Sonntag, 14. Dezember 2008

Finanzkrise: Eine ungeheure kommunikative Erregung bemächtigt sich der Menschen weltweit

Mir scheint, als habe sich im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise eine ungeheuere kommunikative Erregung der Welt bemächtigt. Ich selbst habe zur Finanzkrise, Wirtschaftskrise bzw. Weltwirtschaftskrise mittlerweile schon so viele Blotts publiziert, und derart umfangreiche (leider nicht alle thematisch scharf abgegrenzte), dass ich bald für mich selbst eine Übersicht werde erstellen müssen.


Nachfolgend aber zunächst einmal einige einschlägige Google-Suchergebnisse:


"Kommunikative Erregung": Wider Erwarten nur -4- Treffer, keiner davon im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise.

"Finanzkrise2008" = 185 Treffer.

"Finanzkrise 2008" = 28.000 Treffer.

"Finanzkrise" = 9.450.000 Treffer


"Finanzmarktkrise2008" = 1 Treffer.

"Finanzmarktkrise 2008" = 1.260 Treffer

"Finanzmarktkrise" = 946.000 Resultate.


"Wirtschaftskrise2008" = 6 Treffer.

"Wirtschaftskrise 2008" = 1.760 Treffer.

"Wirtschaftskrise" = 2.160.000 Resultate (darunter zweifellos enorm viele, die mit der aktuellen krise nichts zu tun haben)


"Weltwirtschaftskrise2008" = 0 Ergebnisse.

"Weltwirtschaftskrise 2008" = 2.360 Treffer.

"Weltwirtschaftskrise" = 452.000 Resultate (man darf wohl vermuten, dass sich die Mehrzahl davon auf die 'Great Depression' der Jahre 1929 ff. beziehen).



Für den englischsprachigen (anglophonen) Raum (bzw. genauer: für die in Englischer Sprache geführten Diskurse; da sind sicherlich auch Webseiten aus Deutschland, Frankreich, Japan usw. dabei) können folgende Trefferquoten vielleicht einen Anhaltspunkt für den Umfang der Debatte geben:

"financial crisis2008" = 134 Treffer

"financialcrisis2008" = 593 Treffer

"financial crisis 2008" = 147.000 Treffer

"financial crisis" = 26,8 Mio. Resultate


"economic crisis 2008" = 22.100 Ergebnisse

"economic crisis 2008" = 21.600 Treffer

"economic crisis" = 12 Mio. Treffer


"world economic crisis 2008" = 512.000 Resultate

Die "world economic crisis " generiert lediglich 502.000 Ergebnisse. Zumindes diejenige von 1929 ist insbesondere in den USA eher als "Gereat Depression " geläufig.
"Great Depression" = 8.190.000 Fundstellen.

Auch hier kann man natürlich anhand dieser Zahlen nicht auseinander halten, was älteres Material ist bzw. in welchen Fällen die Begriffsverwendung durch die aktuelle Situation induziert wurde.


Interessant wird es sein, die weitere Entwicklung der o. a. Werte zu verfolgen.




Textstand vom 14.12.2008. Auf meiner Webseite
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Wenn es in der Wirtschaft kracht - rettet sie der Blogger Geistesmacht?

Danke an Diemo Dietrich vom Team des deutschen (wenn auch vorwiegend auf Englisch geschriebenen) akademischen Wirtschaftsblog "Global Financial Markets" für den Hinweis "Econobloggers are just about to change the way of policymaking. If someone looks for a good reason for blogging, see here."

"Here" ist dort der Boston Globe, in welchem Stephen Mihm meint:

"So, you want to save the economy? All you need is a keyboard and a few good ideas. Inside the influential new world of econobloggers" und diese Meinung in einem langen Artikel begründet. Eines seiner Beispiele:

"Late last month, Barry Ritholtz, who runs the financial blog The Big Picture, tried to convey to his readers the cost of the ongoing bailout of the financial system. Using inflation-adjusted numbers put together by a research group, he showed that the money spent (or pledged) thus far was larger than the combined cost of the Louisiana Purchase, the Marshall Plan, the New Deal, the Vietnam War, and the nation's entire space program. Within a week, readers of his blog had converted the data into pie charts and graphs. By then, his analysis had become part of the national conversation on the bailout, cited by everyone from conservative columnist David Brooks to liberal talk-show host Rachel Maddow."

Bei uns freilich kann (noch???) keine Rede davon sein, dass
"The blogs offer a rolling crash course in economics as authoritative as any textbook, but far more accessible. It's a conversation that's simultaneously esoteric and irreverent, combining technical discussions of liquidity traps and yield curves with profane putdowns and heckling headlines. In the process, the bloggers have helped to democratize policy making, throwing open the doors on the messy business of everything from declaring a recession to structuring the most expensive government bailout in history."

Natürlich geht es nicht um Laienmeinungen wie die vorliegende des bellenden Hundes, sondern um "financial-industry insiders like Ritholtz" und besonders "... academic economists who were starting to put their ideas online: Berkeley's Brad DeLong, for example, George Mason University's Tyler Cowen, and New York University's Nouriel Roubini, all of whom began blogging in 2003 or shortly thereafter".

Freilich referiert der Historiker (Geschichtsprofessor) Mihm, wohl zustimmend, eine Meinung, wonach die Wirkungsmacht der Wirtschaftsblogger eher indirekter Natur ist, nämlich über den herkömmlichen Journalismus:
"The real leverage of blogs is that journalists read them," says Yves Smith, creator of Naked Capitalism, a hard-hitting blog that covers Wall Street. Barry Ritholtz of The Big Picture agrees. "The blogs are influencing what is put on the table for debate."

Hier auch ein Link auf dem Blog von Prof. Martin Klein zu dem o. a. Boston-Globe-Bericht.

Nachtrag 26.12.2008
In der Rubrik "Medien" in DIE ZEIT vom 17.12.2008 schreibt Jens Jessen über den südkoreanischen Blogger "Minerva": "Kassandra kommt. Wie im Internet zwielichtige Propheten zu Volkshelden werden". Nachtrag dazu v. 09.01.2009: "Financial blogger arrested in South Korea" berichtete Christian Oliver aus Seoul in der Financial Times vom 04.01.2009. Danach hat die Regierung Minerva eingebuchtet. [Hier muss ich über meine eigene Formulierung grinsen: ist das etwa typisch für Regierungen, dass sie die Weisheit im Knast verschwinden lassen?] Ihr war nicht die Geistesmacht (die nicht unumstritten war), sondern die Meinungsmacht des Bloggers "Minerva" in der südkoreanischen Gesellschaft, "the world’s most-wired economy", ungeheuer geworden.





Textstand vom 09.01.2009. Auf meiner Webseite
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Dienstag, 9. Dezember 2008

Guten Morgen Bundesbank! Auch schon ausgeschlafen?

Das scheue Kapitalreh zu vertreiben, sollte eine der leichtesten Übungen für Banken sein. Einfach keine Rendite anbieten, und wenn der Nullzins nicht hilft, notfalls noch Strafzinsen verlangen.

Wenn die Zentralbanken nicht einmal fähig sind, unwillkommene Geldeinlagen zu verjagen - wie wollen die dann die Wirtschaft ankurbeln?
Während bei den Geschäftsbanken Geldeinleger in der Regel willkommen sind, ist es für eine Konjunkturbelebung erforderlich, dass die Anleger kein Geld bei der Notenbank deponieren. "Anleger" sind hier allerdings nicht Privatpersonen, auch nicht irgendwelche Firmen, sondern eben die Geschäftsbanken. Die werden derzeit von den Zentralbanken mit Geld vollgepumpt bis zum Geht-nicht-mehr, in der Erwartung, dass sie es in die Wirtschaft durchreichen. Doch was tun die? Parken es bei den Zentralbanken!

Die Klagen darüber (vgl. z. B. hier den Artikel "Banking crash hits Europe as ECB loses traction" von Ambrose Evans-Pritchard vom 30. Septemver 2008), in zahlreichen Meldungen spätestens seit dem Ausbruch der Bankenkrise im September / Oktober dieses Jahres ständig wiederkehrend, habe ich allerdings nie verstanden. Die Notenbanken hätten es doch selbst in der Hand, den Geldfaulenzern das Parken bei sich zu verleiden? Ist ja schließlich ein nahe liegender Gedanke, dass man, wenn man das Geld nicht haben will, die Einlagenzinsen auf Null senkt (an Strafzinsen hatte ich noch nicht einmal gedacht).

Ich frage mich, warum es so lange gedauert hat. Bereits am 01.12.2008 hatte ich im ZEIT ONLINE Blog "Herdentrieb" (im Kommentar Nr. 26 zum Eintrag "Niemand hat Angst vor Inflation" von Dieter Wermuth die Frage aufgeworfen, aus welchen Gründen es die Notenbanken zulassen, dass dass Geschäftsbanken, die ihre Reserven dort deponieren, überhaupt Zinsen erhalten.

Jetzt endlich kommen unsere Zentralbanker langsam auf den Trichter:
"Nach Informationen des Handelsblatts aus Regierungskreisen werden neben einer Clearingstelle weitere Ergänzungen diskutiert. In der Bundesbank wie im Finanzministerium hält man es für denkbar, die Konditionen für Einlagen bei der Zentralbank so zu verschlechtern, dass die Banken keinen Anreiz mehr haben, ihr Geld bei den Notenbanken zu parken. Im Gespräch sind ein Nullzinssatz und eine Strafabgabe für solche „Parkguthaben“ bei der Bundesbank, erfuhr das Handelsblatt " berichten Sven Afhüppe und Daniel Goffart im Handelsblatt vom 08.12.2008 unter dem Titel "Strafabgabe für „Parkguthaben“. Berlin prüft neue Banken-Garantie". Der Bürger darf jetzt darüber rätseln, warum es den Bankern nicht eher aufgefallen ist, dass man unerwünschte Gelder fernhalten kann.
Eine weitere Frage ist, ob die Europäische Zentralbank (EZB) und die Zentralbanken in anderen Ländern (auch das Federal Reserve System - Fed - in den USA, falls dort ebenfalls Banken Geld bunkern) ebenfalls einschlägige Maßnahmen ergreifen werden. Denn die Geldparkerei ist kein spezifisch deutsches Phänomen:
" 'Banken legen ihre überschüssige Liquidität lieber zu niedrigeren Zinsen bei der Zentralbank an, als sie einer anderen Geschäftsbank zu leihen', hieß es in den Kreisen. Diese Vertrauenskrise sei kein typisch deutsches Phänomen, sondern auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten."


Und schließlich bleibt die Frage offen, ob und wann solche Maßnahmen bei uns tatsächlich ergriffen werden, bzw. aus welchen Gründen ggf. nicht?


Im übrigen könnten die Zentralbanken den Konsum auch in einer sehr viel direkteren Form ankurbeln, als über Offenmarktoperationen, Diskontfenster usw. Sie bräuchten lediglich den Geschäftsbanken Billigstkredite zu geben, z. B. zu 1% Zinsen (oder zu dem Satz, der sich bei einer Versteigerung ergibt) und diese mit der Auflage zu versehen, sie für Verbraucherkredite, mit einem bestimmten festen Zinssatz, zu verwenden. Natürlich müssten die Notenbanken ihrerseits den Zinssatz auch für die gesamte Kreditlaufzeit stabil halten; die Banken müssten diese Kredite bei den Notenbanken im gleichen Rhythmus abtragen wie sie von ihren Kreditnehmern ratenweise Rückzahlungen erhalten. Die Zentralbanken könnten auch, um Mitnahmeeffekten vorzubeugen, die Ausleihungen an weitere Kriterien knüpfen, z. B. sie nur denjenigen Banken geben, die schon aus eigenen Mitteln Verbraucherkredite in Höhe von, sagen wir, 80% oder 90% ihres längerfristigen Durchschnitts vergeben haben. Knauserbanken würden dann leer ausgehen und hätten einen Wettbewerbsnachteil.
Notfalls könnte man die Geschäftsbanken mit ähnlichen langfristigen Anreizen auch dazu bringen, wieder mehr und günstigere Kredite an Firmen zu vergeben.

Das Kreditrisiko müsste selbstverständlich bei den Geschäftsbanken bleiben; schließlich wollen wir ja keine Subprime-Blasen erzeugen.

Ich selbst stehe jeglichen Ankurbelungsmaßnahmen zwar skeptisch gegenüber, weil uns ein kräftiger Konjunkturaufschwung binnen kurzem wieder in die Ressourcenfalle führen würde. Aber wenn man partout Konjunkturmaßnahmen für erforderlich hält, wäre es m. E. besser, dafür die Kreditnehmer zahlen zu lassen anstatt den Staat, also letztlich die Steuerzahler, Konjunkturpakete über Staatsschulden - Deficit Spending - finanzieren zu lassen.

Nachträge 26.12.08:

Dass die EZB sich kurzfristig bemühen wird, kreative Methoden der Kreditzufuhr zu entwickeln, anstatt stur auf die traditionellen Notenbankinstrumente zu setzen, kann man sich aber vermutlich abschmincken:
"Nach Ansicht von DekaBank-Chefökonom Ulrich Kater dürfte eine Geldpolitik jenseits des Leitzinses die EZB anders als deren US-Kollegen derzeit noch nicht beschäftigten. 'Sie werden erst darüber nachdenken, wenn sich die Konjunktur in Europa ab Mitte 2009 überhaupt nicht belebt' " erfahren wir im Handelsblatt-Bericht "Druck auf EZB steigt. EZB-Ratsmitglied: Zinssatz unter zwei Prozent möglich" vom 17.12.08.

Immerhin will die EZB aber nun wohl zumindest (gewissermaßen) die Gebühren für das Geldparken erhöhen: "Kreditklemme. EZB prüft Senkung des Einlagezinses" berichtet das HB vom 16.12.08.


Nachtrag 28.1.09:
Sie ist wirklich (halb) wach geworden, die Europäische Zentralbank (EZB): hat jetzt (am 15.01.09) die Leitzinsen sehr differenziert (nicht) geändert. Wie in dieser Aufstellung (Zeitreihe ab 1999) auf der EZB-Webseite ersichtlich, hat sie den Hauptrefinanzierungssatz um 0,50 Prozentpunkte gesenkt und den Spitzenrefinanzierungssatz gleich gelassen. Die Zinsen der Einlagefazilität, also den Zinssatz für Gelder, welche die Banken (vorübergehend) bei ihr anlegen wollen, hat sie dagegen von 2 Prozent auf nur noch 1 Prozent abgesenkt. Jetzt sollte es eigentlich äußerst unattraktiv für die Banken sein, ihr Geld bei der EZB zu parken.


Nachträge08.02.2009

Es scheint sich etwas zu bewegen bei der 'Euro-Fed' der Europäischen Zentralbank. Diesen Eindruck muss man jedenfalls gewinnen, wenn man den Zeit-Online-Artikel "Zinspolitik. Furcht vor der Liquiditätsfalle" von Alexandra Endres vom 5.2.2009 liest:
"Die EZB lässt den Zins unverändert. Sie sollte direkt Kredite an Firmen vergeben, um die Konjunktur zu stützen, fordern Ökonomen. Doch EZB-Chef Trichet hält sich zurück." Das macht noch keinen sehr bewegten Eindruck, aber am Schluss wird Trichet zitiert (meine Hervorhebung):
"Die Debatte dürfte sich nach dem EZB-Treffen am Donnerstag fortsetzen – auch innerhalb der Zentralbank. Ihr Chef Trichet deutete jüngst an, die EZB sei bereit, auch unorthodoxe Mittel gegen die Krise einzusetzen. Welche das sein könnten, ließ er jedoch offen. "Bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt tun wir Dinge, die nicht mehr Standard sind, und man könnte noch mehr tun. Wir werden sehen. Ich kündige nichts vorab an und ich schließe auch nichts aus", sagte er."

