Samstag, 13. Dezember 2014

Hat Autor nicht auch Grips beineben, kann Leser nicht recht glücklich sein. Eine Polemik gegen Monetär-Obskurantisten, die das Volk im Kerker der Geldirrtümer verschmachten lassen. Und welche "Gouverneure" vom Monetär-Fetischismus der Austrians profitieren.

 

Teil 1: Einleitung und allgemeine Bemerkungen zu den behandelten -3- Büchern

In den Trümmern der Finanzkrise wuchert der Weizen der Monetär-Scharlatane.

Wäre der Denk- und Leseeifer jener Autoren, die uns gegenwärtig ihre todsicheren Geldsysteme (in Wahrheit ohnehin lediglich GeldSCHÖFPUNGSsysteme) präsentieren, ebenso groß wie ihr Bekehrungsdrang, könnte man auf echte Einsichten in das Geldsystem hoffen.
Doch leider mangelt es diesen monetären Wunderheilern an grundlegendem Wissen über die tatsächlichen fundamentalen Funktionsweisen unseres Geldsystems sowie über den systemischen Sinn und Zweck dieser Mechanismen.
 

Wie bei allen Marktschreiern fehlt auch diesen Geld-Geistern der Wille, eigene Annahmen und Behauptungen rigoros und kritisch zu durchdenken. Wozu noch mühsam nach einem Gedankengebäude suchen, das innere Widerspruchsfreiheit mit präziser Realitätsmodellierung verbindet, wenn man den Schlüssel zum Traumland der Sensationen doch längst in der Tasche hat?


Nachfolgend bespreche ich drei Bücher von Volkswirten, die sich der österreichischen Schule der Wirtschaftswissenschaften zurechnen. Weil die heutzutage hauptsächlich in den USA verbreitet ist (freilich mehr unter Bloggern als auf Lehrstühlen), sind sie bekannter unter ihrem englischen Namen Austrians.
Diese Denkrichtung hat durchaus respektable Gründungsväter mit anerkannten wissenschaftlichen Leistungen; Friedrich von Hayek hat sogar den sog. Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Nach meinem Eindruck ist aber heutzutage die ganze Richtung auf das Niveau von "Vulgäraustrians" abgesunken (den Begriff bilde ich in Analogie zu den "Vulgärkeynesianern"; s. a. hier; Keynes + Hayek im Vergleich s. dort; zu "Vulgär..." s. a. "Vulgärökonomie"), die nicht mehr selbständig denken oder gar um Erkenntnis ringen, sondern lediglich noch ihre (i. d. R. anarchistischen oder zumindest stark staatskritischen) ideologischen Glaubensbekenntnisse herunterleiern.
 
Nun habe ich freilich oben geflunkert mit der Behauptung, dass ich hier "Bücher" besprechen würde.
Vielmehr analysiere ich nur die jeweils online gestellten Leseproben (und Inhaltsverzeichnisse) folgender Autoren bzw. Werke:

1.     Thorsten Polleit und Michael Prollius, "Geldreform. Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld", 3. Aufl. 2014 (Verlagsseite / Amazon;   Erstauflage v. 2011 b. Amazon)
2.     Thomas Mayer, "Die neue Ordnung des Geldes. Warum wir eine Geldreform brauchen", 1. Aufl. 2014 (Verlagsseite / Amazon)
3.     Philipp Bagus und Andreas Marquart, "Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden ... und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen", 1. Aufl. 2014 (Verlagsseite / Amazon)]
Alle drei Bücher sind erschienen im FinanzBuch Verlag in der Münchner Verlagsgruppe.
 
Eine derartige (zweifellos ungewöhnliche) Beschränkung einer Rezension auf die Leseproben kann man, mit durchaus guten Gründen, kritisieren: Wie kann jemand über ein Buch reden, dass er gar nicht (ganz) kennt?

Dennoch halte ich dieses Vorgehen für legitim. Schließlich werden Leseproben veröffentlicht, damit Interessenten sich ein Bild machen können, ob das Buch "etwas taugt", oder, neutraler gesagt, ob es das ist, was man gesucht hatte. Und natürlich geht es mir nicht um sämtliche Inhalte der Bücher, die durchaus auch zutreffende Feststellungen enthalten mögen.
Rezeptbücher für eine vermeintliche Verbesserung "des Geldsystem" müssen sich indes daran messen lassen, ob überhaupt ihre Voraussetzungen und ihre Grundannahmen zutreffen. Wenn sich anhand der Leseproben zeigen lässt, dass schon diese Kernelemente in sich widersprüchlich und/oder sachlich falsch sind, ist eine Urteilsbildung über Wert oder Unwert dieser Werke auf dieser Basis legitim.

Natürlich hätte ich die Autoren oder den Verlag um ein Rezensionsexemplar bitten können (wie ich das in einem anderen Falle vor längerer Zeit auch getan hatte). Weil ich aber bereits im Vorhinein wusste, dass ich diese Werke würde niedermachen müssen, wäre mir das unfair erschienen.

Die Beschränkung auf einen nur relativ kleinen (allerdings wesentlichen) Teil des jeweiligen Textes hat neben dem materiellen Nutzen der Kostenersparnis für den Buchkauf auch einen sachlichen Vorteil.
Rezensionen eines vollständigen Buches sind zwangsläufig etwas pauschalisierend. Der Rezensent muss zusammenfassen, verallgemeinern, vergröbern. Das ist dann relativ unproblematisch, wenn es dem Rezensenten und seinen Lesern nur um eine Empfehlung bzw. Entscheidung geht, das Buch zu lesen oder nicht.
Mir jedoch geht es um Erkenntnisgewinn. Gerade in der Auseinandersetzung mit Irrtümern habe ich für meine zahlreichen Blotts zur Geldtheorie und Geldschöpfung sehr viel gelernt.
Davon möchte ich meinen Leserinnen und Lesern gerne etwas weitergeben. Das wird aber allenfalls dann gelingen, wenn ich die Zusammenhänge schrittweise in allen Einzelheiten darlege, und keine großen Sprünge mache, wie sie in echten Buchrezensionen unvermeidlich sind.

Freilich stellt diese Methode auch erhebliche Anforderungen an die Leser. Solche Texte wollen anders gelesen werden als der Krimi auf der Couch mit dem Weinglas daneben. Hier heißt es gedanklich mitgehen: Verstehe ich, was der sagt? Stimmt es, was der behauptet? Hat er etwas weggelassen, gibt es innere Widersprüche? Aber wenn Sie sich schon bis hierher durchgebissen haben, dann bin ich zuversichtlich, dass Sie mit der angemessenen aufmerksam-kritischen Haltung an meine Ausführungen herangehen werden.

Johann Gottfried Seume (Verfasser des Buches "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802") schrieb einst:
"Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge... So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt... Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft."
Diese Überlegung kann man (egal, wie der Verfasser sie gemeint hat) nicht zuletzt auch auf die Gelddebatte übertragen. Da wird allzu oft gesprungen, gefahren und geflogen: Mit großmächtigen Begriffen hantiert ohne Rücksicht darauf, welche tatsächlichen Sachverhalte sie konkret beinhalten sollen, ob sie im gegebenen Zusammenhang etwas ganz anderes bedeuten, welche stillschweigenden Annahmen hinter einer Aussage stecken usw.
Etwas mehr "Fußläufigkeit" täte der Geldtheorie gut und not: Baustein für Baustein geduldig aneinanderfügen, bis die Zusammenhänge wie ein Mosaik vor einem liegen.

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Sie gehen ins Reisebüro und sagen: "Ich will nach Istanbul".

Wie schauen Sie die Reisebüroexpedientin an wenn die fragt: "Möchten Sie mit Staatszeug reisen, oder mit Privatzeug?"
Wahrscheinlich gucken Sie ziemlich konsterniert drein.

Stellen Sie jedoch dieselbe sinnfreie Frage im Jahr 2011 als Autor eines Buches über das Geldsystem, dann können Sie sich anno 2014 die Hände reiben: Ihr Werk hat nämlich bereits die 3. Auflage erreicht.
Die Rede ist hier von Thorsten Polleit und Michael Prollius, "Geldreform. Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld".
 
"Staatsgeld" (im Buchtext auch als "Zwangsgeld" bezeichnet) und "Privatgeld" bezeichnen ebenso wenig Arten von Geld, wie "Staatszeug" und "Privatzeug" irgendetwas über die Art des Verkehrsmittels aussagen, mit dem Sie nach Istanbul reisen können.
Wahrscheinlich wollen Sie fliegen. Und wenn Sie die Wahl haben, geben Sie vielleicht einer privaten Airline den Vorzug. Aber falls Istanbul vom gewünschten Abflugort aus lediglich von einer staatlichen Fluggesellschaft angeflogen wird, werden Sie sicherlich nicht mit einer ggf. privaten Buslinie reisen, um dem schrecklichen Staatsbetrieb zu entkommen.

In der ökonomisch völlig aussagelosen Unterscheidung zwischen Staatsgeld und Privatgeld enthüllt der Untertitel bei Polleit/Prollius einen Wesenszug aller nachfolgend behandelten Geldsystem-Bücher: Das begriffsmagische Denken über Geld.
Nicht einer (eines) der Autoren(teams) wandelt auf dem graden Pfade der Erkenntnis, welcher wäre:
Verschiedene Geldarten zu beschreiben und die vermeintliche Überlegenheit für eine (oder eine Kombination davon) zu begründen.
Mit "Geldart" ist hier durchgängig die GeldSCHÖPFUNGSart gemeint. Denn darum geht es letztlich bei allen hier behandelten Spekulationen über das Geldwesen: Welche Form von Geldschöpfung die beste ist. Aus meiner Sicht sollte sich "beste" auf die Realwirtschaft insgesamt beziehen. Wahrscheinlich glauben auch die Autoren, dass ihr System für alle, oder doch für die große Mehrheit der Menschen, das beste sei. Tatsächlich vertreten sie nach meinem Eindruck die Interessen der Geldbesitzer, und auch die nur sehr oberflächlich verstanden.


Ein jeglicher dieser Geldsystem-Gurus schleppt seinen selbstgezimmerten Begriff (bzw. sein selbstgestricktes Begriffspaar) an und sieht darin den Schlüssel zu einem veritablen Monetär-Paradies:
1.     Bagus/Marquart haben das o. g. Gegensatzpaar von Polleit/Prollius simplifiziert zu "schlechtes Geld vs. gutes Geld". Allerdings meinen sie genau dasselbe: Staatsgeld vs. Privatgeld.
2.     Thomas Mayer gaukelt seinen Lesern vor, dass die Unterscheidung von "Aktivgeld und Passivgeld" etwas mit der Funktionstüchtigkeit des Geldes zu tun habe und
3.     Polleit/Prollius unterscheiden, wie wir oben gesehen haben, "schlechtes Staatsgeld" von "gutem Marktgeld".

Aber egal, wie viele terminologische Rumpelstilzchen Geldsystem-Geister vor unseren Augen tanzen lassen und welche sachlichen oder agitatorischen Namen sie dafür anschleppen: Tatsächlich gibt es lediglich DREI Formen der Geldschöpfung:

1.     Warengeld. Polleit/Prollius nennen es "Sachgeld*" (nach der 1912 erschienenen "Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel" von Ludwig von Mises: s. d. S. 45: " Wir wollen jenes Geld, das zugleich eine Ware im Sinne der Warenkunde ist, Sachgeld, jenes Geld hingegen, das aus juristisch besonders qualifizierten Stücken hergestellt, keine technologischen Besonderheiten aufweist, Zeichengeld nennen."). Heute ist jedoch der Ausdruck Warengeld gebräuchlicher.
2.     Kreditgeld (durch Kreditvergabe geschöpftes Geld, das aber als Ware praktisch wertlos ist)
3.     Willkürgeld. Hier wird das (als Ware ebenfalls wertlose) Geld einfach "gedruckt"* und ausgegeben; i. d. R. durch den Staat, in kleineren Mengen auch durch Geldfälscher. (Grundsätzlich könnten auch Banken "Willkürgeld" emittieren, aber momentan dürfte das bilanztechnisch und aufsichtsrechtlich ausgeschlossen sein.) Denkbar wäre auch, dass Notenbanken überschuldeten Geschäftsbanken Geld "schenken", oder sich an ihnen beteiligen. Dann hätte die Zentralbank den Pfad der kreditären Geldschöpfung eindeutig verlassen und würde Geld "drucken", um das Geschenk oder die Beteiligung zu finanzieren. Da eine solche Erhöhung der Geldmenge durch nichts gedeckt wäre (anders bei kreditärer Geldschöpfung!), würde es sich auch hier um "Willkürgeld" handeln.
* (Geld "drucken" steht an dieser Stelle und nachfolgend sinnbildlich auch für die Schöpfung von Buchgeld, das lediglich als Betrag in einer Buchhaltung eingetragen ist)

* Tatsächlich ist "Warengeld" als Begriff aussagekräftiger als "Sachgeld". Eine "Sache" ist schließlich auch jede Banknote; bei der fällt jedoch der Warencharakter nicht ins Gewicht, weil sie als Ware praktisch wertlos ist. Die Austrians (Thomas Mayer bildet insoweit eine Ausnahme) sind i. d. R. Gold-Freaks. Vielleicht vermeiden Polleit/Prollius auch deshalb die Bezeichnung "Warengeld", weil diese sehr unmittelbar einige potentiell unangenehme Konsequenzen der Zwitterstellung dieser Geldform vor das geistige Auge ruft:

·        Aus dem Warencharakter folgt, dass auch Warengeld den für alle Waren gültigen Marktgesetzlichkeiten unterliegt:
o    Warengeld hat einen Preis, dessen Untergrenze jedenfalls auf Dauer von den Produktionskosten bestimmt wird. Nach oben dagegen ist die Preisbildung eine Funktion von Angebot und Nachfrage, also im Prinzip offen.
o    Als Naturprodukt ist es noch knapper wie andere Waren (beispielsweise Banknoten), und lässt sich durch Hortung künstlich noch mehr verknappen - und damit spekulativ verteuern.
·        Andererseits ist Warengeld eine mit Geldcharakter ausgestattete Ware. Dieser spezielle Gebrauch wirkt seinerseits massiv auf den Preis des Edelmetalls zurück, weil er den Bedarf weit über die rein warenmäßige Verwendung (Schmuck, Industrie) hinaus steigert. Der Wissenschaftler und Praktiker Otto Veit schrieb darüber 1966 in seinem Buch "Reale Theorie des Geldes" (S. 10/11): "Auch bei vollwertigem Geld war und ist es nicht das Edelmetall, das dem Geld Wert verleiht. Sondern umgekehrt: Das Geld [genauer: Die Geldfunktion] ist es, das das Metall wertvoll macht. ..... Zwar sind die Geldeinheiten, die benutzt werden, historisch aus Werten von Gewichtseinheiten Silber oder Gold entstanden; aber diese Werte waren stets beeinflusst von der Nachfrage nach den Metallen für monetäre Zwecke. Gold und Silber hätten viel niedriger im Wert gestanden ohne diese Nachfrage. Auch heute würde das Gold, das nach wie vor als monetäres Standardgut dient, wesentlich an Wert verlieren, wenn es durch irgendeine Konvention aus dem internationalen Zahlungsverkehr ausschiede." Das gilt, wenn man genauer hinschaut, sogar noch in unseren Tagen. Denn obwohl das Gold kein Zahlungsmittel mehr ist, und nicht einmal mehr für die internationale Verrechnung oder den Differenzausgleich der Leistungsbilanzen benutzt wird, kommt noch immer der wohl größte Teil der Nachfrage von Menschen, die das Gold als Wertaufbewahrungsmittel - und damit als Geldersatz - ansehen.

Die drei oben abschließend aufgezählten Geldschöpfungsarten kann man allerdings vermischen, bzw. sie können koexistieren. Während das Bankensystem Geld heute im Wege der Kreditvergabe erschafft, sind etwa die vom Staat geprägten Münzen weitgehend als "Willkürgeld" anzusehen. (Beide zusammen, Kreditgeld und Willkürgeld, bilden die Kategorie des künstlich geschöpften "Fiatgeldes".)
Sie können auch in der Weise (gleitend) ineinander übergehen, dass sich unter der einen Form mehr oder weniger der ökonomische Gehalt einer anderen Geldschöpfungsart verbirgt oder (früher oder später) "durchschlägt":
·        Warengeld wird umso mehr zu Willkürgeld, als der Warenwert unter dem Nennwert liegt. (Historisch etwa durch Beimischung unedler Metalle zum Gold- und Silbergeld.
·        Wahrscheinlich kann aber auch Kreditgeld zu Willkürgeld degenerieren. Dazu kann es wahrscheinlich durch eine großmaßstäbliche "Ponzi-Finanzierung" (Hyman Minsky) kommen, d. h. wenn die Tilgung von Krediten und Zinsen nicht aus echten Einnahmen erfolgt, sondern "revolvierend" durch erneute Verschuldung (und darüber hinaus evtl. noch zusätzlich Kredite für neue Ausgaben aufgenommen werden).
 
Also: Vermischen geht. Aber vermehren lassen sich die DREI Grundkategorien der Geldschöpfung nicht.

Die drei Geldschöpfungsarten lassen sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten in zweimal zwei verschiedene Kategorien sinnvoll gruppieren:
1.     "natürliches" Geld (gängiger Begriff: Warengeld)
2.     "künstliches" Geld (Fachbegriff: Fiatgeld, Untergruppen: Kreditgeld und Willkürgeld).
oder anders:
1.     gedecktes Geld (vollwertiges Warengeld und generell auch Kreditgeld)
2.     ungedecktes Geld (Willkürgeld; in besonderen Fällen wohl auch Kreditgeld)

Zum Fiatgeld hatten wir schon oben ausgeführt (und kommen unten nochmal darauf zurück), dass diese Gruppe in zwei Untergruppen unterteilt werden muss. Nach den Inhaltsverzeichnissen und den online verfügbaren Leseproben zu urteilen, erschöpft sich die Kenntnis der 5 hier besprochenen Geld-Welt-Heiler jedoch mit der Unterteilung in Warengeld und Fiatgeld.
Entweder können diese Monetär-Magier nicht bis drei zählen.
Oder sie denken, sie können sich eine genauere Analyse schenken, weil ihre Leser ohnehin keine Ahnung haben.
Die letzte alternative Deutungsmöglichkeit wäre die Annahme, dass diese autoritativ auftretenden Monetär-Missionare mit den Grundelementen einer seriösen Geldtheorie gar nicht vertraut sind.

Jedes Fiatgeld wird zwar "aus dem Nichts" geschöpft. Anders als einige Autoren den Lesern suggerieren heißt das aber keineswegs, dass diese Form der Geldschöpfung ungedeckt wäre.
Insoweit ist (wie oben bereits erwähnt) beim "künstlichen" Geld (Fiatgeld), nämlich noch zwischen Kreditgeld (kreditär geschöpftem Geld) und Willkürgeld (durch "Drucken" geschöpftes Geld) zu unterscheiden.
Das ist deshalb eminent wichtig, weil im Gegensatz zur Volksmeinung und zu den Behauptungen der hier behandelten geldökonomischen Laienspielschar eine "Geldschöpfung aus dem Nichts" keineswegs deckungsgleich ist mit einer "ungedeckten Geldschöpfung".

Tatsächlich völlig ungedeckt ist lediglich das Willkürgeld. Das entsteht, wie oben bereits gesagt, z. B. durch "Gelddrucken" des Staates. (Beispiele: Deutschland Anfang der 1920er Jahre; Zimbabwe nach 2000.)

Sehr wohl gedeckt ist dagegen das Kreditgeld. (Jedenfalls im Prinzip; eine "Ponzi-Finanzierung" - revolvierende Kredite mit ständig höheren Beträgen, aus denen die Zinsen und ggf. noch weitere Ausgaben finanziert werden - kann den Deckungsmechanismus wahrscheinlich aushebeln; das müsste im Detail noch untersucht werden).
Gedeckt ist die kreditäre Geldschöpfung sehr häufig sogar doppelt, nämlich
·        Betriebswirtschaftlich (bankwirtschaftlich) dadurch, dass der Kreditnehmer der Bank Sicherheiten stellt.
·        Volkswirtschaftlich (und das dürfte die wichtigere Deckung sein) kommt es allerdings auf eine andere Deckungsform an, die den Austrians zwar offensichtlich Hekuba ist, die aber dafür gesorgt hat, dass das Geldsystem in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bis Anfang des 3. Jahrtausends insgesamt doch ganz gut funktioniert hat.
Die Gleichsetzung von "aus dem Nichts geschöpft" mit "ungedeckt" ist allzu verlockend und scheinbar derart selbstverständlich, dass sich dieser Glaube kaum ausrotten lässt. Ich werde dennoch versuchen, Ihnen den volkswirtschaftlichen Deckungsmechanismus Schritt für Schritt zu erklären.

