Sonntag, 30. November 2008

Altdeutscher Weihnachtsmarkt in Eberbach: Gebrannte Erdnüsse gab's bei den Goten

Und bei der Reservistenkameradschaft Maultaschen in Brühe (3,50 €).

Er heißt nicht "Altdeutscher Weihnachtsmarkt" und wird überhaupt nicht groß beworben: der Weihnachtsmarkt in Eberbach am Neckar. Aber die Preise sind altdeutsch, also günstig. Es ist ja auch ein "Weihnachtsmarkt der Vereine", nicht ein Weihnachtsmarkt der Marktbeschicker.

Mittwoch, 26. November 2008

Simbabwe schärfster Konkurrent für US-amerikanische Schlüsselindustrie

Nein, um Tabak geht es nicht. Wohl aber ist das, worum es hier geht, starker Tobak.

Ben S. Bernanke hatte, schon im Jahre 2002, Überlegungen darüber angestellt, auf welche Weise die amerikanische Notenbank, das Federal Reserve System, die Leute wieder zum Geldausgeben verleiten könnte, falls sie die Lust daran verlieren und die Wirtschaft deflationieren sollten. (Vgl. auch meinen Blott "Ist Ben Bernanke bescheuert ...?")

Heute ist er selbst als Nachfolger von Alan Greenspan Chairman of the Board of Governors der amerikanischen Zentralbank. Nach seiner damalige Einschätzung war das US-Finanzsystem kerngesund und ziemlich deflationssicher:
"A healthy, well capitalized banking system and smoothly functioning capital markets are an important line of defense against deflationary shocks. The Fed should and does use its regulatory and supervisory powers to ensure that the financial system will remain resilient if financial conditions change rapidly."
Indes war es mit einer klugen Ausübung der regulierenden und beaufsichtigenden Befugnisse der Fed wohl nicht so weit her; weite Teile des Finanzwesens waren unterreguliert, und das unter tatkräftiger Mitwirkung des damaligen Notenbankpräsidenten Greenspan (vgl. Artikel "Taking Hard New Look at a Greenspan Legacy" in der New York Times vom 08.10.2008).

Durch den völligen inneren (äußerlich werden die Leichen durch künstliche Beatmung am Leben gehalten) Zusammenbruch des Bankenwesens wurde aus einer Inflationsrate von 5% im Sommer diesen Jahres eine Deflation - und das nicht nur wegen des drastisch gesunkenen Ölpreises.

Das gibt Bernanke nun die Chance, seine (aufgrund seiner Studien der Weltwirtschaftskrise von 1929 ff. entwickelten) Pläne für eine Reflationierung der Wirtschaft auszuführen. Und dazu pumpt er schwindelnde Geldsummen ins Finanzsystem.
Endlose Mengen Kohle schaufelt die Zentralbank in die Heizkessel der Finanzwelt:
"The Federal Reserve is refusing to identify the recipients of almost $2 trillion of emergency loans from American taxpayers or the troubled assets the central bank is accepting as collateral" berichtet die Wirtschafts-Nachrichtenagentur Bloomberg am 10.11.2008 unter der Überschrift "Fed Defies Transparency Aim in Refusal to Disclose". Zwei Billiarden Dollar hat also die Notenbank der USA an notleidende Banken in den USA verliehen - und will noch nicht einmal verraten, welche Banken die Empfänger waren und welche "Wert"papiere sie dafür als Sicherheiten akzeptiert hat (vermutlich Schrottpapiere, die sonst kein Finanzmarktakteur anfassen würde).

Und weiter geht es: "Fed stützt Kreditmärkte mit 800 Milliarden Dollar" berichtet die Zeit Online vom 25.11.08.

Offenbar ist in den USA eine neue, und absolut krisensichere, Schlüsselindustrie entstanden: die Gelddruckerei.
Auf diesem Gebiet freilich kommt eine übermächtige Konkurrenz aus Afrika, mit der nicht einmal die amerikanische Gelddruckindustrie mithalten kann. Simbabwe hat schon im Juli 2008 einen 100-Milliarden-Dollar-Geldschein eingeführt. Die Inflationsrate lag damals bei 2,2 Millionen Prozent.

So weit ist Amerika noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Man hat den Eindruck, dass die USA hart daran arbeiten, die afrikanischen Konkurrenten in den Schatten zu stellen. "Man" heißt übrigens nicht nur ich: So titelte z. B. ein Blogger mit dem Pseudonym "Monetenguru" (bereits am 31.10.2008): "Weltwirtschaftskrise: Der Finanz-Tsunami und die neue Deflations-Saga."


Nachtrag 27.11.08:
Der von mir bereits oben als früher Prognostiker der Immobilienkrise gewürdigte amerikanische Wirtschaftswissenschaftler (und diesjährige Nobelpreisträger) Paul Krugman wittert konjunkturelles Unheil (ich auch). Doch seine Medizin ist fragwürdig (übrigens spricht auch er in seinem Eintrag die galoppierende Inflation in Zimbabwe an). Auszug aus seinem Blott "Macro policy in a liquidity trap (wonkish)" vom 15.11.08:
"Huge fiscal stimulus, to fill the hole [d. h. die Nachfragelücke der Verbraucher]. More aggressive GSE lending. Maybe a “pre-commitment” by the Fed to keep rates low for an extended period — that’s a more genteel version of my “credibly promise to be irresponsible.” And maybe large-scale purchases of risky assets.
The main thing to realize is that for the time being we really are in an alternative universe, in which nothing would be more dangerous than an attempt by policy makers to play it safe.
" [GSE = Government sponsored enterprise; mehr z. B. hier und dort; die Wikipedia lässt uns -Stand 26.12.08- zu dieser Abkürzung noch im Stich, aber dadurch habe ich wenigstens das vielsprachige "Free Dictionary" entdeckt!]
Was mich zu folgendem Kommentar veranlasst hat (der als Nr. 100 auch in seinem Blog veröffentlicht wurde):
"Remember your blog entry of may 3rd: "Oil conservation: getting over the hump"?
Yes: "We really are in an alternative universe, in which nothing would be more dangerous than an attempt by policy makers" to burn paper money so that the economy will go back to burning more oil.
Whoever promises that any central bank or any government can stimulate the economy to return to its old growth path has already found "a way to 'credibly promise to be irresponsible'.”
And when it comes to credit: from what I read (not only over here in Europe, but mostly on American websites) the USA has alreday been highly successful in "persuad(ing) its citizens to forget about the(ir) future".
Investors, alas, seem disinclined to forget about theirs.
"

Nachtrag 28.11.08:
Mittlerweile habe ich die Sache noch einmal durchdacht und komme zu dem Schluss, dass Krugmans Rezept der finanziellen Verantwortungslosigkeit zwar destruktiv ist, aber gerade durch die totale Zerstörung unseres gewohnten Finanzsystems den Weg für eine wie auch immer geartete neue Form des Wirtschaftens freisprengen könnte: Eine Art von kreativer Zerstörung im Sinne Schumpeters hin zu einem ökonomischen Paradigmenwechsel. Denn wie das System sich graduell anpassen sollte, sehe ich nicht.
Jedenfalls habe ich heute einen weiteren Kommentar (Nr. 101?) nachgeschoben:
"Rethinking my comment no. 100, I might have gotten it all wrong.
Perhaps it would be beneficial to drown the economy in liquidity. Not that I have any more doubts today than yesterday that such a procedure would (or, looking at the activities of copter-Ben: will) be disruptive.
But maybe it would be desctruction Schumpeter-style, necessary for a paradigmatic change in our economic thinking and acting?
I got this idea when musing about the two world wars. At least In my opinion there has been a paradigmatic change in international relations after WW II from prewar nationalism to a new quality of international cooperation and relative non-violence (by historical standards).
While it took two world wars to achieve this, it may take 2 world depressions to come up with an economic paradigm shift.
And complete financial irresponsability might be the type of modern day Molotow-cocktail to blow up our growth fetishism before everything dries up from resource shortages.
So, while the outcome may not be what you had in mind, it could well be revolutionarily innovative.
Maybe there is a Faustian dimension in extreme reflation:
"Part of that force which would / Do evil evermore, and yet creates the good ...
." Eine Art von Kraft, "die stets das Böse will und stets das Gute schafft." (Passt nicht so ganz, den Krugman will ja willentlich nichts Böses. Vom Interessenstandpunkt einer Erhaltung unseres derzeitigem Wirtschaftssystems halte ich seine Vorschläge allerdings für "böse", aber andererseits: können wir unser herkömmliches 'kapitalistisches' System mit seinem immanenten Wachstumstrieb (oder Wachstumszwang) vor dem Hintergrund der Ressourcenerschöpfung überhaupt noch sehr viel länger aufrecht halten?
Nachtrag 29.11.08: Es ist der Kommentar 101 geworden. Ich nehme das mal ganz dreist symbolisch: "101" steht in den Vorlesungsverzeichnissen der US-Universitäten für Einführungsvorlesungen ("As suffix, such as "knitting 101", the term denotes the most basic level of introduction to a subject, from the practice in US colleges of numbering courses, starting at 101" heißt es in der Wikipedia). "Economics 101" heißen entsprechend die Vorlesungen für die Erstsemester in den Wirtschaftswissenschaften. [Unter dem Titel "Economics 101- what the global meltdown means" hat übrigens der australische Professor Steve Keen einige interessante Daten über die Finanzkrise zusammengestellt.]

Nachtrag 03.12.08:
Krugmans o. a. Blott greift auf Ideen zurück, die er bereits früher entwickelt hatte, u. a. (streng fachwissenschaftlich) in seinem Papier "THINKING ABOUT THE LIQUIDITY TRAP" aus dem Jahre 1999. Nach dessen Lektüre habe ich in seinem Blog noch den folgenden Kommentar (nach Freigabe wohl die Nr. 104) eingestellt, den ich, sowohl wegen seiner ganz allgemeinen Kritik an gewissen grobschlächtigen wirtschaftswissenschaftlichen Modellen der Motivationsstruktur der Verbraucher als auch wegen seiner Erklärung eines möglichen antizipatorischen Wirkungsmechanismus des Ölfördermaximums als Konjunkturhemmer, auch hier (etwas korrigiert) in meinem eigenen Blog 'verewigen' möchte:
"Dear Prof. Krugman,
thank you for posting a link to your 1999 paper "THINKING ABOUT THE LIQUIDITY TRAP".
While I do not know what a "Euler condition" is or a "Ricardian equivalence", I do understand that you recommend, as a remedy against recession (or only severe recession - depression?) that the central bank promises us (a certain amount of) inflation.
Isn't that exactly what Ben Bernanke has been promising in his 2002 'helicopter'-speech "Deflation: Making Sure "It" Doesn't Happen Here"?
And hasn't the Fed - in a joint effort with the the lawmakers (deregulation) - successfully accomplished this during the housing-boom?
However, the motivational structure of the consumer behind your model resembles, in my opinion, rather a cartoonist mind mapping of the male brain, with sex dominating everything, than reality.
Real life consumers don't simply have an inflation figure in their brains and for the remainder are blind as a bat. Rather, they have a lot of clearly mapped price targets on their radar.
At the beginning of the year I bought a new computer. I did this even though I was well aware of the deflationary tendencies inherent in this particular market section (actually, it is already some 25% cheaper now), because I (felt I) needed a new one.
On the other hand, I did not doubt that in general the cost of life would go up.
Homeowners did not buy just any kind of object, thinking it would be more expensive later. They (or at least many of them) bought houses expecting price hikes in that particular market. And they were right for quite a while - partly because the Fed fed, or at least did not extinguish, their inflationary desires.
Now could there be any situation where the promise of inflation would prevent, instead of foster, consumer purchases?
There sure is.
If people expect a drastic increase in gasoline prices, they would not (at least not to a large extent) buy the stuff now in order to save money later. (Some or even many might be inclined to do so, but most everybody lacks adequate storage facilities and would get in trouble with the fire department if they would stack full gas canisters in their garages.) Also, with that type of inflation-expectation consumers would not buy cars or other large items (like homes), at least not on credit. They would know that this very special kind of inflation will inflate their expenses only, not their wages. And therefore they would expect having less money left to pay future credit installments.
Consumers may not talk a lot about such motivations, but they do read about possible future oil shortages (peak oil) in the newsmedia. And even if they don't consciously pay much attention to those reports and opinions they do receive the price signals from the market, and keep them on their radar. They also know that no central bank can make a credible promise to keep commodity prices down.
So a more fine-tuned model of the consumer brain might well find an inflation-expectation that does not lead to increased consumption, and even induces people to save.
This situation has probably at least contributed to the financial crisis. At any rate it will most likely thwart any efforts of fighting it with the traditional tools of monetary and/or fiscal policy
." [Erg. 05.12.08: Dieser Kommentar wurde vom Administrator des Krugman-Blogs nicht freigegeben. Über die Gründe rätsele ich.]
Nachtrag 16.12.08: Dass Krugmann sich der Realität und der Problematik des Ölfördermaximums durchaus bewusst ist zeigt sein Artikel "The so-called oil bubble" in der International Herald Tribune vom 12.05.2008.


Nachtrag 30.11.08:
Was sind schon 1,8 Billionen Dollar? Amerika kann es besser: "U.S. Pledges Top $7.7 Trillion to Ease Frozen Credit" berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg am 24.11.2008 (meine Hervorhebungen):
"The U.S. government is prepared to provide more than $7.76 trillion on behalf of American taxpayers ... . The pledges, amounting to half the value of everything produced in the nation last year, are intended to rescue the financial system after the credit markets seized up 15 months ago.
The unprecedented pledge of funds includes $3.18 trillion already tapped by financial institutions in the biggest response to an economic emergency since the New Deal of the 1930s, according to data compiled by Bloomberg. The commitment dwarfs the plan approved by lawmakers, the Treasury Department’s $700 billion Troubled Asset Relief Program. Federal Reserve lending last week was 1,900 times the weekly average for the three years before the crisis. ... The worst financial crisis in two generations has erased $23 trillion, or 38 percent, of the value of the world’s companies and brought down three of the biggest Wall Street firms. ... The money that’s been pledged is equivalent to $24,000 for every man, woman and child in the country. It’s nine times what the U.S. has spent so far on wars in Iraq and Afghanistan ... . It could pay off more than half the country’s mortgages. ... Bloomberg has requested details of Fed lending under the U.S. Freedom of Information Act and filed a federal lawsuit against the central bank Nov. 7 seeking to force disclosure of borrower banks and their collateral.
Collateral is an asset pledged to a lender in the event a loan payment isn’t made.
“Some have asked us to reveal the names of the banks that are borrowing, how much they are borrowing, what collateral they are posting,” Bernanke said Nov. 18 to the House Financial Services Committee. “We think that’s counterproductive.” Bernanke’s Fed is responsible for $4.74 trillion of pledges, or 61 percent of the total commitment of $7.76 trillion ... .
"
(Den Hinweis auf die Bloomberg-Meldung verdanke ich einem Kommentar im Blog "Herdentrieb", Eintrag "Niemand hat Angst vor Inflation" von Dieter Wermuth vom 28.11.08.)


Nachträge vom 05.12.08
Ein Werner Heinen hegt ähnliche Befürchtungen wie ich und fragt in einem regionalen (hier: Berliner) Wirtschaftsportal "Ist Hyperinflation die Lösung für die drohende Verschuldung aus der Finanzkriese (sic!)?"

Die Webseite des Ludwig von Mises Institute hat den Artikel "Nonsense about Deflation" von Robert Higgs (12.02.08) re-publiziert. Auch Higgs fürchtet die Inflation mehr als eine Deflation. Auszug:
"Which brings us to the second question: for better or worse, does deflation actually loom at present? If it does, its occurrence will surprise me greatly, because the Fed has been creating base money as if there were no tomorrow, and if the bailouts continue, as seems likely, more of the same is virtually certain. So far, the huge spurt in base money has simply been absorbed and held by the banks in the form of (legally) excess reserves, but the likelihood that the banks will sit on $268 billion of excess reserves forever is nil. Once they feel more secure, their loans and investments will go forth in search of a higher yield than the Fed pays them (since a recent change in policy) on their reserves, and at that point the banking system's money multiplier will kick in with terrific force.
In short, given the monetary conditions now prevailing, the greater threat by far is inflation, not deflation
."


Nachtrag 10.12.2008:
Dem Eintrag "Hyperinflationäre Depression?" im Wirtschafts-Blog "Weissgarnix" (betrieben von Thomas Strobl und Frank Lübberding) vom 30. Juni 2008 verdanke ich den Hinweis auf ein Bloomberg-Interview mit Martin Hennecke, Analyst der “Tyche Group” in Hong Kong. Dankenswerter Weise (für mich; ich mag nämlich keine Video-Informationen: das dauert mir zu lange) hat Frank Lübberding den Interview-Text auch transskribiert und übersetzt (Transkript allein: hier). Schon damals sah Hennecke die USA in einer Rezension (was die offiziellen Daten seinerzeit noch nicht widerspiegelten; mittlerweile geht das National Bureau of Economic Research -NBER- aber auch offizell davon aus, dass sich das Land bereits seit Dezember 2007 in einer Rezession befindet) und warnte vor der Gefahr einer Depression:
"Nun, wenn sie sich die Daten mal ansehen, die Schuldenniveaus usw., dann werden Sie feststellen, dass die Situation schlimmer ist als 1929. Zudem ist der große Unterschied zu damals, dass heutzutage auch die Staatsfinanzen außer Kontrolle geraten sind. Es gab ja sogar einen Bericht der St. Louis FED, in dem es hieß, die USA wären unter Einrechnung aller bestehenden Zahlungsverpflichtungen bereits pleite, was einen Riesenunterschied zur Great Depression der 30er Jahre darstellt. Daher könnten wir diesmal tatsächlich eine Hyperinflation als Folge sehen, und keine Deflation wie in den USA der 30er. Also eine Situation ähnlich der in der Weimarer Republik der 30er [recte: 20er] Jahre."
"Daher glauben wir, dass es noch viel schlimmer kommen wird, vielleicht sogar schlimmer als 1929. Eben weil sich die USA in einem deutlich schlechteren Schuldenzustand befinden, als damals."


Nachtrag 14.12.2008
In dem akademischen Wirtschafts-Blog "Worried about the crisis? Have some inflation!" einerseits und dem eigenen Blog des daran beteiligten Wirtschafts-Prof. Martin Klein andererseits ("P wie Passivtausch") werden konträre Positionen bzw. Sachverhalte referiert, was die US-amerikanische Finanzpolitik angeht.

