Dienstag, 29. Januar 2008

From bat philosophy to good taxes oder mein Klick-Weg von den Fledermäusen zur Steuergerechtigkeit

Auf der Suche nach der Rationalität (vgl. dazu auch meinen Kommentar unter dem Nick "Cangrande" in einem Fremdblog) kam ich zum Geist der Tiere, genauer: zu dem sehr anregenden Aufsatz "TIERE ERKLÄREN ODER VERSTEHEN? Philosophie der Psychologie. Indizien für das Scheitern des Methodendualismus" von Felix Annerl und von dort zu dem "berühmten, vieldiskutierten Aufsatz" von Thomas Nagel "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?". Berühmte Aufsätze stellt, wenn sie in englischer Sprache verfasst wurden (Benutzer anderer Idiome haben ohnehin wenig Chancen auf Berühmtheit), immer irgend jemand ins Netz, und so findet man dort auch "What is it like to be a bat?".

Sonntag, 27. Januar 2008

"Wer hat uns den Kupfertiefdruck gestohlen" oder "Doch kein Fortschritt für die Menschheit"?

In meinem Blott "Fortschritt – real oder imaginär? Zum Essay "Die Fortschrittsillusion" von Prof. Eckart Voland" hatte ich gegen Voland polemisiert, weil dieser den Fortschritt zur Illusion erklärt. In einem lebensweltlichen Sinne freilich finde ich selbst des öfteren Gründe, am Fortschritt zu zweifeln. So z. B., wenn gute und/oder preiswerte Produkte vom Markt verschwinden, wenn die Verschlussclips an den Brotbeuteln wieder einmal verkürzt wurden, so dass man sie kaum noch verschließen kann, wenn Parfums zu Geruchsbelästigungen werden oder wenn wir mit der Bahn fahren: verglichen mit den schönen alten 6-er Abteilen (auch in der 2. Klasse!) mit klappbaren Armlehnen zwischen den Sitzen, klappbaren Tischchen, individuellen Leselämpchen und ausziehbaren Sitzen zum Schlafen (und damals selbstverstständlich auch mit einer Toilette in jedem Waggon) wurden die heutigen Personentransportwaggons schon eher in Richtung Viehtransporter weiterentwickelt. (Vieh kann man eng zusammenpacken und und Vieh kann auch auf den Boden pinkeln, wenn die Toilette/n im ganzen Zug defekt ist/sind.)
Aber natürlich lassen sich immer auch Gegenbeispiele anführen: wer hätte es sich damals "anno Bundesbahn", leisten können, nach Amerika zu fliegen?
Und für alles Geld der Welt hätte damals kein Mensch einen Computer kaufen können, um sein jeweils individuelles "stultifera navis " vom Stapel und auf die Kommunikationsmeere der Welt los zu lassen.

Im Bereich der Drucktechnik ist der Fortschritt in den Fernen Osten emigriert. Dort ist man in der Lage, herrliche hyperrealistische Farb-Bildbände zu drucken, wie ich sie aus europäischer Produktion noch nie gesehen habe. In der Alten Welt ist das Volk offenbar zufrieden mit minderwertiger, körniger Druckqualität.
Insbesondere beklagte ich aber den Verlust einer schwarz-weiß Drucktechnik, die ihren Höhepunkt anscheinend zwischen den beiden Weltkriegen hatte, aber auch nachher noch zur Anwendung kam. Sie erlaubt die Wiedergabe feinster tonaler Abstufungen erlaubt und lässt Bildgegenstände außerordentlich plastisch erscheinen: der Kupfertiefdruck.

Auch die mit dieser Technik gedruckten Bilder wirken (bei entsprechender Qualität der Vorlage und der Ausführung) insofern gewissermaßen hyperrealistisch, als Gegenstände (z. B. Architekturdetails, Münzen, Skulpturen usw.) sehr detailreich wiedergegeben werden und dadurch ungeheuer plastisch erscheinen können (vgl. etwa für die -z. T. sogar stark vergrößerte- Druckwiedergabe von Medailenprägungen den Bildband "Repräsentanten der Renaissance", erschienen 1952 im Phaidon-Verlag in London).

Kupfertiefdruck-Bildbände wurden zwischen den Kriegen in teilweise hohen Auflagen verkauft; von Kurt Hielschers Italien-Band (im Atlasformat) wurden mindestens 60.000 Exemplare gedruckt. Bei einzelnen Bildern ist die Druckqualität zwar suboptimal, weil sich die Druckplatten relativ schnell abnutzen, aber in der Regel ist sie in den besseren Büchern durchgängig gut. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass man bis zu 10.000 Abzüge von derselben Platte drucken konnte. Allerdings gibt es auch bei Kupfertiefdruck-Bildbänden gewaltige Qualitätsunterschiede, wobei ich mangels näherer Kenntnisse nicht entscheiden kann, inwieweit diese den Fotografien oder den Drucken zuzuschreiben sind.
Leider findet man (oder finde zumindest ich) im Internet in deutscher Sprache nur recht dürftige Informationen zu dieser Drucktechnik. Die Wikipedia bringt zwar einen recht ausführlichen Artikel unter dem Stichwort "Tiefdruckverfahren".
Auf Englisch gibt es (deutlich weniger) unter -hmm, diesen Begriff kannte ich bisher nicht:- "intaglio printmaking", dafür aber mehr auf den unter "Photogravure" verlinkten Webseiten.
Ein weiteres einschlägiges Stichwort ist "Rotogravure".
Die Webseite "www.photogravure.net" steht im Zusammenhang mit dem Buch "Copper Plate Photogravure: Demystifying the Process". (Ob das Versprechen "This site will eventually be THE source for all your copper plate photogravure information needs" jemals eingelöst wird, erscheint mir eher fraglich.)
(Eigentlich schade, dass man vom Gutenberg-Country erst in anglophone Gebiete auswandern muss, um tiefere Informationen zum Kupfertiefdruckverfahren zu finden!)
Wenn in dem deutschsprachigen Wikipedia-Artikel davon die Rede ist, dass "der Tiefdruck ... seine Anwendung vor allem im Bereich hoher Auflagen und Seitenzahlen" findet, und dass damit Wochenmagazine wie "Stern" und "Der Spiegel" gedruckt werden, dann folgere ich daraus, dass es innerhalb der Tiefdruckverfahren noch gewaltige Unterschiede geben muss, denn Stern und Spiegel sehen absolut nicht wie das aus, was als Kupfertiefdruck-Bildband im Antiquariat gehandelt wird.


Einen Eindruck davon, wie (gute) Kupfertiefdruckbilder aussehen, gibt z. B. eine amerikanische Webseite mit Indianerfotos (leider nur wenigen, dafür aber solchen -in meinen Augen besonders schönen- mit Sepiatönung) von Edward S. Curtis.
Oder 3 Fotos der Straßen von Glasgow um 1900 (James Craig Annan).
Zwei Aufnahmen aus Italien von Kurt Hielscher sind (derzeit) in diesem Antiquariatskatalog abgebildet, doch vermitteln diese Reproduktionen keinen guten Eindruck der Wirkung in seinen Fotobänden. (Interessanter sind da schon die gleichfalls abgebildeten berühmten -auch in neueren Auflagen erhältlichen- Makro-Fotografien von Karl Blossfeldt: "Wunder in der Natur. Bild-Dokumente schöner Pflanzenformen".)

Meine erste Begegnung mit dem Kupfertiefdruck dürfte der Prag-Bildband des tschechischen, pardon: des slowakischen Fotografen Karel Plicka gewesen sein (vgl. dazu meinen Blott "Mokka schmeckt auch gut!"). Einige Bilder sind auf dieser Webseite abgebildet, geben aber keinen Eindruck von der Qualität seines Buches, insbesondere der frühen Auflagen (etwa zu Beginn des 2. Weltkrieges) in Sepiatönung. Besser ist der (englischsprachige) Text dazu, und auf der gleichen Seite die Wiedergabe des Schutzumschlages, der eine der schönsten Aufnahmen aus dem Buch wiedergibt. 3 brauchbare Reproduktionen von Plickas Fotos findet man in diesem englischsprachigen Blog.

Auf zahlreichen Streifzügen durch zahllose Buchantiquariate habe ich eine ganze Reihe von solchen Bildbänden in meinen Besitz gebracht. Die drei Italien-Bücher von Kurt Hielscher werden auf meiner Webseite Italienreich/Bibliothek näher beschrieben. Auch andere Länderbände in dieser Drucktechnik wurden Ende der 20er Jahre vor der Weltwirtschaftskrise herausgebracht, darunter z. B. der ebenfalls von Hielscher aufgenommene eindrucksvolle Spanien-Band.

