Sonntag, 31. Mai 2009

Vox populi vox bovi oder Vox populi vox dei? Ein ZEIT-Disput über den intellektuellen Rinderwahnsinn der Massen.

Leute, welche wie ich die Klowände des Internets beschmieren (wie der Werbeagenturchef Jean-Remy von Matt einst so prägnant formulierte), z. B. als Blogger oder als Freizeitpoeten und ~poetinnen, bekamen auf der Webseite der ZEIT vom 20.05.2009 ihr Fett von Adam Soboczynski weg: "Netzkultur. Das Netz als Feind", nämlich als ein Instrument der wild gewordenen Massen zur Hatz auf diejenigen, welche sich für Geistesgrößen halten:
"Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird"
will Soboczynski in seinem angesichts der Thematik verhältnismäßig kurzen Essay aufdecken und entdeckt dort zunächst einen
"Abscheu, der sich ... über die letzten Bastionen sachkundiger Meinungsbildung ergießt", eine "antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren ..., die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt".
Alles kämpft heute gegen die Pinscher, äh, ich meine, die Intellektuellen, sogar die Universitäten und Verlage haben sich heutzutage gegen diese Menschensorte verschworen. Besonders schlimm sind jedoch Kulturkritikkritiker:
"Mit zum Plumpesten gehört derzeit die Kritik an Kulturkritik".
Diese Behauptung erfreut mich, denn schließlich habe ich dafür einen eigenen Täg eingerichtet und weiß also mit Gewissheit, dass ich Soboczynskis Kritik auch auf mich beziehen darf. Und das wir Massenmenschen erfolgreich sein werden, denn
"Als der, der er bislang war, Störenfried des Konsenses, Vermittler von Wissensbeständen, Korrektiv des Staats, wird er [der Intellektuelle] verschwinden."
Und ich werde von mir sagen können, daran mitgewirkt zu haben!
Das heißt, aus anderer Sicht wird gesagt werden:
Der da hat sich daran mitschuldig gemacht!


Doch schon naht Trost spendend Gero von Randow zu meinem Sukkurs und balsamiert - in einem etwas umfangreicheren Aufsatz - meine Bloggerseele, sowie die Seelen des die Poesie profanierenden sonstigen Pöbels, mit seiner Gegenrede (ZEIT vom 28.05.09) "Internet-Debatte. Geistesaristokratie":
"Nicht alles im Internet ist schön – na und? Das Netz ist demokratischer als viele seiner Kritiker. Eine Replik".
"Am Anfang steht ... eine Verwechslung. In dem Artikel ist vorwiegend von Journalisten die Rede. Doch nicht das Impressum macht den Intellektuellen, ebenso wenig wie das Vorlesungsverzeichnis oder der Verlagsprospekt. »Intellektueller ist man immer nur im Nebenberuf«, bemerkte der Bielefelder Philosoph Martin Carrier einmal. Fast alle Untersuchungen zum Thema nähern sich folgender Definition an: Wer aufgrund fachlicher oder künstlerischer Leistung ein ganz besonderes Ansehen genießt und dieses nutzt, um sich auf geistig hohem Niveau wirkungsvoll zu Themen zu äußern, die das allgemeine Wohl betreffen – den nennen wir einen Intellektuellen. Sartre war einer, ich bin keiner [das ist halt eine Definitionsfrage; ich denke, dass die Mehrheit der Beurteiler auch den Wissenschaftsjournalisten Gero von Randow als Intellektuellen bezeichnen würde].
Dürfen Verwaltungsfachangestellte Gedichte veröffentlichen?
Der Intellektuelle wagt sich aus der Deckung ins Getümmel. Er nutzt alle geeigneten sprachlichen Mittel, aber nicht, um sich und seinesgleichen abzugrenzen, sondern um die Bürger zu bewegen. Er ist eben kein »Geistesaristokrat«, der sich der Demokratie »wesenhaft entzieht«, wie Soboczynski glaubt. Fragwürdig, wie er über die Demokratie schreibt. Und über das Volk. ... tritt das Volk in dem Artikel als surfende »Gaby« auf, als bloggender »Kneipier« und dichtende »Verwaltungsfachangestellte«. ...
Ja, die »Massen«. Sie müssen wohl sein, die Gabys und die Verwaltungsfachangestellten, ohne sie gäbe es keine Aristokraten. Aber sie sollen dort bleiben, wohin sie gehören. ...
Hinter der Wut auf das Netz scheint die Angst vor Konkurrenz auf. .....
"


Ich schaue amüsiert zu; den von Soboczynski behaupteten Hass der Internautenmassen auf die Intellektuellen habe ich als Massenphänomen jedenfalls noch nicht wahrgenommen.

Interessant ist immerhin die folgende Google-Suchstatistik:

"vox populi vox bovi" generiert 118 Treffer;
"vox populi vox dei" bringt dagegen 575.000 Fundstellen hervor!

Das Volk, auch dasjenige der Wikipedisten, sieht sich offenbar lieber als Gott denn als Ochsen .

Im übrigen erscheinen "vox populi vox bovi" "vox populi vox dei" nur auf sieben (mittlerweile 9: davon meine zwiefach) Webseiten gemeinsam in trauter Vereinigung der Gegensätze.
Eine davon ist italienischsprachig, eine in einer slawischen Sprache. Einen weiteren Treffer spendiert den Suchenden die Webseite "Sklavenzentrale" - passt irgendwie, denn in der einen oder anderen Weise sind wir ja alle Sklavinnen und Sklaven - nicht unbedingt von irgendwelchen Herren, sondern einfach als Systemgefangene.
Näher an der o. a. Debatte ist allerdings der Artikel:
"Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit" von Agon S. Buchholz für Kefk Network Politik vom 20.06.2005.

Natürlich habe ich auch beim vorliegenden Blott einige Link-Eträge in die Scheuern gefahren:
- zum Wikipedia-Artikel "Direkte Demokratie" z. B., oder auch zur Webseite
des Berliner Vereins
- "Mehr Demokratie e.V."