Die eine ist ein Hinweis auf den Kommentar "Inflation Should Be Just Around the Corner" von Peter Boone und Simon Johnson, Post on the Wall Street Journal's Real Time Economics November 24, 2008. Als Kern der aktuellen Probleme sehen sie es offenbar an, dass
"The prices of securitized residential and commercial mortgages reached new all-time lows, and most commodity prices continued their rout. The same pattern was seen in European and Asian markets." Unstreitig ist, dass
"This downward spiral of asset prices is creating potential insolvencies on a massive scale. The natural private-sector response is to cut spending and try to repay debts."
Sie sind sich zwar nicht sicher, ob eine wirklich große Krise, wie diejenige von 1929, überhaupt wirksam bekämpft werden kann:
"Perhaps the events of 1929 produced an unstoppable whirlwind of deleveraging that no set of policy measures would truly have been able to prevent."
Aber Deflation erscheint ihnen als das schlimmste der derzeit denkbaren Szenarien:
"We can be sure that deflation will only make our situation worse. If prices actually fall around the world, the solvency problems of banks, households with mortgages, indebted corporates, and most sovereigns will continue to worsen. A falling price level would be associated with lower asset prices and reduced collateral value for loans, while the nominal liabilities would remain fixed. This would open greater holes in balance sheets and reinforce the downward spiral. Further, falling prices mean that both long and short interest rates are low—a flat yield curve. This would exacerbate the financial sector's problems as its lending becomes less profitable. It is now imperative that strong actions be taken to prevent deflation, and we should use monetary and fiscal policy to start our reinflation."
Das hört sich eigentlich logisch an; das Problem ist allerdings, dass damit eine schon verzerrte Preisstruktur z. B. auf dem US-Immobilienmarkt dauerhaft zementiert würde. Wenn ich versuche, mir die Wirkungen modellhaft vorzustellen, könnte das z. B. so aussehen:
- Amerikanische Arbeitnehmer hätten angenommen 50% in den letzten 10 Jahren mehr verdient.
- Hauspreise seien (für vergleichbare Gebäude) um 150% gestiegen.
Wer eine solche Situation festschreiben will, bescheißt die Hauskäufer indem er sie zwingt, überhöhte Preise zu zahlen. Er begünstigt z. B. die Immobilienbesitzer und für Bauland die Bodenbesitzer, bei denen (vermute ich mal) der Löwenanteil hängen geblieben ist (und natürlich die Banken, die weiterhin überhöhte Hypotheken ausleihen können).
- Eine gleich starke Inflation der Löhne werden wir mit Sicherheit nicht sehen.
- Für die Verbraucher in den USA könnte sich eine hausgemachte Inflation verschärfen durch eine importierte Inflation, sofern die anderen Währungen aufgewertet werden. Angesichts des hohen amerikanischen Handelsbilanzdefizits erscheint eine gewisse Aufwertung der Währungen jener Länder oder Währungsgebiete, mit deinen ein solches Ungleichgewicht besteht, durchaus sinnvoll. Die aktuell (vor Weihnachten 2008) erfolgte Aufwertung des Yen gegenüber dem Dollar war fällig, und auch die chinesische Währung müsste aufgewertet werden. Die Handelsbilanz zwischen Euro-Raum und den USA ist wohl ziemlich ausgeglichen (was angesichts des deutschen Exportüberschusses übrigens heißen würde, dass andere Staaten der Euro-Zone riesige Handelsbilanzdefizite gegenüber den USA haben müssen), so dass die 'Euro-Wirtschaft' durch allzu hohe Aufwertungen (Dollarstand 26.12.: ca. 1,40 €) tatsächlich ungerechtfertigt 'bestraft' würde.

Den Autoren steht freilich nicht der Sinn nach Abbau der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte; sie erhoffen einen anderen Wirkungszusammenhang, nämlich Zinssenkungen der ausländischen Notenbanken im Gleichschritt mit der Fed, um die Konjunktur weltweit anzukurbeln. Das Bemühen z. B. der EZB um Erhaltung der Preisstabilität im Euro-Raum geißeln sie als "free ride" (meine Hervorhebungen):
"Unlike fiscal policy, which encourages other countries to "free ride" on any US expansion, the attraction of US monetary expansion is that it will force a global response. When the United States expands its money supply, thus putting pressure on the dollar to weaken, Asia and the United Kingdom will quickly follow suit to prevent their currencies from strengthening.
Already, the Bank of England is rapidly reducing rates and talking down the pound. They understand that the only way out of their crisis, which is arguably worse than in the United States, is to cheapen the price of money quickly and encourage depreciation relative to trading partners. Most Asian nations continue to manage exchange-rate policy so their currencies weaken, or at least stay stable, relative to the dollar. While the eurozone will lag, its deep economic and institutional problems mean they cannot afford a strong euro. The European Central Bank must soon cut interest rates sharply and follow along.
"
Die Autoren fordern also, dass die Geldpolitik der USA der gesamten Welt eine Inflation (in welcher Höhe???) aufzwingen sollte; wer nicht bereit ist, diesen Weg einer 'Reparatur' der Weltkonjunktur (die freilich erst durch die verfehlte Geld- und sonstige Politik der USA in die Krise geraten ist!) zu beschreiten, ist in ihren Augen ein Trittbrettfahrer.
Freilich würde eine durch Gelddrucken induzierte Inflation sich nicht auf "Assets" wie Immobilien usw. begrenzen lassen [und würde diese im schlimmsten Falle sogar zuletzt treffen - was den Effekt in einem für die Finanzwirtschaft zentralen Sektor ins Leere gehen ließe!], sondern würde die gesamte Wirtschaft erfassen. Die Erdöl exportierenden Länder z. B. müssten also mehr für amerikanische Waren, wie natürlich auch, aufwertungsbedingt, für Güter aus anderen Wirtschaftsräumen, bezahlen. Entsprechend würden sie wahrscheinlich versuchen, den Rohölpreis zu steigern (wofür sie freilich schon jetzt subjektiv gute Gründe hätten. Interessante Frage: warum tun - oder schaffen? - sie das derzeit - noch? - nicht?).

Die US-Wirtschaft wie auch der Rest der Welt könnte(n) sehr schnell in eine Inflationsspirale kommen, die nicht mehr beherrschbar ist. Die Kleinen Leute würden die Zeche zahlen. Das allerdings (auf andere Weise) auch dann, wenn es durch eine Deflation zu einer Depression kommen sollte. Fällt den Ökonomen nichts anderes ein? Ich jedenfalls meine, dass die Amerikaner (zumindest deren Geldpolitiker und Wirtschaftswissenschaftler) beim Blick auf das Deflationsrisiko allzu sehr von der Erinnerung an die Große Depression beherrscht werden. Preisrückgänge wie damals wird es heute nicht geben, einfach deshalb, weil die Wirtschaft (Löhne! Gewerkschaften!) heute nicht mehr in gleicher Weise flexibel ist. Was in diesem Falle durchaus ein Vorteil sein kann.

Gar so dumm, wie ich ihn mit polemischer Überzeichnung dargestellt habe, ist Ben Bernanke natürlich nicht. Es war durchaus ernst gemeint, und keineswegs etwa rhetorischer Balsam eines Inflationisten, wenn er in seiner 'Geldhubschrauber-Rede' "Deflation: Making Sure "It" Doesn't Happen Here" zunächst lang und breit vor den Gefahren einer Inflation warnt (bevor er auf die Möglichkeiten der Fed zur Bekämpfung von Deflationen eingeht).

Wie die amerikanische Notenbank einer Inflation (oder zumindest einer Hyperinflation) vorbeugen will, erfahren wir bei Prof. Klein in seinem Blott "P wie Passivtausch" vom 10. Dezember 2008. Das Federal Reserve System will (wenn ich es richtig verstanden habe) gerade kein Geld drucken*, sondern 'schlafendes' Geld aus seiner Warteposition herauslocken, indem sie sich dieses leiht (und natürlich auch verzinst; dabei müsste sie wegen ihrer - zumindest derzeit von den Märkten wohl noch unbezweifelten - Bonität und der hohen Liquidität, also Verkaufbarkeit, derartiger Anleihen sicherlich nur sehr niedrige Anleihezinsen zahlen). Dieses geborgte Geld würde sie dann ihrerseits weiterverleihen; bei kreditwürdigen Schuldnern könnte das durchaus ein gutes Geschäft werden, denn vermutlich könnte sie ihrerseits höhere Zinsen fordern, ohne die Wirtschaft über Gebühr zu belasten und damit den Zweck der Übung zu konterkarieren.
* zu "Geld drucken": Obwohl Bernanke in seiner Rede 'gedroht' hatte: "Like gold, U.S. dollars have value only to the extent that they are strictly limited in supply. But the U.S. government has a technology, called a printing press (or, today, its electronic equivalent), that allows it to produce as many U.S. dollars as it wishes at essentially no cost. By increasing the number of U.S. dollars in circulation, or even by credibly threatening to do so, the U.S. government can also reduce the value of a dollar in terms of goods and services, which is equivalent to raising the prices in dollars of those goods and services. We conclude that, under a paper-money system, determined government can always generate higher spending and hence positive inflation."

Grundsätzlich skeptisch gegen eine Politik des (allzu) leichten Geldes ist Conrad Mattern, Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Krisenpolitik. Gift statt Medizin" meint er in der ZEIT ONLINE vom 24.11.2008 (meine Hervorhebung):
"Billiges Geld und lockere Bilanzregeln sollen das Finanzwesen wieder auf die Beine bringen. Dabei haben sie den Crash verursacht. Neuer Schaden ist programmiert. .....
In der Politik hält der Aktionismus angesichts der Krise an. Der künftige US-Präsident Obama soll ein Konjunkturprogramm planen, das seinesgleichen sucht. 700 Milliarden Dollar soll es umfassen, ... Wer immer noch zweifelt, dass diese Krise Parallelen zu 1929 aufweist: Voilá, hier sind sie. Der New Deal lässt grüßen.
Zugleich hat die US-Notenbank klargemacht, dass sie die Zinsen, wenn nötig, bis auf Null senken wird. ...
An solch einem Punkt ist es höchste Zeit, sich klarzumachen, welch gefährlicher Weg da beschritten wird, um die Märkte und die Volkswirtschaften zu retten. Die Zinsen werden massiv gesenkt, Banken fusionieren, und die übrig gebliebenen Institute dürfen kreativ in ihren Bilanzen herumbasteln, um weitere Abschreibungen zu verhindern. Das erscheint seltsam bekannt.
Allgemein hat sich die Meinung durchgesetzt, dass die aktuelle Krise vom ehemaligen US-Notenbankchef Alan Greenspan stark befördert wurde. Er senkte die Zinsen von 2001 bis 2003 in einem zuvor noch nie gesehenen Ausmaß. ...
Vereinfacht kann man sagen, die Krise hat drei Ursachen: extrem niedriges Zinsniveau, zu große Banken und Bilanzierungsvorschriften, die die wirkliche Lage nicht richtig wiedergaben. Die gegenwärtigen Lösungsversuche gehen genau in die gleiche Richtung. Man senkt die Zinsen massiv, die Banken fusionieren, die Bilanzierungsvorschriften werden gelockert. ..... Die Offiziellen versuchen, ein weiteres Abrutschen der Märkte zu verhindern. Das hat seine Berechtigung und Notwendigkeit. Ob aber die Mittel, die letztlich zur Krise geführt haben, auch die richtigen sind, um aus der Krise wieder herauszukommen, bleibt fraglich.
"

Folgerung: Die weitere Entwicklung unserer gegenwärtigen Finanzkrise, Finanzmarktkrise, Wirtschaftskrise oder Weltwirtschaftskrise bleibt spannend!


Nachträge 26.12.08:

Auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, steht der Liquiditätszufuhr der US-Zentralbank für die Wirtschaft und Finanzwirtschaft skeptisch gegenüber; vgl. Handelsblatt-Interview vom 17.12.08 von Ralf Drescher Die Fed nährt die nächste Blase (gemeint ist: bei den Staatsanleihen). Sein Resumée:
"Ich bin immer wieder überrascht, wie einseitig die Märkte auf eine Politik des billigen Geldes setzen. Dass diese bisher wenig geholfen hat, sollte sich doch herumgesprochen haben. Auch zu der aktuellen Krise hat die Politik des billigen Geldes in der Ära von Alan Greenspan entscheidend beigetragen. Das wird leider oft vergessen."

Mehr über die als "Quantitative Easing" euphemisierte Liquiditätsaufblähung berichtet Tobias Bayer in der Financial Times Deutschland vom 01.12.2008: "Fed-Bilanz schwillt auf 2200 Milliarden".

Was die Fed derweil an der Zinsfront treibt, und wie die anderen Notenbanken der Welt darauf reagieren , erfahren wir z. B. in dem Handelsblatt-Artikel "EZB unter Zugzwang. Bernanke wirbelt Devisenmarkt durcheinander" von Norbert Häring vom 17.12.2008:
"Die Federal Reserve hatte ihren Leitzins, den Zielsatz für Tagesgeld, am Dienstag von einem Prozent auf eine Spanne von Null bis 0,25 Prozent gesenkt und angekündigt, dass er längere Zeit so niedrig bleiben werde. Außerdem hatte die US-Notenbank verstärkte Käufe von Wertpapieren angekündigt, um so die in der Wirtschaft zirkulierende Dollar-Menge zu erhöhen."
Wie die EZB nach Meinung des Autors reagieren sollte, beschreibt Häring am gleichen Tag in seinem Kommentar "Zinsentscheid. Geldpolitik: Trittbrettfahrer absteigen!":
"Trichet meinte ..., Europa beeinflusse die USA ebenso stark wie umgekehrt. Nun muss er erleben, dass es nur eine wirtschaftliche Weltmacht gibt, und die heißt USA.
Schon in der letzten Krise hat die EZB versucht, den Trittbrettfahrer zu spielen ... . Der Erfolg war ein nach oben schießender Euro und ein Einbruch der eigenen Wirtschaft, der sie dann doch zum Handeln zwang.
Wenn die Europäer sich wieder als Trittbrettfahrer gerieren wollen ..., dann schadet das zu allererst ihnen selbst. Die USA bekommen ihre Unterstützung auf jeden Fall. Wenn nicht von geldpolitischer Lockerung der EZB und europäischen Konjunkturprogrammen, dann eben ... von einem immer schwächer werdenden Dollar. Für die USA ist das zwar nur die zweitbeste Variante, für Europa aber die allerschlechteste.
"
Abgesehen davon, dass die Verantwortung zur Krisenbereinigung zunächst dort liegt, wo die Krise verursacht wurde, und jene, die keine Verantwortung für diese Situation tragen, fairer Weise nicht als Trittbrettfahrer diffamiert werden sollten, wenn sie sich fragwürdigen Lösungen verweigern: Eine Weltmacht, die ihre Währung ruiniert (ruinieren muss?), um ihre Wirtschaft zu retten, ist die längste Zeit Weltmacht gewesen. (Erst Recht werden die USA ihre Weltmachtstellung verlieren, wenn sie Konjunkturfördermittel in großem Umfang unproduktiv anlegen, nämlich in Waffensysteme, auch wenn Martin Feldstein meint "Defense Spending Would Be Great Stimulus".)

Edward Hadas von breakingviews.com erwartet im Handelsblatt vom 18.12.2008 über "Der Wert des Geldes. Nullzinspolitik: Ein Rätsel für die Märkte", dass zumindest die britische Notenbank ihre Zinsen ebenfalls nahe Null senken wird.

"Faktisch null Prozent. Fed senkt Leitzins auf historisches Tief" informierte die FTD am 17.12.2008.

Mit äußerster Schärfe (und m. E. treffend) kritisiert "gy" in der Neuen Zürcher Zeitung vom 16.12.2008 unter der Überschrift "In alten Bahnen" die Geldpolitik des Federal Reserve Systems:
"Die Fed-Spitze erinnert an einen Systembetreuer, der seine Anlage nicht mehr richtig unter Kontrolle hat und in zunehmender Ungeduld und wachsendem Ärger immer stärkere Stromstösse durch die Leitungen schickt, auch wenn einige Drähte schon durchschmelzen. ..... die US-Geldpolitik [sendet] im Grunde das Signal aus ..., Leben und Wirtschaften sollen ähnlich weitergehen wie in den letzten Jahren. ..... Der Einwand, dass Banken, Unternehmen und Haushalte viele Mittel falsch investiert hatten und nun einige Zeit brauchen, um Fehler zu beheben und zu verdauen, hat in diesem Denkmodell wenig Platz. Diese Art von Geldpolitik hält vieles in alten Bahnen. Die Niedrigzinsen verleiten zu einem Verhalten, das man sich bei einer «normalen» Verzinsung nicht leisten könnte."

Allerdings bin auch ich der Meinung, dass unsere Geldpolitik mehr tun könnte (vgl. Blott "Guten Morgen Bundesbank! Auch schon ausgeschlafen?"), und zwar ohne eine Hyperinflation zu riskieren.

Robert E. Lucas jr., Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft, begrüßt im Wall Street Journal vom 23.12.2008 die Zins- und Liquiditätspolitik der US-Notenbank: "Bernanke Is the Best Stimulus Right Now. A zero interest rate isn't the last weapon in the Fed arsenal."

Sehr viel kritischer war dagegen ein (anonymer) Kommentar des Wall Street Journal vom 16.12.2008 u. d. T. "Bernanke Goes All In". Auszüge (meine Hervorhebungen):
"The unhappy truth, however, is that markets have cheered previous Fed easing, only to be disappointed over time. ... the real test of policy is whether it contributes to economic growth, not whether Mr. Bernanke can dazzle the spectators with pyrotechnics. And on that score, the results of monetary policy this decade have been miserable. First, the Fed created the credit mania and housing bubble by keeping interest rates too low for too long. ... Then in autumn 2007, the Fed sent rates falling rapidly again, inspiring a second bubble, this time in commodity prices, that has only deepened the recession. ...
Now the Fed is embarking on a further monetary adventure and asking the world to believe that this time it will work. . We sincerely hope it does. ... As for the Fed, the $2.2 trillion question is whether it is willing to act fast enough to withdraw all of this excess liquidity once the economy turns up. Mr. Mishkin and ... Mr. Bernanke, insist the Fed will. But we've heard that before. ... The world's investors are saying they aren't sure they can trust Mr. Bernanke's monetary bet
."

