Montag, 20. September 2021
Die Wahrheit ist teilbar: Über motivatorische und deskriptive Wahrheiten
Donnerstag, 13. August 2020
Arbeit und Kapital und ihr "contract social"
Es begab sich anno 1199 (oder war es 1299?) vor der Burg Treuenfels im finsteren Fehdewald, dass ein feindliches Heer im Anmarsch war und die Bauern der Herrschaft sich versammelt hatten, um Einlass und Schutz zu begehren. Doch Graf Trauewem, Herr von Treuenfels, hatte die Zugbrücke hochziehen lassen und seinen Untertanen Zugang und Schutz verwehrt. Die bäuerlichen Nichtsnutze wären ihm nur eine Last: Im Kriegswesen nicht ausgebildet, würden sie bei der Verteidigung kaum helfen, aber als unnütze Esser die Vorräte verfuttern. Und so könnte der Feind die Burg in wenigen Wochen aushungern. So sehr auch das Bauernvolk bettelte und jammerte: Graf Trauewem stand stahlhart zwischen seinen Burgzinnen.
Mittwoch, 17. Januar 2018
Gutmenschen sind die schlaffe Kraft, die Gutes will, doch Böses schafft: 10 Gründe, warum unsere westliche Zivilisation untergeht
Wie der Zufall so spielt: Zu einem Text von Oswald Spengler, den ich auf Facebook eingestellt hatte, verlinkte ein Kommentator zu diesem Video auf dem Youtube-Kanal von "Emperor Caligula". Videos zu politisch-gesellschaftlichen Themen schaue ich mir freilich ungern an. Ich präferiere gedruckte Texte, mit denen ich mich geistig besser auseinandersetzen kann. Zum Glück ist der Vortrag aber auch in "gedruckter" Form online (dort unter dem Titel "Zehn Gründe, warum unsere westliche Zivilisation untergeht").
Dienstag, 8. März 2016
Siegfried Z.: Ein Drachentöter der politischen Artenvielfalt im oberrheinischen Bruchgraben der Demokratie
Freitag, 26. Juni 2015
Verteilt der Staat mit dem Ehegattensplitting Privilegien - oder zeigt er Respekt vor der Autonomie des Individuums?
Den Anstoß zum vorliegenden Blott gab der FAZ-Artikel "Hayek-Gesellschaft. Streitbare Geister der Freiheit" vom 26.06.2015 (Autorin Heike Göbel), und zwar konkret die folgende Passage:
"Der Streit entzündet sich an einem Artikel, den die Vorsitzende der Gesellschaft, Karen Horn, eine ehemalige Redakteurin der F.A.Z., Mitte Mai in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht hat. Unter der Überschrift „Die rechte Flanke der Liberalen“ sieht Horn eine Unterwanderung der liberalen Szene durch Reaktionäre. Horn nennt keine Namen, aber Beispiele. Aus ihrer Sicht etwa widerspricht es liberalem Denken, den Staat durch Festhalten an den steuerlichen Vorteilen des Ehegattensplittings** zur Privilegierung von Alleinverdienerehen zu ermuntern – und damit zur Diskriminierung anderer Lebensgemeinschaften aufzufordern."
Der hier referenzierte Meinungsartikel von Karen Horn ist via FAZ nur gegen Bares zu bekommen (via Genios-Datenbank). Aber zum Glück hat Michael Miersch ihn auf seiner Facebook-Seite am 23.05.2015 eingestellt. (Über die Homepage der Autorin findet man es auch in der Dropbox.)
*[Wikipedia-Eintrag; Homepage; Lobbypedia]
**[Umfassende Infos zum Ehegattensplitting bietet das einschlägige Wikipedia-Stichwort]
Samstag, 27. August 2011
Vom Kardinalfehler zum Kardinalproblem - Die Bestechlichkeit des Wählers in der westlichen Welt
Gegen meine sonstigen Gepflogenheiten habe ich sowohl den Titel als auch nachfolgend den Text eines anderen Bloggers kopiert. "Ernst Wilhelm" heißt (oder nennt sich?) sowohl der Blogmaster als auch sein (auch hinsichtlich der anderen Artikel, z. B. über die jüngsten Jugendkrawalle in London) lesenswerter Blog.
