Furthermore, most people don’t understand the health production function (the relationship between treatments and outcomes), so they don’t have the ability to select treatments that provide benefits that are worth their costs. (And, in many cases, it’s not obvious even to professionals that a treatment isn’t worth the cost; it’s only obvious when you look at the data in aggregate.)
What about payers (health insurers?) A “market” solution would be to change the reimbursement rates for different procedures – increase payment for things that doctors should do more of and reduce payment for things that doctors should do less of. Theoretically, payers should be doing this already. However, in the current situation, a private payer who tried to reduce the rates for popular, expensive procedures would find itself unable to attract providers. The only payer with any real negotiating power is Medicare. The private payers have little ability to control costs. Or, if they have the ability, they aren’t exercising it.
In short, prices will only go up. As a result, the cost of health insurance goes up ... .
Das kommt einem auch als Nicht-Amerikaner bekannt vor und entspricht exakt dem, was meine Eingangsbemerkung über "The Capitalist Threat" aussagen will.

Health Affairs
Die Webseite präsentierte am 18.06.09 eine Diskussion "The Policy Lessons Of Health Care Cost Variations: A Roundtable With Bob Berenson, Elliott Fisher, Bob Galvin, And Gail Wilensky", die ich aus Zeitmangel leider nicht gelesen habe.
Auf der gleichen Webseite ist der Artikel "Geography And The Keys To Health Care Reform" vom 17.6.09 einschlägig, den ich gleichfalls nicht gelesen habe.

Johnson, Simon [s. a. "BaselineScenario"]:
Parallelen lassen sich auch zu Johnsons ausführlicher Kritik an der politisch-Kulturellen Macht der Finanzindustrie ziehen, die er im Atlantic Monthly im Mai 2009 u. d. T. "The Quiet Coup" publiziert hatte (und gewissermaßen in Kurzform am 18.6.09 u. d. T. "Too Big To Fail, Politically" im BaselineScenario quasi wiederholt hat). Ebenso wie Gawande für das Gesundheitswesen in der Stadt McAllen in den frühen 90er Jahren einen Paradigmenwechsel diagnostiziert, von einer vorwiegend medizinisch-ethisch bestimmten Praxis hin zu Verhaltensweisen der Leistungserbringer, die sich ausschließlich am eigenen wirtschaftlichen Interesse orientiren, konstatiert Johnson einen paradigmatischen Wandel in der gesamtkulturellen Einstellung von einer zumindest auch gesellschaftlichen orientierten zu einer rein egoistischen Perspektive als Voraussetzung für (und Garant der) unproportionalen politischen Macht des Finanzsektors in der amerikanischen Gesellschaft. [Ebenso sind ja auch bei uns die Banker keine politischen Randfiguren, sondern werden schaufelweise mit Staatsgeldern gefüttert.]

Luft, Harold S., auf der Webseite "Healthcare Blog": "The Road from McAllen to El Paso" (15.06.09). Soweit ich beim Drüberhuschen mitgekriegt habe, handelt es sich um einen fachlichen Vorschlag zur Institutionalisierung eines Kosten senkenden Systems durch eine spezifische Form der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Krankenhäusern. Der Beitrag ist gefolgt von zahlreichen Kommentaren, insbesondere wohl auch von Medizinern.

National Public Radio (NPR), also die öffentliche Rundfunkanstalt der USA, brachte am 03.06.08 einen Beitrag "Costly Care in a Texas Town":
"The county around McAllen, Texas, on the Mexican border, has the lowest household income in the United States. And health care costs in McAllen are nearly the nation’s highest — almost double the national average.
Surgeon-journalist Atul Gawande went to McAllen to figure out why. What he found was doctors systematically milking the system — running up fees with a philosophy that put wealth before health.
America is drowning in health care costs. Here may be a reason why.
This hour, On Point: Atul Gawande on American health care costs off the rails in a Texas town
."
Interessant an diesem Beitrag sind möglicher Weise (ich konnte sie aus Zeitmangel nicht lesen) die enorm zahlreichen Hörerkommentare.

(The) New England Journal of Medicine (Debatte allgemein) v. 11.06.09: " "Achieving Health Care Reform — How Physicians Can Help" "

(The) Wall Street Journal vom 08.06.2009 (allgemeine Debatte): "Obama's Health Cost Illusion. The President's main case for reform is rooted in false claims and little evidence." Die 'Free Marketeers' (womit ich NICHT diese Fa. meine!) des WSJ wollen, wie auch bei uns die Liberalen, die Kosten kontrollieren, in dem sie 'die individuelle Verantwortung stärken', sprich: die Patienten (noch) stärker selbst mit den Kosten belasten:
"A far better alternative is to increase individual responsibility for medical decisions."
Dagegen lässt sich bei Gawande das Zitat eines Arztkollegen anführen, der ebenso treffend wie köstlich feststellt:
Any plan that relies on the sheep to negotiate with the wolves is doomed to failure.”
Und auf eben solche Pläne - den mehr oder weniger unwissenden, gleichwohl aber interessenhörig für 'mündig' erklärten, Patienten als angeblich in seinen Entscheidungen freies Wirtschaftssubjekt dem relativ 'allwissenden' Doktor auszuliefern - läuft die sogenannte "Stärkung der individuellen Verantwortung" im Ergebnis meist bzw. größtenteils hinaus.
[Zum WSJ-Artikel findet sich hier eine Diskussion von gigantischer Quantität.]

Washington Post (Sämtlich nicht gelesen):
"Kinsley: Rationing health care" - Meinungsartikel vom 26.06.09 .
23.06.09 ein von Ezra Klein geführtes "An Interview With Atul Gawande"


Leider mangelt mir die Zeit, weitere eventuell interessante Stellungnahmen bzw. Diskussionen zu den Gawande-Thesen rauszusuchen. Kommentatoren sind herzlich eingeladen, solche hier in den Kommentaren einzustellen.



Nachträge 24.07.2009

Das Wall Street Journal bietet am 8.6.09 u. d. T. "Obama's Health Cost Illusion" ein altes und weitgehend (wenn auch sicher nicht gänzlich) diskreditiertes Rezept gegen die Kostensteigerungen im (US-)Gesundheitswesen an:
"A far better alternative [im Vergleich zu den Reformplänen Obamas] is to increase individual responsibility for medical decisions. In 1965, the average American paid more than half of his health care out of pocket. Spending has since increased sevenfold, but the amount that consumers pay directly hasn't even doubled. When people aren't exposed to the true cost of their care -- though it is paid in foregone wages and higher taxes for public programs -- they consume more care. The research of MIT economist Amy Finkelstein suggests that roughly half of the real increase in U.S. health spending between 1950 and 1990 is due to Medicare and the spread of third-party, first-dollar insurance.
Increasing cost-sharing would discipline the health spending curve and give it a more rational bent. As societies grow richer, it makes sense that people will invest more in their own well-being. Health is a superior good, while the utility of wealth is fairly low if you're dead. The U.S. health cost "crisis" is that we spend so much without incentives to weigh the costs against the benefits
."
Interessant ist immerhin die Information über den Umfang und Trend der Kostensteigerungen im amerikanischen Gesundheitswesen:
"Since Medicare was created in 1965, U.S. health spending has risen about 2.7% faster than the economy and on current trend would hit 20% of GDP within a decade. Every public or private attempt to arrest this climb has failed: wage and price controls in the 1970s, the insurance industry's "voluntary effort" in the '80s, managed care in the '90s."

David Beckworth schätze ich wegen seiner unorthodoxen Ansichten in Sachen Deflation (er unterscheided eine "benign" und eine "malign" Form, während die herrschende Meinung Deflation grundsätzlich für gefährlich hält). In seinem Blog "Macro Musings" hat er auch einige Blotts zum Thema "Healthcare" (in den USA) eingestellt, die ich allerdings aus Zeitmangel nicht lesen konnte.

In Beckworths' Blog fand ich auch einen Link zum Artikel "Why We Must Ration Health Care" in der New York Times vom 15.07.09 (Peter Singer), den ich allerdings ebenfalls nicht gelesen habe.


Nachtrag 23.08.09
Mit gigantischem Verwaltungsaufwand (6.000 Rabattverträge) werden jetzt in Deutschland relativ kleine Einsparungen im Pharma-Markt erzielt. Dies, und anderes, erfahren Leser des heutigen Handelsblatt-Artikels "Apotheker. Warum Medikamente immer noch zu teuer sind" von Maike Telgheder:
"Bis zu eine Milliarde Euro Arzneimittelkosten will die AOK innerhalb von zwei Jahren mit ihren im Juni gestarteten Rabattverträgen mit Generika-Produzenten einsparen. Doch dieses Ziel wird nicht zu erreichen sein, wenn die Umsetzung insbesondere bei dem größten Medikament der Tranche weiter so schleppend läuft wie bisher."
Für mich ein Beweis, dass die Maßnahmen des Gesetzgebers in diesem Bereich nicht greifen. Wahrscheinlich gäbe es andere Möglichkeiten und ebenso wahrscheinlich werden die von der Pharma-Lobby torpediert.