Nicholas Gregory Mankiw, einer der "most influential economists in the world", bläst in seinem Blog-Eintrag vom 16.12.08 ins Horn der Inflationsforderer: "The Next Round of Ammunition". U. a. schreibt er:
"... the Fed needs to convince people that we are going back to the normal inflation rate of 2 to 3 percent.Let me suggest this wording for the Fed's next press release:
The Committee recognizes that moderate inflation would be desirable under the present circumstances. In particular, the overall level of prices a decade hence should be about 30 percent higher than the price level today
."
Seiner Zielsetzung:
"... even if the Fed cannot reduce nominal interest rates, it can reduce real interest rates by committing to a modest amount of inflation"
bin ich dem Grunde nach gar nicht einmal abgeneigt.
[Seinen eigenen Beitrag zur Inflation hat Mankiw bereits geleistet: sein Lehrbuch "Principles of Economics", "one of the most popular books on economics available today", kostet bei Amazon in der Hardcover-Ausgabe über 160,- Dollar. Oder soll man es als Deflationssignal werten, dass es von ursprünglich über 200,- US-Dollar reduziert wurde?]

Für das Bestreben von Bundesbankpräsident Axel Weber, negative Realzinsen möglichst zu vermeiden (s. HB-Bericht "Bundesbank-Chef warnt vor Nullzins-Politik" vom 11.12.08) habe ich nämlich ausgesprochen wenig Sympathie, weil dadurch die 'leistungslosen Einkommen' der Geldkapitalbesitzer immer mehr wachsen, was zwangsläufig letztlich zu Lasten der Arbeitseinkommen gehen muss (und diese Umverteilung hat vermutlich erheblich zur aktuellen 'Finanz'krise beigetragen). Ein negativer Realzins dagegen wäre das Äquivalent zum "Schwundgeld" oder "Freigeld", dem ich, schon wegen der Künstlichkeit des Entwertungsvorgangs (Kupons usw.), eher ablehnend gegenüber stehe, dessen Grundidee, das Geldkapital gewissermaßen 'an die Arbeit' zu zwingen, aber natürlich (immer außerhalb der ökologischen Dimension betrachtet!) gerade in einer durch Kreditknappheit induzierten wirtschaftlichen Krisensituation nicht verkehrt ist.

Dieter Wermuth berichtet über und bewertet die Fed-Entscheidung zur Zinssenkung sehr ausführlich im ZEIT-Blog "Herdentrieb" am 18.12.2008: "Leitwährungswatch.
Zauberlehrling löst Dollarschwemme aus
"
. U. a. schreibt er dort (meine Hervorhebungen):
"Insgesamt hat der Kampf gegen die Deflation eine Dollarschwemme ausgelöst. Bernanke ähnelt dabei dem Zauberlehrling in Goethes Gedicht. Wir wissen, wie das dort endete: Die Geister, die er gerufen hatte, ließen sich nicht mehr bändigen. Während im Gedicht der Zaubermeister gerade noch rechtzeitig zurückkommt und mit dem richtigen Spruch die Katastrophe abwenden kann, habe ich meine Zweifel, ob das diesmal auch so einfach sein wird. Wenn der Dollar mit aller Kraft wertlos gemacht wird, wer will ihn dann noch haben? Die Märkte haben da offenbar auch ihre Zweifel. Es sieht so aus, als ob der Euro bald zwei Dollar kosten würde."
Informativ ist u. a. auch der Kommentar von Bernd Klehn (Nr. 11), der aus verschiedenen von ihm verlinkten Informationen schlussfolgert:
"Mich würde es nicht wundern, wenn mal wieder sämtliche Quittungen vom Ausland bezahlt werden, während der Dollar ungeschoren davon kommt."


Nachträge 24.01.09:
In den USA macht man sich durchaus Sorgen um das Vertrauen in den Dollar: " 'Es besteht das Risiko, dass das Vertrauen in den Dollar sinkt', sagte Volcker" berichtet Tobias Bayer im Stern (22.1.09, "Obama-Berater warnt vor Dollarcrash").

Dass die EZB auch nicht ohne ist, wenn es um den Ankauf von Schrottpapieren geht, erfahren wir (schon am 18.05.2008, also lange vor dem Ausbruch dessen, was jetzt allgemein als Krise verstanden wird), in dem Blott "Die EZB stellt fest, dass sie verarscht wird" von Weissgarnix.

Warum die Politik der Liquiditätszufuhr die Konjunktur in der aktuellen Situation nicht anspringen lässt (und die Rezepte von Krugman scheintern müssen bzw. Gift sind), ist u. d. T. "Neue, phantastische Abenteuer mit der Liquiditätsfalle" im Blog "Weissgarnix" vom 2.12.08 leicht fasslich erläutert.


Nachtrag 27.01.09:
Einem Hinweis im Blog "WEISSGARNIX" ("Sind wir nicht alle ein wenig 'Hyper'?") verdanke ich (letztlich) den Link zum einem Interview von "NEWSWEEK" mit dem Präsidenten der (simbabwanischen, simbabwesischen, simbabweschen?) Zentralbank, also der Notenbank von Simbabwe, Gideon Gono, vom 24.01.2009: " ‘It Can’t Be Any Worse’. The head of Zimbabwe's reserve bank explains the policies that have led to hyperinflation" by Alaina Varvaloucas and Jerry Guo | Newsweek Web Exclusive.


Nachträge 12.02.09
Die Links zu Artikeln betr. "Hyperinflation" auf der Webseite "Surfwax economic news" zeigen die Besorgnis der Menschen in den USA über die lockere Geldpolitik der Fed und die Furcht vor einer Hyperinflation.
Diese Diskussion läuft auch bereits seit einiger Zeit; vgl. z. B. den Eintrag "Fire or Ice: Are We Headed Towards Hyperinflation or Deflation?" vom 15.10.08 im "George Washington's Blog" (mit zahlreichen Links).
Noch früher in der New York Times vom 18.09.08 der Artikel "Will Government Bailouts Lead to Inflation?" von Catherine Rampell.

Der Hyperinflation in Simbabwe ist sogar ein eigenständiger Lexikoneintrag in der (englischsprachigen) Wikipedia gewidmet.


Nachtrag 05.05.2010:
Ines Zöttl kommentiert heute in der Financial Times Deutschland "Helden der Neuzeit":
"Das Horrorbeispiel Griechenland vor Augen verordnen sich viele kleine Länder rigide Sparkurse. Dabei geht die größte Gefahr von den USA aus. .....
... auch die USA haben ihre Gläubiger betuppt: so Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 mit einem Manöver, das den Dollar und damit die Schulden massiv entwertete. .....
Wenn die Anleger realisieren, dass die USA vielleicht doch keine sichere Bank sind, werden sie höhere Risikoprämien verlangen. Damit verteuern sich die Kredite für die US-Regierung, und ihr Defizit steigt weiter. Ein Kreislauf, wie wir ihn aus den griechischen Wochen kennen. Die Schuldenstruktur der USA ist ungünstig. Am Ende stünde die Pleite - allenfalls die Chinesen könnten Amerika raushauen.
Ein unvorstellbares Szenario? Kann sein, es gibt ja für Staaten einen anderen Weg, ihre Schulden loszuwerden: Sie inflationieren sie weg. Selbst schuld, wer US-Anleihen kauft."


Vieles spricht dafür, dass auch die Europäische Zentralbank den Weg des Inflationierens gehen wird. So jedenfalls wird am 5.5.10 gemutmaßt in dem FTD-Kommentar "Das Kapital. Und die EZB wird wieder kippen".

Und was vom US-Wirtschaftsaufschwung zu halten ist, lesen wir im FTD-Kommentar vom 3.5.10 "Das Kapital. Griechenland mal 43". Alles schuldenfinanziert, und somit genau so auf tönernen Füßen stehend wie die US-Vor-Krisenwirtschaft:
"Die Keynesianer sind beglückt ob des Wachstums der US-Wirtschaft. Doch sollten sie, wenn die Verbraucher zunehmend Einkommen verprassen, die sie selbst gar nicht erwirtschaften? Kennen wir das nicht irgendwoher?"
Auch diese Schulden werden Fed und US-Regierung eines Tages weginflationieren wollen.






Textstand vom 05.05.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Dienstag, 25. November 2008

Konjunkturpolitik in 2. Weltwirtschaftskrise (WWK II): Ohne Konjunkturprogramme steuern wir in den Abgrund. Mit Ankurbeln steuern wir gegen die Wand.

Langsam kommt die Politik in die Gänge und leiert Konjunkturprogramme an bzw. stellt zunächst mal entsprechende Forderungen auf. Vgl. z. B.:
"Berlin prüft 500-Euro-Konsum-Gutschein" Handelsblatt 25.11.08 (Sven Afhüppe und Donata Riedel);
Pierre Briancon von breakingviews.com fordert ebenfalls im Handelsblatt vom 25.11.08: "Merkel muss den Konsum ankurbeln"
und um die guten Drei voll zu machen meldet sich in derselben Ausgabe auch noch Thomas Hanke zu Wort: "Steuerdebatte. Schnell den Verbrauch stärken".
Nein: vier Blätter machen einen Glücksklee! Darum berichtet noch Ruth Berschins: "Kampf gegen Rezession. EU fordert: Mehrwertsteuer runter".
Alle diese Leute haben ja sowas von recht - wenn man die Dinge aus der traditionellen Perspektive der Konjunkturklempner betrachtet. (Ich teile
die düsteren Konjunkturperspektiven verschiedener amerikanischer Kommentatoren, wie sie der FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher in seinem Kommentar vom 25.11.2008 "Kommt der Wechsel von Bush zu Obama zu spät? Gehen Sie jetzt nach Hause!" anführt.)

Doch was passiert, wenn die Rakete zündet?
Dann geht uns der Treibstoff noch etwas schneller aus (die Preissteigerungen seit dem Jahr 2004 waren eine Vorankündigung; Informationen über diese Preisanstiege usw. findet man z. B. unter in der englischsprachigen Wikipedia unter folgenden Stichworten: "2000s energy crisis"; "Effects of 2000s energy crisis" und "2003 to 2008 world oil market chronology").
So segeln wir heute ausweglos zwischen Skylla und Charybdis.

Im übrigen wäre es (wenn man die Ressourcenverknappung mal beiseite lässt und lediglich auf die klassischen Methoden der Rezessionsbekämpfung abstellt) eine bodenlose Unverschämtheit, wenn uns die Regierung das uns abgeknöpfte Geld lediglich in Form von Gutscheinen zurückgeben würde. Noch ungeheuerlicher ist der Plan, solche Gutscheine nur denjenigen in den Hand zu drücken, die auch noch eigenes Geld verjubeln: Die spinnen, die Berliner!
Nachtrag 26.11.08: Nein, kommt auch so nicht: "Absurder Unsinn" sagte ein Sprecher des Finanzministerium zum Handelsblatt-Bericht über Konsumgutscheine.


Dieter Wermuth schlägt am 24.11.08 in dem recht gut besuchten Zeit-Online-Weblog "Herdentrieb" vor: "Mehrwertsteuern runter, Energiesteuern rauf".
Mein Kommentar dazu (Nr. 30; hier sprachlich leicht verändert):
"Leute, begreift es doch endlich:
Während ihr eure ökonomischen Divisionsfähnchen im Sandkasten versetzt, ist unsere Hütte von Flammen umzüngelt.
Im Westen lodert der ökonomische Scheiter-Haufen der 2. Weltwirtschaftskrise (WWK II).
Im Südosten wartet der ökologische Waldbrand, dessen Gluthauch uns im vergangenen Juli schon ins Antlitz wehte, nur auf weitere Sauerstoffzufuhr aus fiskalischen und monetaristischen Blasebälgen.
Die Regierungen haben weltweit genau zwei Handlungsalternativen gegenüber WWK II:
– Ohne Konjunkturprogramme steuern wir in den Abgrund;
– mit Konjunkturprogrammen steuern wir gegen die Wand.
Dieter Wermuth weiß das im Grunde. Er schreckt aber (noch) vor einem derart radikalen Eingeständnis zurück und glaubt, dass wir den Flammen entrinnen können, wenn wir uns bei der Arbeit am Blasebalg einen Asbestmantel umhängen.
Der oder die einzige, der/die das hier sonst noch weiß, und allein knallhart formuliert hat, ist 'mylli' (Nr. 4).
Aber offenbar war dieser Debattenbeitrag nicht anschlussfähig (wie Niklas Luhmann gesagt haben würde).
Schaun mer mal, ob dem vorliegenden Beitrag das gleiche Schicksal beschieden sein wird
." Kommentar von Cangrande | 25.11.2008 | 17:15
Den Beitrag Nr. 4 übernehme ich zum besseren Verständnis hier:
"Das Trendwachstum ist doch im Wesentlichen nichts anderes als die gemittelte Vergangenheit. Diesmal ist vielleicht doch alles anders und wir können die Vergangenheit nicht mehr linear in die Zukunft fortschreiben. Gibt es überhaupt noch eine Lücke, die geschlossen werden will?" Kommentar von mylli | 24.11.2008 | 15:11.


Nachtrag 05.12.08:
In einer 2-teiligen Aufsatzreihe unter den Titeln "Their Great Depression and Ours: Part I" und "Their Great Depression and Ours: Part II" untersucht (und bejaht) der US-amerikanische Historiker James Livingston, ob (dass) gleiche Kausalitäten (nämlich die Profitsteigerung der Kapitalbesitzer einerseits und die Lohnstagnation der breiten Masse der Verbraucher andererseits) wie 1929 auch zur aktuellen Weltwirtschaftskrise geführt haben. (Livingstons Kausalanalyse der "Great Depression" erscheint mir zwar vom Ergebnis her plausibel, ist aber für meinen Geschmack etwas dünn begründet.)
Mir geht es aber, an dieser Stelle jedenfalls, nicht so sehr um diese Aufsätze (die übrigens auf einer ganzen Reihe von Webseiten, im "Original" wohl hier und dort, eingestellt sind), als vielmehr um einen Leserkommentar dazu dem ich mich, was die Einschätzung der Umweltprobleme angeht voll anschließen kann.
Dieser stammt von dem Franzosen Jean de Peyrelongue (19.10.08) und hat folgenden (vollständigen) Wortlaut (meine Hervorhebungen):
"I am impressed by this analysis. I see a lot of similarities in the causes of the Great depression and the present crisis.
Yet, the actual crisis occurs also when we are reaching limitations on resources growth (essentially oil) and on the ability of the Earth to absorb all the pollution generated by our consumption.
This means that contrary to the great depression, our ability to get out of the present crisis by triggering consumption through governmental programs may not work as we will be lacking cheap ressources and facing environmental problems.
I am afraid that this crisis will prove to be much worse than the great depression.
" (Das fürchte ich allerdings auch!)

Die ganze Fragwürdigkeit der diversen Konsumturbos karikiert Petra Pinzler in DIE ZEIT, 11.12.2008. Allerdings ist der Titel "Der Schwabe in uns" irreführend, wenn man als eigentliche Tendenz des Artikels das Aufzeigen der ökonomisch-ökologischen Gegensätzlichkeiten ansieht. Auch der Vorwurf gegen die Politik ist mir allzu verengt:
"Der Verbraucher soll das Land aus der Krise retten. Doch die Politik stürzt ihn in Verwirrung" wenn man es mit ihrem Fazit vergleicht:
" ... so schwant manchem Verbraucher langsam bei aller Verwirrung zumindest eines: Ganz offensichtlich lässt sich die Welt eben doch nicht so ganz nebenbei im Kaufhaus verändern. Zumindest nicht, wenn er gleichzeitig die Welt, das Klima, die Autobranche und die Konjunktur retten soll." Das ist richtig, aber die Politik, wie wir sie kennen und wollen, ist mit einem solchen Problem überfordert. Und das so mehr dann, wenn die veröffentlichte Meinung - wie hier z. B. Frau Pinzler - es unter einem Wortschwall mit vielen in die verschiedensten Richtungen zeigenden Wegweisern begraben.


Nachtrag 04.01.2009
Die Einsicht, dass sich mit einem Anziehen der Konjunktur die Ressourcenlage wieder verschärft, ist anscheinend weiter verbreitet als ich gedacht hatte. So schreibt z. B. Armin Zimny in der Zeitung "Der Enztäler" (bzw. in dem "Mantel" dieser Lokalzeitung für Bad Herrenalb usw., dem "Schwarzwälder Boten" und in den Stuttgarter Nachrichten unter dem Titel "Spiel mit dem Öl": "Darüber hinaus steigt die Gefahr eines schnellen Ölpreisschocks, wenn die Weltwirtschaft wieder an Fahrt gewinnt und die Nachfrage nach Rohstoffen und Energie rapide zunimmt". (Der Artikel ist nur noch gegen Bares zu haben, bei "Genios" teurer (2,38 €), bei den Stuttgarter Nachrichten für 0,50 ct - was allerdings für eine wohlfeile Meinungsäußerung noch immer zu viel Geld ist.)


Die Kritik für das aktuelle 2. Konjunkturprogramm der Bundesregierung ist zahlreich (besonders lautstark auch in der "Zeit" wo man vorher die Gegner eines Konjunkturprogramms geradezu verhetzt hatte), und insbesondere mit der fehlenden (insbesondere: ökologischen)Langfristperspektive begründet. Ich verlinke hier mal zum Blog-Eintrag "Konjunkturpolitische Dekadenz" aus dem (mir auch sonst sympathischen) Blog "Weissgarnix".


Nachtrag 31.01.2009
"In all den kakophonischen Meldungen zur „Krise“ droht die wirklich wichtige Botschaft unterzugehen: dass uns das Hubbert-Maximum und all die parallelen Ressourcen- und Stabilitätskrisen zwingen, unsere bisherige Wirtschafts- und Lebensweise zu überdenken und neu auszurichten. Dass wir gar keine Wahl haben – außer der, den Übergang zu einer weniger energieintensiven Gesellschaft bewusst und bewahrend oder chaotisch und zerstörerisch anzugehen. Yes, we can - aber nur, wenn wir auch wollen" schrieb der Physiker Bernd Ohm (hier sein Blog, letzter Eintrag allerdings vom 12.12.2007) unter dem Titel "Schlimmer geht‘s nicht" am 18.01.2009 auf der neuen Webseite "Oelschock".
Seinen Optimismus, dass die Menschheit den Wandel zu einer Wirtschaft ohne Öl bewältigen kann, wenn sie nur will, habe ich nicht. Auch James Lovelock ist insoweit pessimistisch; er empfiehlt in einem Interview des "Guardian" vom 1.3.08: "Enjoy life while you can" - genießt das Leben; einige Jahre wird es noch ganz anständig sein, danach kommt, ohne dass wir daran etwas ändern könnten, die Katastrophe. Lovelock hat hauptsächlich die Klimakatastrophe im Auge; ich halte die Ressourcenerschöpfung für gefährlicher. Ansonsten teile ich aber weitgehend seine Einschätzung.


