Sonntag, 28. Februar 2010

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein denke!

Nicht die Einsicht in diesen Sachverhalt und ein daraus rational abgeleitetes Handeln waren allerdings der Grund, weshalb ich mich jetzt (nach langer Zeit wieder einmal) intensiv an der Debatte in einem Fremdblog beteiligt habe.

Vielmehr war das Thema allzu reizvoll, welches Mark Schieritz in seinem Beitrag "Die Mär von der Entstofflichung" 23. Februar 2010 in dem viel (und von teilweise sehr kenntnisreichen Lesern) besuchten Blog "Herdentrieb" präsentierte.

Am Anfang stand freilich ein Missverständnis meinerseits, denn ich dachte, dass sich der "Entstofflichung" auf eine Änderung unserer Wirtschaftsweise hin zu einem geringeren Rohstoffverbrauch bezöge, wie es in der englischsprachigen Wikipedia (freilich neben anderen Wortbedeutungen) unter dem Stichwort "Dematerialization" beschrieben wird, oder im Dictionary of Sustainable Management).

Tatsächlich geht es dem Zeit-Redakteur Schieritz aber um etwas anderes, was bei mir gedanklich unter dem Begriff "Derivatewirtschaft" läuft, nämlich die Vorstellung, dass das Geld in der Welt zunehmend in einem selbstreferenziellen Kreislauf innerhalb der Finanzmärkte zirkuliert (vgl. z. B. meinen Eintrag "WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?" vom Mai 2006):
"Als ich – es ist inzwischen lange her – an die Universität kam, war gerade die so genannte Entstofflichungsthese populär. Elmar Altvater und andere argumentierten, die Finanzwelt habe sich ganz und gar von der realen Wirtschaft entkoppelt und führe ihr destruktives Eigendasein" berichtet Schieritz und hält diese Vorstellung für widerlegt:
"Doch um mit einem früheren Bundesaußenminister zu sprechen: I am not convinced.
Nehmen wir das Beispiel Subprime: Da wurden also Kredite vergeben an Menschen, die es sich nicht leisten können, die Darlehen wurden zerstückelt und verpackt, auf der ganzen Welt verteilt und viele Banker sind dabei unermesslich reich geworden – aber es waren dennoch Kredite. Sie wurden verwendet, um Häuser zu bauen und Vorgärten anzulegen. Mehr Realwirtschaft geht nicht. Auch das Kapital, das nach Spanien, Irland und Griechenland floss, blieb nicht in der Finanzsphäre stecken. Damit wurden Flughäfen gebaut, Straßen und so weiter.
Ein Finanzprodukt mag noch so komplex sein – am Ende der Kette steht fast immer ein Kredit an die reale Wirtschaft. Der beste Beweis: Vor der Krise gab es einen ganz realen Boom, und zwar fast überall auf dem Globus.
"
Daraus schlussfolgert Schieritz:
"Es war also nicht zu viel Kredit oder was auch immer da, sondern er wurde schlicht nicht an den richtigen Ort gelenkt. Man hat Häuser gebaut, statt das Produktionsvermögen zu erhöhen.
Wir müssen also nicht das Wachstum von Geldmenge und Kredit begrenzen, sondern die Ressourcen effizienter zuteilen.
"

Vorliegend will ich nicht alle meine Kommentare (Nrn. 2, 3, 28, 52, 53 und 57) wiederholen, sondern lediglich die Nr. 53. Dort habe ich ein Projekt realisiert, das mir schon lange im Hinterkopf herumgeisterte und erst des Anstoßes von Mark Schieritz bedurfte, um aus seiner Dornröschen-Existenz zu erwachen.

Wenn man davon ausgeht, dass die aktuelle Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise nicht eine Konjunkturkrise ist wie viele andere, sondern dass sie nur aufgrund tief sitzender Strukturprobleme, Verwerfungen, in der Weltökonomie entstehen konnte, muss man zwingend versuchen, die im Rahmen einer Krisenerklärung wesentlichen Elemente zu identifizieren. Wenn es gelingt, diese in einem in sich widerspruchsfreien Denkmodell zu vereinen, können wir hoffen, die krisenhafte Entwicklung in einer Weise erklärt zu haben, die zielführende Eingriffe zur "Heilung" ermöglicht. (Wünschenswert wäre natürlich auch eine empirischen Verifikation der Krisenrelevanz der verschiedenen Elemente. Jedoch dürfte eine solche wegen der grundsätzlichen Probleme - Nichtwiederholbarkeit, Rückkoppelung historischer Ereignisse bzw. gesellschaftlicher Entwicklungen - schwierig zu realisieren sein.).

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Nachfolgend also, in leicht geänderter Form, meine Aufstellung im Kommentar Nr. 53. Dieses sozusagen "Forschungsprogramm" zur Wirtschaftskrise werde ich ergänzen, vielleicht auch abändern, sobald mir dazu neue Ideen kommen:


Welche Fakten bzw. Tendenzen müsste eine ökonomische sozusagen Weltformel, vielleicht in einem Paradigmenwechsel zu einem Denkmodell jenseits von Adam Smith und Karl Marx, erklären?
Ich versuche hier mal eine Auflistung und freue mich auf Kritik und/oder Ergänzungen:

1) Fakt: Das Geldmengenwachstum war in den letzten Jahrzehnten erheblich stärker als das Wirtschaftswachstum.
Ergänzendes Faktum (zugleich Erklärungsproblem in den herkömmlichen Modellen): Die eigentlich zu erwartende massive Inflation ALLER Preise ist ausgeblieben. (Es gab Inflationen bei Asset Preisen, aber diese Blasen sind auch wieder geplatzt bzw. noch am Platzen.)
Fragen:
- War ein derartiges Überschießen des Geldmengenzuwachses aufgrund des Zinsmechanismus letztlich unvermeidbar?
- Wer ist bei der gestiegenen Liquiditätsversorgung Treiber, wer Getriebener? Nehmen wir an, Alan Greenspan und die EZB (als, wie ich sie mal genannt habe, geldpolitische Schattensegler) hätten nur auf Marktsignale reagiert (vgl. die in meinem Kommentar Nr. 52 zitierte Meinung von Norbert Trenkle): wie genau ist das abgelaufen / läuft so etwas ab?
- Weshalb ist es bisher trotz des überproportionalen Geldmengenwachstums noch nicht zu einer Preisinflation gekommen (bzw. wo hat die größere Geldmenge ggf. zu einem sektoralen Preisanstieg geführt)?

2) Ungleichgewichte der Leistungsbilanzen (Japan, China, USA, Deutschland/aber: Euro-Zone waren zeitweise ausgeglichen!) und wohl in diesem Zusammenhang zu sehen die Theorie von der internationalen Sparschwemme (Saving Glut)

3) Wohin fließt das überschüssige Geld (bzw. ist es geflossen): Realwirtschaft – Finanzwirtschaft? Welche Mechanismen können für welche Zeiträume Geld innerhalb des Finanzkreislaufs halten? Was macht, bzw. wieso sind diese Mechanismen für die Betreiber rational; inwieweit (bzw. ggf. aufgrund welcher Illusionen) ist oder erscheint es für die geldbesitzenden Wirtschaftssubjekte rational, Mechanismen zu füttern, die ihr Geld nicht vermehren, sondern (durch Reibungsverluste) vermindern? Oder, wenn bzw. insoweit als es doch vermehrt wird: durch welche Mechanismen geschieht das (aktuell durch Staatsverschuldung?). Warum lassen sich diese Zusammenhänge (falls real) gesellschaftlich nicht so vermitteln, das in unserem politischen System eine Änderung im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Nutzenmaximierung möglich ist?
Wäre es denkbar, dass
a) eine Geldvermehrung durch den Zinsmechanismus unvermeidlich ist, dass jedoch
b) die “Derivatewirtschaft” ein sozusagen vom Markt selbst entwickeltes Korrektiv darstellt, mittels welcher dem Geldmengenzuwachs großenteils die inflationierenden Zähne gezogen werden?

4) Fakt: Zunehmende Kapitalkonzentration und Einkommensspreizung
Erklärungsbedarf aus meiner Sicht:
- Anteil der leistungslosen Einkommen (u. a. Zinseszinsmechanismus)
- Anteil der komplexitätsbedingt steigenden Einkommensspreizung (vgl. dazu den Eintrag von Dieter Wermuth Einkommensverteilung in den USA : wie in der dritten Welt vom 18.8.09)

5) Fakt: Alterung der Industriegesellschaften (und absehbar auch in China)
Frage: Welche Auswirkungen? (vgl.z. B. Christopher Deutschmann, Soziologie kapitalistischer Dynamik).

6) Fakt (?): Produktivitätssteigerungen kommen “unten” nicht mehr an. (In den reifen Industriegesellschaften; in den Schwellenländern dagegen wohl schon.)
Das erscheint fast wie eine Wiederholung von Punkt 4 aus anderer Sicht. Indes: auch wenn ich selbst kein unmittelbares ökonomisches Interesse daran habe, einem “Kapitalistenbashing” entgegen zu treten, halte ich es für gefährlich, andere Erklärungsmöglichkeiten auszuschließen (sonst fällt man u. U. fürchterlich auf die Nase, wenn man die Kapitalbesitzer ausgeschaltet hat, aber der Laden noch immer – oder erst Recht – nicht rund läuft). In diesem Zusammenhang halte ich die These von Joseph Tainter (und vielleicht auch anderen?) für bedeutsam, wonach die zunehmenden Komplexitätskosten einer Gesellschaft in deren Spätstadium die Produktivitätsgewinne auffressen. (Allerdings scheint auch im spätrömischen Reich dieses Phänomen eng mit einer steuerlichen Privilegierung der Besitzenden verknüpft gewesen zu sein.) Beispiele für Komplexitätskosten: Steuerrecht, Umweltschutz, Gesundheitswesen; Verrechtlichung aller Lebensverhältnisse; die (von Ben Bernanke so häufig gelobte) “Tiefe”, “sophistication” und Innovationsfreude (CDO, CDO squared, CDS) der Finanzwirtschaft usw.. [Gegenläufig: Rationalisierung in der Verwaltung, Zusammenlegungen von Gemeinden (leider nicht von Bundesländern!) usw.)