Dass die direkte Demokratie keine Freikugel (silver bullet) zur Lösung politischer Probleme darstellt, und keineswegs unbedingt der ökonomischen Vernunft zum Siege verhilft, habe ich exemplarisch in meiner Analyse eines Bürgerbegehrens zum Hallenbadbau in Bad Reichenhall untersucht: "Bad Reichenhall: Das geplante Hallenbad, Sportbad oder Familienbad wird kein Spaßbad – für den Steuerzahler".
Als ein zentrales Problem erweist sich dabei der Umstand, dass in einem solchen Verfahren nur eine äußerst beschränkte Zahl von Alternativen 'durchgehechelt' werden kann.

Im übrigen wäre es auch naiv zu glauben, dass jeder, der für mehr Volksbeteiligung plädiert, das wirklich ernst meint, auch wenn er es selbst wirklich ernsthaft glauben mag. Vgl. dazu meinen Blott "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft."





Textstand vom 31.05.2009. Auf meiner Webseite
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Donnerstag, 28. Mai 2009

Alles Madoff oder was? Amerikanische Wirtschaftswissenschaftler (auch die US-Notenbank?) wollen (erneut) die Welt bestehlen. Jetzt durch Inflation.

There’s trillions of dollars of debt, in mortgage debt, consumer debt, government debt,” says Rogoff, who was chief economist at the Washington-based IMF from 2001 to 2003. “It’s a question of how do you achieve the deleveraging. Do you go through a long period of slow growth, high savings and many legal problems or do you accept higher inflation?”

Das Vorstehende ist ein Auszug aus dem Bericht "U.S. Needs More Inflation to Speed Recovery, Say Mankiw, Rogoff" der US-amerikanischen Wirtschafts-Nachrichtenagentur Bloomberg vom 19.05.2009. Daraus einige Zitate (Hervorhebungen von mir):

Mittwoch, 27. Mai 2009

Ursula-von-der Leyen-Fanclub. Sind Sie noch nicht dabei? Ich bin für Internetsperren! Sie doch hoffentlich auch?



Für gute Sachen bin ich doch immer zu begeistern!

Zum Beispiel dafür, dass ausnahmsweise mal das Volk entscheidet, ob es Internetsperren will oder nicht.
Ob wir es schaffen, die Berliner Benevolenzdiktatur (benevolent dictatorship) in diesem Punkt abzuschaffen?.

Hilf mit und verbreite
Auch du diese Seite!
(Ich meine nicht meine, sondern diejenige, auf welche das obige Ursula-Symbol verweist!)

Freiheit, die ich meine:
Legt Ursula an die Leine!

Oder schickt sie zurück an die Leine.
Damit wir eines Tages aufatmen können wenn es heißt:
URSULA VON DER LEYEN:
VON DER LEINE - AN DIE LEINE!

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Nachfolgend übernehme ich einen Essay von einem gewissen Christian Wöhrl. Wöhrl legt (wie das anderwärts auch zahlreiche andere Gegner von Internetsperren getan haben) für mich überzeugend dar, dass die jetzt geplanten Maßnahmen lediglich der Anfang einer schiefen Ebene wären, auf der wir ganz schnell in Zensurmaßnahmen auch politischer Natur abgleiten können. Im Original (und dort mit den Links, die hier bei mir fehlen) ist Wöhrls Aufsatz hier aufzurufen; auf einer anderen Unterseite hat er zahlreiche weitere einschlägige Informationen verlinkt.


cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 1 von 4
Kinderpornografie und Internet-Zensur
Hintergründe, Zusammenhänge, Denkanstöße
Christian Wöhrl, April 2009
Alle verwendeten Weblinks finden Sie auf Seite 4 auch im Volltext.
uf den ersten Blick wirkt es wie eine ehrenwerte Aufgabe, der sich Ursula von der Leyen
verschrieben hat. An allen Fronten kämpft die Bundesfamilienministerin gegen Kinderpornografie:
gegen den sexuellen Missbrauch Schutzbedürftiger und gegen den Vertrieb solcher
Pornografie im Internet. Doch nähere Betrachtung ihrer Argumente und Handlungsansätze zeigt,
dass ihr eigentliches Ziel keineswegs die Bekämpfung von Kinderpornografie ist, ja nicht sein kann.
A
Worum aber geht es wirklich? Hier mein Versuch einer kurzen Zusammenfassung der geplanten
„Anti-Kinderporno“-Maßnahmen1 sowie einer auch für technische Laien verständlichen Erklärung:
Die Familienministerin und ihre Mitstreiter legen ihrem Handeln die Annahme zugrunde, der
„WWW“ genannte Teilbereich des Internets (also all das, was mit einem Browser wie Internet
Explorer oder Firefox zugänglich ist) sei ein wesentlicher Distributionskanal für frei zugängliche
oder auch kommerzielle Kinderpornografie. Viel spricht dafür, dass dies nicht so ist, dass also
Kinderpornografie nahezu ausschließlich außerhalb des WWW verbreitet wird und auch das nicht
im großen Stil gewerbsmäßig. Dennoch soll speziell für das WWW, zunächst nur bei großen
Internet-Zugangsanbietern, später bundesweit verbindlich, das Instrumentarium der „Stoppseite“
eingeführt werden, um nach den Vorstellungen von Frau von der Leyen die Verfügbarkeit kinderpornografischer
„Einstiegsdrogen“ zu erschweren. Die entsprechenden Verträge mit einigen der
größten Provider sind bereits unterschrieben. Eine Liste der kooperierenden Anbieter gibt es hier.
Wie funktioniert die Stoppseite?
Wenn man im Browser wie gewohnt eine Internet-Adresse im Klartext aufruft, wird die Anfrage
zunächst an einen DNS-Server geschickt, der den Klarnamen (z.B. http://cwoehrl.de) in die
zugehörige IP-Adresse (z.B. 80.67.17.71) auflöst und die Anfrage dorthin weiterleitet. Jeder
Internet-Anbieter hat seinen eigenen DNS-Server, und dadurch ist es ihm möglich, die
Weiterleitung zu bestimmten IP-Adressen oder -Bereichen (z.B. alles mit 123.456.xxx.xxx)
zu blockieren oder auf andere Seiten umzuleiten. Genau das passiert hier: In den DNS-Servern
der beteiligten Provider werden Listen hinterlegt, die regeln, welche IP-Anfragen auf eine
Stoppseite umgeleitet werden.
Und jetzt wird’s spannend: Diese Listen sind geheim. Sie werden beim Bundeskriminalamt erstellt
und aktualisiert, vertraulich an die Provider weitergegeben, und diese haben sie umgehend und
ungeprüft in ihre Server einzupflegen. Wer sich darüber informieren möchte, was auf diesen Listen
steht, der macht sich bereits strafbar. Nochmals: Wir reden vom BKA – dieselbe Behörde, die
gerade im Rahmen eines höchst umstrittenen Gesetzes mit weit reichenden Geheimdienstbefugnissen
ausgestattet wurde, soll hier Ermittler, Ankläger und Richter in Personalunion sein, und
1 Stand ca. April/Mai 2009.
cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 2 von 4
demokratietypische Kontrollmechanismen sind nicht vorgesehen. Allein: „Das grenzenlose
Vertrauen ins BKA widerspricht dem Menschenverstand“, wie ZEIT-Verleger Michael Naumann in
der Begründung seiner Verfassungsklage gegen das BKA-Gesetz schreibt.
Niemand darf wissen, was auf diesen Sperrlisten steht. Jeder von uns könnte also beim ziellosen
Internet-Surfen, beim Anklicken eines launigen Links in einer E-Mail, unbeabsichtigt auf einer
Stoppseite landen. Und nun sage niemand „na und“, denn die Perfidie geht weiter: Während Frau
von der Leyen bei ihrem Propagandafeldzug durch Redaktionen und Rundfunkanstalten bislang
darauf beharrte, dass zufällige Aufrufe nicht protokolliert würden, klingt das neuerdings aus dem
Justizministerium ganz anders. Dessen Pressesprecher Ulrich Staudigl erklärte jüngst gegenüber
heise online, dass sehr wohl eine Echtzeitprotokollierung des Datenverkehrs an den Stoppseiten
geplant sei und jeder Nutzer, der eine solche Seite aufrufe, mit Strafverfolgung zu rechnen habe.
Klartext: Sobald diese Vereinbarungen und Gesetze in Kraft sind, stehen wir alle beim ganz
normalen Surfen mit einem Bein im Gefängnis. Und Unschuldsvermutung hin oder her: Wenn Ihr
Nachbar aufschnappt, dass bei Ihnen eine Hausdurchsuchung wegen des Verdachts auf Konsum
von Kinderpornografie stattgefunden hat, können Sie vermutlich nur noch ganz weit wegziehen ...
Was man nicht sieht, das gibt es nicht. Oder doch?
Und bei alledem sollte nicht vergessen werden: Die möglicherweise2 zu Recht anstößige Webseite
ist zwar nicht mehr auf Anhieb sichtbar; sie ist aber nach wie vor online und kann von jedem
Interessierten problemlos aufgerufen werden. Ich habe das vor einigen Monaten hier als den
Versuch beschrieben, einen Exhibitionisten im Stadtpark nicht etwa festzunehmen, sondern mit
einem Paravent zu umstellen.
Erfahrungen mit Sperrlisten in anderen Ländern zeigen zudem, dass auf solchen Listen längst nicht
nur kinderpornografische Websites zu finden sind. Hier ist etwa eine auf verschlungenen Wegen
veröffentlichte skandinavische Liste verlinkt, die nur zu rund einem Prozent echte Kinderpornografie
umfassen soll, welche zudem mehrheitlich auf Servern in Europa und den USA liegt, wo man
sie problemlos binnen Minuten vom Netz nehmen könnte, statt sie bloß zu verhüllen. Genau das ist
übrigens eine Hauptforderung der Gegner von Netzsperren: Nicht bloß wegsehen, sondern Inhalte
vom Netz nehmen und die Urheber verfolgen! Diesbezüglich sind wir deutlich rigoroser als die
Politik, und deshalb sind die Vorwürfe aus den Reihen der Regierung, Sperrkritiker sympathisierten
mit Kinderschändern, vollkommen aus der Luft gegriffen. Ist es im Gegenteil nicht sogar strafvereitelnd,
wenn die Urheber krimineller Websites durch eine Stoppseite vorgewarnt werden, dass
sie möglicherweise demnächst mit Strafverfolgung zu rechnen haben?
Wohin der Hase läuft, zeigen auch Forderungen diverser Politiker, solche Sperrseiten nicht nur
gegen Kinderpornografie, sondern beispielsweise auch gegen ausländische Glücksspielseiten