Nachtrag 14.02.2009
Auf einer abstrakten Ebene wird das Problem, vor dem wir stehen, durch die "RULE OF COMPLEXITY", die "seventh of seven basic rules of the economy, stating that every action in the complex world has direct and often intended consequences combined with indirect and probably unintended effects" gut beschrieben. In dem hier von mir verlinkten Stichwort im Wirtschaftslexikon auf der Webseite "AmosWeb" sind diese Probleme anhand von humorvoll ausgesuchten Beispielen exemplifiziert. Die (zumindest für die deutschsprachige Kulturtradition) klassische Formulierung des "law of unintended consequences" verdanken wir allerdings von Johann Wolfgang von Goethe:
Faust: "Nun gut, wer bist du denn?"
MEPHISTOPHELES: "Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

Zum Gesetz der unbeabsichtigten Konsequenzen hier auch ein (englischsprachiger) Eintrag in der Enzyklopädie der Wirtschafts-Webseite "Econlib".


Nachträge 07.03.09
In dem Zeit Online Interview "Die Fed bereitet die nächste Blase vor" vom 03.03.00 warnt der Ökonom Hans Wolfgang Brachinger nicht nur vor Inflation. Vor allem sagt er auch klar und deutlich beinahe dasselbe, was ich hier gesagt habe. Nur ist, was er als Inflationsproblem sieht (oder im Interview darstellt), in Wirklichkeit ein Problem der absoluten Wirtschaftsleistung. Inflation als solche ist nicht das Schlimmste, sondern die absolute Rohstoffverknappung, die sich ständig verschärfen wird. Hier aber der einschlägige Textauszug aus dem Interview (meine Hervorhebung):
"ZEIT ONLINE: Wo sollen die Preissprünge herkommen? Noch ebbt der Handel zwischen den Staaten ab, die Industrieproduktion bricht rund um den Globus ein.
Brachinger: Wenn die Weltwirtschaft wieder anspringt, wird die Energienachfrage wieder steigen. Die Energiepreise werden anziehen und mit ihnen das Preisniveau. Die weltweiten Energieressourcen haben sich ja nicht plötzlich über Nacht vermehrt, nur weil die globale Nachfrage zeitweilig sinkt. Wir haben es hier mit einem dauerhaften Problem zu tun, das zu einer langen Phase der Inflation führen kann, wenn die Weltwirtschaft wieder in Gang kommt
."

Und bei der Internet-Verfolgung von Prof. Brachinger stoße ich auf eine noch sehr viel deutlichere Warnung einer noch sehr viel autoritativeren Stelle:
"Energieagentur. 'Finanzkrise folgt Ölkrise' " titelt Focus einen Bericht vom 28.02.2009. Auszug:
"Die Internationale Energieagentur warnt vor einer neuen, noch dramatischeren Wirtschaftskrise wegen mangelnder Ölvorräte. Spätestens 2013 soll die Falle zuschnappen.
AP Mangelnde Ölvorräte könnten eine noch größere Krise auslösen "Wir könnten auf eine neue Krise zusteuern, deren Ausmaß die gegenwärtige übertreffen könnte“, sagte der Direktor der Internationale Energieagentur (IEA), Nobuo Tanaka, der „Süddeutschen Zeitung“ vom Samstag. Grund sei, dass große Ölkonzerne derzeit ihre Investitionen in neue Förderprojekte stoppten. „Wenn die Nachfrage wieder anzieht, könnte es zu einem Versorgungsengpass kommen. Wir prophezeien sogar, dass dieser Engpass 2013 eintreten könnte“, sagte Tanaka.
"
Es ist allerdings eine Verschleierung der Fakten wenn dort als Grund angegeben wird, "dass große Ölkonzerne derzeit ihre Investitionen in neue Förderprojekte stoppten" . Wir haben einfach nicht mehr genug Rohöl im Boden, um große Investitionsprojekte lohnend erscheinen zu lassen. (Wäre es anders, müssten wir die Ölgesellschaften verstaatlichen und die Mittel aus den Konjunkturprogrammen dort investieren!)




Textstand vom 08.03.2009. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 16. November 2008

Opel: Rettung für lebendige Tote? Steuergroschen für GM? Ist Deutschlands Politik plemplem?

"Finanzkrise. Ein Rettungsplan für lebendige Tote?" betitelte die FAZ am 26.09.2008 einen Artikel des (vermutlich:) amerikanischen Journalisten Peter Coy.
Coy ist nicht gegen eine Rettung der Banken, fragt sich jedoch, ob bei dem amerikanischen Vorgehen (jedenfalls in der damals geplanten Form; zwischenzeitlich wurde das vielleicht modifiziert) nicht zum Nutzen der Kapitalbesitzer den Steuerzahlern die Lasten aufgedrückt würden:
"Ungeachtet der Frage der Effizienz spricht auch vieles für ein faires Vorgehen bei einem Rettungsplan, indem man nicht willkürlich Geld an angeschlagene Unternehmen ausschüttet. Jeffrey Sachs, Leiter des Earth Institute an der Columbia University hat Russland in der Übergangsphase vom Kommunismus begleitet, bevor er aus Widerwillen gegenüber dem Aufstieg der Oligarchen zurücktrat. Wenn er über diese Erfahrung spricht, sagt Sachs: 'Bei allem, was getan wird, muss eine gewisse Fairness herrschen. Gerade jetzt sehen wir eine tiefe und berechtigte Skepsis gegenüber dem Finanzministerium. Man hat den Eindruck, die Wall Street rettet gerade die Wall Street'."

Unsere sogenannten Volksvertreter machen sich gerade daran, mit unseren Steuergeldern die Fa. "Adam Opel GmbH" in Rüsselsheim zu retten.

Jedenfalls wollen sie Opel kräftig subventionieren; ob sie das Unternehmen damit retten, ist eine ganz andere Frage. Nun, man kann sogar darüber streiten, ob sie nun wirklich "subventionieren" oder nicht: vorerst soll der Staat sich ja lediglich verbürgen: damit Opel Kredite bekommt und für den Fall, dass die Firma diese Kredite nicht zurückzahlen kann. [Einzelheiten vgl. Links am Schluss]
Ich persönlich gehe davon aus, dass Opel (und vielleicht auch andere Autofirmen) auch langfristig nicht wieder auf die Beine kommen: die Spritfresserfabriken (und mit "Fresser" meine ich nicht nur SUVs und dergleichen: Kleinvieh säuft auch Benzin - da macht es halt die Masse) sind in meinen Augen "lebendige Tote".


Das mag aber in einem ersten Anlauf dahingestellt bleiben. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Firma sich lediglich in vorübergehenden Schwierigkeiten befindet, stellt sich immer noch die Frage nach dem "cui bono", dem Profiteur oder den Nutznießern einer Rettung dieses Automobilbetriebes.

Die Arbeitnehmer würden zweifellos profitieren, zunächst jedenfalls: das würde ich ihnen, wenn ich die Nachhaltigkeit einer Rettungsaktion unterstellen dürfte, auch gerne gönnen.
Aber warum muss auch der Eigentümer davon profitieren? Es kommt hier überhaupt nicht darauf an, ob General Motors (GM) Schulden gegenüber ihrer deutschen Tochterfirma hat, ob die Muttergesellschaft Technologie aus Deutschland in die USA transferiert hat usw.
Allein entscheidend ist, dass wir in einem Wirtschaftssystem leben, in welchem dem Recht, Kapitalerträge zu kassieren, das Risiko eines Totalverlustes des Kapitals entspricht - oder jedenfalls entsprechen sollte.
(Tja, Freunde, jetzt rächt es sich, dass ihr uns euren Neoliberalismus so gründlich eingetrichtert habt! So hattet ihr es doch gar nicht gemeint, gelle? Die Gewinne wolltet ihr ja gerne privatisieren, aber doch nicht die Verluste? Die wollt ihr immer noch sozialisieren; aber habt ihr schon mal erlebt, dass ein ruhiger Mensch wie ich so richtig aus der Haut fahren kann? Sollte es so weit kommen, würdet ihr euch wünschen, so etwas wäre euch erspart geblieben! Das zumindest kann ich euch schon jetzt versprechen; und diese Warnung geht nicht zuletzt auch an unsere Politiker von denen, großes Lob, ausgerechnet der so oft als "blaß" veschriene Wirtschaftsminister Michael Glos die reine Lehre der Äquivalenz von Gewinn und Risiko hochhält, während der schwarzrote Rest nur allzusehr gierig zu sein scheint, uns Steuerbürger auszuplündern um dem amerikanischen Unternehmens GM zur Hilfe zu eilen.)

Während ich aus der sonstigen Berichterstattung zunächst den Eindruck gewonnen hatte , dass unsere Regierung die Milliarden (en passant: ich glaube nicht, dass es bei einem kleinen Milliärdchen bleiben wird) einfach so über den Tisch schieben wird [und nur daraus wird auch mein Blogtitel verständlich. Den lasse ich aber vorsichtshalber stehen: möge es unseren Politikern (und ganz speziell unserem Hessen-Koch, von dem ich bisher lediglich vernommen habe, dass er unsere Taschen aufmachen will) einen Vorgeschmack auf das geben, was ihnen an Meinungsäußerungen blüht, wenn ihnen die Spendierhosen allzu locker um die Beine schlackern!], spendet das FAZ.net vom 15.11.2008 ("Milliardenbürgschaft. Opel in Not - Rettungspaket für Autoindustrie?" von Heike Göbel, Andreas Mihm und Henning Peitsmeier) meiner Steuerzahlerseele Trost:
"In der Bundesregierung wurde darauf verwiesen, dass es eine staatliche Unterstützung nicht kostenfrei gebe. Man werde gegebenenfalls die Überschreibung von Aktienpaketen verlangen."
Zwar weiß ich nicht, wie man bei einer GmbH "Aktienpakete" überschreiben kann [richtig: "Gesellschaftsanteile" oder "Stammeinlagen" oder "Anteile am Stammkapital"], will aber insoweit nicht allzu beckmesserisch sein: in der Hektik kann so ein Versehen mal vorkommen.
Trotzdem stört mich hier was: wieso will sich unsere Regierung mit Anteilen (also offenbar: Teilen) begnügen? Systemkonform wäre es, die Firma pleite gehen zu lassen und dann den Betrieb insgesamt zu übernehmen. Dann darf General Motors zukünftig seine Elektroautomobile selbst, und mit eigenem Geld, entwickeln.


Im übrigen glaube ich freilich (ceterum censeo), dass ohnehin ein Großteil der Automobilhersteller 'dran glauben' muss. Denn wenn die Leute anfangen, wieder richtig Autos zu kaufen, wird auch der Benzinpreis anfangen, wieder richtig zu klettern.
Und welcher vernünftige Verbraucher wird an einem solchen YoYo-Spiel teilnehmen wollen?



Links zu Berichten über die 'Opel-Rettung':

Um sich eine Vorstellung davon zu machen, wer demnächst [die dort noch nicht erwähnten Firmen werden lediglich etwas später auftauchen] beim Steuerzahler mit dem Bettelhut auf der Matte stehen wird, braucht man sich nur bei der Financial Times Deutschland die (europabezogene) Linkseite "Management inmitten der Krise. Wenn Autohersteller die Bänder stoppen" anzuschauen.
Auf der Seite betr. BMW ("BMW: Russen springen für Amerikaner ein") lesen wir: "Es ist nicht erst die Finanzkrise, die den Autobauern zu schaffen macht: Die Konjunkturflaute kündigte sich bereits Monate früher an." Das werte ich als eine Bestätigung dafür, dass die Ölpreissteigerung, also letztlich das vom Markt antizipierte (oder rezipierte??) Ölfördermaximum (Peak Oil) die (oder jedenfalls eine wesentliche) Krisenursache ist.
Auf der FTD-Linkseite sieht man auch, wie der Stress schon die Redaktionen erreicht hat. Zu Opel lesen wir in der Überschrift: "Opel: Mutter besser dran als Tochter" und dazu konträr (und natürlich richtig) im ersten Satz (meine Hervorhebung): "Der deutschen Tochter geht es deutlich besser als der Mutter General Motors, die Entlassungen plant."


FAZ.net:

10.11.2008: "GM-Tochter Opel bemüht sich um staatliche Hilfen" von Christoph Rauwald und Katharina Becker, DOW JONES NEWSWIRES.

15.11.08: "Milliardenbürgschaft. Opel in Not - Rettungspaket für Autoindustrie?" von Heike Göbel, Andreas Mihm und Henning Peitsmeier

16.11.08: "Autokrise. Muss Opel gerettet werden?" fragt (mutig) Christian Siedenbiedel (meine Hervorhebung):
"Dämme brechen ... . Dabei würde, anders als beim Bankensektor, ein Zusammenbruch von Opel und Ford in Deutschland die Versorgung der Kundschaft mit Autos nicht gefährden. Andere, gesündere Unternehmen stünden bereit, die Lücken zu schließen. Die Autofahrer würden auch nicht das Vertrauen in das Produkt Automobil selbst verlieren. Der Vertrauensverlust der Kunden war das zentrale Argument zur Stützung des Finanzsektors. ... Auch Daimler und BMW schielen schon auf staatliche Hilfe."
Eben: wenn der Staat dem einen das Futter in den Trog füllt, wollen die anderen ebenfalls fressen. Am liebsten wollen sie einen "free lunch" genießen, allenfalls sind die bereit, eine Kapitalbeteiligung des Staates zu akzeptieren. Warum aber sollte der sich darauf einlassen? Warum sich mit einem Teil begnügen, wenn man das Ganze haben kann? Pleite gehen lassen, und die Reste einsammeln: so muss ein Staat operieren, der seinen eigenen ökonomischen Grundsätzen treu bleiben will und dem alle Bürger gleich teuer sind, anstatt sich zum Zuhälter der Reichen zu machen! (So hätte man natürlich auch mit den Bankenrettungen verfahren müssen.)

Hier das Interview mit dem Bundeswirtschaftsminister Michael Glos u. d. T. " 'Der Ruf nach dem Staat darf nur letzter Ausweg sein'. Wirtschaftsminister Glos wendet sich gegen ein großes Rettungspaket für die Autoindustrie. Steuersenkungen sind ihm lieber" aus der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16.11.2008 (FAZ.net vom 15.11.2008):
"Wir haben es im Kern mit einer Absatzkrise der Automobilindustrie zu tun, die alle Hersteller trifft. Letztlich wird kein Weg daran vorbeiführen, die Produktion an die Nachfrage anzupassen. Unter rein wirtschaftlichen Aspekten stellt sich tatsächlich die Frage, ob es Sinn macht, ein einzelnes Unternehmen zu stützen." Das hört sich gut an; der Folgesatz
"Hier steht aber sehr viel mehr auf dem Spiel als ein großer Automobilhersteller, an dem weit über 20 000 Arbeitsplätze hängen. Opel ist vielfältig vernetzt mit seinen Zulieferern und Händlern. Deshalb ist dies nicht nur eine ökonomische Frage, die Opel allein betrifft."
relativiert freilich Glos' ordnungspolitisches Muskelspiel schon wieder.
Zu Recht fragt der Interviewer Carsten Germis: "Auch Zeitungen stecken wegen der Finanzkrise in der Klemme. Wann werden wir gerettet?"
Glos: "Ich sehe die Gefahr, dass sich eine Branche nach der anderen meldet, und die Steuerzahler wären auch überfordert, wenn wir allen Branchen zur Seite springen müssten. Der Ruf nach dem Staat darf auch nur der allerletzte Weg sein, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Und für alle Branchen gilt: Der Staat kann nicht die wegbrechende Nachfrage der Konsumenten ersetzen. Deshalb unterstreiche ich nochmals meine Forderung nach einer Einkommensteuersenkung. Das wäre sicher der sinnvollere und ordnungspolitisch saubere Weg, etwas gegen die Absatzkrise zu tun."
Nur vermehrt leider auch eine Einkommensteuersenkung nicht die weltweiten Rohölquellen.

Auch das Finanzministerium (die Regierung) weiß:
Es ist nicht nur Opel, dahinter steckt sehr viel mehr“. Macht nichts; von wenigen Ausnahmen (s. nachfolgend) abgesehen glaubt offenbar die Masse unserer Politiker, dass es sich gut macht, wenn sie uns skrupellos ausnehmen (letzter Absatz des folgenden Zitates):
"Unterstützung erhielt Glos in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zumindest vom Vorsitzenden der einflussreichen Mittelstandsgruppe, Michael Fuchs: Der Wirtschaftspolitiker sagte der der F.A.Z.: „Von Bürgschaften halte ich gar nichts, ich bin strikt dagegen“. Auch könne bei Finanzhilfen für die amerikanischen Autohersteller nicht sichergestellt werden, dass das Geld nicht sofort zu den angeschlagenen Mutterkonzernen nach Amerika fließe und die deutschen Standorte letztlich leer ausgingen. Der frühere Präsident des Groß- und Außenhandel warnte auch fragend, wohin es führen solle, „wenn sich jede Branche in die Arme des Staates flüchtet?“
Im Kanzleramt stießen die Äußerungen auf Unverständnis. Sie stünden im Widerspruch zu den Bemühungen Merkels, sich auch in der Autokrise als Krisenmanagerin zu präsentieren. [Anders gesagt: Die Steuerzahler als Deppen zu präsentieren!] Die Ministerpräsidenten der Bundesländer, in denen Opel Produktionsstätten hat – das sind Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz –, haben sich schon für staatliche Hilfen ausgesprochen
."
Solches erfahren wir von Carsten Germis in dem Artikel "Wer hilft am schnellsten? Das Wettretten erreicht die Autobranche" vom 16.11.08.

