Mittwoch, 24. Juni 2009

The Capitalist Threat: Schutzgelderpresser der Mafia sind reine Waisenknaben gegenüber den Ärzten / Medizinern in McAllen, Texas!


An das Gesundheitswesen hatte George Soros wohl kaum gedacht, als er in der Zeitschrift Atlantic Monthly, Volume 279, No. 2, February 1997, seinen berühmten Essay "The Capitalist Threat" verfasste. Darin hatte er die Befürchtung geäußert, dass ein bis zur äußersten logischen Konsequenz praktizierter Kapitalismus jene ethischen Verhaltensnormen zerstören könnte, auf denen er selbst beruht. (Daher übersetze ich den Titel - interpretierend - mit "Die Selbstbedrohung des Kapitalismus").

Donnerstag, 18. Juni 2009

Deflationsgefahr gebannt: Deutsches Hotel- und Gaststättengewerbe erhöhte Preise trotz Wirtschaftskrise und Absatzeinbruch

Schon immer hatte ich erhebliche Zweifel an jenen Szenarien, die in der aktuellen Weltwirtschaftskrise (WWK II) in Analogie zur WWK I eine Deflationsspirale befürchteten. Die Notenbanken, voran die Federal Reserve Bank (Fed) in den USA, werden es ihrer Politik der Geldschwemme zugute halten, dass es nicht zu einer Deflation gekommen ist. Das hat sicherlich geholfen; es müssen aber insoweit noch andere Mechanismen wirksam gewesen sein.

Mittwoch, 10. Juni 2009

In Russland droht ein Sack Reis umzufallen: ICH erwarte scharfen Protest des deutschen Bundestages. Aber IHNEN ist Industriehai Chodorkowski ja egal!

Bislang wollte ich es nicht glauben, was die SPD im Europa-Wahlkampf insinuiert hatte: dass nämlich die FDP die Finanzhaie unterstützt. Jetzt aber habe ich die Liberalen in flagranti erwischt.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger heult diesmal nicht gegen den Großen Lauschangriff, sondern für den russischen Industrie-Wolf Michail Borissowitsch Chodorkowski (s. u.).

Der hat sich bei der politischen Führungsschicht in Russland unbeliebt gemacht und wird deshalb (an diesem Kausalzusammenhang habe ich gar keinen Zweifel) strafrechtlich verfolgt. In dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag über Mikhail Borisovich Khodorkovsky wird dazu eine Stellungnahme des US-Außenministeriums angeführt, die auch aus meiner Sicht den Sachverhalt so darstellt, wie er ist:
"The U.S. State Department said the arrest "raised a number of concerns over the arbitrary use of the judicial system" and was likely to be very damaging to foreign investment in Russia, as it appeared there were "selective" prosecutions occurring against Yukos officials but not against others."

Nur: eine Lichtgestalt kann der russische Oligarch Michael Chodorkowski zumindest nicht immer in seinem Leben gewesen sein: sonst hätte er sich nicht in der Transformationsperiode der russischen Wirtschaft vom Staatskapitalismus den Ölkonzern JUKOS (engl. YUKOS) unter den Nagel reißen können.

Daher finde ich es einigermaßen überraschend, dass DIE GRÜNEN einen Entwurf für eine gemeinsame Entschließung des deutschen Bundestages zum Prozess gegen den russischen Unternehmer Michail Chodorkowski eingebracht haben. Und dass sie von CDU und FDP unterstützt werden. Vor allem erscheint es mir politisch ausgesprochen unintelligent. Deutsche Interessen vertritt man auf diese Weise ganz gewiss nicht. Wollen die CDU und FDP als Gefolgsleute der Banknotendruckmacht USA Deutschland in eine Konfrontation mit der Rohstoffmacht Russland hetzen? (Die geistesgroßen Grünen kommen ja eh' ohne Energie-Rohstoffe aus!)

"Die FDP-Abgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wird noch deutlicher: „Dass sich die SPD mit der Unterstützung von Herrn Chodorkowski so schwertut, ist ein Armutszeugnis" heißt es in dem ZEIT-Artikel "Prozess. Testfall Chodorkowski" vom 10.6.2009.
Zugegeben: der Bundestag hat sich, bereits im Januar 2006, auch kritisch über das US-Gefangenenlager Guantanamo geäußert.