Nachtrag 28.12.09
In den vorliegenden Zusammenhang gehört auch der lange Aufsatz "Gesundheitswesen: Pharma-Konzerne kassieren ab. Bundesregierung verhindert Beschränkungen wie in den USA" vom 11.06.09 (auf der Webseite "Netzwerk Regenbogen", die sich beschreibt als "eine politische Organisation, die sich auf die Prinzipien ökologisch - sozial - basisdemokratisch - gewaltfrei" beruft. Gutmenschlichem Allerlei dieser Art stehe ich zwar eher reserviert gegenüber; aber wo sie Recht haben, haben auch die Recht.





Textstand vom 28.12.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Zu einem „Permalink“, d. h. zu einem Link nur zum jeweiligen Artikel, gelangen
Sie mit einem Klick auf das Erstellungsdatum unterhalb des jeweiligen Eintrages.
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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Donnerstag, 18. Juni 2009
 
Deflationsgefahr gebannt: Deutsches Hotel- und Gaststättengewerbe erhöhte Preise trotz Wirtschaftskrise und Absatzeinbruch
Schon immer hatte ich erhebliche Zweifel an jenen Szenarien, die in der aktuellen Weltwirtschaftskrise (WWK II) in Analogie zur WWK I eine Deflationsspirale befürchteten. Die Notenbanken, voran die Federal Reserve Bank (Fed) in den USA, werden es ihrer Politik der Geldschwemme zugute halten, dass es nicht zu einer Deflation gekommen ist. Das hat sicherlich geholfen; es müssen aber insoweit noch andere Mechanismen wirksam gewesen sein.

Ein Bericht "Flaute im Gastgewerbe. Hotels leiden unter Sparkurs der Firmen" in der Financial Times Deutschland vom 17.06.2009 könnte nun die Deflationsfürchtigen in Jubel ausbrechen lassen (wie schon früher Meldungen über die Ölpreissteigerungen).

Der erste Teil der FTD-Meldung ist allerdings weniger erfreulich (Hervorhebungen jeweils von mir):
"Ebbe in der Kasse: Kneipiers und Hoteliers hatten im April weniger Gäste als im Vorjahr - entsprechend sind auch die Umsätze gesunken. Die größten Verluste mussten Beherbergungsbetriebe und Caterer hinnehmen. ... Der Umsatz der Kneipen, Restaurants und Herbergen lag im April um 4,7 Prozent unter dem Wert des Vorjahres.."

Der Clou folgt im folgenden Satz:
"Zu unveränderten Preisen hätte das Minus sogar sieben Prozent betragen."

Der Absatz ist also weitaus stärker gesunken als der Umsatz. Was natürlich nur bedeuten kann, dass die Preise erhöht wurden, dass die Betriebe pro 'Leistungseinheit' mehr Geld verlangt und erhalten haben.

Rechnerisch stellt sich der Sachverhalt wie folgt dar:
Absatz (Leistungsmenge) ./. 7% = 93 %; Umsatz (Geldeinnahmen) ./. 4,7% = 95,3%.
Differen = 2,3%. Dies als Mehreinnahmen auf Basis der verminderten Leistung, berechnet, also 2,3% von 93 = 2,3 : 93 = 0,0247 = rund 2,5% Preiserhöhung!

Dem Gaststättengewerbe ist es also gelungen, inmitten der Wirtschaftskrise seine Preise um 2,5% anzuheben!
Und wenn schon ein derart zersplitterter und großenteils von Kleinbetrieben besetzter Wirtschaftssektor so etwas zustande bringt, sollte es doch auf den oligopolistisch vermachteten Märkten eine Kleinigkeit sein, der Deflation die Stirn zu bieten.

Was dann auch zu den schönsten Erwartungen auf eine richtig schöne Inflation berechtigt, wenn die Konjunktur erst einmal wieder brummt!

Dazu ein hübsches Zitat aus dem Blog-Eintrag "What Recovery? Myths, Lies, and Green Shoots" auf der (anscheinend den US-Demokraten nahe stehenden) Webseite "The Economic Populist". Einen Autornamen kann ich nicht entdecken; im About der Webseite erfahren wir: "The Economic Populist is a Community Blog and Forum. Leave your partisanship at the door, bring your shrinking middle class paycheck and let's discuss real trade, economic, budget, fiscal, tax, labor and immigration policy that is in our interests and the United States National Interest. Who can post here? Anyone sane and wanting to talk about economic issues such as the above." Jedenfalls ist es jemand, der Ahnung von Wirtschaftswissenschaft hat. Ein Datum finde ich ebenfalls nicht; anhand der bei den Kommentaren angegebenen Daten muss der Eintrag spätestens vom 20.06.2009 stammen. Auszüge (Hervorhebungen von mir):
"... worldwide industrial output is dropping as fast as it did during the Great Depression, while world trade is dropping even faster ... . The other two charts show monetary inflation and massive government deficits. The two are directly related. Those academics who are afraid of deflation think that these are good things. Consumers that are trying to stretch their meager paychecks think otherwise. ... As mentioned above, we have managed to avoid deflation with our massive deficit spending, but that also means the prudent are being punished in order to bail out the debtors." [Also die gleiche Situation wie zu Zeiten der Kipper und Wipper, als die sparsamen braven Bürgersleut' für die Verschwendungssucht der Aristokratie bezahlen mussten!]








Textstand vom 21.06.2009. Auf meiner Webseite
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Mittwoch, 10. Juni 2009
 
In Russland droht ein Sack Reis umzufallen: ICH erwarte scharfen Protest des deutschen Bundestages. Aber IHNEN ist Industriehai Chodorkowski ja egal!
Bislang wollte ich es nicht glauben, was die SPD im Europa-Wahlkampf insinuiert hatte: dass nämlich die FDP die Finanzhaie unterstützt. Jetzt aber habe ich die Liberalen in flagranti erwischt.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger heult diesmal nicht gegen den Großen Lauschangriff, sondern für den russischen Industrie-Wolf Michail Borissowitsch Chodorkowski (s. u.).

Der hat sich bei der politischen Führungsschicht in Russland unbeliebt gemacht und wird deshalb (an diesem Kausalzusammenhang habe ich gar keinen Zweifel) strafrechtlich verfolgt. In dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag über Mikhail Borisovich Khodorkovsky wird dazu eine Stellungnahme des US-Außenministeriums angeführt, die auch aus meiner Sicht den Sachverhalt so darstellt, wie er ist:
"The U.S. State Department said the arrest "raised a number of concerns over the arbitrary use of the judicial system" and was likely to be very damaging to foreign investment in Russia, as it appeared there were "selective" prosecutions occurring against Yukos officials but not against others."

Nur: eine Lichtgestalt kann der russische Oligarch Michael Chodorkowski zumindest nicht immer in seinem Leben gewesen sein: sonst hätte er sich nicht in der Transformationsperiode der russischen Wirtschaft vom Staatskapitalismus den Ölkonzern JUKOS (engl. YUKOS) unter den Nagel reißen können.

Daher finde ich es einigermaßen überraschend, dass DIE GRÜNEN einen Entwurf für eine gemeinsame Entschließung des deutschen Bundestages zum Prozess gegen den russischen Unternehmer Michail Chodorkowski eingebracht haben. Und dass sie von CDU und FDP unterstützt werden. Vor allem erscheint es mir politisch ausgesprochen unintelligent. Deutsche Interessen vertritt man auf diese Weise ganz gewiss nicht. Wollen die CDU und FDP als Gefolgsleute der Banknotendruckmacht USA Deutschland in eine Konfrontation mit der Rohstoffmacht Russland hetzen? (Die geistesgroßen Grünen kommen ja eh' ohne Energie-Rohstoffe aus!)

"Die FDP-Abgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wird noch deutlicher: „Dass sich die SPD mit der Unterstützung von Herrn Chodorkowski so schwertut, ist ein Armutszeugnis" heißt es in dem ZEIT-Artikel "Prozess. Testfall Chodorkowski" vom 10.6.2009.
Zugegeben: der Bundestag hat sich, bereits im Januar 2006, auch kritisch über das US-Gefangenenlager Guantanamo geäußert.

