Freitag, 23. September 2005

IN FLAGRANTI



Schon in früheren Eintragungen hatte ich in anekdotischer Form einige Produktivitätsfortschrittsdiebe identifiziert:
"BALLA BALLA ODER DIE PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITTSDIEBE DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN SAU(G)NÄPFE"
und
"KEIN 'HAPPY END' FÜR DIE HAUSHALTSKASSE" oder "WER STIEHLT UNS DEN PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITT BEIM TOILETTENPAPIER?"
sowie nicht zuletzt die ständig steigenden Nostalgiekosten:
RENTEN SICHERN - WEHRFRIEDHOFSMAUER ZERFALLEN LASSEN!

Im Fortune-Magazin vom 07.09.2005 fand ich nun einen Artikel unter dem Titel "The Law of Unintended Consequences". Der hat zunächst einmal zwar eine andere Zielrichtung. Der Autor (Clifton Leaf) vertritt die Meinung, dass biotechnologische Entdeckungen und Erfindungen, die mit Unterstützung durch staatliche Fördergelder in Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen gemacht wurden, an jeden Interessenten lizenziert werden sollten, und nicht im Interesse der Gewinnmaximierung und des schnellen Geldes exklusiv an eine oder wenige Firmen vergeben, was seiner Meinung nach das Entwicklungstempo der Biotechnologie verlangsamt.

Dienstag, 20. September 2005

SQUEEZEOUT - squeeze in

Schade. Es war ein abwechslungsreicher Gang zur Arbeitsstelle, er mich in Frankfurt früher zweimal täglich über die Alte Mainbrücke führte. Seit ca. 2 ½ Monaten marschiere ich nun allenfalls noch über den Urselbach.

Heute jedoch ergab sich die Gelegenheit, auf dem Weg zum Gericht wieder einmal auf alten Pfaden zu wandeln. Und schwupps – war doch da auf der schmalen Maininsel nahe dem Sachsenhäuser Ufer ein schmalbrüstiges und spitzgiebeliges "gotisches" Gebäude emporgewachsen, erinnernd an (und gedanklich entlehnt von?) den schmalen "Hochhäusern" der mittelalterlichen Stadt. "Neues Ausstellungsgebäude Portikus" verkündeten die Schilder, und auch den Namen des Stifters und weiterer Geldgeber.

Mit dem erhalten gebliebenen Säulenportikus der ansonsten im Bombenkrieg zerstörten alten Stadtbibliothek auf der Stadtseite der Ignatz-Bubis-Brücke (früher Obermain-Brücke) und mit dem später dahinter errichteten Container für Kunstausstellungen hat dieser Bau keinen räumlichen Zusammenhang. Denn dort wird derzeit ein Literaturhaus errichtet. ("Hast du schon keinen Goethe mehr, muss wenigstens ein Literaturhaus her." Sagt natürlich nicht ein Dichter, sondern nur ein schlichter Wichter. - Vgl. auch meinen Blog-Eintrag "METOOSTON" vom 16.06.2005)
"Portikus" ist wohl schon eine Marke in der Kunstwelt geworden, so dass man auf den Namen nicht verzichten möchte, und in gewissen Sinne steht ja nun der neue Bau am Eingang zur alten Stadt.

Näher ans Museumsufer ist der neue Portikus ebenfalls gerückt. Politische und zuletzt juristische Bemühungen einer Bürgerinitiative, die Bebauung der Maininsel zu verhindern, schlugen fehl. Der Mensch quetscht sich rein, die Natur wird rausgequetscht, auch auf der anderen Seite der Brücke, wo ein weiterer Bau entstehen wird (Modelle hier und aus einer anderen Perspektive dort).
Schön schaut es aus, keine Frage. Trotzdem: wieder ein Stück Grün weg, und der Ruderverein will dann auch noch was abknabbern.Stück für Stück wird die Natur rausgequetscht. Und was machen wir, wenn sie eines Tages gänzlich ausgequetscht ist?


P. S.
Hier noch einige Links zum neuen Portikus:Artikel mit Bildern des HR    Artikel in der FR mit städtebaulicher Tiefenperspektive.    Webseite des "Portikus"    Auch die Gießener werden ausführlich informiert    Kurz und kernig (auch über die Gegner der Inselbebauung).    