Einäugigkeit kann man den Abgeordneten also nicht vorwerfen. Außenpolitische Weisheit aber auch nicht - jedenfalls der Mehrheit nicht. Anders dagegen die SPD. Über deren Stellung berichtet Claudia von Salzen in dem o. a. ZEIT ONLINE-Bericht vom 10.6.2009 unter der Überschrift "Prozess. Testfall Chodorkowski":
"Die Große Koalition kann sich nicht auf eine gemeinsame Erklärung zum Prozess gegen Unternehmer in Russland einigen. .....
Ein von den Grünen verfasster Entwurf fand Zustimmung bei der Union und der FDP. Die Sozialdemokraten legten dagegen einen eigenen, allgemeineren Entwurf vor, in dem der Fall Chodorkowski nicht mehr im Mittelpunkt steht. In dem Entwurf der Grünen wird nun die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass auch diesmal „ein strafrechtlicher Prozess für politische Ziele genutzt wird“. Wesentliche Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit würden in Russland „nicht oder ungenügend beachtet“, heißt es in dem Entwurf. „Trotz einiger Fortschritte gibt es weiter besorgniserregende Entwicklungen.“ Derart deutliche Kritik fehlt dagegen im Entwurf der SPD, der dem Tagesspiegel vorliegt. Im Bereich der Rechtsstaatlichkeit gebe es „positive und negative Trends“, heißt es darin. Die Sozialdemokraten sehen das Verfahren zwar ähnlich wie die Grünen als „Testfall“ für die Glaubwürdigkeit der russischen Justiz. Allerdings gibt es im SPD-Entwurf den Zusatz, der Respekt vor der Unabhängigkeit der russischen Justiz gebiete es, den Prozessverlauf und die Entscheidung des Gerichts abzuwarten. Mit dieser Formulierung sind nicht alle SPD-Außenpolitiker einverstanden: Er sei „nicht glücklich“ mit diesem Satz, betonte der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel, der am Montag in Moskau den Chodorkowski-Prozess beobachtet hat
."

Sicherlich liegt es auch in unserem Interesse, unsere Lebensform, und nicht zuletzt auch unsere rechtlichen Standards, auch in jenen Staaten der Welt zu verbreiten, bei denen die Unabhängigkeit der Justiz nur mangelhaft ausgeprägt ist.

Da muss man freilich nicht bis nach Russland laufen, sondern mag zunächst einmal im eigenen europäischen Haus aufräumen. Ich habe jedenfalls nicht vernommen, dass der Bundestag eine Entschließung gegen die skandalösen Manipulationen beschlossen hätte, mit denen der italienische Ministerpräsident die italienischen Strafverfolgungsbehörden an der Untersuchung seiner Taten gehindert hat. Allerdings ging es dabei nicht um eine politisch motivierte Verfolgung Unschuldiger, sondern um die Verhinderung der Verfolgung eines (nach meiner Einschätzung) Schuldigen.

Unschuldige werden dagegen mitten in Deutschland verfolgt, im Frankfurt des Hessen-Kochs. Finanzbeamte, die mit preußischer Pflichttreue gegen Steuerhinterziehung durch Banken ermittelten, wurden dort mit den übelsten Methoden ins Abseits gestellt. Mehr darüber erfährt der oder die Interessierte z. B. in dem ausführlichen Stern-Bericht (Heft 51/2008) "Eiskalt abserviert" von Frauke Hunfeld:
"Als Ermittler holten sie für den Staat Millionen, auch bei den großen Banken. Doch plötzlich war Schluss. Plötzlich störten sie die Geschäfte und wurden als Querulanten aus dem Dienst gemobbt. Die Geschichte von Rudolf Schmenger und seinen Kollegen von der Steuerfahndung Frankfurt, die jetzt auf Gerechtigkeit hoffen. ...
Rudolf Schmenger, 47, zuletzt Amtsrat. Er wehrte sich gegen das Aus - und wurde per Gutachten für verrückt erklärt
."
Oder im Handelsblatt-Artikel "Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim. Ausgezeichnete Verräter" von Jan Keuchel (07.05.09):
"Zwei Steuerfahnder prangerten Missstände an und verloren ihren Job. Nun werden sie mit dem Preis "Whistleblower 2009" geehrt."