Einäugigkeit kann man den Abgeordneten also nicht vorwerfen. Außenpolitische Weisheit aber auch nicht - jedenfalls der Mehrheit nicht. Anders dagegen die SPD. Über deren Stellung berichtet Claudia von Salzen in dem o. a. ZEIT ONLINE-Bericht vom 10.6.2009 unter der Überschrift "Prozess. Testfall Chodorkowski":
"Die Große Koalition kann sich nicht auf eine gemeinsame Erklärung zum Prozess gegen Unternehmer in Russland einigen. .....
Ein von den Grünen verfasster Entwurf fand Zustimmung bei der Union und der FDP. Die Sozialdemokraten legten dagegen einen eigenen, allgemeineren Entwurf vor, in dem der Fall Chodorkowski nicht mehr im Mittelpunkt steht. In dem Entwurf der Grünen wird nun die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass auch diesmal „ein strafrechtlicher Prozess für politische Ziele genutzt wird“. Wesentliche Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit würden in Russland „nicht oder ungenügend beachtet“, heißt es in dem Entwurf. „Trotz einiger Fortschritte gibt es weiter besorgniserregende Entwicklungen.“ Derart deutliche Kritik fehlt dagegen im Entwurf der SPD, der dem Tagesspiegel vorliegt. Im Bereich der Rechtsstaatlichkeit gebe es „positive und negative Trends“, heißt es darin. Die Sozialdemokraten sehen das Verfahren zwar ähnlich wie die Grünen als „Testfall“ für die Glaubwürdigkeit der russischen Justiz. Allerdings gibt es im SPD-Entwurf den Zusatz, der Respekt vor der Unabhängigkeit der russischen Justiz gebiete es, den Prozessverlauf und die Entscheidung des Gerichts abzuwarten. Mit dieser Formulierung sind nicht alle SPD-Außenpolitiker einverstanden: Er sei „nicht glücklich“ mit diesem Satz, betonte der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel, der am Montag in Moskau den Chodorkowski-Prozess beobachtet hat
."

Sicherlich liegt es auch in unserem Interesse, unsere Lebensform, und nicht zuletzt auch unsere rechtlichen Standards, auch in jenen Staaten der Welt zu verbreiten, bei denen die Unabhängigkeit der Justiz nur mangelhaft ausgeprägt ist.

Da muss man freilich nicht bis nach Russland laufen, sondern mag zunächst einmal im eigenen europäischen Haus aufräumen. Ich habe jedenfalls nicht vernommen, dass der Bundestag eine Entschließung gegen die skandalösen Manipulationen beschlossen hätte, mit denen der italienische Ministerpräsident die italienischen Strafverfolgungsbehörden an der Untersuchung seiner Taten gehindert hat. Allerdings ging es dabei nicht um eine politisch motivierte Verfolgung Unschuldiger, sondern um die Verhinderung der Verfolgung eines (nach meiner Einschätzung) Schuldigen.

Unschuldige werden dagegen mitten in Deutschland verfolgt, im Frankfurt des Hessen-Kochs. Finanzbeamte, die mit preußischer Pflichttreue gegen Steuerhinterziehung durch Banken ermittelten, wurden dort mit den übelsten Methoden ins Abseits gestellt. Mehr darüber erfährt der oder die Interessierte z. B. in dem ausführlichen Stern-Bericht (Heft 51/2008) "Eiskalt abserviert" von Frauke Hunfeld:
"Als Ermittler holten sie für den Staat Millionen, auch bei den großen Banken. Doch plötzlich war Schluss. Plötzlich störten sie die Geschäfte und wurden als Querulanten aus dem Dienst gemobbt. Die Geschichte von Rudolf Schmenger und seinen Kollegen von der Steuerfahndung Frankfurt, die jetzt auf Gerechtigkeit hoffen. ...
Rudolf Schmenger, 47, zuletzt Amtsrat. Er wehrte sich gegen das Aus - und wurde per Gutachten für verrückt erklärt
."
Oder im Handelsblatt-Artikel "Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim. Ausgezeichnete Verräter" von Jan Keuchel (07.05.09):
"Zwei Steuerfahnder prangerten Missstände an und verloren ihren Job. Nun werden sie mit dem Preis "Whistleblower 2009" geehrt."

Darüber sollte der Bundestag debattieren, anstatt Russland anzupinkeln, weil die einen (vermutlich) Wirtschaftsverbrecher (wenn auch aus politischen Motiven) verfolgen.
Oder auch über das Mobbing gegen die Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen. Über diesen Fall politisch motivierter Eingriffe in die Strafverfolgungsbehörden informiert uns z. B. der FTD-Bericht (15.12.08) "Agenda. Dossier. Staatsanwältin im Krieg" von Jens Brambusch:
"Sie hat Post-Chef Klaus Zumwinkel verhaften lassen - nun soll kurz vor Beginn des Prozesses Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen strafversetzt werden. Der Steuerfall des Jahres verkommt zu einem Schmierenstück aus Mobbing und Intrigen."

Alternativ - oder ergänzend - könnte das Hohe Haus sich auch mal mit dem Bekanntenkreis des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger beschäftigen, nämlich seine Beziehung zu dem mutmaßlichen Mafioso Mario L.
Dazu staunen wir im Stern vom 3.4.08:
"Buchauszug. Oettinger und der Pizzabäcker", © Michael Latz/DDP
"Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger und sein tiefer Sinn für Freundschaft: Stoff für einen Bestseller. .....
"Wir können alles", rühmen sich die Baden-Württemberger. Tatsächlich verstehen sie sich auch auf "Filz, Korruption & Kumpanei". stern.de veröffentlicht einen Auszug aus dem gleichnamigen Buch - über die denkwürdige Freundschaft von Ministerpräsident Günther Oettinger zu Pizzeriawirt Mario L.
Der Stuttgarter Pizza-Wirt war zwar bei einem Mafia-Prozess im Jahr 1999 freigesprochen worden. Doch das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnete ihn im Jahr 2000 nach wie vor als Mitglied des 'Ndrangheta-Clans "Greco", wie aus Unterlagen der Behörde hervorgeht. Beim besagten Austausch italienischer und deutscher Fahnder blieb es nicht beim Thema Mario. Plötzlich, wie aus heiterem Stuttgarter Himmel, kam die Rede auch auf Günther Oettinger. Und da passierte es: Was seine Rolle in der damaligen Sache angehe, da sei in Deutschland einiges vermauschelt worden, wurde doch tatsächlich behauptet. Bei ihnen in Italien, so fabulierten italienische Ermittler wäre Oettinger nicht Ministerpräsident geworden, sondern hätte eher juristische Probleme bekommen, wegen eines Verdachts, der bei ihnen zu Ermittlungen führen würde - nämlich "favoreggiamento", Begünstigung. Die italienischen Ermittler verwiesen darauf, dass dieser Verdacht in ihrem Heimatland auch schriftlich fixiert wurde - noch im Jahr 2005.
"

"Es gibt viel Mist in Deutschland: machen wir einen Bogen drum herum - und zeigen mit dem Finger auf Russland" - ist das die Devise der deutschen Bourgeoisie (die GRÜNEN zähle ich definitiv ebenfalls zu dieser Klasse).
Da passt es irgendwie, wenn ich bei der Wikipedia-Suche nach "Oligarchie" auf das Stichwort "Ehernes Gesetz der Oligarchie" stoße:
"Das Eherne Gesetz der Oligarchie (ehern: gehobenes Deutsch für „aus Erz“ [Eisen] im Sinne von „hart, ewig während“ [„Eisernes Gesetz“]; Oligarchie: griechisch für „Herrschaft Weniger“) ist eine 1911 vorgelegte politische Theorie zur innerparteilichen Demokratie des deutsch-italienischen Soziologen Robert Michels (1876-1936). Die Theorie geht davon aus, dass Führungsgruppen in Organisationen zwangsläufig zunehmend an den eigenen Interessen (persönliche Privilegien, Sicherung der Organisation) interessiert seien, als an den Zielen, Interessen und dem Willen der Gruppe selbst (Verselbstständigung der Führung). Sie versuchten nach Michels, die soziale Basis (Massen) zu bestimmen (Parteidisziplin), auch dann, wenn die herrschende Weltanschauung dieser Gruppierungen das Gegenteil anziele. Michels baute auf Arbeiten Gaetano Moscas (Politische Klasse) auf."
Oder in der englischsprachigen Wikipedia den entsprechenden Eintrag "Iron law of oligarchy":
"The iron law of oligarchy is a political theory, first developed by the German syndicalist sociologist Robert Michels in his 1911 book, Political Parties. It states that all forms of organization, regardless of how democratic or autocratic they may be at the start, will eventually and inevitably develop into oligarchies. The reasons for this are the technical indispensability of leadership, the tendency of the leaders to organize themselves and to consolidate their interests; the gratitude of the led towards the leaders, and the general immobility and passivity of the masses. ...
Robert Michels was disturbed to find that, paradoxically, the socialist parties of Europe, despite their democratic ideology and provisions for mass participation, seemed to be dominated by their leaders, just like the traditional conservative parties.
Studying political parties, he concluded that the problem lay in the very nature of organizations. Modern democracy allowed the formation of organizations such as political parties, but as such organizations grew in complexity, they paradoxically became less and less democratic. Michels formulated the "Iron Law of Oligarchy": "Who says organization, says oligarchy." ...
At the time Michels formulated his Law, he was an anarcho-syndicalist. He later became an important ideologue of Benito Mussolini's fascist regime in Italy.
"

Lassen wir es nicht zu, dass unsere Oligarchen uns mit Einsätzen für dubiose Gestalten wie den Herrn Michail Borissowitsch Chodorkowski, oder auch gegen die unerquicklichen Methoden der Chinesen zur Gewinnung von Bärengalle, von unseren Problemen abzulenken versuchen.
Wenigstens (bzw. aus anderer Perspektive betrachtet: leider nur) die SPD hat begriffen, dass es nicht im wohlverstandenen deutschen Interesse liegt, das Verhältnis zu Russland wegen solcher Figuren zu belasten.