7) Exorbitantes Wachstum des und exorbitante Gewinnsteigerungen im Finanzwesen (gehört vermutlich als Subkategorie zur Nr. 1).
Frage: real oder (bzw. inwieweit) nur scheinbar? Stützt der Staat (finanziell, aber auch durch Änderung der Buchungsregeln) jetzt die (Schein)gewinne? Wer zahlt (gestiegener Zinsspread? Zahlen Neugläubiger für anderer Leute Altschulden?), wer profitiert?
Wenn (großen- oder größtenteils) Scheingewinne: auf welche Weise könnte man das enthüllen und die Enthüllung für den einzelnen Anleger in einer Weise sichtbar machen, die ihn davon abhalten würde, immer aufs Neue als Haifischfutter ins Becken zu springen?

8) Ressourcenverknappung:
Ach ja, irgendwo steht da ein Elefant im Zimmer herum, den wir uns zwar meistens mit erstaunlicher Eloquenz wegreden, der aber doch immer deutlicher Konturen annimmt (wie z.B. bei Bruno Kern mit gleich vehementer Beredsamkeit in Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Energiewende zwischen infantilen Phantasien und Ernüchterung, Streifzüge, 1.7.09).


Nun, für den Moment mag das reichen. Wer mag, mag mir – bzw. uns allen – mit Kritik oder Ergänzungen helfen diejenigen Elemente der gesellschaftlich-wirtschaftlichen "Großwetterlage" zu identifizieren, die wir erklären, bzw. insbesondere für die Zukunft einplanen müssen.

Es schwant mir freilich schon selbst, dass meine Punkte Nr. 1 – 7 nichts als hübsche Glasperlenspiele sein könnten angesichts der brutal heraufdämmernden Verwirklichung der Nr. 8.


Welchen praktischen Nutzen eine solche "Tabelle" haben kann, zeigt schon die Anwendung auf den Text von Mark Schieritz. Das Faktum Nr. 1 - Geldmengenzuwachs stärker als Wirtschaftszuwachs scheint im Widerspruch zu Schieritz' Annahme zu stehen, dass wir es hier mit einer falschen Ressourcenallokation von einem Typus zu tun haben, bei dem man die Mittel relativ einfach umlenken und dann gute Ergebnisse erzielen kann.

(U. a.) diesen Gesichtspunkt hatte ich in meinem Kommentar Nr. 28 angesprochen:

"Welche Phänomene müssen wir widerspruchsfrei erklären? Den unverhältnismäßigen Anstieg der Geldmenge (Danke an “ich” für den Hinweis im Kommentar Nr. 9).
Nehmen wir der mnemotechnischen Einfachheit wegen an, die Produktion habe sich seit 1980 verdoppelt und die Preise hätten sich verdreifacht: dann bräuchten wir die 6-fache Geldmenge, um (bei gleich bleibender Umlaufgeschwindigkeit) die Wirtschaft in Gang zu halten. Da wir auch sonst aufgerundet haben, dürfen wir die tatsächliche Erhöhung auf das 18-fache ansetzen.
Ein 12-facher Geldmengenzuwachs, doppelt so hoch wie das nominale Wirtschaftswachstum hängt damit in der Luft. Wo ist die Differenzgeldmenge geblieben?
"

Auf diese Weise wären alle Erklärungen daraufhin zu untersuchen, ob sie die o. a. Fakten vollständig und widerspruchsfrei zusammenführen können.
Diejenige Theorie, die das schafft, wäre dann mit hoher Wahrscheinlichkeit eine zutreffende Krisenerklärung.




Textstand vom 24.11.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

Sonntag, 21. Februar 2010

Mario Draghi oder Axel Weber als EZB-Präsident? Der bessere Mann sollte es werden!

Wenn es nach dem FAZ-Redakteur Christian Siedenbiedel geht, wird Bundesbankpräsident Axel Weber nicht der nächste Präsident der Europäischen Zentralbank.
Nicht dass Siedenbiedel erkennbar eine Aversion gegen Weber hätte.
Doch am Schluss seines FAZ-Artikels "Bundesbankpräsident Weber. Der Aufsteiger" vom 21.02.2010 unkt er:
"Bei der Papstwahl in der katholischen Kirche gilt die Regel: Wer als Papst [also als heißester Kandidat] ins Konklave geht, der kommt als einfacher Bischof wieder heraus."
Nachtrag 22.02.10: Eben wird es dubios: der Artikel ist aus dem Netz verschwunden! "Die angeforderte Seite wurde nicht gefunden" heißt es, wenn man auf meinen o. a. Link klickt. Hallo, das wäre aber ein Fall für investigative Journalisten! (Keine Furcht, FAZ: diese Spezies hat in Deutschland ohnehin Seltenheitswert.) Hat da jemand Druck ausgeübt, z. B. die Bundesregierung? "Beschmutzt unseren Kandidaten nicht"? Obwohl mir nichts Schlimmes an dem Bericht aufgefallen ist. Aber wer weiß schon, was Eingeweihte hinter Bemerkungen wittern, die unsereiner für harmlos hält?

In der Financial Times Deutschland (FTD) vom 31.01.10 berichten Mark Schrörs, Wolfgang Proissl und Peter Ehrlich sehr ausführlich interessant und ehrlich über "Deutsch-italienisches Duell um den Thron der EZB":
"Schon zwei Jahre vor dem Abtreten von EZB-Chef Jean-Claude Trichet beginnt der Zweikampf um seine Nachfolge: Deutschland gegen Italien; Axel Weber gegen Mario Draghi. Der Italiener hat den besseren Ruf, Weber die besseren Chancen. ...
Der Italiener Mario Draghi hat eigentlich die bessere Bewerbungsmappe als er. Draghi ist länger im Geschäft, besser vernetzt und hat bisher die wichtigeren Posten inne. So war er lange Zeit höchster Beamter in Italiens Finanzministerium, arbeitete bei der Weltbank und war Vizepräsident bei Goldman Sachs - Erfahrungen, die ihm viel Respekt bringen. "Das gesamte internationale Finanzestablishment steht hinter Draghi", sagt ein einflussreicher Strippenzieher in Brüssel. "Er ist der beste Mann, den Europa aufbieten kann."
Dazu kommt: Draghi ist Chef des internationalen Finanzstabilitätsrats Financial Stability Board (FSB), das macht ihn zu einem der wichtigsten Ansprechpartner für Finanzpolitiker und Banker auf der ganzen Welt.
"

Und über Weber wird berichtet, dass seine Gegner aus der Bundesbank eine Reihe von kleinen Gemeinheiten in die Öffentlichkeit lancieren.

Die Bundesregierung will Weber, als 'unseren' Mann, und pokert im Postengeschacher. CDU/CSU und FDP stehen im Großen und Ganzen wohl hinter "unserem Kandidaten.
Aber welchen Nutzen bringt es uns in Deutschland, wenn ein Deutscher Notenbankpräsident der Europäischen Zentralbank wird? Haben wir nicht ein größeres Interesse daran, dass der Beste dieses Amt erhält?

Während sich seine Gegner eher an Kleinigkeiten hochziehen, bleibt die für mich zentrale Frage unerörtert, so, als sei es ungehörig, sie zu stellen: Warum hat Weber die angelsächsischen Finanzspiele nicht durchschaut? Warum hat die Bundesbank nicht rechtzeitig gewarnt vor den amerikanischen Immobilienverbriefungen, warum hat sie es den Banken nicht verboten (bzw., sofern das nicht in ihre Zuständigkeit fallen sollte, nicht öffentlich davor gewarnt), dass Banken Risiken in außerbilanzielle Zweckgesellschaften auslagern und damit verschleiert und keine hinreichende Vorsorge gebildet haben?

Die italienischen Notenbank (wie auch die spanische) hatte ihren Banken solche Faxen verboten. Die doofen Deutschen - Landesbanken und andere - wollten aber unbedingt die Spiele ihrer großen angloamerikanischen Brüder mitspielen. Und Weber hat sie weder davon abgehalten noch davor gewarnt.

Ich weiß nicht, ob das Verdienst für die klügere italienischen Politik dem Präsidenten der italienischen Zentralbank Mario Draghi persönlich zukommt, oder ob da intelligente Menschen aus der zweiten Reihe am Werke waren.
Immerhin hätte sie Mario Draghi in diesem Falle jedenfalls gewähren lassen, und das sicherlich nicht ohne Widerstände in der italienischen Bankenszene, die wahrscheinlich ebenfalls gern am scheinbaren transatlantischen Honigtopf genascht hätte.
Ohne alle Details zu kennen halte ich jedenfalls derzeit den Italiener Mario Draghi für den besseren Kandidaten im Rennen um das Amt des EZB-Präsidenten. (Und das, obwohl ich schon längst nicht mehr - wie früher - italophil bin: die Italiener haben mich kuriert, indem sie mehrheitlich eine Figur wie Silvio Berlusconi - über seine eigene Partei und seine politischen Verbündeten - an die Macht gehievt haben.)

Das Handelsblatt berichtet über Widerstand gegen Weber; auch wird darüber spekuliert, dass irgendwo her noch ein Dritter in den Ring steigen könnte.
Und selbst "Mitglieder der deutschen Abgeordneten der Europäischen Volkspartei sprechen sich für den italienischen Notenbankchef Mario Draghi anstelle von Bundesbank-Chef Axel Weber aus" berichtete das Handelsblatt am 28.01.10. "Dieser sei besser für das Amt des EZB-Präsidenten geeignet" hatten die Abgeordneten offenbar gesagt.