1.     Im Fiatgeldsystem muss jemand (bei der heute üblichen kreditären Geldschöpfung; anders beim Willkürgeld!) einen Kredit aufnehmen, damit Geld in die Welt kommt. Auch im Warengeldsystem kann man einen Kredit aufnehmen. (Vielleicht ist sogar das Warengeld ein verkapptes Kreditgeldsystem, weil es im Modell ja mit der Förderung von Gold beginnt, wozu aber der Minenbesitzer zunächst seine Arbeiter bezahlen muss. Dazu habe ich mir noch keine abschließende Meinung gebildet; für die vorliegende Argumentation ist das unerheblich.) Ein "Ersteinkäufer", der mit einem Kredit einkaufen geht, hat zu diesem Zeitpunkt weder beim Kreditgeldsystem noch beim Warengeldsystem eine Eigenleistung (im realwirtschaftlichen Sinne) erbracht: Er hat also für die Kreditsumme nichts verkauft oder vermietet, für das er eine eigene Einnahme erzielt hätte (sonst bräuchte er ja keinen Kredit).
2.     Wenn ein Bank-Kreditnehmer (im Fiatgeldsystem bezeichne ich ihn als "Erstgeldempfänger", weil er ja frisch geschöpftes Geld erhält) mit dem Geld einkaufen geht, dann hat der "Zweitgeldempfänger" (usw.) natürlich eine Leistung (an den Erstgeldempfänger) erbracht. Aber damit hat er keineswegs einen Anspruch auf Gegenleistung gegen den Erstgeldempfänger erworben, sondern lediglich eine (Art von) "Forderung" gegen den Markt. Der Ausdruck "Gegenleistung" ist damit potentiell irreführend, weil er eine unmittelbare wechselseitige Beziehung suggeriert. Deshalb bevorzuge ich die Definition, dass Geld ein Gutschein ist, den der Inhaber in der gesamten Volkswirtschaft (bzw. sogar der Weltwirtschaft) einlösen kann. (Natürlich nur für das, was auf "dem Markt" angeboten wird; niemand MUSS etwas verkaufen, was er gar nicht verkaufen möchte, nur weil ihm jemand einen Geldschein unter die Nase hält). Dieser "Gutschein" wird von den Banken (Geschäfts- und Zentralbanken) "im Auftrag" der gesamten Volkswirtschaft produziert und in Umlauf gebracht. So jedenfalls können wir uns die tiefere ökonomische Ratio modellhaft veranschaulichen, die hinter dem Mechanismus der kreditären Geldschöpfung steht; rechtlich festgeschrieben ist dieser "Auftrag" natürlich nirgends. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass das System jahrzehntelang ganz gut funktioniert hat. DAS gilt es zunächst zu erklären, bevor man sich den derzeitigen Krisenerscheinungen zuwendet, und mein Modell leistet diese Erklärung: Der Kreditgeldmechanismus sorgt im Prinzip aus sich heraus dafür, dass der Geldschöpfung immer ein etwa gleichwertiges Marktangebot gegenübersteht (s. u.). Wer die langen Zeiten eines relativ reibungslosen Funktionierens unseres Geldsystems ausblendet, und stattdessen den Eindruck erweckt, dass es von vornherein zum Untergang verdammt sei, macht es sich verdammt zu einfach und klinkt sich als monetärer Marktschreier aus jeglicher seriösen Krisendebatte von vornherein selber aus.
3.     Bei diesem Sachstand ("Erstgeldempfänger" fragt am Markt Güter nach) hat unser System zunächst einmal ein Problem: Der Kreditnehmer geht mit intrinsisch wertlosem Papier einkaufen. Das heißt, dass er dem Marktangebot VORSCHUSSWEISE Güter bzw. Dienstleistungen entnimmt. Wie gewährleistet das System, dass "der Topf wieder aufgefüllt wird", bzw. dass der "Vorschussnehmer" die entnommenen, oder jedenfalls wertgleiche Güter wieder in den "gemeinsamen Topf" zurückspeist?
4.     Das funktioniert dadurch, dass er seinen Kredit (später, und mit Zinsen,) tilgen muss. Nun braucht er selber (erneut) Geld. Einen neuen Kredit bekommt er nicht (solange die systemischen Mechanismen eine Ponzi-Finanzierung abblocken). Also kann er sich das, sagen wir, "Tilgungsgeld" nur dadurch verschaffen, dass er selber als Anbieter etwas auf den Markt bringt (und verkauft). DAS ist die VOLKSWIRTSCHAFTLICHE DECKUNG von Kreditgeld. (Bankwirtschaftlich kann es, wie oben bereits gesagt, außerdem durch Kreditsicherheiten gedeckt sein.)
5.     Dieses an sich geniale System wird allerdings vermutlich dann ausgehebelt, wenn Kredite und Zinsen nur noch aus neuen Krediten und Zinsen "zurückgezahlt" werden und wenn der Kreditnehmer zusätzlich vielleicht sogar noch frischen Kredit aufnimmt: "Ponzi-Finanzierung". Möglich, dass wir in dieser Situation derzeit stehen, bzw. kurz davor stehen. Das ist eine durchaus wichtige Frage, die aber nicht dem Kreditgeldsystem zwingend inhärent ist. Richtig ist zwar, dass die Geldmenge in einem Warengeldsystem (typischer Weise also Goldgeld) durch die physisch vorhandene Menge (und, wichtige Einschränkung, die davon für Geldzwecke bestimmte Teilmenge!) beschränkt wird. Eine "Ponzi-Finanzierung" wäre dort zwar immer noch möglich. Aber lediglich auf der Ebene individueller Schuldner und nicht mehr im großen Stil. Denn Letzteres würde eine willkürliche Geldmengenausweitung erfordern, die es bei voller Golddeckung nicht geben kann. Auch das Warengeldsystem (Goldgeld) schließt eine steigende Geldmenge zwar nicht vollständig aus. Aber die Geologie und der jeweilige technologische Stand des Bergbaus schränken die Steigerungsmöglichkeiten stark ein. Durch anderweitige Verwendung des Goldes (Schmuck, Industrie) kann die Menge des vorhandenen Gold-Geldes sogar absolut zurückgehen, und wenn die Geldbesitzer das Gold horten, oder ggf. die Depotbanken es nicht mehr verleihen, können sie dem Markt noch mehr (Gold-)Geld entziehen.
Natürlich wird die volkswirtschaftliche Gelddeckung auch dann ausgehebelt, wenn jemand (typischer Weise der Staat) Geld einfach druckt und ausgibt. Diese Form der UNGEDECKTEN Geldschöpfung setzen viele kurzerhand mit "Fiatgeld" gleich.
Tatsächlich handelt es sich (um das hier noch einmal zu wiederholen) jedoch um eine UNTERGRUPPE des Fiatgeldes, nämlich um "Willkürgeld". (Zur Erinnerung: Die andere Untergruppe ist das soeben untersuchte kreditgeschöpfte Geld.)
Beide Geldformen werden zwar "aus dem Nichts" geschöpft; dennoch ist Kreditgeld gedeckt - s. o. . Dagegen muss Willkürgeld, weil es ungedeckt ist, früher oder später zu Inflation führen (d. h. zu einer weitaus stärkeren Inflation, als wir sie beim Kreditgeld sehen.)

(Übrigens, um das hier vorwegzunehmen: Ausgerechnet dieses komplett ungedeckte Willkürgeld will uns z. B. Thomas Mayer unter der phantasievollen Bezeichnung "Aktivgeld" als das ideale Geldsystem andrehen!)

Kommen wir nunmehr zu den einzelnen Ansätzen der drei (teilweise) zu untersuchenden Bücher.



Teil 2: Thorsten Polleit und Michael Prollius, "Geldreform. Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld", 3. Aufl. 2014
 
(Verlagsseite / Amazon;   Erstauflage v. 2011 - damals im Verlag "Lichtschlag Medien und Werbung" erschienen - bei Amazon).       Textauszug  +  Inhaltsverzeichnis   auf der Verlagsseite.

Nachtrag 08.02.2015: Der Volltext aus dem Jahr 2010, vermutlich identisch mit demjenigen der Erstauflage von 2011, ist auf der Webseite von Thorsten Polleit online.
 

Von der Lektüre des Inhaltsverzeichnisses her macht das Buch "Geldreform. Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld" von Thorsten Polleit und Michael Prollius auf mich den besten Eindruck.
Jedenfalls bei einer oberflächlichen Betrachtung (im Detail sieht es dann doch etwas anders aus) kann man als Laie den Eindruck gewinnen, dass sich hier zwei Experten ernsthaft Gedanken über das Geldwesen gemacht haben, und dass sie das Thema "in allen Facetten" gewissermaßen "erschöpfend" behandeln, dass wir es hier also mit einer "runden" Arbeit zu tun haben.
Von daher überrascht es auch nicht, dass das Werk jetzt im Jahr 2014 bereits die 3. Auflage nach seiner Ersterscheinung im Jahr 2011 erreicht hat.

Tatsächlich entpuppt sich freilich auch dieses Buch bei näherer Analyse als Ideologie-Elaborat.
Auch wenn man das Wort "erschöpfend" nicht auf die Goldwaage legt, sondern im umgangssprachlichen Sinne dahin gehend versteht, dass die Autoren im Rahmen der ihnen vorgegebenen Grenzen (Seitenzahl usw.) ihr Möglichstes gegeben haben, um das Geldthema auszuloten, enttäuscht bereits beim zweiten Hinschauen eine theoretische "Schlagseite", ein eingebautes Vor-Urteil.
Ganz groß aufgebauscht wird nämlich, in gleich zwei Kapiteln, das Inflationsthema: "Inflation – immer und überall ein Übel" auf S. 59 - 75 und "Hyperinflation" 194 - 204 (zusammen also 27 S.). Und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die Geldentwertung auch im sonstigen Text immer wieder angesprochen wird.

Dagegen muss sich die "Deflation" mit den beiden Seiten 183/184 begnügen. Selbst wenn sich auch der Abschnitt "Staatspleite leicht(er) gemacht" damit beschäftigen sollte (was mir unverständlich wäre, weil Staatspleiten bekanntlich eher mit Inflationen einhergehen), käme die Behandlung der Deflation auch nur auf 5 Seiten (183 - 187).

Spannend wäre eine Lektüre des letzten Kapitels (vor dem "Abschluss"), wo die Autoren unter der Überschrift "Rückkehr zu gutem Geld" (S. 229 - 264) ihre eigenen Vorstellungen von einem idealen (oder zumindest besseren) Geldsystem entwickeln.
Hier macht insbesondere der Abschnittstitel "Schlechter Goldstandard, guter Goldstandard" neugierig. Dass sehr viele, vermutlich sogar die allermeisten Austrians Goldgeld bevorzugen, ist bekannt. Insofern ist es nicht überraschend, dass auch diese Autoren einen Goldstandard für gut halten. Interessant wäre dagegen, was für die Verfasser ein "schlechter Goldstandard" ist.

Diese Frage muss hier offen bleiben; wir wenden uns der Leseprobe zu, die aus der Einleitung (S. 19 - 21) und dem 1. Kapitel "Was Geld ist" (S. 23 - 33; ohne den letzten Kapitelabschnitt "Geld in der Wirtschaftlichkeitsrechnung") besteht.


Gleich in der Einleitung (S. 19) geht es los mit falschen, irreführenden oder schiefen Behauptungen:

"Das Staatsgeldsystem ist ein Fremd- und Störfaktor im Gefüge freier Märkte und verursacht zwangsläufig Finanz- und Wirtschaftskrisen."
Daran ist dreierlei falsch bzw. schief:

1.     ist unser Geldschöpfungssystem überhaupt kein "Staatsgeldsystem". Vielmehr handelt es sich um eine Mischform, bei der die Notenbank (die man, auch wenn sie formal unabhängig ist, durchaus dem Staat zurechnen darf) einen geringen (dafür allerdings breiter verwendbaren) Teil der Geldmenge schöpft (vielleicht 10%?), nämlich das Zentralbankgeld ("Basisgeld", engl. "high powered money"). Während die Banken das Bankengeld schaffen. Letzteres macht den bei weitem größten Teil der Geldmenge aus, auch wenn seinen Verwendungsmöglichkeiten Grenzen gesetzt sind. [Mehr dazu in meinem - englischsprachigen - Blott "Banks do not lend reserves (or deposits). But banks need reserves (and deposits) to lend. Remarks on the BoE-paper 'Money creation in the modern economy' ".]
2.     ist "Staatsgeld" keine spezifische Geldart. Zwar kann man (ob zu Recht oder nicht kann dahingestellt bleiben) behaupten, dass der Staat als Geldschöpfer dazu tendiert, Schindluder mit seinem Recht zu treiben. Es wäre aber dann nicht irgendein "Staatsgeld" als solches, das zu Problemen führt, sondern z. B. die staatliche Geldschöpfung als Willkürgeld. Oder vielleicht auch eine übermäßige Ausweitung der kreditären Geldschöpfung, die (wie wir oben geschildert haben) tendenziell Kreditgeld zu Willkürgeld mutieren lässt. Dasselbe kann natürlich auch in einem Warengeldsystem geschehen, wenn der Materialwert im Verhältnis zum Nennwert der Münzen immer geringer wird. Aber alles das kann ebenso gut bei privater Geldschöpfung passieren. Das typische Gegenargument lautet, dass bei konkurrierenden Währungen - wie Polleit und Prollius sie mit ihrem "Freien Marktgeld" offenbar vorschlagen, niemand schlechtes Geld annehmen würde, wenn er dazu nicht - vom Staat - gezwungen werde. Das setzt aber voraus, dass a) schlechtes Geld überhaupt objektiv als solches bestimmbar ist und dass der normale Wirtschaftsteilnehmer es b) auf Anhieb erkennen kann. Bei Edelmetallmünzen ist b) in vielen Fällen sicherlich möglich (freilich evtl. umständlich: Volumenmessung, Goldwaage ...). Aber wenn bzw. insoweit als auch das "freie Marktgeld" als Fiatgeld geschöpft wird, sieht man es der einzelnen Banknote nicht an, ob sie einer "richtigen" oder einer übergroßen Geldmengenschöpfung entstammt. Es dauert immer eine Zeit lang, bis ein Geldüberhang zu Inflation führt, und vor allem verschlechtert eine spätere Geldflutung auch sämtliche bereits bestehenden Geldguthaben. (Bei vollwertigem Edelmetallgeld wäre das zwar nicht der Fall. Aber wegen der Knappheitsverhältnisse von Edelmetall zur Transaktionsmenge wäre Edelmetallgeld exorbitant teuer. Damit wäre es zwar aus Sicht der Geldbesitzer "gutes Geld". Aber aus Sicht der Geldnachfrager ein ausgesprochen schlechtes.) Darüber, wie sich ein System mit "freiem Marktgeld" in der Realität entwickeln würde, kann man trefflich spekulieren; hier genügt die Feststellung, dass rein technisch die privaten Geldproduzenten ihr "Marktgeld" ebenso verschlechtern können wie der Staat sein "Staatsgeld".
3.     Die DM hatte von 1948 bis 2001 Bestand. In dieser Zeit gab es natürlich ein konjunkturelles Auf und Ab, und ebenso krisenhafte Einflüsse von außen (Rohölkrise in den 70ern). Aber von einer "Finanz- und Wirtschaftskrise" sind wir in diesen 50 Jahren verschont geblieben. Wenn das am Geldsystem liegt (wie die Autoren ja glauben), dann kann das gar so schlecht nicht gewesen sein. Offenkundig setzen die Autoren darauf, dass die aktuelle Krise die gesamte vorhergehende Zeit im Bewusstsein ihrer Leser verdrängt. Überhaupt haben und andere Austrians die Finanzgeschichte eher nicht auf ihrer Seite; im 19. Jahrhundert gab es nämlich jede Menge Krisen (eine Liste der Wirtschaftskrisen in der englischsprachigen Wikipedia hier) - und das in Zeiten des Warengeldes! Otto Normalverbraucher wird die Propaganda schlucken, weil er die Wirtschaftsgeschichte nicht kennt. Seriöse Autoren jedoch klären ihre Leser auf, anstatt deren Wissenslücken für eine ideologische Gehirnwäsche missbrauchen.


"Ob nun die Vereinigten Staaten von Amerika, die Volkswirtschaften in Europa, Lateinamerika oder Afrika: Sie alle haben sich einem staatlichen Zwangsgeldsystem verschrieben, in dem Geld durch Bankkredite sprichwörtlich »aus dem Nichts« produziert wird. Das Staatsgeldsystem führt die Volkswirtschaften in eine Überschuldung und gibt politische Anreize, das Geld letztlich durch Inflation zu entwerten." (S. 19, Meine Hervorhebungen)

Hier führen die Autoren ihre (i. d. R.: Laien-)Leser schamlos in die Irre. Sie erwecken nämlich den unzutreffenden Eindruck, als ob
a) allein im Staatsgeldsystem Geld durch Bankkredite und "aus dem Nichts" geschaffen werden könne. Tatsächlich wurde in früheren Zeiten der Wirtschaftsgeschichte die kreditäre Geldschöpfung gerade nicht vom Staat, sondern von Privaten betrieben. Und auch schon damals, zumindest teilweise, "aus dem Nichts".
b) das Staatsgeldsystem Geld überhaupt nur als Fiatgeld schaffen könne. Was historisch noch leichter zu widerlegen ist, denn das Ausmünzen von Edelmetall zu Geld war in aller Regel ein Privileg des Staates. Das heißt, der Staat hat früher in der Regel eher Warengeld geschaffen; Kreditgeld war eine private Erfindung und wurde von Privaten geschöpft. (Vgl. dazu etwa die Diplomarbeit "Vom Warengeld zum Kreditgeld" (2003) zum Kreditwesen der mittelalterlichen Fernhändler oder das Arbeitspapier "How Modern Bank Originated: The London Goldsmith-Bankers’ Institutionalization of Trust" über eine teilgedeckte Banknotenausgabe durch Londoner Goldschmiede im 17. Jh.)


 "Das freie Marktgeld ist ein denkbar einfaches Arrangement: Es entsteht aus dem freien Angebot von und der freien Nachfrage nach Geld, ohne Dazutun und Einflussnahme des Staates oder irgendwelcher Sonderinteressengruppen." (S. 20)
 
Das ist natürlich Mumpitz.
Zunächst einmal wird dadurch faktenwidrig suggeriert, als ob es derzeit "freies Angebot und freie Nachfrage" nach Geld nicht gäbe.
Tatsächlich erfolgt die Geldschöpfung im Wesentlichen durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken, und die setzt logischer Weise eine Kreditnachfrage voraus. Und vor allem liegt diese (große Masse der) Geldschöpfung in privater Hand. (Öffentliche Banken gibt es zwar auch; aber im Großen und Ganzen dürften sich auch die Sparkassen am Markt wie Private verhalten.)
Einen Einfluss von "Sonderinteressengruppen" gäbe es selbstverständlich auch beim sogenannten "freien Marktgeld": Das wären nämlich die Geldschöpfer selber. Deren Zahl mag theoretisch unendlich sein. Praktisch wäre sie u. a. dadurch recht eng begrenzt, dass
·        Als Geld kann nur etwas fungieren kann was andere, und insbesondere andere Banken, als Geld annehmen. Damit ist Oligopolen Tor und Tür geöffnet: die kapitalkräftigeren Großbanken (heute bestehende und/oder solche, die kapitalkräftige Unternehmen bei einer Währungsfreigabe sicherlich gründen würden) würden eine gegenseitige Akzeptanz ihre Währungen vereinbaren und diejenigen von kleineren Banken abweisen oder nur mit Abschläge annehmen.
·        Die Geldnutzer Informationen nur für eine äußerst begrenzte Menge verschiedener Währungen verarbeiten können. Die bekannten und kapitalkräftigen Banken hätten damit einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil, weil ihre Währungen weiter verbreitet wären als die kleinen, und sie zudem eine entsprechende Werbung und Meinungsbeeinflussung ("PR") betreiben könnten, um die anderen vom Markt zu verdrängen.
Die Geldschöpfer könnten also ihre Kunden wahrscheinlich weitaus mehr schröpfen als heute.

Murray Rothbard, ein amerikanischer Österreicher (der 100%iges Goldgeld fordert), äußert sich in seiner Schrift "The Case for a 100 Percent Gold Dollar" (ursprünglich erschienen 1962) mit einer überzeugenden Begründung kritisch gegenüber Vorstellungen von einem freien Währungswettbewerb (meine Hervorhebungen):
"Logically, the ultimate in freely fluctuating fiat moneys is a different money issued by each and every individual. We have seen that this could not come about on the free market. But suppose that this came about by momentum from the present system or through some other method. What then? Then we would have a world chaos indeed, with “Rothbards,” “Yeagers,” “Joneses,” and billions of other individual currencies freely fluctuating on the market. I think it would be instructive if some economist devoted himself to an intensive analysis of what such a world would look like. I think it safe to say that the world would be back to an enormously complex and chaotic form of barter and that trade would be reduced to a virtual standstill. For there would no longer be any sort of monetary medium for exchanges. Each separate exchange would require a different “money.” In fact, since money means a general medium of exchanges, it is doubtful if the very concept of money would any longer apply. Certainly the indispensable economic calculation provided by the money and price system would have to cease, since there would no longer be a common unit of account. This is a serious and not farfetched criticism of fiat-money proposals, because all of them introduce some of this chaotic element into the world economy. In short, fluctuating fiat moneys are disintegrative of the very function of money itself. If every individual had his own money, the disintegration of the very existence of money would be complete; but national—and still more regional and local—fiat moneys already partially disintegrate the money medium. They contradict the essence of the monetary function
In der Realität würde es natürlich nicht zum Chaos kommen; es würden sich einfach die Stärksten durchsetzen. Die Geldversorgung würde in den Händen eines Oligopols enden (vielleicht sogar eines Monopols), das dann die Geldnutzer lustig abzocken könnte
Ob sich die Autoren mit Rothbards Einwand (oder Überlegungen der von mir hier formulierten Art) auseinandersetzen, weiß ich nicht; im Inhaltsverzeichnis erscheint zwar ein Abschnitt über "Rothbards Reform": S. 235 - 237, aber der ist eher kurz.
Sie könnten sich darauf berufen, dass es bei Rothbard um "fiat money" geht. Die Frage wäre dann freilich, welchen Vorteil ein "freies Marktgeld", also ein im Wettbewerb geschöpftes Geld bieten sollte, wenn es sich um Goldgeld handeln würde? Bzw. ob man letzteres überhaupt als "freies Marktgeld" bezeichnen könnte.
Denn Goldgeld könnte ebenso gut auch der Staat ausprägen. Oder, falls man dem nicht traut, könnte man die Aufgabe einem privaten Münzkonsortium übertragen. (Aber möglichst nicht einem solchen, wie es das "böhmische Münzkonsortium" um 1620 war.)
In jedem Falle wäre ein Wettbewerb von Geldemittenten bei hundertprozentiger Golddeckung sinnlos.
Soll dagegen der Wettbewerb in der Schöpfung von Fiatgeld bestehen, hätten die Geldnutzer keine Gewähr, dass die Geldemittenten nicht genauso viel, oder noch mehr, Fiatgeld schöpfen wie jetzt. Denn waren es ja gerade die privaten Banken, die in den USA, Spanien, Irland usw. unsichere und zu hohe Immobilienkredite vergeben haben (und die deutschen Banken, welche diesen Kreditschrott angekauft haben). Niemand hat sie dazu gezwungen.