Was ich in meinem Bärengallen-Blott schrieb, passt auch hier:
"Comity, Höflichkeit und Rücksichtnahme zwischen Nationen und Kulturen, auf der juristischen wie auf anderen Ebenen – was das bedeutet, müssen vielleicht nicht nur die anderen lernen!"


Nachtrag 15.10.2010
Angela Merkel hat es nun auch gemerkt: dass Russland eine Rohstoff-Großmacht ist (die man besser nicht vergrätzt). Am 14.10.10 berichtete die WELT: "Globalisierung. Merkel will Rohstoffe für Deutschland sichern":
"China kauft derzeit den Rohstoffmarkt leer. Nun will Bundeskanzlerin Angela Merkel gegensteuern – und vor allem Russland an Deutschland binden."





Textstand vom 15.10.2010. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 7. Juni 2009
 
Die Welt aus Düsseldorfer und Hamburger Sicht. Vergleich Handelsblatt mit Financial Times Deutschland (FTD), u. a. zum Thema Ölpreisentwicklung
Falls ich dem Handelsblatt (d. h. dessen Internet-Ausgabe) irgendwann meine langjährige Treue kündigen sollte (wovon die freilich wenig spüren werden, weil ich ohnehin nur noch die im Internet -gratis- publizierten Artikel lese) ist ganz sicher nicht die "Zensur" meines Meinungs-Blotts über Horst Seehofer (vgl. dort meinen Nachtrag vom 7.6.09) daran Schuld.

Vielmehr hatte ich in letzter Zeit mehr und mehr das Gefühl, mit der Financial Times Deutschland einen weiteren Blick auf die Welt zu erhalten, 'näher dran' zu sein an der weltwirtschaftlichen Entwicklung. Und mir gefällt die dezidierte Meinung Freunde der Kommentatoren, z. B. der ironische Kommentar "Normalisierung auf Englisch" (aus der Reihe "Das Kapital") vom 04.06.09:
"Die Angelsachsen bezeichnen die Vorgänge an den Finanzmärkten [z. B. die für die Regierungen - und die Steuerzahler - sehr unangenehmen Zinssteigerungen der Staatsanleihen] voller Selbstbewusstsein als Normalisierung. Da müssen sie mal wieder alles richtig gemacht haben."
Oder, aus der gleichen Reihe, vom 12.05.09: "Das Schlimmste in zehn Jahren":
"Selbst die Ökonomen haben sich von der Aktienrallye anstecken lassen. Aber wenn der Aktienmarkt tatsächlich das Potenzial der Wirtschaft vorwegnimmt, müssen die Anleger in Japan jahrzehntelang gepennt haben."
Oder den Kolumnenbeitrag vom 08.06.09: "Andreas Theyssen - Ich will nicht gerettet werden", wo Andreas Theyssen vehement die Rettung von Opel, und die zu erwartende Rettung von Arcandor (Karstadt usw.) mit Steuermitteln kritisiert.
Oder den "Leitartikel. Arcandors Ende nach Wahl" ebenfalls vom 08.06.09:
"Die Politik entscheidet, ob der Konzern Staatshilfe bekommt, oder in die Insolvenz geht. Doch egal, wie die Entscheidung ausfällt: In einem Jahr wird es den Konzern so nicht mehr geben."

Gewiss: in Sachen Opel und Arcandor berichtet auch das Handelsblatt sehr ausführlich. Aktuell vom 7.6.09 etwa: "Arcandor-Betriebsratschef „Die Insolvenz wäre eine Katastrophe ein Interview von David C. Lerch (allerdings offenbar eine Übernahme aus dem ebenfalls zur Holtzbrinck-Gruppe gehörenden Berliner Tagesspiegel) mit dem Arcandor-Betriebsratschef Hellmut Patzelt "über die Aussicht auf Staatshilfe, die Angst der Mitarbeiter und eine Fusion mit Kaufhof" sowie "Handels- und Touristikkonzern. Arcandor spielt mit der Insolvenz" von Sven Afhüppe und Christoph Schlautmann: "Dem angeschlagenen Handels- und Touristikkonzern Arcandor droht kurzfristig die Insolvenz. In einem Spitzengespräch mit Vertretern des Konkurrenten Metro gelang es am Sonntagnachmittag nicht, eine Einigung über die Bildung einer gemeinsamen Deutschen Warenhaus AG zu erzielen. Zudem spitzt sich der Nervenkrieg um einen Rettungskredit des Bundes zu.". Das Blatt hält auch mit seiner negativen Beurteilung der Staatshilfen für diese beiden Unternehmen nicht hinter dem Berge.

Aber z. B. bei der Geldmengenausweitung, oder bei den Gefahren steigender Rohstoffpreise, habe ich (ohne dass ich das jetzt im Detail belegen könnte) bei der FTD eher als beim Handelsblatt das Gefühl einer größeren Intensität der Berichterstattung, einer größeren "Schärfe" (im Sinne eine Fokussierung, nicht im Sinne einer politischen Tonlage.

Selbst dann, wenn ich ihnen nicht zustimme, finde ich in letzter Zeit Anknüpfungspunkte häufig eher bei FTD-Artikeln als bei jenen im Handelsblatt.
Nehmen wir als Beispiel von Lucas Zeise die "Kolumne. Lucas Zeise - Das Inflationsgespenst" vom 26.05.09:
"Die staatliche Geldverteilung an Banken ist intransparent. Deshalb grassiert die Angst vor Geldentwertung."
Zunächst kritisiert er scharf die Tatsache, dass die Bürger zwar für die Banken zahlen sollen, über die Probleme dieser Banken aber nicht näher informiert werden [dieses Faktum müsste eigentlich für einen Dauerschrei im deutschen Medienwald sorgen; stattdessen herrscht insoweit weitestgehendes Schweigen im Walde]:
"Ist es schon sinnlos, viel Geld in die Banken zu stecken, so geschieht es auch noch auf wenig vertraueneinflößende Methode. Die Gründe, warum diese Bank dies, eine andere aber das und eine dritte gar nichts bekommt, bleiben geheim. Warum im Ursprungssündenfall so viel Geld in die kleine, unwichtige IKB gepumpt wurde, ist bis heute ein Staatsgeheimnis.
Ein Untersuchungsausschuss dazu kam nicht zustande. Den gibt es nun im Fall der Hypo Real Estate. Da die beiden Aufsichtsinstitutionen Bundesbank und BaFin jede Ausflucht nutzen, um den Parlamentariern möglichst wenig zu sagen, kann man nur Schlimmes vermuten.
Schließlich ist die große Banken Rettungsaktion so konstruiert, dass weder das Parlament noch die Öffentlichkeit erfahren, warum etwas geschieht. Beim Soffin, der über Unterstützungsmaßnahmen entscheidet, wird zwar ein politisches Aufsichtsgremium über die Entscheidungen informiert. Der Öffentlichkeit und dem Rest des Parlaments gegenüber sind die so informierten Parlamentarier aber zum Schweigen verpflichtet.
Welche schrecklichen Geschäftsgeheimnisse werden da vor uns verborgen? Welche Wahrheit will man uns nicht zumuten
?"