Einige im vorliegenden Diskussionszusammenhang wichtige Bemerkungen (die mir überhaupt in der öffentliche Debatte unterbelichtet scheinen) finde ich in einem ganz anderen Kontext (Kritik an Einflussnahme der Politik auf Kreditvergabe) in dem Handelsblatt-Aufsatz "US-Banken: Wer die Musik bezahlt ..." von Rolf Benders. Dort erfahren wir einiges über das Verhältnis von Bankkrediten zu Gesamtkrediten (meine Hervorhebungen):
"Blagojevich & Co stützen sich bei ihren Forderungen auch auf den in der breiten Öffentlichkeit als gesichert geltenden Befund, dass die Banken zu wenige Kredite vergeben und damit Schuld an der sich vertiefenden Rezession tragen. Tatsächlich zeigen die Statistiken der US-Notenbank Fed, dass die US-Geschäftsbanken trotz der Rezession ihre Kreditvergabe 2008 sogar um 5,6 Prozent ausgedehnt haben. Vergessen wird bei diesen Diskussionen regelmäßig, dass die traditionellen Institute seit einiger Zeit für die Kreditversorgung der Wirtschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Ihr Anteil sank seit 1982 von 40 Prozent auf 22 Prozent. Den Rest stellten Geldmarktfonds und die Verbriefungsmaschinen der Investmentbanken bereit."
Im Zusammenhang mit den von mir im o. a. 1. Nachtrag angeführten Forderungen nach direkter Kreditvergabe durch die EZB ist Benders Folgerung relevant (auch wenn sie konkret nur die US-Verhältnisse im Auge hat) :
"Da es derzeit faktisch unmöglich ist, Darlehen, in Anleihen verbrieft, am Markt weiterzuverkaufen, ist diese Kreditquelle weitgehend versiegt. Daher sind die Ankaufprogramme der Fed für diese Bonds, mit denen der Verbriefungsmarkt wieder in Schwung gebracht werden soll, so wichtig."


Nachtrag 05.08.2009
Wie die Privatbanken von den Stützungsmaßnahmen des Staates und der Notenbanken auch indirekt profitieren, erläutern Henny Sender und Tobias Bayer in dem Artikel "Geldmaschine Rezession. Staatsschulden machen die Banken reich" vom 03.08.2009.
"2500 Mrd. $ werden die USA diese Jahr an Schulden machen. Die Platzierung der entsprechenden Anleihen ist ein hochlukratives Geschäft. Doch auch die Notenbanken lassen Geld regnen: Denn ihre Ankündigungen treiben Bonds stets in vorhersehbare Richtungen. .....
Die Finanzinstitute verdienen dabei nicht nur mit dem Staat, sondern auch mit den Notenbanken. Die US-Notenbank kauft Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere im Umfang von 1750 Mrd. $ auf. Da sie ihre Pläne stets im Voraus bekannt gibt, bieten sich für die Wall Street automatisch Gewinnchancen: Vor dem Kauf durch die Notenbank steigen die Kurse, vor der Emission durch das Finanzministerium fallen sie. Beides ist gut für die Banken
."






Textstand vom 05.08.2009. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 7. Dezember 2008

Die große(n) Depression(en): Die beiden Weltwirtschaftskrisen im Vergleich. Überlegungen und Links

Man kann schon darüber streiten, ob die erste Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 ff. wirklich die erste war. Bereits im Jahre 1857 hatte sich eine amerikanische Wirtschaftskrise über die damaligen Finanzzentren ausgebreitet (mehr dazu im Portal "Boerse.de"). Aber zum einen waren die Volkswirtschaften und die Finanzbeziehungen der Welt damals weniger eng verflochten als heute, und zum anderen waren auch Industrie und Finanzwesen weniger entwickelt. Nicht einmal die Krise Anfang der 30er Jahre hat damals wirklich alle Länder mit gleicher Wucht erfasst; Japan hatte nur eine Rezession, von der es sich ziemlich schnell wieder erholte.

Trotzdem liegt der Vergleich der weltwirtschaftlichen Ereignisse, der Finanzkrisen bzw. Finanzmarktkrisen des Jahres 1929 (WWK I) und 2008 (WWK II) bereits deshalb nahe, weil beide Male im Oktober die Börsen gewaltig crashten. So ist er auch schon seit einiger Zeit in aller Munde.

Über die Gründe, warum wer diesen Vergleich verwendet, spekuliert z. B. Daniel Gross in der Newsweek-Webseite vom 22.11.08 "MONEY CULTURE. Don’t Get Depressed, It’s Not 1929". Ich freilich bin weniger überzeugt, dass man derartige Parallelisierungen einfach mit der Interessenlage der Finanzmanager begründen bzw. abtun kann. Dagegen sprechen schon Sachverhalte, die in der Einleitung von Gross' Artikel angesprochen werden: "Instead of out-of-work men asking, 'Brother, can you spare a dime?' we have executives asking Congress if it can spare $100 billion." Eben! Die Summen, um die es heute geht, sind Schwindel erregend.

Während ich freilich davon überzeugt bin, dass die Probleme ihrer Dimension nach vergleichbar sind, glaube ich nicht an eine völlige Parallelität und insbesondere glaube ich nicht, dass wir die aktuelle Finanzmarktkrise, Finanzkrise und Weltwirtschaftskrise mit demjenigen Wissen wirksam bekämpfen können, welches die Wirtschaftswissenschaft aus der ersten Weltwirtschaftskrise (WWK I) gewonnen hat.



Welche identischen Elemente finden wir in beiden Krisensituationen (bzw. in den der Krise vorausgehenden Zeiträumen)?


- Hohe Verschuldung (Überschuldung) der Verbraucher

- Eine vorausgehende laxe Geldpolitik (umstritten, vgl. z. B. Sebastian Dullien "Das Zinsmärchen", FTD vom 14.04.2008; s. dort aber andererseits die qualifizierte Gegenmeinung in den Leserkommentaren von Heinrich -Henry- Kaspar!).

- Überschuldung des Staates (allerdings damals europäischer Staaten, vor allem Deutschlands, heute der USA - das ist wiederum ein Unterschied, weil damals die Krise dennoch -ebenfalls- von den USA ausging)

- Auf jeden Fall lässt sich aus diesem Sachverhalt aber das Vorliegen massiver internationaler Ungleichgewichte als Gemeinsamkeit von WWK I und WWK II abstrahieren.

- Verschiedene Autoren haben auch schon in den 20er Jahren einen Immobilienboom ausgemacht und sehen in dessen Zusammenbruch eine Ursache für WWK I.

- Ein gewisses Auslaufen einer technologischen Entwicklungsphase. Automobile und Radios waren seinerzeit, jedenfalls in den USA, relativ ausgereift und so weit verbreitet, dass keine riesigen neuen Käuferschichten mehr erschlossen werden konnten. Das gleiche könnte man heute vielleicht vom Computer und Handy sagen. Überlegungen in diese Richtung, charakterisiert mit Begriffen wie "Lange Wellen" und "Kondratieff-Zyklen" sind allerdings weitaus schwerer zahlenmässig zu fassen als z. B. die Geldpolitik des Federal Reserve Bank Systems in den USA.
- In beiden Fällen ging den massiven Kurseinbrüchen am Aktienmarkt eine Rezession voraus; die USA sollen sich jetzt bereits seit Dezember 2007 in einer Rezession befinden.


Andere Elemente sind dagegen nicht vergleichbar:

- Die Währungen beruhen heute nicht mehr auf einem Goldstandard; evtl. Verzerrungen können (wenigstens bei denjenigen Währungen, die frei floaten) durch den Markt korrigiert werden. (Ob der Markt das leistet, erscheint allerdings fraglich, denn zumindest nach herkömmlichem Verständnis -conventional wisdom- sollte der Dollar als Währung eines total überschuldeten Landes eigentlich abstürzen; statt dessen ist er in den letzten Monaten im Vergleich zum Euro aber sogar gestiegen.

- Die Notenbanken (auch die EZB) haben heuer ihre großzügige Geldversorgung der Märkte nicht eingeschränkt, sondern im Gegenteil ausgeweitet.

- Die Zinsen wurden dieses Mal (und werden noch) zügig und drastisch gesenkt.

- Es gibt, bislang jedenfalls, keine protektionistischen Aktivitäten der einzelnen Staaten und keinen Abwertungswettlauf (jedenfalls sofern nicht hinter dem Anstieg des US-Dollars die Notenbanken -EZB- stecken).

- Schon seit einigen Jahren sind die Rohstoffpreise, insbesondere die Rohölpreise, dramatisch angestiegen. Das war Ende der 20er Jahre wohl nicht der Fall, zumindest habe ich davon noch nie gelesen. (1938 zogen die Rohstoffpreise dann wieder an, wegen der Rüstungsproduktionen und der entsprechenden Bevorratung der Länder). Unabhängig davon, ob man diesem Element schon an der Krisenursache einen Anteil zugestehen will, dürfte es - egal, ob wir es einkalkulieren oder nicht - der beherrschende (genauer wohl: limitierende) Faktor bei der Möglichkeit (oder Unmöglichkeit) einer Krisenbewältigung sein bzw. werden.



Detaillierte Überlegungen kann ich, momentan zumindest, nicht leisten; ich will hier indes einige Gedankenfetzen festhalten, die mir u. a. bei der Lektüre des Aufsatzes "Theories on the Great Depression: Harris, Sklar and Carlo: Secular Stagnation, Disaccumulation, Monopolies-Overproduction and the Long Waves" (ohne Autorenangabe; hier wird als Verfasser ein Reuben L. Norman Jr. genannt.) kamen:
- Grundsätzliche Frage: Kausalitätssuche auf welcher Ebene: 'Wo steckt die Kausalität in der Kalamität'?
- Strukturelle Elemente, evtl. Geldpolitik und/oder Fiskalpolitik (usw.) nur verschärfend?
- Gibt es "die" Kausalität überhaupt? Kausalitätenmix, Kausalitätenverstärkung. Notwendige und zureichende Bedingungen für die krisenhafte Zuspitzung?
Einige Textexzerpte möchte ich hier gleichfalls fixieren (bei der Lektüre ist zu berücksichtigen, dass der Essay bereits im Jahre 1998 erschienen ist, also nicht die aktuelle Krise adressiert):
"The causes of the Great Depression have been difficult to determine. Moreover, broadbased financial data series which would be necessary to establish the definitive interpretation do not exist. What we are left with is a hodge-podge of theories, some specific, limited data and large amounts of anecdotal information. Almost all interpretations are heavily riven with the politics of the particular writer. ......
... any serious writing about today's problems needs to have a perspective on the causes of the Great Depression
" [diese Meinung kann man wohl heute noch unterschreiben].
Der Autor zitiert aus einem 1943 erschienen Buch über die vermuteten Ursachen von WWK I:
"The thirties provide a striking example of "stagnation" combined with highly dynamic economic and social development. Even in the best year of the decade the American economy failed by a wide margin to achieve full employment of available resources. Yet technological progress continued at a rapid pace, productivity rose markedly ..., and in the second half of the decade gross private investment averaged nearly $10 billion a year. The trouble again was not there was no investment, but that investment was not enough to keep income at a level that would fully use the country's tremendous productive resources." Daraus folgert er:
"The problem was not that private industry was not investing in the economy, but that not enough investment was being made to keep employment at high levels. Thus strong technological progress could exist side by side with weak employment levels." Ähnlich später: "It was not simply that less investment was being made, but that much of the money was being spent upon increasing efficiency and decreasing the number of jobs in a stable or declining country-wide output."
Und abschließend meint Norman:
"The bright forecasts in magazines like Wired may be highly over optimistic of how the new Internet revolution will turn out. It may well be that the stock market increases of the period from 1996 through summer 1998 had an empirical basis, in that greater individual company profits seemed more realizable under an Internet-driven system. Yet rapid profit increases must usually have a real basis in efficiency increases, driven finally towards massive overproduction and/or underconsumption. Ultimately, either must result in a mountain of inventory or huge levels of over capacity. Given the just-in-time model of most industrial sectors, huge inventories may not exist today, but world wide over capacity in both manufacturing and raw commodities is a fact seen in most daily accounts of the market. The problem today is whether or not the move towards the Internet represents a new phase of secular stagnation-disaccumulation. If this should prove true, then capitalism may well be facing its final crisis and the solution to that crisis will either sustain modern civilization or see it slowly erode in tribalism and petty wars."
Nun, der Zusammenbruch der Technologie-Blase Anfang des neuen Jahrtausends hat nicht zu der von Norman erwarteten Krise geführt; jetzt aber ist sie wohl da, und der letzte Satz könnte sich, wenn man ihn auf einen sich verschärfenden Rohstoffmangel bezieht, durchaus noch als prophetisch erweisen.


Nachträge 27.12.2008:

Bernd Müller sah offenbar schon am 26.11.2007 eine krisenhafte Entwicklung kommen und verglich (in seinem allerdings laufend aktualisierten) Artikel "Weltwirtschaftskrise" auf seiner Webseite Deutschland-Debatte die Weltwirtschaftskrise von 1929 ff. einerseits mit der Gründerzeitkrise von 1873 und andererseits mit der aktuellen Lage. Sein Fazit:
"Die Wirtschaftskrisen 1873 und 1929 sind nur in erster gröbster Näherung mit der heutigen Situation vergleichbar. Sie taugen nicht, ein Erklärungs- und Verhalternsmuster aufzuzeigen. Es gibt sicherlich einige Identitäten, die so dass Anzeichen auf eine drohende Krise nicht wegzuwischen sind. Was aber viel ärger ist, ist die Tatsache, dass die Rahmenbedingungen 1873 und 1929 viel mehr Lösungsoptionen beinhalteten."

Eine relativ ausführliche Darstellung der WWK I im Deutschland Ende der 20er / Anfang der 30er Jahre leistet Alexander Jung in einem SPIEGEL-Special Geschichte vom 29.01.2008: "WEIMARS ENDE. STURZ IN DEN RUIN".


Nachtrag 21.01.2009
In einem Zeit-Artikel, ohne Datumsangabe auf der Webseite (aus dem Text wird aber erkennbar, dass er Ende 2001 geschrieben wurde) stellen Peter Temin und Hans-Joachim Voth Überlegungen an zum Thema "WIRTSCHAFTSKRISE. So fern und doch so möglich", und ziehen dabei natürlich auch Erfahrungen aus der Großen Depression heran. "Sorgen hatten die Leute" damals, in 2001, kann man im Rückblick ironisch sagen. Aber vielleicht war es gerade diese - nach heutigen Maßstäben bei der damaligen Wirtschafts- und Finanzdatenlage völlig unverständliche - Depressionsfurcht, die uns heute die große Krise beschert hat. Denn wahrscheinlich hat die kleine Konjunkturdelle des Jahres 2001 den damaligen Gouverneur der US-Notenbank Alan Greenspan veranlasst, die Geldhähne aufzudrehen. Und damit dem Finanzmarkt die 'irrational exuberance' der folgenden Jahre zu erlauben, welche jetzt zum furchtbaren Kater geführt hat.


Nachtrag 08.02.2009
Hier im Blog "Macro and Other Market Musings" des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Prof. David Beckworth einige Links zur aktuellen amerikanischen (Fach-)Debatte über Erfolg oder Misserfolg des Rooseveltschen "New Deal".


