Höchst ungewöhnlich: Auf welchem Weihnachtsmarkt, zumal in Frankfurt a. M., gibt es heute noch Glühwein für 1,- Euro?
Es gibt sie noch, die Vereins-Weihnachtsmärkte. Heppenheim hatte einen sehr schönen "Nikolausmarkt", und wir haben ihn vor einigen Jahren sehr genossen. Doch auf der Rückfahrt haben wir bitterlich gefroren, weil der Zug nicht beheizt war. Heute sind wir nicht mehr ganz so reiselustig (dabei war das erst vor 5 Jahren - in 2004); nach Eberbach am Neckar wären wir freilich gefahren (vgl. meinen Eintrag vom Vorjahr "Altdeutscher Weihnachtsmarkt in Eberbach: Gebrannte Erdnüsse gab's bei den Goten"), doch hielt uns die Wettervorhersage davon ab. Dazu kam noch der Umstand, das "unser" Italiener, Signore Parisi, sein kleines Café schon seit längerer Zeit geschlossen hat: wo würden wir dann bei Regen sitzen? Den ganzen Tag im Zelt auf dem Weihnachtsmarkt - das wäre denn doch etwas zu lange.
Also haben wir wieder einen ganz neuen Weihnachtsmarkt entdeckt, in Höchst. Nicht in der Stadt Höchst im Odenwald, sondern im Ortsteil Höchst von Frankfurt a. M..
Höchst am Main(jetzt knapp 14.00 Einwohner) hatte das Pech, nach Frankfurt eingemeindet zu werden (1928). Im Eingemeindungsvertrag gemachte Zusagen, wie z. B. der Bau einer Mainbrücke, wurden über Jahrzehnte nicht eingehalten, zunächst wohl wegen der Wirtschaftskrise und später gab es in Frankfurt irgendwie immer andere vorrangige Projekte. (Vgl. den ausführlichen Wikipedia-Eintrag zur Geschichte von Höchst.)
Aber noch in anderer Weise als durch die Entfremdung des hohen örtlichen Steueraufkommens (ehemalige Farbwerke Höchst!) dürfte die Eingemeindung der Stadt geschadet haben: ihre höchst attraktive Altstadt (dazu mehr bei dem speziellen Wikipedia-Stichwort) dämmert im Schatten der Frankfurter "Sehenswürdigkeiten". Sicherlich, der "Kaiserdom" St. Bartholomäus in der Frankfurter Altstadt ist größer als die Höchster Justinuskirche: aber die ist, in Teilen ihrer noch vorhandenen Bausubstanz, weitaus älter. Die "Stiftergemeinschaft Justinuskirche" war auch auf dem Weihnachtsmarkt vertreten, der überhaupt vom Vereinsring organisiert (aber auf dessen Webseite nicht sonderlich aktiv beworben) und von den Vereinen beschickt wird.
Gleichwohl ist er recht groß, über drei Plätze verteilt: dem vor der Justinuskirche, einem Platz vor dem Höchster Schloss (einst offenbar eine Wasserburg; im breiten Burggraben jetzt ein stimmungsvoller Park) und schließlich im Schloßhof selbst. Auf den Geländern der Brücke über den Schloßgraben zum Schloss waren große Tellerkerzen aufgestellt, auf einem Platz knisterte ein Holzfeuer (es wärmte auch, aber kalt war es ohnehin nicht an diesem 1. Adventssamstag).
Ein schöner Weihnachtsmarkt (auch wenn meine fest akkreditierte Kulturkonsulentin etwas indisponiert und deshalb weniger enthusiasmiert war als ich).
Was es sonst noch an Sehenswürdigkeiten gibt (nicht zuletzt zahlreiche authentische Fachwerkbauten, die hundert Mal schöner sind als die Disneyland-Ostzeile am Römerberg in der Frankfurter Altstadt) und an stimmungsvollen Ecken, zeigen zahlreiche Fotos bei den Wikimedia Commons.
Wäre die Stadt noch selbständig, wäre sie zweifellos auch ein gut besuchtes Reiseziel. Auf jeden Fall ist sie einen (oder genauer: mehrere) Besuche wert. Weitere Bilder z. B. hier auf einer privaten Webseite und selbstverständlich auch auf den verschiedenen Fotoportalen, z. B. bei Fotocommunity.de.
Also: wenn Sie mal in der Gegend sind, versäumen Sie nicht einen Abstecher in das höchst anmuthige Höchst. Und wenn Sie gar am 1. Adventswochenende in den Frankfurter Raum kommen: genießen Sie den Weihnachtsmarkt im historischen Ambiente rund um die karolingische Justinuskirche (hier eine ausführliche und bebilderte Darstellung der allgemeinen und der Baugeschichte in mehreren Folgen) und das (nicht ganz so alte) Schloss mit seinem markanten Turm.
Ach ja, Bilder vom Höchster Weihnachtsmarkt wollte ich Ihnen ja auch noch zeigen. Keine eigenen: wir kamen leider erst bei Dunkelheit an (der Markt beginnt am Samstag um 14.00 h; um ihn richtig zu genießen, sollte man noch bei Tageslicht kommen). Außerdem kämpfe ich noch mit der Bedienungsanleitung meiner neuen Digitalkamera: 170 Seiten wollen erst einmal gelesen werden! Also nachfolgend ein Foto von Maik Reuss (die Karte lag dort an den Ständen aus) und ein sehr schöne Gemälde (im Stil der Naiven Malerei) von Allmuth Gutberlet-Bartz (diese Karte erstand ich bei der Stiftergemeinschaft der Justinuskirche; hier die Abbildung eines weiteren schönen Weihnachtsmotivs von Oberursel -?- mit dem Feldberg im Taunus im Hintergrund):


P. S.: Glühwein habe ich übrigens nicht getrunken; der hat mir früher des Öfteren Magenprobleme bereitet. Und wenn man liest, was in manchen dieser "Weine" drin ist, wird einem schon bei der Lektüre ganz anders.
Von solchen Berichten musste wohl auch jener Verein schon gehört haben, der als Vertrauen bildende Manahme mit dem Hinweisschild warb: "Unser Glühwein unterliegt der ständigen Qualitätskontrolle durch das Standpersonal".
Heißen Apfelwein gab es jedoch auch (wenn auch nur an 1 oder 2 Ständen), und natürlich noch andere "geistige" Getränke.
Nachträge 01.12.2009
Hier noch einige Links zu Berichten und/oder Bildern vom (Frankfurt-)Höchster Weihnachtsmarkt:
Hier einige Photos (vom Weihnachtsmarkt 2006) im Blog eines Hanspeter Jochmann. (Besonders schön - als Foto wie in der Wirklichkeit - die 'Fackelkerzen' (oder wie man die Dinger nennt) auf dem Geländer der Schlossbrücke - s. o.).
Die Katzennothilfe ist mir zwar nicht aufgefallen, war aber auch präsent.
22.000 Iren können nicht irren. Das Höchster Kreisblatt vom 21.10.2009 vermeldet (in einem relativ langen Bericht): "Höchst exportiert den Weihnachtsmarkt. Iren in Tralee sind ganz verrückt nach dem „cosy“ Budenzauber" (meine Hervorhebungen):
"... An dem kalten Dezemberabend aber, als die irischen Gäste mit großen Augen vorm festlich beleuchteten Weihnachtsbaum auf dem Höchster Schlossplatz stehen, umgeben von Lebkuchenduft und beschaulichen Buden mit Spritzgebäck und Selbstgemachtem, da wird ihnen bewusst, dass in Tralee noch etwas fehlt: ein stimmungsvoller Weihnachtsmarkt, einer wie in Höchst.
Der große Frankfurter Markt hatte das Herz der Nordeuropäer weniger erwärmen können. «Der war ihnen zu kommerziell», erinnert sich Thomas Meder, der als Vereinsringvorsitzender die partnerschaftlichen Beziehungen intensiv betreut. «Unseren Markt fanden sie dagegen very cosy», zitiert er die Gäste; gemütlich also, fast schon kuschelig. Und so wurde die Idee geboren, schon im Jahr 2009 in Tralee einen Markt nach Höchster Vorbild aufzubauen, den ersten Weihnachtsmarkt in der 800 Jahre alten Stadtgeschichte. ..."
Und irgendwo in dem Artikel wird auch die Einwohnerzahl der irischen Stadt Tralee erwähnt: 22.000.
Der Rhein-Main-Wiki zeigt einige Bilder und die Lokalisierung des Marktes auf dem Stadtplan.
Textstand vom 21.12.2009. Auf meiner Webseite
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O alte Gratisherrlichkeit: wohin bist du entschwunden? Handelsblatt hegt "Premium Content" ein.
Dubai hat es voll erwischt - und mich hat es bei Dubai erwischt. Nicht, dass ich dort investiert hätte: jene Groschen, welche ich allenfalls als Kleinstanleger in einen geschlossenen Immobilienfonds hätte stecken können, habe ich schon vor einigen Jahren auf dem Altar des Neuen Marktes als Rauchopfer dargebracht.
Indes hätte ich gern den Kommentar "Staatsfinanzen: Dubai zeigt die Probleme billiger Liquidität" vom 26.11.2009 gelesen. Beim Anfang geht das noch:
"Hohe Haushaltsdefizite und ultra-niedrige Zinsen haben viele Märkte gepusht und dazu beigetragen, die globale Rezession zu beenden. Dubais Probleme zeigen allerdings, dass der staatlich geführte Blitzkrieg nicht alle Exzesse des Kreditbooms ausradieren kann. Ein gefährlicher Nebeneffekt der Politik des leichten Geldes zeigt sich auch im Kursverfall des Dollar."
Doch dann kommt der Zaun:
"Dieser Artikel ist Teil unseres Premium-Contents, der nur für registrierte Premium-Kunden zur Verfügung steht. Um keinen der Vorteile von Handelsblatt Premium zu verpassen, registrieren Sie sich noch heute!"
Eine ganze Reihe von anderen Artikeln zum Thema ist frei zugänglich, z. B. (alle vom 27.11.2009):
- "Ökonomen-Warnung: Dubai-Krise könnte neuen globalen Crash auslösen";
- "Geschlossene Fonds: Dubai-Anleger zittern um ihr Geld";
- "Hintergrund: Wer hinter Dubai World steckt" und eine Bildstrecke:
- "Dubai vor Staatsbankrott: Das Ende von Tausendundeiner Nacht": "Noch vor kurzer Zeit galt Dubai als Synonym für großes Geld – und noch größere Bauten. Doch nun steht das Emirat vor der Pleite. Ausgerechnet die Immobilienbranche, in der Vergangenheit das Zugpferd von Dubais Wirtschaft, droht zu zerfallen – und versetzt die weltweiten Märkte in Angst und Schrecken."
Weitere Artikel folgten am 28.11.09:
- "Krise im Emirat: Daimler hält an Dubai fest, DIHK warnt" [für mich ein nicht sehr erhellender Titel, denn es geht nicht um eine Investition von Daimer, sondern darum, dass die Firma arabische Großinvestoren hat: "Daimler setzt ungeachtet der Dubai-Krise weiter fest auf seine beiden arabischen Großaktionäre". Hier setzen allenfalls die Investoren auf Daimler; welche Meinung die Firma dazu äußert, ist ausgesprochen gleichgültig!] und
- "Finanzspritzen: Abu Dhabi gibt sich bei Dubai-Hilfe wählerisch"
Aber eine ganze Reihe von Berichten und Kommentaren zum Thema Dubai (bzw. aus dem thematischen Umfeld) (und natürlich auch zu anderen Themen) ist nur gegen Bares zu haben (die Veröffentlichungsdaten sind auf den jeweiligen Einstiegsseiten nicht angegeben, wenn man auf der Hauptseite über die Suchfunktion kommt sieht man aber, dass es sich um Artikel aus dem Oktober bzw. November 2009 handelt):
- "IWF sieht neuen Bauboom am Golf" ("KONJUNKTUR- AUSBLICK: Der gestiegene Ölpreis führt zu Wachstum und Überschüssen in den Haushalten") und, genau konträr (einige Tage später erschienen):
- "Dubais Büromarkt droht Kollaps Im Emirat am Persischen Golf steht bald die Hälfte aller Büros leer. Die Mieten fallen rasant."
