Sonntag, 29. April 2007

Sind wir Deutschen (Deutschsprachigen) Pessimisten? Kollaps, Untergang, Zusammenbruch: ein Streifzug durch die Wikipedia-Weltuntergänge


Wer immer von mir behaupten würde, dass ich ein Pessimist bin, genauer: ein Umweltpessimist, hätte - Recht. Als Autor z. B. des Beitrages "Mein Ressourcenpessimismus gehört mir!" könnte ich das kaum glaubhaft leugnen; und erhärtet würde ein solcher Verdacht der Leser, wenn sie sich von jenem Beitrag auf die Tags "Umwelt" oder "Ressourcenverknappung" weiterklicken würden.

Aber, wie man schon aus den Statistiken der Google-Trefferzahlen für Begriffe wie z. B. "Umweltpessimismus" (20 per 29.04.07) einerseits und "environmental pessimism" (576 Treffer per 29.04.07) andererseits vermuten kann: tatsächlich ist Pessimismus in Bezug auf die Zukunft der Menschheit auf unserem Planeten, oder jedenfalls Befürchtungen, dass unsere hoch entwickelte Zivilisation sich nicht auf Dauer aufrecht erhalten lässt, im anglophonen Sprachgebiet (und vermutlich sogar in den USA, obwohl sich das aus einer solchen "Statistik" gar nicht oder allenfalls äußerst mühsam extrahieren lässt) vielleicht sogar noch weiter verbreitet als bei uns (was andererseits aber wohl auch für den Optimismus, z. B. der "cornucopians" gilt).

Aus irgendwelchen Zusammenhängen heraus kam ich kürzlich wieder zu dem Wikipedia-Artikel über das berühmte Buch von Edward Gibbon "The History of the Decline and Fall of the Roman Empire".
Von dort war es ein Katzensprung zu anderen Erörterungen über den Verfall des Römischen Reiches, wie sie in dem Wkipedia-Artikel "Decline of the Roman Empire" (neun Druckseiten) dargestellt sind, oder entsprechend auf Deutsch unter "Untergang des Römischen Reiches" (allerdings nur im Umfang von vier Druckseiten).

[Interessant ist übrigens die Verwendung unterschiedlicher Begriffe für den gleichen Sachverhalt, nämlich im Deutschen "Untergang" und im Englischen "Decline", wobei letzterer den Sachverhalt deutlich präziser, nämlich als Vorgang, kennzeichnet: "a failing or gradual loss, as in strength, character, power, or value; deterioration: the decline of the Roman Empire", sagt das Lexikon "dictionary.com", während die Deutsche Sprache nur das Resultat -das im übrigen heutzutage sogar umstritten ist, weil heute viele Historiker von einer "Transformation" des Römischen Reiches ausgehen (was immer das, im Vergleich zum "Untergang" sein mag: Bäder und Theater wurden jedenfalls nicht transformiert, sondern verschwanden)- im Blick hat. Deshalb bemerkt die englischsprachige Wikipedia auch treffend über den Titel von Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" (zehn Druckseiten, im Deutschen elf): "Scholars now agree that the word "decline" more accurately renders Spengler's intended meaning, as opposed to the original German word 'Untergang' (often translated as the more emphatic 'downfall'). Spengler would explain that he did not mean to describe a catastrophic occurrence, but rather a protracted fall—a twilight or sunset. 'Untergang' can be interpreted in both manners, and after World War II, most critics and scholars chose to read it in the cataclysmic sense."]

Von diesem Untergang der alten Römer ausgehend klickte ich mich durch die Welt der (Menschen-)Welt- und anderer Untergänge und fand für nicht wenige Stichworte in der englischsprachigen Wikipedia keine deutsche Entsprechung. Nun gibt es unstreitig sehr viel mehr Menschen, die Englisch sprechen, als Deutschsprachige. Trotzdem (und darauf bin ich sogar stolz, obwohl ich persönlich nichts dazu beigetragen habe) haben "wir" immerhin bislang immerhin auch schon 577.133 Artikel (Stand 29.04.07) auf die Beine bzw. ins Netz gestellt, verglichen mit 1,760,649 Stichworten in der englischsprachigen Version, also rund 1/3.

Schauen wir uns nun um und an, welche Stichworte in beiden Sprachen Pessimismus über die Zukunft der menschlichen (oder zumindest unserer westlichen)
Zivilisation indizieren könnten. Auch wenn ich dabei nicht systematisch vorgehe (u. a. müsste ich sonst auf der "Haben-Seite" auch die jeweiligen Optimisten "bilanziell aktivieren"), nicht sehr tief schürfe und die vorliegende Eintragung nicht als anspruchsvolle Studie, gedacht ist, könnte er immerhin als Anregung oder Materialsammlung (zumindest für mich selbst) von Interesse und Nutzen sein.

Falls sich eine signifikant höhere Zahl einschlägiger Einträge im Englischen finden sollte, wäre das allerdings noch nicht zwangsläufig ein Anzeichen für größeren Pessimismus. Man könnte es ebenso als ein Indiz für ein höheres Risikobewusstsein (oder evtl. -nur oder auch- für eine größere Debattierfreude) verstehen (woraus man dann wohl schlussfolgern müsste, dass die anglophone Welt intellektuell weiter fortgeschritten ist als wir).

Wie auch immer: nachfolgend werde ich meine Funde im Wesentlichen nach folgenden Kriterien auflisten:

- Englisches Stichwort (Zahl der Druckseiten per 29.04.07 bzw. dem ggf. explizit genannten Datum; Einstellung 100% im Browser Internet Explorer 7, was allerdings im Grund egal ist, da es hier ja lediglich um das Verhältnis der Textlängen in der englisch- bzw. deutschsprachigen Wikipedia geht.)
- Soweit erforderlich: Thema, Inhalt; evtl. auch interessante Details
- Deutsche Entsprechung (Zahl der Druckseiten), wenn eingetragen bzw. auffindbar (sonst: "keine Entsprechung")
- Bzw. ggf. nur ein deutschsprachiges Stichwort (mit den entsprechenden Zusätzen), sofern es umgekehrt einmal keine englischsprachige Äquivalenz geben sollte.


"Collapse" (5 S.)
- Behandelt das gleichnamige Buch von Jared Diamond
[vgl. im übrigen auch unten das Stichwort "Societal collapse"]
- In der deutschen Wikipedia wird das Buch nicht separat behandelt, und (derzeit jedenfalls) geht auch das Stichwort "Jared Diamond" nicht näher darauf ein. Eine Entsprechung für den Begriff "collapse" allgemein wäre natürlich "Kollaps", der zwar aufgeführt ist, aber nicht mit der Bedeutung "sozialer Zusammenbruch". Zusammenbruch (Definition, 1 S.) (Zitat: "Der Begriff Zusammenbruch bezeichnet den schlagartigen Übergang eines Systems von einem bestimmten Zustand in einen anderen, nicht benachbarten Zustand (d. h. der Folgezustand unterscheidet sich wesentlich vom Anfangszustand). Meistens ist dieser Übergang auch unvorhergesehen und/oder irreversibel. Der Begriff wird oft auch synonym zum Kollaps verwendet.") Auch hierbei denken aber der/die deutschsprachige(n) "Redakteur"(e/in) nicht an einen Zusammenbruch der Kultur insgesamt, etwa nach Art von Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes", sondern mehr im politischen (relativen) 'Nahfeld': "In der Nachkriegszeit nach 1945 wurde das Ende des 'Dritten Reiches' zumeist als 'Zusammenbruch' bezeichnet, während Ausdrücke dafür wie 'Befreiung' (o.ä.) außerhalb der Sprachregelung der DDR gänzlich ungebräuchlich waren."
(Wenn man das Wort "Zusammenbruch" im Volltext aller Wikipedia-Artikel sucht, findet man häufig militärische und wirtschaftliche Bezüge auf Einzelereignisse.)

"Cultural pessimism" (2 S.)
- Zitat: "Cultural pessimism is a variety of pessimism, as formulated by what is nowadays called a cultural critic."
- An "Kulturpessimismus" stellen wir deutlich mehr auf die Beine, nämlich -7- Druckseiten!
[Randbemerkung: man muss allerdings aufpassen, dass man den Kulturpessimismus im eigentlichen Sinn einer Antizipation kulturimmanenter Probleme nicht mit einem 'Zivilisationspessimismus' verwechselt, der Probleme der Menschheit insgesamt mit der Umwelt erwartet. Auf diese Unterscheidung lege ich deshalb besonderen Wert, weil ich der Kulturkritik i. e. S. sehr kritisch gegenüber stehe -vgl. Eintrag "Es muss nicht immer Simmel sein: Kulturkritik-Kritik"-, aber durchaus -auf der theoretische Ebene- ein "Zivilisationspessimist" im dargelegten Sinne bin.]

"Decadence" (3 S.)
- Entsprechung: "Dekadenz" (2 S.)

"Decline"
- Zitat: "Decline is a change over time from previously efficient to inefficient organizational functioning, from previously rational to non-rational organizational and individual decision-making, from previously law-abiding to law violating organizational and individual behavior, from previously virtuous to iniquitous individual moral behavior."
- Ungefähre deutschsprachige Äquivalenzen wären wohl "Verfall" ("die durch Zeitablauf hervorgerufene allmähliche Verschlechterung einer Sache") und "Zerfall" ("Zerfall ist die Auflösung einer bestehenden geordneten Struktur"). (Für das hier ebenfalls in Betracht kommende Wort "Zusammenbruch" siehe unter "collapse".)
- Alle vorgenannten (engl. + dt.) Stichworte haben im Wesentlichen nur eine definierende (Wörterbuch-)Funktion und überschreiten deshalb nicht eine Druckseite.

"Degeneration" (nur gut 1 S., aber mit dem Hinweis "This article deals with the social-philosophical meaning of degeneration. For other meanings associated with degeneration, please see degeneracy.")
- Der deutsche Eintrag " umfasst zwar 6 Druckseiten, aber der geschichtsbezogene, dem o. a. englischen Eintrag vergleichbare Teil dürfte auch nicht länger als 1 S. (eher kürzer) sein.

"Doomsday argument" (14 S.)
- Zitat: "The Doomsday argument (DA) is a probabilistic argument that claims to predict the future lifetime of the human race given only an estimate of the total number of humans born so far."
- Dt.: "Doomsday-Argument" (2 S.) (Zitat: "Das Doomsday-Argument, deutsch Weltuntergangsargument, ist eine Überlegung, die eine Wahrscheinlichkeitaussage über den Zeitpunkt des Endes der Menschheit vorgeblich zwingend begründet und dazu lediglich eine Schätzung der Anzahl aller bisher geborenen Menschen benötigt.")

"Dysgenics" [derzeit ein Artikel von umstrittener Qualität] (3 S.) ist ein Begriff und eine Vorstellung, die mir bisher unbekannt waren.
- Zitat: "Dysgenics is a term applied by some researchers to describe the evolutionary weakening of a population of organisms relative to their environment, often due to relaxation of natural selection or the occurrence of negative selection. It is not a topic of significant scientific research, but appears occasionally in fiction and the popular media. While discussed in biology, dysgenics is a controversial term, especially when applied to humans, and is generally considered a scientific hypothesis."
- Die deutsche Entsprechung heißt "Dysgenik" (4 S.; Zitat: "Dysgenik (engl. Dysgenics) bezeichnet im Kontext der Evolutionstheorie eine unterstellte 'Schwächung des genetischen Potentials' einer biologischen Art oder Population - auch und speziell des Menschen - relativ zu konkurrierenden Arten oder Populationen. Als Ursache hierfür werden von den Vertretern dieser evolutionstheoretischen Annahme veränderte (für den Fortbestand der Art oder Population 'ungünstige') Selektionsbedingungen benannt, d. h. verschlechterte Fortpflanzungs- und Überlebenswahrscheinlichkeiten.")