Nachtrag 12.02.09
Kein Witz: Smiley hat einen interessanten Artikel über die Great Depression verfasst. Nicht 'das' Smiley natürlich, sondern der Gene Smiley. Und zwar als (längerer) Lexikoneintrag der "Concise Encyclopaedia of Economics" (eine Internetpräsenz mit zahlreichen ausführlichen Artikeln von teilweise hochkarätigen Wirtschaftswissenschaftlern) auf der Webseite "Library of Economics and Liberty". (Dort auch Verweise auf weitere Artikel usw.)
Ganz ideologiefrei ist die Seite wohl nicht; sie scheint eine ziemlich ausgeprägte Tendenz gegen staatliche Regulierung ökonomischen Handelns zu haben. Das ist nicht grundsätzlich schlecht oder falsch, aber natürlich wird dabei manchmal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet bzw. ausgeblendet, dass die freie Wirtschaft gelegentlich (momentan zum Beispiel) allzu übermütig sein und dann leicht den Bach runtergehen kann. Dennoch: wenn man sie nicht unkritisch liest, sind die Lexikoneinträge und auch die sonstigen Artikel auf der Seite hochinteressant (vgl. beispielhaft die Stichwort "Bankruptcy", "Housing" (mit Staunen liest man dort, dass der Markt für US-Wohnimmobilien garnicht so unreguliert ist, wie man sich das bei uns leicht vorstellt) oder auch "Marxism". Sehr lesenswert auch die biographischen Einträge über berühmte Wirtschaftswissenschaftler (vgl. z. B. "Friedrich August Hayek").

Für Vergleiche mit anderen historischen Momenten (1620, 1873) siehe jetzt auch meinen Blott "Die Credit Default Swaps als (potentielles) Kipper- und Wipper-Regime der Gegenwart. Wie die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft Forderungen ...".


Nachtrag 17.02.09
Pro memoriam, für mich und für evtl. einschlägig interessierte Surfer, gebe ich nachfolgend einige Links (mehr oder weniger Zufallsfunde) zu Webseiten, auf denen die Weltwirtschaftskrise (insbesondere in Deutschland) aus der Mikroperspektive, auf der Ebene der Lokal- oder Landesgeschichte, dargestellt wird:
Hugo Jensch hat auf seiner Homepage "Beiträge zur Geschichte Pirnas" u. a. auch recht umfangreiche Texte über "Pirna zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929-1933" eingestellt.
Hier ein Eintrag im Historischen Lexikon Bayern.


Nachtrag 01.03.2009
Das erste Kapitel von Ben Bernankes Buch "Essays on the Great Depression" mit dem Titel "THE MACROECONOMICS OF THE GREAT DEPRESSION. A comparative approach" ist hier online. Der Anfang enthält u. a. das bekannte Zitat über die Suche nach einem (wissenschaftlichen) Verstehen der Großen Depression als Heiliger Gral der Volkswirtschaftslehre (meine Hervorhebung):
"To understand the Great Depression is the Holy Grail of macroeconomics. Not only did the Depression give birth to macroeconomics as a distinct field of study, but also—to an extent that is not always fully appreciated—the experience of the 1930s continues to influence macroeconomists' beliefs, policy recommendations, and research agendas. And, practicalities aside, finding an explanation for the worldwide economic collapse of the 1930s remains a fascinating intellectual challenge. We do not yet have our hands on the Grail by any means, but during the past fifteen years or so substantial progress toward the goal of understanding the Depression has been made."


Nachtrag 27.04.09
Unter der Überschrift "A Tale of Two Depressions" vergleichen die US-Ökonomen Barry Eichengreen und Kevin H. O’Rourke die Weltwirtschaftskrise I mit der WWK II (6.04.09):
"Often cited comparisons – which look only at the US – find that today’s crisis is milder than the Great Depression. In this column, two leading economic historians show that the world economy is now plummeting in a Great-Depression-like manner. Indeed, world industrial production, trade, and stock markets are diving faster now than during 1929-30. Fortunately, the policy response to date is much better. .....
To summarise: the world is currently undergoing an economic shock every bit as big as the Great Depression shock of 1929-30. Looking just at the US leads one to overlook how alarming the current situation is even in comparison with 1929-30.
The good news, of course, is that the policy response is very different. The question now is whether that policy response will work. For the answer, stay tuned for our next column.
"
[Mittlerweile gibt es ein Update vom 4.6.09; dazu die "Editor’s note" (meine Hervorhebungen): "The 6 April 2009 Vox column by Barry Eichengreen and Kevin O’Rourke shattered all Vox readership records, with 30,000 views in less than 48 hours and over 100,000 within the week. The authors will update the charts as new data emerges; this updated column is the first, presenting monthly data up to April 2009. (The updates and much more will eventually appear in a paper the authors are writing a paper for Economic Policy.)"]
[Mehr über die Webseite VoxEU s. dort im "About": "VoxEU.org is a policy portal set up by the Centre for Economic Policy Research (www.CEPR.org) in conjunction with a consortium of national sites. Vox aims to promote research-based policy analysis and commentary by leading scholars. The intended audience is economists in governments, international organisations, academia and the private sector as well as journalists specializing in economics, finance and business. Assistance for the Centre's work on Vox has been provided by the European Union .....]


Nachtrag 18.05.2009
Marc Hansmann, mittlerweile Stadtkämmerer von Hannover (hier sein wissenschaftlicher Lebenslauf und die Liste seiner Publikationen) hat im Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1999/2, S. 179-193, einen interessanten Forschungs- und Literaturbericht über die WWK I, also die Great Depression publiziert, und zwar insbesondere über das damalige Geldsystem (Goldstandard) und die mutmaßlich krisenverursachenden oder krisenverschärfenden Auswirkungen der damaligen Geldpolitik: "Deflation statt Inflation? Historische Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise". (Die erste Hälfte ist momentan hier, die zweite dort online.) Brandaktuell klingt es, wenn er mehrfach auf die Gefahren einer Deflationsspirale hinweist, z. B. am Schluss: "Letztlich lässt sich die Lehre aus der Geschichte ziehen, dass es einen internationalen Deflationstrend unbedingt zu vermeiden gilt. Wenn das erkannt wird, wäre - gerade im Vergleich zur Weltwirtschaftskrise - bereits viel gewonnen".


Nachtrag 04.06.09
Zwei Artikel des Wirtschaftshistorikers Harold James zur Great Depression und zum Vergleich mit unserer WWK II:
"Weltwirtschaftskrise. Das amerikanische Trauma" ist ein längerer Aufsatz in der ZEIT vom (schon!) 03.04.2008:
"1929 kam es zum größten Börsencrash aller Zeiten und später zur Weltwirtschaftskrise. Wiederholt sich die Geschichte? Schon folgen manche Politiker und Finanzprofis alten Reflexen".
Als ein "Desaster auf Raten" beschreibt James die WWK I in einem kürzeren Artikel in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 07.05.09:
"Der Vergleich der aktuellen Wirtschaftskrise mit dem Börsencrash von 1929 hinkt. Erst der Kollaps mehrerer Banken 1931 machte aus einer Rezession eine Depression – mit gravierenden Folgen...".


Nachtrag 21.06.2009
Sehr informativ in unserem Zusammenhang ist auch der Blog-Eintrag "What Recovery? Myths, Lies, and Green Shoots" auf der (anscheinend den US-Demokraten nahe stehenden) Webseite "The Economic Populist". Einen Autornamen kann ich nicht entdecken; im About der Webseite erfahren wir: "The Economic Populist is a Community Blog and Forum. Leave your partisanship at the door, bring your shrinking middle class paycheck and let's discuss real trade, economic, budget, fiscal, tax, labor and immigration policy that is in our interests and the United States National Interest. Who can post here? Anyone sane and wanting to talk about economic issues such as the above." Jedenfalls ist es jemand, der Ahnung von Wirtschaftswissenschaft hat. Ein Datum finde ich ebenfalls nicht; anhand der bei den Kommentaren angegebenen Daten muss der Eintrag spätestens vom 20.06.2009 stammen. Auszüge (Hervorhebungen von mir; der Original-Blott enthält zahlreiche Tabellen und ist deshalb naturgemäß weit informativer als die nachfolgenden Extrakte):
"There are those that honestly think you can make a sustainable economy based on people buying things they don't need with money they don't have. Then there are those who just want to sucker in the sheeple so they can fleece them one more time.
Finally, there are the sheeple themselves - so scared that they will buy into any feel-good message about Green Shoots that the politicians and media sells them, and even defend it
." [Eine köstliche Typologie der aktuellen Interessenrichtungen der Menschen in der Krise!]
"What none of these three groups want is for the general public to know what the actual numbers really are. They don't want me to show you what I am about to show you.
There's been two studies done recently that put things into perspective. One was done by Barry Eichengreen and Kevin O’Rourke [s.o., Webseite vox.eu] , both professors of economics. The other was done by Paul Swartz for the Center of Geoeconomic Studies. ["Quarterly Update: The Recession in Historical Context", bei Abfassung dieser Ergänzung Stand = 05.06.09.]
As you can see, worldwide industrial output is dropping as fast as it did during the Great Depression, while world trade is dropping even faster ... .
The other two charts show monetary inflation and massive government deficits. The two are directly related.
Those academics who are afraid of deflation think that these are good things. Consumers that are trying to stretch their meager paychecks think otherwise.
On a worldwide level, the recent stock market rally still doesn't come close to bringing us back to the disastrous level of the Great Depression.
Focus on America
Some will try to write off the charts above that this doesn't reflect what is happening in America. As if America is some sort of island disconnected from the rest of the world.
For those people I want to present a few other charts.
US Industrial Output
The drop is [in?!] America's industrial output mirrors the drop in the world's industrial output, as well as the Great Depression experience.
It's a similar story for the stock market.
...and for our trade with the rest of the world.
As mentioned above, we have managed to avoid deflation with our massive deficit spending, but that also means the prudent are being punished in order to bail out the debtors.
Meanwhile the crash in home prices puts the Great Depression experience to shame. The consequences of this cannot be understated.
Finally we have unemployment. The common refrain from the Green Shooters is that the unemployment rate isn't nearly as bad as during the Great Depression, when unemployment hit 25%. While technically true, it is also dishonest for two reasons.
#1) Unemployment didn't suddenly jump up to 25% overnight. It took four years to get there.
If you start counting from April 2008 (around the time that Bear Stearns went under), like most of the charts above do, then we are only 14 months into this Depression. The equivalent period of time during the Great Depression would take you to the fall of 1930.
So what was the unemployment rate in 1930? 8.7%. What is the unemployment rate today? 9.4%.
#2) The unemployment rate was measured differently during the Great Depression. For instance, there was no "discouraged workers" category. You were either employed, or not employed. You didn't fall out of the ranks of the unemployed because you didn't send someone a resume that week. Thus the unemployment numbers of today will understate real unemployment in a way that they wouldn't during the Great Depression.
"
[S. a. hier]

Dirk Hofschire fand im November 2008 "Five Reasons Why Today is Different From the Great Depression":
"- There are some similarities between today’s financial and economic climate and the Great Depression, but those similarities do not mandate that the world is predestined to follow a path into a decade-long depression.
- Moreover, there are clear differences between the current state of the U.S. and global economies and the early 1930s.
- The level of bank failures and unemployment, while worsening in recent months, is nowhere near the dire levels seen during the 1930s.
- Most importantly, unlike during the early years of the Great Depression, the Federal Reserve and U.S. government have moved aggressively to counter-act deflationary forces with an array of extraordinary actions and stimulative spending.
- The dramatic policy responses by central banks and governments around the world in 2008 underscores that we are living today in very different times than the world experienced 80 years ago, and it may serve investors well to take those differences into account.
" [Letzteres tun die Spekulanten jetzt, im Juni 2009, gerade: sie lassen an den Börsen die Sektkorken knallen in der Erwartung, dass es kräftig bergauf gehen werde mit der Wirtschaft.]
Ich halte es freilich noch nicht für ausgemacht, dass diese Unterschiede durchweg positiv zu bewerten sind. Die Politik der Geldüberschwemmung kann durchaus gravierend negative Folgen haben. Vor allem übersieht Hofschire einen sehr wesentlichen Unterschied der Weltwirtschaftskrisen 1929 ff. und 2008 ff.: In der WWK I hatten wir es nicht mit einer Ressourcenverknappung zu tun; in der WWK II dagegen schon! Und so kann es geschehen, dass zwar die Krisenstruktur unterschiedlich ist, die Auswirkungen für die Menschen heute aber nicht besser als damals. Wahrscheinlich wird es uns auf nicht allzu lange Sicht sogar weitaus schlechter gehen, aber das hat dann nichts mehr mit den klassischen Begriffen von Konjunktur und Rezession zu tun. Sondern mit Knappheiten, wie man sie früher nur in Kriegen, kaum aber in "normalen" wirtschaftlichen Notzeiten, kannte.

Auf der Webseite des Bundesministeriums für Wirtschaft wurde im Juni 2009 (die Jahreszahl der Veröffentlichung darf man sich, nicht sehr nutzerfreundlich, aus dem Copyright unten am Fuß der Seite raussuchen) ein Vergleich der beiden WWKs publiziert: "Die Weltwirtschaftskrise von 1929: Nicht vergleichbar mit der aktuellen Rezession":
"Besteht die Gefahr, dass sich die Große Depression von 1929 wiederholt? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Juni-Ausgabe des Monatsberichts 'Schlaglichter der Wirtschaftspolitik'."
Die Diagnose lautet, von mir zusammengefasst, "nicht identisch". Aber was besagt das schon? Die Autoren meinen, dass es weniger schlimm kommen wird als damals. Das wird sich erst noch zeigen müssen. Ein Satz wie der folgende ist jedenfalls nicht sehr wissenschaftlich*, weil hier Äpfel (Fakten) und Birnen (Prognosen) verglichen werden(aus dem Abschnitt "Entwicklungsmuster nur vordergründig vergleichbar"; meine Hervorhebung):
"Auch die sich abzeichnenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind mit der Zeit der Weltwirtschaftskrise nicht vergleichbar. Im Jahres durch - schnitt 1932 ist die Arbeitslosenquote in den USA bis auf 23,6 Prozent und in Deutschland bis auf 17,3 Prozent angestiegen."
[*Deswegen ist es auch nur recht und billig, wenn bei der Google-Suche weltwirtschaftskrise vergleich (jedenfalls per 21.06.09) nicht solche obskuren Polit-Papiere an erster Stelle erscheinen, sondern die fundierte Studie von CANABBAIA ;-) ]


Nachträge 26.07.2009
In seinem kurzen Aufsatz "Gezielte Angriffe auf die Geldwertstabilität" vom 19. Februar 2009 bringt Michael Kordovsky auch einige (pessimistisch stimmende) Vergleichsdaten der beiden Weltwirtschaftskrisen, u. a. zum Schuldenstand:
"1929 herrschten viel solidere Rahmenbedingungen als heute, weshalb die gegenwärtigen Konjunkturbelebungsmaßnahmen langfristig sogar die Finanzkrise verschärfen. .....
Die Gesamtverschuldung der US-Wirtschaft betrug Ende der 20er-Jahre knapp 160 % des BIPs, verglichen mit 384 % heute. Dabei blieb ein Spezifikum der heutigen Zeit, nämlich ein laut BIZ weltweites Derivate-Volumen von 863 Billionen US-Dollar bzw. von mehr als der 15fachen Weltwirtschaftsleistung, unberücksichtigt. Die Sparquote war in den 20er-Jahren wesentlich höher. Vor allem Unternehmen wirtschafteten vorsichtiger. Zwischen 1910 und 1950 hatten die meisten der 10 größten US-Unternehmen mindestens 70 Cent an liquiden Mitteln für jeden Dollar an Schulden. Heute werden nur noch 10 Cent pro Dollar Schulden gehalten ... .
."