Ich bin der Letzte, der jenen, die für deutsche Interessen kämpfen, in den Rücken fallen möchte; vielmehr kämpfe ich selbst heftig für uns ("Griechenland-Bailout"). Aber ein deutscher EZB-Präsident liegt eben nicht per se in unserem Interesse. Politiker, die mehr auf Symbolhandlungen geeicht sind, können das wohl nicht immer begreifen.


Nachträge 22.02.10

In dem englischsprachigen (wohl amerikanischen) Blog "The Baseline Scenario" hat ein Simon Johnson am 19.02.10 "Six Questions For Axel Weber" eingestellt. Ähnlich wie ich, wenn auch auf eine Bank eingeschränkt, fragt er dort u. a.:
"Who was asleep at which wheel when Deutsche Bank was allowed to become one of the most leveraged banks in the world, betting and losing heavily on subprime mortgages – among other things?"
Dazu ein spaßiger Leserkommentar von einem Tim Coldwell:
"Considering how much Germans like to eat pork, I guess the PIIGS would prefer even a Brit to Herr Weber. A second life for M. Brown?"
Auf der ernsteren Seite gefällt mir natürlich eher die Anmerkung eines Jake Chase:
"So, let’s see: Germany should bail out Greece et. al by inflating its domestic economy? My guess is the Germans are smarter than that, but we’ll see. Growth fantasies provide bait for the Debt Trap. The IMF dance party rearranges Titanic deck chairs, but only until the music stops."
Ein(e?) "Thobe" verlinkt sogar zu dem nunmehr verschwundenen FAZ-Artikel, dessen Inhalt sie auch teilweise referiert. Als Information über bzw. Erinnerung an den Inhalt des mysteriös verschwundenen Berichts stelle ich den Text von Thobe hier ein:
"The “Frankfurter Allgemeine Zeitung” has an (German only) article today (http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E98DE1E4A40BF40ACA2AB5C7E6C0B53C3~ATpl~Ecommon~Scontent.html) providing some background information and assuming that the decision Mr. Weber and Mr. Draghi is a mere diplomatic haggle. So, objective decision making – and an honest answer to the six questions – can already today be consigned to the realms of fantasy.
Examples of diplomatic bagaining (from the article):
- Guenther Oettinger (former Minister President of Baden-Wuertemberg) has only become the new European Commissioner for Energy in 2010 (i.e. Germany deserves something better next time)
- Last week, Germany successfully promoted the Portuguese president to become the new ECB vice president (maybe someone from northern Europe should then be president?)
"

Ein weiterer Blick von außen (Webseite "Business World", 17.02.10): "Germany’s Weber Leads Race to Succeed Trichet as ECB President".


Nachtrag 01.03.2010
Kritik an der Qualifikation von Axel Weber kommt nun auch von Lucas Zeise in der Financial Times Deutschland (FTD): "Was Axel Weber so attraktiv macht" (01.03.2010)


Nachtrag 07.03.2010
Beim Blättern durch des Prof. Axel Webers Reden als Bundesbanker stoße ich z. B. auf seinen Vortrag "Finanzstandort Deutschland:. Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven", Rede auf dem Eurobörsentag 2004 in Frankfurt am Main am 8. Juli 2004, worin er sich als Anhänger des Kapitaldeckungsverfahrens für die gesetzliche Rentenversicherung outet (Folie "Kapitalmarktkultur 2):
"Verschiedene Elemente einer Kapitalmarktkultur müssen noch entwickelt und zudem verstärkt werden: ... stärkere Kapitaldeckung in der sozialen Sicherung".
2004 war das Jahr, in dem ich mein opus magnum "Rentenreich" verfasst und u. a. (natürlich nicht als Einziger) darauf hingewiesen hatte, dass es längst einen Kapitalüberschuss gibt und daher das Sparen im Rahmen des KDV nicht zu einer stärkeren realwirtschaftlichen Investition führen wird. (Ich habe mich übrigens insoweit geirrt, als das Geld dann doch investiert wurde: in amerikanische Wohnimmobilien; das gilt volkswirtschaftlich als Investition. Doch werden weder die Amerikaner noch die deutschen Rentenaspiranten aus derartigen "Investitionen" ein laufendes Einkommen generieren können.)
Webers Positionierung zeigt, dass er ein Herdentier ist und der Menge und den Finanzmarktinteressen hinterher hechelt. Wirklichen Tiefblick in die Wirtschaft hat nicht, wer dem Kapitaldeckungsverfahren das Wort redet.
Bemerkenswert auch die S.1 der Folien zur Kapitalmarktkultur. Dort heißt es (nachfolgend jeweils meine Hervorhebungen):
"Fakt
- bankendominiertes Finanzsystem entwickelt sich sehr langsam in Richtung eines eher kapitalmarktorientierten Systems
Bundesbankposition
- Systemvergleich legt kein Optimalsystem nahe, daher keine Strukturpolitik der Bundesbank
- Verpflichtung für Rahmenbedingungen, dass die Marktentwicklung reibungslos und ohne Gefährdung der Stabilität ablaufen kann.
"
Hübsch wirkt im zeitlichen Rückblick auch die letzte Seite:
"Bundesbank will den Finanzstandort voranbringen .....
- nicht zuletzt durch Ausbau der Finanzmarktanalyse und unsere
Verantwortung für die Stabilität des internationalen, europäischen und
nationalen Finanzsystems
.
"
[Interessant im vorliegenden Zusammenhang ist der Umstand, dass der Fed-Präsident Ben Bernanke (freilich wohl auch nicht früher schon, sondern erst durch die Krise schlau geworden) die Einführung sozialer Sicherungssysteme fordert, die im Umlageverfahren finanziert werden sollen - zur Eindämmung der asiatischen Sparwut("saving glut")!
Bernanke hütet sich zwar in seiner Ansprache "Asia and the Global Financial Crisis" davor, die Zielrichtung auf das KDV so explizit zu formulieren, wie ich das hier tue. Aber wenn er sagt (meine Hervorhebungen):
"Admittedly, just as increasing private saving in the United States is challenging, promoting consumption in a high-saving country is not necessarily straightforward. One potentially effective strategy is to reduce households' precautionary motive for saving by strengthening pension systems and increasing government spending on health care and education. Of course, such measures are likely to improve welfare and productivity as well as to contribute to more balanced, robust, and sustainable economic growth"
dann lässt sich das Ziel, die asiatische Sparschwemme einzudämmen, die Bernanke bereits im Jahr 2005 teilweise für das amerikanische Leistungsbilanzdefizit verantwortlich gemacht hatte, logischer Weise nicht über eine ansparbasierte, also kapitalgedeckte, Altersvorsorge erreichen, sondern nur über ein Umlageverfahren. (Ich weiß nicht, ob diese eigentlich sensationelle Passage in Bernankes Rede in der Öffentlichkeit richtig gewürdigt wurde. Ebensowenig weiß ich, ob Axel Weber immer noch KDV-Anhänger ist. Auf jeden Fall ist er aber - wie natürlich auch Ben Bernanke - ein Vertreter des 'Ancien Regime' im Finanzwesen. Da allerdings die Bourbon-Banker dessen Restauration ohnehin munter und ungehindert betreiben (vgl. Harald Schumann, "Politik und Banken. Ein Schauspiel der Ohnmacht", ZEIT vom 07.03.2010), würde Weber durchaus in die politökonomische Landschaft passen. Draghi ist wahrscheinlich, von seiner größeren Voraussicht (aufgrund intimerer Kenntnis?) in Sachen außerbilanzielle Vehikel abgesehen, auch nicht besser.]

Erneut propagiert Weber Finanzmarktinteressen, die mittlerweile grandios gescheitert sind (aber von den Profiteuren unverdrossen und relativ unbehindert weiterverfolgt werden)in seinem Vortrag vom 23.09.2004 "Chancen des Finanzplatzes Deutschland. Zusammenfassung eines Vortrages auf Einladung der Hessischen Landesvertretung in Berlin":
"Mit Bezug auf die Ergebnisse aus dem Bank Lending Survey aus dem zweiten Quartal des Jahres, veröffentlicht in unserem Monatsbericht August 2004, sehe ich weiter die Notwendigkeit und den Trend zu einer angemesseneren Risikodifferenzierung. Dies muss aber nicht mit einer generellen Verschärfung der Kreditbedingungen einhergehen. Die von den Banken gemeldeten Kreditstandards blieben zuletzt gleich. Es kommt aber sehr wohl zu einer Preisdifferenzierung nach zugrundeliegendem Risiko, zuletzt besonders ausgeprägt im Privatkundenbereich. Margenausweitungen für risikoreichere Kredite stehen Margenkürzungen für durchschnittliche Kredite gegenüber. Dieser Trend fällt im zweiten Quartal in Deutschland stärker aus als im Euroraum. Ergänzt wird dieses Vorgehen durch das konsequente Rückführen bzw. Veräußern riskanter Engagements und qualitativ bessere Kreditwürdigkeitsprüfungen. Diese Trends stabilisieren die Ergebnisse und verbessern die Allokationseffizienz, weil Quersubventionen beendet werden.
Beispiele in jüngerer Zeit über Transfers von Kreditrisiken zeigen die mögliche Entwicklung des Marktes für Verbriefungen. So verkäuft eine deutsch Hypothekenbank im großen Stil Kredite an einen US-Investor, der auf Problemdarlehen spezialisiert ist. Es ist hilfreich, wenn mittel- bis langfristig ein liquider Sekundärmarkt entsteht, denn noch sind entsprechende Verkäufe Einzelabschlüsse und bisher nur für professionelle Investoren geeignet. Ein echter Sekundärmarkt erforderte eine höhere Liquidität, ein Mindestmaß an Fungibilität und eine dadurch mögliche schnellere Abwicklung. Folglich bleibt auch hier noch viel zu tun.
Wie ich anfangs schon betonte, sehe ich in der relativ eingeschränkten Nutzung von Kapitalmarktprodukten ein großes Wachstumspotential des deutschen Finanzsystems. Hierzulande haben noch immer die Finanzintermediäre eine im Vergleich zum Euroraum überdurchschnittliche Bedeutung. Beispielhaft für das Nachholpotential verweise ich darauf, dass noch immer rund 80 Prozent des Einkommens aus Altersvorsorge aus dem Umlageverfahren stammt. Gemessen an der Börsenkapitalisierung in Prozent des BIP erreicht Deutschland nur ein Drittel des Wertes der USA oder Großbritanniens und rund 90 Prozent der Börsenumsätze entfallen hierzulande auf die fünf umsatzstärksten Aktien. Das eher bankenorientierte deutsche Finanzsystem entwickelt sich sehr langsam in Richtung eines eher kapitalmarktorientierten Systems. Ich möchte betonen, dass die Bundesbank diesbezüglich keine einschlägige Strukturpolitik betreibt. Doch der Staat muss die Rahmenbedingungen so setzen, dass Marktentwicklungen reibungslos und ohne Gefährdung der Stabilität ablaufen können. Einige Elemente einer Kapitalmarktkultur müssen noch entwickelt und verstärkt werden. Dazu gehört besonders eine stärkere Kapitaldeckung in der sozialen Sicherung, der Einsatz von zusätzlichen Instrumenten, der Ausbau der finanzwirtschaftlichen Allgemeinbildung und eine stärker kapitalmarktorientierte Corporate Governance."
Auch hier kommt die Pointe (im Rückblick gesehen) wieder am Schluss:
"Wir wirken an der Finanzsystemstabilität - besonders an der Bankenaufsicht - mit und bauen unsere Finanzmarktanalyse aus."