Diese und viele andere (z. B. ein schmaler Fotoband über Ischia von Kay-Yvonne Trüb aus den 50er Jahren) schlummern verborgen in den Tiefen meiner Bücherschränke und werden vielleicht erst bei einem neuen Umzug aus ihrer Dunkelhaft erlöst.

Genau wie Plickas Prag-Fotobuch steht jedoch ein weiterer im Tiefdruckverfahren produzierter Prag-Bildband in der ersten Reihe: Das „Prager Notturno“ von Ferdinand Bucina (Prag 1957), "in dem eine einzige Nacht und viele Gaslampen das Antlitz der Stadt verwandeln" (so der Untertitel). Auch hier finden wir feinste Lichtabstufungen (allerdings keine Sepiatönung), und wenn die Bilder manchmal etwas „verschleiert“ wirken, ist das wohl eher den Aufnahmebedingungen im Prager Smog geschuldet (vielleicht teilweise auch der Papierqualität, bei der sich unter dem Mikroskop Fasern an der Oberfläche zeigen).


Ein neuer Tafelband (nicht über Prag) kam jüngst hinzu. Er war der Anlass für meine langatmigen Ausführungen und dieses Buch wird bei mir ebenfalls nicht auf irgendwelchen unerreichbaren hinteren Regalplätzen landen: Dafür ist die Verborgene Schönheitvon Stefan Kruckenhauser (Untertitel: „Bauwerk und Plastik aus Österreich“) viel zu schön! [Als interessantes Detail am Rande entnehmen wir einer Kurzbiografie (s. a. hier) von Kruckenhauser, dass dieser in München geborene österreichische Fotograf in Böhmen aufgewachsen ist.]

Im Widerspruch zu meinem eingangs geäußerten Zweifel am Fortschritt in der menschlichen Lebenswelt muss ich gestehen, dass ich den preiswerten Erwerb dieses Buches einem Fortschritt verdanke: den Internet-Märkten. Diese helfen, den steigenden Preisen (vgl. Blott "Inflation aus dem Norden") wenigstens auf manchen Gebieten ein Schnippchen zu schlagen. Man muss nur seinem unmittelbaren Kaufimpuls widerstehen, wenn man z. B. den o. a. Kupfertiefdruckband über Österreichs (eigentlich gar nicht so verborgene) Kunst-Schätze im Buchantiquariat sieht. Bei einem verlangten Preis von 18,- € fiel mir das nicht allzu schwer; jedoch war der Funke des Begehrens an die Lunte des Pulvers im Portemonnaie gelegt.

Über die größte deutschsprachige Antiquariats-Plattform im Internet, dem Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB), war der Bildband spottbillig zu haben. 1,90 € sollte er kosten; das Porto war mit 4,89 € mehr als doppelt so teuer. Zusammen jedenfalls nur 6,79 €: immer noch eine riesige Ersparnis gegenüber dem Ladenantiquariat. Es ist vielleicht unfair, das Buch im Antiquariatsladen zu besichtigen, um es dann in einem Versandantiquariat (billiger) zu kaufen, aber, wie der Volksmund sagt: man muss halt „zusehen, wo man bleibt“.

Der Buchzustand meines Exemplars (aus der 5., stark erweiterten und geänderten Auflage von 1954) ist natürlich nicht wie ladenneu. Der Buchblock hängt etwas locker im Einband (ohne dass aber die Bindung gerissen wäre), das Vorsatzpapier ist am Buchgelenk stellenweise aufgeplatzt und der Schutzumschlag fehlt. Jedenfalls ist es aber problemlos zu benutzen, und entscheidend ist natürlich die großartige Qualität des Inhalts.

Österreichische Bauwerke und Skulpturen aus der Zeit von der Romanik bis zum Barock sind in dem großformatigen (allerdings nicht atlasgroßen) Bilderband abgebildet. Der Fotograf hat sie für uns herangezoomt (95% aller Fotos hat er nach seinen Angaben mit Teleobjektiven geschossen). Das Werk hat eine Geschichte, welche der Autor so beschreibt:
"1936 begonnen, 1938 erschienen, ..... fand es 15.000 Käufer. In Leipzig verbrannten Bomben die gesamte 4. Auflage. In Berlin vernichteten sie die Grundlage der Arbeit – die Negative. Was in Sekunden zerstört ist, braucht Jahre zum Neuschaffen. ..... Heimat sind diese Werke. Heimat weiß man nicht, Heimat spürt man." (Das ist eine für uns in der globalisierten schon sehr sehr ferne Einstellung: da merkt man, wie sich unser Bewusstsein in 50 Jahren verändert hat! Andererseits gibt es aber auch heute noch bei vielen Menschen starke Bindungen an ihre Heimat bzw. ihren Wohnort. Nur würde man das nicht mehr so formulieren, wie Kruckenhauser das getan hat.)
"Dieses neue Buch kommt spät! Es vertrug keine Hast" sagt er und spricht vom "Mut, in einer lauten, gehetzten Zeit [die also wurde schon damals so empfunden!] erneut ein stilles, besinnliches Buch zu wagen". (S. 7)

Den Titel der früheren Ausgaben verschweigt er freilich schamhaft: „Verborgene Schönheit. Bauwerk und Plastik der Ostmark“ [Hervorhebung von mir]. Das Buch war also erstmals nach dem Anschluss Österreichs an Hitlers Nazi-Deutschland auf den Markt gekommen; an diese Episode der österreichischen Geschichte wollte man sich dort Anfang der 50er Jahre offenbar ungern erinnern (lassen).

Das aber nur am Rande. Die Fotos, welche der Druck in ihren feinsten tonalen Abstufungen wiedergibt, begeistern. Sicherlich muss man aufpassen, den schönen Schein von Ruhe und Frieden, der nicht oder nicht nur dem Alter der abgebildeten Werke, sondern auch dem Alter der Fotografien und der Anmutung dieses „überholten“ Druckverfahrens zu verdanken ist, nicht als Abbild eines friedlichen oder besonders schönen Zustands der Welt – bei Entstehung der Plastiken und Bauten oder gar im Entstehungszeitpunkt der Fotografien - zu missdeuten. Das tue ich sicherlich nicht (vgl. auch meine Blotts mit dem Täg Olim-Diskurs). Ich genieße sie, könnte man sagen, so, wie man einen Urlaub genießt. Wer sich in Kenia (momentan freilich wohl eher nicht) am Strand räkelt oder an einer komfortablen Fotosafari teilnimmt, erlebt auch nicht „das“ Land, und reist auch nicht zu landeskundlichen Studien dort hin. Daran ist (in meinen Augen; es gibt auch andere Meinungen) nichts Verwerfliches oder Vorwerfbares. Vergleichbar sende ich meine Augen in Urlaub, indem ich sie dieses Buch genießen lasse.

Aufgrund der Ruhe, welche derartige Bilder (nicht nur im Buch von Kruckenhauser, aber umgekehrt allerdings auch nicht alle Kupfertiefdruck-Fotobände) ausstrahlen, könnte man sie als „Meditationsbücher“ bezeichnen und benutzen, denn eigentlich verlangen sie eine liebevolle Versenkung in jede einzelne Aufnahme. Und warum sollte man Meditation nur mit Texten betreiben können, mit Thomas a Kempis oder Heinrich Seuse?

Den Anforderungen an den Betrachter, sich Zeit zu nehmen, entspricht die in ihre Entstehung investierte Mühe. Auch das ist eine Besonderheit des Buches von Kruckenhauser, dass er über die einzelnen „Produktionsstufen“ z. T. ausführlich (manchmal auch knapp) berichtet: Die Motivwahl und Aufnahmetechnik, die Entwicklung (eine Stufe, welche dem Laien als so nebensächlich erscheint, dass er meist gar nicht daran denkt, welche Auswirkungen auch dieser Arbeitsschritt auf die Bildqualität haben kann bzw. vor Einführung der Digitalkameras haben konnte), die Umwandlung der Fotos in Vorlagen zum Belichten der Kupfertiefdruckplatten und das Ätzen dieser Druckplatten und schließlich natürlich der Druck selbst.
O-Ton Kruckenhauser:
Die Qualität eines Bildbandes bestimmt wohl nur zur Hälfte der Autor. Die andere Hälfte ist den Fachleuten, die den Druck besorgen, zu verdanken. Denn Druck und Druck ist zweierlei .... .“ Er würdigt den Fotografen, der die Bilder in Vorlagen für die Ätzung der Kupferplatten umgesetzt hat: "... der sich als Fotograf um die letzten Feinheiten der Diapositive, damit um die entscheidenden Grundlagen des Kupfertiefdrucks, bemühte" und die Retuscheure, die "meisterlich zeigten, was 'Retusche' heißt". Und er dankt den Druckern, "deren Sorgfalt mich lehrte, dass Drucken weit mehr bedeutet, als nur eine Maschine laufen zu lassen".
Er spricht vom "heiklen Prozeß des Tiefdrucks", der ihm "der Fotografie am nächsten zu kommen scheint. Gelingt er, so gibt er das Beste an Tonstufung, das im Druck erreichbar ist". (Alles S. 268).