einzusetzen. Wir müssen also davon ausgehen: Sobald diese Infrastruktur existiert, wird sie gegen
die unterschiedlichsten missliebigen Dinge zum Einsatz kommen. Damit jedoch sind wir im
Bereich lupenreiner, keiner Kontrolle unterworfener Zensur, die allerdings laut Artikel 5 GG nur
unter allerstrengsten Vorbehalten zulässig ist.
2 bedenken Sie, dass wir nicht das Recht haben, das zu prüfen.
cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 3 von 4
Doch selbst wenn wir wider jeglichen Verstand davon ausgehen wollen, dass diese Filterlisten für
die DNS-Server auf kinderpornografische Websites begrenzt bleiben, so ist es doch eine Sache von
Sekunden, diese DNS-Sperren zu umgehen. Eine Anleitung dazu gibt es unter anderem hier. Und
diese Möglichkeit sollten Sie nutzen. Nicht um Webseiten mit verbotenen Inhalten aufrufen zu
können – das wäre berechtigterweise strafbewehrt –, sondern um sich selbst vor dem Risiko zu
schützen, ungewollt eine Stoppseite aufzurufen und dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Aber worum geht es denn nun?
Fassen wir zusammen: Als Sperren gegen Kinderpornografie sind DNS-Filter sinnlos. Es ist
wirklich so simpel. Wozu also sind sie gut?
Wenn man sie nicht einfach als wohlfeilen Wahlkampf-Aktionismus abtun möchte, sind sie nur so
zu erklären, dass hier ein Klima erzeugt werden soll, in dem technische Zensurmaßnahmen gegen
das Internet gesellschaftlich weitestgehend akzeptabel erscheinen. Und die für jeden Interessierten
offensichtliche Sinnlosigkeit von DNS-Filtern sollten wir uns als Nebelkerze vorstellen: Sie suggeriert,
dass man politisch nichts gegen die Filterung unternehmen muss, weil sie so einfach technisch
zu umgehen ist. Im nächsten Schritt werden wir technisch wirksame Zensur erleben, und wenn sich
daraufhin Opposition regt, wird es heißen: Na und, letztes Mal hat doch auch keiner gemeckert?
Wir müssen diese Maßnahmen im Zusammenhang sehen: Die Vorratsdaten spei cherung , das BKAGesetz,
die EU-Telecoms Packages, die DNS-Sperren – all das stellt unbescholtene Bürger unter
Generalverdacht, erzeugt ein Klima der Angst und beschneidet Freiheiten im Namen imaginärer
Sicherheit. Nichts von alledem wird der Kinderpornografie oder sonstiger Kriminalität das Wasser
abgraben, aber kritischen Bürgern wird dadurch vermittelt, dass sie besser den Mund halten sollten.
WWW, E-Mail und Co. ermöglichen fraglos neue Dimensionen der Kriminalität, denen Strafverfolgungsbehörden
adäquat begegnen können müssen. Aber sie ermöglichen auch neue Dimensionen
der unabhängigen Information, der Vernetzung und der Meinungsbildung; sie sind im besten Sinne
basisdemokratisch, indem sie jeder neuen, unkonventionellen, unbequemen Idee zunächst einmal
dieselbe Chance geben, sich in Windeseile im ganzen Land und darüber hinaus zu verbreiten. Und
ich wage zu behaupten: Wenn sie an die letztgenannten Möglichkeiten denkt, dann geht, verzeihen
Sie mir die Wortwahl, unserer derzeit herrschenden Klasse der Arsch auf Grundeis. Oder eleganter:
„Die utopischen Visionen des Netzes basieren, genau wie das Grundgesetz, auf einem Misstrauen
der Bürger gegenüber dem Staat. Die dystopischen dagegen auf einem Misstrauen des Staates
gegenüber den Bürgern. Welche Vision sich durchsetzen wird, ist noch nicht entschieden.“
Ralf Bendrath, Kampf der Kulturen
In ihren Bemühungen, ihr Elfenbeintürmchen gegen unerwünschte Partizipation des Wahlvolks
abzuschotten, erhält die Politik überdies Schützenhilfe von Interessengruppen etwa aus der
Musik- und Filmindustrie, die sich von einer wirksamen Zensur-Infrastruktur Schutz für
ihre überkommenen Geschäftsmodelle erhoffen. Diese Zusammenhänge auszuführen würde
allerdings den Rahmen dieses Dokuments sprengen; Hintergrundinformationen zu diesem
Themenkomplex finden Sie beispielsweise bei netzpolitik.org oder in Cory Doctorows frei
verfügbarer Essaysammlung Content.
cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Seite 4 von 4
Und nun?
Aufklärung tut Not. Informieren Sie Ihren Freundeskreis, was es mit der ach so nützlichen Internet-
Filterung auf sich hat und was auf dem Spiel steht: Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie das
vielleicht wichtigste, sicherlich aber demokratischste Medium des 21. Jahrhunderts zu einem
schäbigen Outlet konsensfähiger Wischiwaschi-Meinungen heruntergewirtschaftet und jeder
Kritiker dieser Tendenzen pauschal kriminalisiert wird.
Auch politischer Gegenwind gegen solcherlei repressive Maßnahmen ist unumgänglich. Beispielsweise
können Sie noch bis 16. Juni 09 hier eine entsprechende Petition mitzeichnen. Kontaktieren
Sie auch Ihre Wahlkreisabgeordneten und -kandidaten, fragen Sie sie nach ihrer Haltung zur Informations-
und Meinungsfreiheit. Möglicherweise werden Sie schon bei Abgeordnetenwatch fündig;
auch dort können kritische Fragen gestellt werden. Geben Sie Ihren Kandidaten zu verstehen, dass
Sie nicht gewillt sind, Ihre bürgerlichen Freiheiten beschneiden zu lassen. Gehen Sie wählen, und
wählen Sie solche Personen und Parteien, die der Demokratie freundlich gesonnen sind.
Danke.
Autor: Christian Wöhrl, Hoisdorf
http://cwoehrl.de
chw@wort-und-satz.de
PGP: 0x3e4f310497fe2c8f (Info zu Verschlüsselung)
Ursprungsdatei: http://cwoehrl.de/files/netzzensur.pdf Letzte Bearbeitung: 12.05.09
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Benutzte Quellen, nach Verwendung im Text sortiert:
http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/03/25/die-legende-von-derkinderpornoindustrie/
http://providerzensur.de/
http://www.zeit.de/2009/18/BKA-Gesetz?page=all
http://www.heise.de/newsticker/Kinderporno-Sperren-Regierung-erwaegt-
Echtzeitueberwachung-der-Stoppschild-Zugriffe--/meldung/136769
http://cwoehrl.de/?q=node/439
http://netzpolitik.org/2009/schwedische-filterliste
http://www.thomasmoehle.de/zensur/index.php/Argumente#Begehrlichkeiten
http://www.ccc.de/censorship/dns-howto/
http://www.vorratsdatenspeicherung.de/
http://www.blackouteurope.eu/lang/deutsch/main.html
http://www.zeit.de/online/2009/18/internet-sperren-kulturkampf?page=all
http://netzpolitik.org/category/urheberrecht
http://craphound.com/content/download
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=3860
http://www.abgeordnetenwatch.de
http://cwoehrl.de/?q=node/451