- "Dubai World: Gläubiger mit schwachen Händen": "Die Restrukturierung bei der wichtigsten Dachgesellschaft des Emirats, Dubai World, ist die größte, die der Golf je erlebt hat. Die wenigen vorangegangenen Ereignisse ähnlicher Art in Kuwait und Saudi-Arabien werden Geldgebern wenig Trost spenden, denn Gläubiger hatten mit widrigen Gesetzen zu kämpfen und zudem Schwierigkeiten, Ansprüche auf Kreditsicherheiten durchzusetzen." (Ein Kommentar von breakingviews).
Gern hätte ich auch den Kommentar "Dubai zahlt für übermäßigen Ehrgeiz": "Das Emirat ist hoch verschuldet und könnte seine Kreditwürdigkeit verspielen. Jetzt muss es umdenken, auf solide Wirtschaftsentwicklung statt auf Glitzereffekte setzen" zur Kenntnis genommen, denn schon immer fand ich das Kalkül hinter der Wirtschaftspolitik von Dubai ausgesprochen doof.
Die Erwartung war ja: 'Bis das Öl alle ist, sind wir ein attraktives Touristenzentrum geworden'.
Das ist, wenn man in einer geistigen Engführung eingespannt ist, eine vernünftige Überlegung; freilich lautet sie dann (und so haben sich das die Dubaier - Dubaitis? Dubaianer? - wohl auch gedacht): 'Wenn wir kein Geld mehr an der Ölförderung verdienen, weil unsere Vorräte verbraucht sind, wollen wir Geld an Touristen verdienen.'
Das ist nicht sonderlich intelligent, weil es danach allenfalls noch wenige Jahre dauern kann, bis die Ölvorräte auch anderswo zur Neige gehen.
Und die Auswahl von Urlaubsdestinationen wird nach dem Erreichen des Ölfördermaximums (Peak Oil) die allergeringste Sorge der Menschen sein.
Ausdauernde Leser meines Blogs bzw. meiner Blotts kennen freilich schon eine Vielzahl von Beispielen für inkonsequentes bzw. widersprüchliches Denken.
Aber momentan steht für mich ein anderes Thema im Fokus, und dafür hätte ich halt gern den Kommentar über die Probleme billiger Liquidität (ebenfalls von "breakingviews") informiert.
Ich arbeite nämlich an einem Text unter dem Arbeitstitel: "Wie hat der Rentner seinen Tod überlebt". Unbefangene Leser werden von dort zur Niedrigzinspolitik nicht leicht eine Brücke schlagen können; worum es geht, habe ich in zwei Kommentaren (unter dem Pseudonym Cangrande) vorab angedeutet:
- Im Blog "Freiheit360°" von Sven Scheffler auf den Handelsblatt-Webseiten u. d. T. "Wir müssen den Kapitalismus vor den Kapitalisten retten" ("“Lesetipp: Roger de Weck, Nach der Krise. Gibt es einen anderen Kapitalismus?”") vom 26.11.2009 ("Cangrande") und am 24.11.09 zu dem Beitrag
- von Norbert Reuter "Erwiderung auf den Beitrag von Elmar Altvater" im Blog "Diskurs. Die DGB-Debatte".
Es geht um meine Verwunderung darüber, dass bzw. angesichts der offenkundigen Kapitalschwemme die Geldkapitalbesitzer überhaupt noch beachtliche Renditen erzielen können. John Maynard Keynes hatte die Kapitalüberfülle vorhergesehen und für diese Situation die "euthanasia of the rentier" vorausgesagt; die erste deutsche Übersetzung von Fritz Waeger im Jahre 1936 hatte daraus (und darauf bezieht sich der Titel meines derzeitgen Überlegungsprojektes) einen "sanften Tod des Rentners" gemacht. (Mittlerweile hat Jürgen Kromphardt Keynes Hauptwerk "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" - "The General Theory of Employment, Interest and Money" - neu ins Deutsche übertragen und aus dem "Rentner" einen "Rentier" gemacht.)
Der Handelsblatt-Artikel über die Auswirkungen des leichten Geldes auf den Bauboom in Dubai, d. h. wohl über die Folgen von Fehlanreizen eines allzu niedrigen Zinssatzes, hätten mich insofern interessiert, als ich u. a. auch der Frage nachgehe, ob es denn (aus anderer Perspektive betrachtet, denn grundsätzlich bin natürlich auch ich keineswegs glücklich über die leistungslosen Einkommen der Rentiers) überhaupt wünschenswert ist, einen niedrigen Zinssatz (speziell: einen negativen Realzins, also einen Zinssatz unterhalb der Inflationsrate) zu haben.
Davon später mehr, wenn ich die Frage geklärt habe, wie der Rentner seinen Tod überlebt hat. ;-)
P. S.: Die neue Handelsblatt-Strategie, den Inhalt der Webseiten teilweise nur noch zahlenden Abonnenten zugänglich zu machen, kann ich in ihrer ökonomischen Logik durchaus nachvollziehen. Allerdings konterkariert sie in gewissem Umfang das Bestreben des Blattes, möglich oft von Bloggern referenziert zu werden (vgl. meinen Blott "Twingly als teuflische Versuchung: Intellektuelle Jingle Mail von mir zum Handelsblatt?").
Auf jeden Fall bedaure ich, dass ich nun vieles nicht mehr werde lesen können:
"... nie kehrst du wieder, gold'ne Zeit,
wo ich surft' frei und ungebunden."
However: It certainly was fun while it lasted!
Links betr. "Dubai-Krise":
"Dubai Broken Dreams" im Blog Blick Log vom 29.11.09.
"Weissgarnix" (Thomas Strobl) macht seinem Namen alle Schande und erzählt uns, was er (eben doch!) über Dubai weiß: "Erinnerungen an Schon-Morgen-Pleiteland". (Dazu auch eine teilweise recht informative Folgediskussion, deren Kommentatoren auch Links zu anderen einschlägigen Quellen einbringen; ein "piaster" verlinkt z. B. zu der sehr kritischen Dubai-Betrachtung von Frank Davis aus dem Jahr 2006 "FEAR AND MONEY IN DUBAI". Diesen langen Artikel möchte ich Lesern, die einen Blick hinter die Glitzerkulissen werfen möchten, sehr herzlich ans Herz legen!!!
(Von dort führt ein Link zu dem anscheinend interessanten - teilweise auch pikanten - Blog "Secret Dubai diary".)
"Kreditgetriebene Fata Morgana" titelt Steffen Bogs seinen Eintrag vom 28. November 2009 im Blog "Wirtschaftsquerschüsse". Auch er hat eine Reihe von Zahlen aus dem Internet zusammengetragen (und, was besonders erfreulich, und leider nicht selbstvertändlich ist, auch zu den jeweiligen Quellen verlinkt).
Handelsblatt-Bericht vom 18.03.2008 von Pierre Heumann: "Gastarbeiter: Ganz unten in Dubai":
"Sie haben wenige Rechte, hausen in Baracken und müssen auch noch bei 40 Grad Hitze sechs Tage die Woche ran: Arbeiter in Dubai werden von ihren Chefs ausgebeutet und häufig auch um ihren Lohn gebracht. Das Leben der Gastarbeiter in der Wüstenwunderstadt."
Textstand vom 30.11.2009. Auf meiner Webseite
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Adventskalender als Dekadenzsymptom: Geht das Weihnachtsfest vor die Hunde?
Wohl bekomm's - allen jenen, die mit Ihrem Geld nichts Vernünftigeres anzufangen wissen, als einen Adventskalender für ihren Hund zu kaufen!
Textstand vom 22.11.2009. Auf meiner Webseite
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Von der Grundversorgung im Internet Explorer zur Rundumverwöhnung beim Mozilla Firefox Browser: Das ist wie vom HO zum KADEWE
So wie ich nach dem Wechsel zum Feuerfuchs müssen sich die DDR-Bewohner gefühlt haben, als sie im November 1989 unmittelbar nach Öffnung der Mauer nach Berlin ins Kaufhaus des Westens (oder in andere bundesdeutsche Orte in die Kaufhäuser des Westens) strömten: überwältigt von der Fülle des Angebots.
Was im Warenhaus die Warenfülle, ist beim Browser die Fülle der Erweitungerungen (Add-ons). Meine (4) Symbolleisten sind mittlerweile gespickt mit einer Fülle von Symbolen, von denen ich gar nicht in allen Fällen genau weiß, was man damit alles anfangen kann. Das ist die Kehrseite der Fülle (beim Software- wie beim Warenangebot): ein wenig technikaffiner Mensch wie ich fühlt sich da schnell überwältigt. Und manchmal überrumpelt: wenn irgend etwas nicht funktioniert.
Man muss also zwar nicht seine Seele dem Teufel verschreiben, um Firefox zu benutzen, aber so manche Stunde (des Schlafs) geht schon drauf, bis man als relativer Computerlaie wenigstens von den Grundzügen her begreift, welche Funktionalitäten die verschiedenen Zusatzprogramme bieten, und bis man eine Reihe von Problemen (besonders ärgerlich: verschwundene Bookmarks - Lesezeichen, Favoriten -) in den Griff bekommen hat.
(Ich schaue schon furchtsam in die Zukunft: beim nächsten Update des Browsers wird es wiederum Probleme mit den - alten - Erweiterungen geben!)
Jedenfalls bin ich, wenn der Firefox Browser halbwegs stabil bleibt, nach meinem jetzigen 2. Anlauf für den Microsoft-Browser wohl endgültig verloren.
Der dabei für mich entscheidende Gesichtspunkt ist weniger der vielfältig gebotene Schnickschnack sondern die Möglichkeit, Lesezeichenordner und Lesezeichen-Links mit Beschreibungen (in anscheinend unbegrenzter Länge?) und die Lesezeichen selbst auch mit Tägs für erleichtertes Wiederfinden versehen zu können.
Das sollte mir das Leben mit meinen zwanzigtausend (oder so) Lesezeichen deutlich erleichtern.
Ein ganz besonders erwünschtes Feature ist für mich auch die Möglichkeit, Textpassagen auf Webseiten nach Art eines Leuchtstiftes zu markieren. Schade nur, dass man den Text anscheinend nicht direkt "glossieren" kann, also gewissermaßen Randbemerkungen machen wie in Büchern. Es wäre schön, wenn man unmittelbar zu einer markierten Stelle einen Kommentar einfügen könnte und dieser dann nach Art der Kommentarfunktion im "Word"-Programm erscheinen würde (und nach Speicherung in den Lesezeichen auch erhalten bliebe.
Aber gut: Wunderbares habe ich schon genug in den Firefox-Addons entdeckt; Unmögliches zu realisieren dauert für die fleißige Entwicklergemeinde offenbar etwas länger ;-).
Textstand vom 15.11.2009. Auf meiner Webseite
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Shanghai in Kempten
Bei unserem Besuch in der Stadtbücherei in Kempten habe ich nicht nur Erkenntnisse über die ökonomische Funktion von Staatsschulden in der Zeit des Absolutismus gewonnen (vgl. Blott „Keynes in Kempten?“), sondern auch Einsichten in die chinesische Geschichte gewonnen.
Schon in meiner Kindheit war ich ein profunder China-Kenner: damals habe ich nämlich ein Buch über das Land gelesen und das, weil es so spannend war, gleich mehrfach. Zwei Titel habe ich aus dem Buch in Erinnerung (das Buch besitze ich wohl auch noch, doch käme eine Suche in meinem Bücherschrank einer archäologischen Ausgrabung gleich), nämlich: „Im Reiche des Goldenen Drachen“ und „Durch die Höhlen und Schluchten des Wu-Tai-Shan“. Das Internet verrät mir jetzt, dass es sich um ein dreibändiges Werk handelt, bei dem „Im Reiche des Goldenen Drachen“ der Gesamttitel und „Durch die Höhlen und Schluchten des Wu-Tai-Shan“ der Bandtitel war. Es soll um 1920 erschienen sein und enthielt, was meine Phantasie damals besonders angeregt hat, auch einige Tafeln mit gemalten farbigen Bildern.