Den, wie wir mittlerweile alle wissen, katastrophalen Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten ist er keineswegs entgegen getreten. In "Finanzsysteme im Wettbewerb. Jahreseröffnung der Deutschen Börse in Frankfurt am Main am 17. Januar 2005" sagte Weber:
"Marktgetriebene Entwicklungen entbinden jedoch die Politik nicht von ihrer Aufgabe, angemessene institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen.
Es geht dabei keineswegs um eine Strukturpolitik im Sinne der expliziten Förderung einer bestimmten Art von Finanzsystem. Dies würde voraussetzen, dass die Politik den Markt besser kennt und versteht als die Marktakteure selbst.
Vielmehr besteht die Rolle der Politik im Setzen angemessener Rahmenbedingungen für eine effiziente Ergänzung des bankorientierten Systems um Kapitalmarktelemente. Hierzu zählt die Förderung von Wettbewerb ebenso wie das Schaffen einer effizienten Aufsicht sowie die Sicherung der Stabilität.
Weiterhin kann die Politik entstehende Markttrends unterstützen, etwa durch den Abbau administrativer Hemmnisse. Dies bevorzugt nicht die Kapitalmärkte, sondern ermöglicht allen Marktakteuren eigenständiges Handeln.
Wichtige Impulse gingen auch von der Reihe von Finanzmarktförderungsgesetzen aus. Ein weiteres ermutigendes Signal in dieser Hinsicht ist die Erweiterung des Anlagespektrums um zusätzliche Instrumente.
Ich denke etwa an die Zulassung von Hedge Funds, die angedachte Schaffung von deutschen Real Estate Investment Trusts (REIT) und – unter dem Gesichtspunkt der Vervollständigung des Kapitalmarktes – die Emission von inflationsindexierten Anleihen.
"

Auch hier frönt Prof. Weber wieder seinem Hobby einer Zerschlagung der deutschen gesetzlichen Rentenversicherung bzw. des zu ihrer Finanzierung dienenden (und den Rentnern allein Sicherheit gewährenden!) Umlageverfahrens:
"Das weitere Aufgabenspektrum für die Entwicklung einer Kapitalmarktkultur ist allerdings breit. Dazu gehört besonders eine stärkere Kapitaldeckung in der sozialen Sicherung und eine stärker kapitalmarktorientierte Corporate Governance."

Den Zug in Richtung Kapitalmarkt wollte Weber freundlich begleiten. Auszug aus seinem Vortrag "Finanzsysteme im Wettbewerb. Banque Centrale du Luxembourg 28. April 2005":
"Mit Blick auf Deutschland zeigt sich, dass die klassischen Intermediationswege der Banken nicht mehr die Bedeutung haben wie noch vor 20 Jahren. Dies gilt aber nicht für die Banken selbst. So nahmen in Deutschland beispielsweise die auf das BIP bezogenen Einlagen des inländischen Privatsektors bei deutschen Banken von 1992 bis Ende 2003 um rund 20 Prozentpunkte zu. Allein 12 Prozentpunkte davon entfielen auf die Einlagen nichtmonetärer inländischer Finanzinstitute.
Zugleich nahm bei den Banken die transaktionsorientierte Finanzierung über den Euro-Markt zu. Dies wird Ihnen in Luxemburg nicht verborgen geblieben sein.
Schließlich ist in diesem Zusammenhang auch die verstärkte Nutzung von kapitalmarktbasierten Risikosteuerungselementen zu nennen. In Gestalt der Zinsderivate existieren diese schon seit einiger Zeit. Jüngeren Datums ist die zunehmende Popularität von Kreditderivaten und Verbriefungen. Mit beiden lassen sich neuere Instrumente des Kapitalmarkts nutzen, um die Risiken des klassischen Bankgeschäfts zu diversifizieren.
Die Banken sind damit offensichtlich in der Lage, ihre Instrumente an ein kapitalmarktnäheres Umfeld anzupassen. All dies sollte man im Blick behalten, wenn man sich auf die populäre Dichotomie zwischen europäischem und angelsächsischem Finanzsystem einlässt.
"
Man sieht: der Axel ist kein Spielverderber. Jedenfalls nicht für die Finanzbranche. Rentner, sowie mittlerweile auch Steuerzahler, mögen das freilich anders sehen.

Wer würde nicht schmunzeln, wenn er in einer Rede eines Vorstandsmitgliedes der Bundesbank, in diesem Falle nicht Weber selbst, sondern Dr. h.c. Edgar Meister, "Entwicklungstendenzen und Struktur der internationalen Bankenaufsicht. Vortrag beim 6. Norddeutschen Bankentag in Lüneburg am Freitag, 1. Juli 2005" liest (auch hier, wie immer, die Hervorhebungen von mir):
"Die deutschen Banken haben ihre Risikomanagementsysteme in den letzten Jahren deutlich verbessert und nutzen modernste Techniken und Plattformen. Dazu kann auch gehören, neue Instrumente zum Kreditrisikohandel oder Kreditverkauf einzusetzen. Aus Aufsichtsgesprächen und Prüfungen wissen wir, dass die Banken im Bereich des Risikomanagements große Fortschritte erzielt haben.
Exkurs: Hedgefonds
Das ist auch notwendig, da die Dynamik der Märkte ungebremst ist. Ein Indiz hierfür liefert das Vordringen der Hedgefonds. Auch der Umgang mit ihnen verlangt bankseitig ein ausgeklügeltes Risikomanagement. Hedgefonds verwalten derzeit schätzungsweise 1 Billion USD und haben im Vergleich zu „normalen“ Sondervermögen sehr weite Handlungsspielräume. Sie können durch ihr Handeln die Effizienz der Kapitalmärkte erhöhen, weil sie Risiken übernehmen können, für die es ansonsten kaum Käufer gäbe (z. B. „non performing loans“). Und sie tragen außerdem zu einer besseren Diversifizierung der Portfolien ihrer Investoren bei, da ihre Renditen mit traditionellen Anlagen nur gering korrelieren. Das Riskante an diesen Fonds ist, dass sie zur Renditeerzielung hohen Leverage eingehen dürfen und – noch wichtiger – teilweise auf exotischen Märkten tätig sind, deren Liquidität gering ist. Aus Risikosicht beruhigt, dass wir festgestellt haben, dass deutsche Banken Kredite an Hedgefonds typischerweise nur auf weitgehend besicherter Basis vergeben. Außerdem sind nur wenige deutsche Institute in Geschäfte mit diesen Sondervermögen involviert und gerade diese Banken verfügen über hoch entwickelte Risikomanagementsysteme. Alles in Allem kann man diese Fonds also nicht pauschal als Gefährdung für die Finanzstabilität einstufen.
Unbestritten ist aber, dass aus diesen Sondervermögen Risiken erwachsen können – siehe LTCM. Die Aufseher und Regulierer müssen sich deshalb des Themas annehmen und haben dies auch bereits getan. Unabdingbar ist dabei ein internationaler Ansatz ..
.".
Die Hedgefonds, so hat sich herausgestellt, waren gerade NICHT das Problem der Finanzkrise. Auch wenn dieser Vortrag nicht von Weber gehalten wurde: die falsche Fokussierung der Bundesbank in der Bankenaufsicht hat er als Chef des Ganzen selbstverständlich zu vertreten.