"End of the world" ist eine Eintragung mit lediglich verweisendem Charakter; einer Entsprechung zum deutschen Stichwort "Weltuntergang" etwas näher kommt allenfalls der Eintrag "Risks to civilization, humans and planet Earth" (s. u.).
- Das dt. Stichwort "Weltuntergang" (2 S.; Zitat: "Der Weltuntergang ist der Begriff für ein natürlich oder künstlich herbeigeführtes Ereignis, das die Menschheit, den Planeten Erde oder das Universum vernichtet") wird in der Wikipedia-internen Diskussion derzeit (29.04.07) als verbesserungswürdig kritisiert.

"Global scenario group" (gut 2 S.) ist ein Stichwort, dessen Zusammenhang mit dem vorliegenden Thema zwar nicht unmittelbar evident ist, das aber enorm wichtig ist, weil es die Grenzen unseres Wissens um zukünftige Ereignisse hervorhebt und, davon ausgehend, die Notwendigkeit, in 'Wenn-dann-Zusammenhängen', "Szenarien" also, zu denken.
- Zitat: "The Global Scenario Group (GSG) was a team of environmental scholars, headed by Paul Raskin, who used scenario analysis to analyze future paths for world development in the face of environmental pressures and crises. Convened by the Tellus Institute and Stockholm Environment Institute in 1995, the GSG based its scenarios on quantitative social, economic, and environmental research from world regions ..."
- Keine deutsche Entsprechung (auch nicht für "Tellus Institute" oder "Paul Raskin"); das finde ich ausgesprochen bedauerlich, weil gerade ein solcher relativierender Ansatz besonders interessant ist.

"Human extinction" (8 S.):
- Hier ein Auszug, der nicht repräsentativ für die -sehr balancierte- Darstellung ist, für mich aber interessant ist, weil er auf die Dimension der Wahrnehmung abstellt:
"Tversky and Kahneman have produced evidence that humans suffer cognitive biases which would tend to minimize the perception of this unprecedented event:
Denial is a negative 'availability heuristic' shown to occur when an outcome is so upsetting that the very act of thinking about it leads to an increased refusal to believe it might occur. In this case, imagining human extinction probably makes it seem less likely. In cultures where human extinction is not expected the proposition must overcome the 'disconfirmation bias' against heterodox theories.
Another reliable psychological effect relevant here is the 'positive outcome bias'.
Behavioural finance has strong evidence that recent evidence is given undue significance in risk analysis. Roughly speaking, "100 year storms" tend to occur every twenty years in the stock market as traders become convinced that the current good times will last forever. Doomsayers who hypothesize rare crisis-scenarios are dismissed even when they have statistical evidence behind them. An extreme form of this bias can diminish the subjective probability of the unprecedented."
[Hervorhebungen von mir]
- Keine Entsprechung

"Limits to Growth" (4 S.)
- Behandelt das 1972 im Auftrag des "Club of Rome" publizierte gleichnamige Buch.
- Dt.: "Die Grenzen des Wachstums" (4 S.)

"Risks to civilization, humans and planet Earth" (7 S.!)
- Zitat: "Risks to civilization, humans and planet Earth are existential risks that would imperil humankind as a whole and/or have major adverse consequences for the course of human civilization, human extinction or even the end of planet Earth. The concept finds expression in various idiomatic phrases such as 'End of the World', 'Doomsday', 'TEOTWAWKI' and others. The prediction of future events is known as futures studies."
- Keine deutsche Entsprechung (ganz entfernt ist allenfals vergleichbar das Stichwort "Weltuntergang" (2 S.; s. a. oben unter "End of the World").

"Social disintegration" (1 S.)
- Keine Entsprechung

"Societal collapse" (5 S.!)
- Zitat: "Societal collapse is the large scale breakdown or long term decline of the culture, civil institutions or other major characteristics of a society or a civilization, on a temporary or permanent basis. The breakdown of cultural and social institutions is perhaps the most common feature of collapse. Although societal collapse has previously been viewed as an endpoint for a civilization, the phenomenon is only a description of the processes of change in that civilization. Societies may not end or die when they collapse, but may instead adapt and be born anew. Societal collapse is certainly not a benign social process, but it may also result in a degree of empowerment for the most disenfranchised sections of the collapsing society."
- Keine Entsprechung [für "Zusammenbruch" vgl. oben unter "Collapse"]

"Urban decay" (5 S.!)
- Zitat: "Urban decay is a process by which a city, or a part of a city, falls into a state of disrepair. It is characterized by depopulation, property abandonment, high unemployment, fragmented families, political disenfranchisement, crime, and a desolate and unfriendly urban landscape."
[Randbemerkung: Das Stichwort verlinkt u. a. zu einer kanadischen Webseite mit Bildern von -ich formuliere mal ganz vorsichtig:- zerfallender Bausubstanz in amerikanischen und kanadischen Städten. Die Ästhetik des Verfalls (Verfallsästhetik) ist schon wieder richtig schön; ähnlich haben ja westliche Reisende das Elend in unterentwickelten Gegenden nicht selten als "malerisch" ("picturesque") empfunden und beschrieben.]
- keine Entsprechung, obwohl das Phänomen sicherlich auch bei uns (wenn auch vermutlich in geringerem Umfang) existiert.


Summa summarum kann man (sofern ich nicht allzu viele deutschsprachige Wikipedia-Einträge aus dem o. a. Themenfeld übersehen habe, weil sie unter Stichworten gelistet sind, die mir derzeit nicht einfallen) m. E. feststellen, dass die Deutschen (bzw. die Menschen deutscher Zunge) jedenfalls nicht pessimistischer sind als die Menschen mit englischer Muttersprache, oder, wenn einem diese Formulierung zu weit geht, dass zumindest eine Analyse der Wikipedia-Einträge eine solche Annahme nicht stützen kann.
Denkbar ist allerdings auch, dass das Bewusstsein von der Fragilität und Gefährdung der menschlichen Existenz und ihrer hoch entwickelten Organisationsformen in der englischsprachigen Welt weiter entwickelt ist als bei uns. Das könnte auf eine vergleichsweise geringere Reflexionstiefe im einstigen Land der Dichter und Denker deuten.


Nachtrag 21.05.07

Wer's richtig pessimistisch (ich würde allerdings sagen: realistisch!) mag, muss schon nach Amerika gehen. "Hoffnung? Keine!" verkündet uns von dort der Schriftsteller T. C. Boyle.
Der Artikel (in der "Zeit" vom 19.04.07; mir spielte ihn das Schicksal wieder mal im Zug in die Hand, am 17.05.07 - Christi Himmelfahrt oder Vatertag) war der letzte in einer Reihe "Die Zukunft der Natur. Alle reden von Klimakatastrophe und Umweltschutz. Doch welche Natur ist es, die wir vor uns selbst schützen wollen?"

Über die deutschen Beiträge sage ich hier nichts; mein negatives Urteil über das (größtenteils) Geschwafel müsste im Einzelnen begründet werden; dazu habe ich jetzt aber keine Zeit.


Nachtrag 25.09.2008
Vgl. für den vorliegenden Zusammenhang auch die Kunstausstellung "German Angst" im Berliner Kunstverein. (vgl. Berichte "Die aufgefressene Seele" von ELKE BUHR, Frankfurter Rundschau; hier ein Bericht auf Englisch; und dort auf der Homepage des Veranstalters Neuer Berliner Kunstverein e.V. .
Nicht auf die Ausstellung bezogen: "Das Ende der 'German Angst' " und "Wie die Deutschen das Lieben lernten".)


Nachtrag 28.05.2009
Vgl. zum Thema auch nachfolgende Artikel aus der ZEIT:
"Amerikanische Grippe. Panik vor dem Unbekannten" vom 30.04.09;
und spezifisch zur "german angst":
"Werte-Debatte. Zum Glück sind wir Pessimisten" von Kai Biermann, 28.5.2009 und
"Cool in der Krise. Was ist aus der German Angst geworden?" von Ulrich Greiner, 14.05.09.


Nachtrag 24.10.2011
Ebenfalls aus der ZEIT heute wieder mal die Behauptung, dass wir Deutschen besonders pessimistisch seien (und sich das schon in unserer Sprache ausdrücke): "Sprache. Das Ende ist nah, yeah" (Autor: David Hugendick).


Textstand vom 01.06.2024

Samstag, 21. April 2007

Es muss nicht immer Simmel sein: Kulturkritik-Kritik

Bislang hatte ich in meinem Blog nur eigene Texte (wenn auch häufig unter Verwendung von Zitaten anderer) publiziert. Das könnte sich jetzt ändern, da ich die Möglichkeit habe, meine Blogs zu "taggen", sie also mit Hilfe von Stichworten bestimmten (auch mehreren) Kategorien zuzuordnen (vgl. meinen Eintrag "DER GOOGLE-GULP" vom 15.04.2007). Jetzt macht es Sinn, Auszüge von Texten anderer für mich (aber auch für evtl. andere interessierte Leser) durch Veröffentlichung in meinem Blog und eine (im Rahmen der mich umtreibenden Thematiken) zweckmäßige Verstichwortung "aufzubewahren", vielleicht für eine spätere Verwendung in anderen Zusammenhängen.

Noch besser wäre es natürlich, wenn die "Favoriten" oder "Bookmarks" des Internet-Browsers die Möglichkeit bieten würden, Stichworte und Kommentare einzufügen und Textauszüge zu markieren. Anscheinend gibt es so etwas Ähnliches tatsächlich, aber dafür muss man, wenn ich das richtig verstanden habe, seine Favoriten auf fremden Servern (z. B. bei Google) speichern. Das ist mir allerdings etwas unheimlich, so gänzlich an fremden Nabelschnüren zu hängen. Beim Blog ist das zwar auch der Fall, aber natürlich verlinke ich interessante Texte auch weiterhin (zusätzlich) in meinen "Favoriten".
Schade ist nur, dass man die "Tags" oder, wie man sie bei Blogspot nennt, die "Labels" nicht hierarchisch organisieren kann, wie es bei den "Favoriten"-Ordnern möglich ist, also z. B. alle Personen in einem übergeordneten Stichwort "Personen" zusammenfassen. Denn schon jetzt wird bei mir die Vielzahl der Labels langsam unübersichtlich. Aber eines Tages wird das Problem in größerem Umfang auch bei anderen auftreten, und die Blog-Provider werden Lösungen dafür anbieten.
Sehr angenehm ist jedenfalls schon jetzt, dass ich beim Eintragen der Stichworte Vorschläge erhalte. Wenn ich also z. B. in dem entsprechenden Feld anfange, ein Wort mit "K..." einzutragen, öffnet sich sofort ein Popup-Fenster, das mir meine bisherigen K-Worte anzeigt und aus welchem ich durch einfaches Anklicken einen Begriff übernehmen kann. Zauberhaft!

[Eigentlich ist jetzt auch die Auflistung meiner Blog-Einträge auf meiner Webseite "Drusenreich – Teil 1" in der Rubrik "Aus meinem Blog-Haus" nicht mehr so wichtig. Hätte ich von vornherein die Möglichkeit der Verstichwortung gehabt, hätte ich eine derartige Aufstellung wahrscheinlich gar nicht begonnen. Aber aus reiner Gewohnheit heraus (und weil sie einige vielleicht einmal interessante Übersicht erlaubt) werde ich auch diese Titelliste mit kurzer Inhaltsangabe, vorerst zumindest, fortführen.]