Von Löß ist in dem Wikipedia-Eintrag „Wutai-Shan“ nicht die Rede; auch nicht in dem englischsprachigen Pendant „Mount Wutai“ von „Loess“; vielleicht bezieht sich das Buch auf ein anderes Gebiet. Ich erinnere mich jedenfalls sehr deutlich, dass der Held der Geschichte (ein als Mandarin - also chinesischer Staatsbeamter - verkleideter Westler) seine mancherlei Abenteuer in einem Lößgebiet bestand. Dieses sehr weiche Gestein bildet jene bizarren Formen, deren Abbildungen man z. B. als Wanddekorationen in China-Restaurants begegnet.
Das Buch hatte ich, schon gebraucht, wohl von einer „Tante Emilie“ bekommen, an die ich mich sonst kaum erinnere; ich weiß auch nichts mehr über eventuelle verwandtschaftliche Bande zu ihr.
Obwohl z. B. in der Wikipedia von „durchgängige Reisebeschreibungen in mehreren Bänden“ die Rede ist, handelt es sich wohl um einen Roman. Der Autor Otfried von Hanstein war ein sehr fruchtbarer Schreiber, insbesondere auch von Jugendbüchern, und um eine für die Jugend bestimmte Abenteuergeschichte handelt es sich vielleicht auch bei den Schilderungen aus dem Reich des Goldenen Drachen.
Die oben erwähnte Tante Emilie könnte mir auch, wohl später, noch ein weiteres China-Buch gespendet haben. Von diesem erinnere ich mich weder an den Titel noch an den Autor, und nur vage an den Inhalt. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hatte es einen roten Halbledereinband, etwa im Schulbuchformat, während der Pappteil des Einbandes hell war. Ich besitze das Buch nicht mehr und habe es wohl auch nur einmal gelesen.
Inhaltlich handelte es sich um die Erinnerungen eines deutschen oder jedenfalls deutschsprachigen Emigranten an seine Zeit in Shanghai. Wahrscheinlich hatte es ein Jude geschrieben, der vor den Nazis nach Shanghai geflohen war; von diesen historischen Hintergründen wusste ich damals allerdings nichts. Ein Schutzumschlag fehlte; falls die historischen Umstände etwa in einer Einleitung beschrieben waren, habe ich sie vergessen oder damals nicht verstanden.
An Einzelheiten des Buches kann ich mich nur in zwei Punkten erinnern. Zum einen lobt der Autor die Chinesen für ihre Fürsorge für die Flüchtlinge. Diese Information kann ich mit dem, was ich jetzt im Internet über die damalige Situation lese, nicht recht zusammenbringen. In dem pdf-Dokument "Die Emigration jüdischer Deutscher und Österreicher nach Shanghai als Verfolgte im Nationalsozialismus" von Wiebke Lohfeld und Steve Hochstadt auf der Webseite www.exil-archiv.de (der Else Lasker-Schüler-Stiftung) lesen wir das anders (meine Hervorhebung):
"Die verletzten Personen [bei einem US-Bombardement des japanisch besetzten Shanghai am 17.07.1945] unter den Emigranten und unter der chinesischen Bevölkerung wurden mit großen Einsatz gleichermaßen versorgt, wofür sich die chinesische Bevölkerung anschließend ausdrücklich bedankt hat. Aus einer zuvor ablehnenden Haltung der Chinesen erwuchs nun nach vielen Jahren des Zusammenlebens erstmals so etwas wie eine freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden Gruppen."
Was die Hilfe für die Ausgewanderten angeht, ist in dem o. a. Text keine Rede von chinesischen Hilfsorganisationen, sondern nur von westlichen bzw. internationalen, insbesondere jüdischen, Hilfskomitees.
Das aber nur als Anmerkung am Rande; was ich für mein Leben aus dem Buch mitgenommen habe war eine Story, die gar nicht die Lebensumstände von Auswanderern betraf, sondern die einer bestimmten Gruppe von Chinesen.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Autor den Sachverhalt teilweise aus eigener Anschauung kannte, oder ihn nur als Bericht von Dritten wiedergab. Selbst wenn die Darstellung nicht wahr sein sollte, wäre sie auf jeden Fall gut erfunden gewesen. (In diesem Zeitungsartikel ist davon die Rede, dass das größte Gefängnis Asiens in der Nähe des Ghettos lag; der Autor könnte also Kontakte dorthin gehabt haben.)
Es ging um chinesische Strafgefangene; die waren in ihren Gefängnissen ziemlich verlaust oder verwanzt (oder beides). Die Gefangenen hatten sich vermutlich an ihre Körperbewohner gewöhnt. Ein amerikanischer Missionar wollte sie jedoch von diesen Plagegeistern befreien und intervenierte bei dem zuständigen Beamten (Gefängnisdirektor oder Gouverneur). Der schuf tatsächlich Abhilfe. Chemische Mittel zur Insektenbekämpfung waren, aus welchen Gründen auch immer, nicht verfügbar. Also wurde den Gefangenen bei Androhung von weiteren Strafen befohlen, täglich eine bestimmte Menge an Ungeziefer abzuliefern.
Das erwies sich als eine wirksame Bekämpfungsmethode, doch gerade deshalb tauchte ein neues Problem auf. Diesmal keins aus der Kategorie Hygiene, sondern ein Bürokratie-Problem vom Typ „Befehl ist Befehl“. Durch die erfolgreiche Ungezieferjagd konnten die Gefangenen ihr Plansoll an abgelieferten Insekten nicht mehr erfüllen. Da sie somit gegen die Anordnungen verstießen, wurden sie bestraft. Diese Zusatz-Strafen waren offenbar noch unangenehmer als die Insekten; jedenfalls passten sich die Gefängnisinsassen an die neue Lage dadurch an, dass sie die Insekten nunmehr systematisch auf ihren eigenen Leibern züchteten. So konnten sie wieder die vorgeschriebenen Mengen abliefern und den Vorschriften Genüge tun.
Dieses Beispiel stand mir fortan immer vor Augen, wenn irgendwo von Bürokratie als Selbstzweck die Rede war oder ich solche selbst wahrnahm.
Ich hätte den eher schmalen Band „O China, Land auf alten Wegen“ von Hans-Heinz Hinzelmann wohl wieder in das Flohmarktregal der Kemptener Stadtbücherei zurück gestellt, zumal der Titel, aus heutiger Perspektive betrachtet, nicht gerade prophetisch war. Doch hatte die genannte Jugendlektüre mein Interesse am Leben der jüdischen europäischen Verfolgten in ihrem Exil in Shanghai geweckt. So habe ich einen Euro geopfert und hatte eine weitere nette Urlaubslektüre. Da der Autor, im Gegensatz zu den meisten anderen Emigranten, auch Kontakte mit der chinesischen Bevölkerung hatte, und (angeblich oder tatsächlich) sogar der Kuomintang bei der Sprengung einer für die japanischen Truppenbewegungen wichtigen Brücke außerhalb der Stadt geholfen hatte, ist das (mit knapp 200 S. nicht allzu umfangreiche) Buch (erschienen 1948), eher noch spannender als die beiden Islandkrimis (aus unserer Ferienwohnung in Oberstdorf bzw. vom Flohmarkt in Kempten). Und zudem war es eine interessante „Reise“ in das alte Shanghai, in die chinesische und zugleich die deutsche (und sogar auch in die japanische) Geschichte, und in gewisser Hinsicht eben auch eine Reise in meine eigene Jugendzeit. (Dass ich gleichzeitig den "Vorleser" von Bernhard Schlink gelesen habe, war zwar reiner Zufall, aber natürlich eine den Holocaust-Hintergrund intensivierende Leseerfahrung.)
Jedenfalls hat mich das Buch von Hinzelmann zu erneuter Internet-Suche nach Informationen zum Thema „Exil in Shanghai“ ermuntert, deren Erträge ich zu Nutz und Frommen eventuell Interessierter nachfolgend verlinke.
Fortsetzung 13.11.09:
Der Feuerfuchs ist ein faszinierender Browser, mit dem ganzen Warenlager seiner Add-ons. Aber wenn irgend etwas nicht klappt, kann das einen Webtechnischen Otto Normalverbraucher wie mich auch ziemlich zur Verzweiflung bringen. Zwar gibt es vielfältige Hilfe, auch in Foren. Aber manche Dinge erfordern tiefe Eingriffe ins System, man muss nach versteckten Ordnern suchen usw. Das ist mir einfach zu kompliziert.
So habe ich auch nicht herausgefunden, wohin der Firefox meine gesammelten Shanghai-Emigranten-Links verschleppt hat, die ich mir jetzt ergänzend herausgesucht hatte. (Nicht nur die übrigens, sondern anscheinend mehr oder weniger alles was ich seit einigen Tagen oder seit meinem Umstieg auf Firefox vor ca. 2 Wochen in den Bookmarks neu gespeichert hatte.) Lediglich die vom Internet-Explorer importierten, schon früher gefundenen Links sind noch da.
Die Mühe einer Rekonstruktion mache ich mir nicht; der Link zum längsten online-Text ist zum Glück noch vorhanden:
"Die Emigration jüdischer Deutscher und Österreicher nach Shanghai als Verfolgte im Nationalsozialismus" von Wiebke Lohfeld und Steve Hochstadt auf der Webseite "Exil-Archiv".
Interessant auch der Bericht über eine Einzelperson, einen Herrn Paul S. Adler u. d. T. "Überleben mit Schiffskarten, Whiskey und Geschäften in Shanghai".
Zahlreiche weitere Links enthält der englischsprachige Wikipedia-Eintrag "Shanghai Gehtto".
Textstand vom 13.11.2009. Auf meiner Webseite
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Der Begriffe-Jongleur als Kapital-Fittichist. Zu: Peter Sloterdijk, "Die Revolution der gebenden Hand" (FAZ-Serie "Die Zukunft des Kapitalismus").
Schreiben kann der Mann - das macht ihm so schnell keiner nach. Nicht einmal ich ;-).
Will ich auch gar nicht, und keineswegs nur wegen der "raisins trop verts".
Brillanter Stil ist nicht zwingend mit intellektueller Redlichkeit verknüpft. Es mag sogar sein, dass manch ein blendend Schreibender der Versuchung nicht widersteht, seine weniger klugen Leser zu blenden.
Gleich wie die Glucke schützend ihre Küken nimmt der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk (hier übrigens seine Homepage) in seinem Essay "Die Revolution der gebenden Hand" , erschienen am 13.06.2009 in der sehr anregenden FAZ-Serie "Die Zukunft des Kapitalismus", die Kapitaleigentümer unter seine Fittiche.
Interessant ist, mit welcher Argumentationsstrategie Sloterdijk seine Tarnkappe für die Kapitalisten konstruiert. Die FAZ-Leser-Kommentatoren äußern sich zwar zum allergrößten Teil ebenfalls ablehnend. Sie analysieren aber seinen Text nur vereinzelt und allenfalls beiläufig hinsichtlich seiner Argumentationsstrategie.
Ein sehr langer Blog-Eintrag findet sich hier; ercheint mir beim Drüberschauen jedoch etwas unfokussiert.
Sloterdijk schildert zunächst, auf welche Weise Philosophen seit Jean Jacques Rousseau das Eigentum als Diebstahl diskreditiert haben. Das ist relativ neutral gehalten; man könnte streckenweise glauben, dass er diese geistesgeschichtliche Entwicklung nachzeichnet um ihr zuzustimmen bzw. um sie als Begründung für eine gleich gerichtete eigene Meinung zu verwenden. Nur gelegentlich lassen Wendungen wie "zu durchschauen glaubt" seine innere Distanz zu diesen Denkrichtungen erkennen. Dennoch etabliert Sloterdijk gegenüber dem Leser seine Glaubwürdigkeit, indem er sich in mehr als der ersten Hälfte seines Aufsatzes gewissermaßen als ein interessenferner, neutraler Referent der geistesgeschichtlichen Entwicklung von Argumenten gegen das Eigentum präsentiert.