Ein schöner Band, den ich gelegentlich in Antiquariaten gesehen, aber wegen des hohen Preises nicht gekauft habe, ist „Sizilien. Landschaft und Kunstdenkmäler“ mit Aufnahmen von Paul Hommel. Im Jahre 1926 ist er erschienen, mit einem Geleitwort von Hugo von Hofmannsthal.
Hofmannsthal fordert uns (wenn ich mich richtig erinnere) auf, die Bilder gewissermaßen zur Anlage eines inneren Vorrats an Schönheit zu nutzen, weil man nie wissen könne, wann man dessen vielleicht bedürfe. Im Rückblick nehmen diese Worte für uns einen gewissermaßen prophetischen Charakter an; es erscheint allerdings zweifelhaft, ob ein solcher ästhetischer Reservespeicher den vom Nazi-Regime Verfolgten mental geholfen hat oder hätte helfen können.

Auf jeden Fall kann man (auch) aus dem Fotoband von Kruckenhauser Kraft und Kräftevorrat schöpfen. Für manche Bücher, die in diesem Druckverfahren entstanden sind, lege ich jeden modernen Duoton-Bildband beiseite.
Und sogar die superrealistischen Farbdrucke aus dem Fernen Osten.



Textstand vom 29.03.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Mittwoch, 23. Januar 2008

Inflation aus dem Norden: Fressen uns die Chinesen jetzt die Danish Butter Cookies weg?

Es war so schön, damals, als die Welt noch in Ordnung war. Die Chinesen haben unsere Hemden für 'ne Hand voll Reis verkauft, und wir hatten noch genügend Geld für Dänische Butterplätzchen übrig.

Irgendwie haben es diese emsigen Asiaten indes geschafft, sich von der Hand voll Reis noch etwas abzuknapsen und auf die Seite zu legen. Und jetzt treiben sie mit ihrer geballten Kaufkraft die Preise unserer Milchprodukte hoch.

Allzuviel Butter wird freilich in den Danish Butter Cookies nicht enthalten sein. Aber weil jeder weiß, das die Preise steigen, kann man ja auch mal zuschlagen.

In einstigen DM-Zeiten kosteten die runde Dose mit 500 gr Inhalt rund 3,- DM. Zuletzt habe ich bei tegut 1,99 € bezahlt; bei Penny kosteten sie, vor einiger Zeit jedenfalls, 1,79 €.

Mittlerweile verlangen beide Läden 2,29 €. Das sind (Taschenrechner her!) Preissteigerungen von 15,08% bei tegut und 27,93% bei Penny.

Rechnet man den DM-Preis grob mit 1,50 € um, ist der Preis seit Einführung des Euro um 52,67% gestiegen.
Und alle jubeln, dass Ben Bernanke in einer Panikreaktion massenhaft grünes Papier in den Wirtschaftskreislauf pumpt. Damit die Welt weiterhin die USA subventioniert.
So wie unsere Banken das tun (und Mercedes getan hat), die jenes Geld, das man hier den Arbeitnehmern mit dem Versprechen von Investitionen abgepreßt hat, quasi für den US-Konsum veruntreut haben.
Sind unsere Banker zu blöd? Nein: die haben einfach zu viel Kapital. Und schaffen es dort hin, wo man ihnen gute Verzinsung vorgaukelt (und eine Zeit lang vielleicht sogar bezahlt - mit frisch gedruckten Scheinen wahrscheinlich).


Die 30 oder selbst 50 Cent Preiserhöhung tun bei einem einzelnen Produkt nicht weh. Aber in Verbindung mit anderen Entwicklungen sehe ich darin eine jener Schwalben, die uns einen heißen Inflationssommer ankündigen.

Wir Arbeitnehmer freuen uns auf einen tüchtigen Schluck aus der Lohnpulle in diesem Jahr.
Aber am Jahresende werden wir wieder die Gelackmeierten sein, weil die Preise noch schneller steigen werden!


Nachtrag 25.01.08:
Lügen Sie den Leuten nichts vor, Brinkmann! Die Preise sinken in gigantischem Umfang! (Auch wenn ich soeben aus dem Radio höre: "Inflationsängste dämpfen Kauflust der Bundesbürger".)
Im Globus, in Wächtersbach, da ist jedenfalls die Welt noch in Ordnung! Z. B. habe ich dort heute eine Preissenkung von 14,99 € auf 5,- € gesehen: also um 66,66 %! (Wenn man das wieder auf den alten Preis zurück bringen würde, müsste man den neuen um 200% erhöhen!) Das - was? Ein ultimativer Gebrauchsgegenstand, den man im Prinzip täglich verwenden könnte, aber auf jeden Fall einige Male im Jahr: ein Tortenheber! Der ist Ihnen mit 5,- € immer noch zu teuer? Tja, das ist halt kein gewöhnlicher Tortenheber - sondern einer mit Musikke: "Happy Birthday to you ...".


Nachtrag 20.04.08:
Die Chinesen sind exkulpiert. Jedenfalls berichtet Georg Blume, Chinakorrespondent der Zeit, aus Peking in dem ersten von drei unter der Überschrift "China, Klima, Gentechnik - drei Irrtümer der Hungerdebatte" zusammengefassten Artikeln ("Die Nahrungsmittelpreise steigen, weil die Chinesen alles wegessen! Falsch"), dass die Chinesen großenteils sogar Agrarprodukte und Fleisch exportieren, und dass der Bedarf dort nicht dramatisch zunehmen wird. Resümee: "Bisher stimmt es einfach nicht, dass die Chinesen dem Rest der Welt das Essen vom Teller klauen."
Und hier erfahren wir, dass die Chinesen, anders als wir, auch die Verwendung von Biodiesel gestoppt haben. Sind eben doch deutlich intelligenter als die Langnasen, diese Ostasiaten.



Textstand vom 20.04.2008. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 20. Januar 2008

SCHERFOLIEN, SCHERMESSER, PREIS-MESSER oder RÄUBER WINFRIED UND DAS RÄUBERISCHE OLIGOPOL DER HERSTELLER ELEKTRISCHER RASIERAPPARATE

In meiner "autobiographie intellectuelle" bei den e-stories habe ich auch das Lied vom Räuber Winfried erwähnt, das 1974 vom Duo (und Ehepaar) Inga und Wolf aufgenommen wurde. An diesen eingängigen Ohrwurm (Text und Musik: Wolfgang Scholz) [vgl. hier in der „Schweizer Hitparade“. Die Gnome von Zürich haben guten Grund zum Gedenken an Räuber Winfried, allerdings findet sich die die identische Info in den "germancharts" und "austriancharts".] erinnern sich noch heute auch einige andere Menschen und hatten mich um den Text, wenn möglich auch die Musik, gebeten.

Beides besitze ich nicht mehr; beim Umstieg auf CDs oder bei einem von zwei Umzügen ist meine Kassette, auf der ich diesen Song aufgenommen hatte, den Weg alles Irdischen gegangen. Die Musik habe ich freilich noch heute im Ohr und den Text konnten wir – die Anfragenden und ich – einigermaßen rekonstruieren.

Einigermaßen merkwürdig bleibt allerdings, dass anscheinend die Radiosender das Lied einer Art damnatio memoriae aussetzen. Ich jedenfalls, wie offenbar auch die anderen Interessenten, die bei mir angefragt haben, haben es nicht mehr im Radio gehört. Das ist um so verwunderlicher, als man uns mit jeglicher Art von musikalischem Mist reichlich berieselt; hier dagegen war die Melodie ebenso eingängig wie textnah komponiert. Verschwörungstheorien sind weitgehend diskreditiert, und angesichts des geringen Nutzens und großen Risikos sowie des großen Kreises von Personen, die daran beteiligt sein müssten, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass da jemand (irgendein Gnom aus Bankfurt z. B.) „dran gedreht“ hat. Trotzdem bleibt es zu bedauern, das diese Räuberballade aus dem Äther verschwunden ist.