Nun aber zurück zum eigentlichen Thema dieses Eintrages.

Die Kulturkritik, bzw. die Kritik an der Kulturkritik (jedenfalls der herkömmlichen: Stichwort "Entfremdungsdiskurs"), also die "Kulturkritikkritik", treibt mich schon lange um. Und dazu habe ich einen hübschen Text gefunden, der mit leichter Hand die mentalen Carceri pseudo-tiefsinniger Reflexionen demontiert (indem er z. B. Simmels mystifizierende Beschreibung der Wirkungen des Geldes auf den Menschen auf ihre wirtschaftsgeschichtliche Grundlage einerseits und auf die Präferenzen der meisten Menschen andererseits zurück führt).



Es liegt mir fern, Prof. Hubertus Busche für meine Position zu vereinnahmen. Aber seine Antrittsvorlesung bei der Fern-Universität Hagen u. d. T. (und zu dem Thema) "Georg Simmels 'Tragödie der Kultur' - 90 Jahre danach" [jetzt nicht mehr dort zu erreichen, doch finden wir eine anscheinend leicht veränderte Version im "IABLIS Jahrbuch für europäische Prozesse" online.] ist eine kluge Kritik an der Kulturkritik: nicht nur derjenigen des kaiserzeitlichen Soziologen und Philosophen Georg Simmel, sondern auch des gesamten Entfremdungs-Geschwafels (meinetwegen auch: Entfremdungs-Diskurses). [Meine Blog-Überschrift ist natürlich selbst eine Mystifizierung, weil sie sich nicht auf Johannes Mario Simmel und dessen Buch "Es muss nicht immer Kaviar sein" (das ich auch gar nicht gelesen habe) bezieht] Der vorliegende Eintrag dürfte der bislang passendste Ort für mich sein, einige Fundstücke aus seinem Vortrag für mich (und für eventuelle Leser und Leserinnen) aufzubewahren:

"Was Simmel in diesem Zusammenhang tatsächlich beschreibt, ist lediglich die enorme Bedeutsamkeitssteigerung, die das Geld in der modernen Welt erfährt. Weil das Geld für jeden Einzelnen zur vielleicht größten schicksalhaften irdischen Macht überhaupt geworden ist, hat Kenneth Burke in den sechziger Jahren das Geld zum »god term« erklärt (A Grammar of Motives, New York 1962, 355 f.). Und noch Luhmann hat in seinem letzten prähum veröffentlichten Buch die These vertreten, »das Geld scheint auf dem Wege zu sein, das Medium schlechthin zu werden«, nämlich das Medium, das auf alle gesellschaftlichen Funktionssysteme übergreift (Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1997, 723). Ein Hauptgrund für diese ungeheure Bedeutsamkeitssteigerung des Geldes liegt darin, dass es nach dem historischen Übergang von der agrarisch statischen Bedarfsdeckungswirtschaft zur industriellen Lohn- und Entgeltungswirtschaft kaum noch Selbstversorger gibt. Damit brauchen fast alle das Geld als unentbehrliches Mittel der Existenzfristung. So ungemütlich und beklagenswert diese fast vollständige Geldvermitteltheit unseres Alltags auch sein mag, so ist sie doch in keiner Weise angemessen beschrieben als eine psychische Verselbständigung des Geldes zu einem ›Zweck‹ oder ›für sich befriedigenden Wert‹. Die Leute hängen am Geld nicht, weil es das ›Ziel aller Ziele‹ geworden wäre, sondern weil es das Mittel aller Mittel geworden ist, das die größte Tauschkapazität zur Realisierung immer neuer, und zwar selbstgesetzter Zwecke besitzt. Und wenn man davon ausgeht, dass die meisten Menschen in Antike wie Gegenwart das angenehme Leben und nicht das anstrengende Glück geistiger Kultur suchen, dann lieben sie das Geld allenfalls deshalb, weil es das Universalmittel zur Realisierung so vieler ungeistiger Zwecke ist. Simmels Behauptung dagegen, das Geld habe sich in der Moderne zum Endzweck verselbständigt, scheint ähnlich absurd wie die Behauptung, dass ein mittelalterlicher Bauer, der aus Not tags und nachts mit der Bewirtschaftung seines Hofes beschäftigt ist, damit den Hof zum Selbstzweck macht. .....
Simmels begriffliche Stilisierung der Sphäre gesamtgesellschaftlicher Produktionen zu einer Sphäre ›objektiver Kultur‹ zieht zweitens auch die Einseitigkeit nach sich, dass Simmel auf ein Kapazitätsproblem der Individuen reduzieren muss, was sich näher betrachtet als ein Selektionsproblem darstellt. Es scheint, dass gerade an dieser Fähigkeit zur glücklichen Selektion die Schicksals- und Überlebensfrage für die individuelle Geisteskultur, ja sogar für das geistige Immunsystem der Menschen hängt. Für eine solche wählerische Unterscheidung und Bevorzugung dessen, was aus der gigantischen Unmenge der gesellschaftlichen Produktionen überhaupt wichtig und würdig ist für geistige Assimilation, braucht das Individuum allerdings zwei Fähigkeiten: erstens Urteilskraft für die Erkenntnis dessen, was die Menschen - pathetisch gesprochen - höher und besser macht, und zweitens Widerstandskraft gegen die kulturfeindliche Innenweltverschmutzung durch die massenmediale Bedürfniserzeugungsindustrie. Hier ergibt sich allerdings das Problem, dass diese beiden Kardinaltugenden postmoderner Geisteskultur nicht einfach als natürliche Ressourcen vorausgesetzt werden können, sondern ihrerseits bereits Produkte von geistiger Kultur sind. Und deshalb scheint sich die zentrale Frage, ob Simmel wirklich einen langfristigen tragischen Untergang oder nur einen dramatischen Gestaltwandel von Kultur beschreibt, auf die Kernfrage zuzuspitzen, ob in postmodernen Gesellschaften Menschen gedeihen können, die diese Kräfte entwickeln. Dass es durch die Datenflut zwangsläufig zu einer Erosion der Urteilskraft kommen müsse, scheint mir ebensowenig ausgemacht, wie dass es durch das Dauerbombardement mit Informationen und Unterhaltungsmüll zu einer geistigen Abwehrschwäche kommen müsse. .....
Einen Punkt muss man Simmel jedoch, mit ihm über ihn hinausdenkend, einräumen, und es ist schade, dass ich ihn hier aus Zeitgründen nicht verdeutlichen kann anhand der psychologisch-pädagogischen Gegenwartsdebatten zum beschleunigten Zeitbewusstsein, nämlich dass der Zuwachs an technisch-medialer Komplexität und an gesellschaftlichem Tempo zu einer massiven Schwerpunktverlagerung innerhalb der geistig assimilierten Inhalte führen wird: Individuelle Geisteskultur wird, unter den Bedingungen jener von Simmel eindrucksvoll beschriebenen »Beschleunigung des Lebenstempos« (VI 699), immer weniger aus langen Büchern und Gesprächen schöpfen können und folglich immer weniger aus prägenden Zitaten und Grundgedanken im Langzeitgedächtnis bestehen können, sondern immer mehr bestehen müssen aus dem Know-how rascher Zugriffstechniken und abstrakter Transferleistungen. Und vielleicht ist dies die schmerzlichste Folge des Umbruchs von der Agrargesellschaft zur high-tech-medialen Variante von Industriegesellschaft: dass - in Ciceros Metaphorik - die pflegende Sorgfalt bei der Bearbeitung des eigenen Geistesackers immer weniger heimische Vertrautheit an Saat und Scholle findet und immer mehr an der Technik von Saat- und Erntemaschinen. .....
Ganz offensichtlich beschreibt Simmel hier in unzulänglicher Theorie dasjenige, was die Luhmannsche Systemtheorie als Ausdifferenzierung autonomer und autopoietischer Funktionssysteme der modernen Gesellschaft interpretiert. Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Erziehung, Religion oder Politik der Gesellschaft gehorchen inzwischen wohl einer funktionalen Eigengesetzlichkeit und Systemrationalität, die nach exklusiven Codes und eigenen Medien operieren. Simmels Hinweis auf die »Richtungsverschiedenheit« ... dieser Funktionssysteme ist völlig zutreffend, da sie ja unterschiedliche Methoden internalisiert haben, hochspezielle Teilprobleme der Gesellschaft zu bewältigen. Gleichwohl leuchtet seine Anspielung auf den Turmbau zu Babel nicht ein, der zufolge die einzelnen Bereiche »als Gesamtheit eigentlich schon vom Schicksal des babylonischen Turmes ereilt [scheinen] und ihr tiefster Wert, der gerade in dem Zusammenhang ihrer Teile besteht, mit Vernichtung bedroht scheint« ... . Denn schief bleibt der implizite Vergleichspunkt, die Aufsplitterung der gemeinsamen Ursprache in eine Vielzahl von Sprachen. Man könnte nämlich mit Luhmann durchaus einräumen, dass die Funktionssysteme unserer insgesamt zentrumslos gewordenen Gesellschaft sich - wie die Köpfe einer Hydra - wechselseitig beobachten und irritieren, ohne dass sie sich gegenseitig instruieren könnten. Und man dürfte ferner einräumen, dass das Recht eine völlig andere Sprache spricht als etwa die Kunst oder die Religion. Die Frage ist jedoch, welchem Subjekt man diese Vielsprachigkeit beilegt. Das Bibelwort, »daß keiner des anderen Sprache verstehe« (1. Mos. 11, 7), gilt zwar für die einzelnen Funktionssysteme als solche, nicht jedoch für die Individuen, die in irgendeinem Grad an allen Teilsystemen partizipieren und deshalb auch alle Teilsprachen erlernen können. Wie aber die Polyglottie bei Nationalsprachen ein Zeichen geistig kultivierter Individuen ist, so könnte man auch in der Beherrschung vieler Systemsprachen gerade eine Herausforderung für die individueller Kultur sehen! Simmels Furcht vor der »Vernichtung« des Gesamtzusammenhangs zwischen den Teilsystemen ist zwar nicht unbegründet, wenn man sich die massiven Steuerungsprobleme unserer Gesellschaft vor Augen hält.
Bilanziert man am Ende Simmels These von der ›Tragödie der Kultur‹, so wird man sagen müssen, dass ihre historische Großperspektive uns über folgendes belehrt: Individuelle Geisteskultur ist in fortgeschrittenen Gesellschaften strukturell erheblich schwerer geworden. Und ihr ursprünglich agrarischer Geist eines Bebauens und Wohnens im überschaubaren Vertrautheitsradius verfliegt zunehmend in einen nomadischen Geist umhergetriebener Großstadtvölker, die wie Fremdlinge durch immer weitere und virtuellere Steppen reiten. Dass aber jener agrarische Weg der Seele von sich selbst zu sich selbst der wahre oder einzige sei, könnte ein alteuropäisches Vorurteil sein. An alteuropäischen Werten gemessen muss der neue Weg als eine umweltbedingte Kümmerform von Kultur erscheinen. Falls es jedoch auch eine neonomadische Geisteskultur geben sollte, so hat sie mit der alten agrarischen immerhin eines gemeinsam. Auch sie kann sich niemals zu einem autopoietischen Funktionssystem namens ›die Kultur der Gesellschaft‹ ausdifferenzieren."
[Hervorhebung von mir]




Textstand vom 10.07.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

Sonntag, 15. April 2007

DER GOOGLE-GULP

Verschlungen bin ich nun, mit Haut und Haaren, in der Google-Gruppen-Gemeinschaft.