An einer unwahrscheinlichen Stelle, nämlich auf einer Webseite über "American Poetry", erhalten wir nicht nur in zwei Texten zusammenfassende Informationen über die Große Depression in den USA und die (erste) Weltwirtschaftskrise, sondern vor allem auch einen visuellen Einblick in die damalige Lebenssituation der Arbeitslosen (Fotos, darunter die berühmten von Dorothea Lange) und in den damaligen gesellschaftlichen Diskurs über die Krise (Zeichnungen usw., häufig mit Kritik an der Oberschicht bzw. den Reichen).


Nachtrag 27.10.09
Einige wenige, aber übersichtliche Vergleichsdaten präsentiert fundresearch.de auf S. 2 der Kurzstudie "Sind die große Depression von 1929, der Ölpreisschock von 1973 und die aktuelle Finanzkrise wirklich miteinander vergleichbar?"; allerdings datiert die Studie bereits vom März 2009.


Nachträge 20.12.09
Eine Reihe von Texten betr. historische Vergleiche unserer aktuellen Krise hat der amerikanische Wirtschaftsprofessor Michael Bordo verfasst und dankenswerter Weise auch auf seiner Homepage eingestellt. Vgl. auch seinen Aufsatz "The crisis of 2007: some lessons from history" auf der Debattenseite Voxeu.
Eine Kavalkade durch die Geschichte machen (vermutlich; ich habe das Papier nicht gelesen und werde - leider - wohl auch nicht dazu kommen) Carmen M. Reinhart von der University of Maryland und dem NBER [das amerikanische "National Bureau of Economic Research"] und Kenneth S. Rogoff, Harvard University and NBER in ihrer online lesbaren Arbeit (124 S.) "This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises."
Hier die Zusammenfassung (Abstract):
"This paper offers a “panoramic” analysis of the history of financial crises dating from England’s fourteenth-century default to the current United States sub-prime financial crisis. Our study is based on a new dataset that spans all regions. It incorporates a number of important credit episodes seldom covered in the literature, including for example, defaults and restructurings in India and China. As the first paper employing this data, our aim is to illustrate some of the broad insights that can be gleaned from such a sweeping historical database. We find that serial default is a nearly universal phenomenon as countries struggle to transform themselves from emerging markets to advanced economies. Major default episodes are typically spaced some years (or decades) apart, creating an illusion that “this time is different” among policymakers and investors. A recent example of the “this time is different” syndrome is the false belief that domestic debt is a novel feature of the modern financial landscape. We also confirm that crises frequently emanate from the financial centers with transmission through interest rate shocks and commodity price collapses. Thus, the recent US sub-prime financial crisis is hardly unique. Our data also documents other crises that often accompany default: including inflation, exchange rate crashes, banking crises, and currency debasements."
Eine Erweiterung (vielleicht auch Popularisierung) der in diesem Arbeitspapier gewonnenen Einsichten dürfte das kürzlich erschienene Buch des Autorengespanns sein:
"This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly", auf Deutsch erschienen als "Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen".


Nachtrag 26.12.09
Einen Überblick über den Stand der Ursachenforschung (oder eher zu den innerhalb der Weltwirtschaftskrise wirksamen Kausalketten, welche die ungewöhnliche Dauer der Weltwirtschaftskrise, insbesondere in den USA, verursacht haben?) zur Great Depression gibt, für den Stand per 1993, der Aufsatz "Financial Factors in the Great Depression" von Charles W. Calomiris. Nach meinem (nicht nur:) dabei gewonnenen Eindruck bewegt sich die Forschung immer mehr von der eigentlichen Ursache, nämlich der Überschuldung der Wirtschaftssubjekte, weg und hin zu einer Analyse einzelner Kausalzusammenhänge. Es wäre verfehlt, dies verschwörungstheoretisch mit einem kollusiven Zusammenwirken von Kapitalbesitzern und Nationalökonomen zu erklären. Die moderne Wirtschaftswissenschaft versucht, möglichst exakt zu arbeiten, d. h. nachweisbare Kausalitäten möglichst in gleicher Weise wie die Naturwissenschaften, also mit mathematischen Methoden zu belegen. Eine Brücke von der Überschuldung zur Krise ist aber auf diese Weise, zumindest derzeit (vielleicht aber zumindest für die 1. WWK überhaupt, z. B. mangels ausreichendem Datenmaterial) nicht zu leisten.


Nachtrag 01.01.2010
Aufschlussreich für einen Vergleich der beiden Weltwirtschaftskrisen ist wahrscheinlich auch der Blog "News from 1930", Untertitel: "Being a daily summary based upon my reading of the Wall Street Journal from the corresponding day in 1930."

Nachtrag 11.02.2010
Im Blog "CrisisMaven" gibt es ein längeres Posting (ich habe es nicht gelesen) mit einem Vergleich der beiden Krisen. Titel: "1929 and 2007: two crises, similar causes, similar effects?". "CrisisMaven" scheint ein unorthodoxer (Nicht-)Ökonom zu sein, aber vielleicht recht interessant und, soweit auf den ersten Blick erkennbar, wohl auch mit guten (oder gar profunden) wirtschaftlichen Kenntnissen.
(Über seinen Eintrag "What’s wrong with Economics?", den er anscheinend als grundlegend für sein "Programm" ansieht, schreibt er u. a. (meine Hervorhebung): "It is, as many of CrisisMaven’s posts, rather lengthy, however, compared to so many trillions lost in paper money, what are a few hours spent reading “between friends”?" - Rings a bell with my readers too, doesn't it? ;-)


Nachtrag 17.02.2010
Andrew Kaplan, "a hedge fund manager" hat am 31.08.09 in einem Gastbeitrag (Guest Post) auf der Webseite "Naked Capitalism" unter dem Titel The Savings Rate Has Recovered - if You Ignore the Bottom 99% aufgrund der von der US-Steuerbehörde erfassten Einkommensdaten die schichtspezifischen Ersparnisse im Verhältnis zur US-Sparquote insgesamt zu berechnen versucht und kommt zu dem Schluss, dass im Durchschnitt offenbar nur jene 1 Prozent der US-Haushalte Ersparnisse bilden, die an der Spitze der Einkommenspyramide stehen. Die restlichen 99% verschulden sich weiter. Im vorliegenden Zusammenhang interessieren aber mehr die Angaben zur Einkommensverteilung:
"Economists Thomas Piketty and Emmanuel Saez have made careers of studying US income inequality using IRS [Internal Revenue Service, die Steuerbehörde der US-Bundesregierung] data, which goes back to 1913. The most recent data available (for 2007) showed that the top 14,988 households (0.01% of the population) received 6.04% of income, the highest figure for any year since the data became available. The top 1% of households received 23.5% of income (the second highest on record, after 1928) [also im Jahr vor der 1. WWK!], while the top 10% received 49.7% of income (the highest on record)."
Schade, dass Kaplan nur einen der o. a. 3 Werte in eine Beziehung zur Situation kurz vor der 1. Weltwirtschaftskrise setzt. Wenn die Werte auch für die anderen Gruppen im Jahr 1928 außergewöhnlich hoch waren wäre das ein wesentlicher Anhaltspunkt dafür, dass die fehlende Kaufkraft der Nicht-Kapitalbesitzer das krisenauslösende Moment war.
Auf welche Weise sich das Geld bei den Geldbesitzern ohne gegenläufige Mechanismen zwangsläufig ansammeln muss, habe ich jetzt in einem Modell untersucht: "Die Ökonomie der Artos-Phagen: Warum eine eigentumsbasierte Geldwirtschaft (im Basismodell) nicht dauerhaft funktionieren kann."


Nachtrag 06.03.2010
Auf der Homepage einer Firma True ­Sale ­International GmbH (TSI) ("entstand 2004 aus einer Initiative von dreizehn Banken in Deutschland zur Förderung des deutschen Verbriefungsmarktes") gibt es eine Seite mit Links zu Informationen über "Finanzkrisen im historischen Vergleich".
Unter anderem verlinkt sie auch zur Webseite eines Online-Magazins "Futurecasts", das von einem gewissen Dan Blatt betrieben wird. Dort sind auf einigen Unterseiten anscheinend eine ganze Menge an Informationen zur Weltwirtschaftskrise Nr. 1 veröffentlicht, die wohl dem Buch "Understanding the Great Depression and the Modern Business Cycle" von Dan Blatt entnommen wurden. Er selbst beschreibt bzw. bewirbt sein Buch so:
"This is a fact book with over 1800 footnotes and analyses of Great Depression and business cycle controversies based on a plethora of factual evidence. No ideological clap trap! No theory confirmation bias! No political spin! Never let the business cycle catch you by surprise again!"
Diese Selbstbeschreibung deutet schon für sich genommen auf eine Ideologie hin, und tatsächlich scheint Dan Blatt der (amerikanischen) wirtschaftswissenschaftlichen Schule der "Austrians" nahe zu stehen. Im akademischen Betrieb sind das Randfiguren, aber im Internet sind sie sehr populär und vor allem lautstark vertreten. Sie haben auch keineswegs in allem Unrecht (und anscheinend die aktuelle Krise frühzeitig vorhergesagt), aber ich stehe ihnen doch eher kritisch gegenüber (vgl. Blott "Ein Ausflug in die Gedanken-Welt der Österreicher").
Dieses ideologischen Hintergrunds sollte man sich bei der Lektüre der Webseiten (und erst recht natürlich des Buches) bewusst sein; als Fundgrube für Fakten mögen aber diese (anscheinend recht materialreichen) Seiten von Nutzen sein (ich habe sie mir nicht näher angeschaut).

Sehr aufschlussreich für den Vergleich WWK 1 zu WWK 2 dürfte das akademische Arbeitspapier "From Great Depression to Great Credit Crisis: Similarities, Differences and Lessons" der Autoren Miguel Almunia, Agustín S. Bénétrix, Barry Eichengreen, Kevin H. O’Rourke und Gisela Rua sein, das im Oktober 2009 veröffentlicht wurde. Leider werde ich es, u. a. wegen meiner aktuell starken beruflichen Inanspruchnahme, selbst nicht lesen können. Diejenigen meiner Leserinnen und Leser, die ggf. Zeit für die Lektüre finden, sind jedoch herzlich eingeladen, mir und dem Rest der Welt ihre Bewertung bzw. Einschätzung dieser Arbeit als Kommentar mitzuteilen.

Auf der Suche nach einer kostenfreien Download-Seite für den o. a. Text fand ich eine weitere fachwissenschaftliche Arbeit, die einen Vergleich der beiden Weltwirtschaftskrisen versucht:
"Can Great Depression Theories Explain the Great Recession?" von Georg Schlenkhoff , European Business School, Oestrich-Winkel, vom 24. November 2009. Auch diesen Text konnte ich leider nicht lesen, so dass meine o. a. Einladung zu Kommentaren entsprechend gilt.

Eine wahrscheinlich besonders materialreiche, bzw. auf einer besonders materialreichen Datensammlung aufbauende Arbeit dürfte die Studie "Debt and deleveraging: The global credit bubble and its economic consequences"
des "McKinsey Global Institute" vom Januar 2010 sein, die der Frage der Überschuldung und der Notwendigkeit bzw. den Möglichkeiten einer Entschuldung der Wirtschaftssubjekte nachgeht. (Vgl. zu dieser Thematik auch meinen Blott "Einige Fragen an die Hypothese der Instabilität des Finanzwesens (Financial Instability Hypothesis) von Hyman Minsky" mit Überlegungen u. a. zur Debt Deflation Theory of Great Depressions von Irving Fisher.)
Bislang habe ich lediglich die "Executive Summary" gelesen, die jedoch eine Ohrfeige für sämtliche Exkulpierungsversuche der Notenbanken, insbesondere der amerikanischen (allerdings sind ausweislich der Graphik S. 10 die USA nicht einmal das am meisten verschuldete Land), wie auch der Politik in den 'Schuldenländern' enthält (S. 10; meine Hervorhebung):
"Taking a more granular view of leverage within sectors of the economy, we find that households increased their borrowing substantially, particularly through home mortgages. Rising housing prices meant that the ratio of household debt to assets appeared stable in the years prior to the crisis. But household debt compared with disposable income increased significantly, which should have raised a red flag long before the crisis hit."
Natürlich hätte die dramatisch verschlechterte Relation der Verschuldung der Privaten zum verfügbaren Einkommen nicht nur bei Notenbanken und Politikern, sondern auch in denjenigen Institutionen einen Alarm auslösen müssen, die für die Beobachtung der Weltwirtschaft zuständig sind, also beim Internationalen Währungsfonds, der OECD und der Weltbank. Die jedoch haben offenbar sämtlich geschlafen, lediglich die in Basel residierende "Bank der Notenbanken", die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ; englisch "Bank for International Settlements", BIS), bzw. präziser deren 2008 ausgeschiedener Chefvolkswirt William R. White, haben schon sehr frühzeitig (allerdings nach meinem Eindruck auch recht zaghaft) vor krisenhaften Entwicklungen gewarnt. (William White wird übrigens als "Austrian-leaning" bezeichnet bzw. hier heißt es, dass er seinen "inner austrian" herausgelassen habe. Vorher schon hatte das Wall Street Journal ihn als "Austrian" identifiziert. Zum Begriff "Austrian" vgl. das Wikipedia-Stichwort.)
Schon im Jahre 2003 hatte sich White am Schluss seiner Rede "International financial crises: prevention, management and resolution" sehr besorgt gezeigt:
"The global financial system has become more efficient in allocating capital and providing financial services. At the same time, the plethora of recent and prospective difficulties in financial systems worldwide indicates a troubling degree of instability. Many questions can be raised that could attract the attention of academics as well as policymakers. Has the swing to efficiency and away from stability gone too far? How can we predict more accurately the build-up of prospective problems in financial systems? What kinds of institutional relationships between central banks, regulators and other interested parties would best serve to avoid and manage financial difficulties? Is there a reliable way to determine whether a financial problem is likely to have systemic implications? How should we go about estimating sustainable debt levels? Perhaps the only reliable conclusion, and I finish on this note, is that providing answers to such questions could keep many thoughtful people in work for a very long time."


Nachtrag 12.04.10
Interessant erscheint, vom Titel und von der Zusammenfassung her, das Papier "The Great Depression as a credit boom gone wrong" von Barry Eichengreen and Kris Mitchener. Schon im Jahre 2003 verfasst, hätte es eigentlich der Fed und den sonstigen US-Behörden wie der US-Politik zur Warnung gegen eine neue Kreditblase dienen müssen, die verhältnismäßig (Verbraucherverschuldung zu Bruttoinlandsprodukt) noch weitaus größer war als jene der Great Depression. Abstract:
"The experience of the 1990s renewed economists’ interest in the role of credit in macroeconomic fluctuations. The locus classicus of the credit-boom view of economic cycles is the expansion of the 1920s and the Great Depression. In this paper we ask how well quantitative measures of the credit boom phenomenon can explain the uneven expansion of the 1920s and the slump of the 1930s. We complement this macroeconomic analysis with three sectoral studies that shed further light on the explanatory power of the credit boom interpretation: the property market, consumer durables industries, and high-tech sectors. We conclude that the credit boom view provides a useful perspective on both the boom of the 1920s and the subsequent slump. In particular, it directs attention to the role played by the structure of the financial sector and the interaction of finance and innovation. The credit boom and its ultimate impact were especially pronounced where the organisation and history of the financial sector led intermediaries to compete aggressively in providing credit. And the impact on financial markets and the economy was particularly evident in countries that saw the development of new network technologies with commercial potential that in practice took considerable time to be realised. In addition, the structure of management of the monetary regime mattered importantly. The procyclical character of the foreign exchange component of global international reserves and the failure of domestic monetary authorities to use stable policy rules to guide the more discretionary approach to monetary management that replaced the more rigid rules-based gold standard of the earlier era are key for explaining the developments in credit markets that helped to set the stage for the Great Depression."