Darüber sollte der Bundestag debattieren, anstatt Russland anzupinkeln, weil die einen (vermutlich) Wirtschaftsverbrecher (wenn auch aus politischen Motiven) verfolgen.
Oder auch über das Mobbing gegen die Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen. Über diesen Fall politisch motivierter Eingriffe in die Strafverfolgungsbehörden informiert uns z. B. der FTD-Bericht (15.12.08) "Agenda. Dossier. Staatsanwältin im Krieg" von Jens Brambusch:
"Sie hat Post-Chef Klaus Zumwinkel verhaften lassen - nun soll kurz vor Beginn des Prozesses Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen strafversetzt werden. Der Steuerfall des Jahres verkommt zu einem Schmierenstück aus Mobbing und Intrigen."

Alternativ - oder ergänzend - könnte das Hohe Haus sich auch mal mit dem Bekanntenkreis des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger beschäftigen, nämlich seine Beziehung zu dem mutmaßlichen Mafioso Mario L.
Dazu staunen wir im Stern vom 3.4.08:
"Buchauszug. Oettinger und der Pizzabäcker", © Michael Latz/DDP
"Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger und sein tiefer Sinn für Freundschaft: Stoff für einen Bestseller. .....
"Wir können alles", rühmen sich die Baden-Württemberger. Tatsächlich verstehen sie sich auch auf "Filz, Korruption & Kumpanei". stern.de veröffentlicht einen Auszug aus dem gleichnamigen Buch - über die denkwürdige Freundschaft von Ministerpräsident Günther Oettinger zu Pizzeriawirt Mario L.
Der Stuttgarter Pizza-Wirt war zwar bei einem Mafia-Prozess im Jahr 1999 freigesprochen worden. Doch das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnete ihn im Jahr 2000 nach wie vor als Mitglied des 'Ndrangheta-Clans "Greco", wie aus Unterlagen der Behörde hervorgeht. Beim besagten Austausch italienischer und deutscher Fahnder blieb es nicht beim Thema Mario. Plötzlich, wie aus heiterem Stuttgarter Himmel, kam die Rede auch auf Günther Oettinger. Und da passierte es: Was seine Rolle in der damaligen Sache angehe, da sei in Deutschland einiges vermauschelt worden, wurde doch tatsächlich behauptet. Bei ihnen in Italien, so fabulierten italienische Ermittler wäre Oettinger nicht Ministerpräsident geworden, sondern hätte eher juristische Probleme bekommen, wegen eines Verdachts, der bei ihnen zu Ermittlungen führen würde - nämlich "favoreggiamento", Begünstigung. Die italienischen Ermittler verwiesen darauf, dass dieser Verdacht in ihrem Heimatland auch schriftlich fixiert wurde - noch im Jahr 2005.
"

"Es gibt viel Mist in Deutschland: machen wir einen Bogen drum herum - und zeigen mit dem Finger auf Russland" - ist das die Devise der deutschen Bourgeoisie (die GRÜNEN zähle ich definitiv ebenfalls zu dieser Klasse).
Da passt es irgendwie, wenn ich bei der Wikipedia-Suche nach "Oligarchie" auf das Stichwort "Ehernes Gesetz der Oligarchie" stoße:
"Das Eherne Gesetz der Oligarchie (ehern: gehobenes Deutsch für „aus Erz“ [Eisen] im Sinne von „hart, ewig während“ [„Eisernes Gesetz“]; Oligarchie: griechisch für „Herrschaft Weniger“) ist eine 1911 vorgelegte politische Theorie zur innerparteilichen Demokratie des deutsch-italienischen Soziologen Robert Michels (1876-1936). Die Theorie geht davon aus, dass Führungsgruppen in Organisationen zwangsläufig zunehmend an den eigenen Interessen (persönliche Privilegien, Sicherung der Organisation) interessiert seien, als an den Zielen, Interessen und dem Willen der Gruppe selbst (Verselbstständigung der Führung). Sie versuchten nach Michels, die soziale Basis (Massen) zu bestimmen (Parteidisziplin), auch dann, wenn die herrschende Weltanschauung dieser Gruppierungen das Gegenteil anziele. Michels baute auf Arbeiten Gaetano Moscas (Politische Klasse) auf."
Oder in der englischsprachigen Wikipedia den entsprechenden Eintrag "Iron law of oligarchy":
"The iron law of oligarchy is a political theory, first developed by the German syndicalist sociologist Robert Michels in his 1911 book, Political Parties. It states that all forms of organization, regardless of how democratic or autocratic they may be at the start, will eventually and inevitably develop into oligarchies. The reasons for this are the technical indispensability of leadership, the tendency of the leaders to organize themselves and to consolidate their interests; the gratitude of the led towards the leaders, and the general immobility and passivity of the masses. ...
Robert Michels was disturbed to find that, paradoxically, the socialist parties of Europe, despite their democratic ideology and provisions for mass participation, seemed to be dominated by their leaders, just like the traditional conservative parties.
Studying political parties, he concluded that the problem lay in the very nature of organizations. Modern democracy allowed the formation of organizations such as political parties, but as such organizations grew in complexity, they paradoxically became less and less democratic. Michels formulated the "Iron Law of Oligarchy": "Who says organization, says oligarchy." ...
At the time Michels formulated his Law, he was an anarcho-syndicalist. He later became an important ideologue of Benito Mussolini's fascist regime in Italy.
"