Eine weitere Alternative wäre, dass man sich wie beim Goldstandard um 1900 mit einer prozentualen Deckung zufrieden gibt.
Dann stellt sich freilich die Frage, welcher Prozentsatz "der richtige" ist: 40%? 10%? Und ob man die Entscheidung über die Deckungshöhe den Banken (im Wettbewerb) selber überlassen, oder doch lieber staatlich vorgeben soll.
Hier wären der Unsicherheit und der Manipulation bereits wieder alle Schleusen geöffnet. Und dem wollten doch, wenn ich die Leseprobe und das Inhaltsverzeichnis richtig verstehe, die Autoren ein Ende setzen?


Zum Kapitel "Was Geld ist"

[Bibliographischer Hinweis: Zwar habe ich selber den Text nicht gelesen; interessant erscheint mir im vorliegenden Zusammenhang aber der Aufsatz "Das Ringen um den Geldbegriff. Begriffswandel und Metaphernkonstanz in historischen und zeitgenössischen Geldtheorien" aus dem Sammelband "Semantische Kämpfe. Macht und Sprache in den Wissenschaften", Hrsg. Ekkehard Felder. Berlin, New York: de Gruyter. 313-351". (Mehr zum Gesamtprojekt s. hier.)]

Es ist etwas beckmesserisch (denn der folgende Satz ist wohl ein Allgemeinplatz der Geldliteratur, also nicht von diesen Autoren erfunden und nicht auf dieses Buch beschränkt), aber bereits am ersten Satz
"Geld ist das allgemeine, universell akzeptierte Tauschmittel"
kann man ein Haar in der Suppe finden. Unter "Tauschmittel" kann man sich nämlich zwei sehr verschiedene Dinge vorstellen:

·        Ein "Zwischentauschmittel" (mit eigenem, "intrinsischem" Wert), in das bzw. mit dem man ein (Geld-)Gut gegen andere Güter eintauscht (also ein Warengeld oder, wie Polleit/Prollius - nach Ludwig von Mises - sagen, "Sachgeld") oder
·        ein Instrument, mit dem man (wie ich sagen würde) einen "zeitverzögerten und indirekten Tausch" bewerkstelligen kann. D. h. ein intrinsisch wertloses Geld, bei dem der "Erstgeldempfänger" (Käufer) mit dem "Zweitgeldempfänger) (Verkäufer) weder eine (Geld-)Ware liefert, noch auch nur das Versprechen abgibt, dem Verkäufer seinerseits irgendwann in der Zukunft eine Gegenleistung zu erbringen. Vielmehr wird hier ein gesellschaftlicher (volkswirtschaftlicher) Tauschprozess "um tausend Ecken" initiiert, bei dem das Geld lediglich noch eine Katalysatorfunktion hat. Dieser Vergleich mit einem chemischen Katalysator erscheint für das Kreditgeld insofern treffend, als es ebenfalls sozusagen "unverändert" aus dem Tauschprozess hervorgeht; hier allerdings aus dem Nichts kommend ("ex nihilo" geschaffen) und mit der Tilgung des "Geldschöpfungskredits" wieder im Nichts verschwindend.
Der Begriff "indirekter Tausch" kommt bereits 1912 in der Geldtheorie von Ludwig von Mises vor - S. 4 ff. - und ist vermutlich noch älter. Ich habe lediglich ein wenig in der online-Ausgabe geblättert, glaube aber nicht, dass Mises auch schon die Idee eines "zeitverzögerten" Tausches hatte.
Tatsächlich ist die Zeitverzögerung von Tauschvorgängen - also jedenfalls beim Papiergeld die Kreditgewährung - die zweite gewaltige Leistung des (modernen) Geldes. Der Kredit scheint sogar sehr viel älter zu sein als das (Waren-)Geld (vgl. dazu etwa die beiden Aufsätze "What is Money" - 1913 - und "The Credit Theory of Money" - 1914 - von Alfred Mitchell Innes).

Meine obige Definitionsarbeit ist nicht als Kritik an den Autoren gemeint. Sie will drauf hinweisen, dass man in der Geld(system)debatte selbst die scheinbar unverrückbarsten Begriffe und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten immer wieder hinterfragen und einen Erkenntnisgewinn daraus ziehen kann: Beim Warengeld findet ein echter und unmittelbarer Warentausch zwischen den jeweiligen Handelspartnern statt, beim Kreditgeld nicht (mehr).
Scherzhaft könnte man sagen: Beim Geld ist nichts so, wie es zu sein scheint.
 
 
"Entgegen der weit verbreiteten Meinung macht ein Ausweiten der Geldmenge eine Volkswirtschaft nicht reicher, sondern bewirkt lediglich eine Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Auch muss die Geldmenge nicht notwendigerweise im Zeitablauf zunehmen, damit die Volkswirtschaft wachsen kann."
Das hatte wohl schon Ludwig von Mises so gesehen; jedenfalls sagt er in seiner Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel von 1912:
"Eine Vermehrung der Geldmenge kann den Wohlstand der Bevölkerung ebenso wenig vermehren, wie ihn ihre Verringerung vermindern kann." (S. 78)

Natürlich macht eine Ausweitung der Geldmenge eine Volkswirtschaft nicht direkt reicher. Wohl aber kann sie helfen, oder sogar notwendig sein, um die Produktionskapazitäten weitestgehend auszulasten.
Dazu muss es genügend Nachfrage geben. Wenn nun beispielsweise ein großer Teil des geschöpften Geldes gehortet* wird, dann fehlt es für die Nachfrage in der Realwirtschaft. Entsprechend muss die Geldschöpfung ausgeweitet werden, um die Nachfrage anzukurbeln.
*(Geldhortung erfolgt heutzutage natürlich nicht mehr "unterm Kopfkissen". Christopher Mensching geht in einem für mich überzeugenden Aufsatz davon aus, dass "Geldhortung als Nachfrageausfall in der Stromgrößensphäre" anzusehen ist.)

Inwieweit eine Geldmengenausweitung eine Umverteilung von Einkommen und Vermögen bewirkt, lasse ich hier dahingestellt. Die Autoren behandeln diesen Aspekt auf S. 61 - 64 und berufen sich offenbar auf den sog. "Cantillon-Effekt". Der wird bei Bagus/Marquart noch weitaus mehr in den Vordergrund gerückt; aus diesem angeblichen Effekt leitet sich sogar deren Buchtitel her ("Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden ...").
Man muss kein Genie sein (allerdings darf man offenbar auch kein Österreicher sein) um sich hier die nahe liegende Frage zu stellen, ob diese Vorgänge jeweils reversibel sind oder nicht (oder nur teilweise).
Denn wenn eine Geldmengenausweitung die einen begünstigt und andere benachteiligt, sollte man ja zunächst vermuten, dass das bei einer Geldmengenminderung (Geldmengenkontraktion) umgekehrt genauso gelten müsste. Bzw., wenn man konkret an Nutznießer und Benachteiligte denkt: Müssten dann nicht die von einer Geldmengenausweitung Begünstigten den Nachteil haben, und die bei einer Geldmengenausweitung Geschädigten den Vorteil?
Selbst wenn man diese Frage (ganz oder teilweise) verneint, sollte man Gründe dafür angeben können.
Teilnehmer an der Gelddebatte, die sich diese Frage gar nicht erst stellen, sind aus meiner Sicht nicht von Erkenntnisinteresse motiviert, sondern ideologiegetrieben.


"Die Tauschmittelfunktion ist dabei die einzige Funktion, die Geld ausübt. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis, vor allem deshalb, weil dem Geld üblicherweise noch weitere Funktionen zugeschrieben werden: die Recheneinheits- und die Wertaufbewahrungsfunktion. ..... Recheneinheits- und die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes nicht eigenständige Funktionen, sondern lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion des Geldes
Diese Feststellung ist zutreffend. Genau so sieht das auch der Wissenschaftler und Praktiker Otto Veit (Wikipedia) in seinem Werk "Reale Theorie des Geldes" (1966, S. 12):
"... der Nutzen des Geldes liegt überhaupt und ausschließlich in der Tauschbereitschaft. Aufgabe des Geldes ist schlechthin, seinen Besitzer tauschbereit (= liquide) zu machen. Andere konkrete Geldfunktionen (Wertaufbewahrung) leiten sich davon ab. Während die meisten Güter zur Befriedigung mehrerer Bedürfnisse taugen, gehört das Geld zu den wenigen, die nur einem Bedürfnis dienen."
Überhaupt scheint diese Auffassung heute Allgemeingut zu sein; vgl. auch den Eintrag zum Stichwort "Geld" im Gabler-Wirtschaftslexikon (Verfasser Prof. Dr. Oliver Budzinski): "Konstitutiv für das Wesen des Geldes ist ..... allein die Eigenschaft bzw. Funktion als transaktionsdominierendes Tauschmittel.
Nur würde man sich wünschen, dass die Autoren die Tauschmittelfunktion als volkswirtschaftliche Funktion in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen gestellt hätten (anstatt lediglich quasi mikroökonomisch auf die Akteure zu schauen).
Das würde nämlich bedeuten, dass sich die Beurteilung einer Geldform als gut oder schlecht nicht danach richtet, ob sie ihre Wertaufbewahrungsfunktion für den Geldbesitzer besonders gut erfüllt, sondern ob sie eine optimale Auslastung der Wirtschaftskapazitäten ermöglicht.

Tatsächlich wird in den Texten wohl aller Österreicher die Güte des Geldes mehr oder weniger an einer weitgehenden Stabilität der Geldmenge festgemacht. Natürlich behaupten die Autoren dann regelmäßig auch (explizit oder implizit), dass eine Geldform umso besser sei, je rigider sie (möglichst schon aus sich selbst heraus: Goldgeld!) eine Geldmengenbegrenzung ermögliche.

Vorliegend bereiten die Autoren diese Argumentation bereits im ersten Absatz vor mit der Bemerkung:
"... muss die Geldmenge nicht notwendigerweise im Zeitablauf zunehmen, damit die Volkswirtschaft wachsen kann."
 
Auf S. 28 wird der Satz erweitert bzw. konkretisiert mit folgenden Behauptungen (Hervorhebungen im Original):
"Die Höhe der verfügbaren Geldmenge ist nicht entscheidend für die Fähigkeit des Geldes, als Tauschmittel zu dienen. Eine Geldmenge in Höhe von zum Beispiel 10 000 Mrd. Euro wäre so gut und so schlecht wie eine Geldmenge in Höhe von 1000 Mrd. Euro oder 500 Mrd. Euro. Grundsätzlich gilt, dass jede gerade vorhandene Geldmenge ausreichend ist. Ob ein Ansteigen der Geldmenge im Zeitablauf wünschenswert und akzeptabel ist oder nicht, hängt allein davon ab, wie das Geld produziert wird – über diesen wichtigen Aspekt wird später noch genauer zu sprechen sein. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle: Das Ansteigen der Geldmenge nützt dem Gemeinwesen nicht, macht es nicht um einen Deut reicher."
Dass die Höhe der verfügbaren Geldmenge unbeachtlich für die reale Wirtschaft sei, ist falsch. An einem Denkmodell lässt sich unschwer nachweisen, dass eben nicht jede beliebige Transaktionsmenge (Kaufakte usw.) mit "jede(r) gerade vorhandene(n) Geldmenge" durchgeführt werden kann:

Wir stellen uns 2.000 Personen vor, die in einander in zwei Reihen gegenüberstehen. Die "Wirtschaftssubjekte" (WSe) der einen Reihe haben jeweils einen Cent in der Hand; diejenigen der anderen jeweils ein Bonbon.
Insgesamt haben wir damit 1.000 Cent und 1.000 Bonbons in unserer "Volkswirtschaft".
Nun lassen wir unsere gedachten Versuchspersonen Handel treiben, indem täglich alle jeweiligen Geldbesitzer ihren Cent gegen das Bonbon des ihnen gegenüberstehenden jeweiligen Warenbesitzers austauschen. Es ist klar, dass diese "Wirtschaft" nur dann funktioniert, wenn wir sie tatsächlich mit einer Geldmenge von 1.000 Cent ausstatten.

Was passiert, wenn wir die Geldmenge auf 1/10 kürzen, also nur noch 100 Cent im System haben?
Das Resultat hängt davon ab, auf welche Weise die Geldmenge bei den Wirtschaftsteilnehmern reduziert wird. Insofern sind zwei grundsätzliche Varianten denkbar:

1.     Ungleichmäßige Reduktion: 900 WSe stehen plötzlich ohne Geld da. Dann scheiden die (ähnlich wie beim Monopoly) natürlich aus dem "Spiel" aus. Auf jeden Fall wäre diese Geldmenge unzureichend, um die Tauschvorgänge in der Gesamtwirtschaft auf dem vorigen Stand zu halten. In einer realen Wirtschaft (wo es zunächst nicht um den Handel geht, sondern um die Produktion) würde man jetzt konstatieren, dass die Kapazitätsauslastung auf 1/10 geschrumpft ist.
2.     Alternativ wäre aber auch eine gleichmäßige Geldmengenschrumpfung (bzw. etwas, was sich zunächst oberflächlich wie eine solche ausnimmt) vorstellbar: Jedem Geldbesitzer werden 9/10 seines Geldes weggenommen, d. h. jeder würde nur noch 0,1 Cent besitzen. In diesem Falle hätten wir, auch wenn es zunächst überraschend klingt, keinerlei Probleme, den Wirtschaftsaustausch vollumfänglich fortzuführen. Unsere WSe müssten sich lediglich darauf einigen, dass 1 Bonbon jetzt nur noch 0,1 Cent kostet. (In echt gesagt: ALLE Preise in der gesamten Volkswirtschaft müssten durch 10 geteilt werden. Dass das in der Realität freilich nicht so einfach ist wie im Modell - und in der Phantasie fast aller Austrians -, werden wir unten noch sehen.)
Auf den ersten Blick mag man meinen, dass meine Variante 2) die Behauptung der Autoren (und vieler anderer Austrians) bestätigt, wonach "jede gerade vorhandene Geldmenge ausreichend ist" um jede beliebige Transaktionsmenge abzuwickeln.
Das ist jedoch ein Irrtum.
Wir haben hier nämlich lediglich den Nominalwert des umlaufenden Geldes abgesenkt. Den gleichen Vorgang kennen wir aus der realen Welt. Unter dem Wikipedia-Stichwort "Franc" erfahren wir beispielsweise für diese Währung:
"Da durch die Inflation die Preise 'unhandlich viele Nullen' bekommen hatten, wurde 1958 die Einführung des Nouveau Franc (NF) zum 1. Januar 1960 verfügt. Ein NF, seit 1963 offiziell nur noch Franc (F) genannt, entsprach 100 alten Francs (anciens francs). Die alten Franc-Münzen konnten als Centimes weiter verwendet werden."

In unserem Denkmodell haben wir die umgekehrte Operation vollzogen:
- Beim Franc wurde die neue Basiseinheit (kleinste Einheit) durch Division durch 100 gebildet: 1 alter Franc entsprach wertmäßig einem neuen Centime.
- Wir haben gewissermaßen mit 10 multipliziert: 1/10 "neuer Cent" entspricht wertmäßig einem "alten Cent".
Dabei ist es unschädlich, wenn wir (zunächst) mit einem Bruchteilswert (0,1) operieren. In der Realität wären dann eben die 0,1 Cent die (neue) Basiseinheit. Die WSe würden sicherlich rasch dazu übergehen, die 0,1 Cent als "1 neuer Cent" anzusprechen, denn im alltäglichen Zahlungsverkehr rechnet niemand gerne mit Bruchteilen.

Die 2. Variante unseres Denkmodells widerlegt die behauptete Bedeutungslosigkeit der Geldmenge für die Transaktionsmenge dadurch, dass wir die Anzahl der, ich sage mal: "GeldmengenEINHEITEN" unverändert lassen mussten, um eine unveränderte Transaktionsmenge zu bekommen.
Wir hatten vorher 1000 ("alte") Cent-Stücke im System, und haben jetzt noch immer 1.000 (neue) Geldstücke im System.
Ob wir auf das einzelne Geldstück jedes "Spielteilnehmers" eine "1" draufschreiben, oder "0,1" oder "100" ist in der Tat bedeutungslos. (Genauso, wie sich an der Kaufkraft eines - alten - Francs nichts geändert hat, nachdem dieser in 1 - neuen - Centime umbenannt worden war). Entscheidend ist, dass wir die alte Transaktionsmenge nur dadurch bewältigen konnten, dass wir (im Gegensatz zur Variante 1) eine unveränderte Menge von GeldEINHEITEN im System gelassen haben.

Wie können wir die Transaktionsmenge verdoppeln? Bei gleich bleibender Teilnehmerzahl (und weiterhin gleichmäßiger Verteilung) haben wir zwei Möglichkeiten zur Auswahl:
1.     Steigerung der Transaktionsgeschwindigkeit (in echt: Steigerung der "Umlaufgeschwindigkeit" des Geldes): Statt das Geld täglich nur einmal gegen das Bonbon auszutauschen, lassen wir unsere Versuchspersonen das jetzt zweimal tun.
2.     Wir können auch die Geldmenge verdoppeln, aber dann müssen wir dasselbe mit der Gütermenge tun, also jedem Geldbesitzer zwei Cents geben und jedem Warenbesitzer zwei Bonbons.
Verdoppeln wir lediglich die Geldmenge, müssen sich in unserem Schlichtmodell (die Realität ist natürlich auch hier komplexer!) die Preise verdoppeln: Jedes Bonbon kostet dann zwei Cents.
Verdoppeln wir die Warenmenge, ist umgekehrt ein Preisverfall die Folge: Für einen Cent gibt es dann zwei Bonbons.

Schließlich können wir auch die Teilnehmerzahl verdoppeln (in echt: Bevölkerungszunahme oder Anschluss primitiver Gesellschaften an die Geldwirtschaft).
Um den Wohlstand zu erhalten, müssen wir gleichzeitig die Transaktionsmenge verdoppeln. Bisher haben wir diesen Handel nur als ein Hin- und Her-Schieben von Geld und Ware betrachtet. Real kauft man aber Bonbons, um sie aufzuessen.*
Es reicht also nicht aus, die Transaktionsmenge einfach durch steigende "Umlaufgeschwindigkeit" des Geldes zu erhöhen (indem beispielsweise das Bonbon zweimal statt einmal täglich den Besitzer wechselt).
Vielmehr müssen wir die Warenmenge (und damit die Produktion) verdoppeln. Aber eben auch die Geldmenge. Wir würden also im Modell unsere gedachte Personenreihe von 2 x 1.000 auf 2 x 2.000 Personen verlängern. Dabei müssten wir aber eben auch den neu Hinzugekommenen jeweils ein Geldstück - die Basiseinheit - in die Hand drücken, damit sie sich ein Bonbon kaufen können.

[* man kann unser Modell realitätsnäher gestalten, indem man die einen pro Tag zwei Tagesrationen Lebensmittel, die anderen pro Tag 2 Tagesrationen Wasser produzieren bzw. schöpfen lässt. Jeweils eine Tagesproduktion verbrauchen sie selber, die andere verkaufen sie an ihr Gegenüber, das die Waren unmittelbar verbraucht. Die Transaktionen dürfen ebenfalls nicht im Tauschwege erfolgen, sondern nur geldvermittelt durch Kauf/Verkauf. Wer also an meinem Bonbon-Beispiel als unrealistisch Anstoß genommen hat, der möge oben die Bonbons durch Lebensmittel und Wasser ersetzen. Auch in diesem Falle müssten jeweils nur die Hälfte der "Spielteilnehmer" im Besitz von Geld sein. Die täglichen beiden wechselseitigen Transaktionen würden dann nacheinander stattfinden: Wenn z. B. nur der Wasserschöpfer am Tagesanfang Geld hat, kauft er zunächst Lebensmittel; nun hat der Lebensmittelproduzent Geld und kann damit bei seinem Gegenüber Wasser einkaufen.]

 
Noch ein weiteres Gedankenexperiment zeigt, dass die Geld(einheiten)menge keineswegs beliebig ist für die Funktionsfähigkeit der Realwirtschaft:
Fügen wir unsere 2 x 1.000 Personen noch 2 x 1 (also einen auf jeder Seite) hinzu. Die sollen täglich ein Automobil (ver)kaufen, also heute der eine, morgen wieder der andere. Das tun sie zum Herstellungspreis, und den setzen wir mit 1 Mio. Cents an. Oder, in relativen "Arbeitswerten" gedacht, mit 1 Mio. Bonbons (wenn auch die Bonbons zum Herstellungspreis umgeschlagen werden).
Es ist unmittelbar einsichtig, dass unsere Einfach-Ökonomie in eine Krise geraten muss, wenn für den Autoumschlag nur noch 500.000 Cents (bzw. Geldeinheiten oder, von der Seite der Herstellungskosten gedacht, "Bonboneinheiten") zur Verfügung stehen (weil z. B. einer von den beiden 500.000 Geldeinheiten sparen will und dem anderen sagt: "Entweder bist du mit der Hälfte zufrieden, oder du behältst dein Auto"). Der Autoverkäufer könnte dann nicht mehr kostendeckend arbeiten und würde pleitegehen. Natürlich könnten die Arbeitnehmer auf die Hälfte ihres Lohnes verzichten; dann hätten sie allerdings, zumindest anfänglich (d. h. bis die Preissenkungen auf breiter Front stattfinden), nur noch die halbe Kaufkraft.