Sonntag, 8. Mai 2011
Notizen über den Geschichtsphilosophen (Kulturphilosophen) Oswald Spengler ("Der Untergang des Abendlandes")
Montag, 12. Januar 2009
Sprache, Denken, Wirklichkeit: Warum der Kapitalismus KEINE ölbasierte Wirtschaft ist
Die linke Schweizer Wochenzeitschrift "WOZ Die Wochenzeitung" hat in ihrer Ausgabe vom 13.11.2008 -4- Referate einer Veranstaltung «Globale Finanzkrise: Welche linken Antworten?» der linken Schweizer Organisation "Denknetz" vom 4.11.2008 veröffentlicht.
"Dabei wurde die Frage diskutiert, ob die aktuelle Finanzmarktkrise bloss eine Art Marktbereinigung darstellt oder Ausdruck einer tiefer liegenden Systemkrise ist, die sich etwa mit der Weltwirtschaftkrise vergleichen lässt, die 1928 ausbrach. Ausserdem wurden Vorschläge für eine Reform des Schweizer Finanzplatzes wie auch für einen grundsätzlicheren Umbau der Schweizer Wirtschaft vorgestellt."
Es ging um eine "Analyse: Wenn die Blasen platzen. Die Finanzmarktkrise droht sich zur globalen Rezession auszuweiten. Können die staatlichen Massnahmen die Situation beruhigen? Oder steckt der Kapitalismus in einer Sackgasse?"
Zwei der Teilnehmer bezogen auch die Umweltfrage ein. Thomas Heilmann setzte sich u. d. T. "Vom Mythos des Wachstums" (grundsätzlich zu Recht) kritisch mit der "Weiter-So-Orientierung der Konjunkturprogramme auseinander und forderte, "ein gesellschaftliches Produktions- und Reproduktionsmodell zu entwickeln, welches nicht für unsere sieben Millionen, sondern für Milliarden ein anständiges Leben und ein langfristiges Überleben des Planeten bietet."
Mir erscheint die Erwartung grotesk absurd, dass eine Milliardenbevölkerung überhaupt ein ressourcenschonendes Dasein führen könne. Wer meint, die Menschheit könne "ein gesellschaftliches Produktions- und Reproduktionsmodell ... entwickeln, welches... für Milliarden ein anständiges Leben" bietet und zugleich "ein langfristiges Überleben des Planeten" ermöglicht, gehört in meinen Augen von vornherein zur Truppe der Traumtänzer.
Sonntag, 17. August 2008
JAGD AUF RÄUBER FÜHRT ZUR DEZIMIERUNG DER OPFER oder DIE BLAUWALE UND DER KRILL: DAS ANTARTKISCHE PARADOX
Sonntag, 27. Juli 2008
Salut für den Atom-Admiral! Hyman Rickovers visionäre Energie-Rede von 1957 hier auf Deutsch
Dienstag, 8. Januar 2008
Fortschritt – real oder imaginär? Zum Essay "Die Fortschrittsillusion" von Prof. Eckart Voland (Spektrum der Wissenschaft, April 2007)
Eine meiner abendlichen Surftouren (intellektuellen Sauftouren?) im Internet führte mich über einen Hinweis in dem (übrigens außerordentlich qualitätvollen) Blog „tiefgedacht“ zu dem o. a. Essay. (Hier ein anderer, ebenfalls kritischer, Blog-Eintrag dazu.)
Voland erklärt den Fortschritt zu einer Illusion des Gehirns. In der Tat lässt die Lektüre seines Artikels (der schon vorab im Internet zur Diskussion gestellt worden war und in zahlreichen Leserbriefen kommentiert wurde, von denen ich leider aus Zeitmangel nur wenige –meist interessante- lesen konnte) auch mich am Fortschritt zweifeln – allerdings etwas anders, als Voland sich das wohl vorgestellt hatte.
Wenn ich nämlich sehe wie noch heute Menschen, zum Wissenschaftsbetrieb akkreditierte Philosophen gar, in Platons essentialistischer Steinzeit-Höhle hocken und nach den Schatten des Fortschritts-Begriffs haschen, dann wecken solche (um Volands Kritik an seinen Kontrahenten gegen ihn selbst zu wenden:) "naiven (Begriffs-)Realisten" manchmal auch in mir substantiierte Zweifel am geistigen Fortschritt der Menschheit.