Kommen wir aber zur Sache: zu Räuber Winfried und seiner Rasur. Insoweit erfahren wir zunächst, dass er sich nicht rasierte:

"Im Wald, wo nachts der Uhu krächzt
und wo der Wolf nach Opfern lechzt,
hat bis vor Kurzem Räuber Winfried noch gehaust.
Der war behaart von Kopf bis Fuß" ...


Der Grund dafür wird für uns einsichtig, wenn wir die Preise der Verschleißteile für Elektrorasierer anschauen (und die Kosten für neue Klingen bei den Naßrasierern sind auch nicht von Pappe). Eine lausige Scherfolie - perforiertes und gebogenes Blech mit Plastikrand - kostet hier 14,95 €: reduziert von ursprünglich 19,99 €! Da mag ja dann ein wenig Platin drauf sein, aber die dafür verwendete Menge ist zweifellos noch geringer als der Goldgehalt im Danziger Goldwasser.
Im Kombipack mit einem Schermesser wird es verhältnismäßig günstiger, aber 23,45 sind immer noch ein Haufen Geld für Teile, die man alle 18 Monate auswechseln soll. Die anderen Marken sind jedoch auch nicht billiger.

Das konnte man natürlich mit Räuber Winfried nicht machen: der hat als Profi sofort gemerkt, wenn andere ihn auszuräubern versuchten - und blieb halt unrasiert. Aus Prinzip, denn von seinen Einnahmen her wäre es für ihn überhaupt kein Problem gewesen, die verlangten Räuberpreise für die Scherfolien und Schermesser hinzublättern:
"Nachdem er mehr und mehr gerafft
und ein Vermögen angeschafft ..."


Zugegeben: mein alter Braun Rasierapparat leistet mir schon seit langen Jahren treue Dienste. Ein zwischenzeitlich gekauftes Gerät der Marke "Carrera" gab schon nach ca. 2 Jahren den Geist auf. Aber was nützt mir ein langlebiger Rasierapparat, wenn die Ersatzteile sauteuer sind? Was die Rasierleistung geht, war der Carrera mindestens ebenso gut, oder gar besser, als mein Braun Rasierer (mit freilich altem Messer und Scherfolie). Sollte ich mir also zukünftig immer den Billigrasierer kaufen, wenn er bei Aldi im Angebot ist? Vielleicht hält er ja auch mal länger als 2 Jahre?

Freilich gibt es noch schlimmere Räuber als die Rasierapparatehersteller. Die Hersteller von Tintendruckern, insbesondere denke ich hier an Lexmark (von dieser Räuberfirma habe ich damals leider meinen Drucker gekauft), verstehen es noch besser, die Kunden auszubeuten. Rasiermesser kann man auch länger als 18 Monate benutzen; eine neue Tintenpatrone braucht man sofort, wenn die alte leer ist. Und da schlägt die Fa. Lexmark mit ihren Preisen zu wie die Weltmeister.

Dennoch ärgert es mich, dass Ersatzteile für Rasiergeräte -soweit ich sehen kann von allen Herstellern- derart teuer sind. Ebenso ärgert es mich, dass hauptsächlich das Duopol von Braun und Philipps die Regale füllt, aber das mit einer Fülle wohl hauptsächlich im Aussehen und in funktionalen Kleinigkeiten verschiedenen Geräten, deren verwirrende Vielfalt nur dazu dient, den Kunden gekonnt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Manchmal ist auch ein Remington oder Grundig Gerät dazwischen, aber selbst eine renommierte Marke wie Panasonic (die ich gern mal ausprobieren würde) ist nur mit wenigen (und teuren) Apparaten im Elektronikladen präsent.


Räuber Winfried wechselt eines Tages die Fronten (d. h. im Sinne des Liedtextextes legalisierte er lediglich seine räuberischen Aktivitäten):
"... fiel eines Tags ein Prokurist in seine Hand.
Der hat gleich alles durchgecheckt,
...
brachte auch Winfrieds Bücher auf den neusten Stand.
Nun ward geplant und spekuliert,
abschreibungsgünstig investiert
....
Das war der Start zu Winfrieds Geldverleihbetrieb."


Winfried war also Bankbesitzer geworden, und ein Banker muss sich natürlich rasieren. Aber auch da passt er auf, dass er nicht in die Hände der räuberischen Rasierapparate-Hersteller fällt:
"Nur manchmal heimlich in der Nacht
schleift er sein Messer mit Bedacht,
weil er’s am nächsten Morgen braucht – für die Rasur!"

Er rasiert sich also mit einem Messer, und das schleift er auch noch selbst.
Clever, dieser früher kriminelle und später im juristischen Sinne ehrlich gewordene Räuber. Das sollten wir vielleicht alle so machen, um der organisierten Räuberei des Rasierhersteller-Oligopols den Spaß zu verleiden!
Doch solange wir uns nicht wehren, wird uns an allen Ecken und Enden der Produktivitätsfortschritt wieder aus der Tasche gezogen.


Nachtrag 02.02.08
Was ist billiger als Schermesser? Richtig: ein neuer Rasierer! Beim Carrera "Sprint" hält zwar schon die Schutzabdeckung nicht auf der Scherfolie, aber dafür hat er heute im "Globus" auch nur 10,- € gekostet: mit 3 Jahren Garantie.
Einen beweglichen Scherblock hat ein Gerät zu diesem Preis natürlich auch nicht, aber zumindest für Urlaubsreisen wird er wohl ausreichen.
Im übrigen halte ich immer noch Ausschau nach einem preiswerten Panasonic.

Nachtrag 13.02.08
Nun habe ich mir aus lauter Verzweiflung doch ein neues Schermesser und Scherfolie für meinen alten Braun Synchro 7505 (also für die 7000-Serie) gekauft. Kostenpunkt im Kombipack: 27,99 €, also knapp 30,- € - einstmals beinahe 60 DM.
Zum Rasieren brauche ich indes genau so lange wie vorher mit dem alten, vermeintlich abgenutzten Schermesser (ca. 12-15 Minuten).
Das spricht in gewisser Weise für Braun: die Messer sind langlebig. Und auch wieder nicht: wie kommt es, dass das Billig-Gerät von Carrera für 10,- € mindestens genau so schnell, wahrscheinlich sogar noch ein wenig schneller rasiert (jedenfalls nach meinem Empfinden; mit der Stoppuhr habe ich das nicht gemessen)?
Und wieso können die Rasierapparatehersteller kein Gerät produzieren, mit dem man sich in 5 Minuten rasieren kann?


Nachtrag vom 19.04.2008
Soeben hat mich meine Frau verlassen. Wegen Räuber Winfried.
Freilich nicht wegen dessen erotischer Ausstrahlung. Sondern wegen seines Abschreckungspotentials.

Kurz zuvor empfing ich eine Audiodatei. Mit einer launigen Mail dabei:
"Heute kann ich mein Versprechen ... einlösen. 'Räuber Winfried' wurde verhaftet - auf der Festplatte und auf mehreren Sicherungsdatenträgern. Gut verschnürt kommt 'Räuber Winfried' nun auch zu Ihnen, und lassen Sie ihn nicht wieder frei."