Nachtrag vom 30.07.2007:
Mittlerweile gibt es auch einen informativen Wikipedia-Eintrag über den "Neuen Portikus" in Frankfurt a. M. Diesem verdanke ich auch den Link zum Artikel "Manifest gegen die modernistische Bigotterie. Am messerscharfen Dach scheiden sich die Geister: Christoph Mäcklers Frankfurter Torhaus" in der "Welt" vom 18.04.2006.
Eine Webseite hat das Ausstellungsgebäude natürlich auch.


Textstand vom 30.07.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

FEINDLICHE BRÜDER



"Die Bild-Zeitung ediert Bücher." Der Schock über diese Nachricht klingt ab, wenn man weiß, dass es sich um Comic Strips handelt: Neuausgaben von "Klassikern" dieses Genres.
Noch ein Schock, wenn man erfährt, dass gleichzeitig auch die FAZ eine Comic Strip Serie herausgibt.

Was sagt uns die Tatsache, dass das Massenblatt und das Anti-Massen-Blatt zur gleichen Zeit Comicserien auflegen?
Opium für das Volk auf allen Ebenen?
Andererseits sind ja beide Blätter auf ihre je eigentümliche Art dem Bild verpflichtet:
- die Bild-Zeitung schon vom Namen her (vom Layout sowieso)
- und die Frankfurter Allgemeine Zeitung nennt sich nicht umsonst "Zeitung für die geBILDeten aller Schichten [auch ein Bild!] und Stände".

Dürfen wir also nunmehr Beethovens Neunte im CD-Recorder schillern lassen?
Nein! Die Standesunterschiede bleiben!

Die Bild-Mickey-Maus wird von FAZ-Fritz-the-Cat gejagt (vgl. hier die Titellisten).
Und gegen Batman hat Nick Knatterton (bewunderter Begleiter meiner jungen Jahre) wohl auch keine Chancen.
Weil oder obwohl er doch geradezu ein Intellektueller ist?

Sonntag, 18. September 2005

TRIAGE - ABER FÜR WELCHE BAGGAGE?



Nachfolgend ein Kommentar, den ich heute, am 18.09.05  in zwei englischsprachigen Blogs zum Thema "Hurrikan Katrina(http://www.ledgeofliberty.com/2005/09/katrina_timelin.htm und http://althouse.blogspot.com/2005/09/triage.html#comments) veröffentlicht habe, und den ich auch meinen Besuchern nicht vorenthalten möchte:


Here in Germany (or, for that matter, anywhere in Europe) you would probably have to use a magnifying glass to find very many followers of president Bush and his like (or ilk). (If you want to get an idea, why I personally don't care for his ideological stance, take a look at my blog - the only one in English, the rest are in German - "THE B(RAT) IN THE BOX AT THE ULTIMATE LEVER?"
- http://beltwild.blogspot.com/2005_04_01_beltwild_archive.html.)

Nevertheless, the liberal use of words like "moron", "asshole", "freeze-dried brain" [I really like that one (] etc. is not an adequate substitute for a rational analysis of the chain of causation which has led to those consequences of the natural disaster, that could have been avoided if adequate measures with a reasonable cost-benefit ratio had been taken in advance.

Donnerstag, 15. September 2005

DIE CDU BETRÜGT DIE FAMILE



(Hinweis: durch Anklicken lässt sich das Bild vergrößern)

Vor einigen Tagen ließ Nina Hauer hier am Bahnhof Äpfel verteilen. Nina Hauer ist Bundestagskandidatin (und derzeit auch Bundestagsabgeordnete) der Sozis. Rot-grün war mein Apfel, sehr saftig, aber leider auch recht sauer. Sicherlich sind sie gesund, und vielleicht sollte Frau Hauer selbst mehr davon essen, denn auf ihren Wahlplakaten sieht sie aus, als ob sie von der Gelbsucht befallen wäre.