Donnerstag, 1. November 2007
Utopia Nova - Argumente für die Wünschbarkeit einer ideologischen Fundamentierung politischen Handelns
ABBY FineReader ist ein feiner Kumpel, weil er es mir erlaubt, ohne allzu große Mühe meine alten Texte zu exhumieren und auf die Menschheit loszulassen (was natürlich einige Menschen durchaus zu einer konträren Einschätzung des "feinen Kumpels" veranlassen könnte). (Völlig mühelos ist es freilich nicht, weil die Texterkennungssoftware mit Schreibmaschinentexten -mit Gewebeband, nicht mit Karbonband geschrieben- gelegentlich doch Erkennungsschwierigkeiten hat und weil ich natürlich auch Buchstaben übertippt und ausgeixt und handschriftliche Berichtigungen und Ergänzungen eingefügt hatte.)
Den nachfolgenden Text hatte ich großenteils (handschriftlich) ausgearbeitet im November 1973 während eines Urlaubsaufenthaltes auf der Kanaren-Insel La Palma. Man könnte ihn auch als ein Sublimationsprodukt dieses in mancher Hinsicht frustrierend verlaufenen Urlaubs bezeichnen.
Später in Frankfurt habe ich ihn in veränderter Form maschinenschriftlich übertragen und ein wenig fortgeführt und jetzt in einer wiederum leicht veränderten Form (Berichtigung der Rechtschreibung, einiger Fehler und mit einigen –wenigen- Textänderungen im Interesse der Verständlichkeit) als Datei in meinen PC eingegeben.
Freitag, 12. Oktober 2007
Nicht-nostalgische Zeitreise in meine Jugend: Erziehung anno 1963
Aller guten Dinge sind drei.
Deshalb hier als letztes Fundstück meiner heutigen Ausgrabungskampagne ein Aufsatz aus "sermo" Nr. 3 (Schülerzeitung des Bielefelder Ratsgymnasiums vom Dezember 1963).
Damals glaubte ich wenigstens noch an etwas - und sei es auch nur an die Möglichkeit einer gesamtgesellschaftlichen Rationalität.
(Und die - damals - moderne rechtschreibung ist mir seit jenen fernen zeiten ebenfalls abhanden gekommen.)
Kontrapunkt: Wahrhafftiger Bericht über einen stattgehabten Kakerlakologenkongress
Was genau die Veranlassung zu dem unten reproduzierten Text vom 18.06.1970 gab, weiß ich nicht mehr; vielleicht hatte ich von der Lektüre des Buches "Der eindimensionale Mensch" von Herbert Marcuse die Schnauze voll.
Warum ich die Satire auf die Kakophonie der hypertrophierenden Gesellschaftswissenschaften heute hier einstelle?
Nun, zum einen habe ich sie soeben wieder aus alten Papieren exhumiert. Und zum anderen will ich Ihnen damit demonstrieren, dass ich auch ernsthafte Sachen schreibe; nicht nur so'n Zeug wie das Dausenau-Gedicht. Im übrigen waren Ironie und Romantik ja schon zu Zeiten der literarischen Bewegung der Romantik eng miteinander verflochten.
Aber hier nun endlich der Text (der allerdings ein Torso geblieben ist):
Sonntag, 10. Juni 2007
Wie wird die Welt? Kopf-Sprünge ins 21. Jahrhundert
Montag, 28. Mai 2007
Die Antike als historisches Über-Ich der Europäer?
Der eine kam von meiner Rezension "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft" des Buches "Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung" von Prof. Dr. Manfred Pohl her. Der will einem Bundeskovent mit 50 "weisen Persönlichkeiten" weitgehend die bisher dem Bundestag und Bundesrat zustehenden legislativen Funktionen übertragen. Ich habe mich in meiner Buchbgesprechung ziemlich mokiert über die Vorstellung von "weisen" Menschen und u. a. darauf verwiesen, dass die gesamte griechisch-römische Antike (nur) 7 Weise anerkannte (das zwar in verschiedener Besetzung, so dass in der Summe mehr rauskommen würden; jedenfalls zeigt es aber, wie skeptisch man schon damals der Vorstellung gegenüber stand). Andererseits gibt es heute noch zahlreiche Verehrer des antiken Denkens (das wohl tatsächlich eine wesentliche intellektuelle Grundlage auch für die Moderne bildet).