Ein "Marktbericht" auf FAZ.net vom 17.11.2008 "FOKUS: Hilferuf der Automobilindustrie bringt Politik in Dilemma" von Katharina Becker DOW JONES NEWSWIRES ist deutlich weniger euphorisch als Kleinkönig Koch (vgl. unten das Handelsblatt-Interview). Zum einen weist die Autorin darauf hin, dass auch die Konkurrenten von Opel, deren Automobilabsatz ebenfalls eingebrochen ist, Anträge auf Hilfe stellen könnten. Und "Danach dürfte es nicht lange dauern, bis auch andere Branchen wie die Bauwirtschaft an die Tür des Kanzleramtes klopfen. Die Regierung fürchtet nun, dass - ist die Hilfslawine erstmal losgetreten - sie nur schwer wieder aufzuhalten ist. Nach dem sechsten Einbruch der Autoverkäufe in Folge im Oktober in Deutschland stehen den rund 750.000 Beschäftigten bei den Automobilherstellern und Zulieferern harte Zeiten bevor.
Aber auch die spezifische Situation bei Opel sieht sie weniger rosig als Roland Koch "gesundes Unternehmen"): "... selbst wenn Berlin seine schützende Hand über Opel hält, bleibt abzuwarten, ob dies ausreicht. Immerhin ist ein Großteil der Probleme hausgemacht. Die Marke leidet seit Jahren unter einem schlechten Image bei Autokäufern." (Meine Hervorhebungen)



Handelsblatt:

"Ohne Bürgschaft geht Opel pleite" ist der Titel eines Gesprächs vom 14.11.08 von Carsten Herz mit dem "Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer von B&D Forecast". Der fordert: "Bundeskanzlerin Angela Merkel muss sich jetzt endlich des Themas annehmen, sonst droht ein fast unermäßlicher Flurschaden fur Deutschland." Obwohl er andererseits sagt:
"Opel war in der Vergangenheit immer wieder in der Verlustzone und hat große Sanierungsprogramme gemacht und trotzdem ist das Europageschäft im dritten Quartal wieder tief in die roten Zahlen gerutscht. Das vierte Quartal und das nächste Jahr dürften noch viel schwieriger werden."
Ja, wat denn nu? (Hier wird er so zitiert: "Auch ohne die Probleme von GM berge Opel erhebliche Risiken wie einen ungünstigen Produktmix und zu hohe Kapazitäten".)

Ebenfalls vom 14.11. der ausführliche Bericht "Länder bereiten Blitzrettung für Opel vor" von Carsten Herz, Thomas Sigmund und Dietmar Neuerer.

Zu dem Handelsblatt-Interview "Milliarden-Bürgschaft. 'Wir spannen einen Autoschirm' " von Thomas Sigmund (16.11.08) mit dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch gibt es so einiges anzumerken (Hervorhebungen jeweils von mir):
"Auch wenn das im nächsten Jahr nur noch 50 Millionen sein sollten, wissen wir alle, dass die Verkaufszahlen wieder steigen werden."
Ach ja? Woher weiß denn unser hessischer Chef de Cuisine das? Vielleicht sollten wir ihn mal in die Wüste schicken (dafür wäre ich sogar bereit, Steuergelder zu investieren): nach Ghawar in Saudi-Arabien! Da würden unserem Ministerpräsidenten vielleicht Zweifel kommen, ob man wirklich weiterhin wachsende Automobilverkäufe erwarten darf.
Da aber der Bürger es offenbar mit einem Schwerhörigen zu tun hat, muss ich beim Kapitalisten-Knecht Koch wohl etwas deutlicher werden, wenn ich höre:
"Der Staat darf nicht am Ende Eigentümer von Automobilunternehmen werden."
Ach ja: zahlen dürfen wir (zu Gunsten der Aktionäre von General Motors), aber Eigentümer werden, das wäre verwerflich! Ferne seien solche Gedanken von unserem rechtlich denkenden Roland, von unserem caritativen Christenmenschen Koch!
Uns in die Taschen zu langen ist okay; Gegenwerte zu verlangen nicht? Was sagt eigentlich die Andrea Ypsilanti dazu? Oder (soll ich den Pakt mit dem Teufel eingehen?) Die Linke?
Oh pardon, Sir Roland: Sie sind ja doch bereit, unseren Staat zum (Mit-)Eigentümer von Opel zu machen:
"... müssen wir auch darüber nachdenken, ob nicht die GmbH-Anteile der amerikanischen Mutter an ihrer Tochter Opel an uns übertragen werden"
Aber nur vorübergehend: "Solange die Bürgschaft besteht."
Unsere Steuergelder wollen Sie ausstreuen, obwohl Sie genau wissen:
"Wir reden bei Opel über eine Situation, bei der wir uns auf ein Worst-Case-Szenario vorbereiten müssen." (Und oben hatten Sie uns eben noch erzählt, dass die Autoverkäufe selbstverständlich steigen werden: "Dummschwätzer" sagt man solchen Leute in Hessen ins Gesicht!) Und was soll ich daraus machen, wenn Sie sagen:
"Aber wir können nicht einer schwächelnden Automobilindustrie eine staatliche Finanzierung an die Seite stellen. Da können wir über staatliche Konjunkturprogramme reden, aber nicht über Unternehmenshilfen"?
Im Zusammenhang mit dem Vor-Satz kann das ja nur heißen:
Direkte Hilfen für Automobilfirmen gibt es nur für jene, die kurz vor der Pleite stehen. Pleitiers sind aber meist jene, die nicht besonders gut gewirtschaftet haben. Die zwei Milliarden, welche die Mutter General Motors ihrer Tochter Opel schuldet, würde eine ertragreiche Firma von dieser Größe wegstecken. Offenbar sind bei Opel die Erträge dermaßen kräftig eingebrochen, dass die (spätestens jetzt) Verluste machen. [Kein Wunder, wenn man hier von "Rabattschlachten" liest!]
Aber vielleicht sollte ich ja dankbar sein, dass Sie kein Neo-Liberaler sind: nein, ein veritabler Feind des Nachtwächterstaates ist unser Ministerpräsident im Amt und in spe:
"Wir sind kein Nachtwächterstaat, der einfach zuschaut, was geschieht. Die Opel-Krise hängt nicht mit Konjunkturproblemen in Europa zusammen. Das hat auch nichts mit der Leistungsfähigkeit Opels zu tun; die ist absolut gegeben.
Die Probleme hat allein der amerikanische Mutterkonzern verursacht
. In diesem Fall dürfen wir ein Unternehmen mit sehr guten Mitarbeitern und sehr guten Standorten aus deutschem und europäischem Interesse nicht mit in den Strudel abwärts reißen lassen.
"
Das will ich hoffen, dass unser Staat kein Nachtwächterstaat ist. Und freilich auch, dass unser Bundesland zukünftig nicht weiterhin von einem Nachtwächter regiert werden möge. Die angeblich so problemfreie Firma Opel war nämlich (außer Porsche) der einzige deutsche Autohersteller, der mit 5,8% einen erheblichen Rückgang der Umsatzzahlen hinnehmen musste (vgl.Pressemitteilung des Kraftfahrt-Bundesamtes Nr. 28/2008.). Und diese Zahl bezieht sich auf einen Vergleich für den Zeitraum Januar - Oktober 2008 zum Vorjahreszeitraum; richtig finster wird es, wenn man nur die Oktoberverkäufe beider Jahre vergleicht; da musste Opel einen Rückgang von 16,6% einstecken: wiederum einsame Spitze, nach Porsche, unter den deutschen Automarken. (Der Marktanteil fiel von 8,4% im Durchschnitt der ersten zehn Monate auf 7,2% im Oktober!) Brutalstmögliche Aufklärung oder frechtsmögliche Stimmviehtäuschung, Hr. Koch? Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dagegen sagt ungeschminckt die bittere Wahrheit: "Eine Rettung von Opel wäre aber eine Herkules-Aufgabe, weil es hohe Risiken birgt".
Ich fürchte indes, dass kein Politiker in unserer Landeshauptstadt Wiesbaden es wagen würde, den Wünschen eines unserer größten Arbeitgeber Widerstand entgegen zu setzen.
Doch dürfte man immerhin hoffen, dem Fiskus nicht nur das (nach Ihrer eigenen Einschätzung!) hohe Verlustrisiko, sondern, durch vollständige Übernahme der GmbH-Anteile, auch die (minimalen) Gewinnchancen zu sichern. (Die, wenn überhaupt, allenfalls dann eintreten könnten, wenn die Firma gesundgeschrumpft wäre.)
Doch ehe Sie die Interessen der Kapitalbesitzer tangieren, lassen Sie über die Wahrung der Interessen Ihrer Mitbürger und ihrer Wähler lieber die Finsternis einer schwarzen Nacht hereinbrechen, gell Herr Koch?

Einen Seitenblick auf Amerika wirft das Handelsblatt, ebenfalls vom 16.11.08: "US-Autokonzerne machen wegen Hilfspaket Druck." Beeindruckend für mich darin ist der Mut des designierten US-Präsidenten Barack Obama. Statt populistisch sogleich das Portemonnaie zu zücken, wie Deutschlands provinzpolitische Blindgänger Dieter Althaus, Roland Koch und Jürgen Rüttgers, will er zunächst Perspektiven sehen (meine Hervorhebungen):
"Bushs designierter Nachfolger Obama machte in einem Interview des Fernsehsender CBS staatliche Hilfen allerdings von Bedingungen abhängig. Alle Beteiligten wie Arbeitnehmer, Management, Zulieferer und Kreditgeber müssten sich zunächst darüber klarwerden, wie eine tragfähige Autoindustrie künftig aussehen solle. Jede Hilfe für die Branche müsse „ein Überbrückungskredit nach irgendwo und kein Überbrückungskredit nach nirgendwo“ sein."
Eben: "Tragfähig"! Unsere Landesfürsten machen sich keine Gedanken über die Zukunft: Hauptsache jetzt als Arbeitsplatzretter dastehen, Hauptsache die nächste Wahl gewinnen. Quartalsdenker sind sie nicht weniger als die Pleitiers von 'Global Finance'!
[Zu GM s. a. HB v. 17.11.08 "GM-Rettung stößt auf viel Widerstand" von Matthias Eberle.]

"Angst vor Präzedenzfall Opel" ist ein umfangreicher Handelsblatt-Bericht vom 17.11.2007 betitelt, der auch Stellungnahmen der Parteien wiedergibt.
Zunächst erfahren wir aber, an welchen Hähnen derzeit geschraubt wird, um unsere Steuergelder so richtig für Automobilsubventionen sprudeln zu lassen:
"EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering schloss angesichts der Krise der Autobranche eine Änderung des EU-Rechts nicht aus, um Staatshilfen zu erleichtern. Es müsse gründlich geprüft werden, inwieweit geplante Bürgschaften oder andere Hilfen mit EU-Recht vereinbar seien."
In der Krise zeigt sich, wer den Mut hat, mit Steuergeldern (relativ) verantwortungsvoll umzugehen: die Sozis nämlich:
"[Finanzminister] Steinbrück sprach sich dafür aus, staatliche Unterstützung nur in Sonderfällen zu gewähren. Im Falle von Opel müsse zudem dafür gesorgt werden, dass die Gelder nicht an dessen Mutterkonzern in den USA flössen, sagte der SPD-Politiker im Deutschlandfunk. Ein generelles Konjunkturprogramm für die Automobilindustrie lehnt er ab. Der Staat könne die private Kaufkraft nicht ersetzen und sei auch nicht für die Fehler der Industrie verantwortlich, sagte Steinbrück der "Bild"-Zeitung."
Die Schwarzen dagegen ziehen sich die Spendierhosen an (und dem Steuerzahler das Hemd aus):
"Saarlands Regierungschef Peter Müller trat dagegen für Hilfen für die gesamte Autobranche ein. "Der Staat ist nicht nur verantwortlich für die Beschäftigung bei einzelnen Automobilherstellern", sagte der CDU-Politiker. "In Betracht kann daher keine "Lex Opel' kommen." Es könne nur um Maßnahmen für die gesamte Branche einschließlich kleiner und mittelständischer Zulieferer gehen."
Und warum sollen unsere Sterntaler nur auf Autowerke herabregnen? Nein, ein weiterer Schwarzer will gleich die ganz große Berieselungsanlage einschalten:
"Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich wies auf Probleme auch bei anderen Branchen hin. Auch dies müsse die Regierung bei ihren Überlegungen für Hilfen an die Industrie berücksichtigen. "Opel ist nicht der einzige Fall, über den man sprechen muss", sagte Tillich."
Wenigstens weiß ich jetzt, wem ich bei der nächsten Hessenwahl meine Stimme nicht geben werde.

Zur Geschichte von Opel bietet das Handelsblatt vom 17.11.2008 einen längeren Artikel: "Adam Opel. Eine Marke wie eine Diva" von Christoph Neßhöver und Katharina Slodczyk.

"Entscheidung bis Weihnachten. Opel setzt Merkel unter Zugzwang" von Donata Riedel, Florian Kolf, Markus Hennes ist ein weiterer Artikel vom 17.11.08.



Spiegel Online:

"AUTO-GIPFEL IM KANZLERAMT. Merkels Opel-Show lässt Steinmeier blass aussehen" von Carsten Volkery informierte am 17.11.2008 über parteipolitische Nutzensuche aus der Krise des Autobauers.


Süddeutsche Zeitung:

"Analyse: Opel bringt Regierung in Zwickmühle" vom 17.11.08 setzt sich kritisch mit der geplanten Bürgschaft auseinander.

Sehr positiv über die derzeitige Modellsituation bei Opel berichtete die SZ am 11.11.08 in "Opel: Leiden an General Motors. Das Opel-Dilemma".


Die Zeit (Zeit Online):

"GM-Krise. Alarmstimmung in Opel-Werken" las man dort am 11.11.2008 von Marion Trimborn, dpa. Hier entnehmen wir eine interessante Information:
"Ausgerechnet um das Internationale Technische Entwicklungszentrum (ITZ) in Rüsselsheim, wo 6000 gut bezahlte Ingenieure die Plattformen für die Mittel- und Kompaktwagenklasse entwickeln, hat der Betriebsrat am meisten Angst. Ein vom US-Staat massiv gestützter GM-Konzern könnte die für Rüsselsheim wichtigen Entwicklungsaufgaben nach Detroit abziehen, heißt es. Die angedachte Fusion "der beiden Fußkranken GM und Chrysler zu einem neuen Marathonläufer" würde den
Prozess beschleunigen, sagt Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz
."
In der Tat werden die USA kaum ihre Steuerzahler zur Rettung von GM motivieren können, wenn im Ergebnis auch ein wesentlicher Teil der Arbeitsplätze in Deutschland profitiert. Aber darüber spricht niemand im Förder-Rausch der Bürgschaftsmilliarden.
[Im Spiegel Online vom erfahren wir von Michael Kröger unter dem (im Vergleich zum Artikelinhalt ziemlich großspurigen) Titel "Wie Opel zu retten ist - und wie nicht" ebenfalls, dass bzw. weshalb das Entwicklungszentrum bei Sanierungsbemühungen zum Problem werden könnte:
"Tatsächlich sind die Vermögenswerte bei weitem schwieriger auseinander zu dividieren, als dies auf den ersten Blick den Anschein hat. So wird ausgerechnet das Internationale Technische Entwicklungszentrum (ITEZ) in der Krise zum Problem. Die Einrichtung ist der ganze Stolz der Rüsselsheimer. Dort forschen rund 6000 gutbezahlte Ingenieure an der Zukunft des Konzerns und entwickeln neue Modelle. Die Plattform für viele GM-Wagen kommt aus Rüsselsheim. Das aktuell größte Prestigeprojekt des Konzerns, das Elektroauto Volt, wurde vom deutschen GM-Top-Ingenieur Frank Weber entwickelt."]

18.11.2008:
Es geht weiter mit der Debatte über die Rettung (bzw. die Rettbarkeit) von Opel (und des deutschen Staatshaushaltes):

"30-Stunden-Woche geplant. Opel beantragt 1,8 Milliarden Euro-Bürgschaft". Unter dieser Überschrift bringen uns Henning Peitsmeier und Andreas Mihm auf FAZ.net eine frohe und eine unfrohe Botschaft. Die Automobilfabrik will ihre Produktion zurückfahren (wobei aber offenbar die Arbeitsplätze erhalten werden sollen, allerdings wohl nicht ohne erhebliche Opfer seitens der Arbeitnehmer): das ist die gute Nachricht.
Die schlechte ist, dass (wie ich oben schon vermutet hatte), es bei dem einen läppischen Milliärdchen nicht bleibt: flugs sind fast zwei schon draus geworden, und ob diese Zahl schon den ganzen Eisberg zeigt, wage ich zu bezweifeln.


"AUTO-KRISE. Wirtschaftsweiser Bofinger fordert Verstaatlichung von Opel" berichtet SpiegelOnline vom 18.11.08: Man sieht, meine Meinung ist keineswegs abwegig und nicht einmal exotisch; hier vertritt schon ein veritabler Wirtschaftswissenschaftler die gleiche Auffassung! Er begründet seine Forderung mit dem Abschreckungseffekt (meine Hervorhebung):
"Bofinger begründete seine Forderung unter anderem damit, dass der Staat gegenüber anderen Herstellern nicht so stark in Zugzwang gerate. 'Bei einer temporären Übernahme in Staatseigentum sehe ich weniger die Gefahr, dass andere Konzerne folgen. Die meisten deutschen Autobauer und Zulieferer werden kaum ein Interesse daran haben, vorübergehend in Staatseigentum überzugehen', sagte er."

Der Opel-Betriebsratschef möchte die Firma lieber nicht in Staatsbesitz sehen. In einem Handelsblatt-Interview vom 18.11.08 mit Carsten Herz äußert sich Klaus Franz wie folgt (meine Hervorhebungen): "Von einem VEB Opel halte ich wenig". In diesem Zusammenhang äußert er sich wie folgt:
Frage: "Viele Arbeitnehmer plädieren für eine Herauslösung von Opel aus dem Konzern. Ist das ein gangbarer Weg?"
Franz: "Für diesen Gedanken habe ich viel Sympathie. Aber: Wir sind im Jahre 2008 in einer globalisierten Welt – und GM würde uns überhaupt nicht rauslassen. Warum? Weil wir die zweitgrößte Marke im GM-Verbund sind und die Entwicklungsverantwortung in Europa für die Modelle haben, die in Zukunft in den USA gefragt werden."
Frage: "Wäre denn Opel allein überhaupt lebensfähig?"
Franz: "Ganz alleine ist schwierig, weil sie das Volumen von Opel allein zu gering ist, um die Deckungsbeiträge zu erzielen, um die enormen Entwicklungskosten umzulegen. Stellen Sie sich vor, ein Gramm Co2 zu verringern, kostet im Schnitt 30 Millionen Euro. Das heißt, wir müssten Allianzen und Partnerschaften angehen."
Hoch anrechnen muss ich dem Mann seine Ehrlichkeit, was die Eintrittswahrscheinlichkeit einer Inanspruchnahme der staatlichen Bürgschaft betrifft:
Frage: "GM-Europachef Carl-Peter Forster nannte es unwahrscheinlich, dass der Bürgschaftsfall eintritt. Sehen dies angesichts des Schieflage des Mutterkonzerns ebenso optimistisch?"
Franz (meine Hervorhebung): "Ich bin äußerst skeptisch. Die Situation in den USA ist momentan sehr schwierig."

An einer Fernseh-Gesprächsrunde mit Anne Will hat u. a. auch Bundes-Wirtschaftsminister Michael Glos teilgenommen, dessen Position (im Prinzip gegen gezielte Hilfen für Opel, aber eigentlich doch nicht so ganz dagegen) in dem Spiegel-Online-Artikel "Deutschland in der Opel-Falle" vom 17.11.08 referiert wird.