Selbst wenn man leugnen wollte, dass es absolute Grenzen für die Geldmengeneinheiten gibt, bei deren Unterschreiten die Nachfrage in der Realwirtschaft automatisch absinken muss, bürdet jedenfalls die nötige Anpassung (Preis- und Lohnsenkungen) den Akteuren in der Realwirtschaft enorme Unsicherheiten (z. B. bei den Arbeitnehmern die Frage, ob der Arbeitgeber nicht lediglich Kostendrückerei versucht, um seine Gewinnspanne zu vergrößern) und Belastungen auf, und ist damit kostentreibend. Sämtliche Verträge usw. binnen kurzer Zeit einer geänderten Geldmenge anpassen zu müssen ist etwa so, als wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt. Da ist es schon verständlich (weil ökonomischer), wenn die (nachfragewirksame!) Geldmenge an das gegebene Produktionsniveau zu gegebenen Preisen angepasst wird. (Was freilich Schwierigkeiten anderer Art mit sich bringt; insbesondere deshalb, weil keine Art von Geldsystem die Relation von Ausgeben - Konsum + Investitionen - und Sparen zielgenau steuern kann.

Die kreditäre Geldschöpfung ist insoweit aber am flexibelsten, weil sie eine "Kapitalüberakkumulation" bis zu einem gewissen Grade und für eine gewisse Zeit durch eine erhöhte Geldproduktion kompensieren kann. Das ist bei voller Golddeckung gar nicht und bei Teildeckung nur sehr beschränkt möglich.

Man kann (und wird) mir entgegenhalten, dass die Realität weitaus vielschichtiger sei. Selbstverständlich gibt es in einer Marktwirtschaft einen mehr oder weniger großen "Elastizitätsraum". Aber irgendwo schlagen dann doch jene Mechanismen durch, die ich in meinem Einfachmodell anschaulich herauspräpariert habe
Wer mir also Kontra geben will, der möge selber bessere Gegenmodelle aufbauen - wenn er dazu in der Lage ist.

Allerdings ist unser Modell selbst in der wirklichkeitsnäheren Variante (Lebensmittel + Wasser statt Bonbons) eine Vereinfachung, welche einen wesentlichen (potentiellen) Störfaktor im Funktionszusammenhang zwischen Geldwirtschaft und Realwirtschaft nicht abbildet: Die Möglichkeit, Geld eben nicht auszugeben, sondern (für welche Zeiträume auch immer) zu horten ("sparen"). (Die Ergänzung durch das "Automobilumschlagmodell" deutet das Problem immerhin an.) Durch das Sparens entfaltet das Geldsystem ein mehr oder weniger großes Maß an Eigenleben (Stichwort heutzutage: "Finanzindustrie") gegenüber der Realwirtschaft, die für den Beobachter eine theoretische Analyse der Funktionszusammenhänge und Funktionsstörungen, bzw. für die Handelnden eine zutreffende Prognose der Marktentwicklung erheblich erschwert.

Seriöse Betrachtungen über die Zusammenhänge zwischen Geldwesen und Realwirtschaft können daher nicht auf "die" Geldmenge abstellen, vielmehr müssen sie berücksichtigen, welcher Teil der Geldmenge (in einer wie auch immer definierten Zeitspanne) überhaupt nachfragewirksam wird.
Geldmenge an sich und deren nachfragewirksamer ("umlaufender") Teil lassen sich auf der begrifflichen Ebene wesentlich leichter trennen als in der Realität; dennoch müssen wir wegen der unterschiedlichen Auswirkungen auf die Realwirtschaft (mindestens) zwei (Unter-)Geldmengen unterscheiden (John Maynard Keynes unterscheidet sogar bis zu 3 "Kassen" bei den einzelnen Wirtschaftssubjekten: Transaktionskasse und Spekulationskasse sowie Vorsichtskasse):
·        Den gesparten Teil der Geldmenge und dem
·        aktuell nachfragewirksamen Teil.

In echt verkompliziert sich diese Trennung noch dadurch, dass beim einzelnen Wirtschaftssubjekt das Geld jederzeit zwischen "Ausgabenkasse" und "Spar-Kasse" verschoben werden kann. (Man kann Geld aufs Sparbuch legen oder auf dem Girokonto stehen lassen, aber ebenso kann man es - mehr oder weniger - jederzeit dort "abholen", um eine größere Anschaffung zu tätigen.)

Interessant ist bei Polleit/Prollius, wie die Autoren diese Tatsache, und vor allem auch ihre realwirtschaftliche Folge (jedenfalls indirekt über die Auswirkung auf die Preise; direkt über die Nachfrage sagen sie hier nichts), an der einen Stelle sehr wohl benennen, sie aber an anderen Stellen unterschlagen:
"Grundsätzlich gilt, dass früher oder später die Preise steigen, wenn die Geldmenge stärker als die Güterproduktion (bereinigt um die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes) anwächst. Dabei ist jedoch zu beachten, dass eine Geldmengenausweitung (sagen wir um zehn Prozent) nicht notwendigerweise die Preise in gleicher Höhe ansteigen lässt. Es kann nämlich sein, dass die Geldmengenausweitung von einer Erhöhung der Geldnachfrage begleitet wird" heißt es im Kasten S. 26 (über die Quantitätsgleichung; Hervorhebungen von mir).

Eine Erhöhung der Geldnachfrage im hier gemeinten Sinne (nämlich als - zunächst - nicht nachfragewirksame Geldnachfrage) meint dasselbe wie eine Verringerung der Geldumlaufgeschwindigkeit: Geld wird "gebunkert". Wie das im Detail geschieht, kann dahingestellt bleiben; auf jeden Fall wird in diesem Szenario ein Teil der Geldmengenausweitung nicht nachfragewirksam (in einem wie auch immer definierten Beobachtungszeitraum).
(Vgl. dazu auch die Darstellung unter dem Stichwort "Theorie der Geldnachfrage" in der wirtschaftswissenschaftlichen Enzyklopädie Economia 48; meine Hervorhebung:
"Jede Änderung der Höhe der Geldmenge zwingt die Nichtbanken zu Anpassungsreaktionen, die sich in Form veränderter Nachfragen und Angebote an Finanz- und Gütermärkten zeigen. ..... Es gibt verschiedene Ansätze zur Erklärung der aggregierten Geldnachfrage. Jeder Ansatz ist zugleich als eine Theorie der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes darstellbar. So spiegelt eine Zunahme der Umlaufgeschwindigkeit, dass die Nichtbanken bei unverändertem Nominaleinkommen weniger Kasse zu halten wünschen als zuvor."

Deswegen ist es in dieser allgemeinen Form schlicht falsch, wenn die Autoren auf S. 27 plötzlich behaupten:
"Wenn die Geldmenge zunimmt, so hat das lediglich zur Folge, dass der Tauschwert des Geldes abnimmt – verglichen mit einer Situation, in der die Geldmenge unverändert geblieben wäre."
Das gilt nur unter zwei Zusatzbedingungen, nämlich
1.     dass die nachfragewirksame Geldmenge zunimmt (anders gesagt: Dass das zusätzlich geschöpfte Geld ausgegeben wird) und
2.     dass die Realwirtschaft "am Anschlag" arbeitet, also keine Kapazitätsreserven mehr hat.


Thorsten Polleit behauptet in einem Zeitungsaufsatz implizit, dass eine relative Preiserhöhung auch bei Unterauslastung der Kapazitäten eintritt. In seinem Artikel "Cantillons Erkenntnisse" (ursprünglich in der FAZ vom 09.05.2011 erschienen) schreibt über den Cantillon-Effekt (meine Hervorhebungen]:
"Steigt beispielsweise die Geldmenge in einer Phase, in der sich die Wirtschaft in Vollbeschäftigung befindet, so werden früher oder später die Preise steigen. Die Geldmengenzunahme zeigt hier richtigerweise die Geldentwertung und die damit verbundene Umverteilung an. Steigt die Geldmenge jedoch in einer Phase geringer Wirtschaftsaktivität, so kann das Ausweiten der Geldmenge auch ohne Preisanstieg ablaufen. Allerdings erfolgt auch hier eine Umverteilung, wenngleich sie nicht unmittelbar ersichtlich ist: Die höhere Geldmenge verhindert, dass die Preise auf das Niveau absinken, das ohne Geldmengenvermehrung erreicht worden wäre. Es profitieren Produzenten, deren Güterpreise hoch bleiben, während die Käufer verlieren, weil die Geldmengenausweitung verhindert, dass die Güterpreise sinken und so ihre Kaufkraft steigt."
Beim 2. Szenario wird die Möglichkeit einer Ausweitung der Wirtschaftsaktivität durch Zufuhr von zusätzlichem Geld ausgeblendet. Implizit unterstellt er eine Fortdauer der Unterauslastung.
Das steht allerdings im Widerspruch zur allgemein bei den Austrians üblichen Kritik an den Zentralbanken, dass sie die Geldmenge ausweiten würden, um die Konjunktur anzufachen. Tatsächlich war der US-Immobilienboom (wie wohl auch jeder andere) nur durch eine starke Ausweitung der Kreditgewährungen und damit der Geldmenge möglich.
Dabei kann an dieser Stelle offen bleiben, ob die Schuld bei der Fed lag, und ob es sich um eine "gesunde Konjunktur" oder einen "ungesunden Boom" handelte (oder wann das eine ins andere umgeschlagen ist). Hier geht es lediglich um den empirischen Nachweis, dass die Immobilieninvestitionen nur durch die Verfügbarkeit von entsprechend viel Kredit und somit durch eine Steigerung der Geldmenge überhaupt möglich war; damit ist Polleits implizite Annahme widerlegt, dass eine Geldmengensteigerung bei Unterauslastung nicht die Wirtschaft angekurbelt wird.
Richtig ist natürlich, dass der Immobilienboom mit Preissteigerungen verbunden war.

Um das im Detail zu bewerten müsste man sich allerdings mehrere Faktoren anschauen: Den Bodenpreis, zusätzliche "Komfortkosten" und die (wie auch immer zu berechnenden) "reinen" Baukosten (also ohne eine heute gegenüber früher vielleicht übliche gehobene Ausstattung - Stichwort "Granitküchen").
Aber selbst (bzw. gerade) dann, wenn man annimmt (oder an diesem Beispiel empirisch feststellen könnte), dass die verbesserte Kapazitätsauslastung zu Preissteigerungen der Produzenten (Boden ist ja nicht vermehrbar und somit eine Sache für sich) geführt hat, wird es spannend: Soll man diesen "Nebeneffekt" akzeptieren (weil eine Volkswirtschaft insgesamt ja nur durch Produktion reicher wird, und natürlich auch um Vollbeschäftigung zu bekommen), oder soll man ihn unterbinden?

Davon abgesehen lässt Polleit hier die Möglichkeit einer erweiterten Kassenhaltung (also der "Erhöhung der Geldnachfrage" auf S. 26) außen vor, die eben gerade keine preissteigernde Auswirkung auf die Realwirtschaft hätte (und tendenziell sogar zu Deflation führen könnte).

 
Leider zeichnen sich die Austrians ganz allgemein durch eine eher selektive Berücksichtigung der Fakten aus.
Mindestens seit zwei oder drei Jahrzehnten wächst die Geldmenge stärker als die Realwirtschaft. Natürlich hatten wir in dieser Zeit (wie auch schon vorher) eine Inflation, aber lediglich eine "schleichende".* Wenn die Koppelung von Geldmengenzuwachs und Preissteigerung tatsächlich derart simpel wäre, wie auf S. 27 (in diametralem Gegensatz zu den Ausführungen S. 26!) dargestellt, dann hätten wir in diesem Zeitraum schon längst eine "trabende" * Inflation sehen müssen.
[*Ottmar Issing unterscheidet in seiner "Einführung in die Geldtheorie" (S. 202 der 15. Aufl. von 2011) zwischen schleichender, trabender und galoppierender oder Hyper-Inflation (über 50% pro Monat).]

Aber anstatt sich um die Erklärung dieser auf den ersten Blick ja doch einigermaßen überraschenden Tatsache zu bemühen, leiern die Austrians gebetsmühlenartig herunter, was die Altvorderen ihrer Schule zu Papier gebracht haben. Wissen wird hier sozusagen unter eine Käseglocke gestellt. Echter Forschungseifer sieht anders aus als das, was die österreichischen (wie freilich auch andere) "Monetologen" dem gläubig gaffenden Kirmespublikum als ihre angeblichen Erkenntnisse andrehen wollen.
Wer nicht begründen kann, wieso unser Geldsystem ca. 60 Jahre lang doch einigermaßen gut funktioniert hat, der macht sich lächerlich, wenn er die aktuelle Krise damit "erklären" will, dass unser Geldsystem von vornherein nichts taugt.


Eine Ausnahme bei ihrer Ablehnung von Geldmengensteigerungen erwähnen Polleit/Prollius auf S. 28:
"Ob ein Ansteigen der Geldmenge im Zeitablauf wünschenswert und akzeptabel ist oder nicht, hängt allein davon ab, wie das Geld produziert wird – über diesen wichtigen Aspekt wird später noch genauer zu sprechen sein. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle: Das Ansteigen der Geldmenge nützt dem Gemeinwesen nicht, macht es nicht um einen Deut reicher."
Falsch ist am letzten Satz die Gleichsetzung von "nicht nützen" und "nicht reicher machen". Das gilt nur unmittelbar; mittelbar kann, wir oben bereits gezeigt hatten, eine Steigerung der Geldmenge unter bestimmten weiteren Bedingungen die Wirtschaftsleistung steigern und damit ein Gemeinwesen sehr wohl auch real bereichern.
Ebenso hatten wir oben demonstriert, dass die Geld(einheiten)menge zumindest mit der Transaktionsmenge Schritt halten (also ggf. entsprechend wachsen) muss, um die Wirtschaftsleistung auf dem gleichen Niveau zu halten.


Soweit von dem in der Volkswirtschaft vorhandenen Geld ein Teil für Sparzwecke "abgezweigt" wird, muss zur Aufrechthaltung der jeweils vorherigen Kapazitätsauslastung
·        entweder die Umlaufgeschwindigkeit im direkten Wortsinn gesteigert werden: Diejenigen, die dann noch ihr Geld ausgeben (also nicht sparen), müssten das in schnellerer Folge tun.
·        Oder die Geldmenge müsste entsprechend gesteigert werden (damit für Transaktionszwecke auch nach Abzug der gesparten Gelder eine unveränderte Geldmenge verfügbar bleibt).
·        Schließlich können, zumindest theoretisch, die Preise und Löhne gesenkt, also eine Deflation herbeigeführt werden bzw. aufgrund der Marktmechanismen "von selber" eintreten. In der Realität ist das sowohl mühsamer als auch, von den Folgen her, problematischer. Obwohl Märkte elastisch sind und daher gewisse Schwankungen auffangen können liegt z. B. eine Schwierigkeit darin, dass eben nicht jede Transaktionsmenge mit jeder beliebigen Geldeinheitenmenge abgewickelt werden kann - s. o.

Generell wollen Austrians mit ihren ständigen Hinweisen auf die angebliche Neutralität der Geldmenge für das Niveau der volkswirtschaftlichen Aktivitäten zwei Dinge beweisen (teils unterschiedlich je nach Autor eins davon, teils - wie wohl hier - beide):
1.     Dass Deflation (der Begriff kann hier "österreichisch" als Geldmengenminderung verstanden werden oder im üblichen Sinne als Preisverfall) volkswirtschaftlich (weitgehend) unschädlich ist und
2.     Dass die Währung problemlos auf Golddeckung umgestellt werden kann (d. h. dass die relativ geringe verfügbare Goldmenge im Verhältnis zur derzeitigen Geldmenge oder zum gegenwärtigen Niveau der Transaktionsmengen keine Probleme bereiten würde).

Nicht wenige Austrians neigen dazu, Deflation zu verharmlosen. Allerdings soll es sich nach Philipp Bagus um eine Minderheit handeln; dass die Mehrheit auch der Austrians Deflation für schädlich hält beschreibt (und kritisiert) er in seinem Papier "DEFLATION: WHEN AUSTRIANS BECOME INTERVENTIONISTS" (2003/2007). (Auch Ludwig von Mises soll demnach in diesem Punkt ein "Interventionist" gewesen sein; damit wird allerdings auch die Berufung von Polleit/Prollius auf Mises fragwürdig.)

Nach den Textproben und Inhaltsverzeichnissen zu urteilen, sehen von den vorliegend behandelten Verfassern Bagus/Marquart und Polleit/Prollius in einer Deflation eher kein Problem. Bei Thomas Mayer obsiegt dann doch wohl sein praktisches Wissen als ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank über die Theorie-Traumtänzerei der beiden anderen Autorengespanne; er überschreibt immerhin einen Abschnitt (S. 95/96) mit "Fluch der Deflation".

Als Einstieg in eine ernsthafte Deflationsdebatte empfiehlt sich vielleicht der Aufsatz "Zur Diskussion über Deflationsgefahren in Deutschland" aus dem Monatsbericht 2003 der Deutschen Bundesbank.

Selber habe ich mich in meinem Blott "Deflation demystified oder: Eine Deflationsursache gibt es nicht!" ausführlich insbesondere mit den möglichen unterschiedlichen Deflationsursachen, und den entsprechend unterschiedlichen ökonomischen Folgen, auseinandergesetzt (und zu zahlreichen Medienberichten und Fachaufsätzen verlinkt).
 
Außerdem unter "Ein Ausflug in die Gedanken-Welt der 'Österreicher' " (dort behandele ich zwei Arbeitspapiere von österreichischen Deflations-Verharmlosern).

Zuletzt (17.11.2014) hatte ich mir den 2-teiligen Aufsatz
von Prof. Philipp Bagus vorgenommen, und diesen (insbesondere den 2. Teil) ausführlich analysiert und kritisiert in meinem Blott "Deflation des Deflationswissens: Warum mir die unterkomplexe Deflatiologie von Professor Philipp Bagus spanisch vorkommt." Auch darin komme ich zu dem Schluss, dass Deflation keineswegs relativ harmlos ist, wie Prof. Bagus seinen Lesern (mit einigermaßen haarsträubenden Argumenten) weismachen will. Von Wissenschaft ist die Bagus'sche Deflationsdenke jedenfalls meilenweit entfernt. Jeder Blick in den Kaffeesatz klärt mindestens genauso gut über reale Deflationsvorgänge auf, und insbesondere über deren (je nach Konstellation) u. U. gigantischen Gefahren für die Realwirtschaft, wie die Lektüre seiner o. a. Deflatiologie.


Ein weiterer Grund, warum viele Austrians das Geldmengenproblem herunterspielen (müssen), ist deren Forderung nach Einführung einer Goldwährung.

Gold ist im Verhältnis zur heutigen Geldmenge (und zur heutigen Transaktionsmenge) extrem knapp, d. h. bei der Umstellung vom derzeitigen Papiergeld auf Goldgeld würden die Goldpreise durch die Decke gehen.
Da Goldgeld eine Warenwährung ist, kann man das auch anders formulieren: Die Tauschrelationen der Ware Gold zu anderen Waren würden sich dramatisch zu Gunsten der Goldbesitzer und zu Lasten der Anbieter aller anderen Waren und Dienstleistungen (nicht zuletzt natürlich der Arbeitnehmer als Arbeitskraftanbieter) verschlechtern.
Noch anders gesagt: Goldgeld wäre ein extrem teures Geld. (Weshalb ein total freier Markt es mit ziemlicher Sicherheit NICHT als - alleiniges - Geld einführen würde.)
Selbst der Austrian Murray Rothbard hatte in seiner Schrift "The Case for a 100 Percent Gold Dollar" eingeräumt: "This [d. h. die Einführung von Gold als - alleinigem - Geld] of course would bring an enormous windfall gain to the gold miners". Und das war im Jahr 1962; in der Zwischenzeit hat die Goldmenge verhältnismäßig wenig zugenommen während die Geldmenge, vor allem aber auch die Transaktionsmenge, gewaltig angestiegen sind.

Da ich nicht die vollständigen Bücher gelesen habe, weiß ich nicht, wie sich Polleit/Prollius zu diesen negativen Auswirkungen für die, ich sage mal: "Geldbenötiger", äußern.
Bei B./M. bin ich nicht einmal sicher, ob sie in ihrem Buch überhaupt ausdrücklich Goldgeld fordern; klar ist allerdings, dass sie eine starke Präferenz dafür haben.

Thomas Mayer hebt sich auch in diesem Bereich positiv von den anderen Autoren ab. Anscheinend ist er nämlich KEIN Verfechter von Goldgeld. Als "Neuankömmling in unserer Wahrheitswelt freien Geldes und freier Märkte" (d. h. im Wahrheits-Wunderland der vulgärösterreichischen Monetär-Magier) muss er sich nämlich von dem Gold-Freak Peter Boehringer in dessen Artikel "Gold: 'Barbarischer Rohstoff'. Über eine abstruse Mär" (14.10.2014) dafür abkanzeln lassen, dass er gegenüber dem SPIEGEL Gold wohl als einen
" 'barbarischen Rohstoff' bezeichnet hatte, der im Modell der Österreichischen Schule eigentlich nur als Ersatz für das nötige Vertrauen der Bürger in eine Währung fungiere".
Dawider wettert Boehringer: "Falls Thomas Mayer also tatsächlich im Interview die Keynessche Kampfrhetorik vom „barbarischen“ Relikt verwendet haben sollte, steht er damit nicht auf dem Boden von Gutgeldlern und auch nicht auf dem Boden der Österreichischen Schule."
(In der Tat steht Mayer nach meiner Einschätzung schon deshalb nicht auf dem Boden der Austrians, weil er Willkürgeld fordert, also - im ökonomischen, nicht im juristischen - Sinne regelrechtes "Falschgeld". Aber das fällt den Vulgäraustrians nicht auf, weil sie selber nicht zwischen Kreditgeld und Willkürgeld unterscheiden.)

 
Es ist klar, welche Interessen Austrians wie Polleit/Prollius und Bagus/Marquart (und letztlich auch Mayer) bedienen: Nämlich diejenigen der Halter von Geld und Geldforderungen und, soweit sie die Einführung von Goldgeld propagieren, die Interessen der Goldhorter und der Goldmineneigentümer.
 