Nachtrag 29.05.2009
Natürlich verlinken wir hier auch zur Gegenmeinung. "Was darf das Internet?
Wider die Ideologen des Internets
!"
titelt Heinrich Wefing einen längeren Aufsatz in der ZEIT vom 28.05.2009: "Die Freiheit im Netz ist wichtig. Und doch muss das Internet endlich allen Regeln des Rechtsstaats unterworfen werden."


Nachtrag 20.06.09
Schwaches Bild: "600 demonstrieren gegen Internet-Sperren" meldet das Handelsblatt am 20.06.2009 aus Berlin.
"Mehrere hundert Menschen haben am Samstag in Berlin gegen Sperrungen von Internet-Seiten protestiert. Zu der Demonstration hatte die Piratenpartei aufgerufen."
600 nur - das ist erschreckend! ICH wäre mitgegangen, wenn ich in Berlin wohnen würde! Obwohl ich kein Fan der Piratenpartei bin.


Nachtrag 28.11.2009:
"Gesetz ausgebremst: Köhler hegt Zweifel an Internet-Sperren" meldet das Handelsblatt heute:
"Bundespräsident Köhler unterstreicht seinen Ruf als Staatsoberhaupt mit eigenem Kopf: Dem noch von der alten Bundesregierung verabschiedeten Gesetz gegen Kinderpronographie im Internet wird vorerst die Unterschrift verweigert. Einem Magazinbericht zufolge will sich Köhler jetzt erst einmal mehr Informationen beschaffen."





Textstand vom 28.11.2009. Auf meiner Webseite
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Freitag, 22. Mai 2009

Kein Hessischer Kulturpreis für Navid Kermani. Kochte Hessens Ministerpräsident Roland Kusch-Koch ein Opfermahl für symbolische Anthropophagen?

Es begab sich aber zu der Zeit, da Johannes Dyba Bischof war in Fulda, einer alten Stadt im Hessischen Lande. Da kam an jenem Tage, an welchem derjenige, welchen die Christen als ihren Herrn bezeichnen, gen Himmel gefahren ist, der Referent mit seinem (staatlich) angetrauten Weibe daher. Sie durchquerten den schönen Schlosspark der einstigen Fürstäbte (zeitweise dann Fürstbischöfe) von Fulda (den er mittlerweile auch von oben angeschaut hat) und beendeten ihren Gang am barocken Dom, welcher geheißen wird "Dom St. Salvator zu Fulda". "Salvator" aber ist nicht, wie manche irrenden Schäfchen unserer glaubenslosen Zeit vielleicht glauben mögen, als Name einer Biermarke in die Welt getreten. Heiland heißt es, weil Jesus Christus uns gerettet hat vor dem (derzeit allerdings noch nicht vor: den) Bösen.

Deutsche Landesbanker durch die Bank finanzwirtschaftliche Fahrschüler?

In dem von Torsten Riecke geführten Handelsblatt-Interview Die Krise dauert an macht James Schiro, Chef der Versicherung Zurich Gruppe [Zürich Gruppe] (auch Zurich Financial Services - ZFS) eine ganze Reihe von interessanten Statements.

So spricht er z. B. (auf die Frage: "Die Versicherungsprämien werden also steigen?") ganz trocken aus, was zwar alle wissen, aber kaum jemand, zumal in einer solchen Position ("James Schiro leitet einen der größten Versicherungskonzerne der Welt") in dieser apodiktischen Form verkündet (meine Hervorhebung:
"Ich rechne damit, dass wir es nach der Krise mit einer Inflation zu tun haben werden".

Deutsches NOHIP (Noch'n hirnloses Projekt) für Ecuador: Für Regenwald soll's Kohlen regnen!

Unter der Überschrift "Klimaschutz. Grünes Gold" berichtet Peter Korneffel in DIE ZEIT vom 20.05.2009:
"Ecuador und Deutschland schlagen der Welt einen Milliardendeal für den Klimaschutz vor: Rettung der Tropenwälder gegen Zahlung von Geld."

Ihnen unerfindlich, wieso ein solches Projekt hirnlos sein sollte? Weil es nicht um irgendwelchen Regenwald geht, sondern um ein Erdölhöffiges Gebiet:
"Bereits im Herbst 2007 unterbreitete Ecuadors Staatspräsident Rafael Correa der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Idee, das Ölfeld von Ishpingo-Tambococha-Tiputini nicht auszubeuten – im Tausch gegen zusätzliche Entwicklungshilfe oder einen Schuldenerlass. Auf 190.000 Hektar werden dort bis zu 850 Millionen Barrel Öl vermutet. Gleichzeitig zählt das Regenwaldgebiet am Westrand des Amazonasbeckens – ein Teil des Nationalparks Yasuní, der Unesco-Biosphärenreservat und Weltnaturerbe ist – zu den artenreichsten Regionen der Welt. Ein einziger Hektar Regenwald beherbergt fast so viele Baumarten wie ganz Nordamerika. Waldindianer leben hier noch ohne Kontakt zur Zivilisation – und wären in ihrer Existenz bedroht, wenn internationale Erdölkonzerne die lukrativen Schürfrechte erhielten."

Und warum sollte das keine gute Idee sein, den Ecuadorianern Geld zu zahlen, damit sie das Öl im und den Regenwald auf dem Boden lassen?

Weil sie das nicht tun werden. Jedenfalls längerfristig nicht. Sind das Betrüger? Nehmen die erst unser Geld, und schürfen dann doch nach Erdöl?
"Ja" zum letzten, "nicht unbedingt" zum vorletzten Satz. Die wollen uns sicher nicht betrügen. Aber wenn Peak Oil kommt, der Ölfördergipfel, und wenn wir dann unsere Opel-Karossen nicht mehr an den Mann und die Frau bringen können, weil kein Sprit für deren Betrieb mehr da ist: da werden Sie staunen, wie WIR die Ecuadorianer auf den Knien anflehen werden, nun bitte, bitte auch diese letzten Ressourcen anzuzapfen.

