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CANABBAIA
Sonntag, 29. Mai 2011
 
Braucht Die Freiheit eine Reise nach Jerusalem als Persilschein?
Ein Notiz der Allgäuer Zeitung über die Gründung eines bayerischen Landesverbandes durch die neue Partei "Die Freiheit"* führte mich zur Webseite dieser Partei. (Hier geht es zu dem entsprechenden Wikipedia-Stichwort.)
* vgl. auch die Notiz "CSU droht mit Ausschluss" der Süddeutschen Zeitung vom 28.05.11. Auch "Endstation Rechts", das "Das Informationsportal über Neonazis und Rechtsextremismus in Bayern" observiert "Die Freiheit".]

Nachdem die bestehenden Parteien nicht nur wesentliche Wünsche, sondern aus meiner Sicht auch vitale Interessen des Volkes schon längst nicht mehr abbilden, erscheint mir - ebenso wie vielen anderen Mitbürgern - eine Neugründung durchaus wünschenswert. Das "Wofür wir stehen" könnte ich durchaus unterschreiben; aber solche Erklärungen stehen zwangsläufig auf einem Abstraktionsniveau, das keine zuverlässigen Rückschlüsse auf die Praxis zulässt. Und auf die Praxis kommt es an.
[Es wäre überhaupt ganz generell wohl besser, wenn Parteien bzw. politische Bewegungen ihre Positionen weniger abstrakt als vielmehr (sozusagen nach dem Vorbild des angelsächsischen "case law") durch Beispiele definieren würden. Also statt "wir sind für Freiheit" sagen: "Wir wollen die und die Gesetze abschaffen, weil sie die Freiheiten* der Bürger unnötig begrenzen" oder "Wir wollen das Asylrecht in der und der Form ändern, um die Einwanderung in unsere Sozialsysteme zu stoppen" usw.
*Bei dem Begriff "Freiheit" ziehe ich den Plural, der die konkret-realistische Ebene anspricht, allemal dem pathetischen Singular vor, unter dem sich jeder alles Mögliche vorstellen kann!]

Jedenfalls: auch in Sachen Thilo Sarrazin ein eindeutiger Text der (zwar keine programmatische Fixierung der Partei darstellt, aber doch:) erkennen lässt, dass man eindeutig für Sarrazin und gegen ein Übermaß von Einwanderung, und insbesondere von Hängemattenimmigration, eintritt.

Die "Konservativen Werte" erscheinen beim flüchtigen Drüberlesen (zu mehr fehlt mir die Zeit, aber auch das Interesse) ok.

Selbstverständlich positioniert sich die Partei auch gegen die Eurozonen-Rettungspakete und gegen eine europäische Transferunion (vgl. auch hier); sehr ausführlich ist der einschlägige Aufsatz "Der Euro auf dem Prüfstand – wie „alternativlos“ ist der Rettungsschirm wirklich?" von René Stadtkowitz, einem der Gründer (und der Initiator?) der Partei, vom 18.02.11.

Was mich dann aber einigermaßen stutzig gemacht hat, war eine auf der Parteiwebseite veröffentlichte "Jerusalemer Erklärung".
Diese Erklärung vom 07. Dezember 2010 wurde unterzeichnet von:
"Die Grundlage unserer politischen Tätigkeit ist unser unverbrüchliches Bekenntnis zu Demokratie und freiheitlichem Rechtsstaat, zu den Menschenrechten im Sinne der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zum Völkerrecht und zum Wertekanon der westlichen Zivilisation, der auf dem geistigen Erbe der griechisch-römischen Antike, der jüdisch-christlichen kulturellen Werte, des Humanismus und der Aufklärung basiert"
lautet der erste Absatz. Das sind altvertraute Mainstream-Sentenzen.

Auch mit dem zweiten Absatz habe ich auf der allgemein-abstrakten Ebene keine Probleme:

"Nachdem die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts überwunden wurden, sieht sich die Menschheit gegenwärtig einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung ausgesetzt: dem fundamentalistischen Islam. Wir betrachten uns als Teil des weltweiten Kampfes der Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten gegenüber allen totalitären Systemen und deren Helfershelfern. Damit stehen wir an vorderster Front des Kampfes für die westlich-demokratische Wertegemeinschaft."