Beim Versuch, wie gewohnt die Schreibfunktion zu meinem Blog aufzurufen, erschien heute (15.04.07) morgen folgender Text:

"Um fortzufahren, müssen Sie sich über Ihr Google-Konto in Blogger anmelden.
Die neue Version von Blogger benötigt ein Google-Konto für den Zugriff auf Ihre Blog-Funktionen
."

Das missfällt mir, also versuche ich, das System zu überlisten und gehe in meinen Blog und dann auf die Funktion "Anmelden".
Tatsächlich erscheint oben auf der Webseite eine Zeile

"Sie haben nicht auf ein Google-Konto umgestellt? Bei altem Blogger anmelden" mit Link zur entsprechenden Maske.

Ich melde mich an, und komme zur einer Maske mit folgenden Texten:

Unternehmen Sie die ersten Schritte mit der neuen Blogger-Version.
Wir haben Blogger im großen Stil optimiert! Um diese Vorteile nutzen zu können, müssen Sie Ihre Blogs in zwei einfachen Schritten übernehmen. Ihre Blogs werden dabei jedoch in keiner Weise verändert.
Alte Anmeldeinformationen bestätigen
Verwenden Sie Ihren Blogger-Nutzernamen und das zugehörige Passwort. Wir stellen alle Blogs dieses Kontos auf ihr Google-Konto um.
Wählen Sie als nächstes ein Google-Konto aus.
Nach der Anmeldung können Sie auswählen, über welches Google-Konto Sie sich künftig anmelden möchten. Sie können ein neues Google-Konto erstellen oder eine Verknüpfung zu Ihrem bestehenden Konto einrichten.
Weitere Informationen zu Google-Konten
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Was habe ich davon?
Neue Möglichkeiten zum Anpassen Ihrer Vorlage
Verwenden Sie die Drag & Drop-Funktion für Seitenelemente und ändern Sie problemlos die Schriftart und das Farbschema Ihrer Vorlage.
Private Blogs
Erstellen Sie ein Blog, das nur Ihren Freunden und Ihrer Familie und nicht ganzen Web-Gemeinschaft angezeigt wird
Labels
Weisen Sie Ihren Posts ein Kategorie-Label zu, sodass Sie und Ihre Leser nach Thema sortieren können.


Und was habe ich dagegen?
Dass ich sehr stark das Gefühl habe, ich soll irgendwie kommerziell genutzt werden; noch nicht jetzt direkt, aber irgendwie soll ich in den Kral der Google-Gemeinde eingepfercht werden, um anschließend eine nutzbringende Schur meiner Wolle zu ermöglichen.

Auch wenn die neue Blogger-Version einige weitere Möglichkeiten bietet (speziell die Rubrifizierung der Einträge mittels "Tags" oder, wie es hier bei Blogspot heißt, "Labels"), ist der Mehr-Wert nicht so groß, dass ich freiwillig umgestiegen wäre (vgl. meinen Blog-Eintrag "Google und die Blogger: brüderliche Umarmung oder laokoontische Umstrickung?" vom 25.11.06).

Deshalb bin ich definitely not amused über meine Einhegung in die Google-Gemeinde.


P. S.: An das "Taggen" allerdings kann man sich gewöhnen: Tagging is fun! [Wenn ich jetzt noch wüsste, wie man die "Tags" oder "Labels" vollständig (am Seitenrand des Blogs) für die Leser sichtbar macht... (und wie man automatisch "Permalinks" einfügen kann) - dann wäre ich beinahe schon mit der krakistischen Google-Groups-Umarmung versöhnt.]



Textstand vom 17.04.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

Sonntag, 8. April 2007

Eine Träne im Knopfloch. Im Privatmuseum "Nostalgie-Haus" in Wächtersbach




Im Wächtersbacher Nostalgie-Haus ...





... wird schmutzige Wäsche gewaschen: ja, ja, die gute alte Zeit ... (war so gut nun auch wieder nicht).
(Titelseite aus dem 3. Jahrgang der Bild-Zeitung, also von 1955). (2 Jahre später, 1957, wurde Rosemarie Nitribitt ermordet: Sie erinnern sich?)

Mit Gottes Segen blieben Täter (sowie der/die Auftraggeber?) aber unerkannt und somit äußerlich sauber.

MBA = Management by Abfallverkauf?

Das wollte ich haben.






















Das alles musste ich kaufen. (Den Türknauf natürlich nicht; diente nur als Halterung für die Aufnahme.)
























So viel hat es gekostet.

(Na gut, zwei Ohrenstöpsel waren auch noch dabei: macht vielleicht 10 ct. Produktionskosten mehr.)

MDS - Muss das sein?

















Textstand vom 08.04.2007. Auf meiner Webseite
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Samstag, 7. April 2007

Frohe Ostern! Die Bild-Zeitung hätte mir beinahe die Feiertage versaut!

Es war ja gut gemeint, dass die Bild-Zeitung heute im Frankfurter Hauptbahnhof Werbeexemplare verteilte. Allzu weit war der zweite Teil unserer Fahrstrecke zwar nicht, aber immerhin: auch die Fahrzeit von Frankfurt bis Mainz kann man schließlich zur Weiter-Bildung nutzen, gelle?

Nun gut, ich hätte auch was andres lesen können (und sollen): einen Internet-Ausdruck nämlich. Entweder "Der andere Schauspieler. Kritische Bemerkungen zum Kulturbegriff" von Hakan Gürses. (Auf diesen Text war ich bei meiner Beschäftigung mit dem Buch "Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung" von Prof. Dr. Manfred Pohl gestoßen. Ob er mir bei der Suche nach dem, was "Kultur" ausmacht, helfen wird???) Oder, wenn nichts über Kultur/Zivilisation, dann vielleicht den (derzeit) 30-seitigen Wikipedia-Artikel über Carl Schmitt, der in die "Liste der lesenswerten Artikel" aufgenommen wurde.

Aber nein: die Bild-Zeitung musste es sein!
Ich kam, las - und zack! packte mich - erst mal Verwunderung, als mein Auge auf S. 7 flüchtig über die Schlagzeile vom Korea-Diktator glitt und etwas von "Riesen-Rammler" las. Nanu? So attraktiv sieht der doch gar nicht aus? dachte ich.
Erstaunt schaute ich genauer hin - und blankes Entsetzen würgte mir die Kehle! Der Artikel ventiliert einen ungeheuerlichen Verdacht, der beinahe die gesamte Menschheit erschüttert: "Korea-Diktator hat meinen Riesen-Rammler aufgegessen"!

Okay, über dem Diptychon von Kim Jong-Il, dem 10-Kilo-Rammler der Rasse "Deutscher Riese" [na also: sind wir ja doch noch irgendwo riesig!] und dem Züchter Karl Szmolinsky, (im Layout der Druckausgabe über dem Text) steht, genau wie im Online-Bericht auch, eine einschränkende Zeile: "Schlimmer Verdacht eines deutschen Kaninchen-Züchters". Er war nicht bei der Geburtstagsfeier von Kim Jong-Il dabei, wo die Kaninchen (genau zwölf Stück, Apostel des deutschen Zuchtfleißes, waren es; die Zahl lt. Spiegel Online) mutmaßlich verspeist wurde. Und am Schluss des Artikels bringt die Bild-Zeitung (die auch nicht mehr das ist, was sie mal war ...) sogar eine Gegendarstellung: "Die Koreaner bestreiten, die Kaninchen aufgegessen zu haben." Wer's glaubt - wird im sozialistischen Paradies interniert.
Ich aber sage euch nur: Ungeheuerlich! Erst frisst uns das Monster die Monster-Kaninchen weg, dann leugnen diese Schlitzaugen auch noch dreist!

Meine Osterfreuden waren zunächst dahin; das Schicksal des für die Weltrevolution geschlachteten Kaninchens wühlte mich in tiefster Seele auf.

Hätte ein verantwortungsvoller Züchter seine Kaninchen überhaupt ins Reich des Bösen schicken dürfen? Obwohl doch jeder weiß, dass "... each and every one of the rabbits will have an IQ higher than that of Kim Jung Il."? Aber, als diese Behauptung aufgestellt wurde, lebte das Kaninchen ja vermutlich noch. Denkbar sogar, dass die "Norks" ("Slang for North Koreans. Somewhat derragatory" lesen wir hier; bitte auf Großschreibung achten!) uns belügen, indem sie die Wahrheit sagen: Die haben das Kaninchen vielleicht gar nicht verputzt, sondern wollen damit im Westen Putz machen? Das jedenfalls vermutete seinerzeit, als die Meldung vom deutschen Grosskaninchen-Export um die Welt ging, ein anderer Kommentator: "Maybe kim jung il figures he might just be able to strap a nuke on to a pack of these mega-bunnies?".
Na, na, Herr Szmolinsky: haben Sie sich für Ihren Kriegswaffen-Export überhaupt eine Ausfuhrgenehmigung der deutschen Bundesregierung geholt? Das kann sonst bös' ins Auge gehen!

Übrigens habe ich Sie ganz gewaltig in Verdacht, dass Sie den Koreanern (oder gar Bin Laden und seiner Gang?) schon früher Monster-Rabbits geliefert haben. Denn irgend jemand hat bereits vor einem Jahr ein solches Tier auf seine Eignung als biologische Waffe getestet. Das ist jetzt kein Jux von mir, sondern war in den "National Geographic News" (versteckt in der Rubrik "Offbeat") zu lesen (aber offenbar hat die Menschheit, wie bei den anderen Terroristen und beim Klima auch, die Zeichen leichtfertig übersehen): "Monster Rabbit Stalks U.K. Village ". Auch hier wollte man die Sache als Aprilscherz abtun: "The news was first dismissed as an April Fool's joke." Aber jedem denkenden Menschen muss, wenn er weiter liest, klar sein, worum oder woran es hier geht: an unsere agrarischen Existenzgrundlagen! "But residents of Felton in northeast England have confirmed that a huge, floppy-eared creature is leaving behind giant paw prints and a trail of destroyed carrots, leeks, onions, and turnips following nighttime raids." [Hervorhebung von mir]
[Vgl. dazu auch "No carrot is safe as monster rabbit goes on rampage", Times Online vom 07.04.06]

Nicht nur ich winde mich in schrecklichen seelischen Qualen: Die gesamte Welt, die ziviliserte zumindest, leidet mit mir und mit Deutschlands großartigen Riesen-Rammlern! [Obwohl: die haben ja nun mutmaßlich ausgelitten?]
David Crossland schrie (als Erster?) in der internationalen Ausgabe von Spiegel Online die Verzweiflung des Riesen-Züchters bereits am 02.04.2007 [nein, also bitte: das ist nicht am 1.4. erschienen!!] in die Welt hinaus: "GERMAN BREEDER FURIOUS OVER CANCELLED TRIP. No More Monster Bunnies for North Korea". Dieser Bericht erschien in der Kategorie "Zeitgeist", Rubrik "Globalization". Zeitgeist ist ein Ausdruck, den auch die Englisch Sprechenden kennen, und jetzt wissen die endlich, was man hier zu Lande unter Zeitgeist versteht und wes Geistes Kind wir Deutschen sind.

Selbst Indien (oder gerade Indien? Gibt es dort vielleicht nicht nur Rattentempel, sondern auch Bunny-Bums-Bunker?) ist empört, und der Verdacht hat sich auf dem langen Weg dorthin (via Sydney) jedenfalls im Schlagzeilenbereich bereits zur Gewissheit verdichtet: "Kim Jong-il eats German monster bunnies meant to boost meat production in N. Korea!" Hm, na ja, well - der Züchter hat sein liebes kleines Tierchen für die Fleischproduktion da runter geschickt?