Man wartet gespannt, wie er die Wende schafft und stößt dann auf die nachfolgenden Zeilen, die für den Sloterdijkschen Zaubertrick zentral sind:
"Das Movens der modernen Wirtschaftsweise ist ... keineswegs im Gegenspiel von Kapital und Arbeit zu suchen. Vielmehr verbirgt es sich in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern. Es ist die Sorge um die Rückzahlung von Krediten, die das moderne Wirtschaften von Anfang an vorantreibt - und angesichts dieser Sorge stehen Kapital und Arbeit auf derselben Seite. Immerhin, in diesen Finanzkrisentagen erfährt man es schon aus den Boulevardzeitungen: Der Kredit ist die Seele jedes Betriebs, und die Löhne sind zunächst und zumeist von geliehenem Geld zu bezahlen - und nur bei Erfolg auch aus Gewinnen. Das Profitstreben ist ein Epiphänomen des Schuldendienstes, und die faustische Unruhe des ewig getriebenen Unternehmers ist der psychische Reflex des Zinsenstresses."
Mit diesen Nebelgranaten hat er die Kapitaleigentümer unsichtbar gemacht. Zwar tauchen zunächst noch "Gläubiger" auf, doch verschwinden die anschließend im Begriff "Kredit".
Sloterdijk trübfischt hier in der heutzutage tatsächlich weitgehend bestehenden Situation einer Trennung von Unternehmern und Kapitaleigentümern (die übrigens keineswegs Großkapitalisten sein müssen).
Die Kapitaleigentümer verschwinden natürlich nicht in der Realität, aber Sloterdijk tarnt sie durch einen weiteren Trick: Er behauptet eine Interessenidentität von "Kapital und Arbeit", die angeblich "auf derselben Seite" stehen. Auf der Gegenseite lässt er - sicher nicht "klug konfus", wie er Marx' Wertheorie nennt, sondern klug kalkuliert, für unser gesellschaftliches 'Feindbild' eine Leerstelle. Die wird er gegen den Schluss hin füllen, aber nicht mit den besitzenden Kreditgebern, sondern mit dem kleptokratischen Steuerstaat einerseits und den von diesem durchgefütterten unproduktiven Habenichtsen andererseits.
An der Apotheose der Kapitalbesitzer arbeitet Sloterdijk mit noch subtileren Mitteln wenn er davon spricht dass "eine Handvoll Leitungsträger* ... mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets bestreitet". [So hatte ich, ohne den Text selbst noch einmal zu überprüfen, aus dem Artikeltext kopiert. Entweder hatte sich beim Kopieren ein Fehler bei mir eingeschlichen, oder die FAZ-Redaktion hat den Begriff zwischenzeitlich berichtigt; jetzt liest man im Original jedenfalls korrekt "Leistungsträger".]
Das ist ein mehrfacher, sozusagen ein "Hattrick":
- Zum einen machen nämlich die Lohn- und Einkommensteuern nur etwa ein Viertel des gesamten Steueraufkommens aus, so dass sich der Gesamtbeitrag dieser (wie auch immer definierten, aber sicherlich mehr als eine "Handvoll" ausmachenden) "Leistungsträger" aus dieser Steuerart (natürlich zahlen sie auch noch andere Steuern) auf etwa ein Achtel reduziert - das klingt schon ganz anders.
- Zum anderen wird jedes Einkommen implizit als das (gerechte) Ergebnis von eigener Leistung definiert. Der Kapitalbesitzer, der Einkommen aus seinem Vermögen zieht (und versteuert) erscheint hier als Leistungsträger - auch wenn er sein Geld (was natürlich in der Praxis keineswegs immer der Fall ist) im Schlaf verdient haben sollte. So mutiert beim Varietézauberer Sloterdijk das leistungslose Einkommen unter der Hand zu einer Leistungsvergütung. In die gleiche Richtung zielt seine Feststellung: "Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus". Die Kapitalbesitzer sind damit argumentativ fest in der Klasse der Produktiven verankert, obwohl sie möglicher Weise parasitäre Schmarotzer sind, welche die Gemeinschaft gewaltige Summen kosten (Wirtschafts- und Finanzkrise!). (Und, um die gegenwärtigen Erscheinungen mal polemische zuzuspitzen: Von den Schäden, die das Kapital dem Gemeinwohl zufügt, profitiert es sogar noch, nämlich durch den Zinsgenuss für jene 'Zwangsanleihen', welche die Finanzwirtschaft durch ihr Versagen den Staat aufzunehmen zwingt.)
Und wohin geht das Geld nach der Sachverhaltsdarstellung des Autors? An die Nicht-Leistenden. Dass der Staat (zwar sehr hohe Sozialtransfers leistet, aber) auch einige andere Aufgaben erledigt, für welche die Steuerzahler in ihrem ganz unmittelbar egoistischen Interesse so oder so (ggf. privat) bezahlen müssten, blendet Sloterdijk aus:
"Was freilich die Aktivitäten der nehmenden Hand angeht, so haben sich diese seit ihrer Monopolisierung beim nationalen und regionalen Fiskus überwiegend in den Dienst von Gemeinschaftsaufgaben gestellt. Sie widmen sich den sisyphushaften Arbeiten, die aus den Forderungen nach „sozialer Gerechtigkeit“ entspringen. Allesamt beruhen sie auf der Einsicht: Wer viel nehmen will, muss viel begünstigen."
Innerhalb von zwei Sätzen hat unser Philosoph uns unvermerkt die Gemeinschaftsaufgaben polemisch in einer auf Sozialtransfers reduzierten Form untergejubelt. Da kann man nur kommentieren: Chapeau für den Zylinder-Zauberer!
Noch einmal werden die Wohlhabenden pauschal der Klasse der Produktiven zugewiesen, wenn Sloterdijk eine "Ausbeutungsumkehr" konstatiert (meine Hervorhebung):
"Autoren liberaler Tendenz waren es ..., die zuerst darauf hinwiesen, dass den heutigen Bedingungen eine Tendenz zur Ausbeutungsumkehrung innewohnt: Lebten im ökonomischen Altertum die Reichen unmissverständlich und unmittelbar auf Kosten der Armen, so kann es in der ökonomischen Moderne dahin kommen, dass die Unproduktiven mittelbar auf Kosten der Produktiven leben - und dies zudem auf missverständliche Weise, nämlich so, dass sie gesagt bekommen und glauben, man tue ihnen unrecht und man schulde ihnen mehr."
Die Rede von "Umkehrung" impliziert eine Symmetrisierung der für die Antike und die Jetztzeit in unterschiedlichen Begriffen diagnostizierten Sachverhalte:
Die Armen sind dann die Unproduktiven, die Reichen die Produktiven.
Nicht von Erkenntnisinteresse getragen ist Sloterdijks Umgang mit dem Begriff "Unproduktive". Vielmehr fügt er auch diese Feder sorgsam instrumentalisierend in die geistigen Schwingen seines Kapital-Fittichismus ein, mit denen er die Existenz und die gesellschaftliche bzw. ökonomische Relevanz von Kapitaleigentum gegen kritische Blicke zu bedecken sucht.
Zunächst verschweigt Sloterdijk seinen Leserinnen und Lesern, aus welchen Teilmengen sich die Klasse der Unproduktiven zusammensetzt. "Die Faulenzer" sind das, wird und soll der flüchtige Leser denken. Tatsächlich besteht sie aber nur zum kleineren Teil aus Arbeitslosen (deren Mehrheit zudem keineswegs arbeitsunwillig ist). Den größeren Teil machen die noch nicht produzierenden Kinder aus (darunter z. B. auch Sloterdijks Studenten) sowie am anderen Ende die produktiv gewesenen Rentner.
Will man die Unproduktiven nicht verrecken lassen, muss der Lebensunterhalt für beide Gruppen, wie für die Unproduktiven insgesamt, unabhängig von der Finanzierungsform (durch die Eltern, durch staatliche Transferleistungen oder durch Zinstransfer von den Arbeitenden z. B. bei einer sogenannten "kapitalgedeckten" Rentenversicherung) von den Produktiven erarbeitet werden. Die Mackenroth-These hat noch niemand wiederlegt (und sie wird wohl auch von keinem seriösen Ökonom angezweifelt): "Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein "Sparen" im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand." Ich vermute mal, dass insoweit kein bewusstes Verschweigen Sloterdijks vorliegt, sondern dass er diesen Sachverhalt auch für sich selbst verdrängt.
Der dritte Sloterdijksche Taschenspielertrick im Zusammenhang mit dem Begriff "Unproduktive" ist die Insinuation, dass alle Unproduktiven vom Staat unterhalten werden. Tatsächlich zahlen für die Kinder hauptsächlich deren Eltern. (Insoweit sind übrigens die Eltern von den Realkapitalsparern Ausgebeutete, weil sie auf ihre Investitionen in Humankapital keine - jedenfalls keine exklusive - Rendite erhalten. Die fließt den Realkapitalsparern zu die insoweit - was die Eltern als "Investoren" betrifft - das für die Verwertung ihres Sachkapitals unverzichtbare Humankapital für lau bekommen. Vgl. dazu näher in meinem "Rentenreich").
Auf andere Weise perfide ist das Schlusskapitel "Verschuldete Zukunft". Dem Staat, der in der aktuellen Finanzkrise vom Kapital düpiert und durch die Eskapaden der Kapitalbesitzer (d. h. auch der für die Eigentümer tätigen Kapitalverwalter) zu wahren Verschuldungsorgien gezwungen wurde, wird diese Verschuldung vorgeworfen. Das Verschulden des Kapitals an der Verschuldung des Staates vertuscht er nach dem Motto "Der Angriff ist die beste Verteidigung".
Eher Erschreckend ist für mich dagegen, dass ein Philosoph wie Peter Sloterdijk den Eingriff in das Leben der kommenden Generationen auf einen finanziellen reduziert. Denn anders kann die Rede von der "Ausplünderung der Zukunft durch die Gegenwart" im Kontext nicht verstanden werden:
"Ob Abschreibung, ob Insolvenz, ob Währungsreform, ob Inflation - die nächsten Großenteignungen sind unterwegs. Schon jetzt ist klar, unter welchem Arbeitstitel das Drehbuch der Zukunft steht: Die Ausplünderung der Zukunft durch die Gegenwart. Die nehmende Hand greift nun sogar ins Leben der kommenden Generationen voraus - die Respektlosigkeit erfasst auch die natürlichen Lebensgrundlagen und die Folge der Generationen."
Die Wirtschaft ist es (natürlich einschließlich der "nehmenden Hand"), welche die Zukunft in einer sehr viel realeren und gefährlicheren Weise ausplündern: indem sie unwiederbringliche Rohstoff-Ressourcen mit vollen Kräften verfeuern.
Vor diesem Hintergrund (und dem Klimawandel) ist die Verschuldung eher irrelevant.
Eines möchte ich allerdings klarstellen: Meine Demontage von Sloterdijks Text will keineswegs inhaltlich für einen hypertrophen Staat eintreten. Auch ich bin der Meinung, dass wir dem Ausufern des staatlichen Wirkens entgegen treten müssen. Und das keineswegs nur mit der unmittelbar egoistischen Zielsetzung, selbst mehr Geld in der Tasche zu behalten. Auch die gesellschaftlichen Folgeschäden von Hängematten aller Art (denjenigen für die Armen ebenso wie denjenigen für die Reichen) gilt es kritisch zu durchleuchten. (Die gleiche Meinung findet sich jetzt sogar in - der Frankfurter Rundschau! "Debatte Sloterdijk. Die neuen Sozialliberalen" von Franz Sommerfeld (21.10.2009):
"Heute sind sich so unterschiedliche Protagonisten wie der Präsident des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, und der sozialdemokratische Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, darin einig, dass in Deutschland während der vergangenen 20 Jahre eine Unterschicht entstanden ist. Sie nennen die Dinge beim Namen und stellen zu Recht die Frage, inwieweit die bisherige Sozialpolitik zur Bildung und Verfestigung dieses Milieus beigetragen hat.
Die Beschäftigung mit den tatsächlichen Verhältnissen ist der erste Schritt zu ihrer Veränderung. ..... Wer versucht, mit alten Mustern Diskussionen abzuwürgen, der scheitert. Das haben Axel Honneth und Christoph Menke erfahren müssen, zwei der renommiertesten Kritiker Sloterdijks, als sie dessen Anstöße - wie der Literaturwissenschaftler und "Merkur"-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer spitz bemerkte - als faschistoid zu brandmarken suchten. Die so bewährte und beliebte "Antifa-Keule" versagte den Dienst. Auch ..... Richard David Precht irrt, wenn er im neuen "Spiegel" drei Seiten braucht, um den Sloterdijk-Streit als abgestandene Erinnerung an alte Zeiten abzutun. ..... Der Geist der Zeit, schreibt Sloterdijk, sendet neue Signale. Es wäre fatal, sie nicht empfangen zu wollen."