Samstag, 21. April 2007
Es muss nicht immer Simmel sein: Kulturkritik-Kritik
Noch besser wäre es natürlich, wenn die "Favoriten" oder "Bookmarks" des Internet-Browsers die Möglichkeit bieten würden, Stichworte und Kommentare einzufügen und Textauszüge zu markieren. Anscheinend gibt es so etwas Ähnliches tatsächlich, aber dafür muss man, wenn ich das richtig verstanden habe, seine Favoriten auf fremden Servern (z. B. bei Google) speichern. Das ist mir allerdings etwas unheimlich, so gänzlich an fremden Nabelschnüren zu hängen. Beim Blog ist das zwar auch der Fall, aber natürlich verlinke ich interessante Texte auch weiterhin (zusätzlich) in meinen "Favoriten".
Schade ist nur, dass man die "Tags" oder, wie man sie bei Blogspot nennt, die "Labels" nicht hierarchisch organisieren kann, wie es bei den "Favoriten"-Ordnern möglich ist, also z. B. alle Personen in einem übergeordneten Stichwort "Personen" zusammenfassen. Denn schon jetzt wird bei mir die Vielzahl der Labels langsam unübersichtlich. Aber eines Tages wird das Problem in größerem Umfang auch bei anderen auftreten, und die Blog-Provider werden Lösungen dafür anbieten.
Sehr angenehm ist jedenfalls schon jetzt, dass ich beim Eintragen der Stichworte Vorschläge erhalte. Wenn ich also z. B. in dem entsprechenden Feld anfange, ein Wort mit "K..." einzutragen, öffnet sich sofort ein Popup-Fenster, das mir meine bisherigen K-Worte anzeigt und aus welchem ich durch einfaches Anklicken einen Begriff übernehmen kann. Zauberhaft!
[Eigentlich ist jetzt auch die Auflistung meiner Blog-Einträge auf meiner Webseite "Drusenreich – Teil 1" in der Rubrik "Aus meinem Blog-Haus" nicht mehr so wichtig. Hätte ich von vornherein die Möglichkeit der Verstichwortung gehabt, hätte ich eine derartige Aufstellung wahrscheinlich gar nicht begonnen. Aber aus reiner Gewohnheit heraus (und weil sie einige vielleicht einmal interessante Übersicht erlaubt) werde ich auch diese Titelliste mit kurzer Inhaltsangabe, vorerst zumindest, fortführen.]
Nun aber zurück zum eigentlichen Thema dieses Eintrages.
Die Kulturkritik, bzw. die Kritik an der Kulturkritik (jedenfalls der herkömmlichen: Stichwort "Entfremdungsdiskurs"), also die "Kulturkritikkritik", treibt mich schon lange um. Und dazu habe ich einen hübschen Text gefunden, der mit leichter Hand die mentalen Carceri pseudo-tiefsinniger Reflexionen demontiert (indem er z. B. Simmels mystifizierende Beschreibung der Wirkungen des Geldes auf den Menschen auf ihre wirtschaftsgeschichtliche Grundlage einerseits und auf die Präferenzen der meisten Menschen andererseits zurück führt).