Also, wenn das so ist - warum soll sich dann der nette Kim Jong-Il, Vater der Nation [reißen Sie sich mal am Riemen und grinsen Sie nicht so blöd; ist ja bloß symbolisch gemeint!], nicht auch mal als Vorkoster der Nation versuchen? Zeigt doch, dass der Mann Mumm in den Knochen hat: früher haben die Könige und Diktatoren immer andere vorkosten lassen! Allerdings hat er dafür nun zwar kein Gift in den Knochen, aber Hasenmark. Und Hasenfüße in der Tasche. Ob der jetzt zum Hasenfuß wird und seine Atomwaffen wegwirft? Oder werden wir demnächst in der italienischen Presse lesen: "Kim il Hippie: makes love, not war?"

Mensch, Szmolinsky, endlich begreife ich: Sie sind ja vielleicht helle! Stecken den Macchiavelle, Talleyrand, Bismarck und Cavour alle miteinander glatt in die Tasche!
Ich bin baff: Der Friedensfürst von Eberswalde! Hey, George: take it from Smoky! Feed them damn Iraquis some German Stallhasen, and they'll calm down! Der "Weekly Standard", das Zentralorgan der Neokonservativen, hat jedenfalls die Lauscher schon hochgestellt und in seinem Weblog den Link (zum Spiegel-Artikel - s. unten) in seine Liste "Required Reading 04/06/2007" aufgenommen, also zur Pflichtlektüre erklärt (am Schluss des Artikels "Absence of Evidence...).

Kaninchenexport statt Ostermarschierer (und Terroristen)! Das ist die Lösung, das bringt weltweit Frieden! Das, und nur das, kann des Rammler-Züchters wahres Motiv gewesen sein. Denn für die Bekämpfung der Hungersnot sind, wie David Crossland im Spiegel Online bemerkt, die Riesen-Kaninchen eher weniger geeignet:
"It had been unclear from the start how Szmolinsky's bunnies would help given their own voracious appetite for top-quality vegetables."

Also dann: "Weitermachen, Friedens-Züchter Szmolinsky!"
Was? Meine Leser wollen von mir auch noch wissen, wie man das auf Eberswalder Kanaldeutsch sagen würde? Also, ich würde sagen: ist doch sch.egal: Hauptsache alle Beteiligten und Betroffenen sind glücklich und zufrieden:

Kim Jong-Il, dass er sich mal richtig satt hat essen können.

Die internationalen Blogger, dass sie was zu quatschen haben [nur die Deutschen sind wieder mal zu blöd: lumpige -2-(!!!) Treffer per 8.4.07, 0:44 h, für "kaninchen kim jong-il"! (Immerhin: in wenigen Minuten werden es schon drei Treffer sein! Reicht nicht zur Meisterschaft? Schade!)]

Der Züchter, über dessen Exporterfolge der Spiegel-Artikel meldet:
"Szmolinsky's deal with North Korea attracted worldwide media coverage and brought him orders from around the world. He has been in preliminary talks with potential buyers in China, Russia, Cameroon and the United States. 'The Russians wanted 400 rabbits, there's no way I could deliver that many,' said Szmolinsky, who produces around 90 rabbits a year. 'I'm getting a delegation from China in June or July and have been told that I may be asked to go to Shanghai to provide advice'." (Da soll sich unser Smoky nur vorsehen, dass die Gelben ihn nicht gleich schanghaien!)

Und am Ende bin auch ich wieder mit mir, der Welt, und den zukünftigen Nordkoreanischen Friedenstauben versöhnt.
Obwohl - kann man bei denen wirklich sicher sein, ob die nicht am Ende sogar die Friedenstauben verfrühstücken?
Andererseits: ein Unmensch wie Adolf Hitler, der einem kleinen Judenmädchen das rosa Kaninchen stahl, ist Kim Jong-Il denn doch nicht. Der hat ja schließlich bezahlt für die Stallhasen! [Schön übrigens, dass man sich in meiner Heimatstadt Gedanken über das rosa Kaninchen macht. Hoffentlich denkt man dort nicht nur an Stofftiere, sondern singt auch für Ebby und seine Brüder und Schwestern aus Eberswalde ein "Agnus Dei"! Dona eis requiem sempiternam! (Den Commies natürlich, die Kaninchen haben eh' ausgelitten!)


Nachtrag vom 10.04.07: Einige weitere Links zum Thema

- Ein umfangreicher japanischer Blog-Eintrag vom Januar/Februar 2007 (mit Links auch zu einigen englischsprachigen Meldungen)

- Fotos im Spiegel Online vom 10.01.07

- "WAS MACHT EIGENTLICH ... der 'Deutsche Riese grau'? Nordkorea retten" aus der Berliner taz-Lokalausgabe vom 05.01.07

- "Brandenburg. Mega-Rammler gegen Hunger in Nordkorea. Nordkorea will Riesen-Kaninchen aus Brandenburg importieren, sie züchten und so das Ernährungsproblem im Land in den Griff bekommen" - Focus Online vom 03.01.07

-" 'Riesen Grau' Ein Brandenburger Exportschlager. Deutsche Rammler für Nordkorea" meldete das Hamburger Abendblatt am 04.01.07.

- "Kaninchen für Kim Jong Il. Seit 42 Jahren züchtet Karl Szmolinsky 'Deutsche Riesen grau'. Jetzt verkauft er die Tiere nach Nordkorea" erfahren wir im Tagesspiegel vom 07. Januar 2007.


Nachtrag 12.04.07:
Auch nach Ostern bleibt das Kaninchen-Thema auf dem Tisch:
"Rammler von Kim Jong Il verspeist?" Von Imke Hendrich heißt es in Sachsen;
"Riesen-Rammler als Braten für Kim Jong Il?" VON IMKE HENDRICH, 10.04.07, 16:01h, AKTUALISIERT 10.04.07, 16:05h - fragt man in Köln.
Auch n-tv weiß, was heute zählt: Dienstag, 10. April 2007. "Aß Kim Jong Il die Kaninchen? Züchter tief enttäuscht"
Die Maerkische Allgemeine gibt dem Diktator 'the benefit of the doubt': "Rammler Roberts Schicksal rätselhaft. Riesenkaninchen eventuell schon verspeist / Züchter ist sauer auf Nordkorea" betitelt sie den Artikel von IMKE HENDRICH.
Das Portal "Mein Berlin" betont den lokalen Bezug: "Brandenburgische Kaninchen. Im Kochtopf des Diktators gelandet?" - es sind halt nicht irgendwelche hessischen oder bayerischen, sondern brandenburgische Kaninchen! Wenn das der Alte Fritz wüsste - der würde sich im Grabe umdrehen! (Aber dieser Heide wahrscheinlich vor Lachen.)
Den Blog politplatschquatsch habe ich allerdings auch in Verdacht, dass der die "Angst um Riesenrammler Robert" lediglich heuchelt und sich in Wahrheit auf Kosten der armen, armen Tiere lustig machen will! (Immerhin: durch einen der Kommentare erfahre ich von der Existenz von PETA - "People for the Ethical Treatment of Animals". Was hätte Oswald Spengler zur Existenz eines solchen Vereins gesagt? "Decline of the West" natürlich!)



Textstand vom 12.04.2007. Auf meiner Webseite
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Montag, 2. April 2007

Horx! Horx! Heiße Luft gegen heißes Klima! (Und ich wär' beinah' drauf reingefallen!)

Zu Matthias Horx (Homepage hier, Wikipedia da) kam ich erstmalig zwar im Handelsblatt, hatte diese (gescheite) Meinungsäußerung aber schon wieder vergessen, als ich ihm im Zusammenhang mit einer Google-Suche nach Richard Sennett wieder begegnete. (Den wiederum, bzw. einen Teilabdruck seiner Dankesrede für den Stuttgarter Hegel-Preis, hatte ich in einer liegen gelassenen Frankfurter Rundschau im Zug gefunden.)

Horx' recht ausführliche Rezension u. d. T. "Sehnsucht nach dem Feudalismus" von Sennetts Buch "Die Kultur des neuen Kapitalismus" hat mich begeistert. Zwar kenne ich das Buch nicht, aber seine Kritik an Sennetts Positionen lässt sich auch als wuchtige Fundamentalkritik an jener uralten gesellschaftlichen Diskursgepflogenheit verstehen, welche ich an anderen Stellen als "Olim-Diskurs" bezeichnet und in dem Eintrag "WO DER OLIM HAUST oder ARM, ABER KRITISCH!" gegeißelt habe.

Aber Sätze wie seine sind mir denn doch nicht gelungen:
"Und wo sollen wir aufhören, wenn wir den 'unentfremdeten Zustand' wieder einführen wollen? Um die Ecke lugt Rousseau, am Türrahmen lächelt Ernst Jünger Arm in Arm mit dem guten Charlie Marx. Und am Ende landen wir, in guter deutscher Romantik-Tradition, wieder bei den Jägern und Sammlern " [wo es freilich Herren und Knechte noch nicht gab], "Kein Wort finden wir in Sennetts Sozialfeuilleton zu den gewaltigen Opfern jener Zeit, in denen die Lebensverhältnisse nach Sennett noch stabil, berechenbar, kontinuierlich blieben. Kein Wort über die Staublunge, an der die solidarischen Kumpels starben, nachdem sie im abgesicherten Milieu lebenslange Sicherheit erfahren hatten" [Hervorhebung von mir], "In des Autors Bild einer verklärten Vergangenheit gab es offenbar keine Massenfreisetzungen, wenn Rohstoffzyklen sich neigten oder technologische Wellen die gesicherten Arbeitsverhältnisse hinwegfegten" und "... reiht er sich ein in die Armee der Beschwörer dunkler Kräfte - also jener, die vor den Sith Lords des Kapitals warnen. Mit dieser komfortablen Negation läßt es sich allerdings prima leben im Kapitalismus. Jede Talkshow, jede Jammergemeinde von Buxtehude bis Garmisch wird die sonore Stimme seines nostalgischen Pessimismus gern hören. Man sieht ihn schon bei Sabine Christiansen sitzen, diesem medialen Brutkasten der Angstbeschwörung"
[Ähnlich (und ähnlich wirkungslos) schrieb übrigens schon vor beinahe 150 Jahren der Struwwelpeter-Vater Heinrich Hoffmann: "Es ist ein immer noch gebrauchter, wenn auch verbrauchter Redemodus der Verderbtheit der Gegenwart, die Einfalt und Solidität der Vergangenheit der sogenannten alten guten Zeit vor das Antlitz zu halten, um sie zur Schamröte zu zwingen. Rücken wir aber dieser alten guten Zeit selbst einmal etwas näher auf den Leib, und heben wir ihr den historischen Nebelschleier von dem Haupte, so finden wir gemeinlich, daß sie gar nicht besser, oft wohl noch viel schlechter als die Enkelin, die Neuzeit, war:
Das Vergangene zu preisen und die Gegenwart zu schelten,
Muß von aller Art von Tugend stets für die bequemste gelten
!"]