Nachträge 20.07.2011
Im Juli 2011 hat die in Basel sitzende Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ, engl. Bank for International Settlements - BIS) in der Veröffentlichungsreihe "Working Papers" die Nr. 348 publiziert. Darin geht es um "The international propagation of the financial crisis of 2008 and a comparison with 1931", also um einen uns im vorliegenden Zusammenhang interessierenden Vergleich (eines bestimmten Aspektes) der Great Depression und der (irgendwie aktuell ja noch immer virulenten) Weltfinanzkrise von 2008 ff. Autoren: William A. Allen and Richhild Moessner.
"Abstract:
We examine the international propagation of the financial crisis of 2008, and compare it with that of the crisis of 1931. We argue that the collateral squeeze in the United States, which became intense after the failure of Lehman Brothers created doubts about the stability of other financial companies, was an important propagator in 2008. We identify some common features in the propagation of the two crises, the most important being the flight to liquidity and safety. In both crises, deposit outflows were not the only important sources of liquidity pressure on banks: in 1931, the central European acceptances of the London merchant banks were a serious problem, as, in 2008, were the liquidity commitments that commercial banks had provided to shadow banks. And in both crises, the behaviour of creditors towards debtors, and the valuation of assets by creditors, were very important. However, there was a very important difference between the two crises in the range and nature of assets that were regarded as liquid and safe. Central banks in 2008, with no gold standard constraint, could liquefy illiquid assets on a much greater scale."
Den Text habe ich nicht gelesen; auf jeden Fall kann das Papier aber wohl nur sehr begrenzt Aufschluss über die hinter den beiden Krisen wirkenden tieferen Ursachen liefern. Überhaupt sehe ich ein Risiko für die Krisenerkenntnis darin, dass derartige technische Analysen von bestimmten, temporär im Finanzsystem wirksamen Mechanismen diese Ursachen verschleiern: man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.* Oder anders gesagt: Diese und andere derartige Studien zeigen (vermutlich) auf, in welcher Weise schon längst bestehende ökonomische Verzerrungen plötzlich für alle Marktteilnehmer sichtbar geworden sind und wie sich dadurch deren Verhalten (ggf. krisenverschärfend) verändert hat. Im geologischen Vergleich gesprochen: Hier wird erforscht, wie und wo sich bei einem Erdbeben Spalten im Boden geöffnet haben; was wir aber wirklich brauchen, um aus der Krisen-Geschichte zu lernen, wäre eine Erkenntnis, wie sie in der Geologie die Verschiebung der Kontinentalplatten darstellt.

Die den 'Marktbeben' zu Grunde liegenden Verspannungen müssten wir erkennen. Danach haben schon viele gesucht und entsprechende Theorien vorgelegt; bisher konnte die Wissenschaft aber noch keine Einigkeit erzielen. Mich überzeugt am ehesten die Unterkonsumtionstheorie als Krisenursache (vgl. auch meinen bereits oben erwähnten Blott "Die Ökonomie der Artos-Phagen: Warum eine eigentumsbasierte Geldwirtschaft (im Basismodell) nicht dauerhaft funktionieren kann."). Sollte das zutreffen, dann dürfte die Krise noch lange nicht ausgestanden sein.
[* Damit will ich jedoch mitnichten den Wert solcher technischer Studien leugnen. Zum einen braucht man deren Erkenntnisse, um akut auftretende Finanzmarktprobleme zu bekämpfen (analog: für den Bau von erdbebensicheren Hochhäusern braucht man Kenntnisse über die bei solchen Beben an der Oberfläche wirksamen Kräfte; das allgemeine Wissen um die Kontinentalplattenverschiebung nützt da gar nichts). Zum anderen führen ja vielleicht irgendwelche Ariadnefäden der Erkenntis von der technischen zu den dahinter stehenden Ebenen. Denn, wie Robert J. Shiller so hübsch formuliert: "Armchair scientists will never get far; observation makes all the difference."]

An der Oberfläche sieht es im Moment freilich ganz gut aus. Dem entsprechend jubilierte Karl Aiginger in dem von der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich betriebenen Blog "Ökonomenstimme" bereits am 22.03.2010 : "„Finanzkrise“ versus „Große Depression“: (k)ein Vergleich":
"Die Wirtschaftspolitik und die Wirtschaftswissenschaften haben also aus der Weltwirtschaftskrise gelernt. Auch Wirtschaftswissenschafter, die in den Jahren vor der Finanzkrise keynesianischer Gegensteuerung skeptisch gegenüberstanden und gegen eine antizyklische Geld- oder Fiskalpolitik waren, schwiegen während der Krise oder befürworteten Gegensteuerung. Auch Länder, die vehement gegen öffentliches Eigentum waren, verstaatlichten vorübergehend Banken und auch Industriebetriebe. Und schnürten Konjunkturpakete, selbst wenn dadurch das Defizit des Staates über 10% stieg. Wenn Wirtschaftswissenschafter heftig kritisiert werden, sie hätten nicht stärker vor der Krise gewarnt, muss man doch festhalten, dass die Wirtschaftswissenschaft in der Krise tendenziell die richtigen Ratschläge gab. Dass die „Feuerwehrmaßnahmen“ zu wenig strukturell waren, zeigt sich etwa im geringeren „Grün-Gehalt“ der Maßnahmen und am geringeren Anteil von Zukunftsinvestitionen (z. B. Bildung, Forschung). Die Reform der Regulierung des Finanzmarktes hat noch nicht stattgefunden und generell fehlt ein Leitbild, wie künftige Krisen verhindert werden können oder wie die Wirtschaft krisenresistent gemacht werden kann (Aiginger, 2009B, ist ein Versuch). Und der Ausstieg aus der Krise ist ebenso wichtig wie die richtigen Reaktionen am Beginn der Krise.
Die vorliegende Evidenz zeigt aber sehr deutlich, dass die Wirtschaftspolitik die Länge und Tiefe der Krise begrenzt hat. Die Dynamik der Finanzkrise in der Anfangsphase (ab Sommer 2008) war für viele Indikatoren (besonders Industrie und Export) ähnlich stark wie in der Weltwirtschaftskrise. Die Globalisierung des Handels, der Investitionen und der Finanzmärkte hätte die Gefahr einer Krise in der Stärke der Weltwirtschaftskrise in sich gehabt, wenn nicht die Politik anders reagiert hätte – und China und Indien nicht Reserven gehabt und diese auch mobilisiert hätten."
Rainer Sommer hat unter der Überschrift "Schlechte Nachricht für Goldwährung: Goldstandard schuld an Großer Depression" bei Telepolis am 11.07.11 die Forschungsergebnisse für uns Laien verständlich zusammengefasst (meine Hervorhebung):
"Während die Versorgung mit als sicher geltenden Finanzanlagen 1931 also unelastisch war und im Krisenverlauf immer weiter zurückging, war 2008 das Gegenteil der Fall. So sei die wichtigste Lehre aus 1931 die Einsicht gewesen, dass es die Regierungen im Krisenfall ermöglichen müssen, die Verfügbarkeit derartiger Anlagen sicherzustellen.
Dadurch blieb das internationale Finanzsystem wesentlich stabiler als 1931, wodurch auch die kurzfristigen Folgen für die Realwirtschaft wesentlich schwächer ausfielen. Allerdings halten es die Experten noch für viel zu früh, ähnliches auch für die langfristigen Folgen zu konstatieren. Immerhin zeigen sich inzwischen die Folgen der expansiven Politik, die sich nun etwa in der Eurozonenkrise und den Budgetproblemen der USA widerspiegelt, deren Folgen bislang noch unabsehbar sind. Klar ist indes, dass der damalige Goldstandard weder imstande war die massive Überschuldung und das Spekulationsfieber der späten 1920er Jahre zu verhindern, noch dann in der Krise zur Rettung des Finanzsystems und der souveränen Staaten beitragen konnte
."
Im "Geschichtsforum"  hat sich aus einer Diskussion über die damalige amerikanische Automobilindustrie eine anspruchsvolle und höchst informative Debatte über die Ursachen der Great Depression entwickelt: "Great Depression und Weltwirtschaftskrise - Auslöser und Rahmenbedingungen" 26.03.11 ff.).

Einer von denen, der die Immobilienkrise noch verhältnismäßig früh (2003 und 2004, sowie, anscheinend mit jeweils größerem Nachdruck, 2005 und 2006) vorausgesehen, vor allem aber seine Bedenken solide mit (historischen) Daten untermauert hat, war der bereits oben erwähnte US-Wirtschaftswissenschaftler Prof. Robert J. Shiller. Er setzt jetzt seine Hoffnung für die Bekämpfung zukünftiger Krisen auf bessere Datenmessungen und Datenanalysen: "Needed: A Clearer Crystal Ball" titelte er seinen Meinungsbeitrag in der New York Times vom 30.04.2011.
[Zu Shiller vgl. auch meinen Blott "Was willer, der Robert Shiller?" vom 20.07.09.]

"Did France cause the Great Depression?" fragt Douglas A. Irwin vom Dartmouth College in einem Arbeitspapier vom November 2010.
"Abstract
The gold standard was a key factor behind the Great Depression, but why did it produce such an intense worldwide deflation and associated economic contraction?  While the tightening of U.S. monetary policy in 1928 is often blamed for having initiated the downturn, France increased its share of world gold reserves from 7 percent to 27 percent between 1927 and 1932 and effectively sterilized most of this accumulation.  This “gold hoarding” created an artificial shortage of reserves and put other countries under enormous deflationary pressure.  Counterfactual simulations indicate that world prices would have increased slightly between 1929 and 1933, instead of declining calamitously, if the historical relationship between world gold reserves and world prices had continued. The results indicate that France was somewhat more to blame than the United States for the worldwide deflation of 1929-33.  The deflation could have been avoided if central banks had simply maintained their 1928 cover ratios.
"
Wenn es so war, stellt sich für mich die Frage, ob wir in der französischen Goldhortung von damals ein funktionelles Äquivalent für die Leistungsbilanzüberschüsse Chinas (und Deutschlands, wobei jedoch hier die Überschüsse durch die Leistungsbilanzdefizite anderer Länder der Eurozone zur 'Außenwelt' in gewisser Weise neutralisiert werden) sehen müssen?

Arthur B. Laffer, der Entdecker der Laffer-Kurve (ausführlicher ist der Eintrag "Laffer-curve" in der englischsprachigen Wikipedia), die einen Zusammenhang zwischen nominellen Steuerquoten und realem Steuereingang beschreibt, sieht die Steuerpolitik als Hauptschuldige für die Great Depression. So in seinem Beitrag vom 22.09.2009 für das Wall Street Journal
"Taxes, Depression, and Our Current Troubles":
"Tariffs, rising state and federal taxes, and currency devaluation ruined the 1930s, and they could do the same today."
Dies scheint mir freilich eine sehr ideologisch bestimmte Sicht der Dinge zu sein, denn dass die Steuernachlässe der Bush-Regierung für die Wohlhabenden die US-Wirtschaft gestärkt hätten, erscheint mir sehr zweifelhaft.
Zwar hatte der "Smoot–Hawley Tariff Act" (das von dem Senator Reed Smoot und dem Abgeordneten Willis C. Hawley erwirkte Zollgesetz vom Juni 1930, das die Einfuhren in die USA für eine Vielzahl von Gütern enorm verteuerte) mit Sicherheit eine krisenverschärfende Wirkung. Das aber wohl nicht einmal so sehr durch seine Wirkung als Steuererhöhung, sondern wegen der Vergeltungsmaßnahmen anderer Staaten, die natürlich ihrerseits Importe aus den USA mit Strafzöllen belegten. (Vgl. dazu auch das viel gelobte Buch "Peddling Protectionism: Smoot-Hawley and the Great Depression", ebenfalls von dem bereits erwähnten Douglas A. Irwin; Rezension z. B. hier.)


Nachtrag 17.05.2016
Vgl. zum vorliegenden Thema auch meinen Blott "Yes, we know! Zumindest könnten wir die eigentlichen Gründe für die neue Weltwirtschaftskrise kennen" vom 07.11.2008.


Textstand vom 20.07.2011

Samstag, 6. Dezember 2008

Wo Norma sang, sengt jetzt der Khan

Nun ja: es war nicht Vincenco Bellinis Norma, die sich hier im Gewerbegebiet von Bad Orb angesiedelt hatte. Nur ein prosaischer Supermarkt. Der hat auch nicht gesungen; allenfalls haben die Kassen geklingelt - aber offenbar zu leise, bzw. zu selten.
Vor vielleicht drei Jahren gab es in Bad Orb eine regelrechte Angebotsexpansion: wo früher ein einsamer Edeka die Kunden versorgt hatte, öffneten auch noch Norma, Penny und Plus und, versteckt am Ende, Rewe die Pforten. Das war ein wenig zu viel, denn schließlich gibt es in der Stadt -in zentralerer Lage- auch noch zwei Nahkaufläden, und Globus, Lidl und Aldi in Wächtersbach ziehen sicher auch Orber Konsumenten an (bzw. ab).

Einer der Orber Lebensmittelmärkte hat nun die Waffen gestreckt [so dass ich vielleicht zutreffender hätte titeln sollen: "Wo Norma sank, sengt jetzt der Khan"], und in den ehemaligen Ladenhallen der "Norma-"Kette grillt jetzt ein Khan. Auch das ist natürlich nicht der berühmte Dschingis Khan, sondern ein kleiner, friedlicherer, Khan.

Kulturvoll (kulturlos) nenn' ich eine Stadt, die am Bahnhof (k)eine öffentliche Toilette hat

Bad Orb hat eine (brandneue), am Busbahnhof.

Wächtersbach hat am Bahnhof keine. Ähem.

Bad Orb hat dort der Toiletten drei:
und deren Benutzung ist sogar frei (gratis).









Die Klozellenwand enthält eine Ritze für die benutzte Drogenspritze.

Ich meine, das kann ja auch nicht sein: dass, wenn die Kurgäste in Bad Orb sich einen Schuss setzen wollen, sie nicht wissen, wohin mit den gebrauchten Spritzen, gelle?















Textstand vom 06.12.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

Freitag, 5. Dezember 2008

Sind Sie wirklich noch ohne - Zibaldone?