Ich vermute mal, dass das Projekt bei uns von jenen FRÜHIPS (also den Anhängern früherer hirnloser Projekte) bejubelt wird, die einst massiv für die Verwendung von Biosprit eingetreten (und dafür von mir kritisiert worden) sind (wahrscheinlich diesem insgeheim großenteils auch jetzt noch anhängen: Jatropha soll's nun richten). Und welche nun als AKTHIPS (d. h. als Anhänger aktueller hirnloser Projekte) den (in einem anderen Blott beschauten) Hype um die Elektroautomobile zelebrieren.


Man muss wohl, um ein realpolitischer Umweltschützer zu sein, so wie die Frommen ihrem Glauben, in diesem Falle der Welt ein sacrificium intellectus darbringen.


Nachtrag 14.04.12
Was Versprechungen wert sind, dass Ölvorräte in einer ökologisch sensiblen Gegend nicht genutzt werden,  kann man am Beispiel der USA heute im Handelsblatt u. d. T. "Öl-Förderung. USA wollen zur Ölmacht werden" nachlesen:
"Auch die Vorkommen in Alaska und der Tiefsee, die Obama aus Rücksicht auf die Umweltschützer lange schonen wollte, sind nicht länger tabu. Der demokratische Präsident folgt längst Sarah Palin, der einstigen Ikone der Konservativen, die mit dem Schlachtruf „Drill, baby, drill“ für die weitgehende Ölautarkie der USA geworben hatte."
Wohlgemerkt: Mir liegt es völlig Fern, Barack Obama dafür zu kritisieren, dass er Erlaubnisse zum Anzapfen dieser Vorräte erteilt. Wenn wir erst mal eine richtige Rohölknappheit haben, dann werden auch die Ölquellen in  Naturschutzgebieten - und eben im ecuadorianischen Regenwald - nicht länger tabu sein!





Textstand vom 14.04.2012. Auf meiner Webseite
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Donnerstag, 21. Mai 2009

Logenplatz beim Liederjan. Hamburger Folkgruppe an Himmelfahrt auf dem Marktplatz in Wächtersbach

Meine erste Begegnung mit der manchmal auch als "Kultband" apostrophierten Hamburger Band Liederjan war für diese unerfreulich - obwohl sie sich ohne irgendeinen persönlichen Kontakt vollzog. In einem der Mainzer Buch- und CD-Remittendenläden "Wohlthat" (jetzt in der Verlagsgruppe Weltbild) wurde ein 10 CD-Set "Deutsche Volkslieder" für nur 10,- Euro verramscht; bei solchen Preisen kann für die Künstler kaum noch ein Honorar abfallen.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Arcandor: Steuermilliarden beschützen Deutschland vor emotionalem Vermissenserlebnis! (Und schaffen finanzielles Vermissenserlebnis bei Steuerzahlern)


Systemisch wichtige Unternehmen will der Staat in der Wirtschaftskrise vor dem Untergang retten. Dass eine Bank wie die Hypo Real Estate eine wichtige Rolle spielt, liegt auf der Hand.
Um die eigene Bürgschaftswürdigkeit zu beweisen, hat man sich bei Arcandor (Karstadt-Kaufhäuser u. a.) etwas ausgedacht, was ungefähr so überzeugend ist wie die bisherigen Sanierungsbemühungen in diesem Laden [s. dazu: "Einzelhandel. Die Todsünden von Arcandor" von Henryk Hielscher in der WirtschaftsWoche vom 12.05.09; dort auch informative Leserkommentare, z. T. von Karstadt-Mitarbeitern.]. Auf der Webseite "RP Online" lesen wir:
"Karstadt-Chef wirbt für staatliche Bürgschaften. 'Wir sind das Herz der Innenstadt' " (zuletzt aktualisiert: 11.05.2009):
"Karstadt-Chef Stefan Herzberg wirbt für staatliche Bürgschaften zur Rettung des traditionsreichen Warenhauskonzerns. 'Ohne uns würden viele Einkaufsstraßen ihren Mittelpunkt verlieren.'
'In 36 deutschen Städten sei Karstadt das einzige Warenhaus', betonte der Manager. 'Wir sind keine Hypo Real Estate, aber Karstadt hat eine unglaublich wichtige Funktion in den deutschen Innenstädten.Wenn eine Karstadt-Filiale aus einer Stadt verschwinden würde, gäbe es bei den Menschen ein echtes emotionales Vermissenserlebnis mit gravierenden Konsequenzen auch für den benachbarten Handel', erklärte der Arcandor-Vorstand. 'Wir sind das Herz der Innenstadt'.
"

Mittwoch, 13. Mai 2009

Arcandor = Arcan d'or? Vergewaltigt Angela Merkel den Markt oder stellt deutsche Bundesregierung Kaufhausketten unter Denkmalschutz?

"Ar|ka|num das; -s,...na ‹aus lat. arcanum "Geheimnis" zu arcanus "geheim"›: 1. a) Geheimnis; b) ..." erfahren wir in einer Internet-Vorschau auf den einschlägigen Lexikon-Artikel im Fremdwörter-Duden (und hier erfreut uns eine "Brachialpoetin" mit 21 Arkanum-Gedichten).
Unter Arkanum (oder Arcanum) verstanden (bzw. verstehen) Alchemisten insbesondere die Kunst, aus Dreck Gold zu machen; in anderen Zusammenhängen steht der Begriff auch für das Geheimnis des ewigen Lebens.

Hattu Schulden? Muttu warten auf Wirtschaftskrise, kommt Kohle von Steuerzahler! Schaufelt Berlin dem Arcandor-Konzern Steuergelder in den Rachen?