(Wir müssen allerdings aufpassen, dass uns der Zeitgeist nicht Signale zeitverzögert sendet, die aus den USA kommen und dort schon wieder überholt sind.)
Nicht als Gegenrede gegen Peter Sloterdijks "Revolution der gebenden Hand" angelegt ist der zwölfte Beitrag der Reihe, vom 12.07.2009. Der trägt den Titel "Ohne Aufstiegswille kein Kapitalismus", wurde von dem Soziologien Christoph Deutschmann verfasst und ist ein ein vorzügliches Gegengift gegen Sloterdijks Interessenpatronage der Kapitaleigentümer. Hier weht uns der kalte Windhauch der Wirklichkeit an, der intellektuellen Heißluftballons jeglicher Couleur sofort den Auftrieb abdreht.
Nachtrag 07.11.09
Bei den "Blogjournalisten" hat ein "Wittkewitz" am 22.10.2009 den Sloterdijk-Essay bebloggt: "Sloterdijk versucht Manifest der Leistungspfleger – Libertär is’ schwer". Sprachlich originell; verstehen tue ich freilich wenig davon. Und insoweit halte ich es mit Warren Buffet: Ich 'kaufe' nur Werte, die ich kapiere.
Christian Geyer erklärt (wie implizit auch ich das getan habe) in seinem FAZ-Kurzkommentar vom 2.11.09 "Wer ist er?" zur Sloterdijk-Debatte diesen zum "philosophierenden Harlekin" und wertet (für mein Gefühl allzu verharmlosend) dessen Beitrag zur Eigentumsdebatte (oder Kapitalismus-Debatte) als "philologische Aufbrezelung":
"Natürlich kann man sich fragen, was es bedeutet, wenn Sloterdijks philologische Aufbrezelungen als Philosophie wahrgenommen werden. Da liegt tatsächlich der Pferdefuß dieser „nicht existenten Debatte“ (Martin Seel), zu der sich künftig lieber Steuerrechtler zu Wort melden sollten, damit noch eine rechtschaffene Debatte daraus wird. Dass Deutschland - anders als der englischsprachige Raum - keine ausgeprägte Tradition des populären Philosophierens hat, ist wahr. Aber es gibt Erfolgsautoren wie Peter Bieri oder Rüdiger Safranski, die den existentiellen Ernst des philosophischen Fragens mit einem hohen Unterhaltungswert zu verbinden wissen. Soll als Lagebericht nur heißen: Um unser Land ist's nicht schlecht bestellt. Auch in Deutschland gibt es gute populäre Alternativen zu den schäumend philosophierenden Harlekinen." [Mit den philosophischen Harlekinen ist wohl auch David Richard Precht gemeint:
"Richard David Precht, hervorgetreten weniger als Philosoph denn als Bestsellerautor zu überpsychologisierten Sujets wie dem Ich oder der Liebe, findet die Auseinandersetzung um Sloterdijks zentrale These „Geben ist seliger als nehmen“ nicht weiter wichtig, gibt aber genau dieses Nicht-weiter-wichtig-Finden dem „Spiegel“ noch einmal gewichtig zu Protokoll."]
Nachtrag 08.11.2009
Der "Freitag" hat den Sloterdijk durchschaut. Joachim Petrik schreibt am 03.11.2009 in der Kolumne "Lach Fragen herbei" u. d. T. "Peter Sloterdijk, nicht Brecht & Precht, der Nostradamus unser Zeit?" u. a.:
"Anders als Rousseau, neigt Peter Sloterdijk nicht dazu, sich mit offenem Visier als Streitbarer Kampfhahn durch die Arenen, Talk Shows unserer Einen Welt jagen zu lassen. .....
Nein! Peter Sloterdijk will später berechtigt ohne Brecht & Precht, Meilen weit vor Alex Honneth, belegbar sagen können, ich habe den nächsten Moneten Mauerfall geahnt, ohne, bereits heute als Mauer- Specht identifiziert, dafür als Sozialdemokrat verantwortlich und als Professor haftbar gemacht werden zu können.
Es soll ja dieses Mal um eine weitere friedliche Moneten Revolution per Mauerfall gehen, die nicht nur Europa, sondern die ganze Welt erfasst."
Während Richard David Precht (lt. Petrik) im Spiegel geschrieben hatte:
“Wer Sloterdijks Schriften nicht nur kennt, sondern verfolgt, weiß ohnehin: “Peter Sloterdijk tut nichts, der will nur spielen“. Diese Einschätzung hält Petrik (und halte auch ich) jedoch für eine verharmlosende Unterschätzung der Sloterdijkschen Intentionen.
Nachträge 09.11.2009 ff.
Getrieben von den Furien staatlicher Steuereintreibung weiß Peter Sloterdijk zumindest für sich persönlich durchaus Rat. So wie Komponisten der Barockzeit (Bach und Vivaldi, z. B.), gehetzt von den zahlreichen Produktionsverpflichtungen (für ihre jeweiligen Ämter und/oder für Opernunternehmer) ihre Musikstücke zu recyceln pflegten (dabei allerdings i. d. R. nur einzelne Stücke in neue Kompositionen einbauend) wiederverwertet Sloterdijk seine Wortkomposition. In der Juli-Ausgabe des Magazin "Cicero" hat er den FAZ-Artikel in kürzerer Form (ohne die philosophische Herleitung) auf den Kern seines Interessenplädoyers gebracht. Das demonstriert schon der Titel "Kleptokratie des Staates". Einführung der Redaktion:
"Die Weltwirtschaftskrise hat dem Etatismus ein Comeback beschert. Die helfende Hand des Staates wird plötzlich wieder geschätzt. Deutschlands populärster Philosoph mahnt aber: Staaten können genauso räuberisch sein wie Märkte."
Nun habe ich endlich auch den langen Aufsatz "Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe. Zum neuesten Schrifttum des Peter Sloterdijk" von Axel Honneth in der ZEIT vom 25.09.2009 gelesen, der (mit langer zeitlicher Verzögerung) aus dem Sloterdijk-Artikel eine Sloterdijk-Debatte überhaupt erst gemacht hat. Wie so viele andere Beobachter Sloterdijks konstatiert auch Honneth (einleitend) dessen Potemkin-Präsenz: wo immer man ihn bei etwas heikleren Aussagen verorten will, will er nicht gewesen sein. Honneth formuliert das so:
"Ein kämpferischer Ton der Unangepasstheit sorgte ..... dafür, dass ihm von vielen Seiten ehrfürchtige Bewunderung entgegenschlug: Endlich hatte hier, wie schon die Kritik der zynischen Vernunft (1983) zu signalisieren schien, erneut ein Freigeist die intellektuelle Bühne betreten, der es mit der einsamen Entschlossenheit und Radikalität eines Nietzsche mit all den Denkgewohnheiten aufnahm, die unserer Epoche schon lange eine kaum zu ertragene Fadheit verliehen hatten.
Wo dieses Kalkül einmal danebenging, weil Sloterdijk moralisch gut begründete Prinzipien verletzt hatte, da wurden von ihm schnell Nebelkerzen hinterhergeschossen, die das Ungeheuerliche nur noch weiter verdunkelten und ins grandios Ungedachte steigerten. Schwer war es im Verlauf der Jahre daher, dem moralisch-politischen Charakter des Sloterdijkschen Denkens auf die Schliche zu kommen."
[Deutlich kürzer und amüsanter formuliert Eckhard Fuhr auf WELT Online vom 27.10.09 u. d. T. "Peter Sloterdijk kann die SPD derzeit entbehren" den Sachverhalt: "Wer schon einmal versucht hat, einen Aal vom Angelhaken zu nehmen, der hat einen ungefähren Begriff davon, wie schwer es ist, den Philosophen Peter Sloterdijk auf eine Position fest zu legen."]
Im übrigen fokussiert Honneth seine Aufmerksamkeit auf das, was zwar vermutlich auch für Sloterdijk selbst der Kern seiner Aussage war, nämlich den Steuerstaat, bzw. die Legitimation für (hohe) Steuern. Die mutmaßliche Stoßrichtung von Sloterdijks politischen Intentionen ist aber keineswegs identisch mit dem Kern der Zumutung (wenn man will: des Skandals) in Sloterdijks Text, nämlich der oben von mir diagnostizierten verbalen Verbergung der Eisberge des Kapitalbesitzes.
Honneth nimmt Sloterdijk einerseits unangemessen ernst, und unterschätzt ihn andererseits, wenn er hier einen Denkfehler zu sehen glaubt:
"Diese unausgegorenen Überlegungen, in denen an keiner Stelle geklärt wird, warum ein etwa durch Vererbung oder finanzielle Spekulationen erworbenes Vermögen im Sinne irgendeiner Leistung rechtmäßig »verdient« sein soll, ... ."
Mit dieser Formulierung attestiert Honneth Sloterdijks Text implizit ein (wenn auch verunglücktes) Erkenntnisstreben. In Wirklichkeit haben wir es hier aber gar nicht mit einer philosophisch erarbeiteten, sondern vielmehr mit einer propagandistisch präparierten Position zu tun.
Sloterdijk selbst erweist sich äußerst undankbar für den ihm von Honneth durch die philosophische Hochstilisierung erwiesenen Dienst. Offenbar hatte die ZEIT ihn eingeladen, auf deren Seiten Honneth zu erwidern. Statt dessen reagiert am (am 27.10.09) mit einem Offenen Brief "Sloterdijk antwortet. Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer" in der FAZ. Unter anderem schreibt er:
"Sie nennen den Vorgang einen „scharfen Angriff“, und ich ahne, was Sie meinen, obschon ich in dem, was vorgebracht wird, mehr Dumpfheit als Schärfe zu beobachten glaube.
In dieser Situation schlagen Sie etwas vor, was unter günstigen Bedingungen zu einer erkenntnisfördernden Auseinandersetzung vor großem Publikum führen könnte: Eine Erwiderung des Angegriffenen auf die Vorwürfe des Kontrahenten und eine Einladung weiterer Diskutanten zu einer „großen Debatte“. .....
Leider sind die Prämissen für eine solche „Kontroverse“ im aktuellen Fall nicht gegeben. Das Publikum der „Zeit“ kennt ja größtenteils den inkriminierten Artikel nicht - dieser hätte also fürs erste fairerweise nochmals vollständig abgedruckt werden müssen, damit die Leserschaft Ihrer Zeitung eine Chance erhielte, zu erfahren, wovon die Rede ist."
Seine Forderung nach einem Abdruck seines Artikels in der ZEIT erscheint mir im Zeitalter des Internets einigermaßen arrogant; auf FAZ.net kann jeder Interessierte ihn aufrufen. Und was beinahe jeder Kommentator aus seinem Aufsatz herausgelesen hat, will Sloterdijk plötzlich gar nicht geäußert haben: eine Kritik des Steuerstaates:
"Der moderne Steuerstaat hat das Zeitalter der einseitigen Plünderung der Armen durch die Mächtigen beendet - eine Tatsache, die schlechthin niemand auf der Welt bedauern dürfte. Der Proudhonsche Satz: „Eigentum ist Diebstahl“ hatte die alte Ordnung der Dinge polemisch auf den Begriff gebracht. Seither hat die politische Moderne ein weltgeschichtlich beispielloses System der Umverteilung erarbeitet, in dem der zugleich liberale und soziale Staat sich Jahr für Jahr rund die Hälfte aller Wertschöpfungsergebnisse der wirtschaftenden Gesellschaft aneignet und diese nach Maßgabe seiner Funktionen und Pflichten neu verteilt - in der BRD macht die Abschöpfungsmasse seit dem Jahr 2.000 regelmäßig eine Summe von etwa 1.000 Milliarden Dollar aus. Der „nehmende Staat“ beruft sich - zumindest auf dem linken Parteienspektrum - noch heute auf die Überzeugung, dass gegen den ungerechten primären Diebstahl nur ein korrigierender gerechter Gegendiebstahl Abhilfe schafft ..... .