Heute teilten die Schwarzen aus. Süße Müsli-Riegel lockten, und natürlich gab es auch Werbung. Diese durchaus attraktiver als die kleinen Zettelchen der Roten. Unter dem Titel "Schwarz auf Weiß" preisen 4 Farbseiten (Hrsg.: CDU-Kreisverband Wetterau), den Kandidaten (ebenfalls Parlamentsmitglied) Klaus Minkel.

Klaus Minkel sagte, lesen wir auf S. 4, am 5.12.2002 in der 14. Sitzung des Bundestages:

"Eine schlimmere Politik gegen die Familien kann man nicht machen. In unserem Land wird das Saatgut nicht ausgebracht, sondern vernichtet."

Wir wissen: keiner redet mehr über "Familie" als die Schwarzen. Die Familie ist gewissermaßen das deutsche Äquivalent der "conservative compassion" in der US-Politrhetorik. Denn keiner tut weniger für sie als die Konservativen.

Lassen wir die CDU selbst zu Wort kommen, genauer: einen beigepackten DIN-A4-Zettel mit der Überschrift "Die SPD belügt die Menschen" (Hrsg.: CDU Hessen, Frankfurter Str. 6, 65189 Wiesbaden). Dort heißt es:


Wahr ist: Finanzminister Eichel hat die Katze aus dem Sack gelassen und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer angekündigt. (Tagesspiegel 07.09.2005). Nach dieser SPD-Liste werden Güter des täglichen Bedarfs wie Brot, Milch, Gemüse – aber auch Zeitungen und Bus-Tickets – um 9%-Punkte teurer. Die CDU rührt den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7% für diese Güter nicht an!

Wahr ist: die CDU entlastet die Familien.
Familie: 2.300 Euro brutto, Alleinverdiener-Ehepaar mit 2 Kindern (bei Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2%-Punkte, Gesundheitsprämie, Erhöhung des steuerlichen Grundfreibetrags).
Entlastung im Jahr: 132 Euro

Wahr ist: die CDU entlastet die Krankenschwester.
Krankenschwester: 2.300 Euro brutto. Entfernung zur Arbeit: 30 km (bei Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2%-Punkte, Gesundheitsprämie, Senkung der Pendlerpauschale, Erhöhung des steuerlichen Grundfreibetrags).
Entlastung im Jahr: 804 Euro

Wahr ist: die CDU entlastet die Arbeitnehmer.
Arbeiter: 3.000 Euro brutto. Entfernung zur Arbeit: 30 km (bei Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2%-Punkte, Gesundheitsprämie, Senkung der Pendlerpauschale, Erhöhung des steuerlichen Grundfreibetrags).
Entlastung im Jahr: 216 Euro.

Und der Schluss aus alledem: "Schluss mit Lügen. Schluss mit Rot-Grün".


Ganz sicher lässt keine SPD-geführte Regierung die Preise für Lebensmittel im Wege einer Mehrwertsteueranhebung um 9% steigen. Bei Schnittblumen und Zeitungen wird das Steuer-Privileg vielleicht abgeschnitten (na und?), bei Bus-Tickets (und Bahn?) wohl kaum. Dass Eichel eine "Giftliste" vorbereiten lässt, ist recht wahrscheinlich (vgl. den Artikel "Merkel-Minus gegen Eichel-Giftliste" in der Süddeutschen Zeitung vom 13.09.05; lässt sich leider nicht verlinken). "Die Welt" hat in ihrer Internet-Ausgabe vom 15.10.05 eine solche Liste veröffentlicht ("Eichels 'Giftliste'. Der WELT vorliegende Dokumente belegen drastische Sparpläne für 120 Milliarden Euro"); von Mehrwertsteuererhöhung, gar für Lebensmittel, ist darin nicht die Rede. Trotzdem: dass die Regierung mit gezinkten Karten spielt, und die Wahrheit erst hinterher rausrücken wird, ist klar.

Mir geht es hier aber nicht um irgendwelche Spar- oder Steuererhöhungsvorschläge. Mir geht es um die Frage, wer hier, wie Minkel den Rot-Grünen vorgeworfen hatte (s. o.) eine "Politik gegen die Familien" macht.
Dass die CDU alle anderen besser stellt, als die Familien, geht schon aus ihren eigenen o. a. Zahlen hervor: niemand wird weniger entlastet, als ausgerechnet die Familie.
Dumm ist nur, dass die Politchristen uns (d. h. die Familien) für dumm verkaufen wollen. In Wirklichkeit ist es nämlich noch schlimmer, als das getürkte CDU-Beispiel offenbart.