Zeise sieht keine Inflationsgefahren; ich bin da anderer Meinung. Zur Inflationsangst meint er:
"Alle möglichen Theorien sprießen ins Kraut. Unter anderem die, es werde dank Geldvermehrung durch die Notenbanken zur Inflation kommen. ...
Ohne sehr viel Geld im Umlauf ist Inflation nicht zu erreichen. Nur haben die letzten Jahrzehnte bewiesen, dass sehr viel Geld in Umlauf gebracht werden kann und dennoch die Inflation gering bleibt und sich auf die Preise von Vermögenstiteln beschränkt. Die Notenbanken wissen, warum das so ist: Der kräftige Geldzuwachs bleibt in den Händen jener, die vorwiegend Vermögenstitel kaufen. Die anderen, die Geld für Dinge des täglichen Bedarfs ausgeben, bleiben auf Diät. Solange das so bleibt, kommt nachfrageinduzierte Inflation nicht auf.
Das viele Geld, das nun auf Kosten des Steuerzahlers in Richtung Banken geht, wird sicher nicht bei denen landen, die damit zu Aldi und Karstadt gehen. ... Einen Rat kann man umgekehrt jenen Zentralbankern geben, die effektive Mittel gegen die Deflation suchen. Der Rat lautet: Kauft keine Anleihen vom Staat oder von Banken. Nehmt Friedman wörtlich. Fed-Chef Ben Bernanke sollte den Hubschrauber besteigen und frisch gedruckte Banknoten über Stadt und Land gleichmäßig abwerfen.
"
Da hat er sowohl Recht als auch Unrecht. Recht hat er, wenn er (implizit) der von Ben Bernanke geäußerten Behauptung (vgl. meinen Blott
"Finanzkrise (Finanzmarktkrise): Ist BEN BERNANKE BESCHEUERT oder ist Burkhardt Brinkmann blöd?") widerspricht, wonach der Kauf von Staatsanleihen einem Geldabwurf vom Hubschrauber gleich zu setzen sei. Allerdings sind meine Bedenken gegen die Bernanke-Meinung und die Bedenken von Zeise nicht identisch: Zeise bezweifelt wohl, dass diese Gelder beim 'Kleinen Mann' ankommen. Das tue ich nicht, denn: der Staat gibt das geliehene Geld aus, das landet zwangsläufig bei den arbeitenden Menschen - genau wie Geldscheinabwürfe aus dem Hubschrauber. Der für mich wesentliche Unterschied ist dagegen, dass die Steuerzahler die Fed-Anleihen für die Staatsanleihen irgendwann zurück zahlen müssen; Scheine, die vom Himmel auf sie hernieder kämen ('Geldabwurf vom Helikopter') dagegen nicht.
In anderer Hinsicht gehe ich zwar zum Teil mit Zeise konform: der Geldmengenzuwachs der letzten Jahre ist kaum in den Konsum geflossen; vielmehr ist er weitestgehend auf der 'Spielwiese' der Finanzwirtschaft geblieben (vgl. z. B. meine Blotts "WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?" und "„Ceci n’est pas une inflation“ oder: Eine Inflation gibt es nicht!
"
). Nur leider halt nicht vollständig: ein Teil sickert eben doch in die Realwirtschaft ein und wirkt dort preistreibend. Zum einen lokal (vgl. meinen Eintrag "DIE WELT WIRD CAPECODISIERT! (Kapiert?) ODER STARNBERGERISIERT?"); zum anderen in Form von Preisblasen: bei den Immobilien und bei den Rohstoffen.
Ohne die gewaltige Geldmengenausweitung, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, in den letzten Jahren wären die Preisanstiege bei beiden o. a. "Anlageklassen" nicht in diesem Ausmaß möglich gewesen. Im Rohstoffbereich waren die Preise ja nicht nur beim Erdöl exorbitant gestiegen, was man auf die geologische Verknappung zurück führen kann (bzw. m. E. muss, aber das ist schon seit längerem umstritten - bejahend z. B. hier einen Beitrag des Wirtschaftswissenschaftlers James Hamilton, bereits vom Oktober 2006, über "scarcity rent", also Knappheitsrente), sondern auch bei dem am weitesten verbreiteten Mineral überhaupt, dem Eisenerz.
Und bei den Rohstoffen geht es momentan schon wieder los, so zu sagen 'unter der Hand', ohne dass dies in der Öffentlichkeit groß wahrgenommen würde. FTD-Leser dürfen sich aber auch darüber gut informiert fühlen; der Sachverhalt wird dort mit der gebührenden Aufmerksamkeit kommentiert.
Z. B. von Tobias Bayer in seinem "Kommentar. Rohstoffe - Das böse Déjà-vu" vom 05.06.09:
"Die weltweite Rezession liegt hinter uns. So lautet jedenfalls das Fazit der Investoren, die hemmungslos in Rohstoffe investieren - und die Preise wie 2008 nach oben treiben. Um ein Déjà-vu zu verhindern, sollten Politik und Aufsichtsbehörden gegensteuern."

Und über die von der Geldmenge in die Höhe getriebenen Rohstoffpreise kommt es, was Zeise ausblendet, letztlich eben auch zu inflatorischen Entwicklungen bei Konsumgütern, wodurch, wie schon gehabt (Ölpreissteigerungen) die Zahlungsfähigkeit der Kreditschuldner beeinträchtigt und damit deren Rückzahlungsfähigkeit unterminiert wird. Auch das wäre ein Déja vu: die Ölpreissteigerungen haben vermutlich zur US-Immobilienkrise beigetragen, auch wenn sie wohl nicht die Hauptursache waren. (Vgl. dazu z. B. meinen Blott`"Finanzmarktkrise, Finanzkrise? Nein: Rohstoffkrise! Notenbanken, Geldpolitik und Konjunkturpakete sind deshalb am Ende").

Hier einige weitere zeitnahe Artikel in der Financial Times Deutschland zur Preisentwicklung (und anderen Entwicklungen) bei Rohstoffen:

"Lückenhafte Kontrolle. Betrüger entdecken den Rohstoffhandel" von Tobias Bayer (05.06.09):
"Die CFTC kontrolliert den US-Terminmarkt. Weil sich beim physischen Handel mit Rohstoffen und Metallen die Betrügereien gegenüber Privatanlegern häufen, fordert sie nun neue Kompetenzen. Dagegen laufen Edelmetallverkäufer Sturm."

Vom gleichen Autor und gleichen Datum: "Rückkehr der Spekulanten. Hedge-Fonds entern Rohstoffmarkt":
"Sie sind wieder zurück: Hedge-Fonds haben in den vergangenen Monaten ihre Positionen auf dem Rohstoffmarkt deutlich ausgeweitet. Ihr Engagement ist derzeit so groß wie zu Hochzeiten des Booms 2008. Die Aufsicht ist beunruhigt."

Ebenfalls von Tobias Bayer ein Artikel vom 4.6.09 der Bericht "Goldman-Sachs-Prognose. Bank erwartet rasanten Ölpreisanstieg":
"Im Mai 2008 schockte Goldman Sachs die Welt mit der Ölpreisprognose von 200 $ bis Mitte 2010. Die weltweite Rezession machte das Szenario unwahrscheinlich. Jetzt lehnt sich das Wall-Street-Haus erneut aus dem Fenster - aber nicht mehr so stark."

3.6.09: "Wegen Ölpreisrekorden. US-Aufsicht geht auf Anti-Spekulanten-Kurs"
von Tobias Bayer:
"Sind kurzfristig orientierte Investoren Schuld an hohen Ölpreisen? Diese Frage beantwortete die Wall-Street-freundliche US-Terminmarktaufsicht CFTC bisher mit einem klaren Nein. Jetzt wird die Gangart unter dem neuen Chef Gensler deutlich härter. Er will Spekulanten bekämpfen – hat aber zu wenig Leute."

Am 12.05.09 las man: "Neue Ära bei Rohstoffen. Banken steigen in Eisenerzhandel ein" von Javier Blas (London):
"Beim Kauf und Verkauf von Zink, Kupfer, Aluminium und Stahl mischt die Finanzwelt bereits kräftig mit. Jetzt entdeckt sie ein neues Spielfeld: Den rasant wachsenden Markt für Eisenerz. Ihr kommt dabei der Streit zwischen Minenbetreibern und Stahlproduzenten zugute."

Es sind jedoch nicht nur die Finanzmärkte, welche die Rohstoffpreise derzeit, trotz immer noch lahmender Konjunktur, wieder anziehen lassen.
"Wettlauf um Rohstoffe. China und Japan horten Industriemetalle" titelte Tobias Bayer einen entsprechenden Bericht vom 25.03.09:
"Die Weltwirtschaft taumelt, doch der Kupferpreis legt zu: Hinter dem vermeintlichen Widerspruch stecken China und Japan, die sich mit Industriemetallen eindecken. Besonders die Volksrepublik geht aggressiv zu Werke."


Weil einerseits die Rohstoffe teilweise aufgrund unzureichender Aufschlussinvestitionen, teilweise aber auch aufgrund ihrer geologischen Erschöpfung knapp werden, und weil andererseits die Weltkonjunktur mit der Brechstange einer riesigen Primärgeldschöpfung ausgeweitet wird (letztlich in vergleichbarer Weise wie um 1600 durch die Münzfälscherei der Kipper und Wipper), stelle ich mir die Zukunft ziemlich duster vor.
Und diese Entwicklungen finde ich in der FTD mit schärfen Konturen gezeichnet als im Handelsblatt, dessen Artikel mich seit Jahrzehnten begleitet und ökonomisch belehrt haben. Dieses ist mir letztendlich im Vergleich doch allzu Deutschlandbezogenen, und, wie soll ich sagen - ein wenig zu 'gemütlich'?. Es zeigt einfach weniger "Biss" als die Financial Times Deutschland. Schade.


(Erg. 13.6.09) Was allerdings die 'technische' Dimension angeht, ist der Internet-Auftritt des Handelsblatts weitaus leserfreundlicher als derjenige der Financial Times Deutschland:

- Seitengliederung 2-spaltig (breite linke Spalte = Artikeltext, schmale rechte Spalte = Werbung, Hinweise, diverse Links), Artikelspalte breiter als Randspalte. Dagegen 3-spaltige Gliederung der FTD-Webseite, wobei die Textspalte etwa gleich groß ist wie die (schmale) linke und die (breitere) rechte Spalte zusammen. Dadurch im Handelsblatt mehr Text auf einer Seite.

- Die Handelsblatt-Webseite bietet (unterhalb des Textes) die Auswahlmöglichkeit an, Artikel vollständig auf einer Seite zu lesen; bei der FTD ist das nicht möglich.