Es liegt mir fern, Prof. Hubertus Busche für meine Position zu vereinnahmen. Aber seine Antrittsvorlesung bei der Fern-Universität Hagen u. d. T. (und zu dem Thema) "Georg Simmels 'Tragödie der Kultur' - 90 Jahre danach" [jetzt nicht mehr dort zu erreichen, doch finden wir eine anscheinend leicht veränderte Version im "IABLIS Jahrbuch für europäische Prozesse" online.] ist eine kluge Kritik an der Kulturkritik: nicht nur derjenigen des kaiserzeitlichen Soziologen und Philosophen Georg Simmel, sondern auch des gesamten Entfremdungs-Geschwafels (meinetwegen auch: Entfremdungs-Diskurses). [Meine Blog-Überschrift ist natürlich selbst eine Mystifizierung, weil sie sich nicht auf Johannes Mario Simmel und dessen Buch "Es muss nicht immer Kaviar sein" (das ich auch gar nicht gelesen habe) bezieht] Der vorliegende Eintrag dürfte der bislang passendste Ort für mich sein, einige Fundstücke aus seinem Vortrag für mich (und für eventuelle Leser und Leserinnen) aufzubewahren:
"Was Simmel in diesem Zusammenhang tatsächlich beschreibt, ist lediglich die enorme Bedeutsamkeitssteigerung, die das Geld in der modernen Welt erfährt. Weil das Geld für jeden Einzelnen zur vielleicht größten schicksalhaften irdischen Macht überhaupt geworden ist, hat Kenneth Burke in den sechziger Jahren das Geld zum »god term« erklärt (A Grammar of Motives, New York 1962, 355 f.). Und noch Luhmann hat in seinem letzten prähum veröffentlichten Buch die These vertreten, »das Geld scheint auf dem Wege zu sein, das Medium schlechthin zu werden«, nämlich das Medium, das auf alle gesellschaftlichen Funktionssysteme übergreift (Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1997, 723). Ein Hauptgrund für diese ungeheure Bedeutsamkeitssteigerung des Geldes liegt darin, dass es nach dem historischen Übergang von der agrarisch statischen Bedarfsdeckungswirtschaft zur industriellen Lohn- und Entgeltungswirtschaft kaum noch Selbstversorger gibt. Damit brauchen fast alle das Geld als unentbehrliches Mittel der Existenzfristung. So ungemütlich und beklagenswert diese fast vollständige Geldvermitteltheit unseres Alltags auch sein mag, so ist sie doch in keiner Weise angemessen beschrieben als eine psychische Verselbständigung des Geldes zu einem ›Zweck‹ oder ›für sich befriedigenden Wert‹. Die Leute hängen am Geld nicht, weil es das ›Ziel aller Ziele‹ geworden wäre, sondern weil es das Mittel aller Mittel geworden ist, das die größte Tauschkapazität zur Realisierung immer neuer, und zwar selbstgesetzter Zwecke besitzt. Und wenn man davon ausgeht, dass die meisten Menschen in Antike wie Gegenwart das angenehme Leben und nicht das anstrengende Glück geistiger Kultur suchen, dann lieben sie das Geld allenfalls deshalb, weil es das Universalmittel zur Realisierung so vieler ungeistiger Zwecke ist. Simmels Behauptung dagegen, das Geld habe sich in der Moderne zum Endzweck verselbständigt, scheint ähnlich absurd wie die Behauptung, dass ein mittelalterlicher Bauer, der aus Not tags und nachts mit der Bewirtschaftung seines Hofes beschäftigt ist, damit den Hof zum Selbstzweck macht. .....
Simmels begriffliche Stilisierung der Sphäre gesamtgesellschaftlicher Produktionen zu einer Sphäre ›objektiver Kultur‹ zieht zweitens auch die Einseitigkeit nach sich, dass Simmel auf ein Kapazitätsproblem der Individuen reduzieren muss, was sich näher betrachtet als ein Selektionsproblem darstellt. Es scheint, dass gerade an dieser Fähigkeit zur glücklichen Selektion die Schicksals- und Überlebensfrage für die individuelle Geisteskultur, ja sogar für das geistige Immunsystem der Menschen hängt. Für eine solche wählerische Unterscheidung und Bevorzugung dessen, was aus der gigantischen Unmenge der gesellschaftlichen Produktionen überhaupt wichtig und würdig ist für geistige Assimilation, braucht das Individuum allerdings zwei Fähigkeiten: erstens Urteilskraft für die Erkenntnis dessen, was die Menschen - pathetisch gesprochen - höher und besser macht, und zweitens Widerstandskraft gegen die kulturfeindliche Innenweltverschmutzung durch die massenmediale Bedürfniserzeugungsindustrie. Hier ergibt sich allerdings das Problem, dass diese beiden Kardinaltugenden postmoderner Geisteskultur nicht einfach als natürliche Ressourcen vorausgesetzt werden können, sondern ihrerseits bereits Produkte von geistiger Kultur sind. Und deshalb scheint sich die zentrale Frage, ob Simmel wirklich einen langfristigen tragischen Untergang oder nur einen dramatischen Gestaltwandel von Kultur beschreibt, auf die Kernfrage zuzuspitzen, ob in postmodernen Gesellschaften Menschen gedeihen können, die diese Kräfte entwickeln. Dass es durch die Datenflut zwangsläufig zu einer Erosion der Urteilskraft kommen müsse, scheint mir ebensowenig ausgemacht, wie dass es durch das Dauerbombardement mit Informationen und Unterhaltungsmüll zu einer geistigen Abwehrschwäche kommen müsse. .....