In welcher Zwickmühle die Politik bei der Entscheidung für oder (wohl nur theoretisch: gegen) die Bürgschaftsgewährung steckt, schildern Donata Riedel, Florian Kolf und Markus Hennes in dem Handelsblatt-Bericht "Entscheidung bis Weihnachten. Opel setzt Merkel unter Zugzwang" vom 18.11.2008.

Die Verstaatlichungs-Debatte, bzw. die Frage, ob der Staat nur dazu da ist sich von den Kapitalbesitzern ausnehmen zu lassen, gewinnt rapide an Stoßkraft. Darüber lesen wir im Spiegel Online vom 18.11.08: "AKTION SCHUTZSCHIRM. Opel wehrt sich gegen Verstaatlichungs-Forderungen" (meine Hervorhebungen):
"Management und Betriebsrat wollen zwar Staatshilfe - aber möglichst keine weitere Einmischung." Die Gewerkschaften sehen das ganz anders:
"Auch der DGB plädiert für eine Staatsbeteiligung an Opel für den Fall, dass staatliche Hilfen notwendig werden. "Wenn Steuergeld fließt, muss es auch eine Gegenleistung geben", sagte der für Wirtschaftsfragen zuständige Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Claus Matecki."
Opel-Deutschland-Chef Hans Demant vertritt die Interessen des Konzerns:
"Eine Abspaltung vom angeschlagenen Mutterkonzern General Motors lehnt Demant hingegen strikt ab. Auf sich allein gestellt habe Opel keine Zukunftsperspektive, sagte er im Bayerischen Rundfunk. "Als Teil eines großen Konzerns zu agieren, hat eine Menge Vorteile, sowohl für Opel als auch für unsere Mitarbeiter", sagte Demant. Der Verkauf von jährlich rund 1,6 Millionen Opel-Modellen in Europa reiche zum Überleben nicht aus."
Dann müssen die Opel-Betriebe - ggf. nach vorübergehender Übernahme durch den Staat, eben downgesized und die lebenskräftigen Bestandteile bei einer anderen Automobilfirma angedockt werden.

Eine Verstaatlichung könnte freilich die Belastungen für den Steuerzahler sogar vergrößern. Vater Staat kann sich weniger leicht als eine private Firma seiner / ihrer Mitarbeiter entledigen. Es könnte deshalb passieren, dass wir Steuerzahler die Beschäftigten (bzw. die überzähligen davon) durchschleppen müssten, obwohl die Autoverkäufe das eigentlich nicht hergeben.

"Opel-Aufsichtsrat Schild sieht [Möglichkeit einer] Trennung von Konzernmutter GM" berichten Roman Kessler und Katharina Becker, Dow Jones Newswires. bei FAZ.net am 18.11.08:
"Schild sagte, bei der Produktion, im Vertrieb und der Logistik gebe es für den deutschen Konzern Spielraum, um auf eigenen Füßen zu stehen. Schwieriger sei es dagegen, etwa das weltweit vernetzte Entwicklungszentrum am Stammsitz in Rüsselsheim aus dem Konzerngeflecht herauszulösen." (Zu Schild s. a. nachfolgende Meldung.)

"GM in Not. Viele Stimmen für Opels Unabhängigkeit" titeln Henning Peitsmeier und Hendrik Wieduwilt auf FAZ.Net am 17.11.08:
"... werden Rufe nach einer Herauslösung von Opel aus dem GM-Verbund immer lauter. „Wir müssen uns für eine Zukunft ohne GM rüsten“, hieß es in Rüsselsheim. Unterstützung für eine Herauslösung aus dem GM-Konzern erfuhren sie von den hessischen Landtagsfraktionen von FDP und Grünen. Die IG Metall sprach sich ebenfalls für schnelle Hilfe unter dieser Bedingung aus: „Opel hängt an einer kranken Mutter. Es wird Zeit, dass das Unternehmen abgenabelt wird“, sagte der IG-Metall-Bezirksleiter Armin Schild."
Tatsächlich hat anscheinend der Verbund mit GM nicht nur negative Auswirkungen (meine Hervorhebungen):
"... auch wenn in diesen Tagen der Verdacht aufkommt, GM ziehe Geld von Opel ab, sind die positiven Effekte des Konzernverbunds in Rüsselsheim und anderen Opel-Standorten sichtbar. Das neue Entwicklungszentrum am Stammsitz beispielsweise ist global aufgestellt, 7000 Ingenieure [nach anderen Meldungen - s. o. - waren es aber nur 6.000?] arbeiten dort nicht nur für Opel, sondern auch für die GM-Konzernmarken Saab oder Chevrolet. Die Entwickler in Hessen sind für die globale Architektur aller Kompakt- und Mittelklassemodelle von GM zuständig. „GM hat Arbeit nach Deutschland gebracht“, sagt ein Sprecher."
Auch die juristischen Möglichkeiten einer Herauslösung werden beleuchtet:
"Juristisch gibt es ohnehin kaum Möglichkeiten für die Opel GmbH, sich vom amerikanischen Mutterkonzern zu trennen. Über die Anteile kann nur der Gesellschafter verfügen."
Das ist schon wahr, aber im Insolvenzfalle kann ein(e) Insolvenzverwalter(in) (zwar nicht über die Gesellschaftsanteile, aber sehr wohl:) über das gesamte Betriebsvermögen verfügen. Deswegen dürfte eine Insolvenz, mit anschließender Übernahme durch den Staat, die eleganteste Lösung sein. Allerdings hätten wir dann wohl ein gigantisch überdimensioniertes Entwicklungszentrum am Bein.


Zeit Online:

Alexandra Endres konstatiert (am 17.11.08) knallhart: "Autokrise. Der Staat kann Opel nicht retten." Hier erfahren wir so einiges, was uns die anderen Medien verschweigen (meine Hervorhebungen):
"Die Steuermilliarden aber würden eine Branche päppeln, die in ihrer bisherigen Größe gar nicht mehr gebraucht wird. Europas Autobauer leiden unter hohen Überkapazitäten. Sie stellen fast 25 Prozent mehr Fahrzeuge her, als sie verkaufen können. Diese Ressourcenverschwendung mit staatlicher Hilfe zu zementieren, ist ökonomisch wie ökologisch unsinnig. ......
"Nötig wäre ein europäisches Konzept, das den Abbau der überschüssigen Kapazitäten regelt", sagt Willi Diez, Professor für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. In der Praxis sei so etwas aber kaum vorstellbar. "Das brächte uns ganz nah an die Zentralverwaltungswirtschaft."
... Skeptiker ... befürchten, dass der Staat ... gar nicht die Möglichkeit hat, Opel wirklich zu helfen. ... "Der Opel-Betriebsrat tut jetzt so, als sei im Unternehmen alles in Ordnung", sagt Wolfgang Meinig, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Bamberg. "Das stimmt aber nicht."
Seine Mängelliste führt weit über die akuten, aus der Schieflage von GM resultierenden Finanzierungsprobleme hinaus: Eine falsche Modellpolitik habe den Opel-Marktanteil in Deutschland in den vergangenen fünfzehn Jahren von 17 auf 7 Prozent fallen lassen. Opel habe ein Innovationsdefizit, unzufriedene Zulieferer, ein schlechtes Image und keine treuen Kunden.
"



Ein Name ist derzeit bei der Berichterstattung über die Opel-Krise in aller Medien Munde:
Professor FERDINAND DUDENHÖFFER.
Der äußert sich (wie ich bereits oben bemerkt hatte) sphinxhaft mal so mal so. Einerseits fordert er Rettungsmaßnahmen der Regierung, andererseits bezweifelt er die Überlebenschancen der Firma Opel.
"Opel war jahrelang auf Hilfen angewiesen und steht derzeit fast ohne Liquidität da", erklärt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Die Rettung von Opel berge ein enormes Risiko und sei ohne einen finanzstarken Investor nicht zu machen. Ein solcher Investor habe derzeit aber eine große Auswahl, weil die meisten Autohersteller bemerkenswert geringe Börsenbewertungen aufwiesen. "Wieso sollte sich ein Interessent deshalb ausgerechnet für Opel entscheiden?" wird Dudenhöffer hier zitiert.
Dort freilich verlangt er Staatsknete:
"Auch der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer warnte vor einem Job-Kahlschlag: Wenn der Staat Opel nicht helfe, drohten der Branche drastische Stellenstreichungen, sagte der Autoexperte dem Bayerischen Rundfunk. Man könne in so einer Situation, "die in Deutschland mindestens 100.000 Arbeitsplätze betrifft", nicht einfach sagen: "Da hat der Staat nichts mit zu tun." Und:
"Eine mögliche Opel-Pleite würde auch die Zulieferer mit nach unten reißen. Dudenhöffer warnte, mittelständische Unternehmen, die stark mit General Motors zusammenarbeiten, könnten kaputtgehen. "Diese Arbeitsplätze wären unwiederbringlich verloren, die könnten wir als Asche auf der Straße zusammenkehren." Dogmatische Antworten würden jetzt nicht weiterhelfen, sagte der Autoexperte. "Es steht sehr, sehr viel auf dem Spiel."
Carsten Herz vom Handelsblatt hat Dudenhoeffer so verstanden:
"Experten wie der Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer zweifeln, ob sich Opel retten lässt. Verstehen Sie diese Skepsis?" fragt er den Opel-Betriebsratsvorsitzenden Franz.
Der ärgert sich: "Das verstehe ich überhaupt nicht. Ich habe nur Zweifel, ob Herr Dudenhöffer ein Finanzexperte ist. Nach meiner Meinung ist er ein Krisenpopulist, der sein Fähnchen nach dem Wind hängt."
Also, den Eindruck habe ich allerdings auch: dass Dudenhoeffer vorsorglich die Fahnen beider Parteien aushängt: der Helfer und der Skeptiker. So kann er später, der mythischen Pythia gleich, immer sagen, er habe Recht behalten.
(Allerdings hat er pfiffige Ideen für Anreize zur Produktion umweltfreundlicherer Automobile: vgl. seine Zeit-Aufsätze "Ökologie leicht gemacht" vom 22.02.07 und "So wird das Auto grün" vom 13.09.08.)
Erg. 12.12.08: "Krise in der Autobranche. Opel will gegen Dudenhöffer vorgehen" berichtet das Handelsblatt heute: "Der Professor aus dem Ruhrgebiet hatte eine Insolvenz der Opel-Mutter General Motors (GM) "vor oder kurz nach Weihnachten" vorhergesagt, wenn sie in den USA keine staatlichen Hilfen erhalte. Die Adam Opel GmbH werde dann "spätestens ein halbes Jahr später" folgen."
Vgl. dazu auch den ZEIT-Artikel "Gescheitertes US-Rettungspaket. Opel vor ungewisser Zukunft", ebenfalls von heute.
Verhältnismäßig ausführlich berichtet auch Bild: "Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer
Aus für Opel bei General-Motors-Pleite? Konkurse von Auto-Riesen in Europa Mitte 2009
"
. Und in einem Artikel "Opel am schlimmsten betroffen. Deutscher Automarkt um fast 18 Prozent eingebrochen" erfahren wir: "Die Zahl der Pkw-Neuzulassungen ging Vergleich zum Vorjahresmonat um 17,7 Prozent ..... zurück." Schlimm; doch schlimmer noch sieht es bei Opel aus: "Von den großen Herstellern am schlimmsten betroffen ist die ohnehin angeschlagene Marke Opel, die im November ein Minus von rund 36 Prozent wegstecken musste."

In einem Interview im Hamburger Abendblatt vom 18.11.2008 mit Christina Jäger nimmt Dudenhöffer insbesondere zur Situation bei Opel Stellung: "Auto-Experte: Politik fehlt Beobachtungssystem.'"Die nächsten drei Jahre werden angespannt' ":
Frage: "Herr Professor Dudenhöffer, welchen Sinn hat das Eingreifen der Politik in einem Fall wie Opel?"
Antwort: "Diese Fälle dürfen wir nicht dogmatisch beantworten, sondern müssen uns anschauen, welche Konsequenzen es hätte, wenn man nicht eingreift. Die können erheblich sein, weil wertvolle Unternehmen wie Zulieferer in Mitleidenschaft gezogen werden würden."
Frage: "Welche Schuld trägt der Mutterkonzern GM?"
Antwort: "Das ist schwer auseinanderzudividieren. General Motors hat seit 2000 in Europa nur Verluste produziert. General Motors hat Opel in der Vergangenheit bei den Sanierungsprogrammen stark gestützt. Selbstverständlich ist man von General Motors abhängig, selbstverständlich sind in der Vergangenheit in Detroit Konzernentscheidungen getroffen worden, die nicht das Optimale für Opel waren. Aber Opel ist auch nicht das Vorzeigeunternehmen, als das es manchmal bezeichnet wird."
Frage: "Wurden Fehler bei der Modellpolitik gemacht?"
Antowrt: "Ja, sicher, Fehler auch bei uns. Man kann es vergleichen mit Ford. Ford in Europa ist ertragsfähig, mit Gewinnen. General Motors Europe dagegen tut sich sehr schwer, hat nur Verluste geschrieben."
Frage: "Nützen Staatsgarantien den deutschen Opel-Arbeitern oder doch eher General Motors?"
Antwort: "Eine Hilfe oder Kreditzusage nützt automatisch auch dem GM-Konzern, da sitzen beide in einem Boot. Man kann juristisch Verträge machen, aber die sind eigentlich nicht haltbar, denn sobald das Boot sinkt, sind beide weg."


20.11.2008:
Eine visuelle Vorstellung von der Misere der Automobilfirmen (hier spezifisch den Export in die USA betreffend - Mercedes, Toyota usw. -) vermittelt dieser Artikel bzw. diese zugehörige Bilderserie.


Nachtrag 27.11.08:
Für die Lage und die Möglichkeiten der US-Automobilbauer ist der Artikel "Panic in Detroit. This is not your father's Oldsmobile we're rescuing" von Jonathan Cohn im Magazin "The New Republic" (14.11.08) von Interesse. Cohn setzt sich für eine staatliche Förderung von GM, Ford und Chrysler ein, weil nach seiner (im Aufsatz näher und durchaus einleuchtend begründeten) Meinung ein Insolvenzverfahren nach "Chapter 11" des US-amerikanischen Konkursrechts keine Möglichkeit einer Sanierung bietet.

Den Hinweis auf diesen Artikel verdanke ich dem Blog von Paul Krugman. Am 03.05.2008 las man es (gewissermaßen) dort noch anders: "Oil conservation: getting over the hump" referiert einen Bericht, wonach in einer indischen Region seinerzeit die Preise für Kamele steil angestiegen waren, weil die wegen der stark gestiegenen Rohölpreis offenbar wieder ein relativ günstigeres Transportmittel waren. Der Eintrag war sicherlich scherzhaft gemeint; der reale Hintergrund für diese Meldung ist freilich weniger lustig. Übrigens sind auch die Kommentare durchgängig niveauvoll, humorvoll und informativ: ein "must read"!

Über den Automobilmarkt in den USA, vorwiegend allerdings den für Importfahrzeuge (und dort wiederum mit Schwerpunkt auf den deutschen Marken) berichtet Rüdiger Scheidges im Handelsblatt-Artikel "US-Automarkt. Auto-Friedhof für Jungverstorbene" vom 27.11.2008: finster sieht es aus, sehr finster!

"Mit Premium-Preisen in die Autokrise" beschreibt Florian Brückner im HB vom 21.11.08 die Lage der Automobil-Industrie in Deutschland: die Fahrzeugpreise sind gestiegen, die Löhne nicht. Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Kein Wunder, dass man nicht mehr bestellt!


Nachtrag 08.12.2008:
Unter der Überschrift "Finanzkrise und Automobilkrise" ging Lars Biewald in seinem Blog "Finanzportale im Vergleich" der Frage nach, ob die "Die Finanzkrise als Ursache der Automobilkrise" ist. Einen derartigen Ursachenzusammenhang verneint er:
"... gibt es ... Aspekte, die dagegen sprechen, die Finanzkrise als Hauptursache der Automobilkrise anzusehen. Zu diesen Aspekten gehört auf jeden Fall die Tatsache, dass die Absatzzahlen der Automobilbranche schon seit Anfang des Jahres deutlich eingebrochen sind, als von einer Finanzkrise noch gar nicht die Rede sein konnte. Von daher können die jetzigen Auswirkungen durch die Finanzkrise vorher noch gar nicht negativ auf die Verkaufszahlen der Automobilbranche gewirkt haben.
Natürlich trägt die Finanzkrise insofern zu den jetzigen Problemen der Automobilbranche bei, dass Banken nicht mehr so “einfach” Darlehen vergeben, ... . Somit können auch die Automobilkonzerne natürlich schneller in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, als es noch vor der Finanzkrise der Fall gewesen ist."
(Und, zumindest in den USA, haben es auch potentielle Käufer schwerer, an Kredite zu kommen. Auch bei uns könnte ich mir vorstellen, dass das, in etwas indirekterer Form, insoweit ein Problem ist, als die herstellereigenen Finanzierungsbanken vermutlich keine Einlagenbanken sind, sondern auf Kredite der anderen Banken angewiesen. Der Interbankenmarkt funktioniert aber derzeit nicht.)


Nachtrag 12.12.2008:
Einen recht informativen allgemeinen Artikel zur Automobilindustrie bzw. zum Automarkt schrieb Olaf Preuß im Hamburger Abendblatt vom 18.11.2008: "Zäsur: Generationen von Deutschen waren bekannt dafür, dass sie ihr Auto hätschelten wie ein Kind - Die Zeiten sind vorbei. Eine alte Liebe rostet doch."


Nachtrag 01.02.2009:
Allgemein skeptisch bezüglich staatlicher Rettungsmaßnahmen für Großbetriebe (Banken wegen ihrer Sonderrolle ausgenommen) ist der Handelsblatt-Autor Olaf Storbeck: "Wirtschaftskrise: Retten als Risiko" heißt es am 20.01.2009.