Weber selbst wusste durchaus, dass da Risiken im System lauern. So sagt er in "Let us face up to the risks! Concluding remarks at the Seventh Bundesbank Spring Conference in Berlin on 28 May 2005" u. a.:
"... there is ample evidence that the monetary policy landscape has changed to an extent that warrants even more intensive research into risks although monetary policy performance has not been too bad over the past decade.
The major change I should like to refer to is the increasing role of financial markets.
On the one hand, broader and more liquid financial markets improve the ability to diversify risks and lead to more robust financial institutions. On the other hand, in well integrated financial markets the possibility of contagion and spill-over effects grows and potentially makes the financial system more crisis-prone
."
Aber dann bettet er sich und die Bankenwelt doch wieder sorglos zur Ruhe:
"There is no contradiction between the reasonable performance of central banks in recent decades and the impression that they face formidable risks and uncertainties.
However, we are in a good shape to face up to them. Our knowledge about the economy is permanently increasing. Risk analysis and risk management have improved significantly.
Additionally, a lot of work is being done to further improve our understanding. This conference may serve as a proof of that. The fact that some questions have been left unanswered provides an opportunity for another conference on this and similar topics.
"
Zugegeben, blöd ist der Mann nicht. Wenn ich einen Absatz lese wie
"Another well known anomaly is the so called equity premium puzzle. Narayana Kocherlakota makes a new attempt to shed some more light on this issue. His paper puts incomplete markets, or more precisely the fact that individuals are not able to ensure themselves (entirely) against idiosyncratic risk at the core of the argument. Other papers, using incomplete-markets, have already tried to tackle this puzzle. The distinguishing feature of his paper is the fact that the allocation of risk across households is assumed to be socially optimal. This has implications for the interpretation of high returns in equity markets"
kapiere ich großenteils nur Bahnhof. Nur steht ein Übermaß an Fachintelligenz offenbar nicht selten der Fähigkeit im Wege, Eins und Eins korrekt zu addieren (wie ja auch schon Physiker bei der Reparatur ihres Rasenmähers am Stromschlag gestorben sind).
Was ich aber durchaus begreife ist ein Satz aus der "Executive Summary" der Studie "Debt and deleveraging: The global credit bubble and its economic consequences"
des "McKinsey Global Institute" vom Januar 2010 (das ich auch in meinem Blott "Die große(n) Depression(en): Die beiden Weltwirtschaftskrisen im Vergleich. Überlegungen und Links" zitiert habe), der eine schallende Ohrfeige für sämtliche Exkulpierungsversuche der Notenbanken bzw. Notenbanker darstellt (S. 10; meine Hervorhebung):
"Taking a more granular view of leverage within sectors of the economy, we find that households increased their borrowing substantially, particularly through home mortgages. Rising housing prices meant that the ratio of household debt to assets appeared stable in the years prior to the crisis. But household debt compared with disposable income increased significantly, which should have raised a red flag long before the crisis hit."

In "Bank Relationships, Financial Integration, and Monetary Policy. Keynote Speech at the DIW-Conference “Bank Relationships, Credit Extension, and the Macroeconomy” in Berlin on 3 June 2005" freut sich Axel Weber über die zunehmende Renditejagd der Investoren:
"Overall the use of capital markets was improved and capital-market orientation increased by financial integration. This development was additionally fostered by increasing profit orientation of private households and a higher yield-orientation on the part of investors." sowie über den expandierenden Derivate-Markt:
"Moreover derivative products are expanding with increasing velocity and are opening up new possibilities of allocating and controlling risks. One example is the market for credit derivatives, which has globally developed within a few years from zero to a five-billion-dollar market. In Germany turnover has increased from 695 bn Euro in 2001 to 4 477 bn Euro in 2004. Overall it is still a small but a highly dynamic market."
Heute finden wir das gar nicht mehr so lustig.

Stolz waren Bundesbankpräsident Axel Weber & Kollegen über den ersten Finanzstabilitätsbericht der Deutschen der Deutschen Bundesbank. Unter "Statements zum Finanzstabilitätsbericht. Pressekonferenz Frankfurt am Main 10. November 2005. Finanzstabilitätsübersicht 2005" erfahren wir u. a.:
"Wir legen heute erstmals einen eigenständigen Bericht zur Stabilität des deutschen Finanzsystems vor. Manche von Ihnen werden sich wohl fragen: Warum noch einen Stabilitätsbericht? Gibt es davon nicht genug - von internationalen Institutionen wie dem IWF, von der EZB und von vielen anderen Notenbanken in der EU? Die Frage ist nicht ganz unberechtigt. Deshalb haben wir es uns zur Maxime gemacht: Keine Replikation der Erkenntnisse, die schon in den anderen Berichten zu finden sind. Wir fokussieren deshalb unsere Analyse auf die Lage und Risiken für die hiesigen Finanzintermediäre und Finanzmärkte, und wir beleuchten die internationalen Entwicklungen - konkret den Wandel des globalen Finanzsystems - in erster Linie im Hinblick auf die potenziellen Auswirkungen auf die Finanzstabilität in Deutschland.
Manche werden sich auch fragen: Was versteht man überhaupt unter Finanzsystemstabilität und warum kümmert sich die Bundesbank darum? Notenbanken haben ein originäres Interesse an einem stabilen Finanzsystem. Die Bundesbank hat gemäß § 7 KWG den Auftrag, die deutschen Banken zusammen mit der BaFin zu beaufsichtigen. Auch arbeitet sie im Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht sowie in einer Reihe von Gremien zur Überwachung der Finanzstabilität mit, darunter das Financial Stability Forum. Und das Eurosystem, dem die Bundesbank angehört, hat das Mandat gemäß Art. 105, Abs. 5 EGV, Maßnahmen für die Bankenaufsicht und die Stabilität des Finanzsystems zu unterstützen.
Im Kern geht es uns darum, zu beurteilen, wie stabil in Deutschland Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister sowie Finanzmarktteilnehmer sind, wie gut sie Stresssituationen – zum Beispiel abrupte Konjunktureinbrüche - oder starke strukturelle Umbrüche meistern können. .....
Überdies muss geprüft werden, ob es gefährliche Anspannungen und Übertreibungen in den Finanzmärkten gibt und ob zwei wichtige Voraussetzungen für die Widerstandsfähigkeit eines Finanzsystems gegeben sind, nämlich die Eigenverantwortung der Markteilnehmer und Marktdisziplin (durch Transparenz).
Wir halten uns besonders qualifiziert dafür, die Stabilität des deutschen Finanzsektors zu bewerten, weil wir als unabhängige Notenbank mit vielfältigen Funktionen über die notwendigen Informationen und Erkenntnisse sowie über die erforderliche Expertise verfügen. Unsere Experten analysieren die Makroökonomie (Konjunktur), beobachten die Märkte, legen unsere Währungsreserven an, sind an der Bankenaufsicht beteiligt, sie wirken in internationalen Gremien für die globale Finanzstabilität mit und sie überwachen und betreiben Zahlungsverkehrssysteme.
All dies verschafft Erkenntnissynergien, die anderen Institutionen nicht, oder allenfalls partiell, zur Verfügung stehen. .....
Das Gesamttestat lautet: Die Robustheit des deutschen Finanzsystems ist mehr als befriedigend, die Stabilität hat sich im Laufe dieses Jahres weiter gefestigt. Die Banken haben ihre Ertragskraft gesteigert, und ihre derzeitige Eigenkapitalausstattung beurteilen wir als zufrieden stellend. Zugleich konnten die Versicherungen ihre Finanzkraft stärken.
Profitiert hat das deutsche Finanzsystem vom robusten globalen Wachstum bei moderater Inflation, von den günstigen Finanzierungsbedingungen und von Fortschritten der Unternehmen - national und weltweit - bei der Anpassung ihrer Bilanzen.
Ungeachtet dieser positiven Gesamteinschätzung gibt es für das deutsche Finanzsystem allerdings eine Reihe von Risiken, die es wachsam im Auge zu behalten gilt. Dazu zählen:
* das anhaltend hohe Ölpreisniveau, weil global konjunkturdämpfend
* eine potenzielle Konsumabschwächung in den USA
* eingetrübte Aussichten für einen spannungsfreien Abbau der globalen finanziellen Ungleichgewichte
* die erhöhte Risikoneigung an den Märkten durch die weltweit reichliche Liquidität und ein abrupter Zinsumschwung. .....
Unsere Stresstests zeigen: Eine länger anhaltende schwache Wirtschaftsentwicklung könnte mager kapitalisierten Banken beim Ertrag und bei der Eigenkapitalausstattung zu schaffen machen. Die derzeitigen internationalen und nationalen Risikofaktoren sollten unserer Auffassung als Mahnung vor Selbstgefälligkeit und Unterschätzung latenter Gefahren für die Finanzsystemstabilität erachtet werden. Gleichwohl - und das ist eine wichtige positive Botschaft des Berichts - deuten unsere Stresstest auch darauf hin, dass die deutschen Kreditinstitute in jüngster Zeit ihre Widerstandsfähigkeit verbessert haben.
"
Es ist nicht so, dass die Bundesbank die Risiken völlig übersehen hätte. Jürgen Stark, heute Chefvolkswirt der EZB, trug dazu in der o. a. Pressekonferenz seinerzeit u. a. vor:
"Die Konsumnachfrage der Privathaushalte ist traditionell der Träger der Konjunktur in den USA.
Wir sehen jedoch Risiken für die Beständigkeit dieses Konsumbooms:
* Eine Sparquote von nahe Null widerspricht der „natürlichen“ Rolle dieses Sektor als Kapitalgeber.
Hintergrund für die geringe Sparquote sind außergewöhnlich niedrige Realzinsen und hohe Vermögenszuwächse vor allem bei Wohnimmobilien.
* Sowohl bei den Kapitalmarktzinsen als auch bei der Immobilienbewertung in den USA gibt es Anzeichen von Übertreibungen. Eine Korrektur mit spürbaren Folgen für die Konsumnachfrage ist nicht auszuschließen.
Niedrige Realzinsen und die kräftige Konsumnachfrage in den USA sind wiederum eng mit den globalen Ungleichgewichten verbunden. Die mittelfristigen Aussichten für einen spannungsfreien Abbau der bestehenden Ungleichgewichte haben sich in den letzten Monaten nicht verbessert. Zugleich deutet aber auch wenig auf ein kurzfristiges Entladen dieser Ungleichgewichte an den Devisenmärkten hin:
* Die Kapitalzuflüsse offizieller und privater Stellen signalisieren bislang eine anhaltend hohe Bereitschaft, das wachsende US-Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren.
* Direkte Auswirkungen von Wechselkursverschiebungen auf die Wirtschaftsentwicklung im Euro-Raum und insbesondere in Deutschland sind erfahrungsgemäß begrenzt (wegen regionaler Diversifizierung des Außenhandels und hoher preislicher Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands).
* Gleichwohl: je länger die Ungleichgewichte andauern, desto größer wird das Risiko, dass es zu einer abrupten Anpassungsreaktion kommt. .....
Die Akteure auf den Finanzmärkten haben sich an das makroökonomische Umfeld mit niedrigen Zinsen angepasst, indem sie zur Steigerung der Eigenkapitalrendite ihre Risikopositionen stärker durch die Aufnahme von Fremdkapital oder Derivate gehebelt haben. Dies zeigt sich zum Beispiel im auffälligen Wachstum vornehmlich mit Fremdkapital finanzierter Unternehmensübernahmen („leveraged buy-outs“, LBOs) sowie dem rasanten Anstieg im Handel mit Derivaten.
Die überwiegend niedrige Volatilität an den Finanzmärkten spiegelt einerseits die Stabilität des makroökonomischen Umfelds wider, andererseits aber auch das hohe Sicherheitsgefühl der Marktteilnehmer. Niedrige Volatilität birgt immer die Gefahr, dass vergleichsweise unbedeutende Ereignisse plötzliche Stimmungsumschwünge auslösen und eine fluchtartige Auflösung von Handelspositionen zur Folge haben können, mit entsprechenden Anspannungen insbesondere in den weniger liquiden Marktsegmenten.
Hohe oder niedrige Volatilität ist nicht per se ein Risiko für die Finanzmärkte, sofern sich darin erstens überwiegend die Veränderung fundamentaler Bewertungsfaktoren ausdrückt (bis zu einem gewissen Grad gehören auch Übertreibungen, die auf subjektiven Einschätzungen beruhen, und Korrekturen bei der Suche nach der „richtigen“ Bewertung zum täglichen Marktgeschehen dazu) und zweitens sofern die Marktteilnehmer über effektive Risikomanagementsysteme verfügen.
Damit sind insbesondere Kontrahenten-, Marktliquiditäts- und operationelle Risiken angesprochen. Das internationale Finanzsystem hat in den vergangenen Jahren wiederholt seine Widerstandsfähigkeit und Flexibilität unter Beweis gestellt. Allerdings bringen die hohe innovative Dynamik und der fortgesetzte Strukturwandel zusätzliche Elemente der Unsicherheit mit sich:
* So hat sich zum einen der Kreis der institutionellen Marktteilnehmer ausgeweitet, vor allem um die weitgehend unregulierten und wenig transparenten Hedgefonds.
* Zum anderen werden immer komplexere Finanzinstrumente, zum Beispiel neue Formen von Kreditderivaten und strukturierten Kreditprodukten, in den Markt eingeführt. Diese sind mit beträchtlichen Anforderungen an die Risikoanalyse, an die operative Abwicklung und an das Risikomanagement verbunden. Die Bewährungsprobe hierfür steht noch aus.
* Insbesondere für neuere Marktsegmente bleibt abzuwarten, wie widerstandsfähig sie sich bei größeren Marktanspannungen zeigen werden. Stabilitätsgefährdende Schwachstellen würden wohl erst im Fall eines unerwarteten Anstiegs der Zinssätze und Risikoprämien sichtbar werden.
Vor dem Hintergrund der erheblichen Herausforderungen, die mit dem wachsenden Handel komplexer Finanzinstrumente und der gestiegenen Beteiligung von Hedgefonds verbunden sind, sind in erster Linie die Marktteilnehmer und erst in zweiter Linie die Aufsichtsstellen aufgefordert, die Anwendung geeigneter Standards weiterzuverfolgen.
Führende Marktteilnehmer haben sich in diesem Jahr in einer Neuauflage der „Counterparty Risk Management Policy Group“ zusammengefunden. Der kürzlich veröffentlichte Abschlussbericht der Gruppe beinhaltet unter anderem zahlreiche Empfehlungen für das Risikomanagement, die Transparenz sowie operationale Verbesserungen.
Die Einschätzung der Stabilitätsrisiken der Hedgefonds-Branche bleibt auf Grund der mangelnden Transparenz schwierig. Unter Finanzstabilitätsgesichtspunkten sollte daher der Verbesserung der Transparenz dieser Branche weiterhin hohe Priorität zukommen.
"
Sein Kollege Edgar Meister war aber letztlich zuversichtlich:
"Entscheidend ist, dass die deutschen Banken mit ungünstigen Rahmenbedingungen sowie mit Umbrüchen zurecht kommen. Diese Widerstandskraft ist es letztlich, die Bankenstabilität ausmacht.
Die Widerstandsfähigkeit des Bankensystems sowie des Finanzsystems insgesamt gegenüber Marktentwicklungen ist gegeben. Wir simulieren bspw. mit dem Mikrostresstest die Auswirkungen extremer Marktsituationen (insbesondere Veränderungen von Zinsen, Aktienkursen und Wechselkursen) auf die Banken. Die Ergebnisse belegen, dass die deutschen Institute in der Lage sind, auch größere Schocks zu verkraften [S. 63 f.]
."