Einen Punkt muss man Simmel jedoch, mit ihm über ihn hinausdenkend, einräumen, und es ist schade, dass ich ihn hier aus Zeitgründen nicht verdeutlichen kann anhand der psychologisch-pädagogischen Gegenwartsdebatten zum beschleunigten Zeitbewusstsein, nämlich dass der Zuwachs an technisch-medialer Komplexität und an gesellschaftlichem Tempo zu einer massiven Schwerpunktverlagerung innerhalb der geistig assimilierten Inhalte führen wird: Individuelle Geisteskultur wird, unter den Bedingungen jener von Simmel eindrucksvoll beschriebenen »Beschleunigung des Lebenstempos« (VI 699), immer weniger aus langen Büchern und Gesprächen schöpfen können und folglich immer weniger aus prägenden Zitaten und Grundgedanken im Langzeitgedächtnis bestehen können, sondern immer mehr bestehen müssen aus dem Know-how rascher Zugriffstechniken und abstrakter Transferleistungen. Und vielleicht ist dies die schmerzlichste Folge des Umbruchs von der Agrargesellschaft zur high-tech-medialen Variante von Industriegesellschaft: dass - in Ciceros Metaphorik - die pflegende Sorgfalt bei der Bearbeitung des eigenen Geistesackers immer weniger heimische Vertrautheit an Saat und Scholle findet und immer mehr an der Technik von Saat- und Erntemaschinen. .....
Ganz offensichtlich beschreibt Simmel hier in unzulänglicher Theorie dasjenige, was die Luhmannsche Systemtheorie als Ausdifferenzierung autonomer und autopoietischer Funktionssysteme der modernen Gesellschaft interpretiert. Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Erziehung, Religion oder Politik der Gesellschaft gehorchen inzwischen wohl einer funktionalen Eigengesetzlichkeit und Systemrationalität, die nach exklusiven Codes und eigenen Medien operieren. Simmels Hinweis auf die »Richtungsverschiedenheit« ... dieser Funktionssysteme ist völlig zutreffend, da sie ja unterschiedliche Methoden internalisiert haben, hochspezielle Teilprobleme der Gesellschaft zu bewältigen. Gleichwohl leuchtet seine Anspielung auf den Turmbau zu Babel nicht ein, der zufolge die einzelnen Bereiche »als Gesamtheit eigentlich schon vom Schicksal des babylonischen Turmes ereilt [scheinen] und ihr tiefster Wert, der gerade in dem Zusammenhang ihrer Teile besteht, mit Vernichtung bedroht scheint« ... . Denn schief bleibt der implizite Vergleichspunkt, die Aufsplitterung der gemeinsamen Ursprache in eine Vielzahl von Sprachen. Man könnte nämlich mit Luhmann durchaus einräumen, dass die Funktionssysteme unserer insgesamt zentrumslos gewordenen Gesellschaft sich - wie die Köpfe einer Hydra - wechselseitig beobachten und irritieren, ohne dass sie sich gegenseitig instruieren könnten. Und man dürfte ferner einräumen, dass das Recht eine völlig andere Sprache spricht als etwa die Kunst oder die Religion. Die Frage ist jedoch, welchem Subjekt man diese Vielsprachigkeit beilegt. Das Bibelwort, »daß keiner des anderen Sprache verstehe« (1. Mos. 11, 7), gilt zwar für die einzelnen Funktionssysteme als solche, nicht jedoch für die Individuen, die in irgendeinem Grad an allen Teilsystemen partizipieren und deshalb auch alle Teilsprachen erlernen können. Wie aber die Polyglottie bei Nationalsprachen ein Zeichen geistig kultivierter Individuen ist, so könnte man auch in der Beherrschung vieler Systemsprachen gerade eine Herausforderung für die individueller Kultur sehen! Simmels Furcht vor der »Vernichtung« des Gesamtzusammenhangs zwischen den Teilsystemen ist zwar nicht unbegründet, wenn man sich die massiven Steuerungsprobleme unserer Gesellschaft vor Augen hält.