Nachtrag 07.02.09:
Man muss diese Meinung des Financial Times Deutschland Kolumnisten Wolfang Münchau über die Bedeutung von Technik (Ingenieuren) nicht teilen:
"Die Politik sollte aufhören, auf die jammernde Industrie zu hören, die sich vor Kurzem noch über den Ingenieurmangel beschwerte und die in den nächsten Monaten junge Ingenieure massenweise in die Arbeitslosigkeit entlassen wird. Es ist Zeit, unseren Ingenieurkult und den deutschen Sonderweg zu beenden. Im 21. Jahrhundert sollten wir von einer Exportwirtschaft zu einer normalen Volkswirtschaft übergehen - mit einer breiten Palette von Industrien und Dienstleistungen."
Der Dienstleistungsfetischismus der Wirtschaftswissenschaften ist fragwürdig, und bei Münchau um so mehr, als er an anderer Stelle etwa den US-amerikanischen Finanzsektor (richtig) für aufgebläht hält und dessen Verkleinerung fordert.
Was bleibt denn da noch? Versicherungssektor ausweiten? Mehr Credit Default Swaps verkaufen wie die American International Group (AIG)? Oder sollen Deutschlands Arbeitslose als Grasswurzel-Gewerbetreibende den Konsumenten bei Aldi die Einkaufstüten vollpacken?
Indes halte ich für zutreffend, was er unter der Überschrift "Deutschlands wichtigste Industriezweige haben ihren Zenit bei weitem überschritten" über die Automobilindustrie (allgemein und speziell in Deutschland) sagt (meine Hervorhebungen):
"Ein Ziel der strategischen Änderungen sollte es sein, die Abhängigkeit von der Automobilindustrie zu verringern. Früher war dies unser Vorzeigesektor. Doch mit den Autos gibt es eine Reihe fundamentaler Probleme. Zum einen halten die seit den 90er-Jahren gebauten Autos mittlerweile zehn Jahre oder noch länger - selbst die aus den USA. Es ist für viele Menschen überhaupt kein Problem, einen alten Wagen noch ein paar weitere Jahre zu fahren. Das heißt aber auch: Kommt eine Rezession, erlebt der Autobau einen massiven Einbruch, weil die Nachfrage plötzlich einbricht."
Die folgenden Sätze hätte ich gerne jenem Politiker (oder jener Politikerin - ich weiß es nicht mehr) hinter die Ohren geschrieben, der/die neulich behauptete, die Automobilindustrie sei eine innovative Branche und deshalb förderungswürdig:
"Es gibt noch weitere strukturelle Probleme. Vor wenigen Monaten unterhielt ich mich mit einem Vorstandsmitglied eines großen deutschen Automobilbauers. Er sagte mir, die Zeit der bahnbrechenden Innovationen im Automobilsektor sei vorbei. Sicherheitsgurte und Airbag waren die wichtigsten Erfindungen, die die Anzahl der Verkehrsopfer drastisch reduzierten. Natürlich wird immer noch gebastelt, es werden Außenairbags oder Netzhaut-Scanner entwickelt, aber die Branche ist längst auf einem Pfad fallenden Grenznutzens.
Das Hybridauto ist ebenfalls erfunden, und wir werden sicherlich auch in der Zukunft neue Methoden entwickeln, den Ausstoß von Abgasen zu senken. Es ist aber kaum etwas denkbar, das sich mit der Einführung von Katalysator oder Rußpartikelfilter vergleichen ließe. Natürlich ist der Technologiezyklus in dieser Industrie noch längst nicht beendet, aber er hat seinen Höhepunkt mittlerweile deutlich überschritten. Ich schätze, wir sind bei den Autos jetzt da, wo die Kohle in den 50er- oder 60er-Jahren angelangt war. Es ist immer noch eine große und wichtige Industrie, aber bald nicht mehr die Schlüsselindustrie. Längst Medium-Tech, nicht mehr Hightech.
"
Was folgt aus diesen Erkenntnissen Münchaus für die ökonomische Relevanz einer Opel-Bürgschaft? Genau das, was mein Blog-Titel fordert!

Richtig ist auch, was Münchau unter der Zwischenüberschrift "Exportweltmeister ist kein Ehrentitel" ausführt:
"Die von volkswirtschaftlichem Denken weniger geprägten deutschen Tageszeitungen feiern jedes Jahr den Umstand, dass Deutschland erneut Exportweltmeister geworden ist, so als sei die globale Wirtschaft eine Bundesliga mit Deutschland in der Rolle von Bayern München. Ziel der Wirtschaftspolitik aber ist natürlich nicht die Führung in einer fiktiven Tabelle, sondern nachhaltiges Wachstum, Vollbeschäftigung und Preisstabilität."
Aber unter dem Aspekt der Ressourcenverknappung wird sich die gesamte Problematik ohnehin anders darstellen, als Münchau und die allermeisten Journalisten, Wirtschaftswissenschaftler und das breite Publikum sich das gegenwärtig ausklügeln.


Nachtrag 10.02.2009:
Michael Jäger kritisierte in der Wochenschrift "Freitag" vom 28.11.2008: "Ausfahrt verpasst. Opel zeigt: Die Chance zum ökologischen Umbau wird nicht genutzt". Da hat er Recht: die Staatshilfen - sowohl für die Finanzbranche als auch für die Realwirtschaft - laufen mehr oder weniger auf ein "Weiter so" hinaus.
Aber sein Krisenrezept, wie der Staat, die zu erwartenden Hilfeschreie der realwirtschaftlichen Unternehmen beantworten sollte:
"Der Staat könnte ihn überall mit Aktienübernahme beantworten, dann eine Behörde einrichten, die den Aktienbesitz bündelt, und auf seiner Basis eine gesellschaftsübergreifende Produktpolitik beginnen. So ungefähr steuern die Chinesen ihre Wirtschaft. Wenn wir es auch täten, bräuchten wir dafür keine Einparteidiktatur.
Im Gegenteil, wir würden mehr (Wirtschafts-) Demokratie wagen. Und könnten außerdem noch die Arbeitslosigkeit drastisch senken
"
kann ich nur als hoffnungslos naiv beeichnen. Weder wird das eine Wirtschaftsdemokratie (und wenn es eine wird, dann eine, wo sich die Arbeitnehmer überflüssiger Industrien ganz demokratisch die Staatsknete holen), noch würden wir eine "gesellschaftsübergreifende Produktpolitik" sehen. Wer sollte den dafür agitieren? Die Arbeitnehmer wohl kaum. Und dass nicht einmal die Grünen (ohnehin eine Minderheit, und noch weitaus minderheitlicher, wenn man nicht die Wählerstimmen zählt, sondern die echten Anhänger eines harten ökologischen Kurses) das ökologische Ei des Kolumbus gefunden haben, weiß Jäger sehr wohl:
"Zweitens stellt sich die Frage, wie dieser Umbau denn aussehen könnte. Heute wird das Elektroauto vorgeschlagen: Das ist eine sehr isolierte Antwort auf das ökologische Problem. [Das ist nicht eine "isolierte Antwort", sondern eine vollidiotische Vorstellung von Leuten, die gegen alle möglichen Arten der Stromerzeugung opponieren!] Die Grünen selbst weisen darauf hin, dass die US-amerikanische Finanzkrise auch wegen einer bestimmten und zwar antiökologischen Siedlungsstruktur ausgebrochen ist ..... . Aber den Zusammenhang zwischen Siedlungsstruktur und Autopolitik, den sie um 1990 herum als erste diskutiert haben, bringen sie noch nicht wieder in die Debatte. [Nicht zu vergessen, dass die Grünen geholfen haben, eine großzügige Pendlerpauschale für alle einzuführen! Und dass die Grünen Änderungen z. B. des Bau- und Nachbarschaftsrechts gefordert hätten, um eine Verdichtung zu ermöglichen, ist mir auch noch nicht zu Ohren gekommen.] Ökologischer Umbau würde nämlich auch bedeuten, dass man zwischen Wohn- und Arbeitsplatz entweder die Distanz klein hält, um lange Autofahrten unnötig zu machen, oder da, wo das nicht möglich ist, den öffentlichen Verkehr ausbaut."


Nachtrag 13.02.09:
Über den aktuellen Sachstand der der Opel-Rettung berichten Carsten Herz, Klaus Stratmann und Daniel Delhaes u. d. T. "Verhandlungen mit GM geplant. Berlin macht Opel zur Chefsache" im Handelsblatt von heute.


Nachtrag 16.2.09:
In einem langen Artikel "Mutterkonzern in der Krise. Opel-Mitarbeiter machen Front gegen GM-Pläne" berichtet das Handelsblatt heute über die neue Entwicklung in Sachen Opel. Wenn ich die dort referierten Überlegungen, insbesondere der betroffenen Landesregierungen, richtig deute, läuft es wohl wirklich auf eine Staatsbeteiligung hinaus. Da lob ich mir doch (ausnahmsweise) mal die realistische Position der FDP (meine Hervorhebung):
"Die NRW-FDP will unter keinen Umständen eine Landesbeteiligung der schwarz-gelben Regierung bei Opel mittragen: "Wir wollen nicht, dass die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft vollends zertrampelt werden", sagte der nordrhein-westfälische FDP-Landtagsfraktionschef Gerhard Papke dem Handelsblatt. Eine Staatsbeteiligung bei Opel wäre ein Himmelfahrtskommando für die Steuerzahler, die am Ende die Zeche zahlen müssten, sagte Papke. Dies mache die FDP nicht mit." Wirklich mutig, angesichts des Drucks, den die Opel-Arbeitnehmer aufbauen. Aber der Mann hat völlig Recht - wie ich ja bereits in meiner Überschrift zum Ausdruck gebracht habe.
Allerdings muss dann auch für die Bürgschaften gelten. Nur bürgen, ohne Gegenleistung - das wäre inakzeptabel.
Auch der obligate Dudenhöffer erscheint im Handelsblatt-Bericht. Hat er seine Meinung bezüglich der Überlebensfähigkeit von Opel geändert? Jetzt jedenfalls meint er:
"Der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer sagte der Deutschen Presse- Agentur dpa, er empfehle den Börsengang von Opel Europe als selbstständigen Konzern ohne Saab und Chevrolet. Das würde GM dringend benötigte Liquidität bringen. GM könne einen Anteil von 30 bis 40 Prozent behalten. Der deutsche Staat könne sich als Gegenleistung für die diskutierten Bürgschaften von bis zu 1,8 Mrd. Euro Vorkaufsrechte an der neuen Gesellschaft sichern und gegebenenfalls einsteigen, sagte Dudenhöffer."
Speziell über die Haltung der Landesregierungen von Hessen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen berichtet parallel der Handelsblatt-Artikel: "Autokrise. Bundesländer prüfen Einstieg bei Opel".
In den USA geht es darum, überhaupt eine nationale Automobilindustrie für das Land zu erhalten. Das mit Staatshilfe zu tun, ist nach der reinen marktwirtschaftlichen Lehre Teufelszeug, aber verständlich. Bei uns läuft eine Opel-Rettung allerdings darauf hinaus, Überkapazitäten zu erhalten: jedem Ländle sein Fabrikle. Das ist nur politisch verständlich, für den Steuerzahler aber tödlich. So bekommen wir bremische Verhältnisse (Bremer Vulkan-Werft usw.!), die Bremen seinerzeit schlecht bekommen sind.

So sieht das auch Christoph Hardt in seinem Handelsblatt-Kommentar, gleichfalls vom 16.02.09: "Opel. Volkswagen zweiter Klasse" (meine Hervorhebungen):
"... der Fall Opel wird "dramatische Konsequenzen" haben. Einmalig ist der Appell, den der Chef des Opel-Betriebsrats. Klaus Franz, am Montag an Investoren wie Belegschaft verschickt hat. ...Der Vorstoß aus Rüsselsheim ... ist auch ein fast schon verzweifelt klingender Appell an die Regierungen Europas, dem bedrängten Traditionshersteller in seinen wohl schwierigsten Stunden zu Hilfe zu eilen. Man kann Berlin und den Rest des Landes dennoch nur davor warenen, diesem Drängen Folge zu leisten.
Opel, das sind 26.000 Jobs in Europa ... . Und dennoch, die politisch Verantwortlichen müssen sich in den nächsten Stunden ganz genau überlegen, ob sie auf die Forderungen der Opelaner nach einer Abspaltung inklusive einer Staatsbeteiligung eingehen. Denn dies käme einem Dammbruch gleich.
... Staatshilfen für Banken sind nur deshalb gerechtfertigt, weil sie den Kollaps des gesamten Wirtschaftskreislaufs verhindern. Staatshilfen für Industrieunternehmen aber sind und bleiben ein Gift, dessen verheerende Wirkungen bald schon nicht nur hierzulande, sondern auf unserem ... Planeten zu spüren sein wird. ... Es wird in den kommenden, für die deutsche Industrie gewiss bedrohlichen Monaten schwierig sein, diese Linie zu bewahren. Dennoch: eine Staatsbeteiligung für in Schwierigkeiten geratene Großunternehmen darf es nicht geben. Sonst wäre der Fall Opel nur der Auftakt für eine Flut von Staatsinterventionen ... Eine marktwirtschaftlich organisierte Ordnung kann nur funktionieren, wenn sie das Scheitern zulässt. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass eine Insolvenz die überlebensfähigen Teile von Unternehmen langfristig sichert, anstatt sie zu zerstören. Hingegen gibt es genügend abschrecckende Beispiele dafür, wie Staatshilfen den Zusammenbruch gestrauchelten Unternehmungen zu Lasten der Haushalte allenfalls aufgehalten haben."
Was für eine Staatsbeteiligung gelten soll, muss dann allerdings auch für Bürgschaften des Staates gelten; insoweit sind die Ausführungen von Hardt (wie übrigens auch die Stellungnahme der Freien Demokraten) etwas weniger hart, als sie zunächst erscheinen. Will man lediglich eine Beteiligung ausschließen, Bürgschaften aber zulassen?
Wenn schon Staatshilfe, dann muss der Staat auch potentiell einen Nutzen davon haben, nicht nur die Eigentümer! Allerdings kann man das fiskalische Interesse des Staates bei einer Bürgschaftsübernahme vielleicht auch auf andere Weise wahren, als durch Anteilsübernahme. So oder so wird aber keine werthaltige Masse vorhanden sein, wenn die Firma nicht lebensfähig ist. Und das befürchte ich im Hinblick auf die vorhandenen Überkapazitäten - und auf die Ölpreise, die wegen der sich immer deutlicher abzeichnenden Rohölverknappung mit Sicherheit wieder scharf anziehen werden, wenn es wirklich konjunkturell bergauf geht.


Nachträge 17.02.09
Es geht weiter: Opel, Opel, zwar nicht "über alles", dafür aber: überall (jedenfalls in den Medien)!

"Automobilkrise. Stunde der Wahrheit für Opel" meint Philip Faigle in der Zeit Online vom 17.02.09. Hinsichtlich der Rettungsaussichten ist er eher kritisch (meine Hervorhebungen):
"Opel schleppt Probleme mit sich, die auch bei einem Einstieg des Staates und einer Trennung von der Konzernmutter nicht aus der Welt wären:
Opel produziert vor allem für den westeuropäischen Markt, der langfristig kaum Wachstumschancen bietet. ...
Das Unternehmen leidet weiter unter einer enormen Absatzkrise. Zwar bewirkte der Kurzfrist-Boom, ausgelöst durch die Abwrackprämie der Bundesregierung, dass Opel die Kurzarbeit im Werk Eisenach zurücknehmen konnte. Die Zahl der Anmeldungen von Opel-Fahrzeugen in Europa ging im Vergleich zum Vorjahr dennoch um rund 34 Prozent zurück. Insgesamt brach der Auto-Absatz in Europa im vergangenen Monat erneut um rund 26 Prozent ein.
Opel ist trotz der Belastungen aus Detroit auf die Entwicklungen der Konzernmutter angewiesen. Künftige Modelle wie das Elektroauto Flextreme, die den Konzern zukunftsfähig machen sollen, werden federführend in den USA entwickelt.
" Interessant: die Leier von 'Steinzeit-Automobilbau in den USA, Hightech-Autos aus Deutschland', welche unsere Medien uns immer wieder einhämmern, ist offenbar mehr eine Mär!
Auch hier darf natürlich die Stimme des Auto-Papstes Ferdinand Dudenhöffer nicht fehlen:" 'Monatelang hat man nun Zeit gehabt, einen eigenständigen Rettungsplan zu entwerfen', sagt er. 'Nun ist das Risiko groß, dass ein solcher Schritt zu spät kommt'. Die Politik in Deutschland habe wochenlang die Chance versäumt, die Sanierung von Opel mitzugestalten. Am Ende könnten deshalb nur noch zwei Optionen bleiben, meint Dudenhöfer. Entweder gelingt GM die Sanierung. Oder aber der Konzern rutscht in die Insolvenz und wird zerschlagen." Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass der Dudenhöffer ständig eine andere Story erzählt.


Nachtrag 18.2.09
Heute sprach Tino Andresen vom Handelsblatt mit Ferdinand Dudenhöffer: "Sanierungsplan von General Motors. 'Für Opel bleibt nur eine Möglichkeit' , nämlich [sehr, sehr viel - das sagt er allerdings nicht] Staatsknete (meine Hervorhebung):
"Wie kann es für Opel weitergehen?
'Ich glaube Wagoner, dass er sich auf die USA konzentriert und deshalb bereit ist, sich von Opel zu lösen, aber keinen Käufer findet. Für Opel ist Weitermachen wie bisher die schlechteste aller Alternativen. Ein Börsengang ist derzeit unmöglich. Also bleibt die Möglichkeit, Opel bei GM herauszulösen und eigenständig zu organisieren, zum Beispiel durch Gründung einer SE. Daran könnte General Motors mit 30 bis 40 Prozent beteiligt bleiben. Denn Rest müssten Deutschland und die Länder Nordrhein-Westfalen sowie Hessen kaufen. Möglicherweise würden sich auch Spanien, Großbritannien, Belgien und Österreich engagieren, weil es dort ebenfalls Opel-Standorte gibt. Auch Leute, die wie Opel-Händler Peter Dahlmann oder die Opel-Betriebsräte Interesse an einem Einstieg gezeigt haben, sollte man beim Wort nehmen. Das würde beim Verteilen der Risiken helfen.'
Halten Sie eine Rettung von Opel auf diesem Weg tatsächlich für realistisch?
'Es wird unendlich schwer, ist aber nicht unmöglich. Ich halte diese Lösung noch für die tragfähigste. Der Staat könnte in drei, bis vier Jahren schrittweise mit einem langsamen Ausstieg beginnen. Vielleicht finden sich dann, anders als heute, Käufer aus China, Korea oder Indien. Jedenfalls ist erst mal ein Konzept nötig. Bisher ist nichts Sichtbares auf dem Tisch. Jetzt über den Verkauf oder die Schließung von Werken zu diskutieren, ist Quatsch. Das beunruhigt nur potenzielle Opel-Käufer und-Beschäftigte'.
"
Letztlich hat er immer Recht: wenn es schief geht, war die Sanierung halt wirklich "unendlich" schwer, und wenn nicht, gilt eben, wie auch sonst im Leben: "Nichts ist unmöglich". Besonders dann nicht, wenn genügend Steuergelder fließen. Dann kippen halt bei der Konkurrenz die Arbeitsplätze; aber da fällt es durch die Verteilung vielleicht nicht so auf.