Für den Moment muss dieses kleine Florilegium aus dem Rauch-Reich der Finanzwelt genügen; ob ich dazu kommen werde, mir auch die Reden ab dem Jahr 2006 genauer anzusehen, ist angesichts meines Zeitmangels eher zweifelhaft. Spaß machen würde es aber bestimmt.


Nachtrag 02.06.2010:
Axel Weber hat mehr Rückgrat, als ich ihm zugetraut hätte. Mit seiner öffentlichen Kritik an den Anleihekäufen der EZB (hat er darüber hinaus auch nichtöffentlich agiert und dem SpiegelOnline die äußerst präzisen Informationen für den Bericht "Finanzkrise. Schlimmer Verdacht" vom 31.05.10 gesteckt??) riskiert er seine Berufung zum Präsidenten der Europäischen Zentralbank.
Der Italiener Mario Draghi dagegen vertritt offenkundig die Interessen der Hochschuldnerländer, wenn er die Käufe von Staatsanleihen verteidigt (vgl. z. B. den WELT-Artikel "Bundesbank-Chef kritisiert Aufkauf von Staatsanleihen" vom 01.06.2010). Deshalb ist für mich jetzt ein völlig inakzeptabler Weichwährungsclown.

Nachtrag 12.09.2010
Zum Versagen der Deutschen Bundesbank in den Zeiten der Finanzliberalisierung (und später in anderen Zusammenhängen) siehe jetzt auch den Kommentar (zur Sarrazin-Debatte) "Ansehen beschädigt?" von Nicolaus Fest auf der Webseite der BILD-Zeitung vom 11.09.2010 (meine Hervorhebung): "Die Bundesbank ist Sarrazin los. Dass er ihr Ansehen beschädigt habe, behauptet sie nicht mehr. Recht hat sie. Denn mit ihrem Ansehen war es ohnehin nicht mehr weit her. Denn wo war die Bundesbank, als die Finanzmärkte dereguliert wurden? Gab es da irgendeine ­Warnung von den hochbezahlten Frankfurter Finanzexperten? Warum hörte man keinen scharfen Protest der Bundesbank, als die Bundesregierung mal eben den Maastrichter Vertrag brach und Griechenland mit deutschen Steuergeldern rettete – oder richtiger: die Zockerbanken, die Griechenland Milliarden geliehen hatten? Und warum knickte die Bundesbank so eilfertig ein, als die Europäische Zentralbank beschloss, Staatsanleihen der Krisenstaaten zu kaufen – also deren Schulden vor allem auf deutsche Steuerzahler abzuschieben? Die Bundesbank lebt vom Ansehen längst vergangener Zeiten.





Nachtrag vom 13.02.2011
"Nach Bundesbankpräsident Axel Weber hat auch Italiens Notenbankchef Mario Draghi die Strategie der EZB kritisiert, in großem Umfang Staatsanleihen kriselnder Euro-Länder aufzukaufen. Draghi fürchtet um die Unabhängigkeit der Notenbank" berichtete das Manager Magazin in einer Meldung (schon) vom 10.12.2010 u. d. T. "Könnten unsere Unabhängigkeit verlieren". Weiter erfahren wir:
"Draghi bekräftigte: "Was die EZB tut, ist zeitlich begrenzt und eng verbunden mit dem Nicht-Funktionieren bestimmter Märkte." Ohne die US-Notenbank Fed zu nennen, machte Draghi deutlich, dass die massiven Stützungsmaßnahmen der Amerikaner für die EZB kein Vorbild sind: "Diese Institutionen haben nicht das gleiche Mandat wie die EZB. ... Unsere Aufgabe ist es, für Preisstabilität zu sorgen." Der Italiener sieht in erster Linie die nationalen Regierungen in der Pflicht, Auswege aus der Schuldenkrise zu finden. "Die wichtigste Antwort auf eine Krise sollte eine nationale Antwort sein: Glaubwürdige haushaltspolitische Maßnahmen und Strukturreformen, die das Wachstum wieder anschieben." Die deutsche Schuldenbremse könne ein Vorbild für andere Staaten sein."
Ob das nun wirklich Draghis innere Überzeugung ist, und ob er dafür ggf. mit gleicher Härte einstehen würde wie Bundesbankpräsident Axel Weber das getan hat, oder ob das nur sozusagen eine "Wahlkampfrede" für das bundesrepublikanische Publikum war, kann natürlich niemand außer Hr. Draghi selbst wissen. Hoffen wir, dass es ihm ernst ist mit einer verantwortungsbewussten Geldpolitik!











Nachtrag 15.02.11
Mario Draghi wittert offenbar Morgenluft - und er weiß, was die Deutschen hören wollen.
Alle sollten dem deutschen Beispiel folgen betitelt die FAZ heute ein Interview mit ihm und fasst den Inhalt so zusammen:
"Der italienische Notenbankgouverneur Mario Draghi ist einer der aussichtsreichen Kandidaten für die Nachfolge des EZB-Präsidenten. Im Interview mit der F.A.Z. empfiehlt er für Europa eine Orientierung an der Stabilitätspolitik der Bundesbank."
 Ich könnte mich  aufgrund seiner Aussagen bestätigt fühlen, dass ich ihn als Kandidaten favorisiert habe. Letztlich wird sich zeigen müssen, ob er, wenn er gewählt wird (was ich nun für immer wahrscheinlicher halte) mit aller Konsequenz verhindert, dass die europäischen Staatshaushalten durch Gelddrucken der Notenbanken finanziert werden.


