Freitag, 20. Juni 2008

Präludien über das Thema Ressourcenkriege: Doch keine Kriege ums Öl? Oder Europa rüsten für den Ölkrieg? Oder wollt ihr die totale Osteomalazie?

Wenn aus einem Haufen rauer Soldatenkehlen das Gebrüll ertönen würde: "Peak Oil, Peak Oil, Peak Oil" – ob das nicht fast so klänge wie "Sieg Heil …"?

Irgendein Heil von der Verknappung fossiler Energieträger oder einen Endsieg über die Natur können wir allerdings nicht erwarten; dafür aber jede Menge an Unheil. Denn wenn (vielleicht schon bald) Erdöl wirklich zu einer immer schneller verschwindenden Mangelware werden wird, wird uns wahrscheinlich das, was traditionell ein wesentlicher Bestandteil von "Geschichte" war, nämlich gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen politischen Einheiten, wieder einholen.
Dafür haben Trendscouts wie wir ihren eigenen Schlachtruf: "Be prepared" oder "bereit sein ist alles".  
Die erste Stufe zum Bereitsein ist das Informiertsein.

Sonntag, 8. Juni 2008

MONUMENTI E NATURA A FRANCOFORTE SUL MENO oder ZWEI FÜCHSE AUS WÄCHTERSBACH ZU BESUCH BEI IHREM FRANKFURTER ARTGENOSSEN

Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts begaben sich die Bürger der Weltstädte an schönen Wochenenden zum Zwecke der Rekreation gern in die Vororte.
Wächtersbacher pflegen diesen alten Brauch noch heute, und was man für die damalige Zeit z. B. für die Stadt Leipzig bei Karl Heinrich Krögen ("Freye Bemerkungen über Berlin, Leipzig und Prag" - heutige Schreibweise: Freie Bemerkungen über Berlin, Leipzig und Prag) nachlesen kann, hat der Blogger Cangrande unter dem Suchlabel "Tagesausflüge" erfasst.

Freitag, 6. Juni 2008

Unsystematische Sammlung von Linkfunden mit überdurchschnittlich substanzhaltigen Artikeln zum Thema Peak Oil (Ölfördermaximum)

Erneut führte mich die Nachverfolgung eines Suchzugriffs auf meinen Blog zu einigen interessanten Artikeln zum Thema Peak Oil.
Unter diesen waren einige ungewöhnlich lange, informationsreiche und ausbalancierte. Zu schade eigentlich, um in meiner ohnehin schon überlangen Favoritenliste zu versauern.

Deshalb habe ich mir vorgenommen, solche "Ausreißer" (im positiven Sinne) aus der üblichen (zwar auch nicht schlechten, aber doch knapperen und häufig auch einseitigeren) Berichterstattung hier zu posten.

Nachtrag 20.07.2008:
Mittlerweile habe ich hier auch eine Reihe allgemeinerer Links zu Portalen und Studien versammelt.

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Die Wirtschaftspresse 'von Keller Stimpel', Berlin, beschreibt sich selbst so:
"Wir verstehen uns als kleines, feines Fachpressebüro mit hohem Qualitätsanspruch. ..... Unsere Stärke ist die Verbindung von präziser Recherche, Texthandwerk und Presseproduktion auf der einen Seite sowie gründlicher Fachkenntnis auf der anderen. Unser Ziel: Besser schreiben als Experten - mehr wissen und vermitteln als andere Journalisten."
Jedenfalls in dem Beitrag "Fossile Energien. Öl vor dem Aus?", auf der Webseite des Pressebüros als Arbeitsprobe (leider ohne Datumsangabe) veröffentlicht, scheint mir dieser Anspruch erfüllt zu sein. (Ursprünglich hatte ich den Artikel in einem Forum gefunden, wo der Moderator "McSaug" ihn, ohne Quellenangabe, am 04.05.08 eingestellt hatte.)

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Der Journalist Derek Brower glaubt nicht daran, dass "Peak Oil" in Kürze bevorsteht. Trotzdem sieht auch er den Ölpreisanstieg positiv: "Die Ölpreise sind noch gar nicht hoch genug. Man sollte sich schon einmal daran gewöhnen". Erschienen ist der Aufsatz im Blog von Robert Amsterdam (so heißt der Blogmeister), wo "Ansichten über Russland, Europa und Internationale Angelegenheiten" veröffentlicht werden. Auch bei "Readers Edition" ist der Artikel (von Ende Mai 2008) zu lesen.

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Guy Wagner, Chefvolkswirt der Banque de Luxembourg, erörtert in einem Artikel vom 29.05.06 mit einem sehr umfassenden Ansatz den aktuellen Ölpreis. U. a. macht er auf einen wenig beachteten, jedoch für die Ölverfügbarkeit für uns äußerst wichtigen Sachverhalt aufmerksam, nämlich den stark steigenden Eigenverbrauch der Ölförderländer:
"Auf der Angebotsseite haben die Öl produzierenden Länder keinen Anreiz, die Produktion zu erhöhen, und zweigen außerdem zunehmend vorher exportierbares Öl für den Binnenverbrauch ab. Man redet viel über das so genannte Ölfördermaximum ('peak oil'), aber der zuletzt genannte Punkt wird selten erwähnt. Angesichts des kräftigen Wirtschaftswachstums behalten Öl produzierende Länder zunehmend Öl für die eigenen Bedürfnisse zurück, so dass es zu einem gewissen Ressourcen-Nationalismus kommt."
Wagner bezweifelt, mit substantieller Begründung, dass die Spekulanten für den Preisanstieg beim Öl Schuld sind:
"Es ist Mode geworden, Finanzinvestoren und Spekulanten für den jüngsten Ölpreisanstieg verantwortlich zu machen. Indem sie große Geldmengen in Ölterminkontrakten anlegen, würden die Investoren den Ölpreis in die Höhe treiben. Auch wenn dieser Gedanke zunächst einleuchtend scheinen mag: er ist nicht zu Ende gedacht. Was das Rohöl (und die meisten Waren und Rohstoffe) angeht, beeinflussen Terminkontraktpreise kaum die Kassapreise, da diese von der Nachfrage nach und dem Angebot an Öl bestimmt werden, das für die tatsächliche Verwendung gehandelt wird. Die auf Waren- und Rohstoffmärkten gehandelten Terminkontrakte sind im wesentlichen Wetten auf die künftige Preisentwicklung. Die eigentlichen Käufer sind aber am Ende die Verbraucher, nicht die Investoren."