Denn wenn jetzt jemand sagen würde: "Immerhin werden die Familien ja auch entlastet", dann müsste ich erwidern: "Schauen Sie mal etwas genauer hin!" Es gibt da nämlich einen wesentlichen Unterschied in den Rahmenbedingungen: der alleinstehende Arbeiter und die Krankenschwester pendeln zur Arbeit; der Familienvater muss direkt neben seiner Arbeitsstelle wohnen. Jedenfalls dann, wenn er in den Genuss einer Kostenentlastung nach Christenart kommen will. Muss er aber in der Realität ebenfalls 30 km zurücklegen, ist er in den A. gekniffen. Nach derzeitiger Rechtslage zahlt er für 27.600,- € Jahreseinkommen bei Steuerklasse III Lohnsteuer i. H. v. 1.124,- €. Kann er Fahrkosten i. H. v. 1.200,- € absetzen (20 km x 0,30 ct x 200 Tage), reduziert sich das zu versteuernde Jahreseinkommen auf 26.400,- €; dafür ist Lohnsteuer i. H. v. 888,- € zu zahlen. Differenz: 236,- €. Mit anderen Worten: wenn die Entfernungspauschale für die ersten 20 km wegfällt, zahlt der Familienvater 236,- € mehr an Steuern.
Der konkrete Betrag würde sich nach Realisierung der CDU-Steuerpläne natürlich ändern, aber kaum zum Besseren. Es hat schon seinen Grund, wenn die Schwarzen ihre Beispielrechnungen zinken.


Ich hoffe, dass meine Erinnerung mich nicht trügt, wenn ich den Betrugsparagraphen § 263 Strafgesetzbuch (StGB) hier aus dem Gedächtnis wie folgt zitiere:

"Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen Wahlvorteil zu verschaffen, das Denkvermögen eines anderen dadurch beschädigt, dass er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Regierungsverantwortung bis zu vier Jahren oder mit Opposition bestraft."


Nicht, dass die Roten immer die Wahrheit sagen würden. Nur sind sie vielleicht nicht ganz so zynisch wie unsere rabenschwarzen christlichen Familienfreunde.

CDU: Wer hat, dem wird gegeben werden. Wer aber braucht, dem wird genommen werden.
Oder kürzer: "Ich CDU, Milchkuh du".

... und Volkes Esel sind und bleiben die Familien!


Nachtrag 27.09.05: Schief ist er eingescannt, der Wahlzettel, aber das, behaupte ich mal kühn, war so gewollt: wg. Symbolik und so. :-)
Jedenfalls weiß ich nun, wie man (ganz einfach!) Bilder in den Blog bringt, jedenfalls in diese Blogs der Google-Gruppe, und natürlich mit dem Programm "Picasa" der Google-Gruppe.

(Ist ja alles sehr komfortabel, aber langsam habe ich doch ein bischen Bedenken, ob nicht diese warmherzige allseitige Gratis-Umarmung eines Tages in einen krakenhaften Klammergriff umschlägt? Denn von der Caritas sind die ja schließlich nicht .....).

Montag, 12. September 2005

VOM FRIEDHOF DER UNVERWESLICHEN LEICHEN ZUM MITTAGSMENUE AUS DER SCHÄDELKALOTTE

Textstand: 25.09.05

Altstadtfest, Radlersonntag "Kinzigtal Total": erneut ist eine kleine Flucht in ruhigere Gefilde angesagt. Und erneut geht es nach Hirschhorn, dem Ort mit dem "Friedhof der unverweslichen Leichen" (vgl. mein Blog-Eintrag vom Sonntag, 03.07.05). Wieder ist aber das Städtchen für uns nur ein Nachtlager auf dem Weg zu Höherem: von hier aus lässt sich Baden-Baden mit Bahn und Bus und akzeptablem Zeitaufwand erreichen.