Nachtrag 19.02.2011
Über Draghi vgl. jetzt auch den originellen FTD-Artikel [ober auch ehrlich ist, ist eine andere Frage: die FTD-Redaktion gehört nach meiner Einschätzung eher nicht zu den Stabilitätsfans]: "Europäische Zentralbank. Draghi for President" von Wolfgang Proissl vom 14.02.11.





Textstand vom 19.02.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Dienstag, 16. Februar 2010

Die drei-plus-eine Dimensionen der Inflationsfrage: Kaufstimulation, Entschuldung, Entreicherung. Und dann wäre da noch der gern vergessene Realzins.

Als Deutscher saugt man die Inflationsphobie genauso mit der Muttermilch ein, wie die Amerikaner ihre Deflationshysterie. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass die Inflationsfurcht in Deutschland breitere Bevölkerungskreise beherrscht, während die Deflationsangst in den USA wohl vorzugsweise unter den dortigen Wirtschaftsweisen grassiert.

Oft genug habe ich in der Vergangenheit den 'Inflationismus' (oder 'Reflationismus', denn im Zusammenhang mit der Finanzkrise sind Inflationierungsvorschläge meist mit der Vorstellung verbunden, dass es durch die Krise zu einer Deflation gekommen ist und dass die Notenbanken die Welt nun wieder auf einen 'gesunden' Inflationskurs zurück führen müssten) kritisiert, insbesondere in den Blotts
- "Simbabwe schärfster Konkurrent für US-amerikanische Schlüsselindustrie" vom 26.11.08 (die Schlüsselindustrie ist das Gelddrucken);
- Ceci n’est pas une inflation“ oder: Eine Inflation gibt es nicht!"
- "Jauchzet, frohlocket: der Ölpreis steigt! Endlich dürfen wir auf die Wiederkehr der Inflation hoffen, deren wir nach Meinung mancher bedürfen!"
- "Alles Madoff oder was? Amerikanische Wirtschaftswissenschaftler (auch die US-Notenbank?) wollen (erneut) die Welt bestehlen. Jetzt durch Inflation."

Mittlerweile (und gelegentlich auch früher schon) frage ich mich allerdings (jetzt im Zusammenhang mit meinem Wirtschaftsmodell der Artos-Phagen), ob nicht die Inflation eine nützliche Einrichtung ist, um die Geldakkumulation (zumindest zeitweise) umzukehren.

Den Bloomberg-Bericht "U.S. Needs More Inflation to Speed Recovery, Say Mankiw, Rogoff" von Rich Miller (19.05.2009) hatte ich schon früher in dem o. a. "Madoff"-Blott besprochen. Ich nehme ihn mir jetzt noch einmal vor, weil dort -2- der o. a. -3- Dimensionen (Kaufstimulation und Entschuldung), sowie auch die Zinsdimension, erörtert werden. Die Entreicherung der Gläubiger ist natürlich die Kehrseite der Entschuldung; als eigenständige Inflationsbegründung wird sie dort jedoch nicht erwähnt. Wenn Inflation überhaupt ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise sein sollte (es gibt viele gute Gegengründe, und momentan ich bin diesbezüglich sehr skeptisch), dann aber gerade wegen der Entreicherungswirkung, der Disakkumulation von Geld.

In Deutschland ist Inflationismus unter den Volkswirten wohl weniger verbreitet als in den USA. Im Spiegel Online jedoch fordert Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), eine gewollte Inflation für Europa in seinem Artikel vom 01.02.2010: "Griechenlandkrise. Geldschwemme gegen den Euro-Crash". Interessant ist ein wesentlicher Unterschied: Die US-Ökonomen haben die Staatsschulden zwar auch im Blick; sie erhoffen sich jedoch zugleich eine Entlastung der verschuldeten Haushalte und gleichzeitig eine Konsumstimulation. Straubhaar dagegen empfiehlt an dieser Stelle die Inflation als Heilmittel gegen Staatsschulden.
In dem Focus-Streitgespräch vom 18.06.09 "Droht eine Horror-Inflation?" mit Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung Halle (IWH), wertete jedoch auch Straubhaar Inflation als Konsumtreiberin (S.2) und Arbeitsplatzbeschafferin:
"Die Hubschrauber-Ökonomie ist in dieser Lage im Prinzip richtig. Die Preise stagnieren bereits, da müssen Sie gegensteuern – bis hin zum Anwerfen der Notenpresse. Die Menschen müssen glauben: Morgen wird es nicht billiger, sondern teurer.
Aber sobald die Inflationserwartung dann tatsächlich steigt, eine Vollbremsung hinzulegen ist nach aller historischen Erfahrung weder politisch gewünscht noch möglich.
FOCUS Online: Warum?
Straubhaar: Die reale Wirtschaft reagiert mit Verzögerung: Die Auftragseingänge sind im ersten Halbjahr eingebrochen, daher rollt die Konkurs- und Entlassungswelle erst im Herbst an. Dann müsste die Notenbank das überschüssige Geld längst wieder einsammeln. Das ist bei über vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland und einer Quote von zehn Prozent im Euro-Raum nicht durchsetzbar – und deswegen ist Inflation unvermeidlich.
"

Sein aktueller Spiegel-Artikel zeichnet sich dagegen durch eine reichliche Dosis an argumentativer Wirrnis aus. Der allergrößte Teil befasst sich mit Griechenland: Dass Hilfe für Griechenland problematisch ist (wg. Moral Hazard einerseits und weil sie andererseits innenpolitisch bei uns nicht gut ankommt); dass Griechenland und die anderen Schuldenstaaten aber in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen, wenn wir ihnen nicht helfen ("Das Wachstum in den Schuldenstaaten bleibt aus, die Arbeitslosigkeit steigt, die öffentliche Infrastruktur wird marode, die Wirtschaft insgesamt verliert weiter an Fahrt") und dass "der ökonomische Zerfall eines europäischen Staates wie Griechenland alle anderen mitreißen" würde.
Mit der Konjunktion "also" leitet er sodann zu einem Szenario über, dass er als Lösung des von ihm geschilderten Dilemmas präsentiert:
"Also bleibt nur eine letzte Hoffnung: Sie lautet Inflation. Über eine moderate, schleichende Inflation ließe sich die Last öffentlicher Haushaltsdefizite langsam mindern. Hohe Inflationsraten verringern die reale Belastung nominaler Schulden. Sie sind deshalb politisch die einfachste Option, Staatsschulden auf die kalte Art zu beseitigen."
Straubhaars Kausalitätenkonstruktion ist aus verschiedenen Gründen nicht überzeugend:
- Wieso muss ganz Europa inflationieren, weil sich einige Staaten überschuldet haben?
- Oder will er doch deutsche Hilfen für Griechenland mobilisieren, und die dadurch auch in Deutschland erhöhte Schuldenlast durch Inflation auf die Geldbesitzer überwälzen?
- Die von ihm vorgeschlagene maßvolle Inflation ("5 und mehr Prozent" sagt er in dem Focus-Streitgespräch voraus), die ohnehin keine Notenbank maßschneidern kann, wird Griechenland nicht vor dem Zwang zum Sparen bewahren. Denn zum einen geht auf diese Weise das Abschütteln der Altschulden sehr langsam voran. Zum anderen müsste das Land neue Schulden aufnehmen, und um so mehr, wenn es nicht sparen will (und nach der Meinung nicht nur von Straubhaar, sondern auch von anderen Ökonomen, gar nicht sparen darf, weil sonst die Wirtschaft schrumpft). Ein bisschen Inflation hilft aus diesem Dilemma nicht heraus.

Besonders unverständlich ist die Feststellung Straubhaars zur Kaufkraftvernichtung von Inflation:
"Wie eine indirekte Steuer - beispielsweise die Mehrwertsteuer - verringert die Inflation die reale Kaufkraft der Massen. Allerdings mit einem gewaltigen Unterschied: Es braucht dafür keine parlamentarische Zustimmung."
Die ist schon für sich genommen nicht unbedingt korrekt, denn eine (hypothetische) "Schleuseninflation" (zu diesem Begriff s.u.) würde ja zugleich mit den Preisen auch die Löhne hochschrauben. Und nur bei diesem Inflationstyp kann es die Konjunktur ankurbeln wenn, wie Straubhaar fordert "Die Menschen ... glauben: Morgen wird es nicht billiger, sondern teurer" und deshalb wunschgemäß in Einkaufsräusche verfallen.
Nehmen wir aber an, dass er an dieser Stelle an eine andere Art der Inflation gedacht hat, bei der nur die Preise steigen: dann wäre seine Feststellung nicht überraschend. Das Problem ist dann jedoch, dass seine Argumentation damit die folgende logische Struktur bekommt:
1) Griechenland kann nicht zugemutet werden zu sparen, weil das die Konsumausgaben senken und damit die Konjunktur abwürgen würde.
2) Also muss es Griechenland ermöglicht werden, sich weiter zu verschulden oder zumindest nicht wesentliche Einschnitte zu machen [was nur bei weiterer Verschuldung funktionieren kann, zumindest in dem Sinne, dass Griechenland die bestehenden Schulden umwälzen muss und von seinem Plateau nicht herunter kommt]. (Deutsche Hilfen fordert Straubhaar ja nicht und scheint sie - er bleibt insoweit wenig mutig vage - eher abzulehnen.)
3) Damit Griechenland seine Schulden tilgen kann, ohne zu sparen oder die Steuern zu erhöhen, muss Inflation her.
4) Die Inflation wird die Kaufkraft (und also zwangsläufig den Konsum) beschränken.

In der Summe und wenn wir die einzelnen Gedankenschritte zusammenfassen sagt Straubhaar also:
Um die Konjunktur nicht abzuwürgen dürfen wir den Konsum nicht einschränken und müssen Inflation fördern; diese besteuert den Konsum (und schränkt ihn folglich ein).
Wozu braucht ein Volk Feinde, wenn es solche Nationalökonomen hat?