"Handelskonzern Arcandor darf mit Staatshilfe rechnen" berichten Sven Afhüppe und Christoph Schlautmann im Handelsblatt vom 12.05.09 (meine Hervorhebungen):

"Er hat es angedeutet, nun wird er es auch bald tun: Der neue Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick sagte in einem Interview, bald Staatsbürgschaften zu beantragen. Es gibt offenbar keine andere Möglichkeit, die Finanzprobleme zu lösen. Spätestens ab Juni müssen die Mitarbeiter sonst um die Zahlung ihrer Gehälter fürchten. ...
Der Handelskonzern Arcandor hat gute Chancen, Staatshilfen des Bundes zu bekommen. Wie das Handelsblatt aus Regierungkreisen erfuhr, gibt es nach einer ersten Vorprüfung „positive Signale“ für einen Antrag auf Rettungshilfen aus dem Wirtschaftsfonds Deutschland. „Arcandor erfüllt die wesentlichen Voraussetzungen für einen Antrag auf Staatshilfen“, hieß es in den Kreisen
."
Man darf es wohl zugleich als eine implizite Kritik der Artikelverfasser an der beabsichtigten Staatshilfe deuten, wenn sie die Leser informieren:
"... der MDax-Konzern, der im zurückliegenden Geschäftsjahr 19,9 Mrd. Euro umsetzte und dabei einen Verlust von 746 Mio. Euro anhäufte, bleibt ein Fass ohne Boden. Im Herbst wird eine weitere Kreditlinie über 300 Mio. Euro fällig. Zudem benötige Arcandor, so ließ der jüngst von der Telekom an die Konzernspitze gewechselte Finanzfachmann Eick wissen, weitere 900 Mio. Euro für die Sanierung.
Die hätte eigentlich, wie Eicks Vorgänger Thomas Middelhoff vor einem Jahr versprach, längst abgeschlossen sein sollen. Tatsächlich aber steht der Konzern näher am Abgrund als je zuvor. Seit 2004 steckte Middelhoff nach Handelsblatt-Berechnungen 1,76 Mrd. Euro in die Sanierung der Warenhäuser und Katalogversender, ohne Arcandor profitabler zu machen. 2004 wies der Konzern – bereinigt um Sonderfaktoren – einen Betriebsverlust von 129 Mio. Euro aus, 2007/08 fehlten den Essenern operativ 165 Mio. Euro in der Kasse. Selbst die Nettoverschuldung ist heute mit über zwei Mrd. Euro fast so hoch wie 2004
."

Samstag, 9. Mai 2009

8. Mai: Deutschland hat kapituliert; der Wächtersbacher Wochenmarkt aber gibt nicht auf!

In den letzten Jahrzehnten klaffen zunehmend große Löcher zwischen unserer Vorstellung davon, welche Funktionen ein Stadtzentrum erfüllen sollte, und der Wirklichkeit.
"Leben" soll es da geben, und damit meint man Ladengeschäfte - und natürlich deren Belebung durch zahlreiche Kunden.

Ein wenig suspekt ist mir dieses Festhalten an traditionellen (und einstmals natürlich auch funktionellen) Denkweisen schon; man könnte geradezu von einer Stadtmittenfunktionsideologie sprechen. Denn die Verhältnisse, die sind nun mal nicht so.

Freitag, 8. Mai 2009

Jauchzet, frohlocket: der Ölpreis steigt! Endlich dürfen wir auf die Wiederkehr der Inflation hoffen, deren wir nach Meinung mancher bedürfen!

Handelsblatt-Meldung von 08.05.2009:
"Rohstoffe. Ölpreis klettert auf höchstem Stand seit sechs Monaten"

Habt ihr uns nicht immer erzählt, dass die Konsumenten Inflationserwartungen brauchen, um sich dumm und dämlich zu schoppen? Na also, dann freut euch doch: bald kommt sie wieder, die Inflation! Wie (nicht nur) ich schon prognostiziert hatte: wenn wir die Wirtschaft wieder ankurbeln, fahren wir gegen die Wand der Rohstoffverknappung! (Hätten wir sie nicht angekurbelt, wären wir in den Abgrund gestürzt: die Todesarten sind leicht unterschiedlich; das Ergebnis bleibt aber das gleiche).

Und wenn es doch nicht das Rohöl sein sollte, das uns als Erstes ausgeht: dann ist es halt das Titanerz! (Vergleiche Handelsblatt-Bericht "Rohstoffe. Harter Kampf um Titan" vom 08.05.2009 von Markus Fasse und Regine Palm:
"Seltene Erze und Metalle werden knapp. Hersteller von Solaranlagen, Elektroautos oder Halbleiterproduzenten brauchen immer mehr der wertvollen Rohstoffe. Längst ist ein harter Verteilungskampf entbrannt. Die deutsche Industrie reagiert noch zu langsam").

Montag, 4. Mai 2009

Hurra; hurra hurra - die Schundliteratur ist da: "Italien wie es wirklich ist" (Gustav Nicolai, 2. Aufl. 1835)

Google wird mein Lob ebenso gleichgültig sein wie mein Tadel: die interessieren sich lediglich für Lohn der klingenden Art.
Dennoch gebietet es die Fairness, der Firma zu danken. Denn endlich stellt sie der interessierten Welt, und damit auch dem möglicherweise einzig wirklich Interessierten, ein Buch zur Verfügung, dass dieser schon lange lesen wollte: "Italien wie es wirklich ist" (Gustav Nicolai, 2. Aufl. 1835). (Der vollständige Titel ist von geradezu barocker Länge - s. u. bei "Terror im Zitronenhain".)

Viele Italieneisende hatten wohl das Gefühl, ihren Lesern lediglich ihre echten oder echoartigen Kunstempfindungen kommunizieren zu dürfen.
Und auf jene, welche es wagten, Italien mal ganz anders, nämlich konsequent negativ, zu sehen, haben sie so lange eingeprügelt, bis deren Bücher der Vergessenheit anheim fielen. Seine 'Widerleger' (z. B. August Gottlob Eberhard, aber es gab noch mehr Gegen-Schriften) haben es zu Wikipedia-Würden gebracht, unser braver Gustav dagegen nicht!

Sonntag, 3. Mai 2009

Einkaufszentrum My Zeil Frankfurt am Main. Ein Fossil aus der Zeit vor unserer Weltwirtschaftskrise? Oder: Frankfurter Kommentar zur Finanzkrise.