Die Wirtschaft kann ruhig vor die Hunde gehen, Hauptsache der Geldwert bleibt - auf längere Sicht - stabil, oder steigt sogar.
SO sagen die Austrians das natürlich nicht; die behaupten im Gegenteil, dass ihr Geldsystem auch für die Realwirtschaft ideal sei. Nur überzeugt das halt nicht, wenn zur Beweisführung u. a. jedwede Form von Deflation verharmlost wird (und verharmlost werden muss, um argumentativ die potentiell katastrophalen Folgen einer unelastischen Geldversorgung der Realwirtschaft zu verschleiern).

Erhellend ist in diesem Zusammenhang eine Debatte zwischen mir und Prof. Bagus auf seiner Facebook-Seite. Ich hatte es gewagt, den Begriff "Gesellschaft" zu benutzen, der jedenfalls den Anhängern der libertären Richtung der österreichischen Schule ein Gräuel ist. Mein Argument war gewesen, dass konkrete Geldsysteme für die Gesellschaft insgesamt mehr oder weniger nützlich sein müssten. Das wies Prof. Bagus entrüstet zurück: Eine Gesellschaft gebe es nicht, sondern lediglich Interessen. Als ich diese seine Meinung gegen ihn selber wendete, indem ich ihn fragte, warum er dann nicht in seinem Buch offenlege, für welche Interessen er eintrete, sperrte er mich kurzerhand. Offenbar war es in seinen Augen eine Ungeheuerlichkeit, von ihm eine durchgängige Theoriekonsistenz und eine entsprechende Selbstreflexion zu erwarten.
Es ist halt deutlich einfacher, angelernte Phrasen zu dreschen, als mühsam um eine (möglichst zutreffende, zumindest aber) innerlich widerspruchsfreie Betrachtungsweise von Sachgebieten zu ringen.


Auch bei der Debatte um Deflationen (wenn ich von "Deflation" spreche, ist damit im Gegensatz zu den Austrians natürlich das gängige Begriffsverständnis von Preisverfall gemeint) zeigt sich die Interessenfixierung der Austrians auf die Halter von Geld und Geldforderungen. Typischer Weise fordern die nämlich für solche Situationen von den Unternehmern Preissenkungen (was auf Dauer natürlich nur bis herab auf die Gewinnschwelle möglich ist) und von den Arbeitnehmern Lohnverzicht (also eine Preissenkung der Arbeitskraft - mit den entsprechenden Kaufkraftverlusten).
Ein teilweiser Tilgungsverzicht der Gläubiger (also der Halter von Geldforderungen), die bei einem Preisverfall wegen der steigenden Realzinsen und dem steigenden Kaufkraftwert ihrer verliehenen Gelder u. U. gewaltige Extraprofite einstreichen, ist dagegen in der Regel kein Thema.
Dabei ist für die Betriebe in einer Deflation gerade auch die nominal unveränderte (und damit real ggf. stark ansteigende) Zins- und Tilgungslast ein enormes Problem. (Vgl. dazu den Aufsatz "THE DEBT-DEFLATION THEORY OF GREAT DEPRESSIONS" des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Irving Fisher aus dem Jahr 1933, also aus der Zeit und vor dem Erfahrungshorizont der Weltwirtschaftskrise geschrieben.)
 
 
Kehren wir indes zurück zum Buchauszug von Polleit/Prollius. Von der oben behandelten Passage auf S. 28 machen wir einen großen Sprung nach vorn auf die S. 33 (Hervorhebungen - dort kursiv - im Original):
"Das heutzutage verbreitete Geld ..... lässt sich als ungedecktes Papiergeld, als Kreditgeld oder auch als Fiatgeld bezeichnen. Je nachdem, welche Eigenschaft hervorgehoben werden soll. ..... Das heutige Geld ist intrinsisch wertlos."
"Intrinsisch wertlos" ist korrekt; diese zutreffende Feststellung ist aber nicht gleichbedeutend mit der Behauptung, dass es "ungedeckt" sei. Den Unterschied habe ich im Detail oben dargelegt. Und das ist nicht nur meine laienhafte Meinung; das lässt sich auch mit einem zitierfähigen wissenschaftlichen Text belegen. Der bereits oben mehrfach angeführte Otto Veit beschreibt in seinem Buch "Reale Theorie des Geldes" (1966, S. 29), auf welche Weise kreditgeschöpftes Geld gedeckt ist (meine Hervorhebungen):
"Solches Kreditgeld ist volkswirtschaftlich nicht 'ungedeckt', wie manchmal gesagt wird. Bankmäßig [besser vielleicht: "betriebswirtschaftlich"] liegt die Deckung in dem Anspruch gegen den Schuldner; volkswirtschaftlich liegt sie in der antizipierten Güterleistung, die der Schuldner erbringen muss, um den Kredit einzulösen".

Wünschenswert wäre es, dass die Bundesbank diese Thematik in einem autoritativen Aufsatz (etwa im Rahmen ihrer Monatsberichte) behandeln würde. Zwar bietet sie auf ihrer Webseite ein sehr instruktives, ausführliches und keineswegs anspruchsloses "Schülerbuch" zum Thema "Geld und Geldpolitik" an. Dort wird die Deckungsproblematik jedoch nur im gleichen Sinne angesprochen wie bei Polleit/Prollius (und wohl ganz allgemein bei den Austrians), nämlich als Edelmetalldeckung.
Im Unterscheid zu P./P. bezeichnen allerdings die BuBa-Autoren das Fiatgeld (Kreditgeld) nicht einfach (falsch) als "ungedeckt". Vielmehr weisen sie mit einem entsprechenden Zusatz stets (korrekt) darauf hin, dass es nicht durch Edelmetall gedeckt ist.
So z. B. auf S. 17 (meine Hervorhebung):
"Heute geben staatliche Zentralbanken Banknoten aus und bürgen für deren Wert. Während noch bis weit ins 20. Jahrhundert Währungen durch Gold gedeckt waren, sind die Währungen der meisten Volkswirtschaften heute sogenannte Fiat-Währungen ohne Edelmetalldeckung."
Und eben dieser Zusatz "Edelmetall..." macht hier den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit der Bundesbanker und ideologischer Agitation bei P./P. aus - und wohl ganz allgemein bei den (Vulgär-)Austrians.


Ebenfalls auf S. 33 beklagen P./P. (meine Hervorhebung):
"Das Geld wird durch Bankkreditvergabe produziert, durch Kredite, denen keine »echte Ersparnis« gegenübersteht."
Es scheint eine Obsession der (zumindest neueren, also Vulgär-)Austrians zu sein, dass Geld zunächst gespart worden sein müsse, damit es jemand ausgeben kann. Und dass mithin die Kredite der einen nur aus Ersparnissen anderer finanziert werden dürften.

Nun ist der Sparbegriff in der Volkswirtschaftslehre zumindest ambivalent also doppeldeutig.
Zum einen kann er das Sparen im alltäglichen Sprachgebrauch meinen: Das Nicht-Ausgeben von Geld.
Zum anderen kann er eine spezifische Form des Ausgebens von Geld bezeichnen: Nämlich für Investitionen. In dieser Bedeutung könnte z. B. ein Unternehmer sagen: "Ich spare, indem ich Geld für Investitionen ausgebe". (Vgl. in diesem Zusammenhang auch meine Blotts "Mit dem Rüssel auf dem Boden: Der Sparbegriff in der Volkswirtschaftslehre als Hirngeburt intellektueller Ameisenbären" und "Eine Geldhortung gibt es nicht".)

Ausgerechnet die Austrians, die in anderen Zusammenhängen gerade davor warnen, den geldwirtschaftlichen Schein über die realwirtschaftliche Wirklichkeit zu stellen ("Eine Ausweitung der Geldmenge macht die Gesellschaft nicht reicher"), bewegen sich gedanklich ausschließlich in der geldwirtschaftlichen Sphäre wenn sie (explizit oder implizit) fordern, dass Kreditvergaben nur auf der Grundlage "echter" Ersparnis erfolgen sollten.
Betrachtet man dagegen Geld lediglich als ein Hilfsinstrument zur Optimierung der Realwirtschaft (worauf vermutlich auch die Austrians ein Lippenbekenntnissen ablegen würden), dann kann es lediglich um zwei Variablen gehen:
1.     Die Gesamtauslastung der volkswirtschaftlichen Kapazitäten (die möglichst nahe bei 100% liegen sollte) und
2.     Die Verteilung der Produktion auf Konsumgüter einerseits und Investitionsgüter andererseits (die jeweils zugehörigen Dienstleistungen schließe ich hier stillschweigend mit in den Produktionsbegriff ein).

Nehmen wir an, wir haben 70 wie auch immer definierte Konsumeinheiten, die aktuell 70 wie auch immer definierte Geldeinheiten kosten (in einer wie auch immer definierten Zeitspanne).
Und entsprechend 30 Investitionseinheiten zum Preis von 30 Geldeinheiten.
Wenn (wovon auszugehen ist) das Verhältnis dieser Werte zueinander im Laufe der Zeit schwankt, ist das unproblematisch. Für die Volkswirtschaft insgesamt ist lediglich wichtig, dass sie voll ausgelastet ist, dass also 100% Nachfrage besteht. (In der Langzeit-Perspektive dürfen natürlich die Investitionen nicht vernachlässigt werden, sonst wird die Wirtschaft zum "Industriemuseum" wie in der DDR. Diese Notwendigkeit behalten wir grundsätzlich im Sinn, aber für die vorliegende Argumentation können wir sie ausklammern.)
Von dieser Modellwirtschaft können wir sagen, dass sie 70% konsumiert und 30% "spart" (= für Investitionen ausgibt).

Als Basis dieser Prozentangaben kann man den volkswirtschaftlichen Ausstoß ansetzen oder auch die insgesamt ausgegebene Geldmenge: Das macht zunächst keinen Unterschied.
Allerdings könnte man sich eine Modellvariante vorstellen, bei der nicht mehr 100 Geldeinheiten nachfragewirksam werden, sondern plötzlich 150 Geldeinheiten auf ein Angebot von 100 Gütereinheiten (die bisher je -1- Geldeinheit gekostet haben) stoßen. Dann würde notwendig Inflation eintreten; die Güterpreise müssten sich (bei sonst gleichbleibenden Modellannahmen) auf 1,50 pro Einheit hochschrauben.
Die zusätzlichen 50 Geldeinheiten müssen irgendwo herkommen. Beispielhafte Möglichkeiten sind
·        Die Ausgabe von Willkürgeld (s. o.). Das wäre selbstverständlich keine Ersparnis (weder eine echte noch, was immer das sein mag, eine unechte). Das zusätzliche Geldangebot wäre von den Kapazitäten der Volkswirtschaft entkoppelt; die zusätzliche Nachfrage käme aus bloßem "Gelddrucken" und wäre zwangsläufig preistreibend, weil ihr kein zusätzliches Warenangebot gegenüberstände. (Und weil per definitionem - Produktion bereits auf Volllast - keine Spielräume  für zusätzliche Güterangebote existieren.)
·        Eine andere Alternative wäre die Auflösung von Geldhorten. Diese Geldhorte wären "echte" Ersparnisse i. S. der Austrians. Trotzdem hätten sie (wenn die Geldpolitik das Überangebot nicht irgendwie abschöpft) zumindest vorübergehend dieselbe preistreibende Wirkung wie eine durch Willkürgeld gespeiste Zusatznachfrage. (In diesem Zusammenhang macht es natürlich keinen Unterschied, ob die einstigen Geldhorter nun selber als Nachfrager auftreten, oder ob sie ihr Geld an Dritte verleihen und die zusätzliche Nachfrage von denen kommt.)

Es ist also zunächst (auf die Dauer dürfte das anders aussehen) gleichgültig, ob Nachfrage aus "echter Ersparnis" kommt oder nicht; entscheidend (für die Vermeidung von Inflation) ist, dass die Nachfrage die Produktionskapazität nicht übersteigt.
Auf der anderen Seite darf, zur Vermeidung von Deflation, die Nachfrage nicht allzu weit unter der Kapazitätsgrenze liegen. Diese Lage würde eintreten, wenn von 100 umlaufenden Geldeinheiten plötzlich 50 gespart würden: Dann würden nur noch 50 von 100 der angebotenen Gütereinheiten nachgefragt.
Ich denke, wenn man die Wirtschaftsgeschichte in den entwickelten Ländern nach dem 2. Weltkrieg Revue passieren lässt, hat das Fiat-Geldsystem das gefahrvolle Navigieren zwischen Inflations-Skylla und Deflations-Charybdis geradezu erstaunlich gut bewältigt.

 
Natürlich kommt es immer auf den angelegten Maßstab an. Theoretisch kann man sich eine ideale Welt erträumen, wo Angebot, Nachfrage, Sparwünsche usw. stets perfekt zueinander passen. Natürlich nur, wenn die Welt so weise wäre, das zusammenphantasierte ultimative Geldsystem einzuführen (und, abhängig von der ideologischen Ausrichtung des jeweiligen Systemträumers, ggf. auch den Staat abzuschaffen).
Das ist die imaginäre Goldglanzfolie, die man sich im Geist der Austrians hinter deren weltfremder und naiven Geldsystemkritik aufgespannt denken muss.

Legt man allerdings abstrakt die wirkliche Welt zu Grunde, mit den widerstreitenden Zielen wirklicher Menschen, oder als historische Erfahrung die Wirtschaftsgeschichte etwa des 19. Jahrhunderts mit seinen zahllosen Wirtschafts- und Finanzkrisen, dann kann man nur ehrfürchtig das relativ hervorragende Funktionieren unseres Finanzsystems in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bestaunen.
Die Kritik der Austrians (und anderer, etwa der Vollgeld-Freaks - vgl. meinen Blott "Ein Professor der vom Schlagschatz träumt: Wie Joseph Huber uns Willkürgeld als 'Vollgeld' andrehen will") beruht wesentlich auf irrigen (uneingestandenen) Prämissen, die ich bereits in einem früheren Blott als "Irrige Grundannahmen in der Gelddebatte" herausgearbeitet hatte.
Im vorliegenden Falle haben wir es u. a. mit einer dramatischen Unterschätzung der Komplexität von Wirtschaft und Gesellschaft zu tun.
Aber das ist ja ohnehin der zentrale Irrtum des libertären Kinderglaubens an einen gesellschaftlichen HB-Männchen-Mechanismus ("dann geht alles wie von selbst"), wenn man nur den bösen Staat abschaffen oder massiv zurechtstutzen würde.


Häufig liest man, dass eine exzessive Kreditvergabe zur Finanzkrise geführt habe. Und das ist es wohl auch der gemeinsame Nenner aller drei hier behandelten Werke: Die Befürchtung, dass das derzeitigen System strukturell auf eine Geld-Überproduktion angelegt ist.
Diese Betrachtungsweise beschränkt jedoch das Problem auf die finanzwirtschaftliche Dimension. Um die gesamte Wirtschaft in den Blick zu bekommen, muss man der Frage eine umfassendere Bedeutung geben.

Ohne Geld funktioniert unsere Wirtschaft nicht; es ist das Geld, das zwischen Angebot und Nachfrage vermittelt: Wer das nicht hat, kann nichts kaufen, und wenn nichts gekauft wird, stehen "alle Räder still" - obwohl das in diesem Falle der "starke Arm" der Arbeiter ganz und gar nicht will: Das kann man als einen Systemfehler betrachten. Aber das wäre dann kein Fehler des "Geldsystems", sondern ein Fehler des Eigentumssystems. (Freiwirtschaftler würden entgegnen, dass ihr "umlaufgesichertes" Geld eine ständige Bewegung des Geldes sichert. Die Frage ist allerdings, ob ein erzwungenes ständiges Geldausgeben überhaupt sinnvoll ist, und ob es überhaupt funktioniert: Wenn beispielsweise der Einlagenzins die künstliche Geldentwertung übersteigen würde, dann würde sicher immer noch Geld "gebunkert".)
Das bedeutet umgekehrt, dass die Volkswirtschaften nur dann überhaupt "rundlaufen" können, wenn ausreichend Geld "am Markt", also nicht nur geschöpft, sondern auch nachfragewirksam ist.

In diesem (realwirtschaftlichen) Sinne hätten die Banken nur dann "zu viel" Kredite vergeben (= Bankengeld geschöpft), wenn es zu einer Überhitzung der Weltwirtschaft oder zumindest einzelner Wirtschaften gekommen wäre.
Das haben wir aber nicht gesehen, auch nicht in den USA. Die Wirtschaft lief gut, aber nicht heiß, bevor es 2008 zum vollen Ausbruch der Finanzkrise kam. Nachdem es keine Überhitzung (Inflation usw.) gab, kann man in REALwirtschaftlicher Hinsicht nicht behaupten, dass die Banken zu viele Kredite vergeben hätten.

Wenn man die Feststellung akzeptiert, die Banken hätten (in bestimmten Ländern: USA, Irland, Spanien) zwar in dem Sinne ein Übermaß an Krediten vergeben, dass die Schuldner sie teilweise nicht mehr zurückzahlen konnten, aber damit lediglich eine an sich ja wünschenswerte weitgehende Auslastung der realwirtschaftlichen Kapazitäten finanziert, stellen sich Fragen:
·        Was steckt dahinter? Wie kann das sein?
·        Hätte die Wirtschaft ebenso gut funktioniert, wenn die Banken weniger Kredite vergeben hätten? (Dann fragt es sich, wo die "überschießenden" Kreditgelder geblieben sind.)
·        Wie kann man in der Zukunft die finanzielle Gesundheit der Banken mit einer gesunden Realwirtschaft, die ihr Produktionspotential ausschöpfen kann, vereinbaren?

Auf jeden Fall ist eine Betrachtungsweise verkürzt und damit als Grundlegung für einen überzeugenden Umstellungsvorschlag auf ein vermeintlich besseres Geldwesen ungeeignet, welche die Dimension der volkswirtschaftlichen Kapazitätsauslastung nicht in ihre Analyse einbezieht. Sie muss demnach erklären
·        warum es im bestehenden System trotz hoher Kreditvergabe (Geldschöpfung) keine nennenswerte Inflation gab,
·        warum es nicht zu einer Konjunkturüberhitzung kam,
·        und insbesondere auf welche Weise das vorgeschlagene "bessere" Geldsystem gewährleisten soll, dass die Kapazitätsauslastung mindestens ebenso gut funktioniert wie bislang (vor der Krise). (Und natürlich auch, warum es krisenfest oder krisenfester sein soll als das derzeitige.)

Ich selber verorte die Krisenursache, bzw. überhaupt eine wesentliche Ursache von Funktionsstörungen (scheinbar) "des Geldsystems" in einer Über-Akkumulation von Geld in einem "Übersparen" der Geldbesitzer. (Diese Theorie wird traditionell als "Unterkonsumtionstheorie" bezeichnet; ich selber bevorzuge den Begriff "Überakkumulation".).
Vorliegend geht es aber nicht um die konkrete Krisenerforschung. Sondern lediglich darum, dass jedwede Reformvorschläge für "das Geldsystem", die den Anspruch auf Seriosität erheben, diese Dimension in ihre Betrachtung einbeziehen und überzeugende Antworten auf die o. a. Fragen geben müssen. Ich gehe davon aus, dass P./P. das auch im Rest ihres Buches nicht tun.


Dass das gegenwärtige Geld gerade KEIN "staatliches Monopolgeld" ist und NICHT (ausschließlich und nicht zum größten Teil) "von staatlichen Zentralbanken produziert" wird, womit diese auch NICHT "das Geldproduktionsmonopol innehaben" (wie man ebenfalls auf S. 33 liest), hatte ich bereits oben gesagt.

Ebenso ist die Behauptung, dass "Fiatgeld für Zwangsgeld" stehe, falsch. Auch im freien Wettbewerb kann Fiatgeld geschaffen werden, und tatsächlich WIRD die Masse des Geldes (Bankengeld) im Wettbewerb geschaffen. Und historisch war es gerade der freie Wettbewerb von privaten Banken und auch Goldschmieden, der das Fiatgeld erfunden hat.
Selbst wenn "Zwangsgeld" in dem Sinne gemeint wäre, dass die Wirtschaftssubjekte einer Volkswirtschaft nur mit dieser Währung arbeiten dürfen, ist es falsch. Auch in Deutschland können Kaufleute untereinander mit US-Dollar oder welcher Währung auch immer bezahlen - wenn beide Seiten sich darauf einigen.
Dass man bei Lidl an der Kasse nur eine Währung annimmt, ist verständlich. Aber auch denen ist es nicht verboten, ihre Ware, auch innerhalb Deutschlands, etwa gegen Dollar zu verkaufen. In Orten mit starkem ausländischem Tourismus kann man in Läden und Gastronomiebetrieben teilweise auch real mit Fremdwährungen bezahlen.
Außerdem können Großkapitalbesitzer im gegenwärtigen Regime des freien Kapitalverkehrs ihre Guthaben in so ziemlich jede Währung der Welt eintauschen.
Ihre Steuern müssen die Bürger natürlich in der Landeswährung bezahlen. Aber deswegen von "Zwangsgeld" zu sprechen ist eine propagandistische Verzerrung der Fakten.


"In den folgenden Ausführungen werden die Begriffe ungedecktes Papiergeld, Kreditgeld und Fiatgeld benutzt. Sie alle sollen die heute überall anzutreffende unnatürliche Währungsordnung bezeichnen. Eine Währungsordnung, die nicht etwa spontan aus freiwilligen Markttransaktionen entstanden ist, sondern die durch Zwangseingriffe des Staates auf den Weg gebracht wurde." (S. 33).
Diese Behauptung ist, wie wir gesehen haben, falsch. Das Geldwesen wurde nicht "durch Zwangseingriffe des Staates auf den Weg gebracht", sondern ist in einem langen wirtschaftsgeschichtlichen Prozess im Zusammenspiel von Staat und Privaten entstanden. Dabei waren es die Privaten (Fernhandelskaufleute), nicht der Staat, die das Kreditgeld erfunden haben. (Der Staat hat vermutlich einfach nicht bezahlt, wenn er kein Geld hatte. Oder, soweit möglich, Sondersteuern eingetrieben. Insbesondere in Kriegszeiten hat er kurzerhand die Münze verschlechtert, womit er aber gleichfalls kein Kreditgeld geschaffen hat, sondern Willkürgeld.)