Bilanziert man am Ende Simmels These von der ›Tragödie der Kultur‹, so wird man sagen müssen, dass ihre historische Großperspektive uns über folgendes belehrt: Individuelle Geisteskultur ist in fortgeschrittenen Gesellschaften strukturell erheblich schwerer geworden. Und ihr ursprünglich agrarischer Geist eines Bebauens und Wohnens im überschaubaren Vertrautheitsradius verfliegt zunehmend in einen nomadischen Geist umhergetriebener Großstadtvölker, die wie Fremdlinge durch immer weitere und virtuellere Steppen reiten. Dass aber jener agrarische Weg der Seele von sich selbst zu sich selbst der wahre oder einzige sei, könnte ein alteuropäisches Vorurteil sein. An alteuropäischen Werten gemessen muss der neue Weg als eine umweltbedingte Kümmerform von Kultur erscheinen. Falls es jedoch auch eine neonomadische Geisteskultur geben sollte, so hat sie mit der alten agrarischen immerhin eines gemeinsam. Auch sie kann sich niemals zu einem autopoietischen Funktionssystem namens ›die Kultur der Gesellschaft‹ ausdifferenzieren." [Hervorhebung von mir]
Textstand vom 10.07.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.
Sonntag, 18. März 2007
Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft.
Der erste Satz der Einleitung (S. 11) immerhin ist unerwartet:
"Wenn die Kinder, die heute geboren werde, in der Hälfte ihres Lebens angelangt sind, wird es die meisten Rohstoffe, die heute die Basis unseres Wirtschaftslebens sind, nicht mehr geben, so zum Beispiel Öl, Gas, Kupfer und Uran" schreibt Prof. Dr. Manfred Pohl in seinem Anfang 2007 erschienenen Buch "Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung." Pohl ist Jahrgang 1944, also Angehöriger der "erschöpften Generation" (ein von dem -ebenfalls 1944 geboren- Bielefelder Bernhard Schlink geprägter Ausdruck, wie ich in dieser Rezension seiner Essay-Sammlung "Vergewisserungen" lese). Und damit ist er (bzw. sind beide) beinahe mein Jahrgang.
Aber die Erwartung einer in nicht ferner Zukunft bevorstehenden Ressourcenverknappung, oder - wie hier - sogar Ressourcenerschöpfung, die auch mich schon länger umtreibt (vgl. z.B. "The (b)rat in the box at the ultimate lever?", "Peking bohrt, Amerika bombt, Europa brütet", "KEINE JUNGFRAU ZÄHMT DIESES ZWEIHORN" oder "Hungerskandal in Wuppertal: Porsche-Fahrer frisst Rentner-Oma die Polenta vom Teller!"), kann man nicht auf mentale Erschöpfung zurückführen. Dass die (zunächst:) Erdöl-Vorräte ziemlich bald ausgehen, werden, ist nicht mehr zu übersehen. Auch wenn diese Befürchtungen nicht im Mittelpunkt von Pohls Arbeit stehen, war ich doch (positiv) überrascht zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich diese Einsicht bereits im Mainstream des Denkens eingewurzelt hat - und das in diesem Falle sogar bei jemanden, dem man nicht gerade Wirtschaftsferne nachsagen kann.
Samstag, 14. Oktober 2006
Joy of Communism?
Bill Joy most definitely is not a communist.
But, when you try to grasp the approach of communism towards society on a purely abstract level, it is an effort to subject mankind (being that mankind is the highest -known- form of life, one could also say: subjecting life) to rationality.
Rationality, however, is a strategy that works fine for individuals and even for societies, when they try to achieve tangible goals: produce computers, planes, cars etc.
To a certain (lesser) degree it even works to attain more abstract objectives: education, health etc.
Communism was an effort to consciously construct a society that would make people live happily ever after. This was not exactly the Marxist idea of how communism develops in history (Marx was assuming that the road towards a communist paradise was the inevitable course of things). But of course, on the practical level, communists were trying to construct the desired kind of society.