Und nachdem ich das Lied zum X-ten Mal abgespielt hatte, hat meine Frau mich verlassen.
Und ist in ihr Zimmer gegangen. ;-)


Nachtrag 01.06.09
Neulich habe ich ihn gekauft: den Panasonic Pro Curve ES7036S503 Elektro-Rasierer. Bei der Fa. comtech.de (das soll keine Werbung sein; ich habe natürlich über Preisvergleichsseiten nach dem aktuell billigsten Angebot gesucht).
39,- € hat er gekostet: da kann kein Ladengeschäft in der Innenstadt mithalten (abgesehen davon, dass sie in aller Regel von Braun und Philipps Rasierern überschwemmt sind und Panasconic überhaupt nicht oder nur in einer sehr beschränkten Auswahl führen). Wenn ich mich richtig erinnere, kostete der Panasonic Pro Curve ES 7036 bei Saturn Hansa im Laden über 70,- €, also nahe am Doppelten des Internet-Preises (bei dem allerdings noch der Versand hinzukommt).
Auch solche Kalkulationen sind ein Grund, weshalb ich die Versenkung von Steuergelder zur Rettung des Arcandor-Konzerns (d. h. zur Sanierung der Karstadt-Kaufhäuser) ablehne: Die Ladenverkäufe ganz allgemein werden zurück gehen, weil mehr und mehr Menschen entdecken, dass sie beim Einkaufen über das Internet enorm sparen können.
Und mehr Auswahl haben; das recht große Karstadt-Kaufhaus in Frankfurt am Main z. B. führt überhaupt keine Panasonic-Elektrorasierer. Aber warum soll ich mich von der Marketing-Power der Firmen Braun und Philipps rasieren lassen?
Es stellt sich natürlich die Frage, ob ich mit dem Panasconic-Gerät zufrieden bin. Nun ja: ein Wunder-Rasierer ist auch der nicht. Glatt Rasur will auch bei Panasonic, zumindest bei diesem Modell, Weile haben. Recht schwer ist er auch, so schwer wie mein alter Braun, obwohl der neue Rasierapparat das Ladegerät nicht integriert hat. Entweder ist der Akku so gewichtig, oder aber man hat das Gerät extra schwer konstruiert (etwas Eisen oder Blei eingebaut), weil deutsche Verbraucher das Gewicht als ein Qualitätsmerkmal ansehen (was es oft natürlich auch ist). (Vgl. dazu den Handelsblatt-Artikel "Absichtlich schwere Waschmaschinen" vom 25.02.2009 über Panasonic-Waschmaschinen für Deutschland.)
Angenehm ist die blinkende Anzeige, die rechtzeitig (d. h. man kann sich dann durchaus noch zu Ende rasieren) vor der totalen Entleerung des Akkus warnt. (Eine Ladeanzeige gibt es natürlich auch). Das bekommt man bei den anderen Rasierer-Marken zu diesem Preis wohl kaum.
Gleichfalls erfreulich ist der Umstand, dass eine Akku-Ladung für ca. eine Woche reicht; es kann aber natürlich sein, dass der Akku mit der Zeit an Kapazität verliert.
Auch wenn sich meine etwas naive Hoffnung, dass ein Panasconic-Gerät Wunder vollbringen und meine Bartstoppeln in fünf Minuten radikal abrasieren könne, nicht erfüllt hat, bin ich doch insgesamt einigermaßen zufrieden; nicht zuletzt natürlich mit dem günstigen Preis.
Für Ersatzteile freilich muss man auch bei dieser Firma richtig Geld hinlegen: Ein "Panasonic WES9012 Combo Pack Schermesser und Scherfolie", das ich gleich mit bestellt hatte, kostete 22,90 EUR (und ist anscheinend auch anderswo kaum billiger zu haben).
Insoweit halte ich für (vermutlich) alle Rasierapparatehersteller das Verdikt "Räuberfirmen" aufrecht.




Textstand vom 06.06.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Dienstag, 8. Januar 2008

Fortschritt – real oder imaginär? Zum Essay "Die Fortschrittsillusion" von Prof. Eckart Voland (Spektrum der Wissenschaft, April 2007)

Eine meiner abendlichen Surftouren (intellektuellen Sauftouren?) im Internet führte mich über einen Hinweis in dem (übrigens außerordentlich qualitätvollen) Blog tiefgedacht zu dem o. a. Essay. (Hier ein anderer, ebenfalls kritischer, Blog-Eintrag dazu.)

Voland erklärt den Fortschritt zu einer Illusion des Gehirns. In der Tat lässt die Lektüre seines Artikels (der schon vorab im Internet zur Diskussion gestellt worden war und in zahlreichen Leserbriefen kommentiert wurde, von denen ich leider aus Zeitmangel nur wenige –meist interessante- lesen konnte) auch mich am Fortschritt zweifeln – allerdings etwas anders, als Voland sich das wohl vorgestellt hatte.
Wenn ich nämlich sehe wie noch heute Menschen, zum Wissenschaftsbetrieb akkreditierte Philosophen gar, in Platons essentialistischer Steinzeit-Höhle hocken und nach den Schatten des Fortschritts-Begriffs haschen, dann wecken solche (um Volands Kritik an seinen Kontrahenten gegen ihn selbst zu wenden:) "naiven (Begriffs-)Realisten" manchmal auch in mir substantiierte Zweifel am geistigen Fortschritt der Menschheit.

Falsch ist die Behauptung von Voland, dass Fortschritt nicht messbar sei. Selbstverständlich kann man Fortschritt messen. Genauer gesagt: Volands Fortschrittsbegriff erlaubt eine Messung und erfordert eine solche: wie sonst will er wissen können, dass es keinen Fortschritt gibt? Tatsächlich misst er (seine Vorstellung von:) „Fortschritt“, und zwar anhand der subjektiven Befindlichkeiten der US-Amerikaner seit 1958. Da deren Glücksmomente nicht mehr geworden sind folgert er, dass es keinen Fortschritt gebe. ("In den USA befragt man seit 1958 die Bevölkerung nach ihrer Lebenszufriedenheit. Interessanterweise bleibt der Anteil derjenigen, die sich als »very happy« bezeichnen, über die Jahre mit rund dreißig Prozent praktisch konstant.") Außerdem führt er, quasi als 'anecdotal evidence', die mutmaßliche Befindlichkeitsentwicklung von Lottogewinnern als Beweis dafür an, dass Fortschritt die Menschen nicht glücklicher mache.

Damit hat er aber nur jenes Kaninchen aus dem Zylinder gezogen, welches er selbst definitorisch dort verborgen hatte: 'Fortschritt ist, wenn die Leute glücklicher sind' ist seine versteckte (implizite) Ausgangsposition. [Nachtrag 9.1.08: Diese Feststellung fand ich mittlerweile auch in einem der Leserbriefe -welchem weiß ich leider nicht mehr - wieder.] 'Da die Menschen nachweisbar nicht glücklicher geworden sind (und da ihr Glücklichsein aus evolutionspsychologischen Gründen gar nicht zunehmen kann) gibt es keinen Fortschritt' lautet seine Schlussfolgerung. Das ist jedoch keine Entdeckung, sondern eine bloße Inhaltsdeklaration für seinen eigenen Fortschrittsbegriff. Volands anthropozentrisches und wertgeladenes Begriffsverständnis ist sicherlich gesellschaftlich weit verbreitet oder sogar vorherrschend; es ist auch keineswegs illegitim. Indes ist der Begriff "Fortschritt" weder notwendig mit diesem konkreten Inhalt versehen, noch wird er von allen Menschen in dieser Weise verstanden und verwendet. Heuristisch, also für den Gewinn von Erkenntnis, macht es durchaus Sinn, in klar definierten Zusammenhängen mit einem anderen, wertfreien Fortschrittsbegriff zu operieren. (Vgl. dazu auch meinen Blott "Utopia Nova")
Entdeckungen sind („nur“ oder „allerdings“) die Feststellungen der amerikanischen Umfragen (an deren Generalisierbarkeit ich keinen Zweifel hege), dass die Menschen nicht glücklicher geworden sind und die evolutionspsychologische Feststellung (an deren Richtigkeit ich ebenso wenig zweifele), dass sie nicht glücklicher werden können, weil sie der Differenz von Lust- und Unlustgefühlen lebensnotwendig bedürfen.

Was uns Eckart Voland in seinem Essay verkündet, ist nur für diejenigen interessant, die geglaubt haben, wir Menschen könnten unsere Lustgefühle dauerhaft steigern, und das nenne man (oder sei zu erreichen durch) „Fortschritt“. Für alle anderen haben seine Ausführungen bestenfalls den Wert einer Erinnerung an das, was sie ohnehin schon wussten (was jedoch hier und da im Diskurs gelegentlich in Vergessenheit gerät). Irgendeinen intellektuellen Mehrwert erzeugt der Essay nicht; er ist im Gegenteil sogar dazu prädestiniert, hinsichtlich der möglichen Inhalte bzw. Verwendungen des Fortschrittsbegriffs Verwirrung zu stiften (bzw. die im gesellschaftlichen Diskurs ohnehin vorhandene Verwirrung zu perpetuieren).

Im übrigen muss auch ein wertgeladener Fortschrittsbegriff keineswegs bereits daran scheitern, dass wir den Level unserer Lustgefühle nicht dauerhaft nach oben pushen können. Man könnte einen als Verbesserung der conditio humana verstandenen „Fortschritt“ ebenso gut daran messen, ob sich die Schmerzen, sowie evtl. anders geartete Unlustgefühle, im Laufe der Geschichte vermindert haben. Insoweit wird es dem Durchschnittsamerikaner von heute kaum besser gehen als demjenigen von 1958, aber doch deutlich besser als seinen Ahnen im Jahre 1758? Da gab es z. B. beim Zähne ziehen noch kein Lokalanästhetikum (allenfalls eine Total-Anästhesie mit dem Holzhammer)!