Der Nikolaus brachte sie ins Haus, einen Tag zu früh zwar, aber schließlich hat er zu dieser Zeit ja auch viel zu tun: die Zeitschrift "Zibaldone". LEO liefert uns die Übersetzung: die Aphorismensammlung, die Notizensammlung. (Nun ja, es gibt auch etwas weniger schmeichelhafte Konnotationen: der Mischmasch oder das Sammelsurium: aber das trifft hier nicht zu.] Mein italienisch-Deutsches Brockhaus - Longanesi Wörterbuch aus dem Jahre 1974 liefert noch den gelehrten und hübschen, heute leider aus der Mode gekommenen Begriff "Miszellaneen" hinzu (auch: "Miszellen", aber das mag ich eher weniger). (Italienische Synonyme, aber keine Übersetzung, findet man bei "woerterbuch.info".)
Sie kam gratis, als Werbe-Beilage zur Halbjahreszeitschrift "Onde", die von Italienbegeisterten deutschen Studenten in Passau herausgegeben wird (vgl. meinem Blott "Donde viene? Vengo d'Onde!").

Montag, 1. Dezember 2008

Allmählich schwappt Panik in die Wirtschafts-Titanic. Sollen Angela Merkel und Peer Steinbrück die Lenzpumpen der Konjunkturpolitik anwerfen?

"DIE ZEIT" fährt mittlerweile eine regelrechte Hetzkampagne gegen jene Politiker, die (ausnahms- bzw. erstaunlicher Weise) sich einmal weigern, unsere Steuergelder sinnlos zum Fenster herauszuwerfen.
"Konjunkturprogramm. Schräge Argumente" kritisiert Marc Brost in der ZEIT ONLINE vom 7.11.2008 und lästert:
"Alle Welt fordert große staatliche Programme gegen die Krise. Nur einige deutsche Politiker leisten noch Widerstand." Denen droht er an: "Wir präsentieren ab sofort jeden Tag drei von ihnen."
Das mag schon sein, dass (fast) "alle Welt" nach solchen Programmen schreit: es hat ja auch mal "alle Welt" "Verbriefungen" schlechter Kreditrisiken gekauft.
Was sagt unser Bundesfinanzminister Bundesfinanzminister Peer Steinbrück dazu?
"Ablehnung bleibt. Steinbrück gegen weitere Konjunkturmaßnahme" titelt das Handelsblatt am 29.11.2008:
"Peer Steinbrück bleibt bei seinem Nein zu weiteren Konjunkturprogrammen. 'Ich halte es nicht für redlich, den Eindruck zu erzeugen, dass wir gegen diese Rezession mit Staatsknete anfinanzieren könnten', sagte der SPD-Politiker in einem 'Spiegel'-Interview laut Vorabbericht. ... Zu entsprechenden Forderungen sagte der Minister: 'Nur weil alle Lemminge denselben Weg gewählt haben, wird der nicht automatisch zum richtigen Weg'."
Mutig ist der Mann, der sich einer ganzen Lemminghorde aus Wirtschaftswissenschaftlern, Notenbankern [vgl.: "Konjunkturprogramm. Weber fordert schnelle Hilfen" - HB 26.11.08] und Zeitungsschreibern entgegen zu stellen wagt! [Hier das Handelsblatt-Interview von Marietta Kurm-Engels, Robert Landgraf und Oliver Stock mit Bundesbankpräsident Axel Weber vom 26.11.2008.]

Per 01.12.08 hat sich der Weltökonom Marc Brost Verstärkung geholt und polemisiert jetzt gemeinsam mit Christoph Seils: "Wir gegen alle. Nie wieder Konjunkturprogramm". Ironisch heißt es:
"Alle Welt fordert große staatliche Programme gegen die Krise. Nur einige deutsche Politiker und Experten leisten Widerstand. Das verdient Respekt und Unterstützung!
Mit Milliarden werfen Regierungen von Washington bis Peking zurzeit nur so um sich. Vom Weißen Haus bis in die Pekinger KP-Zentrale hat man Keynes wieder ausgegraben und beeilt sich, Not leidenden Unternehmen und Branchen und den armen Steuerzahlern unter die Arme zu greifen, damit sie nicht allesamt in der großen Depression versinken. Alle Regierungen und Politiker? Nein. Angela Merkel, Peer Steinbrück und andere Unentwegte halten ihre Fahne hoch und stellen sich den Staatsinterventionisten heldenhaft entgegen.
Wir sollten sie nicht allein lassen. ZEIT ONLINE präsentiert deshalb ab sofort jeden Tag die schönsten, die klügsten und vorausschauendsten Worte gegen das große Geldausgeben. Diskutieren Sie mit, stimmen Sie ab, küren Sie das Argument des Tages
."
Die Leser-Kommentatoren mögen freilich nicht so recht mitspielen; viele von ihnen bleiben skeptisch. ZoiZ z.B. (Kommentar 3 zum 1. Artikel) blickt voll durch, was hier gespielt wird:
"Sie stellen an der Pranger. Die Medienöffentlichkeit ist anderer Meinung und nun wird zum persönlichen Angriff geblasen. Das ist widerlich und der Zeit nicht würdig."
Unter dem Titel "Zynische Arroganz pur - die vierte Gewalt" spricht "keox" (Kommentar 5 a. a. O.) von einer "Wiederbelebung des Prangers im Dienste der gerade herrschenden Meinung" usw. Andererseits gibt es auch Zustimmung, aber nach meinem Eindruck von einer Minderheit.

Die Redaktion der Zeit schießt indes aus allen Rohren:
"Jetzt braucht es Mut!" (damit meint Philip Faigle in der © ZEIT ONLINE vom 27.11.2008 den Mut, unser Geld möglichst schnell auszugeben: man kann nur staunen, dass unsere Regierung einem für Politiker an sich doch so verlockenden Zuruf der Zeitungsmenschen noch widersteht):
"Die Bundesregierung verweigert sich dem Ernst der Krise. Um das Schlimmste zu verhindern, muss sie mit Tabus brechen und ein großes Stützungsprogramm auflegen."

Der Zeit-Herausgeber Josef Joffe hat schon einen Paniktitel parat: "Finanzpolitik. Koste es, was es wolle" (27.11.2008). Die Notenpresse will er anwerfen; die Zentralbanken sollen dem Staat Feuerholz geben, um die Wirtschaft anzuheizen.
»Langfristig sind wir alle tot«, aber: "Das Monstrum [Deflation] bedrängt uns hier und jetzt".
"Dies ist der Moment, da das Laster zur Tugend wird" tönt der Sirenengesang und "Der Staat kann tun, was sonst tabu ist: Finanzierung durch Verschuldung."
Hat nicht schon einmal eine Lemmingherde die Verschuldung (der Immobilienbesitzer in den USA) gepredigt? Hat nicht schon Alan Greenspan die Wirtschaft mit Geld geflutet, bis die Vernunft den Bach runtergegangen ist? Auch hier sind die Leser-Kommentatoren mehrheitlich kritisch.

Ach nein, auch einige Journalisten, zumindest Journalistinnen, schwimmen noch gegen den Strom:
"CDU. Darf’s noch ’ne Milliarde mehr sein?" titelt skeptisch Elisabeth Niejahr in DIE ZEIT, 27.11.2008 und wundert sich:
"Ausgerechnet die liberalen Wirtschaftspolitiker der CDU rufen immer lauter nach einem Konjunkturprogramm."
(Der gleiche Sachverhalt wird beschrieben im Handelsblatt v. 1.12.08 von Sven Afhüppe, Peter Müller und Klaus Stratmann: "Finanzkrise. Wirtschaft rebelliert gegen Merkel".)

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble fordert in einem Handelsblatt-Interview vom 28.11.2008 mit Peter Müller und Andreas Rinke In der Krise muss die CDU keynesianisch denken.

Der Parteienforscher Franz Walter fordert keine Konjunktur-Programme, berichtet aber über entsprechenden Druck ihrer Parteifreunde auf die Kanzlerin Angela Merkel: "CDU-Parteitag in Stuttgart. Kanzlerin-Dämmerung" (ZEIT ONLINE 1.12.2008)


Aber auch die anderen Lemmings-Medien kreischen nach Konjunkturprogrammen. So z. B. im Handelsblatt:
" 'Politik der ruhigen Hand'. CDU flieht aus der Wirklichkeit" von Peter Müller (1.12.08)


Mehr referierender Natur sind Artikel wie:
"Bekämpfung der Wirtschaftskrise. SPD streitet über den Kurs aus der Krise" von Daniel Delhaes (HB 1.12.08)

Keine Frage, dass die Probleme gewaltig sind: "Konjunktur. Euro-Zone: Industrie blickt in den Abgrund" erfahren wir ebenfalls im Handelsblatt v. 1.12.08.


Nachrichten über die (angenehme) Kehrseite liest man seltener:
HB 28.11.2008 "Vor dem Opec-Treffen am Wochenende. Ölpreise sinken weiter". Von beinahe 150 Dollar im Juli sind wir nun auf gut 50 Dollar runter: Das würde bzw. wird sich rapide umkehren, wenn die Konjunktur erst mal wieder läuft. Sollen wir uns wirklich mit einem Konjunktprogramm die Ressourcenschlinge (die irgendwann ohnehin auf uns wartet) noch etwas schneller um den Hals zuziehen?
"Rohstoffe. Autokrise bremst Platinpreis" berichten Dieter Claassen und Regine Palm im HB vom 26.11.08: auch der ist, ganz grob gerechnet, auf ein Drittel gefallen.
Müssen wir den unbedingt so schnell es geht wieder hochjagen? Cui bono?
Oder: "Pfui, non bono?"


Lässt man den Umweltaspekt einmal beiseite und stellt ausschließlich auf die Konjunkturbelebung ab, gäbe es vielleicht einen anderen Weg, als den Steuerzahler auszuplündern (und den Kapitalbesitzern später eine bequeme Rendite aus Staatsanleihen zu garantieren):

Die Zentralbanken, speziell (oder offiziell) die Fed, anscheinend, versteckt im Dunkeln, auch die EZB, pumpen über alle möglichen Kanäle Geld in die Wirtschaft.
Mir scheint indes, dass diese Liquiditätsflutung allzu sehr durch einen Mangel an Kreativität behindert ist.
Wie wäre es z. B. mit Pensionsgeschäften für Verbraucherkredite (und evtl. auch Hypotheken) in folgender Form:
- Gesczhäftsbanken geben Kredite aus zu beispielsweise 5% Zinsen (der Zinssatz wäre jedenfalls konkret von der Notenbank vorzugeben).
- Notenbank nimmt diese Kredite in Pension, gegen z. B. 1% oder 2% Zinszahlungen durch die Geschäftsbanken. Dort blieben also 3 - 4% hängen; das dürfte ausreichen, um die Kosten und Risiken abzudecken. (Die Aktion wird selbstverständlich zeitlich befristet; falls erforderlich, könnte der Zeitraum verlängert werden.)
- Das volle Risiko muss natürlich die Geschäftsbank tragen; wir wollen ja keine Subprime-Kreditblase erzeugen, wie man das in den USA geschafft hat.
- Anders als beim Diskontsatz usw. bleibt der "Pensionszins" fest für die ganze Kreditlaufzeit (wobei allerdings die Geschäftsbanken den Kredit im gleichen Rhythmus abtragen müssen wie sie die Ratenzahlungen von den Kreditnehmern erhalten).

Ein solches Verfahren kostet keine Steuergelder und ist auch für die Notenbanken relativ risikofrei; Ausfälle müssten die Banken aus ihren Margen abdecken.
Spricht irgend etwas dagegen? (Außer dass einige Zeit-Autoren dann nicht mehr gegen Politiker hetzen können, die etwas sparsamer sind, und etwas weitsichtiger, als sonst üblich.)


Nachtrag 03.12.08:
Obwohl die USA schon riesige Mittel flüssig gemacht haben, wird man auch dort panisch, weil die Konjunktur nicht in die Gänge kommt, und weil die Summen, so riesig wie sie dem Kleinen Mann erscheinen mögen, den Wirtschaftswissenschaftler bei weitem nicht ausreichen: Der New York Times "Op-Ed Columnist" Paul Krugman (diesjähriger Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften) beschreibt die aktuelle Situation in seinem Kommentar "The Lame-Duck Economy" vom 21.11.08 wie folgt:
"... the pace of deterioration seems to be accelerating.
... we’re in the midst of the worst stock market crash since the Great Depression: the Standard & Poor’s 500-stock index has now fallen more than 50 percent from its peak. Other indicators are arguably even more disturbing: unemployment claims are surging, manufacturing production is plunging, interest rates on corporate bonds — which reflect investor fears of default — are soaring, which will almost surely lead to a sharp fall in business spending. The prospects for the economy look much grimmer now than they did as little as a week or two ago.
" Und er kritisiert:
"... nothing is happening on the policy front that is remotely commensurate with the scale of the economic crisis".

In einem früheren Kommentar "Depression Economics Returns" (14.11.08) hatte Krugman bereits einen Betrag für das Konjunkturpaket genannt:
"My own back-of-the-envelope calculations say that the package should be huge, on the order of $600 billion." Ob die Welt den USA wohl solche Summen leihen wird? Oder soll sich die US-Regierung die von Krugman für erforderlich gehaltenen 600 Milliarden Dollars unbürokratisch und frisch aus der Druckmaschine beschaffen?

[Mehr über Krugman und meine Kritik an seiner Position in meinem Blott "Simbabwe schärfster Konkurrent für US-amerikanische Schlüsselindustrie".]


Nachtrag 04.12.2008:
Ein Blick zurück: Vor nur wenig mehr als 2 Monaten prophezeiten die Auguren noch: "IW Köln: Trotz Finanzmarktkrise keine Rezession" (Tagesspiegel vom 01.10.08). "Die weltweite Finanzkrise wird das Wachstum in Deutschland und Europa im kommenden Jahr dämpfen. Das meint zumindest das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Ein Abgleiten in die Rezession sei aber nicht zu befürchten."
Zur selben Zeit, am 29.09.2008, hatte ich in einem firmeninternen Forum geschrieben: "Der Frühling ist schon bald vorüber - der kurze Frühling auf dem Arbeitsmarkt. Nicht nur meteorologisch stehen wir vor dem Winter. Wenn man die Meldungen über die Finanzkrise, abstürzende Frachtraten (Welthandel!) usw. auswertet, kann man prognostizieren, dass es (auch) auf dem Arbeitsmarkt bald fürchterlich krachen und auch die Zahl der Firmenzusammenbrüche dramatisch ansteigen wird."
Aber die Auswertung solcher Meldungen überfordert offenbar die Wirtschaftswissenschaftler. Oder eine solche Erkenntnismethode ist nicht "zünftig". Wie die Pestärzte (bzw. die Mediziner damals überhaupt) im Mittelalter: lieber zünftig Unfug gemacht als unvoreingenommen beobachtet.


Nachträge 10.12.2008:
Florian Rötzer von "Telepolis" hält nichts von einer Mehrwertsteuersenkung ("Verpuffen die teuren Konjunkturprogramme?").

"Konjunkturspritze. EU-Parlament fordert 260 Mrd. Euro" berichtet Wolfgang Proissl aus Brüssel in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 24.11.08 [es ist übrigens eine Unsitte, das Publikationsdatum ganz unten zu verstecken!]:
"Die Vorsitzende des Wirtschafts- und Währungsausschusses im Europaparlament fordert ein deutlich größeres Stimuluspaket als die Kommission bislang plant. Allein für 2009 seien 260 Mrd. Euro nötig."