Lassen wir es nicht zu, dass unsere Oligarchen uns mit Einsätzen für dubiose Gestalten wie den Herrn Michail Borissowitsch Chodorkowski, oder auch gegen die unerquicklichen Methoden der Chinesen zur Gewinnung von Bärengalle, von unseren Problemen abzulenken versuchen.
Wenigstens (bzw. aus anderer Perspektive betrachtet: leider nur) die SPD hat begriffen, dass es nicht im wohlverstandenen deutschen Interesse liegt, das Verhältnis zu Russland wegen solcher Figuren zu belasten.

Was ich in meinem Bärengallen-Blott schrieb, passt auch hier:
"Comity, Höflichkeit und Rücksichtnahme zwischen Nationen und Kulturen, auf der juristischen wie auf anderen Ebenen – was das bedeutet, müssen vielleicht nicht nur die anderen lernen!"


Nachtrag 15.10.2010
Angela Merkel hat es nun auch gemerkt: dass Russland eine Rohstoff-Großmacht ist (die man besser nicht vergrätzt). Am 14.10.10 berichtete die WELT: "Globalisierung. Merkel will Rohstoffe für Deutschland sichern":
"China kauft derzeit den Rohstoffmarkt leer. Nun will Bundeskanzlerin Angela Merkel gegensteuern – und vor allem Russland an Deutschland binden."





Textstand vom 15.10.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Sonntag, 7. Juni 2009

Die Welt aus Düsseldorfer und Hamburger Sicht. Vergleich Handelsblatt mit Financial Times Deutschland (FTD), u. a. zum Thema Ölpreisentwicklung

Falls ich dem Handelsblatt (d. h. dessen Internet-Ausgabe) irgendwann meine langjährige Treue kündigen sollte (wovon die freilich wenig spüren werden, weil ich ohnehin nur noch die im Internet -gratis- publizierten Artikel lese) ist ganz sicher nicht die "Zensur" meines Meinungs-Blotts über Horst Seehofer (vgl. dort meinen Nachtrag vom 7.6.09) daran Schuld.

Eine Bloggerin macht Pause

Zufällig bin ich gestern über die Ruine des Blogs einer gewissen Martina Kausch gestolpert. Die verkündet, dass sie mal eine Blog-Pause einlegt. Sensationell ist das nicht: das tun vermutlich viele (vermutlich die meisten ohne Ansage).

Es lassen sich auch keine tieferen Erkenntnisse aus ihren Worten schöpfen. Einen Absatz will ich dennoch zitieren, weil er nämlich gut ausdrückt, was auch ich oft empfunden habe (meine Hervorhebungen):

"Sehr viel hatte ich ... in den vergangenen fünf Jahren geschrieben, über 6.000 Texte, mit dem Ergebnis, dass ich mich jetzt "ausgepowert" fühle. Mir fällt einfach nichts mehr ein; mir fehlt inzwischen der Witz und die Frische aus den alten Tagen meines Bloganfangs. Und mein Eindruck ist auch, dass sich die Themen immer wiederholen. Und - das langweilt mich inzwischen wirklich."

Voriges Jahr im September war ich selbst schon so weit, dass ich Pause machen oder zumindest das 'Produktionstempo' reduzieren wollte.
Aber dann riss mich die Wirtschaftskrise - in ihren Strudel? Aus meiner beginnenden Lethargie? [Also hat auch die Weltwirtschaftskrise etwas Gutes (Sie können gern auch denken: etwas Schlechtes) bewirkt ;-).]