- Außerdem führt das HB unten die Gesamtzahl der Seiten auf. Die FTD verweist auf der ersten Seite lediglich auf eine evtl. Folgeseite; erst dort erscheint eine Information über die gesamte Anzahl der Seiten, auf die der Artikeltext verteilt wurde. Vgl. als Beispiel das 4-seitige "Dossier" "Wir leben noch!" (über eine Kaufhauskette in Holzminden u. a. Kleinstädten). Allerdings sind noch längere Artikel i. d. R. aufgeteilt und schon auf der 1. Seite mit einer Art "Inhaltsverzeichnis" versehen. Das ist nicht schlecht, wenn man gezielt nur eine Information herauspicken will. Ein Beispiel für einen solchen Textaufbau bietet der auf 7 (großtenteils allerdings recht kurze) Seiten aufgeteilte Artikel "Gefährliche VW-Optionen. Das Porsche-Dilemma" vom 16.06.09.


- Das Artikeldatum erscheint im Handelsblatt oberhalb des Textes; bei der Financial Times Deutschland erst tief unten, noch unterhalb von einigen Werbeeinblendungen. Das finde ich ausgesprochen ärgerlich.
Ergänzung 03.09.2009: Nanu? Spionieren die FTDler etwa in meinem Blog? Plötzlich ist das Artikeldatum dort nämlich rechts oben! Der Fortschritt ist eben nicht aufzuhalten! ;-)

- Die FTD bietet gefühlt mehr Links zu einschlägigen eigenen Artikeln als das Handelsblatt; das Datum der Erstveröffentlichung dieser Artikel geben allerdings beide (und auch andere: z. B. die ZEIT) nicht an. Da erhofft man sich u. U. weitere aktuelle Informationen und landet stattdessen manchmal bei alten Artikeln mit überholtem Informationsstand.




Nachträge 03.09.09

Originell im Ansatz ist der heutige Artikel "Fairness für Wiedeking" von Thomas Steinmann:
"Porsche wollte die Macht bei VW - jetzt braucht der Luxushersteller Stütze vom Staat. Hohn und Spott sind Konzernchef Wendelin Wiedeking dafür auch aus der Politik sicher. Dabei ist die an Porsches Unfall nicht unbeteiligt - nur sagt das keiner."

Weitaus wichtiger ist aber der (nicht gezeichnete) FTD-Kommentar "Zeit für eine richtige Krise" aus der Reihe "Das Kapital", ebenfalls vom 08.06.2009. Diese Meinungskolumne wirkt auf mich beinahe so, als ob der Autor meinen vorliegenden Blott gelesen und sich dann hingesetzt hätte, um meine positive Einschätzung noch einmal besonders eindrucksvoll zu bestätigen. Obwohl doch eigentlich ein Wirtschaftsblatt, geht die Zeitung (sicherlich nicht immer, aber jedenfalls in diesem Kommentar) mit einer Prägnanz und Schärfe, wie man sie kaum in der TAZ oder der ZEIT finden wird, und im Handelsblatt noch weniger, auf kritische Distanz zu unserer aktuellen Wirtschaftsweise. Nachfolgende Auszüge mögen, als "Appetithappen", meine Leserinnen und Lesern zur Lektüre verlocken; ich jedenfalls lege Ihnen diesen Kommentar herzlich ans Herz (meine Hervorhebungen):
"Man mag bedauern, dass aus dieser Krise nichts gelernt wird. Andererseits wird der Rückfall entsprechend heftig, so dass die Welt dann um einen Wandel nicht mehr herumkommt.
So wie es aussieht, versucht die Weltgemeinschaft schon wieder so schnell aus dem Krankenbett zu springen, dass mit einem Rückschlag gerechnet werden muss. Denn vielen Äußerungen und Kommentaren zum Trotz ist bisher kaum festzustellen, dass Lehren aus dieser Krise gezogen würden, sich das Verhalten nachhaltig ändern würde. ... dafür, dass wir derzeit trotz Krise auf der Stelle treten, spricht einiges.
Seien es Politiker wie Steinmeier, Koch und Konsorten, die in der Hoffnung auf dummes Stimmvieh in unverantwortlicher Art und Weise Steuergelder, Arbeitsplätze und notwendige Marktmechanismen aufs Spiel setzen. Seien es die Anleger, ... [die] die aktuelle Bärenmarktrally beflügeln. Seien es die Banken, die, wenn sie ihren Oberleuchten schon keine Boni mehr zahlen dürfen, jetzt deren Fixgehälter hochschrauben. ... Seien es aber auch die Regulatoren und Regierungen, die mithilfe von Staatsgeldern, Bad Banks und aufgeweichten Bilanzregeln dafür sorgen, dass die Banken auf dem Papier schon wieder Gewinne schreiben können, ... . Sei es, ... dass die schmerzlichen Folgen von quasi freiwilligem kreditfinanzierten Überkonsum nun per gesetzlich verordnetem kredit- und steuerfinanzierten Überkonsum kuriert werden sollen.
So schnell kriegt man es halt aus den Köpfen der Menschen nicht raus, was sie über die vergangenen Jahrzehnte gelernt haben: den Wert von allem, wirklich allem, nur noch in Geld auszudrücken. Sei es Kunst, Sport oder Bildung,... . Auch wird man den Menschen den Irrglauben, dass Gesellschaften nur bei wirtschaftlichem Wachstum prosperieren können, so schnell nicht austreiben können. Es scheint alles in allem der Welt, vor allem dem Westen, halt noch nicht schlecht genug zu gehen, damit ein nachhaltiges Umdenken einsetzt.
Muss man jetzt als vernünftiger Mensch sich in Zynismus flüchten oder verzweifeln? Nein. Man muss nur einsehen, dass die Welt für den richtigen Wandel noch nicht bereit ist. Es muss erst noch eine größere Krise her. Ein Alkoholiker wird schließlich auch nicht nach einem üblen Kater, sondern erst nach einem veritablen Absturz über seine Trinkgewohnheiten nachdenken.
Dass eine Mäßigung alleine im Sinne der Ressourcenschonung erforderlich ist, zeigen die Dimensionen: ... Wenn etwa Indien so haushalten würde wie Amerika, verbrauchte dieses Land ... jetzt schon das 22-Fache an Energie.
Selbst im Fall revolutionärer Fortschritte in der Energie- und Umwelttechnik scheint die Hoffnung auf ein ungehemmtes Wachstum der Weltwirtschaft da verwegen - zumal die Rohstoffe generell begrenzt sind. Fast noch schlimmer ist allerdings ein geistiger Aspekt: Vielen ist die Steigerung der Produktivität der wichtigste Lebensinhalt geworden, auf dass morgen noch mehr Güter gekauft werden können, die kein Mensch braucht"
.
Erg. 17.6.09: Vom gleichen Kaliber ist der Meinungsbeitrag "Das Kapital. Payback- und Party Time in New York" vom 12.06.09 (meine Hervorhebung):
"Die US-Banken wollen der Staatsknute entkommen. Sie wissen, wie kaputt ihre Branche ist. .....
Beunruhigend ist ..., dass scheinbar der ganze Markt strukturell so kaputt und ineffizient ist, dass es sich als Bank überhaupt lohnt, die hohen Gehälter zu bezahlen. Dass in der Finanzwelt so überhöhte Preise für Produkte und Dienstleistungen bezahlt werden, dass diese notorisch hohen Margen überhaupt möglich sind - das ist das wahre Übel
."

"

Nachtrag 12.06.2009
Tobias Bayer bleibt dran, an der Ölpreisentwicklung. Und anderen FTD-Autoren ebenfalls.
"Ölpreisrekord. Der rote Bernie geht auf Spekulantenjagd" titelt Bayer am 11.06.09:
"So lang wie Bernie Sanders saß noch kein Parteiunabhängiger im US-Kongress. Der bekennende Sozialist gewinnt zunehmend an Einfluss. Jetzt macht er gegen die Ölspekulanten mobil: Er will mehr Transparenz - und fordert in Notfällen sogar Handelsstopps."
Ein nicht namentlich gezeichneter Leitartikel der Financial Times Deutschland vom 12.06.09 u. d. T. "Schranken für Öl-Spekulanten" setzt nach:
"Grund für den jüngsten Anstieg des Ölpreises ist nicht etwa ein Aufschwung der Wirtschaft, sondern reine Spekulation. Um die einzudämmen braucht es vor allem mehr Transparenz."
In der Kolumne von Thomas Fricke "Neidgesellschaft im Stresstest" geht es eigentlich um etwas anderes, nämlich darum, Staatshilfe nach Kriterien des größtmöglichen ökonomischen Nutzens zu verteilen, anstatt nach vermeintlichen Gerechtigkeitskriterien:
"Wenn es um Staatshilfen für Unternehmen geht, sind in Deutschland Ordnungspolitiker und Tante Erna auf einer Linie: Dass irgendwer mehr kriegt, geht gar nicht. Dabei kann das ökonomisch für alle das Beste sein."
Aber auch auf den Ölpreis kommt Fricke zu sprechen, mit einer Information, welche die (u. a.:) von mir schon frühere geäußerte Vermutung über einen Zusammenhang zwischen Ölpreisanstieg und Konjunkturkrise stützt:
"Nach einer Studie des US-Ökonomen James Hamilton wäre die US-Wirtschaft Anfang 2008 nicht in eine Rezession gerutscht, wenn die Ölmärkte nicht verrückt gespielt hätten und der Preis nicht auf 145 $ pro Barrel geschossen wäre - was sich in diesem Ausmaß nicht ernsthaft als sinnvolles Marktsignal zurechtlegen lässt."
Fricke geht es letztlich darum, die staatliche Hilfe für Opel zu rechtfertigen, denn im folgenden Satz fährt er fort:
"Ist es ökonomisch effizient, wenn unter solchen Extremumständen Unternehmen verschwinden, die sonst zumindest noch eine Chance zur Neuaufstellung hätten? Die Unternehmen kommen ja nicht einfach zurück."
Diese Argumentation pro Staatshilfen für Automobilunternehmen erscheint mir äußerst fragwürdig, da ich von einer (letztendlich) knappheitsbedingten Verteuerung ausgehe. Aber nicht um diesen Aspekt geht es mir hier, sondern darum, wie intensiv (zumindest einige) FTD-Autoren über den Ölpreis nachdenken bzw. die einschlägigen Informationen rezipieren. Fricke kommt noch einmal auf die Hamilton-Studie zurück:
"Hamilton zufolge hätte die US-Regierung das Schlimmste "noch verhindern können, wenn sie in der Frühphase 2008 Öl verkauft und das spekulative Momentum nicht hätte aufkommen lassen"."
Egal, ob der Ölpreisanstieg Anfang/Mitte 2008 rein spekulativer Natur war oder knappheitsbedingt: in jedem Falle sehe ich darin eine Stütze für die in meinem Blott "Finanzmarktkrise, Finanzkrise? Nein: Rohstoffkrise! Notenbanken, Geldpolitik und Konjunkturpakete sind deshalb am Ende" geäußerte Meinung, wonach der Ölpreisanstieg eine wesentliche (Mit-)Ursache der aktuellen Weltwirtschaftskrise II war. Für den Hinweis bin ich dankbar; in meinem zitierten Blott habe ich ihn jetzt etwas detaillierter ausgewertet.