Ich sehe nicht nur den fundamentalistischen Islam als eine Bedrohung an, sondern den Islam überhaupt als eine potentielle Bedrohung. Der Islam ist eine Religion; Religionen bedrohen tendenziell jeden der, wie ich, areligiös ist.
Dass viele bei uns das nicht sehen oder nicht wahrhaben wollen liegt daran, dass sie das Christentum für eine Religion halten. Es ist aber keine mehr. Die Aufklärung und die Säkularisierung der nachfolgenden Jahrhunderte haben dieser Religion soweit die Giftzähne gezogen, dass das Christentum heutzutage im Wesentlichen mehr eine Folkore ist. (Das gilt natürlich nicht für alle Gruppen, und nicht für alle in gleichem Maße. Die Evangelikalen in den USA sind ganz gewiss keine harmlosen Folkloregruppen.)

Über meine Abgrenzung Religion / Folklore kann man natürlich streiten (wie überhaupt darüber, welche Sachverhalte man wie benennen will); in jedem Fall ist es aber Fakt, dass das Christentum bzw. die Christen weitestgehend tolerant ist/sind. In meinen Augen ist es problematisch, solchen Vereinen noch das Prädikat "Religion" zuzuerkennen. Denn schließlich schließen sich die unterschiedlichen "Glauben" (das Wort hier im Plural gedacht) gegenseitig aus. Entweder eine Religion ist die richtige oder (aus meiner Sicht) keine. Wenn ich aber überzeugt bin, dass meine Religion richtig ist, dann ist es psychologisch normal (weil entlastend), dass ich zum einen versuche, meinen Glauben zu verbreiten. Denn wie kann ich sicher sein, den richtigen Glauben zu haben, solange es immer noch Leute gibt, die etwas anderes - oder gar nichts - glauben? Zum anderen ist es normal, eine möglichst enge Verbindung zwischen Glauben und Lebenswirklichkeit herzustellen. Die islamische Verquickung von Staat und Religion ist also logisch wie psycho-logisch ganz normal. Dass wir im Abendland dem Christentum eine Trennung von Staat (und weitgehend auch von Gesellschaft) und Religion abgetrotzt haben, hat u. a. sicherlich auch damit zu tun, dass diese Trennung in der abendländischen Zivilisation auf der politischen von Anfang an vorhanden war (Dualismus Kaiser - Papst usw.). Das ist aber aus meiner Sicht ein eher fragiler und potentiell ständig bedrohter Zustand, der nicht einfach so passiv besteht, sondern aktiv verteidigt werden muss. Die Verlockung, sich zwecks psychologischer Entlastung in die Arme einer Religion zu flüchten (und diese, wiederum zur geistigen Entlastung, das tägliche Leben wie auch Gesellschaft und Politik immer mehr durchdringen zu lassen) mag nicht ständig präsent sein; in Krisensituationen sehe ich darin aber als eine reale Gefahr.

Die Fragestellung, ob "der Islam" terroristisch ist oder nicht, ist infantil. Was wir konstatieren, ist die Tatsache dass es hier eine Religion gibt, die auf eine ganze Reihe ihrer Anhänger (und nicht zuletzt und ganz besonders auf Konvertiten!) einen derart starken Einfluss ausübt, dass nicht wenige zu Terroristen und Selbstmordterroristen werden.
Was immer im Koran steht oder nicht: eine solche Religion ist für eine säkuläre Gesellschaftsordnung (mit religiösen Resten - eben das, was ich oben als "Folklore" bezeichnet habe) potenziell gefährlich.
Ob eine solche Gefährdung dann auch real wird, hängt von weiteren Umständen ab: Krisen z. B., aber insbesondere auch von den Zahlenverhältnissen. So viel sollten wir doch immerhin aus der Geschichte des Urchristentums gelernt haben, dass die ersten Christen in der Gesellschaft (intern haben sie sich, vermute ich mal, auch damals schon um das richtige Dogma gestritten) so lange liebe, nette Menschen waren (aber auch ziemlich fanatische - sonst hätte es keine Märtyrer gegeben!), wie sie die Minderheit stellten. In dem Moment, wo sie die Mehrheit ausmachten (oder, falls das zur Zeit von Kaiser Konstantin noch nicht zutraf: wo ihre Religion zur Staatsreligion wurde), wurden sie zusehends weniger nett und praktizierten schließlich ihrerseits (erfolgreich) jene gewaltsame Unterdrückung der Gegner, welche der Staat vorher an ihnen (erfolglos) versucht hatte.