Martina Kausch aber bloggt in Wirklichkeit doch weiter, an anderer Stelle.
Nur eins verstehe ich nicht: weshalb jemand gleich seinen ganzen Blog abschaltet, wenn sie mal Pause machen will. Das wirft kein gutes Licht auf die Selbsteinschätzung der Qualität und der gesellschaftlichen Relevanz, ihres Bloggens.
Zumindest der Absicht nach sollten doch Blotts eine über den Tag hinaus gehende Bedeutung haben? Wer über Nacht seine ganzen Texte sperrt, sendet aus meiner Sicht seinen Leserinnen und Lesern eine böse Botschaft: 'Ist alles nicht so ernst zu nehmen, oder nicht so wichtig, was ich bisher geschrieben habe und mit dessen Lektüre ihr bisher eure Zeit verschwendet habt'.
Wenn man ausnahmsweise tatsächlich zu einer solchen Einschätzung gelangt, oder aus welchen Gründen auch immer zu bestimmten früher geäußerten Meinungen nicht mehr stehen mag, sollte man dies m. E. gegenüber den Lesern explizit kommunizieren und begründen. Ansonsten sollte man seine Texte online lassen.




Textstand vom 07.06.2009. Auf meiner Webseite
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Freitag, 5. Juni 2009

Wenn das Kölner Stadtarchiv wieder leuchtet, sind wir Steuerzahler die lebenden Fackeln!

In meinem Blott "Wenn 'Weimar leuchtet', sollten beim Steuerzahler die Alarmglocken aufleuchten" hatte ich die Kosten für den Wiederaufbau der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar und insbesondere für die Restaurierung der bei dem dortigen Brand in Mitleidenschaft gezogenen Druckwerke kritisiert. Die Kostenschätzung belief sich auf 67 Mio. € (da solche Schätzungen erfahrungsgemäß meist zu niedrig sind, muss man wohl mit 100 Mio. Euro rechnen).

Das sind aber beinahe noch Peanuts im Vergleich zu jenen Kosten, welche für den Wiederaufbau des Stadtarchivs in Köln (die Wikipedia bietet einen sehr informativen und umfangreichen Artikel über das "Historische Archiv der Stadt Köln") und für die Restaurierung der dort gelagerten (zum allergrößten Teil geborgenen oder in Kürze noch zu bergenden Dokumente) auf den Steuerzahler zukommen.
In der Financial Times Deutschland (FTD) vom 31.05.2009 berichtet Christoph Driessen u. d. T. "Einsturz des Stadtarchivs. 'Sensationell' viel in Köln geborgen" (meine Hervorhebungen):
"Durchnässt, zerquetscht, zerschnipselt: In diesem Zustand sind viele Stücke aus dem Kölner Stadtarchiv. Wirklich verloren ist allerdings kaum etwas, sagt die Leiterin. Eine bestmögliche Rettung koste allerdings 'einen hohen dreistelligen Millionenbetrag'. .....
85 Prozent des Gesamtbestandes sind mittlerweile geborgen. Die restlichen 15 Prozent liegen in einer Baugrube der U-Bahn im Grundwasser. Die Feuerwehr prüft zurzeit, wie dieses Material am Besten hochgeholt werden kann. "Wir werden das nicht aufgeben", sagte Schmidt-Czaia. "Wir brauchen alles, wir fordern alles." Im übrigen benötige das Archiv vor allem eines: "Geld, Geld, Geld." Es gehe um "einen hohen dreistelligen Millionenbetrag". Der Bund, das Land und die Stadt seien in der Pflicht, vielleicht könne man auch bei der EU Mittel loseisen."


Persönlich interessiere ich mich sehr für Geschichte. Aber irgendwann hört der Spaß auf. Bei Arcandor (Karstadt) ging es ebenfalls um einen hohen dreistelligen Millionenbetrag, doch dort zunächst lediglich um eine Bürgschaft des Staates in dieser Höhe. Die hätte natürlich verloren gewesen sein können. (Nach meiner Einschätzung wäre sie tatsächlich verloren gewesen; deshalb habe ich mich in verschiedenen Blotts (vgl. meinen Täg "Arcandor") vehement gegen eine solche Staatsbürgschaft ausgesprochen. (Inzwischen hat die Bundesregierung die Bürgschaftsgewährung ja abgelehnt; abzuwarten bleibt aber, ob da nicht doch noch Mittel über andere Titel abfließen.)
Viele andere bzw., soweit ich es überschauen kann, sogar eine große Mehrheit der Kommentatoren in den Medien, hatten ebenfalls gegen Staatshilfe für Karstadt gewettert.

Doch was nützt das alles, wenn uns anderswo das Geld wie Dreck aus der Tasche gezogen wird? Lesen die Wirtschafts-Kommentatoren keine eher feuilletonistischen Artikel, oder haben sie Angst, sich als Kulturbanausen zu diskreditieren, wenn sie sich kritisch zu den Restaurierungskosten für die Kölner Archivalien äußern?