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Godwael, nach seiner Selbstbeschreibung "Chemielaborant, Diplom-Chemiker (Uni Hamburg), seit 2007 freischaffender Journalist und Blogger", hat eine 4-teilige Blogfolge zur Erdölthematik publiziert. Nicht nur sind die ausführlichen Texte (die ich aus Zeitmangel nur anlesen bzw. überfliegen konnte) sehr informativ, sondern ebenso die zahlreichen weiterführenden Links. Hier seine Beiträge:

"Peak Oil – Teil 1: Schlechte Nachrichten" (24.05.08);

"Peak Oil - Teil 2: In der Not ..." (27.05.08). Hier macht der Autor auf einen Gesichtspunkt aufmerksam, der in der breiten Debatte praktisch nicht vorkommt, aber dennoch von erheblicher Bedeutung für die Ölversorgung ist: die Qualität der verfügbaren Rohölsorten:
"Der Anteil leichten, süßen Öles an der Gesamtförderung ist seit spätestens 2000 rückläufig, wie man zum Beispiel auch dem Opec-Marktreport für August 2005 entnehmen kann: [folgt Zitat auf Englisch]
Das entspricht über drei Millionen Barrel weniger. Im gleichen Zeitraum produzierte die OPEC absolut etwa eine Million Barrel leichtes Öl zusätzlich, bleibt ein Minus von etwa zwei Millionen Barrel täglich.
Diese Feststellung bedeutet zweierlei. Zum einen sehen wir hier, dass praktisch im Windschatten der Produktionszahlen die Qualität des geförderten Produktes schon seit Jahren abnimmt, ein weiteres Warnzeichen zukünftiger Verknappung. Zum anderen bedeutet das, dass der EROIE unseres Öles immer schlechter wird: Gleichbleibende Produktionsmengen bringen uns netto betrachtet immer weniger Energie, und um die geht es ja letztendlich.
" [Hervorhebungen von mir]

"Peak Oil – Zwischenspiel: There ain't no such thing as a free lunch" (29.05.08); und

Im abschließenden "Peak Oil - Teil 3: Blick in die Zukunft" (02.06.08) stellt "Godwael" Überlegungen zur kurzfristigen Preisentwicklung an:
"Die zentrale Botschaft der ersten beiden Beiträge war ja, dass die Ölpreise langfristig erheblich steigen werden, weil immer weniger von dem Zeug vorhanden ist, man es mit immer teureren Methoden fördern muss und der Netto-Energiegewinn immer geringer wird. Das heißt aber nicht, dass der Preis von jetzt an immer kontinuierlich steigen wird. Es gibt im Gegenteil eine ganze Reihe von Hinweisen darauf, dass Öl zumindest in nächster Zeit wieder ein bisschen weniger kosten wird."

Über Alternativen erfahren wir ebenfalls vieles, u. a. zur Frage, ob "Die Kohleverflüssigung vor der Renaissance" (14.11.2007) steht und welche Auswirkungen das hätte (auch hier ein für den Laien ganz unerwarteter Aspekt: wesentliche Probleme resultieren aus einem hohen Wasserverbrauch bei der Verflüssigung).

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Steffen Bogs aus Berlin betrieb den Blog "Querschüsse zum Thema Wirtschaft und Finanzmärkte", der jetzt kurz "Querschüsse" genannt wird.
Auch er bringt, schon seit längerem, einen ganzen Strauß materialreicher und vielfältig verlinkter Artikel, u. a.:

"Peak Oil - Finale Ölkrise?" (11.6.07) [Kein aktueller Link auffindbar]
"Das dunkle Zeitalter. Peak Oil kommt mit deutlichen Worten im Mainstream an!" (16.06.07) [Kein aktueller Link auffindbar]
"Peak Kredit, Peak Öl und Peak Mensch" (10.09.07)
"Peak Oil ist Realität" (24.10.08)
"Peak Oil in greifbarer Nähe" (03.05.08)
"Peak Oil im Mainstream angekommen" (21.05.2008) [Kein aktueller Link auffindbar]
"Ölexporte rückläufig - Nachfrage aus Schwellenländer ungebrochen!" (3.6.08)

(Interessant sind häufig auch die Kommentare der Leser; sei es, dass sie ergänzende Informationen und Links einbringen, sei es, dass sie jene Realitätsverweigerung ausformulieren, welche implizit die ganze Gesellschaft beherrscht.)

Nachtrag 22.07.08: Bogs betrieb den o. a. Blog; dass er plötzlich und unerwartet verschwunden war habe ich (bereits vor einiger Zeit) auch daran gemerkt, dass ich hier einige Suchzugriffe von Nutzern hatte, die wohl Näheres über dieses merkwürdige Verschwinden wissen wollten. Leider weiß ich auch nicht mehr als "Blogspot":
"Blog wurde entfernt. Leider wurde das Blog unter wirtschaft-querschuss.blogspot.com entfernt. Diese Adresse ist für neue Blogs nicht verfügbar."
Immerhin erfahre ich jetzt beim Googeln, das Bogs Autor der linken Zeitschrift "jungeWelt" war.

Nachtrag 27.10.08:
Nein - er ist (lt. Profil ab September 2008) wieder da, der Querschuss. Also habe ich mir die Mühe gemacht (weil seine Artikel es wert sind), meine Links zu aktualisieren.




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Weitere Informationen zum Thema Ölkrise auch in meinem Blott "Dieser Ire irrt sich nicht: Das Ölfördermaximum ist kein Märchen aus Tausendundeine Nacht" vom

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Nachfolgend Links zu einigen einschlägigen aktuellen Interviews:

Astrid Schneider hat ein Gespräch mit dem Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, geführt. Dieses wurde u. d. T. »Die Sirenen schrillen« in der Ausgabe April 2008 der Zeitschrift "Internationale Politik" publiziert. Aus dem einführenden Absatz:
"Energiehunger trifft Energieknappheit: Während die Nachfrage nach Öl wächst, sinkt die Förderung – es drohen Lieferklemmen, eskalierende Preise, Inflation. Im Gespräch mit der Energiepolitikerin Astrid Schneider fordert der Chefökonom der IEA, Fatih Birol, die Mitgliedsstaaaten zu einem Politikwechsel auf. Sein Motto: Wir sollten das Öl verlassen, bevor es uns verlässt."
Dass die International Energy Agency in Paris nunmehr derartige Aussagen macht, ist lobenswert. Allerdings ist es keine große prognostische Leistung, eine Krise zu konstatieren, wenn man schon mitten drin steckt. Deshalb ist es vielmehr ein Skandal, dass uns diese Organisation noch vor kurzem Sand in die Augen gestreut und eine problemlosen Verfügbarkeit von Rohöl für absehbare Zeit propagiert hat. (Unabhhängige Beobachter hatten die Desinformationsstrategie der IEA schon vor Jahren -ohne öffentliche Wirkung- demaskiert; vgl. z. B. den taz-Artikel "Die wunderbare Ölvermehrung" von HAUKE RITZ v. 04.11.2005.)