Abseits der Lange Str. residiert dort eine rot-grüne Buchstabenkoalition. Einem großen roten "G" folgen viele kleine grüne Buchstaben und vereinigen sich zum Firmennamen "Gondrom".
Bei Gondrom gibt's (nicht nur in Baden-Baden) Bücher, was freilich nicht weiter erwähnenswert wäre: die gibt es z. B. bei "Weltbild" ganz in der Nähe auch. Indes ist die Baden-Badener Gondrom-Filiale ein veritabler Lesetempel. Im Herzen des großen Ladens plätschern die Wasser eines grün patinierten Bronze-Brunnens mit Statue, Gründerzeit wohl. Drum herum formen bequeme Sofas einen magischen Kreis der Leselust. Wasser zum Trinken gibt es auch, und eine Kaffeemaschine komplettiert den Buchladen zum Lesecafé.

Mittwoch, 7. September 2005

KIRCHHOF oder ÖLRAFFINERIE?

Ist unser zukünftiger neuer Finanzminister (?), Prof. Dr. Paul Kirchhof aus Heidelberg, mit seinem Latein schon jetzt am Ende?

Zunächst einmal sieht es nicht so aus. In dem Interview mit Andreas Hoffmann und Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung vom 30.08.05 "Der Generationenvertrag braucht eine neue Basis" sagt er zutreffend über die Rentenfinanzierung: "... entscheidend ist die Familienpolitik. Wir haben nur dann ökonomische Sicherheit bei der Rente, wenn auch in Zukunft genügend Menschen produktiv sind. Deutschland braucht Arbeitsplätze und Kinder, sonst funktionieren all unsere Reformen nicht."

Aber dann (bzw. im Text sogar schon vorher), kommt er uns lateinisch: "Die Rente muss wieder auf ihre ursprüngliche Bedeutung zurückgeführt werden, wie der lateinische Ursprung reddere sagt. Man gibt das Geld einer Versicherung, die legt es an und im Alter lebt man vom Ertrag."
Zugegeben, mit meinem Latein ist es nicht weit her. Und wenn ich im Online-Lateinlexikon von Prof. Dr. Gerhard Koebler unter "reddere" nachschaue, wird das Wort dort tatsächlich mit "zurück geben" übersetzt. Indes ist mir aus 7-jährigen Bemühungen um "De bello gallico" & Co. immerhin noch "Der kleine Stowasser" hinterblieben. Auch dort findet man die Übersetzung "zurück geben", aber noch eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten: z. B. "wieder geben", "vergelten", "darbringen". Und die passen sehr gut auf das, was bei den Rentenzahlungen ökonomisch wirklich passiert: die Jungen "vergelten" den Alten die Mühe, die diese mit ihnen hatten, und bringen ihnen Rente dar. Ohne Kinder funktioniert Rente nicht: nicht im Umlageverfahren, aber genau so wenig im Kapitaldeckungsverfahren.

Warum aber dann der Umstieg vom Umlage- auf das Kapitaldeckungsverfahren unsere Renten retten soll, bleibt das Geheimnis von Professor Dr. Kirchhof. Wir wollen doch nicht hoffen, dass  - horribile dictu - "Professorenlatein" der Komparativ zu "Jägerlatein" ist? (Unangefochtener Superlativ bleibt aber trotz allem das "Politikerlatein").
(Die Alternative Umlageverfahren / Kapitaldeckungsverfahren für die Rentenfinanzierung habe ich sehr ausführlich in meinen Nessay "Sinn substituiert die Konjunktion: rettet er die Renten durch ökonomische Akzeleration?" auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/rentenreich.htm untersucht).


Eine faire Geste ist es, noch dazu zu Wahlkampfzeiten, dass Prof. Kirchhof die Arbeit seines Vorgängers Hans Eichel insoweit anerkennt, als er sagt, dass er "ein gut organisiertes Ministerium vorfinden" wird.


Weniger intelligent dagegen ist sein Konzept (das zwar auch schon von anderen propagiert wurde), die Gewerbesteuer abzuschaffen. Sicherlich werden die Unternehmer zunächst einmal jubeln. Aber bald werden sie feststellen, dass keine Gemeinde mehr Betriebe haben will, sofern sie nur ein wenig laut oder schmutzig oder gefährlich sind.