Meine diversen Blog-Einträge haben hoffentlich meinen Ruf schon soweit ruiniert, dass ich mittlerweile ganz ungeniert leben bzw. meine Meinung äußern kann. Welche da lautet: was auch immer im Kölner Stadtarchiv aufbewahrt wurde und nun vom Zerfall bedroht ist, wenn es nicht aufwändig konserviert wird: nichts von dem Plunder rechtfertigt es, uns Steuerzahlern das Hemd auszuziehen. (Der übliche Trick des Anzapfens verschiedener Töpfe erinnert mich an ein italienische Sprichwort, demzufolge die Schurken die Elster zu rupfen verstehen, ohne dass sie schreit) .

Es klingt nicht sonderlich gut, wenn jemand beispielsweise auch den (ebenfalls im Kölner Stadtarchiv aubewahrten) Nachlass des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll unter die Kategorie "Plunder" subsumiert und ist natürlich provokativ gemeint.
Trotzdem wird es Zeit dass wir uns Gedanken darüber machen, wieviel an "historischem Gedächtnis" wir uns leisten können - und vor allem, in welcher Form wir solche Informationsspeicher betreiben.
Und speziell im Falle des zusammengekrachten Kölner Archivs müssten wir überlegen, auf welche Weise man freiwillige Gelder zusammenbekommen könnte. Nicht das Kleingeld, wie man es durch Benefizkonzerte (die natürlich eine verdienstvolle Bemühung sind) zusammenkratzen kann. Das große Geld ließe sich zweifellos durch den Verkauf von Dokumenten machen. Preis: Restaurierung plus Digitalisierung plus (oder minus - je nach Wert der Stücke) X. Das Archiv bekommt die digitalisierte Version; die glücklichen Privatbesitzer dürfen sich über Kalbslederurkunden aus dem 12. Jahrhundert freuen. Oder einen Original-Brief vom Literatur-Nobelpreisträger. Aber das wird nicht passieren; die Sammelwut der Archivare ist längst jenseits der bloßen Informationsspeicherung bei eine Vergötzung des Altpapiers angelangt.
Sinngemäß trifft hier, mutatis mutandis, die in meiner Majolika-Linkseite geäußerte Kritik zu:
"Wenn den Museumsleuten wirklich nur die Kultur als solche am Herzen läge, würden sie der Mensch-heit ein "Museo Virtuale Mondiale" einrichten, z. B. auch ein virtuelles Majolika-Museum mit den weltweit schönsten Stücken.
Doch leider hat das Sammeln von Kunst (nicht anders wie sonstiges Sammlertum) auch sehr viel mit dem Besitzinstinkt zu tun. Deshalb sind die Kunst-Fafnire nur dann richtig glücklich, wenn sie einen Tafelaltar in seine einzelnen Tafeln zerlegt auf mehrere Museen verteilt wissen. (Die Kleinen kriegen dann die Predellatäfelchen ab, für die ganz kleinen bleiben vielleicht ein paar Stücke vom Gesprenge übrig.) Und von Zeit zu Zeit führt man das Ganze in einer Ausstellung zusammen, um es dem gaffen-den Volke wie ein Heiltum zu präsentieren.
"



Über denjenigen, der die Hauptschuld am gigantischen Umfang der Archive und Bibliotheken unserer Zeit trägt, einen gewissen "Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg" nämlich, weiß man verdammt wenig, beinahe Nichts.
Das ist ausgesprochen schade; sehr viel bedauerlicher, als der Verlust irgendwelcher Daten aus der Kölner Stadtgeschichte (so interessant sie im einzelnen, z. B. als kultur- oder sozialgeschichtliche Mosaiksteine, auch sein mögen).
Einen Schaden haben wir an unserer Unkenntnis über Gutenberg und die näheren Umstände seiner Erfindung der Druckkunst dennoch nicht genommen. Und würden auch keinen Schaden nehmen, wenn das gesamte Kölner Stadtarchiv von den Rheinfluten ins Meer geschwemmt worden wäre.
Ganz so radikal bin ich nun freilich nicht, dass ich etwa eine Vernichtung der Archivalien fordern würde. Dennoch habe ich den Eindruck, dass in unserer Zeit mitnichten nur die Banker vom Geldwahnsinn befallen sind. Mit dieser Bemerkung will ich aber nicht die Leiterin des Archivs, Frau Bettina Schmidt-Czaia, für ihre Forderungen kritisieren: bei ihr gehört das zum Beruf und ist ein Zeichen für ihr hohes Engagement.