Oswald Metzger, ehemaliger Abgeordneter der Grünen und mittlerweile CDU-Mitglied, hält noch gegen die Defizit-Spendierer. In seinem Focus-Blog "Einspruch) schreibt er unter der Überschrift "Die alimentierte Marktwirtschaft" (17.11.08):
"Die Politik setzt in diesen Tagen eine Kostenlawine in Gang, die unseren öffentlichen Budgets neue Rekordschulden aufhalst. Wer wird dafür den Kopf hinhalten? Wir Konsumenten und Produzenten, ob Arbeitnehmer oder Unternehmer, werden letztlich überall auf der Welt die Zeche zahlen – mit höheren Steuern und Abgaben. Die gewaltigen Defizite werden zum denkbar gefährlichsten Bumerang für eine gesunde wirtschaftliche Erholung. Wir treiben derzeit den Teufel Rezession mit dem Beelzebub einer gigantischen Staatsverschuldung aus."
Am 06.12.2008 legt Metzger im Beitrag "Die Rezession als Depressions-Orgie" noch einmal nach:
"In Deutschland, Europa und der Welt ist ein Überbietungs-Wettlauf in Gang gekommen. Das Motto scheint zu lauten: Viel hilft viel oder wer bietet, respektive fordert, mehr! Von Ludwig Erhard stammt der Spruch: „Wirtschaft ist zu 50% Psychologie!“ Wir erleben derzeit eine schizophrene Veranstaltung. Auf der einen Seite werden überall die Rezessionsängste geschürt, auf der anderen Seite Konjunkturpakete geschnürt, die uns Verbrauchern Lust auf das Geldausgeben machen sollen. Wer glaubt, dass diese Strategie aufgeht, sollte einen Psychiater aufsuchen. Zum Thema Psychologie und Wirtschaft noch ein kleiner Hinweis. Der Mensch glaubt subjektiv erst dann, dass er über mehr Geld verfügt, wenn sein Einkommen netto um mindestens 10% steigt. Die Wirtschaftspsychologie hat diesen Schwellenwert definiert. Der Auslösewert für echtes Konsumhandeln ist sogar erst dann erreicht, wenn man 15% Einkommenszuwachs erreicht hat. ..... Womöglich werden wir einfach zu akzeptieren haben, dass der kreditfinanzierte Konsum ("Mein Haus, mein Auto, mein Segelboot, meine Urlaubsreise!"), über den immer mehr Menschen ihren Selbstwert definiert haben, auf Dauer nicht allein trägt. Die gigantische Selbsttäuschung platzt und wir werden lernen müssen, uns zu bescheiden. Vielleicht müssen wir uns im Kapitalismus auf einen neuen Wertekanon einstellen: Weniger kann mehr sein!"
Hübsch gesagt, die Sache mit dem "weniger kann mehr sein", und eigentlich teile ich ja auch voll die Meinung von Hr. Metzger. Das Problem ist nur, dass schon ein relativ geringer prozentualer Rückgang Panik auslöst - und tatsächlich ja auch enorme Folgen für viele Menschen hat. Zwei oder drei Prozent weniger, oder auch nur stagnierende Wirtschaftsleistung sind für eine große Zahl von Menschen 100% Arbeitslosigkeit. Und vielleicht 5 oder 10% Steuerrückgang usw. Die Lastenverteilung ist das Problem. Das war es letztlich auch, was mich in der Umweltdebatte gegen das naive Gerede von "wenn wir nur alle etwas weniger ..." so auf die Palme bringt (vgl. etwa meinen Blott "Auf Zeit-Seite Eins rettet Iris Radisch die Erde. Doch leider so, dass ich bald kotzen werde"): Dass nicht bedacht wird, wie sehr uns schon scheinbar geringe Verwerfungen aus der Bahn werfen, insbesondere die weniger Begüterten treffen.
Letztendlich wird sich das zwar ohnehin nicht vermeiden lassen, aber man sollte sich dieser Problemdimension bewusst sein und sie offen ansprechen anstatt scheinbar harmlos nur von "weniger kann mehr sein", oder "wenn wir uns nur ein wenig einschränken würden" usw. herumzulabern.


Nachträge 14.12.2008
Um wie geringe Prozentzahlen es bei der "Weltwirtschaftskrise" möglicher Weise geht wird deutlich, wenn man den Bericht "Wachstumsprognose. Ifo: Wirtschaft schrumpft 2009 und 2010" im Handelsblatt vom 11.12.2008 liest:
"Bislang stammte die pessimistischste Wachstumsprognose aus Essen, doch nun legt das Münchner Ifo-Institut noch einen drauf: Im kommenden Jahr werde die Wirtschaftsleistung um 2,2 Prozent zurückgehen, teilte das Institut für Wirtschaftsforschung mit. Auch 2010 werde die Wirtschaft in Deutschland noch schrumpfen. ... Der deutschen Wirtschaft stehen nach Einschätzung des Münchner Ifo-Instituts zwei harte Jahre bevor."
Was sind schon 2,2% - absolut genommen? Und doch würde bereits ein solcher insgesamt quantitativ bescheidener Rückgang ungeheure soziale und ökonomische Verwerfungen auslösen (wobei ich selbst diese Vorhersage allerdings ohnehin noch für weitaus zu optimistisch halte). Irgendwie haben wir fundamentale Konstruktionsfehler in unserer Ökonomie, wenn wir nicht einmal derartig kleine Dellen managen können.
Was machen wir denn, wenn es irgendwann zu dramatischen Rohstoffverknappungen kommt?

Einen Zipfel des Problems - dass ein Minus von z. B. 2,2% eben nicht überall gleich wirkt - zeigt Jan Mölleken in "Rezession. Die Krise trifft nicht alle gleich" (ZEIT ONLINE vom 11.12.2008):
"2009 schrumpft die Wirtschaft um 2,2 Prozent, sagt das ifo-Institut voraus, und die Rezession soll bis 2010 dauern. Manche Branchen leiden besonders. Ein Überblick.
Einbrechende Exporte, sinkende Bauaufträge, schlechtere Kreditkonditionen, mehr Arbeitslose, höhere Staatsschulden: So lässt sich die Vorhersage der ifo-Forscher für die kommenden zwei Jahre zusammenfassen. Auch 2010 werde das Bruttoinlandsprodukt noch schrumpfen, sagen sie, aber nur um 0,2 Prozent. Im Verlauf von 2009 dürften sich 540.000 Menschen zusätzlich arbeitslos melden, erwarten die Ökonomen. Die durchschnittliche Quote liege dann bei 8,0 Prozent.
Nicht alle Sektoren sind gleichermaßen von der Krise betroffen. Eine Übersicht über ausgewählte zentrale Branchen ...
".


Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat mittlerweile die Briten für ihre konjunkturpolitischen Versuche kritisiert: "Konjunkturdebatte. Steinbrück verärgert Briten" erfahren wir z. B. in der ZEIT ONLINE vom 11.12.2008. Stein des Anstoßes war sein Interview mit Stefan Theil vom amerikanischen Nachrichtenmagazin "Newsweek" u. d. T. " ‘It Doesn’t Exist!’ Germany's outspoken finance minister on the hopeless search for 'the Great Rescue Plan.' " Es empfiehlt sich, das Interview selbst zu lesen, denn dort (in der deutschen Presse leider kaum)erfährt man, worum es hier geht und wieso sich Steinbrück derart auf die Hinterbeine stellt: Deutschland sollte wieder einmal für Europa bluten; das will er, völlig zu Recht, verhindern (meine Hervorhebungen):
"We have a bidding war where everyone in politics believes they have to top up every spending program that's been put to discussion. I say we should be honest to our citizens. Policies can take some of the sharpness out of it, but no matter how much any government does, the recession we are in now is unavoidable. When I look at the chaotic and volatile debate right now, both in Germany and around the world, my impression and concern is that the daily barrage of proposals and political statements is making markets and consumers even more nervous. Still, Brussels is pressing for a joint European approach. For a while the position in Brussels and a few other places has been 'We're now very much for setting up large-scale spending programs, but we're not really going to ask what the exact effects of those might be. And since the amounts are so high, well, let's get the Germans to pay because they can.' Ms. Merkel and I are trying to calm them down a bit just now, and understandably that's getting us criticized. ...
The speed at which proposals are put together under pressure that don't even pass an economic test is breathtaking and depressing. Our British friends are now cutting their value-added tax. We have no idea how much of that stores will pass on to customers. Are you really going to buy a DVD player because it now costs £39.10 instead of £39.90? All this will do is raise Britain's debt to a level that will take a whole generation to work off. The same people who would never touch deficit spending are now tossing around billions. The switch from decades of supply-side politics all the way to a crass Keynesianism is breathtaking. When I ask about the origins of the crisis, economists I respect tell me it is the credit-financed growth of recent years and decades. Isn't this the same mistake everyone is suddenly making again, under all the public pressure? .....
It's the yearning for the Great Rescue Plan. It doesn't exist. It doesn't exist! Dealing with an unprecedented crisis is a puzzle, a trial-and-error. Honestly, I don't know. I tend to be skeptical because it is human nature to see the crisis as even worse than it is. I don't want to downplay anything; 2009 looks like it will be a very difficult year. But we are not about to collapse. .....
Making political decisions means taking responsibility in an environment of uncertainty. When in doubt, I'd say the risk is greater of burning money without significant effects and in the end having a budget weighed down with even more debt. For me the only stimulus measures that make sense are those that create jobs and have a positive structural effect beyond the economic cycle. .....
America will continue to play a dominant role, but there will be others who also have a role, in Asia obviously. Europe will have to search for and find its future role. The financial summit in Washington was a symbol. Do you really think that you're going to get these debates from a G20 format back down to the G7? I'm rather skeptical. .....
Europe is difficult to coordinate, and our main deficit may not even lie in this area of finance and economics, but in foreign and security policy. We have a leadership problem because we are still 27 different members who have still not decided on how to work with each other based on what we used to call a European constitution. .....
I'm ambivalent about [German] leadership. That Germany makes its contribution, that our capabilities are neither underestimated nor overestimated, I can live with that..
"
Das mit den Briten hätte er vielleicht etwas indirekter formulieren können: 'Eine Mehrwertsteuersenkung zum Zwecke der Konjunkturstimulierung halte ich nicht für sinnvoll, weil ...'. Im übrigen vertritt Steinbrück aber eine intelligente Position und verteidigt legitime deutsche Interessen mit wünschenswerter und lobenswerter Entschlossenheit.

Er hat (und wir haben!) es nicht verdient, dass z. B. Philip Faigle in der ZEIT ONLINE vom 11.12.2008 ihm in den Rücken fällt: "Streit um Finanzpolitik. Peer gegen den Rest der Welt".

Dass "Steinbrück gegen den Rest der Welt" argumentiert, meint zwar auch Thorsten Denkler in seinem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 11.12.2008. Aber nach seiner Meinung ist Steinbrück hier "Der Bad Guy im Recht":
"Der Finanzminister teilt seinen Kollegen öffentlich mit, was er von ihren Konjunkturprogramm-Phantasien hält - und findet sich in einer Interview-Schlacht mit Premier Brown wieder. Einer muss es ja machen. .....
Es ist derzeit also nicht von Übel, einen Finanzminister zu haben, der ein wenig auf die Bremse tritt, wenn die anderen Vollgas geben wollen. Dass er dabei die diplomatischen Sitten verletzt und per Interview seine europäischen Kollegen anschwärzt, spricht eher für seine Kaltschnäuzigkeit als gegen seine Kompetenz
."

Trotz allem tut sich auch in Deutschland anscheinend was in Sachen 2. Konjunkturprogramm: "Gegen die Krise. Steuersenkung im Januar?" berichtete die ZEIT ONLINE am 13.12.2008:
"Die Bundesregierung arbeitet angeblich an einem zweiten Konjunkturprogramm im Umfang von mindestens 30 Milliarden Euro. Dazu sollen auch Steuerentlastungen gehören. ... Kernpunkte des Programms seien die Beseitigung der sogenannten kalten Progression bei der Einkommensteuer. Sie führt dazu, dass Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen durch Inflation und Gehaltserhöhung überporportional belastet werden. ... Die kalte Progression soll allein von 2006 bis 2009 Steuermehrbelastungen von 18 Milliarden Euro verursacht haben. ... Weiter geplant ist ... eine Senkung der Krankenversicherungsbeiträge durch einen Zuschuss zum Gesundheitsfonds ... . Darüber hinaus solle es ein zweites Infrastrukturprogramm sowie Steuerschecks für sozial Schwache als Einmal-Zahlung zur Ankurbelung des privaten Konsums geben." [Mehr in der Wirtschaftswoche]
Mir soll's recht sein, wenn die 'kalte Progression' kaltgemacht wird: dann kann ich vielleicht mal was auf die hohe Kante legen. Verkonsumieren werde ich das Geld sicher nicht: ich bin ja nicht [mehr so] blöd [wie zu Zeiten der Technologiebase].

Hier eine deutsche Diskussion, die eher auf Seiten Steinbrücks steht.

Paul Krugman, amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger, kritisiert das deutsche Zögern in einem kurzen Blog-Eintrag "The German Problem" und in einem längern Beitrag vom folgenden Tag (11.12.08) "The economic consequences of Herr Steinbrueck". In beiden Fällen habe ich den Eindruck, dass auch nicht-deutsche Leser überraschend viel Verständnis für die deutsche Interessenposition aufbringen. Aber im Hinblick darauf, dass ein 2. Konjunkturpaket in Deutschland zweifellos kommen wird (und, wenn das nicht hilft, mit Sicherheit auch noch ein 3. ... usw.), ist Krugmans Kritik, wenn sie überhaupt berechtigt wäre, ohnehin obsolet.

Sehr positiv für bzw. über Merkel und Steinbrück äußert sich Bernd Ulrich in seinem Artikel "Merkel und das Konjunkturprogramm. Mutwillig", DIE ZEIT, 04.12.2008:
"Mehr Schulden für eine bessere Konjunktur? Warum Angela Merkel sich gegen den Rest der Welt stellt."

Prof. Martin Klein von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat schon vorher gewusst, dass Deutschland mit einem 2. Konjunkturpaket ran muss: "Ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt ... " meinte er schon am 24.11.08.

Ein für mich persönlich positiver "Fallout" der Steinbrück-Debatte ist meine Entdeckung des o. a. Blogs von Prof. Klein und eines weiteren deutschen (wenngleich im wesentlichen nicht deutschsprachigen) akademischen Blogs zum Thema Finanzmarkt / Finanzkrise / Finanzmarktkrise (in den USA dagegen hat man den Eindruck, das beinahe jeder Wirtschafts-Prof. auch Blogger ist): "Global Financial Markets (GFinM)" heißt er und wird wie folgt erläutert:
"This is the blog of the Ph.D. programme on global financial markets and international financial stability at the University Jena and the University Halle, Germany. Both Universities conduct a 5 years research and Ph.D. programme especially designed to study global financial markets, their functioning and their stability."

Zur amerikanischen Diskussion um das dortige Konjunkturförderprogramm des designierten Präsidenten Barack Obama vgl. "US-Konjunktur. Obamas großer Plan" auf ZEIT ONLINE v. 7.12.2008:
"Der kommende US-Präsident plant ein gigantisches Konjunkturprogramm. Doch es herrscht Skepsis, auch im eigenen Lager."


ZEIT-Herausgeber Josef Joffe, eigentlich ein Befürworter von Konjunkturprogrammen, ist gegen Konsumgutscheine skeptisch: Unter "Eine Handvoll Dollar" schreibt in DIE ZEIT, 04.12.2008: "Deutschland diskutiert über Sinn und Unsinn von Konsumgutscheinen. Die USA haben ihren Bürgern schon oft Geld geschenkt, doch es wirkt nur bedingt. Die Skepsis bleibt".

"Der Konsument ist nicht dumm" (ZEIT ONLINE 3.12.2008):
"Die Regierung wird es schwer haben, den Konsum anzukurbeln, sagt der Ökonom und Psychologe Detlef Fetchenhauer. Im Gespräch erklärt er, warum Steuersenkungen sinnlos und Käuferstreiks vernünftig sind."