Hans-Josef Fell, Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Energie und Technologie von Bündnis 90/Die Grünen hat sich in einem Gespräch mit dem Fernsehsender n-tv am Montag, 31. März 2008 (Titel: "Ein Wettlauf mit der Zeit") geäußert. Einführungstext:
"Das Fördermaximum ist längst erreicht, sagt Hans-Josef Fell. Der Energieexperte der Grünen ist jedoch skeptisch, ob die Welt den Kopf noch aus dem Sand ziehen wird. Das Problem sei, dass die Themen Klimawandel und Energiesicherheit immer getrennt diskutiert werden. Zwei Szenarien sieht Fell für die Zeit nach dem Peak: erneuerbare Energien - oder Armut." [Nach meiner Einschätzung ist nur ein Szenario von den beiden realistisch, nämlich das zweite. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.] Der Gesprächspartner Hubertus Volmer kam auch auf die Rolle der Grünen in der Debatte über das Ölfördermaximum zu sprechen:
Frage: "Auf der Website abgeordnetenwatch.de gibt es ein Statement von Hans-Christian Ströbele zu Peak Oil. Dort sagt er, er sei "nicht der Meinung, dass die Ölreserven so schnell zu Ende gehen". Offenbar sind auch die Grünen nicht wirklich am Thema dran."
(Ehrliche) Antwort: "Ich will's mal so sagen: Auch bei den Grünen war in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit nicht in dem Maße vorhanden, wie ich das für richtig gehalten hätte. Es gilt aber auch, dass die Grünen die Partei sind, die sich dem Thema am intensivsten widmen." [Hervorhebung von mir]

Ebenfalls bei n-tv.de finden wir ein Gespräch (vom 3. April 2008) mit Prof. Wolfgang Blendinger Deutschlands einzigem Professor für Erdölgeologie (an der TU Clausthal, im Harz). Titel: "Ein Tropfen auf den heißen Stein"
Einführungsabsatz:
"Früher oder später werden die Erdölgesellschaften schon eingestehen, dass Peak Oil Realität ist, sagt Wolfgang Blendinger, Deutschlands einziger Professor für Erdölgeologie. Die Prognosen der Konzerne seien nur Augenwischerei. 'Wir sind zu 98 Prozent abhängig von importiertem Öl. Mit ein bisschen Phantasie kann sich jeder die Folgen von Peak Oil selbst ausmalen.' Ohne eine Abkehr vom "Wachstumsdogma" werde diese Krise nicht zu bewältigen sein."
Prof. Blendinger hat auch einen ernüchternden Text über Ölschiefer verfasst. Die "ASPO Deutschland" ("Association for the Study of Peak Oil"), deren Vorsitzender er lt. Wikipedia-Eintrag ist, betreibt das Internet-Portal www.energiekrise.de mit zahlreichen Informationen zum Thema. (Zur besonders rührigen irischen "Mutter" der mittlerweile in mehreren Ländern entstandenen "ASPOS" vgl. meinen Blott "Dieser Ire irrt sich nicht: Das Ölfördermaximum ist kein Märchen aus Tausendundeine Nacht".)
Fritz Vorholz rechnet Blendinger in seinem (gleichfalls vorzüglichen) "Zeit"-Report "Angst vor der zweiten Halbzeit" (vom 20.04.06) zu den "Pessimisten". In meinen Augen ist freilich noch ein Optimist, wer glaubt, dass wir mit einer Abkehr vom Wachstumsdogma den Ressourcenmangel (der sich außerdem auch bei dem Düngemittel Phosphor und bei vielen Metall schon abzeichnet) bewältigen können. (Aber Vorholz meint natürlich Ressourcenpessimismus, was nicht logisch zwingend einen Krisenbewältigungspessimismus nach sich ziehen muss.)

Nachtrag 16.06.2008
Dipl.-Kfm. Jörg Schindler und Dr. Werner Zittel von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH, Ottobrunn/Deutschland sind die Autoren einer Studie "Zukunft der weltweiten Erdölversorgung". Ursprünglich im Oktober 2007 auf Englisch erschienen ("C R U D E O I L. T H E S U P P L Y O U T L O O K. Report to the Energy Watch Group. October 2007. EWG-Series No 3/2007" "sponsored by Ludwig-Bölkow-Stiftung, Ottobrunn, Germany"), kam im Mai 2008 eine überarbeitete deutsche Fassung heraus ("mit freundlicher
Unterstützung des Club Niederösterreich
" - www.clubnoe.at). Mit gut 100 S. zu lang für mich, aber zum Glück geht es auch kürzer.
Die Autoren gehen davon aus, dass das Ölfördermaximum bereits im Jahre 2006 erreicht wurde.
Mehr über die (trotz ihrer englischsprachigen Bezeichnung deutschen) "Energy Watch Group" erfahren wir auf der Seite "Auftrag":
"Energiepolitik braucht objektive Informationen
Energiewirtschaft und Regierungsorganisationen pflegen den Glauben an die unbegrenzte Verfügbarkeit billiger Energie aus konventionellen Quellen. Energiepolitik braucht aber objektive Informationen.
Deshalb wurde auf Initiative des deutschen Parlamentariers Hans-Josef Fell und weiterer Parlamentarier aus anderen Ländern die Energy Watch Group gegründet. Träger ist die Ludwig-Bölkow-Stiftung. In diesem Projekt erarbeiten Wissenschaftler unabhängig von Regierungs- und Unternehmensinteressen Studien über
- die Verknappung der fossilen und atomaren
Energieressourcen,
- Ausbauszenarien für die Regenerativ-Energien
sowie
- daraus abzuleitende Strategien für eine
langfristig sichere Energieversorgung zu
bezahlbaren Preisen.
Die Wissenschaftler erheben und analysieren also nicht nur ökologische, sondern vor allem ökonomische und technologische Zusammenhänge. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sollen über die Fachkreise hinaus in die politisch interessierte Öffentlichkeit transportiert werden.
"
Es geht also nicht nur um Rohöl, sondern um Energie allgemein; die verschiedenen bislang erstellten Studien kann man hier herunterladen.