Kritisieren will ich alle jene (also ggf. auch Sie, liebe/r Leser/in), welche als Bürgerinnen und Bürger, als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler derartige Forderungen achselzuckend stillschweigend akzeptieren: da kann man eh' nichts tun, hat man keinen Einfluss drauf, das entscheiden die Politiker. Das müsste nicht sein: wenn wir erstens erkennen würden, an welchen Stellen unsere Gelder überall versickern (nämlich nicht, wie die Meisten glauben, bei den Politikern, die sich vermeintlich "die Taschen vollmachen").
Und wenn wir zweitens uns wehren würden gegen Lobbyisten aller Sparten und gegen Hybris aus allen Richtungen, hätten wir sogar eine reelle Chance.

Unser Wohlstand wird von mindestens drei Seiten in die Zange genommen:

1) Ressourcenverknappung (Ölfördermaximum usw.); das wird wahrscheinlich das größte der Probleme werden.

2) Die Alterung unserer Gesellschaft. Immer weniger Tätige müssen nicht nur für immer mehr Alte sorgen, sondern auch für immer mehr Altes. Das Problem habe ich bereits vor einigen Jahren in meiner Studie "Rentenreich", im Kapitel "Die Alten und das Alte", näher beleuchtet. (Vgl. auch meinen Blott "Renten sichern - Wehrfriedhofsmauer zerfallen lassen!".)

3) Der Klimawandel.

In dieser Situation können wir es uns nicht mehr leisten, unsere knappen ökonomischen Ressourcen nach dem Motto "Wir haben's ja" zu verschwenden.

Aber natürlich haben Sie Recht mit dem, was Sie jetzt denken: 'der verschwendet hier seine Worte', denn:
Die Hunde bellen, die Eselskarawane zieht weiter.


Nachtrag 13.06.09
Manchmal, in seltenen Augenblicken, reflektieren auch die Kulturmenschen die Kosten - die ökonomischen und die sozialen. So zum Beispiel Hanno Rauterberg in einer Passage seines ZEIT-Artikels "Moderne Kunst. Und wir staunen heiter" vom 10.06.2009 über die aktuelle Kunstausstellung "Biennale" in Venedig:
"Ohne das imperialistische Machtstreben Venedigs gäbe es nicht das, was wir heute als Schönheit bewundern, nicht die Architektur, nicht die Gemälde. Und heute? Welchen Preis zahlt unsere Gegenwart für die Kunst? Welchen ausbeuterischen Verhältnissen verdanken wir den Luxus einer Biennale?"




Textstand vom 13.06.2009. Auf meiner Webseite
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Betrachtungen beim Betrachten von Wohlstands-Müll: Das Vaterunser unserer späteren Jahre oder das Post-Peak-Oil-Paternoster

Wohlstand unser,
Der du uns brachtest den Himmel,
Geheiligt haben wir deinen Namen,
Und hielten dein Reich für ewig gekommen.
Unseren Willen glaubten wir geschehen,
Zumindest in weiten Teilen der Erde.
Unser tägliches Brot gabst du uns regelmäßig,
Und vergabst uns lange unsere Umweltsünden -
Während wir vergaben unbegrenzt Baugebiete.
Deiner Versuchung erlagen wir ständig,
Weil du uns erlöst hattest von zahlreichen Übeln.
Du machtest uns reich,
Gabst uns Kraft und die Herrlichkeit.
Doch leider nicht in Ewigkeit.
Amen!

Mittwoch, 3. Juni 2009

Horst Seehofer: skrupellosester, verlogenster Populist und Politiker in Deutschland. In Bayern gibt's kein Opel-Werk, wohl aber Karstadt-Kaufhäuser

Horst Schlangenzunge ist gemeingefährlich. Das Gemeinwohl ist Horst Spaltzunge schnurzegal: der ist ausschließlich an seiner Macht und der Macht seiner Partei interessiert: Die Regierung ist für Horst Giftzunge eine Playstation in der es ausschließlich darum geht, sich am Joystick der Macht festzukrallen.

Deutlich wird das nicht nur an Horst Seehofers verlogenen Forderungen nach Steuersenkungen, sondern aktuell auch an seinen unterschiedlichen Stellungnahmen zu den (ohnehin problematischen) Rettungsaktionen der Regierung für Opel einerseits und Arcandor (Karstadt) andererseits.