Mein Aufsatz nimmt gegenüber dieser Entwicklung eine bedingungslos bejahende Perspektive ein. Seit Jahren werde ich nicht müde, auf einschlägigen Konferenzen meine Überzeugung zu bekennen, dass die progressive Einkommenssteuer die maßgeblichste moralische Errungenschaft seit den Zehn Geboten darstellt. Weil ich die Denkfigur des Gegendiebstahls wichtig, um nicht zu sagen: epochal bedeutsam finde (sie hat von Rousseau über Marx und Lenin bis hin zu Steinbrück Geschichte gemacht), verwende ich für sie gelegentlich auch das provozierende Wort „Kleptokratie“ - ein Ausdruck, der geeignet ist, Habende und Nichthabende aus ihrem dogmatischen Schlummer zu wecken."
Wahrscheinlich soll das irgendwie ironisch gemeint sein, aber kann man jemandem über den Weg trauen, der als Begriffspaar in der Steuerdebatte nicht "arm und reich" verwendet, sondern, vermutlich nicht ohne (wie auch immer gedachte) Bedacht, davon spricht, dass die Ausplünderung der (meine Hervorhebung) "Armen durch die Mächtigen" durch den Steuerstaat "beendet" und der davon spricht, dass gegen einen "ungerechten primären Diebstahl nur ein korrigierender gerechter Gegendiebstahl Abhilfe schafft". Oder hat er doch nicht davon gesprochen, sondern insoweit nur Überzeugungen "auf dem linken Parteispektrum" referiert? Dann fragt sich allerdings, welche Aussage er selbst als Subjekt seiner Affirmation angesehen wissen will: die Entwicklung zum Steuerstaat oder deren Begründung im linken Parteispektrum?
Da mag es dann wirklich (wie Honneth am Schluss seines Aufsatzes, in anderem Zusammenhang, sagt) "nur wenige ... geben, die ... nicht in ein Grübeln darüber verfallen, ob unsere demokratische Kultur nicht inzwischen einen Grad an Verspieltheit, an Ernstlosigkeit und Verquatschtheit erreicht hat, der ihren eigenen Ansprüchen Abbruch tut".
Dagegen fährt Sloterdijk schweres Geschütz auf; das donnert wie die Dicke Bertha, z. B. so:
"Die Wahrheit ist doch, unser Professor hat in Bezug auf meine Arbeit einen Lektüre-Rückstand von, freundlich geschätzt, sechstausend bis achttausend Seiten - was sinngemäß besagt, dass er wahrscheinlich weniger als zehn Prozent meiner Publikationen kennt, möglicherweise nicht einmal so viel und selbst diesen Rest nur flüchtig und ohne guten Willen zum adäquaten Referat. Gegen solche Defizite hilft auch das hastige Herumblättern und das zufällige Zitieren aus willkürlich aufgeschlagenen Büchern nicht - eben dies ist das Verfahren, das er in dem „Zeit“-Artikel an den Tag legt, um Kenntnisse vorzutäuschen. Alles, was der Autor des polemischen Artikels aus meinen Schriften anführt, sind typische Last-minute-Zitate; seine Kommentare sind durchwegs von enttäuschendem Niveau und meistens schon auf der simpelsten Verständnisebene falsch. Aus seinen Bemerkungen zu meinem Werk spricht allein eine moralisch relevante Tatsache: dass er zu desinteressiert, zu müde und zu humorlos ist, als dass er sich dem Anspruch meiner Arbeiten aussetzen könnte. Niemand hat ihn dazu gezwungen, über meine Bücher eine Meinung zu haben - aber wenn er eine solche äußern möchte, sollte er sie auf Grund von Kenntnissen vortragen und nicht unter dem Einfluss von automatischen Abwehrreflexen. .....
Was lernt man aus der ganzen Affäre? Ich denke: nichts, was nicht längst offenkundig war. Ich besitze seit längerer Zeit eine beachtliche Sammlung an Beispielen dafür, wie weit manche abgehängte Kollegen bei der Zurschaustellung ihrer Stagnation und Frustration zu gehen bereit sind. Nun hat unser unglücklicher Frankfurter Professor ein neues Beispiel hinzugefügt. Enthält es eine neue Information? Ich sehe keine, außer vielleicht dieser: So, wie es kein staatlich festlegbares Limit für die Gier von Finanzmanagern gibt, so gibt es auch keine legale Obergrenze für Giftkonzentrationen in glücklosen Philosophieprofessoren.."
[Es ist wirklich bloßer Zufall, dass ich folgenden Nachtrag am 11.11. poste:]
Unser hermetischer Poesoph verhält sich, scheint mir, einigermaßen inkonsequent, wenn er überhaupt Aufsätze in irgendeiner Zeitung publiziert, welche nicht zuvor mindestens 6.000 Seiten von ihm veröffentlicht hat. Da ja nach seinem eigenen Bekunden seine Texte aus sich heraus unverständlich sind, kann es für eine verständige Lektüre keinesfalls ausreichen, bloß seinen Debattenstarter gelesen zu haben.
Es gibt in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und auf Blogs noch einen kleinen Rattenschwanz von Folgekommentaren, doch scheint es mir nicht nur deshalb nicht lohnenswert, diese hier zu verlinken, weil meine Statistikauswertung so gut wie keine Zugriffe zum vorliegenden Blott zeigt. Vielmehr wurde das abschließende (und zugleich kürzeste) Wort bereits am Anfang gesprochen, von Jürgen Kaube auf FAZ.net am 25.09.2009. Unter "Honneth contra Sloterdijk. Der Vermögensverwalter" lesen wir dort u. a. (meine Hervorhebungen):
"... weil es Ideen sind und nicht Tatsachen, ja nicht einmal Theorien, sondern nur Werteindrücke, die man sich hier gegenseitig vorhält, wird der Streit zu nichts führen. .....
Zwei Philosophen stellen sich Wirtschaft und Gesellschaft vor. Von der Klugheit des John Maynard Keynes und der nachfolgenden Makroökonomik, die Umverteilung unter funktionalen Aspekten zu betrachten, also nicht zu fragen, ob sie moralisch ist, sondern, wozu sie führt und ob sie funktioniert, sind beide weit entfernt. Von einer politischen Soziologie des Wohlfahrtsstaates auch. Sie sind wie die Lilien auf dem Felde: Sie forschen nicht, sie bilden sich nicht weiter, doch das Gerücht, man komme auch so zu sinnvoller Kritik, ernährt sie doch. Man könnte ... fast von einem Fall unproduktiven geistigen Eigentums sprechen.
An dieser Stelle ist allerdings ein Unterschied zwischen Honneth und Sloterdijk festzuhalten. Letzterer denkt auf eigene Rechnung, was leicht schiefgehen kann und auch die Vorteile von Spezialisierung unterschätzt. Und die Nachteile einer Sprache, die man nur selber spricht. Honneth hingegen, der ihm vorwirft, er koche nur längst Widerlegtes wieder auf und kenne auch die neuere Forschungsliteratur zu seinen Themen nicht, muss sich einen etwas anderen Maßstab gefallen lassen. Der führt zur Frage, was die Kritische Theorie denn im Angebot hat, um die gegenwärtige Gesellschaft nicht nur zu bewerten, sondern erst einmal zu begreifen?
..... Wenn Sloterdijk über die Gesellschaft phantasiert, ist das die Sache eines Autors. Wenn Honneth die Gesellschaft umgeht, um sich nur bei Moralfragen und allen erdenklichen Normen aufzuhalten, ist das ein Konkursantrag."
Nachtrag 16.11.2009
Ein bemerkenswerter (und längerer) Beitrag zur Sloterdijk-Debatte stammt von dem auch sonst immer interessanten Rudolf Maresch auf Telepolis (08.10.2009): "Ich bin auch noch da.Im Streit mit Peter Sloterdijk demonstriert Axel Honneth, dass die Kritische Theorie 3.0 außer Zorn und Wut intellektuell nicht mehr viel zu bieten hat.". Einleitung:
"Nein, "albern" oder gar "belanglos" ist die Debatte nicht. Da haben weder der SZ-Kommentator noch "unser Mann" in Stanford Recht. Philosophisch mag sie es ja sein, kultur- und gesellschaftspolitisch aber gewiss nicht. Dafür sind der Einsatz und der Aufwand, den der Kontrahent und seine Auftraggeber betreiben, doch zu groß. Und dafür steht auch zu viel auf dem Spiel. Immerhin prallen hier zwei vollkommen unterschiedliche Geisteshaltungen, Weltsichten und intellektuelle Lebensstile aufeinander, die, seitdem wir auf eine Re-Ideologisierung von Politik und Kultur zusteuern, um die Meinungsführerschaft in den Redaktionsstuben ringen."
Textstand vom 08.11.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Labels: Finanzkrise2008, Interessenkonflikte, Personen div., Personen Tadel, Philosophie(+ -kritik), Sprache-Denken-Wirklichkeit, Verteilungskonflikt
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Keynes in Kempten?
Kempten war bis nach 1800 eine geteilte Stadt. Die Mauern zwischen den beiden Städten Kempten - der Bürgerstadt und der ‚Residenzstadt’ des Fürststifts (der Fürstabtei) Kempten waren zwar nicht ganz so undurchlässig wie die Berliner Mauer, aber die „ideologischen“ Differenzen zwischen der protestantischen Reichsstadt und der katholischen Residenzstadt schienen im 17. Jahrhundert kaum weniger unüberwindlich wie diejenigen zwischen Kommunismus und Kapitalismus.
Das moderne Kempten profitiert jedoch von der Hinterlassenschaft der Fürstäbte. Eine große und vor allem innen eindrucksvolle Kirche (St. Lorenz, heute Pfarrkirche) sowie die renovierten Prunkräume in dem anschließenden riesigen Gebäudekomplex, der das Kloster sowie die Residenz Kemptener Fürstäbte beherbergte, sind heute Touristenattraktionen. Ein Hofgarten gehörte natürlich ebenfalls dazu. Im Norden wird er abgeschlossen durch das langgezogene zweistöckige Gebäude der ehemaligen Orangerie. Hier ist die Stadtbibliothek untergebracht, mit einem schönen stuckierten Lesesaal.
Von unserem Urlaubsort Oberstdorf waren wir zweimal nach Kempten gefahren und hatten dabei auch die Stadtbibliothek besucht. Außer den jeweiligen Bücherflohmärkten und meinem ganz allgemeinen Interesse an der Ausstattung der Stadtbüchereien lockt mich immer auch die Abteilung mit lokalgeschichtlicher Literatur.
Für längere Lektüre bleibt selten Zeit; ich blättere den einen oder anderen Band durch, und manchmal bleibt die eine oder andere Information hängen.
Von einem Aufenthalt des John Maynard Keynes steht zweifellos nichts in jenem Buch über die Geschichte der Stadt Kempten, in dem ich bei meinem Besuch geblättert habe. Indes berichtet es über einen Sachverhalt, den man als (nicht intendierten) Keynesianismus avant la lettre deuten könnte*. Insoweit ging es (bzw. geht es mir bei der Deutung der wirtschaftlichen Funktion) um die Höhe der Schulden des Fürststiftes. Die beliefen sich auf über 2 Millionen. (Die Einwohnerzahl des „Staates“ betrug ca. 40.000. Schulden in Höhe von 50 WE pro Kopf sind für heutige Verhältnisse kein hoher Betrag, waren es damals aber wohl schon). In welcher Währungseinheit die 2 Mio. angegeben waren, weiß ich nicht mehr; das ist aber auch gleichgültig.
Entscheidend ist das Verhältnis der Schulden zum jährlichen ‚Steueraufkommen’. Die Einnahmen lagen nämlich nur irgendwo über 200.000,- Einheiten in derselben Währung. Und diese Einnahmen wurden bereits durch die Kosten für Verwaltung, Repräsentation und gehobene adelige Lebenshaltung absorbiert, so dass für die Schuldentilgung eigentlich gar kein Geld mehr blieb - außer durch die Neuaufnahme von Krediten.
Das kommt einem bekannt und höchst aktuell vor, und was die rein historische Dimension angeht, haben wir auch schon anderweitig Berichte über die Misswirtschaft der Aristokratie gehört. (Allerdings hatten auch die freien Städte teilweise erhebliche Finanzschwierigkeiten.)