Es ist, wie ich schon mehrfach betont habe, nicht nur (und am Ende vielleicht nicht einmal in erster Linie?) die religiöse Dimension des Islam, die ich (bei entsprechenden Kräfteverhältnissen) als bedrohlich für unsere Lebensform ansehe, sondern insbesondere das clanistische Familienverständnis, das nicht nur im Islam zu finden, aber dort vermutlich eng mit der Religion verfilzt ist. Auch im sogenannten "Westen" kann man etwa in Süditalien oder in Griechenland die Folgen beobachten, wenn persönliche Beziehungen etwa für die Postenvergabe wichtiger sind als Sachgründe. Emotionale Bindungen innerhalb einer Familie sind einerseits eine gute Sache; sie gewähren Geborgenheit und ggf. bis zu einem gewissen Grade auch eine materielle Absicherung. Zugleich aber können sie die den modernen Industriestaaten weitestgehend reine Sachorientierung des Verwaltungshandelns (und größtenteils auch der Politik) unterminieren.
(Außerdem will der unter dem Psedonym "Spengler" schreibende gläubige jüdische Autor  David Paul Goldman weltweit eine erheblich stärkere Geburtenrate bei den religösen Teilen der Bevölkerung festgestellt haben, was für uns dann ebenfalls wenig Gutes verheißen würde:
"Underlying the demographic crisis of the industrial world, I believe, is a spiritual crisis. If the above analysis has any merit, the issue is not wealth, but rather the desire of men to continue to inhabit this planet. Secular ideologies - socialism, positivism, and so forth - promised a world free of bigotry and hatred, and an unending vista of peace and prosperity. Humankind, however, has vomited up these ideologies. Secular Europe and radical Islam in that sense represent two sides of the same coin: both have rejected the secular order, the latter through open battle, and the former through fatal resignation. Demographic analysis can help strip secularism of its progressive mask and reveal the death's-head underneath. The analysis shown above may be the work of an amateur, but it will serve a good purpose if it provokes the professionals to do a more thorough job.")
Kurzer Rede langer Sinn: auch ich bin dagegen, die Scheunentore Deutschlands aufzureißen und Einwanderer aus aller Welt willkommen zu heißen. Das insbesondere dann, wenn der Abstand zwischen ihrer und unserer Kultur auf einer ganzen Reihe von Gebieten groß ist.
Auch die fernöstlichen Kulturen sind uns fremd, vielleicht sogar noch fremder als der Islam. Immerhin besteht aber in der dort (und sogar noch mehr als bei uns) verankerten Lern- und Leistungsbereitschaft ein wichtiges Bindeglied; diese Bereitschaft ist in islamischen Gesellschaften ganz offenkundig deutlich weniger ausgeprägt.

Wenn ich dennoch mit dem o. a. 2. Absatz der "Jerusalemer Erklärung" meine Probleme habe dann deshalb, weil
Noch ausgeprägter erfolgt die Solidarisierung der 3 Parteienvertreter mit der zionistischen Interessenposition in einem späteren Absatz der Jerusalemer Erklärung:
"Israel als einzige wirkliche Demokratie im Nahen Osten ist uns wichtiger Ansprechpartner in dieser bewegten Weltregion. Eine Region, die sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit Extremismus und Terror auseinander setzen musste. Ohne jede Einschränkung bekennen wir uns zum Existenzrecht des Staates Israel innerhalb sicherer und völkerrechtlich anerkannter Grenzen. Ebenso ist das Recht Israels auf Selbstverteidigung gegenüber allen Aggressionen, insbesondere gegenüber islamischem Terror, zu akzeptieren. Wir glauben, dass dies bei gleichzeitigem Respekt gegenüber den Menschenrechten und auch den politischen Rechten der arabischen Bevölkerung möglich sein muss.*" [Asterisk im Original]
Das war sogar der "Freiheit" etwas zu mulmig; zu dem o. a. Asterisk gehört die Fußnote:
"* Gegen diesen Satz hat DIE FREIHEIT Vorbehalte und ersetzt ihn durch folgenden Satz: Die Anerkennung der Menschenrechte – auch die der arabischen Bevölkerung – muss selbstverständlich sein."