Auch im Handelsblatt vom 12.06.2009 findet sich ein Bericht über den Ölpreisanstieg:
"Rohstoffe. Ölpreis auf Sieben-Monats-Hoch" von Stefan Menzel:
"Der Anstieg des Ölpreises setzt sich fort. Aktuell kostet der Rohstoff mehr als 72 Dollar pro Barrel - so viel wie seit sieben Monaten nicht mehr. Der rasante Anstieg überrascht selbst Experten. Einige sehen den Ölpreis im nächsten Frühjahr schon bei 100 Dollar. Was Anleger und Konsumenten wissen sollten."
Die aktuelle Einschätzung der zukünftigen Preisentwicklung beschreibt der Autor so:
"Die Grenze von 100 Dollar könnte nach Expertenmeinung im Frühjahr 2010 durchbrochen werden. Verantwortlich seien dafür auch die großen weltweit verfügbaren Liquiditätsbestände. Investoren legen ihr Geld in Öl-basierte Finanzprodukte an, weil sie mit einem weiteren Anstieg des Ölpreises rechnen."
Was uns die Frage nahe legt, aus welchem Grund die Investoren (oder richtiger: Spekulanten?) weitere Ölpreisanstiege erwarten: verknappungsbedingt, oder, dank Dollarverfall, inflationsbedingt?


Nachtrag 13.06.09
Eine gewichtige Stimme aus der Praxis bei der Ursachenforschung nach den Gründen der Ölpreisanstiege ist zweifellos diejenige des Chefs einer großen Fluglinie. Ein Interview der Financial Times Deutschland (Jennifer Lachman) vom 10.06.09 mit Wolfgang Mayrhuber, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa AG, u. d. T. "Lufthansa will Schutz vor Ölspekulanten" gibt dessen Sicht der Ölpreisentwicklung wider (meine Hervorhebung):
"Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber gibt Finanzmarktjongleuren eine Mitschuld am erneut steigenden Ölpreis. Er fordert deshalb strengere Regeln, die Spekulationsgeschäften am Kapitalmarkt Einhalt gebieten."


Nachtrag 02.12.2010
Es scheint so, als wolle das Handelsblatt, nach dem Vorbild der FTD, nunmehr ebenfalls mehr opinionated werden. Mag. Dr. Stephan Schulmeister vom Austrian Institute of Economic Research (WIFO) und einst als Gastautor öfter mal in der Frankfurter Rundschau anzutreffen, durfte nun im Handelsblatt vom 26.11.2010 einen Gastkommentar publizieren. Unter der Überschrift "Exportüberschüsse: Deutschland verbrennt sein Vermögen im Ausland"  informiert er die Handelsblatt-Lesergemeinde:
"Fast eine Billion Euro an Vermögen haben deutsche Unternehmen seit 2003 im Ausland angehäuft. Die Hälfte davon hat sich verflüchtigt."







Textstand vom 02.12.2010. Auf meiner Webseite
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Eine Bloggerin macht Pause
Zufällig bin ich gestern über die Ruine des Blogs einer gewissen Martina Kausch gestolpert. Die verkündet, dass sie mal eine Blog-Pause einlegt. Sensationell ist das nicht: das tun vermutlich viele (vermutlich die meisten ohne Ansage).

Es lassen sich auch keine tieferen Erkenntnisse aus ihren Worten schöpfen. Einen Absatz will ich dennoch zitieren, weil er nämlich gut ausdrückt, was auch ich oft empfunden habe (meine Hervorhebungen):

"Sehr viel hatte ich ... in den vergangenen fünf Jahren geschrieben, über 6.000 Texte, mit dem Ergebnis, dass ich mich jetzt "ausgepowert" fühle. Mir fällt einfach nichts mehr ein; mir fehlt inzwischen der Witz und die Frische aus den alten Tagen meines Bloganfangs. Und mein Eindruck ist auch, dass sich die Themen immer wiederholen. Und - das langweilt mich inzwischen wirklich."

Voriges Jahr im September war ich selbst schon so weit, dass ich Pause machen oder zumindest das 'Produktionstempo' reduzieren wollte.
Aber dann riss mich die Wirtschaftskrise - in ihren Strudel? Aus meiner beginnenden Lethargie? [Also hat auch die Weltwirtschaftskrise etwas Gutes (Sie können gern auch denken: etwas Schlechtes) bewirkt ;-).]

Martina Kausch aber bloggt in Wirklichkeit doch weiter, an anderer Stelle.
Nur eins verstehe ich nicht: weshalb jemand gleich seinen ganzen Blog abschaltet, wenn sie mal Pause machen will. Das wirft kein gutes Licht auf die Selbsteinschätzung der Qualität und der gesellschaftlichen Relevanz, ihres Bloggens.
Zumindest der Absicht nach sollten doch Blotts eine über den Tag hinaus gehende Bedeutung haben? Wer über Nacht seine ganzen Texte sperrt, sendet aus meiner Sicht seinen Leserinnen und Lesern eine böse Botschaft: 'Ist alles nicht so ernst zu nehmen, oder nicht so wichtig, was ich bisher geschrieben habe und mit dessen Lektüre ihr bisher eure Zeit verschwendet habt'.
Wenn man ausnahmsweise tatsächlich zu einer solchen Einschätzung gelangt, oder aus welchen Gründen auch immer zu bestimmten früher geäußerten Meinungen nicht mehr stehen mag, sollte man dies m. E. gegenüber den Lesern explizit kommunizieren und begründen. Ansonsten sollte man seine Texte online lassen.




Textstand vom 07.06.2009. Auf meiner Webseite
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Freitag, 5. Juni 2009
 
Wenn das Kölner Stadtarchiv wieder leuchtet, sind wir Steuerzahler die lebenden Fackeln!
In meinem Blott "Wenn 'Weimar leuchtet', sollten beim Steuerzahler die Alarmglocken aufleuchten" hatte ich die Kosten für den Wiederaufbau der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar und insbesondere für die Restaurierung der bei dem dortigen Brand in Mitleidenschaft gezogenen Druckwerke kritisiert. Die Kostenschätzung belief sich auf 67 Mio. € (da solche Schätzungen erfahrungsgemäß meist zu niedrig sind, muss man wohl mit 100 Mio. Euro rechnen).

Das sind aber beinahe noch Peanuts im Vergleich zu jenen Kosten, welche für den Wiederaufbau des Stadtarchivs in Köln (die Wikipedia bietet einen sehr informativen und umfangreichen Artikel über das "Historische Archiv der Stadt Köln") und für die Restaurierung der dort gelagerten (zum allergrößten Teil geborgenen oder in Kürze noch zu bergenden Dokumente) auf den Steuerzahler zukommen.
In der Financial Times Deutschland (FTD) vom 31.05.2009 berichtet Christoph Driessen u. d. T. "Einsturz des Stadtarchivs. 'Sensationell' viel in Köln geborgen" (meine Hervorhebungen):
"Durchnässt, zerquetscht, zerschnipselt: In diesem Zustand sind viele Stücke aus dem Kölner Stadtarchiv. Wirklich verloren ist allerdings kaum etwas, sagt die Leiterin. Eine bestmögliche Rettung koste allerdings 'einen hohen dreistelligen Millionenbetrag'. .....
85 Prozent des Gesamtbestandes sind mittlerweile geborgen. Die restlichen 15 Prozent liegen in einer Baugrube der U-Bahn im Grundwasser. Die Feuerwehr prüft zurzeit, wie dieses Material am Besten hochgeholt werden kann. "Wir werden das nicht aufgeben", sagte Schmidt-Czaia. "Wir brauchen alles, wir fordern alles." Im übrigen benötige das Archiv vor allem eines: "Geld, Geld, Geld." Es gehe um "einen hohen dreistelligen Millionenbetrag". Der Bund, das Land und die Stadt seien in der Pflicht, vielleicht könne man auch bei der EU Mittel loseisen."