Nachtrag 26.12.2008:
"DIE ZEIT" kann auch anders. Thomas Fischermann und Mark Schieritz wägen in ihrer Analyse "Konjunktur. Der Staat schafft an" v. 17.12.2008 pro und kontra auf der Grundlage historischer Erfahrungen und wirtschaftswissenschaftlicher Schulmeinungen sehr ausführlich ab. Zum Schluss läuft der Artikel allerdings ebenfalls auf die Forderung nach einem Konjunkturprogramm hinaus.


Nachträge 27.12.08:

Ein "Stimulus Spending Skeptic", also ein Konjunkturpaketwirkungszweifler, ist der bekannte US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Gregory (Greg) Mankiw. Hier Links zu einigen seiner entsprechenden Blog-Einträge:

- "Stimulus Spending Skeptics" vom 18.12.08. Auszug (meine Hervorhebungen):
"Skepticism, rather than unequivocal opposition, is the right word. When contacted, I said the same things I have been saying on this blog: that monetary policy is not out of ammunition, and that tax cuts are potentially more potent than spending increases. I could have added that a spending-based stimulus to address the current short-term crisis might lead to a long-term increase in the size of government, but I doubted that concern would sway Team Obama. In general, I think economists need a large dose of humility when evaluating alternative proposals to deal with the current downturn, as there is still a lot we do not understand.
I am sure I am not the only person in the economics profession skeptical of spending increases to stimulate the economy.
" Was freilich Steuersenkungen angeht, bin ich selbst - und zwar als Steuerzahler - gegenüber solchen verlockenden Stimulanzien weitaus skeptischer als gegenüber Konjunkturpaketen. Konjunkturpakete kosten vorübergehend (viel) Geld. Steuersenkungen dauerhaft. Bezahlen muss in jedem Falle der Steuerzahler; sogar 'doppelt' bezahlen, weil solche Maßnahmen in aller Regel über Kredite finanziert werden. Der Verheißung, dass Steuersenkungen die Wirtschaft dauerhaft ankurbeln (und dann zu höheren Steuereinnahmen führen) glaube ich nicht; das mag in bestimmten Situationen zutreffen; eine allgemeine Gültigkeit lässt sich aber schon im Gedankenexperiment leicht widerlegen, denn wenn die Steuern auf Null gesunken sind, kann kein Wirtschaftswachstum das Sprudeln der Steuerquellen fördern. Auch in diesem Zusammenhang gilt Mankiws seine eigene Meinung wonach "economists need a large dose of humility"!

- Unter "Another Stimulus Spending Skeptic" vom 20.12.2008 hat er eine Leserzuschrift von einem (wohl gehobenen) Mitarbeiter des DoD (Department of Defense, also des Verteidigungsministeriums) veröffentlicht. Der ist hauptsächlich deswegen skeptisch, weil er (aus seiner konkreten Erfahrung heraus) die bürokratischen Apparate bei einem plötzlichen Ausgabenzwang überfordert sieht:
"I work for the DoD and when the Department of Homeland Security was established,we helped them with many things, not the least of which was contracting. To make a long story short, you cannot juice up a government agency's budget by tens of billions (or in the case of the stimulus package, hundreds of billions) and expect them to be able to process the paperwork to contract it out, much less oversee the projects or even choose them with any kind of hope for success. ..... It was years before DHS got the situation under control and between the start and when they finally assembled a sufficiently capable team of lawyers, contracting officials, technical experts and resource managers, most of the money was totally wasted. Now take the DHS situation and multiply it by 20 and you've got the Obama stimulus package. Even if they hand the money to existing governmental agencies, the situation will be the same. Those existing agencies are working full time administering the budgets they have. They can't just add a zero at the end of each contract and be done with it."
Gegenüber dem deutschen Konjunkturpaket würde eine solche Kritik allerdings nicht gelten, weil es hier um sehr viel kleinere Größenordnungen geht; und selbst davon wird wohl bestenfalls ein geringer Anteil in öffentliche Investitionen fließen.

- "Backus on Spending Stimulus" vom 26.12.2008 ist die Veröffentlichung einer Zuschrift des ebenfalls skeptischen Volkswirtschafts-Professors David Backus an Mankiw. Seine Einwände:
Hard to do (wie vor) // Bad timing (wirkt stark verzögert bzw. zu spät) // Small multiplier (suboptimale Hebelwirkung) // It's the financial system, stupid ("If we don't fix it, no amount of fiscal stimulus will make much difference". Das ist keine unproblematische Aussage, weil sie in Richtung auf ein "weiter so" des Finanzsystems gedeutet werden könnte: was genau stellt Backus sich unter einer 'Reparatur' vor?) und schließlich Long-term budget issues (Hinweis auf zukünftige - demographisch bedingte - fiskalische Belastungen für Gesundheitsversorgung und Renten). Dieser letztere Einwand erscheint mir freilich als der schwächste von allen, weil a) eine Ankurbelung der Wirtschaft ja gerade eine Voraussetzung wäre, um die Belastungen für das Gesundheits- und Rentenwesen zukünftig überhaupt stemmen zu können und b) ein (vorübergehendes) kreditfinanziertes Konjunkturpaket die Steuerzahler immer noch billiger kommt als eine dauerhaft bzw. längerfristig kreditfinanzierte Steuersenkung.

Von besonderem Interesse erscheint mir allerdings Mankiws Eintrag vom 22.12.2008 unter der Überschrift [meine Hervorhebung] "How Not to Stimulate the Economy ". Hier spricht Mankiw das Problem der Messbarkeit des Nutzens von öffentlichen Ausgabenprogrammen an, bzw. im Grunde Fragwürdigkeiten der gängigen statistischen Erfassung von Wirtschaftsleistung überhaupt (wie sie in anderer Weise z. B. der Ökonom Herman Daley im Zusammenhang mit der Umweltfrage thematisiert hatte). Mankiw warnt:
"If the government spends a fiscal stimulus package on goods and services without much public value (as in Case C), it could well stimulate the economy as measured by macroeconomic aggregates but leave the participants in the economy worse off (compared with a feasible alternative, Case A). Avoiding this trap requires that the government spend taxpayers dollars only those items that pass a strict cost-benefit test. That is hard to do quickly. Willy-nilly spending is a good way to stimulate the economy only if the outcome is judged by the wrong metric." D. h. es besteht die Gefahr, dass die gemessenen Daten einen Scheinerfolg suggerieren. Allerdings glaube ich, dass Politik, Presse, Ökonomen und letztlich auch der "Mann auf der Straße" eine solche Diskrepanz schon merken würden.


Nachtrag 04.01.2009:
"Bundesregierung darf EU-Konjunkturpaket nicht blockieren" heißt es in einer Presseerklärung der Kommunistin (Marxistin) Sahra Wagenknecht auf ihrer Homepage vom 26.11.08. Wir werden hier wieder einmal Zeugen jenes Mechanismus, wo die einen fordern und die anderen die Forderungen bedienen - indem sie Staatsschulden machen. Das ist keineswegs die Absicht der Europaabgeordneten der Linken (die vielmehr eine Vermögenssteuer fordert). Aber es ist das übliche Ergebnis des politischen Billiardspiels.
Weitaus übler ist allerdings das populistische Steuersenkungsgeschrei der Seehofer-Truppe CSU in Bayern. Die Rechten fordern alles Mögliche, die Linken (SPD) halten verantwortungsbewusst dagegen. Die wahren vaterlandslosen Gesellen sitzen eben weniger links (Linksaußenparteien wie "Die Linke" ausgenommen), als vielmehr rechts!


Nachtrag 08.01.09
Substantielle Argumente (allerdings bezogen auf die Situation in den USA) gegen Konjunkturprogramme bringt Peter Schiff, Euro Pacific Capital president. Vgl. den Bericht von Joe Weisenthal: "Peter Schiff: Stimulus Spending Is A Weight-Loss Miracle Drug" vom 28.12.08.

Kritik auch hier in Mish's [Mike "Mish" Shedlock] Global Economic Trend Analysis v. 2.1.09: "How "Something For Nothing" Ideas Become Policy".


Im Grunde genommen war es nicht anders zu erwarten, als dass beim Schnüren des “Konjunkturpakets II” ethische und ökologische Überlegungen nicht nur hintangestellt, sondern samt und sonders über Bord geworfen werden. Als wesentlich anderes als einen ethischen wie ökologischen Skandal läßt sich nämlich die offenbar beschlossene Abwrackprämie für “Altautos” nicht bezeichnen.


Nachtrag 22.01.09:
Der (von mir aus Zeitmangel zwar nicht häufig gelesene, aber nach einigen Stichproben hoch geschätzte) Blog "weissgarnix" von Frank Lübberding und Thomas Strobl brachte am 13.1.09 u. d. T. "Konjunkturpolitische Dekadenz" eine scharfe Kritik am ökonomisch-ökologischen 'Weiterso' des 2. Konjunkturprogramms in Deutschland (die aber weitgehend wohl für alle Konjunkturprogramme weltweit gelten dürfte).


Nachtrag 24.01.09:
Die alles entscheidende Frage, die ich zwar schon häufig gestellt habe, aber nicht begrifflich auf den Punkt bringen konnte, formuliert Georg Erber bei Readers Edition u. d. T. "Konjunkturmogelpackung 2.0" (7.1.09): "Konjunktur- oder Strukturkrise?"


Nachträge 17.02.09

Ein hübsches Bonmot über den Nutzen (bzw. die Nutzlosigkeit) von Konjunkturprogrammen hat der Finanzwissenschaftler Prof. Stefan Homburg in einem Interview (Titel: "Politisch enthemmt") mit der Wirtschaftswoche (Bert Losse) vom 25.10.08 geprägt (meine Hervorhebung):
"WirtschaftsWoche: Professor Homburg, helfen Sie uns weiter. Was genau ist ein Konjunkturprogramm?
Homburg: Ich würde es so definieren: Ein Maßnahmenpaket, das die Staatsausgaben erhöht, die Einnahmen unverändert lässt – und nichts bringt außer höheren Schulden
."

Einen außergewöhnlichen Krisenkommentar "Our Lost Decade?" hat Robert J. Samuelson in der Washington Post vom 16.12.2009 veröffentlicht. Bemerkenswert ist er deshalb, weil er
a) mit den in der Öffentlichkeit verbreiteten Mythen über die "Japan-Krise" der 90er Jahre aufräumt (meine Hervorhebungen):
"... We argue by analogy. The president says that Japan's history demonstrates the need for his "stimulus package." To the contrary, claim Hannity and other conservatives, Japan shows that stimulus plans don't work. Up to a point, they're both right. ...
What happened to Japan in the 1990s?
It did not, as some commentators say, suffer a "depression." Not even a "great recession," as others put it. Japan experienced a listless, boring prosperity. Its economy expanded in all but two years (1998 and 1999), although the average annual growth rate was a meager 1.5 percent. Unemployment rose to 5 percent in 2001 from 2.1 percent in 1990. Not good, but hardly a calamity. Japan remained a hugely wealthy society.
Its situation ... confounded conventional wisdom. From 1956 to 1973, Japan had grown 9 percent a year; in the 1980s, it was still growing at 4 percent. ... its semi-stagnation defied the notion that modern economics enabled government to ensure adequate growth.
Papers were written ... and the verdict rendered: The Japanese had botched it. After the "bubble economy" of the late 1980s burst, the Bank of Japan had eased credit too slowly. Burdened with bad loans, banks stopped lending; government didn't cleanse the banks quickly enough. Government stimulus packages were too little, too late. ... All plausible -- and wrong.
The standard analysis reassures, because it suggests that with better decisions Japan might have avoided its prolonged slowdown. The reality seems to be that Japan's economic reverses reflect deeply held social and political values. ...
Japan has ... "dual economy." On the one hand, export industries (autos, steel, electronics) are highly efficient. They face intense global competition. On the other, many domestic industries (food processing, construction, retailing) are inefficient and sheltered from local competition by regulations or custom.
This has suited most Japanese. Exports earned the foreign currency needed to buy food and fuel imports. Meanwhile, protected domestic industries provided the job security and social stability that most Japanese preferred to hyper-competition. While exports thrived, they -- and the supporting business investment -- were Japan's engine of economic growth.
... this system broke down in the mid-1980s. The rising yen made Japanese exports costlier on world markets. New competitors -- South Korea, Taiwan -- emerged. Japan lost its engine of growth and hasn't found a new one. That is Japan's central economic problem.
Government has tried. In the 1980s, the Bank of Japan sought to offset the effect of the higher yen with cheap credit. This backfired, resulting in the bubble economy. ... Since the bubble's collapse, there have been 13 stimulus plans, reckons economist Randall Jones of the Organization for Economic Cooperation and Development."
Am Schluss überlegt Samuelson, ob es nicht spezifisch amerikanische "deeply held social and political values" gibt, die analog zum "verlorenen Jahrzehnt" der japanischen Wirtschaft zu einer "lost decade" in den USA führen könnten:
"Since the early 1980s, American economic growth has depended on a steady rise in consumer spending supported by more debt and increasing asset prices (stocks, homes). Just as the mid-1980s signaled the end of Japan's export-led growth, the present U.S. slump signals the end of upbeat, consumption-led growth. But its legacy is an overbuilt and overemployed consumption sector, from car dealers to malls. The question is whether our system is adaptive enough to create new sources of growth to fill the void left by retreating shoppers." Gute Frage!
[Einen sehr konzentrierten und mit einer Fülle von Zahlen und Grafiken untermauerten bzw. gewürzten Vergleich der Japankrise mit der Weltwirtschaftskrise Nr. 2 hat Richard Koo, Chefvolkswirt Nomura Research Institute in Tokio, u. d. T. "The Age of Balance Sheet Recessions: What Post-2008 U.S., Europe and China Can Learn from Japan 1990-2005" erarbeitet (Oktober 2008).]


Nachtrag 22.02.09
Am Modell einer 'Inselwirtschaft' erläuterte ein gewisser Mike Adams am 9.2.09 seine Auffassung, wonach ein Konjunkturprogramm keine zusätzlichen Arbeitsplätze schaffen kann: "xxxxxc". Ich konnte aus Zeitmangel nur flüchtig drüberschauen, und sicherlich enthält sein Modell eine Reihe von Denkfehlern. Trotzdem ist es als Ausgangspunkt immer stimulierend, sich ökonomische Wirkzusammenhänge in möglichst einfachen Modellen zu denken; genau das versuche ich ja auch zu tun.


Nachtrag 24.02.09
"Irgendwann ist Zahltag" mahnt ein Autorenkollektiv (8 Personen) in einem langen Artikel bei Spiegel Online vom 26.01.09:
"Die Rettungspakete für die Wirtschaft werden stetig teurer. Sie drohen viele Länder finanziell zu überfordern. Die Folgen treffen jeden Bürger: Eine schleichende Geldentwertung ist unausweichlich, Staatspleiten werden nicht mehr ausgeschlossen. Könnte selbst der Euro-Raum zerfallen?"
Ungefähr in der Mitte (S. 5 ff. in meinem Ausdruck) wird auch recht ausführlich die Frage der Kollektivhaftung bzw. Solidarhaftung der Mitglieder der Eurozone füreinander erörtert. Ein weiterer langer Abschnitt am Schluss (S. 8 - 10) befasst sich mit der Frage, ob sich der Staat seiner Schulden durch Inflation entledigen wird.



Textstand vom 24.02.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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