Es stellt sich dann für den Beobachter die Frage nach den Hintergründen und den Zielen, welche die Unterzeichner der Jerusalemer Erklärung verfolgten. Auch ohne die Lektüre einschlägiger Artikel (wie "Neue Freunde für Israel. Reise nach Jerusalem" von Lorenz Jäger, FAZ 13.12.10, "D: „Die Freiheit“ auf NRW-Kurs" auf der Webseite "NRW Rechtsaußen" vom 15.12.10 und - dort mehr am Rande - den Bericht "Stadtkewitz sucht rechten Schulterschluss" im Neuen Deutschland vom 13.01.11) kann man sich denken, worum es den Partnern dieser Erklärung ging:
Das erscheint mir nun freilich bedenklich. Denn zum einen deutet es auf einen gewissen Mangel an Selbstbewusstsein hin - nicht gegenüber Israel, denn die Stoßrichtung einer derartigen Rechtfertigung geht ja auf die eigene Gesellschaft. Eine nachdrückliche Vertretung der Interessen des eigenen Volkes, wie sie z. B. Stadtkewitz im letzten Absatz seiner o. a. Kritik des Eurozonen-Rettungsschirms postuliert ("Tatsächlich soll das der Schlusspunkt sein: Deutsche Interessen. Die sind nämlich in der Europäischen Union nicht ansatzweise so präsent wie deutsche Steuergelder") muss sowohl von den Wählern als auch von der Partei selbst als die natürlichste Sache der Welt betrachtet werden, für die man sich bei niemandem 'rückversichern' (und auch bei niemandem entschuldigen) muss.
Zum anderen riskiert man es, in einer solchen scheinbar zum gegenseitigen Nutzen geschlossenen Allianz zum babylonischen Gefangenen des Partners zu werden. Dies auch deshalb, weil ein derartiges Bündnis asymmetrisch ist:

Jenseits der Verflechtung mit israelischen Interessen und jenseits der Einwanderungsproblematik bin ich aber ganz generell skeptisch gegenüber der Fixierung auf die Zuwanderung und insbesondere die islamische Zuwanderung. Ohne dass ich die Bedeutung dieser Politikfelder leugnen würde, sehe ich eine ganze Reihe weiterer Gefahren auf uns zukommen, die damit nichts (oder allenfalls indirekt etwas) zu tun haben.

Zwar stellt Martin Kröger in seinem oben zitierten Artikel im "Neuen Deutschland" fest, "dass sich Stadtkewitz und Mitstreiter darum bemühen, nicht nur als Ein-Punkt-Antiislam-Partei rüberzukommen, sondern auch Politikfelder wie beispielsweise den Ruf nach direkter Demokratie abzudecken." Das bestätigt auch ein flüchtiger Blick auf das vorläufige  (Version 1.0) Parteiprogramm.

Indes bin ich mir nicht sicher, dass die Fülle der Probleme im Verhältnis zur Einwanderungsfrage in der richtigen Proportion gesehen wird.
Für mich wären z. B. folgende "Baustellen" anzugehen:

Angesichts der kommenden Herausforderungen (die nach meinem Dafürhalten eher in der Ressourcenverknappung als im Klimawandel liegen werden, sowie daneben innergesellschaftlichen mentalen Alterungserscheinungen) brauchen wir eine neue Art, Politik anzugehen:
Ich fürchte indes, "Die Freiheit" ist nur eine neue Partei alter Art, welche die Macht verfehlen wird, weil sie die Macht anstrebt.



[Falls jemandem der vorliegende Text zu kurz sein sollte ;-) empfehle ich die Lektüre meines buchlangen Blotts "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft". Darin hatte ich (sozusagen 'unter dem Vorwand' einer Rezession des Buches von Prof. Dr. Manfred Pohl) meine Überlegungen zur Politik noch weitaus breiter ausgewalzt.]


Nachtrag 31.05.11:
Ich habe mich entschlossen, meinen Blotts jeweils ein "ceterum (oder eher: 'zeterum'?) censeo"  anzuhängen:
 POPULISTISCHES MANIFEST:
Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst einer europäischen Transferunion.
Im Herzland des alten Europa haben sich die Finanzinteressen mit sämtlichen Parteien des Bundestages zu einer unheiligen Hatz auf die Geldbörsen des Volkes verbündet: die Schwarzen wie die Roten, die Grünen, Blauen und die Blutroten (welch letztere unsere Steuergelder gerne auflagenlos, also in noch größerer Menge, gen Süden senden möchten).
Wo ist die Opposition im Volke, die nicht von unseren Regierenden wie von deren scheinoppositionellen Gegnern als Stammtischschwätzer verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, welche sich der Verschleuderung der dem Volke abgepressten Steuern über die europäischen Verschwendungsbrüder an die unersättlichen Finanzmärkte widersetzt hätte?
Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor:
Das Volk wird von fast keinem einzigen Politiker als Macht anerkannt.
Es  ist hohe Zeit, dass wir, das Volk, unsere Anschauungsweise, den Zweck unserer Besteuerung und unsere Tendenzen gegen die fortgesetzte Ausplünderung durch das Finanzkapital und seine politischen Helfershelfer vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen von der Dummheit dieses unseres Volkes die Volksfaust selbst entgegenstellen.





Textstand vom 11.06.2011. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm.

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