Der oben erwähnten Kurzfassung der jüngsten Studie zur geologischen Rohölverfügbarkeit verdanke ich den Hinweis auf eine schwedische Dissertation (in englischer Sprache) vom März 2007 an der Universität Uppsala. Autor ist Frederik Robelius; Titel: "Giant Oil Fields - The Highway to Oil: Giant Oil Fields and their Importance for Future Oil Production".
Hier das "Abstract", also die Zusammenfassung:
"Since the 1950s, oil has been the dominant source of energy in the world. The cheap supply of oil has been the engine for economic growth in the western world. Since future oil demand is expected to increase, the question to what extent future production will be available is important.
The belief in a soon peak production of oil is fueled by increasing oil prices. However, the reliability of the oil price as a single parameter can be questioned, as earlier times of high prices have occurred without having anything to do with a lack of oil. Instead, giant oil fields, the largest oil fields in the world, can be used as a parameter.
A giant oil field contains at least 500 million barrels of recoverable oil. Only 507, or 1 % of the total number of fields, are giants. Their contribution is striking: over 60 % of the 2005 production and about 65 % of the global ultimate recoverable reserve (URR).
However, giant fields are something of the past since a majority of the largest giant fields are over 50 years old and the discovery trend of less giant fields with smaller volumes is clear. A large number of the largest giant fields are found in the countries surrounding the Persian Gulf.
The domination of giant fields in global oil production confirms a concept where they govern future production. A model, based on past annual production and URR, has been developed to forecast future production from giant fields. The results, in combination with forecasts on new field developments, heavy oil and oil sand, are used to predict future oil production.
In all scenarios, peak oil occurs at about the same time as the giant fields peak. The worst-case scenario sees a peak in 2008 and the best-case scenario, following a 1.4 % demand growth, peaks in 2018.
"
Robelius betont also die überragende Bedeutung der großen Ölfelder (die fast alle schon vor langer Zeit entdeckt wurden und dementsprechend leergepumpt sind) für die Bestimmung des voraussichtlichen Zeitpunkts des Ölfördergipfels und erwartet diesen im Zeitraum von 2008 - 2018.

Eine Kuriosität findet sich im Blog "Our Finite World", nämlich eine Ansprache des "Rear Admiral Hyman Rickover" vom 14.05.1957 (!) an die "Minnesota State Medical Association" u. d. T. "Energy Resources and Our Future".
Über den Inhalt (den ich selbst erst noch lesen muss) sowie über den Redner erfahren wir:
"Rear Admiral Hyman Rickover gave an amazing speech in 1957 that predicted many of the energy-related issues we are now dealing with. Among other things, the speech talks about
• The relationship between fossil fuels and economic growth.
• The relationship between fossil fuels and military power.
• The fact that oil, natural gas, and coal are expected to peak, and the approximate timeframe.
• The responsibility of Rickover’s generation to tell later generations about the fact that fossil fuels will deplete, so that they can start very early making plans for the difficult transition away from fossil fuels.
Rear Admiral Hyman Rickover is known as the father of the nuclear submarine. He was also instrumental in getting the United States started using nuclear power to generate electricity. He was an advisor to Jimmy Carter, who is known for his interest in renewable energy
."
Nachtrag 27.01.2011: Eine Übersetzung der Rickover-Rede und weitere Informationen zur Person in meinem Blott "Salut für den Atom-Admiral! Hyman Rickovers visionäre Energie-Rede von 1957 hier auf Deutsch" vom 27.07.2008.

Nachtrag 15.07.08
Wei Gu (Nachrichtenagentur Reuters) berichtete über die massive Subventionierung von Öl in China: "The hidden costs of fuel subsidies". Der Artikel wurde hier am 4.6.2008 in der International Herald Tribune veröffentlicht; die Suche nach evtl. weiteren Links zu diesem Artikel führte mich zu einer umfassenderen Darstellung Fuel Subsidies Around the World", gleichfalls vom 4.6.08, in einem Blog namens "By The Fault" (kann ich mir nichts drunter vorstellen; aber jedenfalls ist der Artikel informativ und wichtig).
Blogs, die sich mehr oder weniger (soweit ich das auf den ersten Blick beurteilen kann) dem Thema "Ölfördermaximum" bw. Ressourcenverknappung widmen, sind z. B.
"Resource Insights" von Kurt Cobb. Kurziographie im Nutzerprofil: "Kurt Cobb is a freelance writer who speaks and writes frequently on energy and the environment. He is a columnist for the Paris-based science news site Scitizen -pronounced like 'citizen'- and his work has also been featured on Energy Bulletin, 321energy, Le Monde Diplomatique, EV World, The Wall Street Journal Online and many other sites. Kurt is a founding member of the Association for the Study of Peak Oil and Gas—USA "; über diesen informativen Artikel im 'Scitizen' kam ich zu seinem Blog. (Einleitungstext: "Energy researcher Charlie Hall's balloon graph challenges the notion that alternative energy sources will provide a smooth transition to a post-fossil fuel society. Scale and energy return remain huge obstacles.") Hier seine Artikelübersicht im Scitizen.
"Peak Energy" sammelt anscheinend einschlägige Nachrichten aus anderen Medien.
Von da kommt man dann auch zu einem "Energy Webring" der sich auch "Peak Oil Webring" nennt.