Vielleicht von dem Vertrauenskapital , das Horx mit seinen o. a. Sätzen bei mir deponiert hatte, allzu zutraulich gemacht, vielleicht aber auch durch die clevere Art der Präsentation seiner Argumente geblendet, erschien mir sein Essay "Warum ich nicht an die Klimakatastrophe glaube" in der WELT ONLINE vom 13.03.07 zwar nicht als absolute Wahrheit, aber jedenfalls als in sich stimmig formulierte Position eines "Klimaskeptikers" (wie, offenbar nach dem anglophonen "climate skeptic", jene Personen bezeichnet werden, welche die Warnungen zahlreicher Klimatologen usw. für unberechtigt oder übertrieben halten).
Schon vor geraumer Zeit hatte ich in meinem (englischsprachigen) Eintrag "THE (B)RAT IN THE BOX AT THE ULTIMATE LEVER?" die Rede eines anderen Klimaskeptikers, des US-Romanautors Michael Crichton, (unter dessen Stichwort sich in der englischsprachigen Wikipedia einige Links zur Klimadebatte um sein Buch "State of Fear" -"Welt in Angst"- finden) analysiert.
"Environmentalism as Religion" heißt sie, ist aber auch u. d. T. "Remarks to the Commonwealth Club" bekannt. Dabei hatte ich einerseits die Argumentationsstruktur Crichtons untersucht (bzw., aus meiner Sicht, entlarvt), andererseits den Blickwinkel allerdings auf die "Ressourcenskeptiker" ausgeweitet und damit hauptsächlich jene "Füllhornisten" ins Visier genommen, welche mit dubiosen Argumenten und Argumentationsstrategien unsere (und vielleicht auch ihre eigene?) Furcht vor einer relativ zeitnahen Erschöpfung der Lagerstätten mineralischer Rohstoffe zu beschwichtigen suchen.

So war es mir damals noch nicht in voller Schärfe bewusst geworden, dass unser Bejahen oder (was hier im Hinblick auf die Position von Horx allein von Interesse ist:) unser Bestreiten von "Erderwärmung", "globale Erwärmung", "Klimaänderung", "Klimawandel", "Klimakatastrophe", "Global Warming" usw. drei verschiedene Stufen von "(Un-)Glauben" bezeichnen kann, die sich logisch wie die Hüllen dreier Matroschkas (oder Matrjoschkas) zueinander verhalten:

1) Die dickste Babuschka (Babushka) ist ein dicker Hund: das Bestreiten, dass wir derzeit überhaupt einen Klimawandel miterleben.

2) Wer ganz so weit nicht gehen will, kann immer noch leugnen, dass die Klimaänderung "anthropogen" ist, also von uns Menschen "gemacht", wurde.

3) Selbst wenn man das einräumt, bleibt rein logisch die Möglichkeit abzustreiten, dass der Klimawandel katastrophale Folgen haben muss bzw. jedenfalls dann haben wird, wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern.

Was davon meint Matthias Horx, wenn er sich weigert, "an die Klimakatastrophe" zu glauben?

Sehen wir uns zunächst an, wie er seine Argumentation aufbaut:


I. Auswahl des Mottos.
Dass die "Zivilisation aufgrund der Duldung der Geologie besteht" ist zweifellos richtig, soll aber hier wohl ausblenden, dass sie möglicherweise auch von unserem pfleglichen Umgang mit der Geologie (und der Botanik) abhängig ist.


II. Ironisierende Darstellung der aktuellen Meldungen und Befürchtungen.
"Nun also ist es amtlich ...".
Botschaft: "Alles Quatsch".


III. Parallelisierung der Debatten über das "Waldsterben" und die Klimaänderung.

Es ist schon äußerlich bemerkenswert, dass Horx ca. 1/3 seines Textes diesem Thema widmet, das sicherlich seine psychologische Wirkung nicht verfehlt, dessen Beweiskraft aber ebenso groß ist wie die Argumente der Bedrohungsskeptiker in Jericho am 5. oder 6. Tag des Trompetenkorsos der Belagerer rund um die Stadtmauern.
Botschaft bei Horx: "Damals haben sich die Leute unnütz aufgeregt; jetzt ist es bzw. wird es genau so sein." Wie schon Michael Crichton in seiner o. a. Rede diskreditiert Horx (etwas geschickter) die Waldsterbens- und implizit auch die Klimawarner als religionsähnliche (lies: irrationale) Bewegungen, die "Kathedralen" bauen und ihre "Priester" haben. Dazu habe ich schon in der Analyse der Crichton-Rede darauf hingewiesen, dass sich auf einem entsprechend hohen Abstraktionsniveau alles mit allem analogisieren lässt, ohne dass man daraus Erkenntnisse gewinnt. (Ein berühmtes Beispiel dieser Art ist der 1999 publizierte Essay "The Market as God" des US-Theologen Harvey Cox.)

Immerhin muss Horx zugeben, dass es tatsächlich ein "Waldsterben" gegeben hat - nur eben regional begrenzt und nicht in einem deutschland- oder weltweiten flächendeckenden Ausmaß: "In der Tat gab es in den 70er Jahren Fabriken (die heute längst geschlossen oder saniert sind), die starke SO2-Rauchfahnen freisetzten; so wurden regionale Wälder tatsächlich zerstört ..." schreibt er [Hervorhebung von mir].

Bereits an dieser Stelle stellt sich einem kritischen Leser die (bei der Klimadebatte noch weitaus bedeutsamere) Frage, ob nicht gerade unsere Furcht vor dem Waldsterben das Waldsterben verhindert hat. Hätten wir diese Ängste nicht gehabt, wären vielleicht die Emissionsgrenzen nicht herabgesetzt und die Dreckschleudern weiter toleriert worden? (Nun könnte es hier freilich so verhalten bzw. könnte man argumentieren, dass entsprechende gesetzliche Regelungen und Verwaltungsmaßnahmen bereits aufgrund der regionalen Schädigungen erfolgt sind bzw. wären, auch wenn es diese nach Meinung von Horx übertriebene Angst vor dem Waldsterben nicht gegeben hätte. Beim Klimawandel gibt es allerdings keine regional begrenzenten Warnungen, auf die wir später immer noch rechtzeitig reagieren könnten: wenn dieses sich ändert, dann weltweit; wenn auch nicht überall gleich und vielleicht nicht einmal überall zum Schaden der lokalen Bevölkerung.)

Die Tatsache, dass befürchtete Negativereignisse nicht immer eintreten (oder meinetwegen sogar häufig nicht eintreten) hat nicht den geringsten Beweiswert dafür, ob das eine oder andere Szenario sich realisieren wird oder nicht. Auch (zu) viele Deutsche um 1930 wollten jene lästigen Mahner nicht hören, die ihnen mit ihrem ewigen "Hitler heißt Krieg" in den Ohren lagen. Und es gibt sicherlich nicht nur in der Geschichte im klassischen Sinne (und in den Prophetenbüchern der Bibel) Beispiele für wahr gewordene Warnungen, sondern ebenso in der Umweltgeschichte. Da hat es schon ganze regional isolierte Gesellschaften hingerafft: nach Grönland emigrierte Isländer im Mittelalter total, Polynesier auf den Osterinseln großenteils und für die untergegangene Hochkultur der Maya (deren Volk zwar - auf einem niedrigeren Zivilisationsstand - weiter gelebt hat) referiert das einschlägige Wikipedia-Stichwort den Meinungsstand der Archäologen so:
"Der Zusammenbruch der Maya-Gesellschaft ist Gegenstand einer breiten und langanhaltenden Forschungsdiskussion. Dabei lassen sich zwei Hauptansätze unterscheiden: Ökologische und Nicht-Ökologische Erklärungsmodelle."
Horx' Behauptung, dass "sich ganze Kulturen in den Abgrund gestürzt" hätten, "Wie etwa die Maya, deren mächtige Priesterkaste immer blutigere Opferrituale zelebrierte, um die gnadenlosen Wetter- und Naturgötter zu besänftigen" ist hinsichtlich des von ihm hergestellten Kausalnexus' von religiösen Praktiken und Kulturverfall um so weniger glaubwürdig, als er selbst eben diese Praktiken auf agrarwirtschaftliche Probleme klimatischer Art zurück führt.


IV. "Der Planet des Wandels" und "Der Mensch: ein Terraformer"

Sicher ist es richtig, dass das Klima und sogar die Zusammensetzung der Atmosphäre in der Vergangenheit starken Schwankungen unterlagen. Aber welchen Erkenntnisgewinn oder welche Handlungsanleitung oder sonstigen Nutzen soll ich daraus für die aktuelle Klimadebatte ziehen? Es kann doch an unserer Einschätzung einer eventuellen dramatischen kurzfristigen Klimaänderung als "Katastrophe" nichts ändern, wenn ich weiß, dass es früher eben solche und sogar weitaus größere Schwankungen gab (die die Menschen wohl schon damals als "Katastrophen" empfunden haben - Sintflut!)

Dass sich die Natur auch ohne mein Zutun ändert, und z. B. Karsthöhlen gelegentlich zusammenkrachen, heißt doch noch lange nicht, dass ich meine Umwelt nun auch meinerseits kräftig aushöhlen sollte, bis es (vom "natürlichen" Standpunkt aus betrachtet: "vorzeitig") kracht! Natürlich gibt es kein "Normalklima", aber deswegen muss ich doch nicht die Atmosphäre so lange aufheizen, bis aus dem nicht-normalen ein katastrophales Klima geworden ist?

Der ganze Absatz ist also logisch wertlos, eine reines Psycho-Palliativ.

Das gleiche gilt auch für Horx' lange Ausführungen über den Menschen als Terraformer. (Beide Passagen zusammen machen mehr als ein weiteres Drittel seines Essays aus.) Zum einen hat sich der Mensch als Terraformer z. B. auf den Osterinseln, vermutlich aber auch im arabischen Raum und im Mittelmeergebiet nicht unbedingt mit einem dauerhaft positiven Erfolg betätigt. Zum anderen mag, wer an die Gaia-Hypothese glauben will, daraus Optimismus ableiten. Aber dieser Glaube ist, auch wenn man ihn "Hypothese" nennt, auch nur ein Glaube. Und deutlich weniger gut begründbar als die aktuell in der Klimawissenschaft herrschenden Meinungen über eine globale, durch Klimagase verursachte Erwärmung. (Im übrigen hat James Lovelock, (Mit-)"Erfinder" der "Gaia-Hypothese", mittlerweile ein Buch verfasst mit dem Titel "The Revenge of Gaia: Why the Earth is Fighting Back".)
[Beiläufig: Die Venezianer, diese Angsthasen, haben doch tatsächlich schon im Hohen Mittelalter mit riesigen Kosten ganze Flüsse umgeleitet, weil sie sich vor dem bischen Sand fürchteten, den die in die Lagune brachten!]

Wenn man die Frage aufwirft, warum die Blaualgen eine "Oxygen Catastrophe", (auch "oxygen holocaust" genannt - auf Deutsch "Sauerstoffkatastrophe"), herbeiführen "durften" (eine allerdings nicht unumstrittene Behauptung), begibt man sich auf die Ebene teleologischer Vorstellungen, die zwar nicht zwangsläufig explizit religiöser Art sein müssen, aber doch in den Bereich des Glaubens und, weil sie "Ziele" voraus setzen, in eine anthropomorphisierende Vorstellungswelt gehören. Zwar kann niemand auf einer ganz abstrakten Ebene mit wissenschaftlicher Sicherheit ausschließen, dass unsere derzeitige Plünderung des Planeten einem höheren Plan oder "Plan" oder Muster oder "pattern" oder "design" folgt (weil wir z. B. die Nicht-Existenz eines Gottes nicht wissenschaftlich beweisen, sondern lediglich die Annahme einer solchen Existenz in unseren Handlungen und Überlegungen außen vor lassen können). Wenn man aber daraus die Folgerung ableitet, wir könnten nun die Hände in den Schoß legen und einfach weiter machen wie bisher, wird das böse Erwachen noch ein wenig schneller eintreten als es (nach meinem "Glauben") ohnehin (vielleicht etwas später) kommen muss. (Wobei ich selbst mir weniger Sorgen um das Klima mache, als um die Ressourcenverknappung.)