Die Abschaffung von Kreditgeld würde die Menschheit also ins frühe Mittelalter zurückkatapultieren: 100% Goldgeld wäre sozusagen monetäre Steinzeit! (Und weniger als 100% läuft letztlich auf eine allenfalls gedeckelte Variante der heutigen kreditären Geldschöpfung hinaus.)
Der intellektuellen Anspruchslosigkeit der vulgärösterreichischen Geldsystemkonzepte entspricht mithin ihr atavistischer Inhalt.

 
Überhaupt ist es paradox, dass ausgerechnet Anhänger der libertär-österreichischen Richtung die Welt in das Prokrustesbett des Warengeldes (zurück-)stecken, also die Freiheit der Wirtschaftssubjekte einengen wollen. Auf allen anderen Gebieten schwenken diese Ideologen schließlich eifrig die Freiheitsflagge.

Kreditgeld ist (wirtschaftliche) Freiheit insofern, als es ein "atmendes" Geldsystem kreiert. Es erlaubt der Wirtschaft eine quasi-automatische Anpassung von Angebot und Nachfrage; dadurch ist es ein kybernetisches Selbstregelsystem. Das zwar nicht zu hundert Prozent, weil es natürlich Eingriffe der Zentralbank (und ggf. anderer staatlicher Institutionen) gibt.
Missbrauch durch den Staat, aber auch durch Private (Stichworte Banker-Boni, Kartelle, Risikoverschleierung usw.) ist möglich. Das gilt aber ebenso und erst Recht für ein völlig privates Geldwesen.
Und vor allem ist auch ein Missbrauch der Freiheit möglich: Wenn es um eine Beseitigung von Missbrauchsrisiken ginge, könnte man auch gleich deren Abschaffung verlangen.

Sofern man es schaffen würde, das Geldwesen dauerhaft vom Staat zu trennen, müsste es ebenso möglich sein, dauerhaft einen staatlichen Missbrauch des Geldwesens zu verhindern.
Bzw. umgekehrt gedacht: Wenn letzteres unmöglich ist, warum sollte der Staat dann ein Geldsystem tolerieren, das seinem Zugriff dauerhaft entzogen wäre?

Tatsächlich geht es aber, entgegen den Tiraden der Austrians gegen den bösen Sozialstaat, beispielsweise bei den Interventionen der EZB und insbesondere der Fed ("quantitative easing") nicht so sehr um den Staat als vielmehr darum, eine Wirtschaftskrise zu verhindern, also eine größtmögliche Kapazitätsauslastung in der Güterwirtschaft zu ermöglichen (bzw., in der zeitlichen Abfolge betrachtet, aufrecht zu halten).

 
Übrigens gab es eine vehemente Debatte über die Beschränkung der Geldschöpfung bereits im 19. Jahrhundert in Großbritannien. Kurz, aber auch für Laien (wie mich) vorzüglich verständlich schildert diesen Sachverhalt Prof. Peter Spahn in dem Kapitel "Die Currency-Banking-Kontroverse um die Elastizität des Geldangebots" (S. 50 ff.) seines online verfügbaren "Buches" "GELDWIRTSCHAFT. Eine wirtschafts- und theoriegeschichtliche Annäherung" (das ich auch ganz allgemein allen an der Geldtheorie Interessierten dringend ans Herz lege!). In Großbritannien hatte man sich seinerzeit für eine ziemlich rigide Beschränkung entschieden. Das führte allerdings zu Krisen, in denen man diese formalen Beschränkungen kurzerhand aufhob. Auf dem Papier dagegen blieben sie für Jahrzehnte bestehen.
Auch hier wäre also den Austrians ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte bzw. die Geschichte des Finanzwesens nachdrücklich anzuraten. Denn selbstverständlich sind alle diese historischen Erfahrungen in unser heutiges Geldsystem eingegangen, das eben keineswegs "par ordre du mufti" mal eben so von den Staaten eingeführt worden ist.
Prof. Spahn jedenfalls kommt zu dem Schluss (S. 51): "Eine absolute Fixierung des Geldangebots destabilisiert die Geldnachfrage".
Vor Illusionen, dass man die Geldmenge überhaupt starr halten kann, warnt ein Zitat in der Anm. 155 (S. 53):
"The money-quality of assets is something imposed by the business habits of people; it is attached in varying degree to various assets [...]. To label something as 'money', the supply of which is to behave according to rules laid down by legal authority, is to build on shifting sand" (Sayers 1957: 5, vgl. Claassen 1970: 34ff, Laidler 1991: 13f)."
Die Sicht müsste eigentlich den Austrians, wenn sie ihre Obsession eines "richtigen" Geldes vorübergehend an der Garderobe abgeben könnten, sehr zusagen. Denn hier wird ja behauptet, dass sich die Marktteilnehmer ohnehin gegen jegliche staatliche Regulierung des Geldwesens durchsetzen, wenn die Regulierung den Markterfordernissen zuwiderläuft. Allerdings steht sie in Konflikt mit der vehement geforderten Begrenzung der Geldschöpfung.

Ebenfalls möchte man den Austrians eine Forderung von John Maynard Keynes ins Stammbuch schreiben, die Spahn in der Anmerkung 142 (S. 49) zum Kapitel "Die Entstehung der Geldpolitik aus dem Bankgeschäft" zitiert:
"Das richtige Heilmittel für den Konjunkturzyklus liegt nicht darin, daß wir die Aufschwünge abschaffen und somit dauernd in einer Halbstockung verharren, sondern darin, daß wir die Stockungen abschaffen und uns somit dauernd in einem Quasi-Aufschwung halten."
Ich denke, genau das hat die Geldpolitik nach dem 2. Weltkrieg jedenfalls bis zur Finanzkrise 2008 ff. relativ gut geschafft. Und nur ein solches realwirtschaftliche Ziel kann vernünftiger Weise der Sinn und Zweck eines optimalen Geldregimes se
 


Teil 3 : Thomas Mayer, "Die neue Ordnung des Geldes. Warum wir eine Geldreform brauchen", 1. Aufl. 2014
(Verlagsseite / Amazon)       Textauszug  +  Inhaltsverzeichnis   auf der Verlagswebseite

Der Text von Thomas Mayer kommt sympathischer daher als die beiden anderen Ansätze. Mayer schimpft nicht auf den bösen Staat, ohne den die Welt (nach Meinung der libertären Richtung, die heutzutage eng mit der vulgärösterreichischen Wirtschaftswissenschaft verschränkt ist) ein veritables Paradies wäre.
Allerdings ist das von ihm vorgeschlagene "Aktivgeld" reines Willkürgeld, und wäre daher in seinen wirtschaftlichen Auswirkungen wahrscheinlich noch erheblich katastrophaler als ein Goldgeldsystem.

Den online verfügbaren Textauszug aus Mayers Buch hatte ich unter dem Titel " 'Die Neue Ordnung des Geldes' oder: Warum wir Thomas Mayers Geldreform NICHT brauchen, und warum er die volkswirtschaftliche Ratio des Kreditgeldes nicht rafft" (14.10.2014) bereits separat besprochen, eine Wiederholung hier erspare ich mir.

Bereits vorher, am 10.10.2014, hatte ich Mayers Ideen anhand seines der Wirtschaftswoche gegebenen längeren Interviews kritisiert: "Mensch, Mayer: Was für ein Schwindelgeld wollen Sie uns denn andrehen?"

Mayers Ideen habe ich also schon früher ausführlich behandelt. Da er weder Goldgeld noch eine kreditäre Geldschöpfung will, sondern die Zentralbank 'einfach so' Geld (natürlich in einer wie auch immer zu bestimmenden 'richtigen' Menge) an die Bürger ausgeben soll, ist sein Geldsystem als Willkürgeld zu klassifizieren, in welchem (anders als beim Kreditgeld) es keinen Kausalzusammenhang zwischen Geldschöpfung und Güterproduktion (mehr) gibt. (Also die Geldschöpfung den Erstgeldempfänger nicht mehr dazu zwingt, zwecks Tilgung seines Kredites später selber etwas auf dem Markt anzubieten.)
Anscheinend schwebt Mayer ein "Vollgeld" nach Art der Vorschläge von Prof. Joseph Huber vor, die ich hier auseinandergenommen habe.

 
Damit im Zusammenhang steht ein Aspekt, der mir erst jetzt, und zwar in seinem oben indirekt zitierten Interview mit dem Spiegel auffällt.
Dort hatte Mayer nämlich vom "nötigen Vertrauen" der Bürger in eine Währung" gesprochen. Auf S. 25 seines Buches ist (wie in anderen Zusammenhängen schon vorher) ebenfalls vom Vertrauen die Rede:
"Aktivgeld ist mit dem Vertrauen der Nutzer ausgestattet, dass es von anderen Nutzern als Tauschmittel akzeptiert wird." (S. 25)
Daraufhin habe ich mir sein Interview "Nach der Finanzkrise droht die Geldkrise" mit der Wirtschaftswoche mit der WirtschaftsWoche noch einmal angeschaut, und siehe da: Auch dort spielt das Vertrauen eine prominente Rolle:

WiWo (Malte Fischer): "Wie soll das Aktivgeldsystem funktionieren, wenn die Banken kein Geld mehr produzieren können?"
Mayer (meine Hervorhebungen): "Im Aktivgeldsystem gibt die Zentralbank Geld direkt an die Bürger aus. Dieses wird ihnen auf den Geldkonten bei den Geschäftsbanken gutgeschrieben. Auf den ersten Blick produziert hier die Zentralbank das Geld aus dem Nichts. Aber dieses „Nichts“ ist das Vertrauen der Bürger ins Geld. Die Aufgabe der Zentralbank ist es, das Vertrauen der Bürger in das Geld zu erhalten. Das setzt der Geldproduktion enge Grenzen. Diese Grenzen können im Wettbewerb mit anderen Geldemittenten gefunden werden. Denn der Wettbewerb diszipliniert die Geldemittenten, nicht zu viel Geld auszugeben. Sonst entwertet sich ihr Geld und die Bürger ersetzen es durch ein anderes."

Wer viel von Vertrauen spricht, setzt sich, bei mir zumindest, schnell dem Verdacht aus, dass er die Leute betrügen will.
Thomas Mayer unterstelle ich diese Absicht nicht. Wohl aber dem angelsächsischen Gelddiskurs. Dem hat Mayer, der ja ein Top Banker war (ehemals Chefvolkswirt der Deutschen Bank) zweifellos die Vorstellung entnommen, dass bei der Geldproduktion lediglich das Vertrauen der Bürger in die Kaufkraftstabilität des Geldes bewahrt werden müsse, dass also die Psychologie alles ist.
Unter anderem im Rahmen der sog. "Target-Debatte" (die mein Verständnis des Geldwesens außerordentlich gefördert hat) hatte ich Stimmen (aus dem angelsächsischen Raum) gelesen, die z. B. meinten, es sei doch gar nicht schlimm, wenn etwa die Bundesbank Verluste mache [was auf "Gelddrucken" hinauslaufen würde!]. Sie müsse lediglich die Inflationserwartungen verankern und das Vertrauen der Menschen erhalten.
Eine Vermischung zwischen Realität und Erwartungen im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs ist anscheinend keine Seltenheit. Mir ist sie z. B. bei dem Begriff des Realzinses ("real interest rate") begegnet: vgl. dazu meinen Blott "Finanzkrise (Finanzmarktkrise): "Ist BEN BERNANKE BESCHEUERT oder ist Burkhardt Brinkmann blöd?" v. 09.10.2008.
Nun hatte zwar schon Ludwig Erhard gesagt, dass Wirtschaft 50% Psychologie sei, und das ist auch richtig. Indes hilft Seelenmassage wenig, wenn die Fakten das Vertrauen nicht bestätigen.

Bei der Geldschöpfung verkennt eine rein psychogische Betrachtungsweise die "Genialität" des Kreditgeldsystems.
Während Mayer vermutlich Gütermenge und Geldmenge als zunächst einmal unabhängige Variable ansieht, die von einer (mehr oder weniger) allwissenden Zentralbank in ein wie auch immer zu bestimmendes 'angemessenes' Verhältnis gebracht bzw. in einem solchen gehalten werden müssen, sorgt die kreditäre Geldschöpfung, wie oben erläutert, aus sich selbst heraus für ein entsprechendes Güterangebot am Markt.

Die subjektiven Befindlichkeiten sind zweifellos wichtig. Letztlich entscheidend ist allerdings, ob die Realität diese bestätigt - oder eben nicht. Am Ende ist es also, auch wenn es die angelsächsischen Rosstäuscher der Finanzalchemie gerne vergessen machen wollen, die Wirklichkeit, die über Vertrauen oder Misstrauen entscheidet.
Wenn das Geld Güter nachfragt, und der Markt keine anbietet, ist das Vertrauen in die Kaufkraft des Geldes futsch.
Ebenso gilt freilich umgekehrt: Selbst wenn die Wirtschaftssubjekte dem Geld zunächst misstrauen, werden sie sofort Vertrauen fassen wenn sie sehen, dass sie für ihr Geld etwas kaufen können. Ein historischer Beweis dafür ist die Währungsreform 1948: Über Nacht waren die Schaufenster voll. Die Kaufleute hatten vorher, zwar illegal, Waren in Erwartung des neuen Geldes gehortet und boten sie (erst) nach Einführung der DM an. Dass jetzt einer knappen Geldmenge ein großes Warenangebot gegenüberstand, schuf im Publikum unmittelbar Vertrauen zur neuen Währung: Der DM-Mythos war geboren.

Beiläufig zeigen diese Vorgänge übrigens auch, dass in der Wirtschaft nicht alles so gradlinig verläuft, wie sich eine schlichte Verwaltungsmentalität das vorstellt. Die Warenhortung der Kaufleute war rechtswidrig, und natürlich war sie auch schädlich für die Konsumenten, denen die Waren dadurch zunächst entzogen wurden. Für die Akzeptanz der neuen Währung war das "kriminelle" Verhalten der Kaufleute jedoch positiv. (Das hat übrigens, wenn ich mich recht erinnere, auch Ludwig Erhard jedenfalls im Rückblick so gesehen.)
 
 
Schon im September 2011 hatte Thomas Mayer in einer Rede und danach in einem (übrigens sehr lesenswerten, in weiten Teilen mit der Weltwirtschaftskrise 1929 ff. befassten) Papier unter dem Titel "I'm an Austrian in economics" seinen wirtschaftswissenschaftlichen Standort bei den "Österreichern" verortet. Aber bereits damals argumentierte er nicht dogmatisch, und zeigte sich weit entfernt vom rituellen Geschwätz der Vulgäraustrians.
Auch an seinem vorliegenden Konzept ist bestenfalls der Ansatz zu einer Begrenzung der Geldschöpfung "österreichisch".
Geradezu konträr zur (jedenfalls: libertär-)österreichischen Richtung läuft dagegen sein Konzept, die Geldschöpfung ausschließlich einer Zentralbank zu übertragen. Was Prof. Philipp in seinem Papier "A response to [Joseph] Huber" (29.04.2014) über die angeblich schon gegenwärtig bestehende planwirtschaftliche Macht der Zentralbanken schreibt, das gilt jedenfalls weitaus eher und mehr für ein Vollgeldsystem, bei dem die Zentralbanken die gesamte Geldmenge regulieren (müssen) (in dem es also kein Giralgeld mehr gibt):
"Central banks act as central planners pretending to know what the optimal money supply and the best interest rate is. However, they lack the necessary information to give their interventions a coordinative meaning."
Von daher ist Thomas Mayer eher KEIN Austrian, oder zumindest keiner jener libertären Richtung, der  die beiden hier behandelten Autorenteams Polleit/Prollius und Bagus/Marquart wohl zuzuordnen sind.
Und dass er ausgerechnet die allerschlechteste denkbare Geldform, nämlich Willkürgeld, propagiert, ist gleich gar nicht "österreichisch".
Das allerdings dürfe den anderen hier besprochenen (und vermutlich auch vielen weiteren) Vulgäraustrians kaum auffallen, weil sie ja selber beim Fiatgeld nicht zwischen kreditärer und willkürlicher Geldschöpfung zu unterscheiden vermögen.

 
 
Teil 4: Philipp Bagus und Andreas Marquart, "Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden ... und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen", 1. Auflage 2014
(Verlagsseite / Amazon)       Textauszug   +  Inhaltsverzeichnis   auf der Verlagswebseite.

Vorbemerkung:
Der online verfügbare Textauszug des Buches "Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden ... und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen" von Philipp Bagus und Andreas Marquart. ist nicht paginiert; daher habe ich meinen Ausdruck anhand des Inhaltsverzeichnisses selber durchnummeriert. Ich gehe aber davon aus, dass meine Paginierung mit derjenigen im gedruckten Buch übereinstimmt.
 
"... bisweilen lebt es sich besser als Unwissender" schreiben die beiden Monetär-Marktschreier Prof. (in Spanien) Philipp Bagus und Andreas Marquart auf S. 12 ihrer Einleitung. Damit meinen sie ihre Leser, die sie davor warnen wollen, dass ihnen ihr Buch vielleicht schmerzhafte Erkenntnisse bereiten könnte.
Diese Gefahr, bzw. die Chance, überhaupt irgendwelche substantiellen Erkenntnisse aus diesem Agitprop-Machwerk herausdestillieren zu können, ist jedoch denkbar gering.
Denn das Motto, dass man als Unwissender manchmal glücklicher ist, trifft auf die Autoren selber mindestens ebenso zu wie auf deren von der Geldtheorie unbeleckte Leser.

Wer auf S. 9 im 1. Absatz (falsch) vom
"Staatsmonopol für das Geldangebot" und "staatlichen Geldmonopol"
schreibt, jedoch bereits im 3. Absatz auf derselben Seite (zutreffend) konstatiert, dass
"der Staat den Banken [erlaubt] ..... Geld in Form von Krediten aus dem Nichts herzustellen"
der macht sich noch nicht einmal die Mühe (oder ist intellektuell nicht in der Lage), seine Argumentation auch nur auf ein und derselben (kurzen) Buchseite auf innere Widerspruchsfreiheit abzuklopfen.
Denn dass unser Geldsystem eine Mischform von staatlicher (Basis-)Geldschöpfung und privater (Banken-)Geldschöpfung darstellt, hatten wir schon oben gesehen. Implizit räumen die Autoren hier ein, dass auch sie das wissen. Trotzdem behaupten bzw. suggerieren sie gegenüber den Lesern ständig das Gegenteil: Dass es allein der Staat sei, der über den Umfang der Geldschöpfung entscheidet.


Worum es den Autoren letztlich geht, wird in Abs. 3 Satz 1 deutlich formuliert: Eine kaufkraftstabile Geldform. DAS ist für sie "gutes Geld", und gutes Geld ist nicht beliebig vermehrbares Geld. Alles andere bezeichnen sie als "schlechtes Geld".
Damit steht die Zielsetzung dieses Buches in ihrer allgemeinsten Form im Einklang mit derjenigen der beiden anderen Geldreformvorschläge.


"Was passiert mit Ihnen, wenn Sie Geld drucken? Eines ist sicher: Sie gehen nicht einmal über »Los«, Sie gehen direkt ins Gefängnis. Denn die Gauner erlauben keine Konkurrenz. Das Monopol will gut geschützt sein." (S. 10)
Auch hier finden wir den inneren Widerspruch, wenn einerseits (erneut) vom Monopol (d. h. dem angeblichen Geldschöpfungsmonopol des Staates) die Rede ist, und andererseits im Plural über "die Gauner" gesprochen wird. Damit kann nach Lage der Dinge nur das Bankensystem insgesamt gemeint sein, die staatliche Zentralbank und die (größtenteils) privaten Geschäftsbanken zusammen. Womit die Autoren auch an dieser Stelle zeigen, dass sie sehr wohl Kenntnis von der (umfangreichen) Geldschöpfung durch Private haben. Womit das angebliche Staatsmonopol widerlegt ist.

Wichtiger noch ist in der o. a. Passage die stillschweigende Falschbehauptung, dass das Bankensystem das Geld "druckt". Mit der Charakterisierung "Falschbehauptung" will ich natürlich nicht etwa die Autoren darüber belehren, dass schon seit langem nur noch relativ wenig Geld gedruckt (oder ausgemünzt) wird, sondern das auch die Geldschöpfung in der Masse nur noch ein (heute elektronischer) Buchungsvorgang ist.
Das wissen Bagus/Marquart selbstverständlich und gebrauchen, ebenso wie ich, den Begriff "Geld drucken" im bildlichen Sinne: Geld ohne Gegenwert schaffen.

Vielmehr setzen auch B./M., genau wie Polleit/Prollius (s. o.) die Geldschöpfung aus dem Nichts sachlich unzutreffend mit ungedeckter Geldschöpfung gleich. Auch sie unterscheiden nicht zwischen kreditärer Geldschöpfung, bei der das Geld jedenfalls vom Grundsatz her sehr wohl (volkswirtschaftlich) gedeckt ist, und dem Willkürgeld, das z. B. ein Geldfälscher oder auch ein Staatsorgan einfach herstellt und ausgibt.

 
Dass B./M. die Mechanismen, vor allem aber die bilanziellen Konsequenzen der kreditären Geldschöpfung nicht begriffen haben, zeigt und rächt sich gleich im nächsten Absatz auf derselben Seite 10:
"Nach Angaben der Europäischen Zentralbank hat sich die Geldmenge .... [Details lasse ich hier weg, weil für mein Argument irrelevant] seit Einführung des Euros rund verdoppelt. Hat sich Ihr Kontostand in diesem Zeitraum auch verdoppelt? Nein? Hat sich dann wenigstens Ihr Einkommen verdoppelt? Auch nicht? Dann stellen Sie sich jetzt bitte folgende Frage: »Wenn sich die Geldmenge im Euroraum verdoppelt hat, mein Kontostand aber nicht, dann muss der Kontostand eines anderen ja umso stärker zugenommen haben. Wenn derjenige vielleicht schon vorher mehr Geld hatte als ich, dann hat er jetzt ja noch mehr als ich. Dann ist der, der ohnehin schon reicher war als ich, jetzt noch reicher, und ich bin im Vergleich zu ihm relativ ärmer.« "
Bevor die Autoren ihre Leser mit irreführenden Suggestivfragen traktieren, wäre ihnen anzuraten, selber eine nahe liegende Überlegung anzustellen:
·        Wenn in unserem Geldsystem neues Geld (von Münzen und "echtem" Falschgeld abgesehen) im Kreditwege geschöpft wird, dann ist der doppelte Kontostand keineswegs ein zwingender Beweis für doppelten Reichtum. Vielmehr muss irgendwer dann auch die doppelten Schulden im Vergleich zum vorherigen Zustand haben.