Nachtrag 20.07.2008
Für die USA hat der "National Petroleum Council" im Juli 2007 einen umfangreichen Bericht u. d. T. "Hardtruths. Facing the Hard Truths About Energy" erstellt. (Untertitel: "A comprehensive view to 2030 of global oil and natural gas." Einführung: "The American people are very concerned about energy—its availability, reliability, cost, and environmental impact. Energy also has become a subject of urgent policy discussions. But energy is a complex subject, touching every part of daily life and the overall economy, involving a wide variety of technologies, and deeply affecting many aspects of our foreign relations. The United States is the largest participant in the global energy system—the largest consumer, the second largest producer of coal and natural gas, and the largest importer and third largest producer of oil. Developing a framework for considering America’s oil and natural gas position now and for the future requires a broad view and a long-term perspective; both are provided in this study."). Ich fand ihn ursprünglich auf der Webseite des republikanischen US-Abgeordneten ("Representative") Roscoe Bartlett, der sich sehr stark in Energiefragen engagiert und auf seiner Webseite auch weitere einschlägige Texte oder Links anbietet.
Darunter ist auich ein Bericht ("Report to Congressional Requesters", also wohl auf Anforderung von Abgeordneten des US-Kongress erstellt) des "United States Government Accountability Office" ("GAO"; vergleichbar unserem Bundesrechnungshof?)mit der Überschrift "CRUDE OIL. Uncertainty about Future Oil Supply Makes It Important to Develop a Strategy for Addressing a Peak and Decline in Oil Production" vom Februar 2007.
Zumindest die Zusammenfassung der Studie ("Results in Brief") sollte überfliegen, wer noch immer nicht an den Ernst der Lage glaubt:
"Most studies estimate that oil production will peak sometime between now and 2040, although many of these projections cover a wide range of time, including two studies for which the range extends into the next century. The timing of the peak depends on multiple, uncertain factors that will influence how quickly the remaining oil is used, including the amount of oil still in the ground, how much of the remaining oil can be ultimately produced, and future oil demand. The amount of oil remaining in the ground is highly uncertain, in part because the Organization of Petroleum Exporting Countries (OPEC) controls most of the estimated world oil reserves, but its estimates of reserves are not verified by independent auditors. In addition, many parts of the world have not yet been fully explored for oil. There is also great uncertainty about the amount of oil that will ultimately be produced, given the technological, cost, and environmental challenges. For example, some of the oil remaining in the ground can be accessed only by using complex and costly technologies that present greater environmental challenges than the technologies used for most of the oil produced to date. Other important sources of uncertainty about future oil production are potentially unfavorable political and investment conditions in countries where oil is located. For example, more than 60 percent of world oil reserves, on the basis of Oil and Gas Journal estimates, are in countries where relatively unstable political conditions could constrain oil exploration and production. Finally, future world demand for oil also is uncertain because it depends on economic growth and government policies throughout the world. For example, continued rapid economic growth in China and India could significantly increase world demand for oil, while environmental concerns, including oil’s contribution to global warming, may spur conservation or adoption of alternative fuels that would reduce future demand for oil.
Results in Brief
In the United States, alternative transportation technologies face challenges that could impede their ability to mitigate the consequences of a peak and decline in oil production, unless sufficient time and effort are brought to bear. For example:
• Ethanol from corn is more costly to produce than gasoline, in part because of the high cost of the corn feedstock. Even if ethanol were to become more cost-competitive with gasoline, it could not become widely available Page 4 GAO-07-283
Peak Oil Production
without costly investments in infrastructure, including pipelines, storage tanks, and filling stations.
• Advanced vehicle technologies that could increase mileage or use different fuels are generally more costly than conventional technologies and have not been widely adopted. For example, hybrid electric vehicles can cost from $2,000 to $3,500 more to purchase than comparable conventional vehicles and currently constitute about 1 percent of new vehicle registrations in the United States.
• Hydrogen fuel cell vehicles are significantly more costly than conventional vehicles to produce. Specifically, the hydrogen fuel cell stack needed to power a vehicle currently costs about $35,000 to produce, in comparison with a conventional gas engine, which costs $2,000 to $3,000.
Given these challenges, development and widespread adoption of alternative transportation technologies will take time and effort. Key alternative technologies currently supply the equivalent of only about 1 percent of U.S. consumption of petroleum products, and DOE projects that even under optimistic scenarios, by 2015 these technologies could displace only the equivalent of 4 percent of projected U.S. annual consumption. Under these circumstances, an imminent peak and sharp decline in oil production could have severe consequences, including a worldwide recession. If the peak comes later, however, these technologies have a greater potential to mitigate the consequences. DOE projects that these technologies could displace up to the equivalent of 34 percent of projected U.S. annual consumption of petroleum products in the 2025 through 2030 time frame, assuming the challenges the technologies face are overcome. The level of effort dedicated to overcoming challenges to alternative technologies will depend in part on the price of oil; without sustained high oil prices, efforts to develop and adopt alternatives may fall by the wayside.
Federal agency efforts that could reduce uncertainty about the timing of peak oil production or mitigate its consequences are spread across multiple agencies and generally are not focused explicitly on peak oil. For example, efforts that could be used to reduce uncertainty about the timing of a peak include USGS activities to estimate oil resources and DOE efforts to monitor current supply and demand conditions in global oil markets and to make future projections. Similarly, DOE, the Department of Transportation (DOT), and the U.S. Department of Agriculture (USDA) all have programs and activities that oversee or promote alternative transportation technologies that could mitigate the consequences of a peak. However, officials of key agencies we spoke with acknowledge that their efforts—with the exception of some studies—are not specifically designed to address peak oil. Federally sponsored studies we reviewed have expressed a growing concern over the potential for a peak and officials from key agencies have identified some options for addressing this issue. For example, DOE and USGS officials told us that developing better information about worldwide demand and supply and improving global estimates for nonconventional oil resources and oil in “frontier” regions that have yet to be fully explored could help prepare for a peak in oil production by reducing uncertainty about its timing. Agency officials also said that, in the event of an imminent peak, they could step up efforts to mitigate the consequences by, for example, further encouraging development and adoption of alternative fuels and advanced vehicle technologies. However, according to DOE, there is no formal strategy for coordinating and prioritizing federal efforts dealing with peak oil issues, either within DOE or between DOE and other key agencies.
While the consequences of a peak would be felt globally, the United States, as the largest consumer of oil and one of the nations most heavily dependent on oil for transportation, may be particularly vulnerable. Therefore, to better prepare the United States for a peak and decline in oil production, we are recommending that the Secretary of Energy take the lead, in coordination with other relevant federal agencies, to establish a peak oil strategy. Such a strategy should include efforts to reduce uncertainty about the timing of a peak in oil production and provide timely advice to Congress about cost-effective measures to mitigate the potential consequences of a peak. In commenting on a draft of the report, the Departments of Energy and the Interior generally agreed with the report and recommendations.
"

Weiterhin verlinkt Bartlett zu den beiden sog. "Hirsch-Reports":
"PEAKING OF WORLD OIL PRODUCTION: IMPACTS, MITIGATION, & RISK MANAGEMENT" vom Februar 2005 und
"Economic Impacts of U.S. Liquid Fuel. Mitigation Options" vom 08.07.2006.