Zusammenfassend lässt sich also für diesen Abschnitt festhalten, dass Horx auch hier für seine emotionale Botschaft „alles nicht so schlimm“ keine rationale Begründung gibt. Statt dessen zitiert er in seinem nächsten Kapitel „Der unruhige Planet“


V. Volkes Stimme.
Ein Leserbrief-Schreiber hatte verschiedene (vermutlich verbürgte) historische Wetter-Ereignisse aufgezählt, die wir als anormal empfinden (und vielleicht als Beweise für eine Klimaänderung werten würden). Früher, meint der Schreiber, habe trotz dieser Ereignisse niemand von einer Klimaänderung gesprochen. [Kein Wunder: damals gab es weder den Begriff „Klimawandel“ noch die Vorstellung eines sich ändernden Klimas für eine geographische Zone; für unsere Ahnen war alles „Wetter“, und schon gar nicht von Menschen zu beeinflussen.]

Diese „einsame Stimme eines ‚Klimaleugners’ “ lobt Horx als kleinen „Widerstand gegen einen übermächtigen Wahrnehmungs-Kontext“. Sinnvoller Weise kann die Meinung des Leserbriefschreibers nur so verstanden werden, dass er den für unsere Zeit behaupteten Klimawandel überhaupt leugnet, also ein Klimaskeptiker im umfassendsten Sinn (o. a. Klasse 1) ist.
Genau das ist Horx aber nicht (er spricht später von einem „Erwärmungsprozess, welcher sich in den letzten Jahren abzeichnet“ und sogar von "Klimaveränderung"). Der Leserbrief ist also (abgesehen davon, dass er ohnehin nichts beweist außer der größeren Unwissenheit früherer Epochen) als Glied in der „Beweisführung“ von Horx unbrauchbar.

Dieser schließt denn auch nicht mit der Behauptung an, dass der schreibende Leser Recht hat und dass die Klimaänderung tatsächlich nur eingebildet ist, sondern führt lediglich aus, dass sich wegen der Vielfalt der klimawirksamen Einflüsse „das Klima nicht wirklich voraussagen lässt“ (was ebenfalls in einem gewissen Widerspruch zu seiner Annahme steht, dass sich in den letzten Jahrzehnten ein Erwärmungsprozess abzeichnet).
Thematisch etwas zusammenhanglos hängt er dann noch einen ‚philosophischen’ Satz dran über Lebensprodukte, die wiederum Rohstoff für anderes Leben sind, und leitet daraus die Überschrift für sein Abschlusskapitel her: „Evolution ist kreative Abfallwirtschaft“. Der Text geht jedoch auf die „Abfallwirtschaft“ gar nicht mehr ein, offenbart dafür nun aber in zwei kurzen Schlussabsätzen endlich

VI. Seine wirkliche Meinung über den Klimawandel
Zunächst räumt er zur Verblüffung des Lesers ein, dass sich in den letzten Jahrzehnten ein globaler Erwärmungsprozess abzeichnet. Ein Skeptiker der 1. Klasse ist er also nicht, weil er selbst an einen Klimawandel glaubt.
Dass er diesen „eine Erwärmungsphase von vielen" nennt, ändert nichts an der Faktizität des Sachverhalts. Der ist jedoch nicht nur durch die Tatsache einer Klimaerwärmung gekennzeichnet, sondern vor allem auch dadurch, dass heute sehr viel mehr Menschen und sensible menschliche Einrichtungen betroffen sind bzw. wären, als zu jeder früheren Erwärmungs- (oder auch Abkühlungs-)Zeit.

Bleibt zu untersuchen, ob Horx a) die anthropogene Ursache des Klimaänderung bestreitet, und ob er b) die Möglichkeit leugnet, dass der Klimawandel für die Menschheit katastrophale Auswirkungen haben könnte, wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern.

"Die Klimaveränderung setzt unsere Technologien einem starken Evolutionsdruck aus" weiß er. "Exzesse des Energieverbrauchs und der Substanzfreisetzungen ... werden beendet, technologische Transformationsprozesse beschleunigt".
Wenn wir unterstellen, dass Horx auch an dieser Stelle strukturiert denkt und redet (und nicht bloß so daherplappert), können wir die Erwähnung von "Substanzfreisetzungen" im Zusammenhang mit dem Klimawandel nur so deuten, dass auch er diesen Klimawandel (zumindest teilweise) durch Klimagase usw. verursacht sieht. [Tut er in der Tat: vgl. unten das Handelsblatt-Interview, das mir erst nach dieser induktiven Meinungsermittlung vor die Mouse lief.] Ein Klima-Wandel-Ursachen-Leugner der o. a. Klasse 2 ist er also auch nicht.
Offenbar hofft er jedoch, dass die Substanzfreisetzungen dank des Evolutionsdrucks noch rechtzeitig so weit vermindert werden (oder wenigstens deren weitere Vermehrung gestoppt oder gedrosselt wird), dass katastrophale Auswirkungen ["die" Katastrophe wird es ohnehin nicht geben] ausbleiben.

Das freilich ist genau die Position vieler oder der meisten Klimawarner: Dass wir das Schlimmste vermutlich noch abwenden können, wenn wir die CO2-Emissionen usw. jetzt reduzieren. Horx glaubt also nur, was die (vermutlich) meisten anderen Menschen auch glauben: dass wir die Klimakatastrophe abwenden können, wenn wir daran glauben, dass sie eintritt, wenn wir sie nicht abwenden. Und entsprechend handeln. So auf ihren rationalen Kern reduziert, ist seine Verkündigung, dass er nicht an die Klimakatastrophe glaube, gänzlich unspektakulär, weil die wenigsten Menschen daran glauben, dass sie kommen muss.
Und wenn er davon spricht, dass sich die Substanzfreisetzungen durch den Evolutionsdruck vermindern werden, dann kann das (weil er ja offenbar von einer rechtzeitigen Minderung ausgeht, also von einer Verhaltensänderung, bevor uns die Klima-Keule trifft) nur heißen, dass er erwartet, dass die Klima-Katastrophe wegen unserer Angst vor der Klimakatastrophe ausbleibt.
Denn die enormen Kosten für technologische Umstellungen würden wir nicht ausgeben, wenn wir nicht absolut davon überzeugt wären, dass ein Unterlassen dieser Investitionen uns später weitaus mehr kosten würde. Es geht also um eine Risikoeinschätzung, die emotional durchaus auch angstbesetzt sein kann, und, in einer Demokratie, vielleicht sogar sein muss, um eine entscheidende technologisch-ökonomische Wende herbei zu führen.

Werden wir auf diese Weise das Klima (relativ) stabilisieren? Oder ist das Geld zum Fenster rausgeschmissen - weil es entweder schon zu spät ist, oder weil andere Faktoren die anthropogenen Klimaeinflüsse verstärken oder konterkarieren?
Mit Sicherheit weiß das nur der liebe Gott.
Wir aber stehen vor der Frage: "Was tun"? (Oder nichts tun?)

Ob Horx „an die Klimakatastrophe glaubt“ kann uns, für sich genommen, herzlich egal sein. Wir stehen vor der Entscheidung, ob und ggf. welche Handlungsanleitungen wir aus den ermittelten Wetterdaten herleiten sollen. Glaubensbekenntnisse, auch wenn sie sich als Unglaubens-Bekenntnisse tarnen, helfen nicht weiter, mögen sie auch rhetorisch durchaus glanzvoll sein. (Oder sollten wir es gar mit PR-Lyrik zu tun haben? In der Tradition von Ron Arnolds stilistisch glanzvollem Essay "Overcoming Ideology"?)
Um Handlungsanleitungen aber drückt sich der Zukunftsdeuter Horx herum.

Das Orakel von Kelkheim möchte dem etwas bekannteren Orakel von Delphi nicht nachstehen und auf jeden Fall Recht behalten. Weise wie einst die Prophezeiung des delphischen Orakels für den Lyderkönig Krösus („König Krösus: „Wenn du gegen die Perser in den Krieg ziehst, wirst du ein großes Reich vernichten“) ist sein Satz „Wir wissen KEINESWEGS, welche Dimensionen er [der Klimawandel] haben wird, wann er sich umkehrt“ [Hervorhebung im Original].
Recht hat er: es könnte nämlich alles noch sehr viel schlimmer kommen, als selbst die extremsten Szenarien erwarten. Aber denken sollen wir natürlich: „Wird schon nicht so schlimm kommen, wie die Pessimisten glauben“ [Das erinnert mich irgendwie an eine Passage in der Rede von Michael Crichton, wo dieser sagt, dass wir (wegen unserer unzulänglichen Kenntnisse über die Zusammenhänge in der Natur) „.. need to be humble, deeply humble, in the face of what we are trying to accomplish“. Diese Demut führt bei Crichton im Ergebnis allerdings tendenziell zu der Folgerung, dass wir erst mal die Umwelt so lange weiter versauen können, bis die Natur uns handfeste Beweise für die Schädlichkeit unseres Handelns liefert. (Was ihn aber nicht hindert, an anderer Stelle, wo es im rhetorisch ins Konzept passt, zu konstatieren, dass die "natural world ... not so malleable" sei, sondern eine "harsh, powerful, and unforgiving world". Weshalb man vielleicht doch etwas vorsichtiger damit umgehen sollte?)]

Horx erweckt auf der emotionalen Ebene den Anschein, nicht daran zu glauben, dass wir etwas gegen den anthropogenen Klimawandel unternehmen sollen. Und erklärt uns gleichzeitig auf der rationalen Ebene, dass es keine Katastrophe geben wird, weil wir Menschen sicherlich etwas tun werden.
Letztlich können wir seine rationale Aussage im Ergebnis auf der Ebene der Geschehensabläufe (unabhängig von dem, was er selbst meint) ohne Sinnverfälschung in den Satz transformieren:
"Ich glaube nicht an die Klimakatastrophe, weil ich glaube, dass der Glaube (der Vielen) an die Klimakatastrophe einen Evolutionsdruck darstellt, der zur Vermeidung der Klimakatastrophe führen wird." So gesehen "glaubt" auch Horx an die Katastrophe - wenn wir so weiter machen würden wie bisher.
Nur verschüttet er diese Aussage unter seitenlangen entgegengesetzten emotionalen Botschaften.

Dumm? Ist Horx sicher nicht.
Verantwortungslos? Allerdings!

(Falls er sich missverstanden, oder gar böswillig falsch ausgelegt sehen sollte: dagegen gibt es ein Mittel. Nämlich klare Positionierung statt ambivalentes Geraune!



Der Blogger Peter Aschoff fackelt Horx’ argumentativen Heuhaufen (der in den Augen des „Blog-Kommentar“ „hervorragend recherchiert und beispielhaft erklärt“) in seinem Blog „peregrinatio“ u. d. T. "Reichlich verhorxt" mit weitaus weniger Aufwand an Wortenergie ab als ich.
Sein Kommentator „Arnachie“ aber ironisiert den Horx-Haufen in geradezu genialer Kürze. Er zitiert einen Filmdialog, der im Jahre 3000 spielt:
A: „Gut, dass eine Klimaerwärmung nie stattfand.“
B: „Doch sie fand statt, aber sie wurde ausgeglichen vom nuklearen Winter“.

Zum Thema Klimawandel hat Horx leider nur eine mentale Flatulenz entsorgt, auch wenn die geistigen Glasperlen-Dealer im Blog "Politically Incorrect" sie als Schatzfund bejubeln ("Matthias Horx zur deutschen Angst vor der Klimakatastrophe").