Zu fragen wäre somit:
1.     Haben die Doppelkapitalisten selber jetzt die doppelten Schulden?
2.     Oder haben die Doppelgeldbesitzer die doppelte Geldmenge, aber dafür andere die doppelte Schuldenmenge?

Denn es gilt:
·          Wenn die 'Doppelgeldbesitzer' ihren Kontostand durch eigene Neuverschuldung gesteigert haben, sind sie nicht reicher geworden.
·          Wenn aber andere die doppelte Schuldenmenge aufnehmen "mussten", um die 'Doppelkapitalisten' doppelt so reich zu machen: Dann kann die Behauptung der Autoren nicht zutreffen, dass die Reichen aufgrund unseres Geldsystems immer reicher werden. Es muss dann andere Mechanismen geben, welche die "Armen" zwingen (oder dazu bringen), sich immer mehr zu verschulden, und das Geld an die Reichen abzuliefern.

Welche Sachzwänge das sind, wissen wir alle nur zu gut. Spielerisch kennen wir sie auch aus "Monopoly": Diejenigen, die kein Realkapital besitzen, müssen Tribute an die Sachkapitalbesitzer abliefern - wie in alten Zeiten die Hörigen Tribute an ihre Herren.
Heute sollten sich, anders als früher, diese "Tribute" idealer Weise in Sachkapitalinvestitionen verwandeln, die ihrerseits das realwirtschaftliche Produktionsniveau aufrecht erhalten und weiterentwickeln. Faktisch tun diese Gelder das jedoch großenteils nicht , sondern sie verschwinden offenbar irgendwo in den Abgründen des "Finanzkasinos".
Über derartige Weiterungen müssen wir an dieser Stelle nicht weiter nachdenken; hier geht es ausschließlich um die Feststellung, dass die Autoren ihre Leser täuschen, indem sie ihnen verschweigen, dass im Kreditgeldsystem einer verdoppelten Geldmenge zwingend eine verdoppelte Schuldenlast gegenüberstehen muss.
Ob der Herr Professor und sein Co-Autor es schlicht nicht besser wissen, ob sie diesen Passus gedankenlos niedergeschrieben haben weil er so gut in ihre Narrative passt, oder ob sie uns vorsätzlich beschwindeln, können wir nicht wissen. Ich unterstelle mal, dass die beiden einfach nicht darüber nachgedacht haben, was "doppelte Geldmenge" unter den Bedingungen der kreditären Geldschöpfung bilanziell überhaupt bedeutet. Denken strengt an - und stört beim Träumen.

Jedenfalls dürfen wir bereits jetzt festhalten, dass die Autoren die Verteilungsfrage fälschlich als ein Ergebnis unseres Geldsystems darstellen. Dass Reichtum real aus unserem Eigentumssystem erwächst, zeigt jeder Blick auf die Vermögensquellen von Bill Gates, Mark Zuckerberg oder der Aldi-Brüder. (Und dass Reichtum im Einzelfalle auch rasch wieder verschwinden kann, zeigen die Beispiele Grete Schickedanz - Kaufhof - oder der Zusammenbruch von Anton Schleckers Drogerieimperium.)

Ebenso zeigt jeder Blick in die Geschichte, auch in Zeiten mit Edelmetallgeld, dass es schon immer Superreiche gab: In meinem Blott "Keynes in Kempten?" vom 05.11.2009 habe ich eine Information aus einem Buch über die Geschichte der Fürstabtei (oder Fürststift, d. h. des früheren absolutistischen Kleinstaates) Kempten wiedergegeben, wonach diese Herrschaft bei ihrer Auflösung kurz nach 1800 (Säkularisation der geistlichen Territorien) 2 Millionen (Goldgulden oder was auch immer) Schulden hatte. Bei 40.000 Einwohnern.
Das sagt uns nicht nur, dass die Staaten schon damals Schuldenmajore waren. Sondern vor allem, dass es schon damals reiche Leute gegeben haben muss, welchen dem Staat derart viel Geld leihen konnten. (Und sicher auch gerne geliehen haben, um - halbwegs - sichere Zinsen zu kassieren.)

Mit den vorstehenden Feststellungen haben wir auch die Behauptung auf S. 11 widerlegt:
"In der Konstruktion unseres Geldsystems sind die wirklichen Ursachen zu finden, warum wenige zulasten vieler profitieren".
Das künstliche geschöpfte Fiatgeld ist weder notwendige noch eine zureichende Bedingung für die Konzentration des umlaufenden Geldes bei wenigen ("Reichtum").
 
 
Ein anderer Topos ist bei wohl den allermeisten Austrians der Hass auf den Sozialstaat (meine Hervorhebung):
"..... wenn Sie der Meinung sind, dass die Menschen immer egoistischer werden und immer weniger hilfsbereit sind, dann sind die wirklichen Ursachen hierfür vielleicht auch in unserem Geldsystem zu finden. In einem Geldsystem nämlich, dessen Funktionsweise die Entstehung eines gigantischen, schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaates überhaupt erst ermöglicht. Und statt einem anderen selbst Hilfe zu leisten, schiebt man diesem Wohlfahrtsstaat gerne die Verantwortung zu, mit dem Argument »Ich zahle schließlich schon genug Steuern«."

Tatsächlich hat der Sozialstaat eine ungute Tendenz, sich krakenartig auszubreiten. Dazu ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, der diese Entwicklung bereits vor über 200 Jahren geradezu hellseherisch vorhergesehen hatte.
Mit Bezug die Humanitätsideale von Johann Gottfried Herder schreibt Goethe in einem Brief von seiner Italienreise (aus Neapel): "Auch muss ich selbst sagen, halt’ ich es für wahr, dass die Humanität endlich siegen wird, nur fürcht’ ich, dass zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital und einer des andern humaner Krankenwärter sein werde."

Trotzdem ist die Behauptung der Autoren falsch, dass der gigantische Wohlfahrtsstaat ganz oder auch nur zum größten Teil aus Schulden finanziert wird.

Zunächst einmal wird der Sozialstaat großenteils gar nicht über den Staatshaushalt finanziert, sondern in einem separaten System, in welchem die Leistungen aus Beiträgen und Umlagen gespeist werden: Das gilt für die Rentenversicherung, die Kranken- und Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung und die Unfall- und Insolvenzgeldversicherungen.
Diese Beiträge und Umlagen sind zwar, ebenso wie Steuern, Pflichtabgaben. Aber immerhin werden sie im Großen und Ganzen zweckbestimmt verwendet.
Und, noch wichtiger: Dieser gesamte Komplex, der die große Masse der "Sozialleistungen" ausmacht, wird eben NICHT durch Staatsverschuldung finanziert. (Allenfalls bei den, im Verhältnis jedoch geringen, Staatszuschüssen für bestimmte Sonderleistungen der Rentenversicherung könnte man das Gegenteil behaupten.)
Zwar werden daneben andere Sozialleistungen in erheblichem Umfang aus Steuermitteln bezahlt. Aber die große Masse ist das, im Verhältnis zum beitragsfinanzierten Teil des "gigantischen" Wohlfahrtsstaates, eben nicht.
Auch hier plappern die Autoren ideologiegesättigte Phrasen nach, ohne ihre Gehirnen für eine gedankliche Prüfung solcher Behauptungen zwischenzuschalten. Alternativ müsste man, was allerdings noch schlimmer wäre, eine vorsätzliche Täuschung der Leser unterstellen.

Die implizite Forderung, dass familiäre oder nachbarschaftliche Hilfe die Sozialleistungen des Staates ersetzen möge, ist natürlich eine völlig aus der Zeit gefallene 'Dorfdenke'. Allerdings passt diese anachronistische Weltsicht der Autoren perfekt zu ihrer Goldgeld-Präferenz

Im Übrigen besteht ein großer Teil der steuerfinanzierten sogenannten "Sozialleistungen" aus Zahlungen für Eltern und Kinder. Diese sind jedoch bei ökonomisch korrekter Würdigung gar keine Sozialleistungen (auch wenn sie allgemein als solche angesehen werden).
Vielmehr gelten sie einen Renditenachteil ab (oder mindern ihn), den Eltern als (volkswirtschaftlich gesehen) "Humankapitalsparer" im Vergleich zu den Sachkapitalsparern haben (die ihrerseits auf diese "Humankapitalinvestionen" angewiesen sind, weil Maschinen ohne Menschen nicht arbeiten). (Näher habe ich diesen Komplex in meiner buchlangen Studie "Rentenreich" erklärt.)
 
 
Zusammenfassend können wir zu diesem Thema also festhalten:
·        Der allergrößte Teil der Sozialleistungen wird NICHT durch staatliche Schuldenaufnahme finanziert (und gar nicht aus dem Staatshaushalt bezahlt).
·        Von den aus dem Staatshaushalt finanzierten sogenannten Sozialleistungen ist wiederum der allergrößte Teil (Leistungen für Eltern und Kinder) bei ökonomisch richtiger Betrachtung überhaupt keine Sozialleistung, weil sie lediglich ein Marktversagen (teilweise) ausgleichen: Eltern sparen "Humankapital", bekommen aber dafür am Markt keine Rendite. Nutznießer sind die Sachkapitalsparer, die nur durch den Einsatz von Humankapital überhaupt eine Profit aus ihren Kapitalersparnissen ziehen können.

 
Es ist freilich nicht alles falsch, was die beiden Monetärrevoluzzer dem Geldmüllerlieschen verklickern. Richtig ist unter anderem der folgende Satz (S. 11):
"..... was Sie bei der Lektüre dieses Buches erwartet, würden Sie während eines Studiums an einer staatlichen Universität ohnehin nicht erfahren."
In der Tat würde sich jeder Professor an einer deutschen Universität schämen, seinen Studenten einen solchen Müll über "Gelddrucken", schuldenfinanzierten Sozialstaat oder Reichtum als Folge des Kreditgeldsystem zu erzählen.

Denn, wie die Autoren auf S. 12 richtig erkennen:
"Es fühlt sich einfach nicht gut an, wenn man erfährt, dass man belogen und betrogen wird."
Auch dieser Feststellung kann man als Leser ihres Buches (bzw. Textauszuges) nur beipflichten.

"Nach der Lektüre werden Sie ..... nachvollziehen können, warum es bei der Verwendung schlechten Geldes immer wieder zu Wirtschaftseinbrüchen kommt, warum Banken ins Trudeln geraten, warum die Preise für Güter und Dienstleistungen immer weiter steigen."
(Maßvoll) steigende Preise sind nicht per se nachteilig. Entscheidend für die Position der Geldbesitzer (soweit sie ihr Geld "arbeiten" lassen) ist immer die Realverzinsung. Preissteigerungen sind damit insoweit unproblematisch, als ihre (Netto-)Zinserträge (nach Steuern) höher sind. Das gleiche gilt für Arbeitnehmer und Unternehmer: Solange die Preise (für Konsumgüter, oder bei Unternehmen für Vorprodukte) nicht stärker steigen als die Löhne und Gewinne, machen sie bei der Inflation keinen Verlust. Wer das verschweigt, indem er Preissteigerungen an sich als schädlich hinstellt, täuscht seine unkundigen Leser auch in diesem Punkte.

Ein Problem haben Geldbesitzer dann, wenn ihre realen Zinserträge negativ sind. Dasselbe gilt für Arbeitnehmer und Unternehmer, wenn die Kaufkraft ihrer absoluten Löhne bzw. Gewinne sinkt. Eine solche Situation hat es sicherlich auch in der Vergangenheit des modernen Fiatgeldes nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben; großenteils dürfte der Realzins allerdings positiv gewesen sein.
Aus welchem Grund der Realzins (für Einlagen; die Kreditzinsen liegen i. d. R. ja höher) negativ wurde (erst seit der Finanzkrise, oder bereits vorher?) weiß ich nicht. Ben Bernanke hatte schon im Jahr 2005, und somit vor der Krise, eine "savings glut" ausgemacht, eine Sparwut, die zu einem Kapitalüberhang geführt habe ("The Global Saving Glut and the U.S. Current Account Deficit"; Rede vom 10.03.2005).
In der Tat scheint es (schon länger) so zu sein, dass die Geldbesitzer ihr Geld nicht im ausreichenden Maße ausgeben um eine weitgehende Kapazitätsauslastung der Wirtschaft zu sichern: Weder für Konsum, noch für Investitionen. Diese "Kapitalüberakkumulation" oder "Unterkonsumtionstheorie" habe ich in einer Reihe meiner Blotts thematisiert, z. B. auch unter "Der 'Eigentrag' oder: Der Zins besteht nicht nur aus Zinsen - und nicht alle Zinsen sind ein Zins".
Hier müssen wir diese Problematik nicht vertiefen oder gar lösen; es reicht der Hinweis, dass B./M. sie offenbar gar nicht erst aufwerfen und sich somit auch nicht die nahe liegende Frage stellen, ob nicht bei einer weitgehend starren (Gold-)Geldversorgung eine massive Unterauslastung der Volkswirtschaft eintreten könnte.


Offiziell halten die Austrians immer die ehrliche Arbeit hoch. Allerdings stößt, wer sich in der besonders in den USA weit verbreiteten österreichischen Bloggerszene umsieht, auf zahlreiche Vermögensberater und Kleinspekulanten. Auch bei uns entpuppt sich im Internet das österreichische Gedankengut eng mit der spekulierenden Edelmetallszene verknüpft. Deswegen steht zweifellos die Erzielung einer möglichst hohen Rendite für die Geldbesitzer im Zentrum des vulgärösterreichischen Denkens, Sinnens und Trachtens.
Indes ist Renditeerzielung kein Menschenrecht.
 
Entscheidend für die Beurteilung, ob ein Geldsystem gut oder schlecht ist, ist im Zweifel NICHT seine Kaufkraftstabilität oder seine Fähigkeit, den Geldbesitzern eine hohe Rendite zu sichern (die naturgemäß von den anderen, in der Regel den Arbeitnehmern, erarbeitet und "abgeliefert" werden müsste). Sondern seine Fähigkeit, die Realwirtschaft "auf Volllast" fahren zu helfen. (Eine florierende Realwirtschaft liegt letztlich auch im Interesse der Geldbesitzer. Aber mit einer solchen Gesamtbetrachtung, die über den Tellerrand der unmittelbar sichtbaren (scheinbaren) eigenen Interessen hinausgeht, sind die meisten Menschen (nicht nur die Austrians) überfordert.
Deshalb hier noch einmal das Keynes-Zitat von oben:
"Das richtige Heilmittel für den Konjunkturzyklus liegt nicht darin, daß wir die Aufschwünge abschaffen und somit dauernd in einer Halbstockung verharren, sondern darin, daß wir die Stockungen abschaffen und uns somit dauernd in einem Quasi-Aufschwung halten."
Andauernde "Halbstockungen", mit entsprechenden hohen Arbeitslosenzahlen, wären jedoch die unausweichliche Konsequenz einer starren (Gold-)Geldversorgung.
Nachdem die beiden Monetär-Marktschreier Bagus und Marquart den Sozialstaat in verantwortungsloser Weise pauschal schmähen muss man unterstellen, dass sie auch die Leistungen bei Arbeitslosigkeit abschaffen wollen. Wenn sie gleichzeitig ein Geldsystem fordern, das mit ziemlicher Sicherheit eine geringere Kapazitätsauslastung und damit eine deutlich höhere Arbeitslosenquote zur Folge haben würde, kann man das nur als zynisch bezeichnen. Erneut fühlt man sich in frühere Zeiten zurückversetzt: In die Mentalität des 19. Jahrhunderts. Darüber erfährt man unter dem Wikipedia-Stichwort "Goldstandard":
"Die verbreitete Vorstellung, der Goldstandard führe zu einer besonderen 'Stabilität', muss vor dem geistigen Horizont der damaligen Zeit betrachtet werden. Arbeitslosigkeit wurde überhaupt erst Anfang des 20. Jahrhunderts als ökonomisches Problem wahrgenommen. In der viktorianischen Zeit war es international üblich Arbeitslose als Faulenzer oder Vagabunden zu bezeichnen. Diese Wortwahl verrät, dass Arbeitslosigkeit als Persönlichkeitsschwäche wahrgenommen wurde und noch keine makroökonomischen Einflüsse hinter dem Ansteigen und Fallen der Zahl der Arbeitslosen erkannt wurden."


Auf S. 15 zitieren die Autoren, offenbar zustimmend, Roland Baader:
"Was die Völker jahrzehntelang vorausgefressen haben, werden sie nun jahrzehntelang nachhungern müssen."
Wir wissen, dass und auf welche Weise das griechische Volk (das jetzt nichts davon wissen will und alle Schuld auf seine Politiker schiebt) tatsächlich "vorausgefressen" hat. Dass es den entsprechenden Zeitraum nachhungern muss, ist eher unwahrscheinlich: Von den gutmütigen deutschen Steuereseln wird schon frisches Geld kommen.
ABER: Im Zitat heißt es "die" Völker. Und das kann sich nur die Gesamtheit aller Völker beziehen.
f dieser Ebene gibt es (ebenso wie in einer geschlossenen Volkswirtschaft) aber kein "Vorausfressen" in diesem Sinne. Wenn sich die einen verschulden, mehrt sich der Geldbesitz der anderen. Einzelne Gruppen können natürlich "vorausfressen". In der Summe ist die entscheidende Frage aber: Wie kann eine möglichst volle Auslastung der Wirtschaft gewährleistet werden; was kann das Geldsystem dazu beitragen (oder welches Geldsystem wäre ggf. diesem Ziel abträglich).
Wenn wir vor der Alternative stehen
·        Vollauslastung mit Schulden oder
·        Unterauslastung (mit dem entsprechenden Elend zahlreicher Menschen) ohne Schulden
dann ist eine "Schuldenwirtschaft", bzw. eine Geldmengenexpansion, allemal die bessere Alternative.
Zweifellos würden die Austrians behaupten, dass gerade ihr Geldsystem eine optimale Auslastung der Wirtschaft gewährleistet. Aber solange diese Monetär-Genies es nicht selber diskutieren, muss auch ich auf dieses hypothetische Gegenargument nicht eingehen. Das sich u. a. vor dem Hintergrund historischer Krisenerfahrungen sicherlich widerlegen oder zumindest substantiiert bestreiten lässt.
Wollte man die Äußerung von Baader nicht auf die Gesamtauslastung einer Volkswirtschaft beziehen, sondern auf das Verhältnis von Konsumausgaben zu Investitionsausgaben, wäre einzuwenden, dass die Investitionsquote in einer Marktwirtschaft eben durch den Markt geregelt wird. Und wer kritisieren will, dass etwa die Infrastrukturaufwendungen des Staates zu gering sind (die bekanntlich nicht den Marktmechanismen unterliegen), der möge das konkret tun. Jedenfalls: Auch auf diesem Sektor ist der Rückstand nicht so hoch, dass er nur durch "jahrzehntelanges Nachhungern" korrigierbar wäre.


"Geld ist ... nicht durch einen schöpferischen Akt des Staates entstanden" behaupten die Autoren auf S. 15 und versprechen zu "... erklären, wie Geld ursprünglich entstanden ist".
Zunächst einmal wäre es ausgesprochen unpraktisch, Goldnuggets als Geld verwenden zu müssen. Die sehr viel leichter handhabbaren Münzen, also genormtes Geld, sind indes sehr wohl Schöpfungen des Staates.
Daneben jubeln die Autoren ihren Lesern hier die Behauptung unter, dass Geld als Tauschmittel, und in Form von Warengeld, entstanden sei. Das ist fraglich.
Es ist durchaus möglich, dass Geld ursprünglich als Kreditgeld entstanden ist. Tatsächlich gibt es jahrtausendealte Tontafeln aus dem Zweistromland, auf denen Schulden verzeichnet sind. Und Thomas Mayer (s. o.) nimmt u. a. auch auf David Graeber Bezug, dessen Buch "Schulden: Die ersten 5000 Jahre" den Kredit, und somit zweifellos auch das Kreditgeld, durch eine jahrtausendelange Weltgeschichte verfolgt.
Unabhängig von den Prioritäten kann man auf jeden Fall sagen, dass (auch) das Kreditgeld sehr alt ist. Und vor allem gab es, was B./M. offenbar total ausblenden, im Abendland spätestens seit dem hohen Mittelalter neben Münzgeld (Warengeld) immer auch Kreditgeld. Und das nicht nur bei den Großkaufleuten, sondern als Kerbholz (engl. talley stick) auch für kleine Schulden

Für Alfred Mitchell Innes ist sogar jede Geldform, also auch Warengeld, ein Kredit.
Darüber mag man streiten; jedenfalls bieten seine beiden Aufsätze von 1913 und 1914 (verlinkt oben und in meinem Blott "Einen Kredit gibt es nicht. 100 Jahre 'Kredittheorie des Geldes' ..... von Alfred Mitchell Innes") eine Fülle von Material über die historische Funktion von Kredit als Geld.
Dass die Autoren diesen Gesichtspunkt nicht einmal ansatzweise diskutieren, sondern mit einem didaktischen Tauschmittel-Beispiel ihren Lesern suggerieren, Geld habe in der Vergangenheit immer nur als Tauschmittel existiert, zeigt ebenfalls, dass es ihnen nicht um Aufklärung geht, sondern um pure Propaganda.