Nachtrag 28.07.08
Dr. Michael E. Mills, Associate Professor Psychology Department, Loyola Marymount University, Los Angeles, hat ein Unmenge von Informationen und Grafiken zum Thema "Evolutionary psychology and peak oil: A Malthusian inspired "heads up" for humanity" zusammengestellt. Hier seine Einleitung:
"Overview.
I initially developed this webpage for my students, especially those in
my Ecological Psychology course. The goal was to provide a succinct
overview peak oil, and "heads up" about the social and personal challenges
we will need to confront in the near future.
This web page is divided into the following topics, which will be explored
in turn:
Ecological overshoot as a general problem in population biology. The possibility of avoiding a human Mathusian collapse via
a Kurzweillian "techno-fix"
Peak oil as a an example of human ecological overshoot.
Possible economic and social scenarios following peak oil.
Contributions by psychological science, and evolutionary
psychology in particular, that may help to mitigate these problems.
"

Nachtrag 30.07.2008:
Dipl.-Ing. Dietrich Beitzke hat auf seiner Webseite "Heizungsbetrieb" auf der Unterseite "ab 2005 - die letzte Ölkrise. Womit heizen wir in 20 Jahren?" eine umfangreiche kommentierte Linksammlung von z. T. auch deutschsprachigen Artikeln usw. zusammengestellt; dieses i. d. R. ältere Material ist für einen Rückblick sicher interessant. Hübsch auch das einleitende Zitat:
"Wir alle sollten uns um die Zukunft sorgen, denn wir werden den Rest unseres Lebens dort verbringen." Charles F. Kettering, amerik. Industrieller (1876-1958)


Nachtrag 28.11.2008:
Es gibt, im Stil der berühmten Wette über die Entwicklung der Rohstoffpreise zwischen Paul Ehrlich und Julian Simon (vgl. Wikipedia-Stichwort "Simon-Ehrlich wager"), mittlerweile auch eine Wette (aus dem Jahr 2005) über die Entwicklung des Ölpreises (im Jahr 2010). Die neue Wette heißt "Simmons-Tierney bet" und hat es ebenfalls zu einem Wikipedia-Eintrag gebracht; man kann aber auch hier in der New York Times den Artikel von John Tierney über seine Wette mit dem 'Peakist' Matthew Simmons lesen.




Textstand vom 27.01.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

Sonntag, 1. Juni 2008

Steuern senken oder Staatsfinanzen konsolidieren? Deutsche Fiskalpolitik bei Prämisse einer raschen Ressourcenverknappung ("Peak Oil" usw.)

In Zeiten des nicht mehr allzu weit entfernten Wahlkampfes für die Wahl zum 17. Deutschen Bundestag im Jahre 2009 kommen die Populisten aus ihren Löchern. Sie wollen, wie immer, Widersprüchliches: zahlreiche Wohltaten an unterschiedliche Gruppen auszuschütten planen bzw. verlangen die einen. Die anderen (nicht selten mit ersteren identisch) wollen uns ein wenig (ganz gewiss nicht alles!) von dem zurück geben, was sie uns vor wenigen Jahren abgenommen haben. Damals beschloss die Große Koalition u. a. eine große Mehrwertsteuererhöhung, die Minderung der Kilometerpauschale und, ja, der Fairness halber sei auch die in der Debatte häufig unterschlagene "Reichensteuer" hier aufgelistet. Für die 'Rückerstattung' sind andere Wege im Gespräch; hauptsächlich wird eine Senkung der Einkommensteuer gefordert.

Mir persönlich liegen die Staatsfinanzen mehr am Herzen als die Senkung der Steuerlast. Das allerdings nicht aus Dummheit oder finanziellem Masochismus. Sondern weil ich weiß, dass die nächste Steuererhöhung bestimmt kommt, wenn es nicht gelingt, die Haushalte zu konsolidieren.

Es erscheint nun freilich denkbar, dass unter bestimmten Umständen eine Konsolidierung des Staatshaushaltes gar nicht mehr so dringlich ist. Weil man sie nämlich von anderen (konkret: von den Gläubigern selbst!) bezahlen lassen könnte.

Allen Diskursen über Fiskalpolitik (wie letztlich allen politischen und wirtschaftlichen Diskursen überhaupt) liegen Szenarien zu Grunde, die meist nicht explizit formuliert werden. Fast immer wird stillschweigend eine mehr oder weniger geradlinige Fortsetzung bestehender Trends angenommen: The Trend is the Friend - aller Routine-Prognostiker.
Ressourcenverknappungs-Theoretiker (und -Pessimisten) wie ich können sich auf diesen meist wie das Gewebetuch im Liegestuhl hübsch ansteigenden Kurven nicht ausruhen. Wer einen Trendbruch prognostiziert, sollte auch Überlegungen zu den Konsequenzen (im doppelten Sinne von zwangsläufig eintretenden wie von für zweckmäßig gehaltenen Reaktionen bzw. vorbeugenden Maßnahmen) anstellen.

Dies versuche ich hier für die Fiskalpolitik zu tun (in Deutschland; die theoretischen Annahmen gelten aber natürlich gleichermaßen in allen anderen Länder der Welt).


Was passiert, wenn wir das Ölfördermaximum erreicht haben (oder, falls dieser Zeitpunkt bereits eingetreten sein sollte, wenn sich die Menschen dieser Situation bewusst werden)?
Da wird sich zunächst der schon jetzt erkennbare Trend rapider Preissteigerungen für das Rohöl noch einmal beschleunigen; der Preis wird wohl nicht mehr nur linear, sondern sogar exponentiell steigen. Wir werden mit Rationierungsmaßnahmen, in Teilbereichen mit Subventionen usw. reagieren: eine Art von Kriegswirtschaft einführen, oder den marxistischen Sozialismus ausgraben. (Denkbar erscheinen auch noch unangenehmere Formen von Diktaturen, z. B. ist alternativ eine Art 'Südamerikanisierung' -oder Amerikanisierung?- der Gesellschaft mit einer verschärften und zunehmend unsozialen Oligarchenherrschaft durchaus vorstellbar).
Dies alles lasse ich aber zunächst einmal beiseite (weil ich nicht mit sämtlichen variablen Parametern zugleich jonglieren kann; insofern ist der vorliegende Beitrag natürlich nur ein allererster Einstieg in die Debatte, welche ich hoffentlich nicht als Selbstgespräch führen muss) und versuche, die Entwicklung - insoweit gewissermaßen ohne einen gesellschaftlichen Trendbruch - unter der Annahme eines weitgehend freien Wirkens der Marktlogik (und damit auch der Finanzlogik) zu durchdenken.