Bei der Neuverschuldung scheinen sämtliche Inflationisten zu glauben, dass die Notenbanken die Realzinsen über lange Zeit im negativen Bereich halten sollen und vor allem auch halten können: "Alle Staaten, die sich hoch verschuldet haben, werden alles daransetzen, die Zinsen tief zu halten. Der Preis des Geldes wird also nicht so schnell wie nötig erhöht" sagt Straubhaar in dem o. a. Focus-Streitgespräch. Ich glaube das eher nicht. Die Notenbanken können die Zinsen nur dann und nur dadurch im negativen Bereich halten, wenn bzw. indem sie massiv Geld in den Markt pumpen. Dadurch würde ihnen aber jegliche (m. E. ohnehin ziemlich illusorische) Kontrolle über den Inflationspfad entgleiten; der Weg zur Hyperinflation wäre mit guten Begründungen gepflastert.

Überhaupt steht im Hintergrund der ingenieursmäßigen Inflationskonstruktionen, die einige sich von den Notenbanken erhoffen die Vorstellung von einem Prozess, den ich in meinem oben zitierten Blott „Ceci n’est pas une inflation ...“ als "Indexinflation" und "Schleuseninflation" bezeichnet habe: ein unmerkliches, gemütliches und vor allem gleichmäßiges Hochschaukeln aller Löhne und Preise. Nur der Geldpreis, also der Zins, soll sich nach diesen Schlaumeier-Ökonomen nicht ändern:
"Mankiw says the central bank should pledge to produce “significant” inflation. That would put the real, inflation-adjusted interest rate - the cost of borrowing minus the rate of inflation - deep into negative territory, even though the nominal rate would still be zero. If Americans were convinced of the Fed’s commitment, they’d buy and borrow more now".


Eigentlich wollte ich diesen Blott fortsetzen, aber dazu fehlt mir zum einen die Zeit. Zum anderen überblicke ich die Implikationen von Inflation nicht hinreichend, um hier eine fundierte Meinung zu äußern. Einerseits hätte ich nichts dagegen, die großen Geldbesitzer etwas ärmer zu machen. Andererseits trifft das aber auch die Kleinen, jeden, der ein paar Hundert oder Tausend Euro auf dem Sparbuch hat.
Und die Großen werden sich absichern - sogar mit Hilfe der "Inflationisten".

Einer von denen ist der Chefökonom des Weltwährungsfonds, der (schon seit langem) in Amerika lebende gebürtige Franzose Oliver Blanchard (von den Wikipedia-Einträgen momentan am ausführlichsten ist der französischsprachige). Der hat, mit Giovanni Dell’Ariccia und Paolo Mauro als Ko-Autoren, am 12.02.2010 das Arbeitspapier "Rethinking Macroeconomic Policy" publiziert.
Man kann nicht sagen, dass er darin eine höhere Inflation empfiehlt: er regt nur an, darüber nachzudenken, ob eine z. B. vierprozentige Inflation (mit einem entsprechend höheren Zinssatz) es nicht den Notenbanken leichter machen würde, in Krisenfällen die Zinsen stärker zu senken und auf diese Weise die Wirtschaft anzukurbeln.
Das ist die Textebene, aber schon eine solche Anregung ist ein Politikum, wenn sie vom Chefökonomen des Weltwährungsfonds kommt.
Darüber hinaus bin ich aber fest überzeugt (auch wenn so etwas natürlich nicht beweisbar ist), dass die o. a. Begründung nur vorgeschoben ist und dass es Blanchard in Wahrheit darum ging, die Staatsschulden teilweise wegzuinflationieren.
Mit diesem Eindruck stehe ich übrigens nicht allein. In dem Artikel "Inflation Steigende Staatsschulden schüren die Angst vor einer kalten Enteignung" in der Wirtschaftwoche vom 08.03.2010 schreibt Malte Fischer (meine Hervorhebung):
"Vor zwei Wochen zog auch der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard nach. In einem Positionspapier mit dem vielsagenden Titel „Rethinking Macroeconomic Policy“ stellte er die ketzerische Frage, ob „die Kosten einer Inflationsrate von vier Prozent wirklich höher sind als die von zwei Prozent Inflation“. Vordergründig argumentiert Blanchard, höhere Inflationsraten seien automatisch mit höheren Zinsen verbunden und böten den Zentralbanken im Krisenfall dadurch mehr Spielraum für Zinssenkungen. Tatsächlich dürfte es Blanchard jedoch darum gehen, ideologisch den Boden für einen Schwenk der Geldpolitik hin zu mehr Inflation zu bereiten."
Dass es in Wahrheit die Sorge um die Staatsschulden ist, welche Blanchard umtreibt, schimmert m. E. auch in dem Papier durch. So sagt er z. B. an einer Stelle: "the required degree of fiscal adjustment (after the recovery is securely under way) will be formidable ...".
Blanchard will Investoren schützen: "indexed bonds can protect investors from inflation risk" schlägt er vor. Und natürlich versuchen die Investoren, die großen zumal, sich selbst zu schützen: indem sie Gold und andere Sachwerte aufkaufen.
Dann frage ich mich freilich, wer die Verlierer sein sollen (oder, wenn man Blanchard glauben wollte, dass es ihm nicht um Staatsentschuldung durch Inflation geht, und dass er keine Verlierer will: wer die Verlierer sein werden). Denn dass eine Inflation neutral ist, glaube ich einfach nicht.

Das war aber mehr ein Einschub am Rande; kehren wir zu der Vorstellung von Inflation als Konsumpeitsche zurück, wie sie oben bei dem Mankiw-Aussage zum Vorschein kommt: ..."put the real, inflation-adjusted interest rate - the cost of borrowing minus the rate of inflation - deep into negative territory ...".
Einen negativen Realzins werden die Verbraucher auch dann nicht sehen, wenn die Notenbanken ihrerseits Geld zu solchen Konditionen verleihen. Denn schließlich wollen (und müssen) die Banken ja auch noch leben, und zudem müssen sie die Risiken in die Kreditpreise - also die Zinsen - einbeziehen. Es mag, zeitweise und bei galoppierender Inflation, auch mal vorkommen, dass die Realzinssätze für die 'Endverbraucher', die Bankkunden, negativ sind. Aber das werden allenfalls sehr seltene Ausnahmefälle sein; die Kreditnehmer (den Staat vielleicht ausgenommen) werden in aller Regel positive Realzinsen bezahlen. Warum sollte sie das zu höherem Konsum anregen?




Der Aufsatz "Wirkungen und Folgen der Inflation" (1980) von Prof. Gerhard Merk bringt nicht, was der Titel erwarten lässt. Vielmehr erinnert der Autor daran (was ebenfalls wichtig ist), dass es "die" Inflationswirkung(en) nicht gibt, sondern dass die möglichen Folgen von Inflation jeweils in einem "Wenn-Dann-Szenario" (mein Ausdruck) gedacht und beschrieben werden müssen.
Inflationsfolgen beschreibt er in seinem Aufsatz "Arten und Aufgaben des Geldes" (im Kapitel "Nebenfunktionen" unter Ziff. 3 -S. 3-, wo er Geld in seiner Rolle als Wertspeicher darstellt). (Auf S. 11 bietet er außerdem einige Informationen zur deutschen Hyperinflation der 20er Jahre.)

[Off Topic: Bemerkenswert ist Merks (aktuell eingeschobene?) Kritik der Ökonomenzunft am Ende eines anderen (kurzen) Aufsatzes "DIE "URSACHEN" DER INFLATION" (1975):
"As professor of economics during some decades I have come to have serious and deep-rooted doubts whether economics, as taught at present in universities, will ever do anything to make the world a better and happier place to live in."]









Textstand vom 13.03.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Zu einem „Permalink“, d. h. zu einem Link nur zum jeweiligen Artikel, gelangen
Sie mit einem Klick auf das Erstellungsdatum unterhalb des jeweiligen Eintrages.
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

Sonntag, 14. Februar 2010

Der Investitionsbegriff in der Volkswirtschaftslehre: Theologie oder Rumpelstilzchen-Invokation?


Im Forum der Uni-Protokolle für Volks- und Betriebswirtschaft wundert sich "berniebärchen" über meine Dummheit:
"... frage ich mich, wie man eine ellenlange Webseit erstellen kann, um über alle möglichen und unmöglichen Wirtschaftsprobleme unfachmännisch bzw. unwissenschaftlich zu diskutieren, und danach anfängt zu fragen, wie eigentlich diverse Grundbegriffe zu diesem Thema zu verstehen sind."

Montag, 8. Februar 2010

Griechenland-Bailout: endlich wird die Debatte von einer kompetenten Persönlichkeit als interessengesteuert identifiziert !

Da reib' ich mir die Augen (und relativiere in Gedanken meinen Blott "Deutsche Landesbanker durch die Bank finanzwirtschaftliche Fahrschüler?"): Es gibt bei den deutschen Landesbanken DOCH intelligente Menschen!

Tatsächlich hatte die NICHT im Subprime-Markt der US-Hypotheken "investiert", aber hier geht es mir um etwas anderes, nämlich den ersten (gewissermaßen:) Tacheles-Kommentar zur Griechenland-Krise, den ich bislang im deutschsprachigen Raum gelesen habe.

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hat ihn u. d. T. "Klartext zu der Budgetdefizitdebatte der Eurozone" auf den "Goldseiten" verfasst und er behandelt den Diskurs, wie es allein angemessen ist, nämlich in -2- Dimensionen:
- in einer (zwar nicht tiefschürfenden, aber dafür klarsichtigen) Analyse der Interessendimension (wer redet Griechenland aus welchen Gründen schlecht bzw. bläst zum Bailout-Halali auf die deutschen Steuerzahler) und
- in einer Kennzahlen-Analyse.
Auszüge (meine Hervorhebungen):