Entsprechend bleibt auch auf S. 20 das Kreditgeld unerwähnt: "Die Marktteilnehmer einigen sich freiwillig auf ein bestimmtes Geld oder auch auf mehrere Geldarten, die dann nebeneinander verwendet werden. In der Geschichte waren dies meist Gold, Silber oder auch Kupfer."

Und ebenso auf S. 21 Abs. 1, wo die Existenz von Kreditgeld durch lange historische Epochen ebenso unterschlagen wird wie der Umstand, dass gerade das Kreditgeld ohne den Staat entstanden ist.

S. 21 Abs. 2 geht es um das Kernanliegen der Autoren (meine Hervorhebung):
"Was zeichnet dieses Geld – wir nennen es gutes Geld – aber aus? Warum gerade Gold oder Silber? Ganz einfach: Edelmetalle sind knapp, teilbar, homogen, billig zu transportieren und aufzubewahren, relativ leicht in ihrem Gehalt zu erkennen ....., von enormer Haltbarkeit, werden intensiv und konstant nachgefragt, und vor allem – sie sind nicht beliebig vermehrbar."
Eben das ist es, was den Autoren am Herzen liegt: Die Umstellung unseres Geldsystems auf eine Geldform, die "nicht beliebig vermehrbar" ist.
Entsprechend auch S. 22 oben: "Wir denken, dass es klar geworden ist, was unter gutem Geld zu verstehen ist." Damit kann nur die (weitgehende) Nichtvermehrbarkeit gemeint sein.

Was sie dabei unerwähnt lassen, ist die Interessenperspektive. Das ist schon deshalb völlig unverständlich, weil ausgerechnet Prof. Bagus die Existenz von "Gesellschaft" negiert und alles auf Interessen reduzieren will (s. o. über meine Facebook-Debatte mit ihm).
Und dann will er uns sein Geldsystem als objektiv - und das kann ja nur heißen: für die Gesellschaft als Ganzes - "gut" verkaufen? Das finde ich ziemlich unreflektiert!
Ebenfalls unerwähnt bleibt, dass es jedenfalls im Abendland in der Neuzeit eine volle Golddeckung nirgends gab (vgl. Stichwort "Goldstandard" in der Numispedia; s. a. Wikipedia und, sehr ausführlich, wiwiwiki.net.). Und dass neben Goldmünzen und Banknoten immer auch (weitere) Formen von Kreditgeld im Umlauf waren.
Auf einer Goldkauf-Webseite erfahren wir, dass der Goldstandard frühestens im 18. Jahrhundert begonnen habe, aber wegen unterschiedlicher Definitionen die Zeitdauer unterschiedlich zwischen 200 und 50 Jahren angesetzt wird. Goldmünzen gab es zwar auch im Abendland schon sehr viel früher; berühmt waren insbesondere die Florentiner Gulden und die venezianischen Dukaten. Aber daneben existierten unzählige andere Währungen in zahlreichen Geldformen.

Die Numispedia informiert uns auch:
"Bei den aktuellen Edelmetallkursen würde die gesamte bisher geförderte Goldmenge nicht ausreichen, um sämtliche nichtgoldenen Zahlungsmittel (einschließlich Buchgeld, das ca. 90 Prozent der Geldmenge ausmacht!) entweder als Goldumlaufgeld zu ersetzen oder als bei den Banken hinterlegte Deckung der nichtgoldenen Zahlungsmittel zu dienen. Selbst bei Einbeziehung von Silber und Platin würde zur Zeit keine volle Deckung erreicht. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass die Einführung eines vollen Edelmetallstandards für eine der Leitwährungen die Edelmetallpreise aufgrund der dann immensen Nachfrage bei nur schwierig zu steigerndem Angebot stark ansteigen ließe, so dass eine volle Deckung auf diesem Wege vorstellbar wäre, aber andererseits staatliche Verschuldungspolitik wesentlich erschweren würde."
Es würde aber keineswegs nur die staatliche Schuldenaufnahme erschwert: Für diejenigen, die Goldgeld benötigen, wäre das ein teurer Spaß, d. h. sie müssten sehr viel mehr der von ihnen produzierten Güter (bei Arbeitnehmern: sehr viel mehr Arbeitsstunden) "eintauschen", um an Gold zu kommen, als beim Papiergeld (vgl. oben, Murray Rothbard über "windfall profits"). Ich vermute, dass die Bagus/Marquart ihren Lesern auch im Rest des Buches derartige 'Nebensächlichkeiten' verschweigen.
Auf jeden Fall spricht schon diese Tatsache gegen die Annahme, dass sich in einem freien Wettbewerb Gold als Geldform etablieren würde.

Ebenfalls auf S. 21 erfahren wir bei B./M.:
"Nach der Einführung des Euro gab es schon mal Jahre, in denen nach Angabe der Europäischen Zentralbank die Geldmenge M3 mit einer Jahresrate von zwölf Prozent (!) gewachsen ist."
Nur über die Gründe, die zu dieser Geldmengensteigerung geführt haben, sagen die Autoren nichts. Und natürlich auch nichts darüber, dass dieses Geld größtenteils von den privaten Banken geschöpft wurde - und nicht von den "bösen" Zentralbanken. Wer und aus welchen Gründen sich für dieses Geld verschuldet hat (die Staatsschulden sind ja wohl kaum jährlich um 12% gestiegen?), wird ebenfalls nicht hinterfragt.

Falsch ist wiederum der zweite Teil der Behauptung S. 22 unten, dass "hinter unserem Geld keinerlei Sachwerte stecken und sein Wert nur auf Vertrauen basiert". Sachwerte stecken in der Tat keine dahinter. Das heißt aber eben nicht, dass der Wert von kreditär geschöpftem Geld nur auf Vertrauen basieren würde. Sondern auf der ihm innewohnenden volkswirtschaftlichen Deckung, d. h. letztlich auf dem inhärenten Zwang für den Kreditnehmer, seinerseits etwas am Markt anbieten zu müssen, um den Kredit tilgen zu können.
 

Ein weiterer Textauszug aus dem Buch, den ich hier nicht behandele (vermutlich aus Kap. 5 "Wie der Staat Sie mithilfe der Inflation ausbeutet") wurde am 09.05.2014 von den Deutsche Wirtschafts Nachrichten unter der Überschrift "Statistik-Lüge: Die gefühlte Inflation ist die echte Inflation" veröffentlicht.

 
Weitere Links zu Arbeiten von oder über Bagus und Marquart:


Eigene Texte von Bagus und/oder Marquart:
·        Verschiedene Beiträge im "Hauptstadtbrief"
·        "Unser Geldsystem ist Sozialismus für Reiche" Bagus in der WELT, 05.05.2014
·        "Das Geldsystem und der Staat machen uns arm", Bagus auf Telepolis, 15.05.2014
·        "Staat und Banken - eine unheilige Allianz" Bagus/Marquart, MMnews 15.06.2014

Besprechungen ihres Buches:
·        Christoph Braunschweig, Professor der Staatlichen Wirtschaftsuniversität Jekaterinburg (also in Russland; B. ist ebenfalls ein Anhänger der österreichisch-libertären Richtung) für die Junge Freiheit; erschienen am ?
·        "Sparen ist bei Regierungen unbeliebt" Saskia Littmann in der WirtschaftsWoche vom 09.05.2014
·        Ralf Streck (Telepolis 12.05.2014; ausführlich, eher kritisch; Replik von Bagus ebd. am 15.05.14 s. o.)
·        "Unser Geld ist schlecht", Andrea Wörle in FinanzMonitor vom 20.05.2014. Ihr Fazit: "Zwar stellenweise unterhaltsam, aber insgesamt ein recht ideologisches Buch. Daher ist es vor allem für Anhänger von Mises & Co geeignet und für all diejenigen, die sich mit der oben genannten Lösung anfreunden können."
·        "Auf 180 Seiten zur 180-Grad-Denkwende" titelt Diana Kupfer im Magazin ef (eigentümlich frei) vom 26.05.2014. Ideologisch ist sie, was die ökonomische Dimension angeht, mit den Autoren naturgemäß (ef!) auf einer Wellenlänge. Aber mit einem Aspekt mag sie sich ganz und gar nicht abfinden, nämlich der "konservativen bis reaktionären Gesellschaftsutopie" der Autoren (damit meint sie allerdings nicht jene Anachronismen, die ich oben identifiziert hatte, sondern Äußerungen an anderen Stellen im Buch, die offenbar in Richtung "Frauen an den Herd" gehen).
·        Auf "The European" titelt der AfD-Hasser Rechtsanwalt Heinrich Schmitz am 22.06.2014: "Die AfD-Bibel"; das ist natürlich Kokolores. Die Wirtschaftswissenschaftler (Lucke, Starbatty) und Praktiker (Henkel) an der Spitze unserer AfD würden dieses Buch wahrscheinlich nicht einmal mit der Kneifzange anfassen. Allerdings ist Schmitz' bissige Kritik durchaus lesenswert, und ich denke, in den allermeisten Punkten kann ich ihm folgen. Seinen Tiraden gegen meine AfD natürlich nicht. (Übrigens bin ich selber mit Heinrich Schmitz bei Facebook "befreundet" - aber definitiv nicht mit dem libertären AfD-Anhänger identisch, den er verschiedentlich erwähnt.) ;-)
·        Klaus Peter Krause, Volkswirtschaftler und ehemaliger FAZ-Redakteur (Wirtschaft!) und heute als Blogger, aber auch als Autor der "Die Freie Welt" tätig (herausgegeben von der Zivilen Koalition, dem Netzwerk von Sven und Beatrix von Storch, die ihrerseits Europaabgeordnete der AfD ist - wo sich dann also doch noch ein AfD-Bezug auftut), fordert in einer ziemlich euphorischen Besprechung vom 09.12.2014 in seinem Blog "Lesen Sie dieses Buch" (ebenso bei FW). Nun ja ...
·        Die Amazon-Kundenrezension (mutmaßlich - fast - alle von wirtschaftswissenschaftlichen Laien) sind zum allergrößten Teil sehr positiv. 6 Kommentatoren haben jedoch dem Buch lediglich einen Stern, also die schlechteste Bewertung, gegeben. Darunter der Kommentator L. Kotzor: "Das Ganze ist in höchstem Maße unseriös: Bagus nennt sich Professor, verschweigt aber, dass er nur Professor in Spanien ist, wo für diesen Titel ein Doktor reicht. [Dass Bagus das verschweigt, mag übertrieben sein. Und Professor ist er ja nun einmal. Aber die Information, dass ein Professor in Spanien kein Habilitierter sein muss ist nicht nur allgemein interessant, sondern auch ganz konkret angesichts der intellektuellen Dürftigkeit dieses Machwerks.] Ähnlich Marquart. Er hat niemals studiert und war sein leben lang Finanzdienstleister - sprich Strukturvertriebler - und niemals Banker, wie angegeben.* Wenn ein Finanzdienstleister Ahnung von dem hätte, was er da ja tagein tagaus dem "kleinen Mann" andreht, dann würde er nicht als Finanzdienstleister arbeiten...... . Die Autoren führen vermehrt Scheinargumente auf (oder haben einfach keine Ahnung) und ziehen oft sehr unlogische Schlüsse. Es tut wahrlich weh, das zu lesen." Das deckt sich mit dem Eindruck, den ich selber aus der Lektüre des online verfügbaren Auszugs gewonnen habe.     * Dem tritt Marquart in einem Kommentar zum Kotzor-Kommentar teilweise entgegen: "Nur kurz und nur, weil Sie falsche Behauptungen aufstellen: 1983 Lehre zum Bankkaufmann und bis 1998 als Bankkaufmann / Fachwirt in der Bank tätig."



Schluss: Wer sind die Nutznießer des Monetärobskurantismus?

Zusammenfassend halten wir fest:

·        Alle 3 Bücher fordern ein System, in welchem Geld nicht beliebig vermehrbar ist

·        Polleit/Prollius und Bagus/Marquart haben offenbar Goldgeld im Sinn.

·        Thomas Mayer hält das für verzichtbar und will durch entsprechende institutionelle Vorkehrungen (Geldschöpfung nur durch Zentralbank) für eine Geldmengenbeschränkung sorgen. Allerdings fordert er eine Form der Geldschöpfung, die weder Warengeld noch Kreditgeld schafft. Und damit Willkürgeld, bei dem keinerlei automatischer Zusammenhang zwischen Geldschöpfung und Güterangebot besteht. Dadurch wird es zur gefährlichsten, weil inflationsträchtigsten Geldform überhaupt.


Auf eine zentrale Frage (die schon in der Überschrift aufgeworfen wird) bin ich bislang noch gar nicht eingegangen:
Wer profitiert (nicht unmittelbar materiell, sondern propagandistisch im gesellschaftlichen Diskurs) davon, wenn das Volk die Ursachen für die Finanzkrise im Geldsystem sucht?

Aus meiner Sicht ist eine solche Verortung eindeutig eine Verschleierung der wirklichen Krisenursachen. Denn nicht irgendein Geldsystem macht die Reichen immer reicher, sondern ihr Eigentumsrecht, das es ihnen ermöglicht, "Tribute" zu erheben (= ihr Eigentum mit Gewinn zu vermieten oder zu verkaufen).
Das wäre für sich wahrscheinlich kein Problem, wenn die Besitzenden ihr so aus der Realwirtschaft herausgezogenes Geld dort wieder als Nachfrage einspeisen würden: Durch Konsumausgaben und/oder durch Investitionen. Das scheinen sie allerdings in großem Umfang nicht zu tun. Teilweise können sie gar nicht so viel verkonsumieren, wie sie verdienen. Andererseits sehen sie in der Realwirtschaft aber auch keine renditeträchtigen Investitionsmöglichkeiten. Das liegt allerdings auch an ihrer eigenen Kapitalüberakkumulation: Weil sie selber ihre Hortgelder großenteils nicht an die anderen Wirtschaftsteilnehmer als Nachfrage nach deren Dienstleistungen und Produkten zurückgeben, fehlt es aus der Investorenperspektive an der erforderlichen Kaufkraft, um neue Investitionen zu tragen.
Ein Teufelskreis also.

Natürlich kommt in solchen Debatten den Gegnern schnell der Marxismus-Vorwurf über die Lippen. Das ist aber kein valides Argument. Denn entweder besteht der von mir als wahrscheinliche (tiefere) Krisenursache identifizierte Mechanismus - oder eben nicht.
Von den Vulgäraustrians unterscheidet sich meine Betrachtungsweise u. a. auch dadurch, dass ich meine Vermutung zum Krisenhintergrund eben als Vermutung ansehe, oder, genauer, als eine Arbeitshypothese, die im Detail (in einem umfassenden Forschungsprojekt) erst noch verifiziert werden müsste. Und damit natürlich auch falsifiziert werden könnte. (Vgl. dazu etwa meine Blotts "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein denke!" vom 28.02.2010 und " 'Manhattan Project' für die Wirtschaftswissenschaften!" vom 28.02.2013.)


Die Fragwürdigkeit des gedanklichen Ansatzes aller Autoren, die scheinbare Störfaktoren im Geldsystem nur dort zu suchen, lässt sich durch einen Vergleich mit der Medizin verdeutlichen (der seinerseits auf den altbekannten Vergleich vom Geldumlauf mit dem Blutkreislauf anspielt).
Wenn die Venen verkalkt sind käme niemand auf die Idee, diesen Defekt dadurch heilen zu können, dass man im  'Blutsystem' nur noch rote oder weiße Blutkörperchen zulässt, das Verhältnis von Hämatokrit zu Plasma ändert, mehr Wasser zugibt usw.
Beim Geldsystem indes glauben sämtliche Monetärschamanen (keineswegs nur solche, die sich der österreichischen Schule der Wirtschaftswissenschaften zurechnen) am Geld herumdoktern zu müssen und zu dürfen. Nur wenige Wirtschaftswissenschaftler ziehen die Möglichkeit in Betracht, dass die Probleme in der realwirtschaftlichen Sphäre liegen könnten, bzw. an der Schnittstelle von Geldwirtschaft und Realwirtschaft.


In der Summe muss ich den oben behandelten 5 Autoren attestieren, dass sie die tiefe Einsicht des Kerkermeisters Rocco aus der Oper Fidelio eindrucksvoll bestätigen:
"Wenn sich nichts mit nichts verbindet, ist und bleibt die Summe klein."

Nur die Fortsetzung der Arie müssen wir ein wenig modifizieren:
Wer kein bess'res Wissen findet, wird sehr real bald hungrig sein!


Nachträge 01.01.2015:

Vgl. zum Gesamtkomplex "Austrians/Libertäre + Geldsystem" auch meinen früheren, mehr allgemein gehaltenen und relativ kurzen Blott "Warum die Libertären nichts vom Geldwesen verstehen" (22.06.2014).

Umfangreiche Argumente gegen einen Übergang zur Goldwährung präsentiert ein Günter Hannich in einer vierteiligen Artikelserie "Goldwährung ist kein Ausweg" (Teil 1) vom 28.09.2010 ff. auf seiner Webseite Europa-Crash.de. Hannich fordert anscheinend ein zinsfreies Geldsystem; dem stehe ich eher reserviert gegenüber. Aber seine Argumente gegen Gold als Geld überzeugen (mich). Aus der Zusammenfassung in Teil 4 (v. 13.10.2010; meine Hervorhebungen):
"Gegenüber ihren großen Nachteilen hätte eine Goldwährung höchstens zwei Vorteile: keine Inflation und - psychologisch bedingt– höheres Vertrauen in die Währung. Übersehen wird dabei jedoch, dass wir heute gar keine nennenswerte Inflation mehr haben und dass es noch keine Probleme mit dem Vertrauen in unsere heutige Papierwährung gibt. Selbst der ungeliebte Euro wird von Jedem akzeptiert. Mit der Goldwährung sollen also Probleme gelöst werden, die wir gar nicht haben.

Die Geschichte zeigt, dass eine Inflation noch nie das große Problem war. Selbst in der Hyperinflation 1923 in Deutschland hatte fast Jeder ausreichend zu essen und Arbeit. Demgegenüber gab es Hunger, Arbeitslosigkeit, Elend und schließlich Krieg bei der Deflation der 30er Jahre. Durch eine Goldwährung dagegen würden massive Verwerfungen entstehen:
  • Deflation wahrscheinlicher als Inflation: Beim Anschein einer Krise (Beispiel: 11. September 2001) zieht sich das Goldgeld sofort vom Markt zurück, und die Wirtschaft gerät in eine sich selbst verstärkende Deflationsspirale.
  • Schwache Länder bluten aus, da sie kein Gold besitzen und das Kapital bei fehlendem Wechselkurspuffer immer von den schwachen in die starken Länder abwandert.
  • Zwischen unterschiedlichen Ländern bestehen keine Ausgleichsmechanismen, denn die Währungen sind über das Gold starr gekoppelt.
  • Die wenigen großen Goldbesitzer erlangen mehr Macht über das weltweite Geld: Eine Minderheit bestimmt über die Wirtschaft.
Die Vorliebe für ein Goldgeld resultiert aus einer völlig falsch verstandenen Funktion des Geldes. Viele Leute meinen, Geld selbst müsse einen Wert haben. Dabei übersehen sie jedoch, dass die „Deckung“ des Geldes bereits die Waren und Leistungen sind, die durch Geld nur besser tauschbar sind als direkt. Geld ist also nichts anderes als ein Vermittler, der den Erwerb von beliebigen Waren oder Dienstleistungen erleichtert."
"
Gold - die ewige Währung" lautet der Titel einer ausführlichen und informativen CAPITAL-Reportage vom 23.12.2013. Claus Hecking informiert darin u. a. auch über die hohen Förderkosten (die bei Einführung von Goldgeld natürlich das Geld entsprechend teuer machen würden) und die starken Kursschwankungen des Goldpreises.

In dem Interview "Eine Goldwährung wäre archaisch und unmodern" vom 10.11.2012 bringt Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank, ein weiteres Argument gegen eine Goldwährung (meine Hervorhebung):"... den Wert unseres Geldes direkt an den Wert des Goldes zu knüpfen, ist völliger Unsinn. Die Goldpreise haben in den letzten 30 Jahre relativ zum Dollar oder relativ zu D-Mark und Euro dramatisch geschwankt. Hätten wir unser Preisniveau an das schwankungsanfällige Gold gekoppelt, was wir dann für eine dramatische Entwicklung bei unserem Preisniveau gehabt? Uns hätte abwechselnd Inflation und Deflation geblüht.[Interviewer:] Aber hätte sich der Goldpreis nicht ganz anders entwickelt, wenn Gold die Basis unserer Währung gewesen wäre?
Wahrscheinlich ja. Nur wie, ist unklar. Wir hätten beispielsweise trotzdem in den letzten 15 Jahren eine massive Zusatznachfrage nach Gold aus China und Indien gehabt. Dort sind Frauen reicher geworden. Und gerade dort möchten sie sich gerne mit Gold schmücken, zum Beispiel zur Hochzeit. Wollen wir wirklich, dass die Hochzeitssitten in Indien und der Aufstieg einer indischen Mittelklasse unser Preisniveau um die Hälfte sinken lassen muss, wenn sich dank dieser Zusatznachfrage der Goldpreis verdoppelt
."



Nachtrag 23.02.2015

In einer "Review of Treatise on Money by Joseph A. Schumpeter" von einem Jo Michell findet sich in der Anm. 2 folgender Hinweis:

"Schumpeter is highly critical of the chartalist approach of Knapp ([1905] 1924) as well as dismissing monetary reformers: 'A sharply-defined type of social reform monomaniac sees money, it's reform or abolition, as a social panacea . . . ' (p. 4)"
Das ist insofern amüsant, als sich zumindest in Foren die Vulgär-Österreicher unter anderem gerne Schumpeter als einen ihrer Ahnherrn anführen, der ihre Ideologie beglaubigen soll.

 
 
ceterum censeo
Zerschlagt den €-Gulag
und den offensichtlich rechtswidrigen Schlundfunk der GEZ-Gebühren-Gier-Ganoven!

Textstand vom 27.04.2016.
Für Paperblog-Leser: Die Original-Artikel in meinem Blog werden im Laufe der Zeit teilweise aktualisiert bzw. geändert.

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