Zunächst einmal wird sich die Inflation rasch beschleunigen. Laue Vorboten der rauen (rauhen) Winde, Stürme, Orkane, welche da wohl schon bald auf uns zukommen werden, wehen uns schon jetzt aus den Meldungen der Statistikämter an. Für Deutschland prognostiziert das Statistische Bundesamt einen Preisanstieg von 3% für den Mai 2008. Für die EU insgesamt wird sogar eine Teuerungsrate von 3,6% erwartet.

Das sind jedoch sämtlich Peanuts im Vergleich zu dem, was uns wahrscheinlich noch bevorsteht. Allein schon im Falle eines gegenüber dem Dollar schwächeren Euro erwartet uns ein kräftiger Preisschub. Die Kaufkraftparität des Euro zum Dollar soll "irgendwo zwischen 1,08 und 1,20 Dollar je Euro" liegen, berichtete Robert Heusinger im Zeit-Blog "Herdentrieb" am 15.11.2007. Selbst wenn sie sich seitdem zu Lasten des US-Dollars noch etwas verschoben haben sollte, liegt sie mit Sicherheit weit unter dem aktuellen Wechselkurs von ca. 1,55 USD pro €.
Irgendwann wird das Pendel wieder umschlagen, und dann werden wir zumindest beim Rohöl, das ja bekanntlich in amerikanischen Dollar abgerechnet wird, eine weitere Preissteigerung von ca. 20% bekommen. Diese wechselkursbedingte Verteuerung haben wir so oder so in der "Pipeline", und parallel dazu wird der knappheitsbedingte Preisanstieg (nicht unbedingt geradlinig, aber doch im Durchschnitt) weitergehen und sich vermutlich weiter beschleunigen.

Inflation lässt die Steuerquellen sprudeln (jedenfalls so lange, wie sie nicht den Wirtschaftsmotor abwürgt, also zumindest anfänglich) und entwertet die Staatsschuld: dem Staat fällt die Rückzahlung der Kredite leichter.
Hier gibt es allerdings eine Ausnahme, auf die unsere Finanzpolitiker achten und bei der wir Bürgern denen auf die Finger sehen müssen: inflationsindexierte Staatsanleihen.
Professor Dr. jur. Dr.-Ing. E.h. Dieter Spethmann ist nicht einer von jenen Elfenbeinturmbewohnern, welchen ihre Lehrkanzel den Blick verengt hat, die aber gleichwohl ihre titulierte Meinung in den Ring werfen. Der Mann war immerhin mal Vorstandsvorsitzender der Thyssen AG (s. a. die Biographie auf seiner HP). In seinem (kurzen: 3 S.) Papier "Einige Bemerkungen zu indexierten Staatsanleihen" auf seiner eigenen Webseite äußerte er sich (bereits im November 2004) zu diesem Thema u. a. wie folgt:
"Vor einigen Monaten gab die Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium bekannt, ihr Haus plane die Herausgabe indexierter Staatsanleihen, wobei als Index ein europäischer gewählt werden solle. Ich erlaubte mir den Hinweis, dass Deutschland von 1949 bis 1998, also in Dänemark, mit 2,7% pa inflationieren, mithin niedriger als diejenigen, die heute seine Nachbarn in der Euro-Zone sind, weiter, dass Deutschland auch seit Einführung des Euro (1999) niedriger als jene inflationiert. Deshalb wäre die Heranziehung eines europäischen Index für deutsche Zwecke nachteilig für Deutschland. Gleichwohl klingt es erneut aus dem Ministerium, für 2005 möge eine indexierte Staatsanleihe bevorstehen. Deshalb einige Bemerkungen hierzu. § 3 des Währungs-Gesetzes von 1948 verbot alle Schuldbemessungsgrundlagen außer der DM. Damit war die Indexierung von Staatsanleihen ausgeschlossen. Folgerichtig belief sich die Inflation während der 50 DM-Jahre nur auf die genannten 2,7% pa: Der deutsche Staat hatte sich auch ohne Indexanleihen finanziert. Ich halte es für einen Skandal, dass jetzt der Bundesfinanzminister über die Ausgabe von Indexanleihen nachdenkt. Er hat wohl Angst, Deutschland ohne dieses aus meiner Sicht durch und durch unsolide Instrument nicht mehr finanzieren zu können. Schlimmer Befund." [Hervorhebung von mir; inwieweit im übrigen Spethmanns Abneigung gegen den Euro berechtigt ist oder nicht, steht hier nicht zur Debatte.]
Ich weiß nicht, ob und ggf. in welchem Umfang Deutschland bereits inflationsindexierte Anleihen ausgegeben hat (wegen entsprechender Planungen vgl. z. B. diesen FAZ-Artikel vom Februar 2006); jedenfalls wären solche ein Geschenk an die Kapitalanleger - und Diebstahl am Steuerzahler. (Wie die Lage in Italien aussieht, das m. W. erst kürzlich wieder eine derartige Anleihe herausgebracht hat, kann ich nicht beurteilen. Spethmann weist in seinem Papier auf die Vorteile hin, welche Europa-inflationsindexierte Anleihen für diejenigen Länder haben, deren Inflationsrate über der europäischen liegt. Allerdings bezweifle ich, dass die Inflationsraten der EU-Länder auf Dauer massiv voneinander abweichen können.)