Üblicher Weise wird das Thema in den Kategorien Verschwendung, Protz und Prunk usw. abgehandelt; auf anderer Ebene (und mit ganz anderer Bewertung) als „höfische Kultur“.
Ich frage mich indes, ob man die Überschuldung des Staates im Lichte unserer heutigen Erkenntnisse über Wirtschaft nicht auch unter dem Aspekt der ökonomischen Funktion von Staatsverschuldung als Stabilisator der Konsumnachfrage betrachten sollte (wenngleich die bewussten Motive der Akteure natürlich ganz andere waren).
Wenn das Fürststift Schulden hatte, muss es sich das Geld von Gläubigern geliehen haben. Die Gläubiger müssen also entsprechende Ersparnisse gebildet haben.
Was wäre mit diesem Kapital geschehen, wenn das Stift (und andere Territorialherrschaften) schuldenfrei gewirtschaftet hätten? Investitionsmöglichkeiten in Unternehmen gab es damals natürlich auch schon, aber vor 1800 war die Industrialisierung (überhaupt, und im nachhinkenden Deutschland erst Recht) noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie nennenswertes Kapital hätte absorbieren können.
Hätten die (bürgerlichen?) „Sparer“ ihre Gelder in der Schatztruhe aufbewahrt, wäre das Geld dem Kapitalkreislauf entzogen worden; das hätte zu einer Wirtschaftskrise geführt.
Es könnte also sein, dass Kempten die Konjunktur gerettet hat bzw., allgemeiner gesagt, dass die Schuldenwirtschaft der Höfe damals die Wirtschaft angekurbelt bzw. in Gang gehalten hat.
Irgendwie klingt es pervers, dass unter den Bedingungen der Geldwirtschaft eine kleine Schicht ein kreditfinanziertes Luxusleben führen muss, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.
Aber ist es denn heute so viel anders?
Heute müssen sich Millionen von Menschen Häuser kaufen, die sie sich nicht leisten können. Oder (bzw., nachdem die Häuserkäufer keine Kredite mehr bekommen, weil sie sie nicht zurück zahlen können: Und anschließend) muss der Staat, der sich eigentlich auch keine weitere Verschuldung leisten kann, Milliardenzuschüsse für den Kauf von überteuerten Immobilien bieten (USA), oder für die Vernichtung volkswirtschaftlicher Werte (Abwrackprämie für funktionierende Altautos in Deutschland).
Keynes wusste, dass der Geldwirtschaft eine Tendenz zur Hortung innewohnt. Jedenfalls zu seiner Zeit sah er die Great Depression (die in den USA genau wie heute durch die Überschuldung der Verbraucher -mit- entstanden war) als Ergebnis eines Nachfragemangels an der dadurch bedingt war, dass das Geld teilweise gespart wurde, ohne in ausreichendem Maße (über Kredite) in den Wirtschaftskreislauf zurück zu fließen. Deshalb sollte sich seiner Meinung nach der Staat verschulden, um die fehlende private Nachfrage nach Konsumgütern und Investitionsgütern auszugleichen.
Und eben das haben die Schuldenmajore der alten Adelsherrschaften ganz instinktiv (und sicherlich auch mit viel Spaß an der Sache) gemacht - ganz ohne Keynes’ Lehren zu kennen.
* Ich habe keinen der Texte von Keynes gelesen. Mit „Keynesianismus“ beziehe ich mich auf die überzeugende Darstellung der Position von J. M. Keynes, die Norbert Reuter im Jahre 2004 in der Zeitschrift „Wirtschaft und Gesellschaft“ (S. 325 - 345) u. d. T. " „Antizyklische Fiskalpolitik“ und „deficit spending“ als Kern des Keynesianismus? Eine „schier unausrottbare Fehlinterpretation“ " gegeben hat und die hier online nachzulesen ist. Im vorliegenden Zusammenhang geht es speziell darum, dass eine Unterauslastung der ökonomischen Ressourcen eintreten kann (bzw. eintreten muss), wenn gespartes Kapital nicht (als Konsumnachfrage oder Investitionsgüternachfrage) wieder in den Wirtschaftskreislauf eingespeist wird.
Für Keynes war das ein Problem des Kapitalismus im Reifezustand (Reuter spricht, im Anschluss an Zinn, insoweit von einer „Stagnationstheorie der langen Frist“ - vgl. Anm. 13 a. a. O.): „Je größer (...) unser Einkommen, desto größer ist unglücklicherweise auch die Spanne zwischen unserm Einkommen und unserem Verbrauch.“ Und natürlich werden die Ersparnisse bei stagnierender oder gar sinkender Konsumnachfrage auch nicht als in Investitionen in die Realwirtschaft fließen, die damit an Geldmangel krankt (bildlich gesprochen kann man sagen, dass der Wirtschaftskreislauf an Blutarmut leidet, wobei allerdings das Blut keineswegs knapp ist, sondern lediglich in bestimmten Organen gehortet wird): „Nur wenn die Erträge, die aus einer Investition erwartet werden, mindestens gleich den Erträgen aus einer alternativen Finanzanlage sind, kommt es ..... zur Investition.“ Das Szenario, von dem Keynes den Kapitalismus (beginnend wohl schon zu seiner Zeit, hauptsächlich aber in der Zukunft) bedroht sah, war also dasjenige „einer notwendigerweise abnehmenden privatwirtschaftlichen Konsum- und einer daraus resultierenden zurückgehenden Investitionsdynamik“.
Genau so erleben wir es aktuell (wobei es in der Zwischenzeit nicht zu der von Keynes erwarteten „Euthanasie des Rentiers“ („euthanasia of the rentier“) gekommen ist. [Was hat eigentlich den Eintritt dieser von Keynes prognostizierten und an sich logischen Entwicklung -zumindest bisher - verhindert??]
[Reuter spricht vom „sanften Tod des Rentners“ und folgt damit der deutschen Erstübersetzung von Fritz Waeger aus dem Jahre 1936. Im 19. Jahrhundert hätte der Begriff „Rentner“ durchaus den von Keynes gemeinten Sachverhalt getroffen; für uns Heutige ist er allerdings eher missverständlich. In einer Neuübersetzung von Jürgen Kromphardt wird „rentier“ denn auch zeitgemäß mit „Rentier“ wiedergegeben (also jemand, der aus seinem Kapital im großen Stil eine Rendite zieht): vgl. dazu den Handelsblatt-Artikel „Der Keynes-Versteher“ von Olaf Storbeck vom 11.05.2009.]
Das Kernproblem stellt sich in einer Geldwirtschaft aber ganz einfach als ein unzureichender Rückfluss von Geld in den Wirtschaftskreislauf dar, und ein solcher ist durchaus auch bei einer statischen Wirtschaft vorstellbar.
Entscheidend für die Auswirkungen ist nämlich nicht, dass in einer bestimmten Gesellschaft ein Konsumbedarf vorhanden ist (d. h. dass es genügend Menschen gibt, die gerne mehr konsumieren möchten), sondern dass Nachfrage (nach Konsumgütern oder Investitionsgütern) vorhanden ist, die, oft im Kreditwege, aus den ersparten Mitteln finanziert wird.
Geht man für die heutige Zeit für die Wirtschaft von einem „Eine-Welt-Modell“ aus, kann man durchaus eine gewisse Parallele bilden: In der alten Zeit wollte vermutlich kaum ein Privatmann Geld an Arme verleihen, weil die Rückzahlung unsicher war. Heute besteht das gleiche Problem auf internationaler Ebene: privates Geld geht (aus verständlichen Gründen) nur ungern in die armen Entwicklungsländer.
[Diesen Sachverhalt streift - von manchem Kommentator unverstanden – z. B. auch Christoph Deutschmann, wenn er in seinem FAZ-Essay „Ohne Aufstiegswille kein Kapitalismus“ (aus der anregenden FAZ-Serie „Zukunft des Kapitalismus“) die Alternativen zu viel / zu wenig Kapital erörtert: Bezogen auf einen rein rechnerisch ermittelten Kapitalbedarf der ganzen Welt gibt es zu wenig Kapital; bezogen allein auf die Anlagemöglichkeiten in den reifen kapitalistischen Wirtschaften zu viel. In meiner Studie „Sinn substituiert die Konjunktion: rettet er die Renten durch ökonomische Akzeleration“ zum Thema Rentenfinanzierung habe ich schon früher auf die - bei Deutschmann offenbar implizierte - Notwendigkeit hingewiesen, einen Kapitalbedarf nicht bloß abstrakt zu ermitteln, sondern die Kapitalabsorptionsfähigkeit zu berücksichtigen: der Kapitalbedarf des Kongo ist zweifellos immens; ebenso sicher ist aber die Fähigkeit, Kapitalzuflüsse sinnvoll zu investieren, also die Kapitalabsorptionsfähigkeit, in dieser Gegend noch sehr unzureichend entwickelt.]
Eine bloße Gegenüberstellung - hie Geld, da Mangel - reicht also nicht aus, um das (Nicht-)Fließen von erspartem Kapital zu begreifen; entscheidend ist, ob den Geldbesitzern geeignete (d. h. geeignet erscheinende bzw. akzeptierte) Kanäle zur Verfügung stehen, über die ihr Geld in die Realwirtschaft zurückfließen kann. Soweit Menschen ihre Ersparnisse nicht selbst verkonsumieren oder investieren, kann der Rückfluss nur über den Kreditweg erfolgten. (Vom Verschenken sehe ich dabei ab. Diese Form der Mittelverwendung kann zwar - z. B. in den USA in Form von Stiftungen für Wohltätigkeit, Wissenschaft, Kunst usw. - durchaus beachtliche Ausmaße annehmen; insgesamt wird sie aber doch nur einen kleinen Teil des gesparten Kapitals ausmachen).
Den armen Stiftsbauern im alten Staate Kempten hätten die Kaufleute (und/oder wer sonst Kapital akkumuliert hatte) sicherlich nicht im gleichen Maße Geld geliehen wie der Regierung. (Ob das Geld später tatsächlich zurück gezahlt wurde, oder ob die Stiftsregierung - bzw. ihr bayerischer Nachfolgestaat - damit ‚stiften gegangen sind’: das weiß ich leider nicht.)
Nachtrag 04.12.09
Keynesianer ist wohl der Regensburger Wirtschaftswissenschaftler Prof. (em.) Dr. Winfried Vogt. Ich habe von ihm den Text "3.3 Makroökonomische Risiken und Krisen
1. Der Kapitalmarkt: Investition und Ersparnis" gelesen, der vielleicht eine Vorarbeit zu dem in seinem Online-"Buch" unter Ziff. 3.4 veröffentlichten Kapitel ist. Das Buch würde ich gern lesen, doch fehlt mir die Zeit. Wenn Sie welche übrig haben, lesen Sie es vertretungsweise an meiner Stelle ;-). Ich denke, dass es auch und gerade Laien einen vorzüglichen Einblick in die Nationalökonomie vermitteln kann. In dem von mir gelesenen 'Auszug' gab es zwar auch einige mathematische Passagen, doch die konnte man überspringen, ohne das es das Verständnis der Zusammenhänge beeinträchtigt hätte, da Prof. Vogt immer die realen Sachverhalte hinter den Formeln und Berechnungen benennt.
Auszug aus seiner Beschreibung des Buches:
"Soziale Marktwirtschaft. Effizienz und Verteilung aus der Perspektive einfacher ökonomischer Modelle":
"Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme ist die Marktwirtschaft praktisch konkurrenzlos auf dem besten Weg, sich weltweit durchzusetzen ... . Jedoch beruht diese Effizienz auf Grundlagen, die von den Märkten selbst nicht geschaffen werden. Effiziente Märkte setzen gesellschaftliche Institutionen voraus, insbesondere klare Eigentums- und Vertragsrechte, sowie ein öffentlich garantiertes und kontrolliertes Geld- und Kreditwesen. Sie benötigen soziale Sicherungssysteme, um einzel- und gesamtwirtschaftliche Risiken der Märkte abzufangen, und um die Ungleichheit zu verringern, die durch Märkte erzeugt wird und auch Armut und Ausgrenzung nicht ausschließt. Schließlich müssen öffentliche Güter bereitgestellt werden, z.B. zum Schutz der natürlichen und sozialen Umwelt, die auf Märkten nicht rentabel wären. ... sind Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Rückwirkungen zwischen öffentlichem und privatem Bereich zu berücksichtigen, bei denen immer wieder ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen Effizienz und Verteilung besteht, das nicht leicht zu durchschauen ist. So wird bei Forderungen nach mehr Gleichheit oder weniger Risiko oft übersehen, dass damit Effizienzverluste verbunden sein können, durch die vielleicht sogar diejenigen verlieren, die man begünstigen möchte.