Der Volandsche Fortschrittsbegriff ist also nicht nur anthropozentrisch und wertgeladen; er ist zudem noch einseitig auf die Dimension der Lustgefühle, unter Ausblendung eines möglichen Fortschritts bei der Verminderung z. B. von Schmerzen, beschränkt. Ob es eine solche Verminderung objektiv gibt und ob wir sie subjektiv dauerhaft emotional erleben können, können wir vielleicht nicht messen und wohl nicht einmal im Wege von Meinungsforschung ausloten; dennoch muss, wer umfassend über den Begriff Fortschritt in seiner gängigen Ausprägung reflektieren will, auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Fortschritt die Pendelausschläge unseres Schicksals nach unten (Schmerzen usw.) signifikant vermindert; man darf nicht einseitig nur auf den (ggf. fehlenden) verstärkten Pendelausschlag nach oben (Lustgefühle) blicken.

Eine weitere eklatante Schwäche seiner Beweisführung ist, dass sich die Fakten (= 'unsere gesellschaftliche und technologische Entwicklung hat kein dauerhaft verstärktes Glücksgefühl im Einzelnen zur Folge') problemlos im Gegensinne interpretieren lassen:
Objektiv gäbe es dann einen Fortschritt [natürlich auch Rückschritt], der aus den von Voland zutreffend genannten Gründen aber nicht zu einer dauerhaften Steigerung unserer emotionalen Befindlichkeit führen kann. Unser Hirn [nein, nicht einmal "das" Hirn: nur das Kleinhirn; unsere Hirnrinde weiß sehr wohl, dass es einen Fortschritt gibt!] muss uns aufgrund evolutionspsychologischer Zwänge vorgaukeln, dass wir keinen Fortschritt gemacht hätten (weil wir uns nicht besser fühlen als vorher, und weiterhin nach Fortschritt streben).
Fortschritt lässt sich durchaus intellektuell erkennen, er lässt sich sogar auch emotional erleben. Letzteres aber nur vorübergehend, als ein Akt des Fort-Schreitens (z. B. durch einen Lottogewinn von der Armut zum Reichtum). Nur lässt er sich nicht dauerhaft als Zustand eines Fortgeschritten-Seins emotional genießen (intellektuell weiß der Lottogewinner aber durchaus, dass er jetzt mehr Geld hat, und freut sich darüber sicherlich auch später noch manchmal – in jenen Momenten, in denen er den Sachverhalt bewusst reflektiert).

Die ganze hochphilosophische Aussage "Es gibt keinen Fortschritt" und "Fortschritt ist eine bloße Illusion unseres Gehirns" reduziert sich damit auf jenen Sachverhalt, aus dem Voland sie abgeleitet hat: 'Wir sind nie zufrieden'. Umgekehrt betrachtet kann man auch sagen, dass der Autor diesen banalen, allbekannten und altbekannten Sachverhalt zu einem pseudophilosophischen Luftballon aufgeblasen hat, der schon beim ersten Kontakt mit einer nadelscharfen Textanalyse jegliches Raumvolumen einbüßt.


Indes habe ich bislang nur den einen (und im Essaytext vorherrschenden) der beiden Volandschen Fortschrittsbegriffe abgehandelt, den gewissermaßen 'subjektiven' (sozialen und/oder psychologischen, jedenfalls: erlebbaren) Fortschritt.
Voland kennt aber durchaus auch jenen anderen, quasi 'objektiven', evolutionsbezogenen, kurz: nicht-anthropozentrischen Fortschrittsbegriff, von dem ich eingangs schon gesprochen hatte, will ihn aber nicht gelten lassen. Dass er allerdings beide in den Einheitstopf "des" Fortschritts wirft, spricht nicht für eine tief schürfende intellektuelle Penetration der Thematik.

Und das zentrale Faktenargument, mit dem Voland den Fortschritt in der Evolution abstreitet, dass nämlich "das Mäusegenom nicht wesentlich weniger komplex ist als das unsere", bewegt sich für meinen Geschmack schon jenseits desjenigen Bereiches, in welchem eine sinnvolle Kommunikation noch möglich ist. Wenn mir Prof. Voland jenes Nest zeigen würde, wo die Mäuse den von ihnen konstruierten Quantencomputer versteckt halten, würde ich mich sogar zum Unglauben daran bekehren, dass der Mensch ein evolutionärer Quantensprung (Fortschritt) im Vergleich zur Maus ist. Bis dahin sollten wir uns bemühen, die Diskussion über Mäuse und Menschen auf einem seriösen Niveau zu halten.

Im Grunde ist allerdings das Maus-Beispiel für Volands Gedankenführung völlig gleichgültig. Er will nämlich gar nicht ausschließen, dass "man die Stammesgeschichte als einen Prozess der Komplexitätszunahme beschreiben" kann.
Wäre also das Humangenom weitaus komplexer als das Mäusegenom, würde er einfach sagen "Evolution ist vielleicht Komplexitätszunahme, aber Komplexitätszunahme ist nicht Fortschritt und Fortschritt keine biologische Kategorie". [Hervorhebung von mir] Dem entspricht in der Replik des Autors (letzte Seite) die Formulierung: "dass es keinen Fortschritt, sondern nur eine mehr oder weniger stetige Ausdifferenzierung der Merkmale und biologischen Arten gibt".

Das freilich ist entweder intellektuell unredlich oder naiv: 'den' Fortschrittsbegriff auf sein eigenes Verständnis von Fortschritt zu reduzieren. Es gibt eine ganze Menge Menschen (u. a. schon unter den wenigen Leserzuschriften, die ich angeklickt und gelesen habe), welche unter "Fortschritt" (auch oder ausschließlich) wertfrei eine Entwicklung zu höherer Komplexität verstehen.

Der Grund, weshalb Voland die Entwicklung zu höherer Komplexität nicht als Fortschritt gewertet wissen will, enthüllt sich in der "Replik des Autors" (auf S. 113 bzw. auf der letzten Seite des pdf-Ausdrucks; diese Erwiderung an die Leser beandelt nur noch den evolutionären Fortschrittsbegriffs, der von den meisten Briefeschreibern vehement verteidigt wird). Dort heißt es:
"... dass Menschen spontan geneigt sind, Entwicklungen gerichtet, also auf ein Ziel hin zu interpretieren" und dass
"Das Leben auf diesem Planeten ... kein Ziel und somit keinen Fortschritt" kennt. [Hervorhebungen jeweils von mir]

Wenn das Weltall expandiert, hat es eine gerichtete Bewegung (schließlich könnte es ja auch implodieren). Aber deswegen hat doch die nach außen gerichtete Bewegung kein Ziel?
Wenn ich morgen als fliegender Holländer aufs Meer gehen würde, und immer gen Westen segeln: dann würde ich eine ziellos-gerichtete Bewegung ausführen.
Nur ein unreflektiertes, anthropozentrisches (oder gar anthropomorphisierendes?) Denken vermag in einer Bewegung bloß dort eine Richtung zu erkennen, wo es ein Ziel gibt (oder genauer: wo dieses Denken das Ziel wahrnehmen kann).
In Wirklichkeit ist aber die Menge (Klasse) der zielgerichteten Bewegungen nicht identisch mit, sondern lediglich eine Teilmenge der Menge der gerichteten Bewegungen.

Die Natur denkt nicht; sie braucht auch kein Ziel, um sich in eine Richtung zu entfalten. Nicht erst mit der Evolution des Lebens, sondern bereits seit Beginn des Universums hat die Natur (wenn auch gelegentlich mit Rückschlägen) immer komplexere Strukturen (oder immer strukturiertere Komplexe) hervorgebracht. Offenkundig ist in der Natur im Gegensatz zu uns menschlichen Evolutionsprodukten die Richtung selbst das Ziel.

Auch Voland bestreitet nicht, dass Evolution Bewegung bedeutet: "Stillstand bedeutet das Ausscheiden aus dem evolutionären Spiel, und deshalb ist in der Darwin’schen Welt das »Höher, Weiter, Schneller« den Organismen notwendigerweise inhärent" formuliert er selbst. Und wenn er der Evolution eine Tendenz zum »Höher, Weiter, Schneller« zuschreibt, hat er auch Richtungen angegeben, in welche sich die Entwicklung bewegt: nämlich nicht zum 'Kleiner, kürzer, langsamer'. Er verwickelt sich also in einen Selbstwiderspruch, wenn er auf der anderen Seite eine Richtung nur dort sehen will, wo es ein Ziel gibt (bzw. wo wir ein Ziel erkennen können).