Aus der Perspektive der Kapitalbesitzer wird sich die Situation anders darstellen: sie werden sich über "Ungerechtigkeit" beklagen, wenn sie Geld verleihen sollen, am Ende aber, der Kaufkraft nach, dieses nicht mehr in vollem Umfang zurück erhalten (Inflationsrate höher als Nominalzins, als negativer Realzins). Und natürlich werden sie damit drohen, ihr Kapital zurück zu halten.
Zu diesen zwei Fragen habe ich drei Antworten zu bieten:
1) Nach welchem Gesetz - der Natur oder der Gesellschaft oder des Staates - müssen denn jene, die Geld haben, zwangsläufig daran verdienen? Und wieso sollten sie den Marktgesetzen nur dann bzw. insoweit unterworfen sein, wie diese zu ihren Gunsten funktionieren? Denn
2) die Geldbesitzer haben grosso modo gesehen gar keine andere Wahl, als ihr Geld (auch) an den Staat zu verleihen. Die Möglichkeiten für Investitionen in Sachwerte sind nicht unbegrenzt (allerdings rechne ich schon bald mit massiven Steigerungen der Bodenpreise). Im Ausland lauern die gleichen ökonomischen Probleme; dazu kommen aber noch politische Risiken und Wechselkursrisiken. Sie können ihr Kapital auf dem Konto liegen lassen: dann verleihen es die Banken an den Staat, und die Geldgeber müssen sich mit noch niedrigeren Zinsen zufrieden geben, weil die Banken ja auch leben wollen.
Natürlich gibt es einen internationalen Wettbewerb um das Kapital, aber wenn man darauf achtet, das Renommee als Schuldner zu pflegen, bekommt man die relativ günstigsten Konditionen.
3) Auch und gerade die Arbeitnehmer werden für ihre Arbeitskraft weniger bekommen. Nicht in Währungseinheiten, aber in Kaufkraft. Und auch alle anderen Geldbesitzer verlieren Kaufkraft. Weshalb sollten da die Besitzer von Staatsanleihen privilegiert sein - und im Ergebnis durch eine wunderbare indexinduzierte Kapitalvermehrung von den dann noch verfügbaren knappen Gütern einen relativ größeren Anteil als die anderen kaufen können? Ohnehin ist schon jetzt viel zu viel Geld in der Welt; was bislang im Derivatemarkt herumvagabundiert, wird früher oder später wieder im Hafen der Realwirtschaft einlaufen - und dort als Inflations-Turbo wirken.

Der Dumme ist der Kleine Mann, der nicht in Sachkapital investiert hat, sondern sein Geld (einen Notgroschen gar) vertrauensvoll aufs Konto gelegt hat, wird man sagen. Nicht zu Unrecht, aber wer das Geld aufs Konto legt, investiert es ja ohnehin nicht in Staatsanleihen. Mit derartigen Argumenten werden die Kleinen Leute nur vorgeschoben, um die Finanzinteressen der Großen zu fördern. Forderungen nach inflationsindexierten Anleihen lassen sich so nicht wirklich begründen. Die Zeche zahlen am Ende ohnehin die kleinen Steuerzahler.

Nun aber endlich mal wieder zu unserem Ressourcenverknappungszenario zurück: der Staat kann seine Schulden billig abtragen.
Andererseits kommt er aber auch unter starken Ausgabendruck. Die Wirtschaft läuft aus dem Ruder (gerade unsere, sehr stark auf die Automobilwirtschaft - und innerhalb dieser Branche wiederum weit überdurchschnittlich auf Spritschlucker-Marken - aufgebaute, Volkswirtschaft wird es wohl als eine der ersten und besonders hart treffen), die Sozialausgaben werden steil ansteigen.

In anderen Bereichen kann der Staat dann allerdings sparen. Theoretisch könnte und sollte unser Staat damit schon jetzt beginnen: Neubauten von Straßen sind absolut sinnlos, sogar kontraproduktiv, denn schließlich verringern sie die für die Vegetation verfügbare Fläche, und davon werden wir schon bald für den Anbau von Agrargütern als Nahrungsmittel, auf weniger guten Böden auch für Wald als Lieferant für nachwachsende Energie mehr benötigen, als wir verfügbar haben. Nur bekämen wir dann Verwerfungen in der (Bau-)Wirtschaft, ohne dass die Bürger deren Notwendigkeit gegenwärtig einsehen würden. Und was könnten wir, gegenwärtig, an die Stelle der so verlorenen Bau-Arbeitsplätze setzen? Alg II bzw. Sozialhilfe?

Jedenfalls aber dann, wenn keine Autos mehr verkauft werden, wenn Muskelkraft wieder wichtiger wird (weil unsere derzeit noch ausreichend vorhandenen "Energiesklaven" verschwunden sein werden), wird auch der Straßenbau einschlafen. Und nicht einmal völlig ersatzlos, denn er wird einerseits durch den Bahnbau abgelöst werden und zum anderen durch den Rückbau von Straßen. (Hahaha, lustige Vorstellung: wir fangen an, unsere Autobahnen zu "roden" wie im Mittelalter die Menschen die Wälder gerodet haben. Letztere werden natürlich auch dran glauben müssen: die Bäume werden verheizt, und auf geeigneten Böden werden Nahrungspflanzen angebaut.)


Was hat alles das mit Steuersenkungen zu tun? Nun, wir werden sie in einer solchen Situation dringend brauchen. Und zwar schon deshalb, weil Gesellschaften mit einer geringen Produktivität naturgemäß keinen großen bürokratischen "Überbau" durchfüttern können; das fehlt irgendwann an unserem Existenzminimum, bzw. am Subsistenzniveau. Das war früher so und das wird, wenn mein Szenario richtig ist (d. h. wenn die Menschheit nicht doch noch irgendwelche energetischen 'Wunderwaffen' - gewissermaßen für unseren Endsieg über die Natur - erfindet, an die ich persönlich jedoch nicht glaube) in Zukunft wieder so sein. Die derzeitigen prozentualen Steuerlasten können die Menschen in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr schultern. So gesehen, wäre es wohl tatsächlich am besten, mit Steuersenkungen schon jetzt im Rahmen des möglichen und vertretbaren zu beginnen und zugleich die Staatsverschuldung zwar nicht auszuweiten, aber auch nicht vordringlich an ihrer Rückführung zu arbeiten.
(Theoretisch wäre natürlich auch eine vollsozialisierte Gesellschaft denkbar, in der wir alles an den Staat abliefern müssen, der uns dafür versorgt - so gut er halt kann. Deutschland als Kibbuz - das wäre der Treppenwitz der Weltgeschichte.)

Vorhandenes Geld verführt noch leichter zum Ausgeben als wenn Kredite aufgenommen werden müssen. Nicht zuletzt um die Politik knapp zu halten, die anderenfalls die Mittel verplempern würde, statt die Staatsfinanzen zu konsolidieren, plädiere ich für eine Steuerentlastung bereits jetzt bzw. in Kürze.
Für die Wortgefechte von Wahlkämpfen eigenen sich meine weit ausholenden Überlegungen allerdings eher weniger.
Und Sie, wie sehen Sie die Lage und die Zusammenhänge?



Textstand vom 13.02.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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