Persönlich interessiere ich mich sehr für Geschichte. Aber irgendwann hört der Spaß auf. Bei Arcandor (Karstadt) ging es ebenfalls um einen hohen dreistelligen Millionenbetrag, doch dort zunächst lediglich um eine Bürgschaft des Staates in dieser Höhe. Die hätte natürlich verloren gewesen sein können. (Nach meiner Einschätzung wäre sie tatsächlich verloren gewesen; deshalb habe ich mich in verschiedenen Blotts (vgl. meinen Täg "Arcandor") vehement gegen eine solche Staatsbürgschaft ausgesprochen. (Inzwischen hat die Bundesregierung die Bürgschaftsgewährung ja abgelehnt; abzuwarten bleibt aber, ob da nicht doch noch Mittel über andere Titel abfließen.)
Viele andere bzw., soweit ich es überschauen kann, sogar eine große Mehrheit der Kommentatoren in den Medien, hatten ebenfalls gegen Staatshilfe für Karstadt gewettert.

Doch was nützt das alles, wenn uns anderswo das Geld wie Dreck aus der Tasche gezogen wird? Lesen die Wirtschafts-Kommentatoren keine eher feuilletonistischen Artikel, oder haben sie Angst, sich als Kulturbanausen zu diskreditieren, wenn sie sich kritisch zu den Restaurierungskosten für die Kölner Archivalien äußern?

Meine diversen Blog-Einträge haben hoffentlich meinen Ruf schon soweit ruiniert, dass ich mittlerweile ganz ungeniert leben bzw. meine Meinung äußern kann. Welche da lautet: was auch immer im Kölner Stadtarchiv aufbewahrt wurde und nun vom Zerfall bedroht ist, wenn es nicht aufwändig konserviert wird: nichts von dem Plunder rechtfertigt es, uns Steuerzahlern das Hemd auszuziehen. (Der übliche Trick des Anzapfens verschiedener Töpfe erinnert mich an ein italienische Sprichwort, demzufolge die Schurken die Elster zu rupfen verstehen, ohne dass sie schreit) .

Es klingt nicht sonderlich gut, wenn jemand beispielsweise auch den (ebenfalls im Kölner Stadtarchiv aubewahrten) Nachlass des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll unter die Kategorie "Plunder" subsumiert und ist natürlich provokativ gemeint.
Trotzdem wird es Zeit dass wir uns Gedanken darüber machen, wieviel an "historischem Gedächtnis" wir uns leisten können - und vor allem, in welcher Form wir solche Informationsspeicher betreiben.
Und speziell im Falle des zusammengekrachten Kölner Archivs müssten wir überlegen, auf welche Weise man freiwillige Gelder zusammenbekommen könnte. Nicht das Kleingeld, wie man es durch Benefizkonzerte (die natürlich eine verdienstvolle Bemühung sind) zusammenkratzen kann. Das große Geld ließe sich zweifellos durch den Verkauf von Dokumenten machen. Preis: Restaurierung plus Digitalisierung plus (oder minus - je nach Wert der Stücke) X. Das Archiv bekommt die digitalisierte Version; die glücklichen Privatbesitzer dürfen sich über Kalbslederurkunden aus dem 12. Jahrhundert freuen. Oder einen Original-Brief vom Literatur-Nobelpreisträger. Aber das wird nicht passieren; die Sammelwut der Archivare ist längst jenseits der bloßen Informationsspeicherung bei eine Vergötzung des Altpapiers angelangt.
Sinngemäß trifft hier, mutatis mutandis, die in meiner Majolika-Linkseite geäußerte Kritik zu:
"Wenn den Museumsleuten wirklich nur die Kultur als solche am Herzen läge, würden sie der Mensch-heit ein "Museo Virtuale Mondiale" einrichten, z. B. auch ein virtuelles Majolika-Museum mit den weltweit schönsten Stücken.
Doch leider hat das Sammeln von Kunst (nicht anders wie sonstiges Sammlertum) auch sehr viel mit dem Besitzinstinkt zu tun. Deshalb sind die Kunst-Fafnire nur dann richtig glücklich, wenn sie einen Tafelaltar in seine einzelnen Tafeln zerlegt auf mehrere Museen verteilt wissen. (Die Kleinen kriegen dann die Predellatäfelchen ab, für die ganz kleinen bleiben vielleicht ein paar Stücke vom Gesprenge übrig.) Und von Zeit zu Zeit führt man das Ganze in einer Ausstellung zusammen, um es dem gaffen-den Volke wie ein Heiltum zu präsentieren.
"



Über denjenigen, der die Hauptschuld am gigantischen Umfang der Archive und Bibliotheken unserer Zeit trägt, einen gewissen "Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg" nämlich, weiß man verdammt wenig, beinahe Nichts.
Das ist ausgesprochen schade; sehr viel bedauerlicher, als der Verlust irgendwelcher Daten aus der Kölner Stadtgeschichte (so interessant sie im einzelnen, z. B. als kultur- oder sozialgeschichtliche Mosaiksteine, auch sein mögen).
Einen Schaden haben wir an unserer Unkenntnis über Gutenberg und die näheren Umstände seiner Erfindung der Druckkunst dennoch nicht genommen. Und würden auch keinen Schaden nehmen, wenn das gesamte Kölner Stadtarchiv von den Rheinfluten ins Meer geschwemmt worden wäre.
Ganz so radikal bin ich nun freilich nicht, dass ich etwa eine Vernichtung der Archivalien fordern würde. Dennoch habe ich den Eindruck, dass in unserer Zeit mitnichten nur die Banker vom Geldwahnsinn befallen sind. Mit dieser Bemerkung will ich aber nicht die Leiterin des Archivs, Frau Bettina Schmidt-Czaia, für ihre Forderungen kritisieren: bei ihr gehört das zum Beruf und ist ein Zeichen für ihr hohes Engagement.

Kritisieren will ich alle jene (also ggf. auch Sie, liebe/r Leser/in), welche als Bürgerinnen und Bürger, als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler derartige Forderungen achselzuckend stillschweigend akzeptieren: da kann man eh' nichts tun, hat man keinen Einfluss drauf, das entscheiden die Politiker. Das müsste nicht sein: wenn wir erstens erkennen würden, an welchen Stellen unsere Gelder überall versickern (nämlich nicht, wie die Meisten glauben, bei den Politikern, die sich vermeintlich "die Taschen vollmachen").
Und wenn wir zweitens uns wehren würden gegen Lobbyisten aller Sparten und gegen Hybris aus allen Richtungen, hätten wir sogar eine reelle Chance.

Unser Wohlstand wird von mindestens drei Seiten in die Zange genommen:

1) Ressourcenverknappung (Ölfördermaximum usw.); das wird wahrscheinlich das größte der Probleme werden.

2) Die Alterung unserer Gesellschaft. Immer weniger Tätige müssen nicht nur für immer mehr Alte sorgen, sondern auch für immer mehr Altes. Das Problem habe ich bereits vor einigen Jahren in meiner Studie "Rentenreich", im Kapitel "Die Alten und das Alte", näher beleuchtet. (Vgl. auch meinen Blott "Renten sichern - Wehrfriedhofsmauer zerfallen lassen!".)

3) Der Klimawandel.

In dieser Situation können wir es uns nicht mehr leisten, unsere knappen ökonomischen Ressourcen nach dem Motto "Wir haben's ja" zu verschwenden.

Aber natürlich haben Sie Recht mit dem, was Sie jetzt denken: 'der verschwendet hier seine Worte', denn:
Die Hunde bellen, die Eselskarawane zieht weiter.


Nachtrag 13.06.09
Manchmal, in seltenen Augenblicken, reflektieren auch die Kulturmenschen die Kosten - die ökonomischen und die sozialen. So zum Beispiel Hanno Rauterberg in einer Passage seines ZEIT-Artikels "Moderne Kunst. Und wir staunen heiter" vom 10.06.2009 über die aktuelle Kunstausstellung "Biennale" in Venedig:
"Ohne das imperialistische Machtstreben Venedigs gäbe es nicht das, was wir heute als Schönheit bewundern, nicht die Architektur, nicht die Gemälde. Und heute? Welchen Preis zahlt unsere Gegenwart für die Kunst? Welchen ausbeuterischen Verhältnissen verdanken wir den Luxus einer Biennale?"




Textstand vom 13.06.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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