Zusammenfassend:
Was Voland uns in diesem Essay bietet, ist keine Philosophie, sondern vielmehr ein weiterer Beweis für den Niedergang der deutschen Philosophie, welchen ich bereits früher in meinem Blott "EINE PHILIPPIKA GEGEN DEN NIEDERGANG DER DEUTSCHEN PHILOSOPHIE ALS DOKUMENT DES NIEDERGANGS DER DEUTSCHEN PHILOSOPIE" beklagt hatte.

Gute Nacht!



Nachträge vom 09.01.08:

Die über 70 Leserbriefe habe ich jetzt sämtlich gelesen. Ein nicht geringer Teil davon ist von hoher argumentativer Qualität und analytischer Schärfe (greift aber naturgemäß jeweils nur einzelne Kritikpunkte gegen Voland auf). Es sind erkennbar nicht die Dümmsten, die das "Spektrum der Wissenschaft" lesen oder zumindest dessen Webseite besuchen. Fast alle Briefschreiber kritisieren den Philosophen weil

a) er seinen Fortschrittsbegriff nicht definiert und
b) die Leserbriefschreiber meinen, dass es doch einen Fortschritt, jedenfalls ein wertfreies Fort-Schreiten in der Evolution und/oder in der menschlichen (gesellschaftlichen) Entwicklung, gibt.

In der Summe ergeben, wenn ich mich nicht täusche, die Leserbriefe die gleiche Kritik, die ich oben vorgetragen habe.

Es ist beinahe ungerecht, einen einzigen herauszugreifen, aber den letzten Absatz des Leserbriefes "Fortschritt nicht definiert" von Jörg Michel darf ich meinen Lesern ganz einfach nicht vorenthalten:
"Herr Voland hat zudem seine Gedanken nicht wirklich zu Ende gedacht. Wenn es nämlich keine Fortschritt gibt, kann es logischerweise auch keinen Rückschritt geben. Völkermorde und andere Kriegsverbrechen wären dann also lediglich die Illusion des Rückschritts. Das Gleiche gilt auch, wenn wir die Folgen des Klimawandels unterschätzen und weite Teile der Erde dadurch unbewohnbar werden."
Und ebensowenig aus "Kein universelles Konstrukt des menschlichen Gehirns"
von Dr. Karl Wulff" den Passus:
"4. Ernst Mayr wird von Voland missbraucht. Herr Voland sollte dessen Publikationen einmal gründlicher lesen: Mayr schreibt z. B. ... 'So betrachtet ist die Evolution also eindeutig mit Fortschritt verbunden...'. Mayr widerspricht nur der alten These, dass 'Fortschritt" die übergeordnete treibende Kraft der Evolution sei und dass also die Evolution teleologisch verlaufe."


Zitat aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema "Fortschritt" (Abschnitt "Teleologie"): "Nicht immer ist mit dem Fortschrittsdenken ein teleologisches Konzept verbunden. Fortschritt kann auch ohne bestimmtes Ende, also ergebnisoffen, gedacht werden." Genau!


Einen ausführlichen Text über die Relativität von Begriffen bietet uns W. L. Schönwandt. (Das "Modul Begriffe" ist zwar Teil eines Lehrgangs für Stadtplanung usw., hat aber einen abstrakt-allgemeinen Charakter und ist somit nicht nur für -zukünftige- Städteplaner gut lesbar und von Nutzen.)


Was die zukünftige Weiterentwicklung der Menschheit zu immer größerer Komplexität angeht, bin ich als Ressourcenpessimist nicht sehr hoffnungsvoll. Und ein Ende (im Sinne eines abrupten Stopps, nicht eines Übergangs in die Singularität mit einem eventuellen Ersatz der Euhomininen durch noch leistungsfähigere Konstruktionen) der Menschheitsentwicklung wäre wohl gleichbedeutend mit einem Ende der Evolution auf Erden (und für unser Wohlbefinden ein gigantischer Rückschritt).


Nachtrag 10.01.2008:

In seiner Replik auf die zahlreichen kritischen (manchmal sogar wütenden) Leserbriefe verwendet Voland das gleiche Verfahren der Kritikimmunisierung wie die Psychoanalyse.
Genau wie diese Psycho-Mythologie deklariert er Skepsis und Gegenargumente als Widerstände des in seiner Eitelkeit verletzten Bewusstseins.
Ich will nicht ausschließen, dass im Einzelfall derartige emotionale Antriebe tatsächlich eine Rolle spielen. Hauptsächlich kritisieren die Leserbriefe (und ich) aber, dass Voland uns intellektuelle Ausschussware als philosophische Wertarbeit anzudrehen versucht.

Meine Analyse hatte ich (in leicht veränderter Form) gleichzeitig mit der Einstellung in den Blog, also am 08.01.2008, als Leserbrief an die Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" geschickt. Per heute (16.01.08, 19.42 h) ist dieser allerdings (noch?) nicht freigegeben. Vielleicht kommt das ja noch; vielleicht war es aber auch allzu starker Tobak (allerdings waren auch einige der veröffentlichten Leserbriefe recht scharf im Ton, keiner freilich so lang und derart detailliert ins "Eingemachte" gehend wie mein Text).


Nachträge 16.01.08 ff.:

Die Frage eines evolutionären Fortschritts (bezogen auf die Entwicklung des Lebens auf der Erde) wird in der englischsprachigen Wikipedia z. B. unter den Stichworten
"Accelerating change"
"Complex adaptive system""Largest-scale trends in evolution" thematisiert und die auch unter Evolutionsforschern konträren Positionen dargestellt.
Weiterhin ist der Artikel "Evolution of complexity" einschlägig.
"Logarithmic timeline" gibt eine kurze Übersicht über die Entwicklung des Kosmos, der Erde und des Lebens auf einer logarithmischen Zeitskala (und verlinkt zu einer Reihe anderer in diesem Zusammenhang interessanter Stichworte).
Für "Progress" gibt es Einträge zu den verschiedensten Sachgebieten; hier der Link zur Übersichtsseite. Dort finden wir in dem uns interessierenden Bereich ("History") folgende Auffächerung dessen, was die deutschsprachige Wikipedia nur summarisch unter "Fortschritt" anbietet. [Wir sehen also gewissermaßen einen lexikographischen Fortschritt; dieser werte ich  zugleich als Ausdruck einer fortgeschritteneren gedanklichen Problemdurchdringung im anglophonen Raum. Das hat zweifellos auch etwas damit zu tun, dass die Benutzermenge dieser Sprache unvergleichlich größer ist (vielleicht auch damit, dass selbst in deutschsprachigen Gebieten anspruchsvolle - akademische - Diskussionen auch in den Geisteswissenschaften wohl zunehmend auf Englisch geführt werden). Jedenfalls haben wir hier ein Beispiel dafür, dass eine größere Menge von 'Problemlösern' zu einer differenzierteren Analyse führt: ein Umschlag von Quantität in Qualität, sozusagen.]:
  • Progress (history), the idea that the world can become increasingly better in terms of science, technology, modernization, liberty, democracy, quality of life, etc.
    • Social progress, the idea that societies can or do improve in terms of their social, political, and economic structures.
    • Scientific progress, the idea that science increases its problem solving ability through the application of some scientific method.
    • Philosophical progress, the idea that philosophy has solved or at least can solve some of the questions it studies.
  • Idea of Progress, the theory that scientific progress drives social progress; that advances in technology, science, and social organization inevitably produce an improvement in the human condition.
  • Progress trap, the condition societies find themselves in when human ingenuity, in pursuing progress, inadvertently introduces problems that it does not have the resources to solve, preventing further progress or inciting social collapse.
Eine Chronologie der Evolution offeriert der Eintrag "Timeline of evolution".