Ein "funkelndes biomorphes Labyrinth" nennt Dieter Bartetzko in seiner dennoch stellenweise recht bissigen Architekturkritik in dem FAZ.net-Artikel "Einkaufszentrum „My Zeil“. Von nun an ging's bergab" vom 26.11.2009 das Gebäude des neuen EKZ auf Frankfurts großer Shopping Meile. [Zur Zeil selbst präsentiert die Wikipedia einen ellenlangen Artikel.]

Am 26.02.2009 wurde My Zeil eröffnet. Fotogen ist das Bauwerk allemal; eigentlich muss man nur 'draufhalten' und hat automatisch ein gutes oder doch zumindest ein brauchbares Bild im Kasten. Entsprechend häufig wurde das Gebäude von innen und außen denn auch geknipst; zahlreiche vorzügliche Aufnahmen finden sich z. B. auf der Photosharing-Webseite flickr, unzählige weitere gibt die Google-Bildsuche preis.

Die Presse, insbesondere natürlich die lokalen Zeitungen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Neue Presse) haben das Ereignis ausführlich kommentiert. Aus meiner absolut oberflächlichen Recherche greife ich eher willkürlich heraus:

"Italianalisi": Ein Italiener über das Bloggen ("Il perchè di questo BLOG")

Durch Zufall (weil ich nämlich wieder einmal mit der Funktion "Nächstes Blog" gespielt habe) stieß ich auf den italienischsprachigen Blog "Italianalisi". Inhaltlich näher angeschaut habe ich ihn nicht; meinen rudimentären Italienischkenntnissen würde es doch etwas schwer fallen, um mir in kurzer Zeit ein Urteil zu bilden.

Anregend finde ich die Begründung, die der Blogger (der, was mir deutlich weniger gefällt, in seinem Profil keinerlei Angaben über sich macht) für seinen Eintritt in die Blogosphäre gibt.
Auch wenn ich nicht in allen Punkten damit übereinstimme erscheint mir der Text (insbesondere der Vergleich mit einem Caféhaus) stimulierend genug, um mich an einer (eher freien, wenn auch kaum glanzvollen) Übersetzung zu versuchen; größtenteils entspricht diese Beschreibung auch meiner Motivation und Einstellung zum Bloggen.

Samstag, 2. Mai 2009

Klammheimlich von Google auf's Kreuz gelegt: Google-Notizbuch-Symbol verschwunden!

Gerade vor einigen Wochen hatte ich begonnen, das Google-Notizbuch zu nutzen. Nun ist plötzlich das Symbol für den Zugriff auf dieses Notizbuch aus meiner Toolbar verschwunden.

Ich also suche und suche; dann wird es mir zu bunt. Gebe - wo? Natürlich wieder in Google! - die Suchbegriffe "google notizbuch verschwunden" ein und gelange - im Google-Forum - zum folgenden Thread:

Anfrage (übrigens schon vom 13.02.2009, als bei mir die Notizbuch-Funktion noch sichtbar war und, nach meiner Erinnerung von Google auch noch beworben wurde) von "Notizbuch Fan":

"Hallo,
mein Notizbuch ist aus der Toolbar verschwunden. Es ist auch bei den Einstellungen im Menü 'Tools' nicht mehr aufgelistet. Ferner ist auch der Eintrag "die Notieren" aus dem Kontextenmenü meines Browsers verschwunden
."

Antwort von einem Stefan Münz ("Level 1" - also ein Mitarbeiter von Google?) vom 20.02.09:
"Hallo,
Google hat Anfang dieses Jahres die Weiterentwicklung des Services "Notizbuch" (neben einigen anderen Services) eingestellt. Da folglich keine neuen User und Nutzungen für den Notizbuch-Service mehr gewünscht sind, hat man wohl auch die entsprechenden Toolbar-Einträge entfernt. Die vorhandenen Notebooks bleiben zwar laut Aussagen von Google erhalten, doch ich würde mich nicht darauf verlassen, dort noch im großen Stil Daten zu speichern. Besser, man überlegt sich Alternativen
."

Na toll: da hatte Google die Notizbuch-Funktion bereits eingestellt, und hat mich trotzdem noch dort reingelockt.

Remember, Google: Don't be evil!


Spaßiger Weise bezog sich übrigens mein erster Eintrag (vom 10.02.2009) auf einen Kommentar von George Soros in der Financial Times vom 29.01.2009 mit einem Titel, der nunmehr genau auf das Verschwindenlassen der Notizbuchfunktion durch Google zutrifft: "The game changer".


Diese Erfahrung ist auch ein guter Grund für mich, auf das "Outsourcen" weiterer Funktionen - Bilderalben, Lesezeichen usw. - zu verzichten: man hängt immer am Tropf des Anbieters. Der aber wird (und muss natürlich aus ökonomischen Gründen auch) einen Dienst sehr schnell einstellen, wenn er ihm keinen Gewinn bringt. Oder er wird zuvor kostenlose Angebote kostenpflichtig machen. Wenn man sich erst einmal von einem bestimmten Angebot abhängig gemacht hat, schnappt die Kostenfalle dann zu.


Nachtrag 12.05.2009:
In einem Google-Forum beklagte "PilleVomBerg" am 27.04.09 ebenfalls den Wegfall des Notizbuches (bzw. jedenfalls der bequemen Erreichbarkeit und Verwendbarkeit dieser Funktion; das Notizbuch ist, worauf auch in der anschließenden Diskussion hingewiesen wurde, noch vorhanden):
"Seit der heutigen Installation der Google Toolbar 6, ist sowohl die Schaltfläche, als auch die Kontextmenü-Funktion des Notizbuch nicht mehr vorhanden. Ist dies lediglich ein Bug, oder so seitens Google gewollt?
Wenn diese Funktion tatsächlich bewußt seitens Google abgeschaltet wurde, so wäre das eine traurige Entwicklung
."



Textstand vom 12.05.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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