Nachträge 20.02.09
Jetzt kommen mal (etwas) konkretere Angaben zur finanziellen Lage von Opel. Carsten Herz berichtet im Handelsblatt-Artikel "General Motors. Ein Zukunftskonzept für Opel? Nirgends!" von heute:
"... die Geschichte von der Perle Opel könnte sich bei nähereren Hinsehen ... schnell als Legende erweisen. Zwar weist GM seit Jahren keine Einzelziffern mehr für den deutschen Autobauer aus. Der Verlust von einer Mrd. Dollar im dritten Quartal im Europageschäft wird jedoch seine Ursachen haben. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen ist sich sicher: "Das kann nicht allein von Saab kommen." Experten halten deshalb harte Schnitte für unabwendbar - mit oder ohne GM im Rücken."
Wie gedacht: es sieht nicht rosig aus für Opel. Mag sein, dass Rüsselsheim und das eine oder andere weitere Werk überlebensfähig sind. Alle durchschleppen zu wollen, auf Staatskosten, hieße allerdings, den Steuerzahler in den Schuldturm zu schleppen.

CDU-Fraktionsgeschäftgsführer Norbert Röttgen bleibt (vorerst) hart. Das Handelsblatt-Interview vom 19.02.2009 mit Daniel Goffart und Peter Müller ist überschrieben Staat kann nicht für Opel und Schaeffler haften. Auszug (meine Hervorhebung):
"Bei Opel sehe ich trotz vieler Zusagen keine Hinweise auf ein unternehmerisches Konzept.
[Frage:] Also keine Staatshilfe für Opel?
Opel hat nicht dargelegt, durch externe Effekte in Schieflage geraten zu sein. Es gibt auch keine Hinweise auf ein unternehmerisches Rettungskonzept. Opel sagt: Wir brauchen Geld, sonst haben wir ein Problem. Das reicht nicht aus.
"

Norbert Röttgen sagt, wie könnte es anders sein, dasselbe wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die wird im Handelsblatt-Artikel "Opel-Krise. Thüringen prescht mit Opel-Hilfe vor" vom 18.02.09 wie folgt zitiert:
"Bundeskanzlerin Angela Merkel verlangte vor Entscheidungen über staatliche Hilfen für Opel von dem Autobauer und dem US-Mutterkonzern General Motors (GM) ein Zukunftskonzept. „Es muss ein Konzept auf den Tisch gelegt werden, wie eine positive Prognose für Opel aussehen kann“, sagte Merkel. Diese Aufgabe müsse zunächst Opel zusammen mit dem Mutterkonzern General Motors leisten. Auf dieser Basis könne Opel dann mit Bund und Ländern über Hilfen beraten.
Die Bundesregierung und die betroffenen Landesregierungen stünden in enger Abstimmung und seien auch in ständigem Kontakt mit Opel, sagte Merkel. „Im Augenblick kann die Politik nichts machen, weil die notwendigen Konzepte von Opel noch nicht vorliegen.“
"

Klug wäre es allerdings gewesen, wenn die Politik solche Worte bereits anlässlich der Bürgschaftsforderungen im Herbst des vorigen Jahres ausgesprochen bzw. deutlich in den Vordergrund gestellt hätte. Nach meinem Eindruck haben indes die Politiker damals (wenn auch scheinbar unter anderen Voraussetzungen) bei der Belegschaft Hoffnungen erweckt, die sie nun nicht erfüllen wollen und vernünftiger Weise auch nicht erfüllen können.


Nachtrag 21.02.09
Auch die Bild-Zeitung bericntet (übrigens recht informativ) über die Bemühungen um die Rettung bzw. die Probleme von Opel. Ein mich erheblich Schönheitsfehler bei dem Webauftritt von BILD ist allerdings der Umstand, dass das Artikeldatum ganz winzig und vor allem erst ganz unten (rechts) auf der Webseite erscheint. Positiv ist dagegen die große Zahl der Links zu einschlägigen Artikeln im Archiv (unten auf der Seite) zu vermerken. Hier einige der aktuellen Reports:

Wenn ich allerdings die "11 Gründe, warum Opel nicht untergehen darf" lese (schon am 19.11.08 erschienen), fühle ich mich in meiner Auffassung bestärkt, dass die Firma Opel in ihrem bisherigen Umfang nicht zu retten ist. Große Traditionen (die andere Automobilhersteller auch oder noch mehr haben) sowie Manta-Witze reichen als Begründung einfach nicht aus. Die Behauptung "Weil Opel nicht die falschen Autos baut, sondern dem falschen Mutterkonzern gehört" bleibt unbegründet und dass Opel "Deutschlands beste Automarke" ist, sehen die Kunden wohl anders.
Denn im Bericht "Sieben bittere Wahrheiten" vom 19.02.09 erfahren wir u. a.: "Der Marktanteil ist seit Mitte der 90er Jahre von 17 % auf 7 % gesunken".
Im Artikel "Angst um Opel. Jetzt droht Zahlungsunfähigkeit" vom 18.02.09 berichtet Bild u. a.: "... klar ist: Ohne frisches Geld vom US-Mutterkonzern kann Opel nicht überleben. Die Deutschen machen mit ihren Modellen keinen Gewinn, brauchen mehrere Milliarden an frischen Krediten. Andernfalls könnte Zahlungsunfähigkeit drohen. Wie aus dem Opel-Umfeld zu hören ist, sind die Kapazitäten der Werke trotz Abwrackprämie mittelfristig zu gering ausgelastet."
Kritisch auch "Wie ist Opel noch zu retten? Die Auswege: Werksschließungen, Eigenständigkeit, Verkauf" vom 18.02.09 von Inga Frenser:
"Die Aussichten für Opel sind düster: Werksschließungen, Stellenabbau, Sparprogramm. Denn der angeschlagene US-Autobauer General Motors schließt Werkschließungen in Europa nicht aus. Dies bekräftigte Finanzchef Ray Young am Mittwoch und verwies dabei auf die hohen Kosten an den Standorten. .....
Opel [leidet] seit Jahren unter schwerwiegenden strukturellen Problemen:
• Opel produziert überwiegend für den westeuropäischen Markt. Wachstumsmärkte wie Asien, Russland oder Südamerika wurden bislang ignoriert. Problem: Die Wachstumschancen in Europa sind mehr als begrenzt.
• Opel plagen enorme Absatzschwierigkeiten. Zwar brachte die Abwrackprämie etwas Erholung, trotzdem ging der Absatz 2008 um 34 Prozent zurück. Tendenz: gleichbleibend.
• Opel ist auf GM angewiesen – zumindest in der Entwicklung. Opel hofft auf den Erfolg des Elektroautos Flextreme. Das wird in den USA entwickelt.
"
"Opel-Krise. Jetzt schaltet sich die Bundesregierung ein" heißt es am 19.02.09:
"Soll der Staat Opel retten? BILD.de-Leser sagen JA! - Wirtschaft meint: Hände weg! Es laufen bereits Krisengespräche."
Interessant als Meinungsbild sind wahrscheinlich auch die Leserkommentare (teilweise mehrere Hundert) - wenn man Zeit für deren Lektüre hat.

Der Handelsblatt-Bericht "Heftiger Unions-Streit über Opel-Zukunft" vom 21.2.09 enthält vor allem auch neue Informationen über die katastrophale Finanzlage und die schlechten finanziellen Aussichten für die Zeit bis 2011.


Nachtrag 23.02.09:
"Autobauer. Der letzte Elchtest für Saab". Unter dieser Überschrift berichtet Helmut Steuer im Handelsblatt von heute:
"Nicht einmal daheim in Schweden findet Saab-Chef Jan Åke Jonsson noch jemanden, der seinen Konzern retten will. Die schwedische Kultmarke steht vor dem Aus. In der kleinen Saab-Stadt Trollhättan haben viele längst Abschied genommen."
Und er zitiert die "resolute Wirtschaftsministerin" Maud Olofsson:
"Die Wähler haben mich gewählt, weil sie Vorschullehrer, Polizisten und Krankenschwestern haben wollen, nicht um Autofabriken zu kaufen".
Das ist eine etwas andere Einstellung als die in der deutschen Bundesregierung herrschende. Von den Herrschern in Deutschlands Kleinfürstentümern, kürzlich in der Wirtschaftswoche von Wolfgang Clement scharf kritisiert ("Das politische Prestigedenken und die Kleinstaaterei kosten uns zu viel, das geht von der Aufrechterhaltung der Landesbanken bis hin zu unzähligen überflüssigen Behörden. Hier könnte man Milliarden freisetzen.") ganz zu schweigen.


Nachträge 24.02.09:

"Autohersteller in der Krise. Sieben Mythen über Opel". Unter dieser Überschrift enttarnt Tim Höfinghoff im FAZ.net vom 24.02.09 die Legenden der Opel-Konservierungs-Lobby:
"Über den deutschen Autobauer kursieren neuerdings viele Mythen. Die meisten halten einer Überprüfung nicht stand. Mythos 1: Opel ist ein gesundes Unternehmen. ... ". Lesenswert sind auch einige der Kommentare. B. Keim widerspricht (als einer von wenigen) unter der Überschrift "Der Artikel ist so nicht ganz richtig":
"Schaut man sich die Bilanzen von GM an, so fällt auf, dass just in den Märkten in denen kein Entwicklungsaufwand betrieben wird, die höchsten Gewinne anfallen. Da wären Afrika und der Nahe Osten. Und damit ist man schon ein wenig beim Kern des Problems: bei GM spiegeln die Bilanzzahlen nicht unbedingt wieder, was ein Unternehmensteil insgesamt zur Wertschöpfung beiträgt. So gilt als ziemlich unbestritten, dass ein Großteil der Motorenentwicklung in Deutschland erfolgt, ohne dass dies in der Konzernabrechnung hinreichend Berücksichtigung fände. Opel leistet sehr viel mehr für den Gesamtkonzern, als der Gesamtkonzern für Opel. Dass man in Deutschland möglichst wenig Gewinne ausweisen wollte, ist sicherlich auch steuerlichen Aspekten geschuldet."
Selbst wenn diese Informationen zutreffen sollten zeigt sie nur, dass Opel ohne GM erst Recht nicht überlebensfähig ist. Und dass ein mit US-Steuergeldern am Leben gehaltener GM-Konzern auch in Zukunft seine Motoren in Deutschland entwickeln lässt und damit hier Arbeitsplätze subventioniert, ist doch wohl eine eher unrealistische Annahme.

Breite Kritik an einer umfassenden Opel-Subventionierung durch Steuergelder referiert der Handelsblatt-Bericht "Diskussion um Staatshilfen. 'Opel ist nicht zu groß für den Untergang' " von heute.


Nachtrag 25.02.09
Unter anderem über die Einstellung der Bundesbürger zur Opel-Rettung berichtet der heutige Handelsblatt-Artikel "Autokrise. Opel – ein Autobauer entzweit die Republik": "Rund die Hälfte der Bürger seien für einen Einstieg des Staates bei dem Traditionsunternehmen, 40 Prozent allerdings dagegen, ermittelte das Forsa-Institut in einer am Umfrage für den „Stern“ und den Sender RTL."
Das ist schon ziemlich erschreckend, wie eifrig meine Mitmenschen ihre Steuergelder versenken wollen. Bei einem solchen Volk kann es kaum überraschen, dass man auch international leichtes Spiel mit Klingklax' Klingelbeutet wittert.
Die viel gescholtenen Politiker sind da immerhin ein wenig zurückhaltender. Natürlich sind diejenigen am mutigsten, die auf der politischen Leiter den Problemen am entfernesten stehen:
"EU-Kommissar Verheugen sieht das etwas anders. Er warne vor der „Attitüde des weißen Ritters..., der in schimmernder Rüstung angaloppiert und Rettung in Aussicht stellt, dabei aber das Risiko läuft, dass er diese Rettung gar nicht liefern kann.“
„Im Falle Opel ist völlig klar, dass Hilfen nur dann möglich sind, wenn sie verlässlich das langfristige Überleben des Unternehmens sichern“, sagte Verheugen. Die Probleme bei den europäischen General-Motors-Töchtern seien nämlich „das Ergebnis eines langjährigen Managementversagens“, sagte der EU-Kommissar: 'Dafür kann der europäische Steuerzahler nicht ohne weiteres aufkommen'.
"
Selbst der Betriebsrat legt nun endlich ein gewisses Maß von Realismus an den Tag.:
"Opel-Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz [hier ein Porträt im heutigen Handelsblatt] sagte dem Magazin „auto motor und sport“, auch wenn Opel zu einem selbstständigen Hersteller werde, könne es zu Einschnitten kommen." Da aber Betriebsrat wie Politik jedes einzelne Werk retten wollen, glaube ich nicht, dass dabei ein überlebensfähiges Gebilde herauskommen wird. Von der Problematik erneut steigender Rohölpreise bei einem eventuellen Wiederanziehen der Konjunktur, die allen Autoherstellern (erneut) zusetzen wird, ganz zu schweigen.


Nachträge 26.02.09:
"Autokrise. Trollhättan will kein Staatsgeld für Saab" berichtet Clemens Bomsdorf aus der schwedischen Automobilstadt Trollhättan für ZEIT ONLINE am 25.2.2009. Die Schweden sind halt intelligent und Realisten; die Deutschen schimpfen auf ihre Politiker, obwohl die (trotz aller meiner Kritik) in vieler Hinsicht immer noch besser sind als die große Zahl der politischen Blindgänger-Bürger sie verdient hätte. Trotz Wahlkampfzeiten sind Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel noch verhältnismäßig zurückhaltend (vgl. "Frank-Walter Steinmeier spricht vor Opelanern. Hilferuf aus Rüsselsheim", HB 26.2.09).
Das ist auch kein Wunder, denn mittlerweile wird die Höhe der für eine Opel-Rettung erforderlichen Mittel bereits mit bis zu 9 Mrd. Euro beziffert - lt. heutigem Handelsblatt-Bericht "Rettungsplan. Opel-Kapitalbedarf weiter offen."
Die Fa. bestreitet das natürlich, aber wahrscheinlich (hier lehne ich mich mal mit einer Prognose aus dem Fenster) werden es am Ende noch viel mehr - falls die Politik eine Rettung mit Steuermitteln versucht. Ob die dann gelingt, ist schon deshalb äußerst fraglich, weil bei einem Konjunkturaufschwung der nächste Ölpreisanstieg so sicher kommt wie das Amen in der Kirche.

Ebenfalls im Handelsblatt von heute, 26.02.2009, berichtet Carsten Herz über eine überraschende Kehrtwende "Studie. Opel kann auch ohne Partner überleben".
"Der Opel bisher stets kritisch gegenüber stehende Automobilprofessor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen hat das Konstrukt bereits durchgerechnet und kommt zu einem verblüffenden Ergebnis: Eine neue Europa AG von Opel wäre innerhalb von drei Jahren operativ profitabel - und das auch ohne neue industrielle Beteiligung.
"Es ist durchaus möglich, einen eigenständigen Autobauer im Volumenmarkt mit weniger als zwei Millionen Fahrzeugverkäufen pro Jahr tragfähig darzustellen", sagte Dudenhöffer dem Handelsblatt. Doch die Berechnungen zeigen auch: Das Risiko ist hoch. 'Erst nach dem Jahr 2021 könnten Eigenkapitalgeber mit einer Verzinsung ihres Kapitals rechnen'."
Diese Dudenhöffersche Wendigkeit verwundert auch den Autor:
"Im Ringen um eine Zukunft von Opel springt damit jetzt ausgerechnet einer der schärfsten Kritiker der Marke mit dem Blitz bei, den das Unternehmen vor wenigen Monaten wegen seiner Äußerungen noch verklagen wollte. Mitte Dezember hatte Opel noch angekündigt, juristisch gegen Dudenhöffer vorzugehen und ihn als "Totengräber für die Arbeitsplätze in der Autoindustrie" scharf kritisiert. Der Experte hatte zuvor eine Insolvenz des US-Mutterkonzerns General Motors vorhergesagt."
Wie ich oben schon sagte: der Wendehöffer erzählt ständig eine andere Story.
Fragestellung für investigative Journalisten (gibt's bei uns zwar kaum, aber nur mal als Anregung): Wer hat die neue Dudenhöffer-Studie bezahlt???

Einige weitere Einzelheiten im Internet-Portal "DerWesten" vom 25.02.09: "Studie. 'Autopapst' Dudenhöffer: Opel ist noch zu retten".

Noch ein weiterer Handelsblatt-Artikel von heute befasst sich u. a. auch mit Opel; vorwiegend allerdings damit, ob GM in Kürze den Geist aufgibt: "Autokrise. GM hat das Ende vor Augen".

Die Opel-Krise ist im Kleinen, was die Wirtschaftskrise im Großen ist: eine Zeitlupenkrise. An der Oberfläche läuft scheinbar noch alles einigermaßen normal ab, aber wenn man die Wirtschaftsmeldungen liest kommt man zu dem Eindruck, dass 'unten drunter' eine Säule nach der anderen wegknickt: wie bei einem Erdbeben!
Wir schweben im "Blindflug durch die Welt" (UT: "Die Finanzkrise als Epochenwandel"), wie Harald Welzer in seinem Spiegel-Online-Essay vom 29.12.08 konstatiert. Aber das war eigentlich schon immer so: nie haben die Menschen ihre Welt insgesamt, gewissermaßen von außen, überblicken können. Die großen Entwicklungslinien in den uns übersichtlich erscheinenden früheren Epochen waren für die damaligen Akteure ebenso intransparent wie sie es heute - nicht erst in Krisenzeiten - für uns sind.


Nachtrag 27.07.09
Es nützt jetzt nichts mehr (und hätte schon damals nichts genützt, weil sich die Rettungspolitiker bereits festgelegt hatten). Nichtsdestotrotz möchte ich hier zum Nutzen der Nachwelt zu dem Artikel "Why Detroit Is Not Too Big to Fail" von Michael Schuman im Time Magazine von Freitag, 19.12.08, verlinken. Schuman schildert darin, wie auch in Asien (Japan, Korea) das Sinnen und Trachten der Politik(er) auf die Erhaltung der alten Monster-Kombinate gerichtet war - und sich dann doch (besonders eindrucksvoll ist hier der Zusammenbruch bzw. die Entflechtung des Daewoo-Konzerns in Südkorea) eines Besseren besonnen hat (so wie unsere Politik zwar nicht bei Opel, aber immerhin doch bei Arcandor).






Textstand vom 27.07.2009. Auf meiner Webseite
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