Das folgende Manuskript, das ursprünglich aus langjährigen Vorlesungen zum Verhältnis von freier und sozialer Marktwirtschaft entstanden ist, bietet einen Überblick über diese Thematik, der sich vor allem an den Problemen von Effizienz und Verteilung, Wohlstand und Ungleichheit, Einzel- und Allgemeininteresse orientiert. ... Der Text ist bewusst nicht populärwissenschaftlich, weil dabei - wie so oft in Debatten über Wirtschaft und Politik - eben jene tieferen ökonomischen Zusammenhänge und Probleme auf der Strecke bleiben würden, auf die es ankommt. Die verwendeten Modelle sind jedoch so einfach wie möglich gehalten, auf dem Niveau elementarer Mikroökonomie. Abgesehen von Ergänzungen und Abweichungen in Präsentation und Fragestellung besteht der wesentliche Unterschied zur traditionellen Mikroökonomie darin, dass nicht die Methode, sondern die Thematik im Vordergrund steht, die Ökonomie der Marktwirtschaft mit den Schwerpunkten Effizienz und Verteilung.
Auf dieser Grundlage sollte es möglich sein, Stärken und Schwächen von Marktwirtschaften besser zu verstehen und zu beurteilen und sich auch zu aktuellen Problemen eine sachverständige Meinung zu bilden, wie z.B. zu Fragen von Sozialversicherungen, Mindestlöhnen, Kündigungsschutz, Arbeitslosigkeit, ökonomischen Risiken und Krisen, Staatsverschuldung und anderen Themen, die in dem Manuskript behandelt werden. Auch wenn man bei einer ausführlichen Analyse solcher Probleme auf komplexere Modelle und vor allem auch auf empirische Untersuchungen zurückgreifen muss, erleichtern doch gerade die verwendeten einfachen Modelle den erwünschten Überblick über und Einblick in die Thematik. Sie zeigen die Denkstruktur, mit der sich Argumente in politischen Auseinandersetzungen und Diskussionen über die Marktwirtschaft, insbesondere auch in den Medien, begründen, bezweifeln oder auch widerlegen lassen. Sie erleichtern damit einen rationalen Diskurs über die Vorzüge und Grenzen der Marktwirtschaft in einer Zeit, in der diese - positiv und negativ - die ganze Welt bestimmt.
Bei dem Manuskript handelt es sich um eine vorläufige Fassung (Stand Dezember 2009). ... "
Inhalt
1. Grundlagen der Marktwirtschaft (Stand Oktober 2009)
2. Markt und Effizienz (Stand Dezember 2009)
3. Markt und Risiko (Stand Juli 2009)
4. Markt und Verteilung (Stand Februar 2009)
5. Umverteilung (Stand November 2009)
6. Markt und Muße (Stand Oktober 2009)
Ich denke, dass dieses Buch eine sehr lohnende Lektüre sein dürfte.
Nachtrag 20.12.2009
Dass die Mechanismen der Geldwirtschaft nicht erst seit Beginn der kapitalistischen Ära wirken, sondern schon früher Krisen (und Hochkonjunkturen) bewirkt haben, dürfte einer Reihe von Texten betr. historische Vergleiche unserer aktuellen Krise mit geschichtlichen Finanzkrisen bzw. Wirtschaftskrisen zu entnehmen sein. Ich kann diese (z. T. umfangreichen) Arbeiten aus Zeitgründen nicht lesen, möchte aber hier für evtl. interessierte Leser sowie - pro memoriam - für mich selbst einige einschlägige Links aufbewahren:
Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Michael Bordo hat einige vergleichende Analysen historischer Art verfasst und dankenswerter Weise auch auf seiner Homepage eingestellt. Vgl. auch seinen Aufsatz "The crisis of 2007: some lessons from history" auf der Debattenseite Voxeu.
Eine Kavalkade durch die Geschichte machen (vermutlich) Carmen M. Reinhart von der University of Maryland und dem NBER [das amerikanische "National Bureau of Economic Research"] und Kenneth S. Rogoff, Harvard University and NBER in ihrer online lesbaren Arbeit (124 S.) "This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises."
Hier die Zusammenfassung (Abstract):
"This paper offers a “panoramic” analysis of the history of financial crises dating from England’s fourteenth-century default to the current United States sub-prime financial crisis. Our study is based on a new dataset that spans all regions. It incorporates a number of important credit episodes seldom covered in the literature, including for example, defaults and restructurings in India and China. As the first paper employing this data, our aim is to illustrate some of the broad insights that can be gleaned from such a sweeping historical database. We find that serial default is a nearly universal phenomenon as countries struggle to transform themselves from emerging markets to advanced economies. Major default episodes are typically spaced some years (or decades) apart, creating an illusion that “this time is different” among policymakers and investors. A recent example of the “this time is different” syndrome is the false belief that domestic debt is a novel feature of the modern financial landscape. We also confirm that crises frequently emanate from the financial centers with transmission through interest rate shocks and commodity price collapses. Thus, the recent US sub-prime financial crisis is hardly unique. Our data also documents other crises that often accompany default: including inflation, exchange rate crashes, banking crises, and currency debasements."
Eine Erweiterung (vielleicht auch Popularisierung) der in diesem Arbeitspapier gewonnenen Einsichten dürfte das kürzlich erschienene Buch des Autorengespanns sein:
"This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly", auf Deutsch erschienen als "Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen".
Nachtrag 16.01.2010
Da schau her: Die Lektüre des Stichwortes "Underconsumption" in der englischsprachigen Wikipedia belehrt mich, dass man sich tatsächlich schon in der frühen Neuzeit der volkswirtschaftlich schädlichen Wirkung von Geldhortung bewusst war (meine Hervorhebung):
"In underconsumption theory, recessions and stagnation arise due to inadequate consumer demand relative to the amount produced. It is an old concept in economics, going back to the 1598 French mercantilist text Les Trésors et richesses pour mettre l'Estat en Splendeur (The Treasures and riches to put the State in Splendor) by Barthélemy de Laffemas, if not earlier."
(Auch die deutschsprachige Wikipedia enthält das entsprechende Stichwort "Unterkonsumtionstheorie". Der Artikel ist auch recht ausführlich und wägt Pro und Kontra ab, doch interessiert er sich nicht für den Stammbaum dieser Idee und erweckt die irrige Vorstellung, dass sie erstmalig von John Atkinson Hobson [kurz vor dem 1. Weltkrieg] vertreten worden sei:
"Die Unterkonsumtionstheorie ist eine volkswirtschaftliche These von John Atkinson Hobson, nach der das Entstehen von Wirtschaftskrisen (Unterkonsumtionskrise) aus einer unzureichenden Nachfrage nach Konsumgütern zu erklären ist und durch Stärkung der Massenkaufkraft durch Lohnerhöhungen bekämpft werden kann. Insbesondere ist es also gemäß dieser Theorie die zurückbleibende zahlungsfähige Nachfrage der Arbeiterklasse, die zu einer Krise führt."
Nachtrag 21.01.2010
Bei der fortschreitenden Beschäftigung mit meinem Artosphagen-Ökonomiemodell bzw. der Verfeinerung und Untermauerung meiner Theorie des monetären Vampirismus bin ich auf einen faszinierenden wirtschaftswissenschaftlichen Text aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts gestoßen.
Das Ludwig-von-Mises-Institute hat von James Mill, dem Vater von John Stuart Mill, eine Kritik der Unterkonsumtionstheorie online gestellt. Sie ist schon etwas älter, nämlich vom Jahr 1808 datierend: schon damals war sie also im Schwange.
Der (vom Herausgeber gegebene) Titel lautet: "On the Overproduction and Underconsumption Fallacies" und es handelt sich um "an excerpt from the author's pamphlet Commerce Defended, edited by George Reisman, Ph.D., Pepperdine University Professor Emeritus of Economics" (meine Hervorhebung).
Über den Hintergrund des Buches erfahren wir:
"Commerce Defended was published in 1808, in reply to various articles by William Cobbett which had appeared in a publication of the day called the Political Register, and to a pamphlet by William Spence, entitled Britain Independent of Commerce."
Der Herausgeber beurteilt die Arbeit außerordentlich positiv (meine Hervorhebungen):
"Whether or not Mill arrived at his version of "Say's" Law independently of Say is unimportant. What is important is that his is by far the more consistent, the more forceful, and the clearer version. Moreover, the excerpt now presented, which consists of Chapters VI and VII of Commerce Defended,entitled respectively, "Consumption" and "Of the National Debt," is not confined exclusively to the overproduction fallacy, but is also and even more concerned with the companion fallacy of underconsumption. In the opinion of the Editor, it represents one of the most important contributions of the Classical School , and to this day, remains among the most advanced expositions of the theory of saving and capital formation to be found anywhere."
Reisman stilisiert Mill sogar zu einem "revolutionary critic of contemporary economics".
Dass mich die damalige volkswirtschaftliche Theoriedebatte fasziniert bedeutet nicht, dass Mills Logik sowie seine Interpretation von Spences Vorstellungen mich durchgängig überzeugen würden. In vielen Belangen hat auch Spence (eine Art Frühkeynesianer) vorzügliche Argumente. Passend zum vorliegenden Blott hier ein von Mill (zwar in kritischer Absicht) wiedergegebenes Zitat aus dem Werk von Spence, welches mir die Relevanz des Unterkonsumtionsproblems schon für die damalige Zeit (also potentiell auch für das Stift Kempten!) zu belegen scheint (meine Hervorhebungen):
"For my own part," says Mr. Spence, "I am inclined to believe that the national debt, instead of being injurious, has been of the greatest service to our wealth and prosperity. It appears that man is in fact much more inclined to save than to spend. The land-proprietors accordingly have never fully performed their duty [nämlich ihre ökonomische Pflicht zur vollständigen Ausgabe ihrer Einkommen]; they have never expended the whole of their revenue. What the land-proprietors have neglected to do, has been accomplished by the national debt. It has every now and then converted twenty or thirty millions of what was destined for capital into consumable revenue, and it has thus given a most beneficial stimulus to agriculture."
Mill bestreitet die Richtigkeit von Spences Argument mit folgender Begründung:
"According to Mr. Spence the national debt has been advantageous because the government has thus spent what the land-proprietors would otherwise have saved. When his language is put into accurate terms it means this; the land-proprietors have every year endeavoured to increase to a certain amount that part of the annual produce which is destined for the business of reproduction, whereby they would have increased the annual produce, and the permanent riches of the country; but government has every year, or at least at every short interval of years, taken the property which the people would thus have employed in augmenting the riches of the country, and has devoted it to mere dead consumption, whence the increase of production has been prevented. It is in this manner, according to Mr. Spence, that the national debt has been advantageous."
Diese Kritik ist ganz und gar nicht "revolutionär"; sie beruht einfach darauf, dass Mill eine verengte Perspektive hat.
Spence (und auf jeden Fall dann später Keynes) gehen davon aus, dass die Grundbesitzer / Kapitalbesitzer einen Großteil ihres Geldes weder für Konsum noch für Investitionen ausgeben (was Mill sich nicht vorstellen kann, weil es in seiner Idealökonomie, die im Grunde geldlos gedacht ist, bzw. in der das Geld kein Eigenleben hat, nichts anderes als Konsum und Investition gibt). In einer solchen Situation ist es immer noch besser, wenn der Staat das Geld unter die Leute bringt.
Nachtrag 13.07.11
Zum Schulden(un-)wesen der Kleinstaaten des alten "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" vgl. jetzt auch den FAZ-Artikel "Wege aus Finanzkrise. Am Schuldenwesen kann man genesen" von Wolfgang Burgdorf vom 12.07.2011.
Textstand vom 23.11.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Labels: Allgäu, Finanzkrise2008, Finanzwirtschaft, Reisen, Wirtschaft
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