Nach dem Vorbild der Wikipedia ist mittlerweile auch ein Fachlexikon "Scholarpedia" entstanden. (Ähnlichkeiten und Unterschiede werden auf der Eingangsseite wie folgt beschrieben: "Scholarpedia feels and looks like Wikipedia - the free encyclopedia that anyone can edit. Indeed, both are powered by the same program - MediaWiki. Both allow visitors to review and modify articles simply by clicking on the edit this article link.
However, Scholarpedia differs from Wikipedia in some very important ways:
Each article is written by an expert (invited or elected by the public).
Each article is anonymously peer reviewed to ensure accurate and reliable information.
Each article has a curator - typically its author -- who is responsible for its content.
Any modification of the article needs to be approved by the curator before it appears in the final, approved version.
Herein also lies the greatest differences between Scholarpedia and traditional print media: while the initial authorship and review processes are similar to a print journal so that Scholarpedia articles could be cited, they are not frozen and outdated, but dynamic, subject to an ongoing process of improvement moderated by their curators. This allows Scholarpedia to be up-to-date, yet maintain the highest quality of content.
").
Allerdings handelt es sich nicht um ein Wissenschaftslexikon (oder wissenschaftliches Lexikon) insgesamt, sondern ist lediglich eine: "Encyclopedia of computational neuroscience dynamical systems computational intelligence astrophysics".
Das Niveau der Artikel, die natürlich für eine andere Zielgruppe publiziert werden, macht ein Verständnis für den Laien schwierig. Aber, auch wenn ich vieles nicht verstanden habe, bekommt man immerhin eine Vorstellung von der Problemdimension, wenn man sich durch Artikel wie "Complexity" und "Complex Systems" hindurchquält.

Gleichfalls von Interesse:
Juergen Schmidhuber, "Is History Converging? Again?"

In der deutschsprachigen Wikipedia sind von Interesse (aber z. T. auf die Entwicklung des Menschen und seiner Gesellschaften beschränkt) die Eintragungen unter
"Fortschritt",
"Stephen Jay Gould" (hier in der englischsprachigen Version)
"Multilineare Evolution"
"Evolutionismus","Neoevolutionismus",
"Soziokulturelle Evolution" (vgl. englischsprachigen Eintrag unter "Social progress").


Nachtrag 22.01.08:
Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger beschreibt in seinem (ansonsten in meinen Augen nicht überdurchschnittlich bemerkenswerten) Essay "Der Preis der Selbsterkenntnis" (Gehirn & Geist vom Nr. 7-8/2006, S. 46) die Funktion unserer Glücksgefühle (und die Unerreichbarkeit eines dauerhaften Glücks) im Rahmen der Evolution zutreffend so:
"Zwar brachten gerade die bewussten Selbstmodelle das Erleben von Freude und Glück ins physikalische Universum – an einen Ort, wo so etwas vorher nicht existierte. Doch hat uns die psychologische Evolution nicht in die Richtung permanenter Glücksfähigkeit optimiert. Im Gegenteil: Sie hat uns auf die »hedonische Tretmühle« gesetzt. Diese wird angetrieben durch den dauernden Versuch, Glück und Freude zu erleben, Schmerzen und Depression zu vermeiden. Aber auch wir selbst werden auf diese Weise ständig in Bewegung gehalten: Die hedonische Tretmühle – in Form des Belohnungssystems in unserem Gehirn – ist der Motor, den Mutter Natur uns eingebaut hat. Wir können seine Struktur in uns selbst entdecken, aber es ist unklar, ob wir ihr jemals entfliehen können. In gewissem Sinn sind wir diese Struktur. Das Ego ist die hedonische Tretmühle." [Hervorhebung von mir]


Nachtrag 15.07.2010
Weise Worte über den (Un)Wert von Glück finden wir in dem ZEIT-Interview
"Psychologie. Glück ist nicht wichtig" vom 12.07.10 ("Seit Jahrzehnten beobachtet der Psychiater George Vaillant das Leben von 268 Menschen. Mithilfe ihrer Biografien hofft er eine der wichtigsten Fragen überhaupt beantworten zu können: Was lässt ein Leben gelingen?") (meine Hervorhebung):
"ZEIT Wissen: Wurden die Teilnehmer mit dem Alter glücklicher?
Vaillant: Glück hat nicht unbedingt etwas mit einem zufriedenen Leben zu tun, es ist nicht so wichtig. »Glücklich sein« ist nur ein Gemütszustand. Stellen Sie sich Britney Spears auf einer Party Samstagnacht vor: Sie tanzt, trinkt, flirtet, sie ist für ein paar Stunden glücklich und sorgenfrei. Das Problem ist: Was ist am Sonntagmorgen? Ist sie da noch immer glücklich? Und außerdem: Glück vermindert häufig den inneren Antrieb.
"





Textstand vom 25.01.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Dienstag, 1. Januar 2008

Altes Lied im Neuen Jahr

Die Arbeit schleppt sich etwas zäh dahin; dennoch bleibe ich beharrlich dran: das Katalogisieren meiner Bücher.
Schon vor einigen Jahren hatte ich ein kostenloses Antiquariatsprogramm runtergeladen: HomeBase von AbeBooks, Version 2.3 (das Programm kann man auch heute noch auf der Firmenwebseite von AbeBooks gratis downloaden). Zwar will ich meine Bücher nicht verkaufen, aber auch für den privaten Büchersammler ist es, 'für lau', ein brauchbares Instrument, um die Übersicht zu behalten (oder überhaupt erst zu gewinnen).*

Ein wesentlicher Nebeneffekt meiner Büchererfassung ist die Aussonderung (im Prinzip radikal, in der Praxis eher halbherzig) solcher Bücher, die ich voraussichtlich in meinem restlichen Leben nicht mehr lesen werde oder die ich gelesen habe und nicht für aufbewahrenswert halte.

Dazu gehört z. B. der Buchtitel "Herbstbilder aus Italien und Sizilien" von Otto Kaemmel. 364 S. hat es, ist aber eher klein und der Druckspiegel verschwendet viel Platz. Optisch ist es attraktiv: blauer Leineneinband, Titel in Goldprägung mit Schmuckkapitalen.
Inhaltlich erscheint es mir, nach einigem Durchblättern, eher konventionell (der Autor hat lt. Verlagswerbung im Buch noch ein weiteres Werk zum Thema "Italien" verfasst: "Italienische Eindrücke") und eine Lektüre, angesichts von Bergen wichtigerer Werke, verzichtbar.

Eine Meinungsäußerung des Verfassers aus dem Schlusskapitel "Italienische Zukunftsaussichten" (S. 363) möchte ich aber doch schmunzelnd festhalten; nicht wegen der Prognose über die Entwicklung in Italien (die sicherlich nicht für den Norden des Landes, teilweise aber doch wohl für den Süden eingetreten ist), sondern weil sie zeigt, welche Vorurteile schon damals gegen die angelsächsische Lebensart bestanden, Vorurteile, die man auch heute noch (mit 'modernisierten' Begriffen) zu hören bekommt:
"Wer nun freilich das Heil eines modernen Volks darin sieht, dass es zum Industrievolke wird, dass überall die Fabrikschlote rauchen und die Maschinen dröhnen, dass eine harte, kaum unterbrochne Arbeit um der alltäglichen Notdurft willen, eine atemlose Hetze nach Gewinn um des Gewinnes willen alles beherrscht, kurz, wer in englischen und nordamerikanischen Zuständen sein Ideal sieht, der wird dies in Italien niemals verwirklicht finden. ..... Aber es wäre doch auch ein wahres Unglück, eine entsetzliche innere Verarmung der Welt, wenn die Kulturländer alle der Veramerikanerung unterfielen." [Hervorhebungen von mir]


* [Wünschenswert wäre aus meiner Sicht bei einem Programm zur Bestandserfassung von Büchern ("Bucherfassungssoftware" heißt das bei AbeBooks) eine 'automatisierte Kataloghierarchie', d. h. die Möglichkeit, den 'Endkatalogen' jeweils bestimmte 'Dachkataloge' zuzuweisen, in welche Eintragungen aus den 'Endkatalogen' dann automatisch aufgenommen werden.
Zum Beispiel könnten dann Einträge aus einem Katalog "Venedig/Geschichte/Renaissance" automatisch in die entsprechend zugewiesenen 'Oberkataloge' "Venedig/Geschichte", "Venedig", "Italien/Städte", "Italien/Geschichte/Renaissance", "Italien/Geschichte", "Italien", "Geschichte/Renaissance", "Geschichte", "Städte/Geschichte", "Städte" usw. aufgenommen werden, so dass man das gleiche Buch automatisch in (ggf. zahlreichen) "Literaturlisten" zu den unterschiedlichsten Themen und unter den verschiedensten Aspekten -z. B. "Bildbände"- erfasst hätte.]



Textstand vom 01.01.2008. Auf meiner Webseite
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