Believe it or not: in den USA ist seit dreißig Jahren keine neue Ölraffinerie mehr gebaut worden (vgl. Handelsblatt-Artikel vom 23.06.05 u. d. T. "USA und Europa rangeln um besten Platz an der Zapfsäule" - http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1057157)!
Ich kenne das amerikanische Steuersystem nicht, vermute aber mal, dass den Gemeinden der finanzielle Anreiz fehlt, um solche Betriebe auf ihrem Gebiet anzusiedeln bzw. deren Errichtung zuzulassen.
Da ist es vielleicht doch intelligenter, die Gewerbesteuer zu behalten. Und zwar nicht unmittelbar wegen der Einnahmen (dafür könnte man andere Quellen erschließen). Wohl aber wegen der motivierenden Wirkung für die Kommunen, z. B. auch den Bau von Müllverbrennungsanlagen usw. auf ihrem Gebiet zu tolerieren. Steuern haben Lenkungswirkung; die Gewerbesteuer hat unter diesem Aspekt eine sehr positive Anreizwirkung zur Ansiedlung von Betrieben. Gut möglich, dass wir uns ökonomisch keinen Gefallen tun, wenn wir ausgerechnet diese Steuer abschaffen.

Think about it, Prof. Dr. Kirchhof, damit wir nicht eines Tages konstatieren müssen, dass wir mit der Abschaffung der Gewerbesteuer "Kirchhöfe statt Ölraffinerien" "gewonnen" haben! Denn selbst wenn wir so gebildet wären, dass wir diesen Slogan auf Lateinisch formulieren könnten, müssten wir ihn dann leider in einer Postkutsche deklamieren.


Nachtrag 23.09.05: Für andere Überlegungen zur Abschaffung der Gewerbesteuer, die allerdings bei diesem Modell u. a. durch (auch von Freiberuflern zu zahlende) Unternehmenssteuern ersetzt werden sollen (was natürlich ebenfalls einen Anreiz für die Gemeinden bieten würde, Unternehmen anzusiedeln), vgl. die Meldung "Städte halten an Gewerbesteuer fest" im Handelsblatt vom 22.09.05 (http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1109871). Sehr positiv beurteile ich auch den dort ebenfalls dargestellten Vorschlag der Stiftung Marktwirtschaft, eine Bürgersteuer mit einem (limitierten) Hebesatzrecht der Gemeinden einzuführen. Das würde auf kommunaler Ebene einen sicherlich zu Sparanstrengungen führen. Nicht mehr "wir wollen dies oder jenes, weil wir ja sowieso Steuern (in unveränderlicher Höhe) zahlen müssen" wäre die Devise des Volkes / der Wähler. Vielmehr wäre dann die reale Wahlalternative gegeben: "Wollen wir für diese Maßnahme (z. B. Fußballstadion, Opernhaus, Opernensemble usw.) Steuern zahlen, oder das Geld lieber in der Tasche behalten".      

Samstag, 3. September 2005

DER WANDERER - ZUM DRITTEN!

(vgl. dazu Blog-Eintrag vom 28.06.05 u. d. T. "Der Wanderer")

Wir Deutschen sind doch deutlich ärmer als gedacht.
Nicht nur, dass es "uns" bei aller Italienbegeisterung und Goetheverehrung erst im Jahre 1998 gelungen ist, das Tagebuch bzw. die Briefe an den Vater (und noch einiges an schriftlichem Material drum herum) des August von Goethe, Sohn von Sie-wissen-schon-wem, von seiner Italienischen Reise zu veröffentlichen.
Selbst das haben "wir", d. h. konkret natürlich die Herausgeber (Gabriele Radecke für den Text und einen Teil der Erläuterungen, Andreas Beyer ebenfalls teilweise für die Erläuterungen und allein für das Nachwort) nur mit US-amerikanischer Hilfe zu Stande gebracht: das Editionsprojekt wurde gemeinschaftlich von der Goethe-Gesellschaft in Weimar und dem Clark-Art-Institute in Williamstown, Massachusetts, gefördert.