Von den zahlreichen Leserkommentaren, welche der Essay von Horx in der Welt generiert hat, möchte ich besonders auf den langen und fundierten von "exi" vom 13-03-2007, 18:12 Uhr, aufmerksam machen. (Stand 04.04.07 abends)



Zum Klimawandel äußert sich Horx aktuell in dem Handelsblatt-Interview „Die Welt wird nicht schlechter“ vom 26.03.07 wie folgt:

Frage: "Der größte Alarmismus dieser Tage heißt Klimakatastrophe. Wie sehen Sie dieses Problem?"
Horx: "Die Klimakatastrophe wird eben keine Katastrophe, sondern ein Wandlungsprozess, wie es ihn auf unserem Planeten schon oft gegeben hat. Der Klimawandel prägt unseren Planeten schon immer, dadurch entstehen Anpassungsprozesse, neue Technologien werden erfunden, Zivilisationssprünge finden statt. Am Klimawandel haben immer Spezies einen Anteil gehabt. Ob das die Dinosaurier waren oder Blaualgen, die durch die Produktion von Sauerstoff für das größte Artensterben aller Zeiten gesorgt haben. Alle Organismen verändern den Planeten. Wenn Sie das verhindern wollen, müsste sich der Mensch selbst abschaffen.."

Frage: "Sie sagen, es gab den Klimawandel schon immer und wir befinden uns momentan lediglich in einer Warmzeit. Ist der Temperaturanstieg also nicht vom Menschen gemacht?"
Horx: "Ein bestimmter Anteil vermutlich schon, nach meinem Gefühl sind das ungefähr 30 – 40 Prozent. Globale Erwärmung ist immer ein komplexer Prozess, ich glaube nicht, dass das nur EINE Ursache hat. Natürlich kann ich das genauso wenig nachweisen, wie die Klimaforscher. Ich sage nur: Ich weiß es nicht, und ich glaube, wir müssen vorsichtig sein. Heute nehmen die Klimaforscher eine Rolle ein, die nicht mal ich als Zukunftsforscher einnehmen würde. Sie versuchen nämlich, das Klima über lange Zeit vorherzusagen. Ich glaube, dass dies nicht möglich ist, wir können ja noch nicht einmal das Wetter für die nächste Woche richtig prognostizieren! Die Klimaentwicklung ist das, was wir in der Systemtheorie einen 'metakomplexen' Prozess nennen." [Hervorhebung von mir. (In welcher Weise sollen wir "vorsichtig sein": Emissionen stoppen oder Kyoto-Protokoll wieder aufkündigen, weil's zu teuer wird und nichts bringt?)]
Horx weiter: "Die Klimaforschung ist heute eine Expertokratie, die in ihrem eigenen Interesse extreme Prognosen aufstellen muss. Wenn man sich professionell mit Prognostik beschäftigt, dann weiß man, wie die Interessen die Aussagen steuern können. Mein Interesse ist erst einmal nicht, irgendeine Art von anderer Wahrheit zu predigen, sondern mein Interesse ist, die Gewissheit, mit der wir jetzt wieder ein Theorem daraus machen, zu erschüttern." [Hervorhebung von mir. Wenn er die Gewissheit erschüttert, nimmt er den Evolutionsdruck in der jetzigen (ich nenne sie mal:) "Signalphase" weg. Dann kommt der Druck erst in der (ich sage mal:) "Knüppelphase". In dieser wird, was aus der Sicht eines Beobachters als "Evolutionsdruck" durchaus adäquat beschrieben ist, in der ebenso adäquaten Beschreibung durch die Betroffenen als "Katastrophe" bezeichnet.]
Frage: Sie kritisieren den Alarmismus in der Klimadiskussion. Aber hat er nicht auch eine positive Funktion und erzeugt bei den Menschen erst das Gefühl, dass man etwas tun müsse?
Horx: "Das wäre schön. Aber wir haben leider kein vernünftiges Verhältnis zwischen Warnung und Veränderung mehr. Darum geht es mir: Jeder Organismus, jede Gesellschaft und jedes System braucht einen rationalen Umgang mit drohenden Gefahren und Veränderungspotentialen. Wenn in einem Dorf ständig der Feueralarm schrillt, dann kann es irgendwann brennen und es passiert nichts mehr."
[Einen rationalen Umgang brauchen wir? Also gibt es (Klima-)Gefahren? Und wir sollten etwas dagegen tun? Auf gar keinen Fall Alarmglocken schrillen lassen, sondern ganz rational - über die Gestaltung von Wandel reden? Über Sauerstoffbakterien vor 2 Mrd. Jahren? Über den Menschen, das adaptive Wesen? Oder darüber, dass die Klimawarner glauben, dass wir den (auch nach Horx' Meinung mindestens teilweise selbst gemachten) Wandel (teilweise) abwenden können?
Jedenfalls sind, falls Horx seinen Essay in "Die Welt" für einen rationalen Beitrag zur Klimadebatte hält, Grimms Märchen die reinsten Sachbücher.]


Zu einem anderen Thema ist seine Meinung allerdings präziser - und überzeugender:
Auszug aus dem o. a. Handelsblatt-Interview :
Interviewer:
"Gerade die Alterung der Industrienationen lässt sich aber recht genau vorhersagen und stellt die Systeme vor viele Probleme. Verharmlosen sie diese Entwicklung?"
Horx:
"Ich finde es wunderbar, dass wir weniger werden, denn das war immer ein Zeichen von Fortschritt. Ich glaube, dass Deutschland übervölkert ist. Es gibt zu viele Deutsche. Ich bin Ökologe, ich bin dafür, dass wir weniger Autobahnen bauen, dass es mehr Natur gibt. Unsere sozialen und politischen Systeme müssen wir natürlich den veränderten Biographien und sozialen Strukturen anpassen." [Hervorhebungen von mir. Da kann ich ihm doch glatt zustimmen!]


Die österreichische Zeitung "Die Presse" bringt ebenfalls ein Interview mit Horx u. d. T. "Apokalyptisches Spießertum". Hier steht das Klima nicht ganz so im Vordergrund, sondern mehr der seiner Meinung nach gefährliche Pessimismus (die Angst) der Menschen (speziell in Deutschland und Österreich). Gewissermaßen dem Grundsatz "audiatur et altera pars" folgend, sollte man durchaus auch dieses Interview lesen.


Nachtrag 06.04.07
Ohne einen gewaltigen (überschießenden) Input an Energie lässt sich die gesellschaftliche Haftreibung nicht überwinden.

Hätten die Bewohner Roms im Jahre 1527 mehr Angst vor den kaiserlichen Truppen gehabt, würden sie rechtzeitig mehr Mittel für die Verteidigung der Stadt lockergemacht haben. Für relativ wenig Geld hätten sie sich dann viel Leid, Not und Tod und die riesigen Lösegeldzahlungen erspart, welche ihnen die Kriegsknechte aus Spanien und Deutschland beim der Plünderung Roms, dem "Sacco di Roma", abpressten. (Vgl. dazu auch den Aufsatz "Kondratieff, Rothbard und der Sacco di Roma" auf meiner Webseite "Drusenreich drei".)

Hätten die Niederländer rechtzeitig auf die Mahnungen von Experten gehört, wäre ihnen die Sturmflut von 1953 erspart geblieben (und wir wären um das Sprichwort "Holland in Not" ärmer).

Hätte die US-Regierung die Deiche in New Orleans rechtzeitig auf Expertenrat hin verstärkt, hätte der Hurrikan Katrina nicht die Stadt verwüstet.
Aber Amerika ist mit einem mutigen Präsidenten gesegnet, der, bevor er den Irak aufmischt, zweifellos rationale Cost-Benefit-Analysen erstellt und der sich erst recht nicht vor so'nem bisschen Wind nicht fürchtet. Außerdem wohnt er ja auch nicht in New Orleans.

Und auch in den anderen o. a. Beispielen haben sich die klugen Abwarter, die Rationalen, die Furchtlosen, die Mutigen, die Maul-Helden, die Geldbeutel-Besitzer und die Geldsack-Besitzer-Beschützer durchgesetzt. Bevor sich die Natur (oder der Feind) durchsetzten.
(Sicherlich gibt es auch umgekehrte Beispiele einer übergroßen Vorsicht, aber ich höre von Horx nicht, dass er z. B. die aufwändigen Sicherheitsmaßnahmen - in den USA und anderswo - gegen mögliche terroristische Attacken kritisiert. Auch die sind schließlich 'angstgetrieben').



Weiterführend zum Thema 'Klimawandel pro und kontra' ist zeitnah z. B. der FAZ-Artikel vom 23.03.07 "Globale Erwärmung. Ist der Klimawandel nichts als Schwindel?" von Christian Schwägerl.


Nachtrag vom 20.05.07:
Der Blog-Beitrag "Die Mär von der Klimalüge" vom 08.05.07 in "Wision.ch" gibt uns endlich die ultimativen Aufschlüsse über den Klima-Kollaps.

Nachtrag vom 21.05.07:
In der Nr. 51/2002 rezensierte Reiner Klingholz in "Die Zeit" u. d. T. "Alles fließt – sogar zum Guten. Der Naturschützer Josef Reichholf kämpft gegen den Pessimismus seiner Zunft" das Buch eines anderen Umwelt"Skeptikers".
Mutatis mutandis kann man die Kritik von Klingholz an der Position Reichholfs großenteils auch auf Horx (und seinesgleichen) anwenden:
"Die Gesellschaft sei untergangsgläubig und auf dem besten Weg in die Ökodiktatur. Und schuld daran seien die 'falschen Propheten'. ... Spätestens hier schießt Reichholf, bei aller angebrachten Kritik an der Umwelthysterie, weit über sein Ziel hinaus. Zum Beispiel beim Thema Waldsterben. ... Viele Warnungen, viel Forschung, viel Geschrei um nichts, meint Reichholf. Er verschweigt dabei, dass die Angst vor dem Waldsterben in den achtziger und neunziger Jahren massive Anstrengungen zur Reinhaltung der Luft nach sich gezogen hat. Gebäudeschäden in Milliardenhöhe wurden so vermieden, Seen, Flüsse und Agrarflächen weniger versauert und menschliche Lungen weniger geschädigt. Vermutlich hat sogar der Wald von den Umweltgesetzen profitiert. ... Genauso gut könnte Reichholf also die Waldsterben-Warner loben, denn sie erst haben (und sei es zum Teil mit falschen Argumenten) den Wandel erzwungen. Es ist nun einmal das Los aller Kassandra-Rufer, dass das Unglück, vor dem sie warnen, im besten Fall nicht eintritt. Deswegen rufen sie ja.
Was Reichholf predigt, ist eine Art biologischer Fatalismus: Die Natur macht eh, was sie will, und irgendwie wird sie es richten. Seltsamerweise unterschätzt er dabei die Dynamik exponentieller Wachstumsprozesse. Von Prozessen also, die nicht linear, sondern beschleunigt verlaufen. Das Heimtückische an dieser Art von Wachstum ist, dass man es in der Anfangsphase unterschätzt, am Ende aber nicht mehr kontrollieren kann. Einige der größten Probleme der Menschheit, der Bevölkerungszuwachs, die Aids-Epidemie, aber auch die Klimaveränderung beruhen auf exponentiellem Wachstum.
Auf diese Phänome kann der Mensch erfahrungsgemäß erst reagieren, wenn es zu spät ist. Aber er kann ihren Verlauf modellieren und so im Voraus handeln. Auf Szenarien zu verzichten wäre also fatal.
"




Textstand vom 31.12.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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