Bei Opel mimt der Lügenbold Sorge um den Staatshaushalt. Dazu berichtet der Handelsblatt-Artikel "Politische Konsequenzen. Opel-Rettung nimmt letzte Hürde" vom 31.05.2009 so:
"CSU-Chef Horst Seehofer hat sich hinter die Verhandlungsführung des Wirtschaftsministers gestellt. Guttenberg habe „mit seiner skeptischen Haltung zu dem, was bei Opel in den letzten Tagen gelaufen ist, die volle Unterstützung der CSU“, sagte Seehofer am Samstag beim Bezirksparteitag der CSU Niederbayern in Ötzing. Aus CSU-Kreisen hieß es ergänzend, Guttenbergs Verhalten sei von großem Verantwortungsbewusstsein und Geradlinigkeit geprägt gewesen. Seine klare ordnungspolitische Position komme in der Partei an."
Logisch: auch in Bayern gibt es zwar Opel-Händler, aber keine Opel-Werke und folglich auch allenfalls wenige verärgerte Opel-Werker, deren Verärgerung die CSU Stimmen kosten könnte. Da kann sich der Horst Seehofer als überzeugter Marktwirtschaftler positionieren.



Bei Arcandor / Karstadt dagegen, wo das Hilfeersuchen ordnungspolitisch aus den verschiedensten Gründen sogar noch problematischer ist als bei Opel, bläst er die Backen auf bzw. bläst zum Angriff auf die Steuergelder. So informiert Dietmar Neuerer im Handelsblatt vom 03.06.09 u. d. T. "Staatshilfe. Arcandor: Steinmeier contra zu Guttenberg":
"Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer zeigte sich empört über die Position der EU-Kommission. "Wir müssen den Erhalt von Arbeitsplätzen und den Einsatz von Steuergeldern gleichermaßen im Auge behalten. Da habe ich überhaupt kein Verständnis, wenn die Kommission von vornherein die Türen zuschlagen will", sagte Seehofer. "Wir müssen alle Optionen vorbehaltlos und sorgfältig prüfen."
Der Grund ist klar: Karstadt-Kaufhäuser dürfte es in Bayern einige geben; deren Beschäftigte brauchen die Sozial-Christen als Stimmvieh.


Weitere Handelsblatt-Artikel i. S. Karstadt-Rettung:

"Kauf- und Warenhäuser. Welche Zukunft Karstadt & Co haben" vom 3.6.09
"Insolvenz. Zu Guttenberg macht Arcandor kaum Hoffnung" vom 3.6.09
"Leitartikel. Arcandor: Die letzte Liberale" von Bernd Ziesemer. (Der Titel bezieht sich auf Neelie Kroes, die Wettbewerbskommissarin der Europäischen Union.)
"Wie gut, dass es Neelie Kroes gibt! Das denken offenbar auch Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister können sich nun hinter dem schmalen Rücken der Kommissarin verstecken. Beide suchen seit Wochen nach einem Königsweg aus einem so typischen Dilemma der Berliner Politik: Auf der einen Seite waren Merkel und zu Guttenberg von Anfang an davon überzeugt, dass nach einer sachlich nicht zu rechtfertigenden Bürgschaft für Arcandor alle Dämme brechen und die letzten Reste an wirtschaftspolitischer Stetigkeit und haushaltspolitischer Vernunft hinweggespült würden. Andererseits fürchtet vor allem Angela Merkel, die Meisterin der misstrauischen Vorsicht, eine große sozialpolitische Angriffsfläche im Bundestagswahlkampf."
Ja, Engel sind sie alle nicht: Angela Merkel nicht und am Ende, wenn es hart auf hart kommt, oder wenn Bayerische Interessen auf dem Spiel stehen, wahrscheinlich auch nicht der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg. Nur dass Horst Seehofer sein infames Spiel mit den Wählern bzw. Steuerzahlern noch zynischer und ohne erkennbare Gewissensbisse betreibt als die anderen Politiker.
"Beihilfen. „Arcandor versucht Erpressung“", ebenfalls 3.6.09
"Staatshilfe. Schickedanz und Oppenheim helfen Arcandor", auch vom 3.6.09
und zahlreiche weitere Berichte.




In diesem Zusammenhang möchte ich aber auch zu dem Kommentar "Der Schmu mit den Steuersenkungen" von Andreas Theyssen in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 26.05.09 verlinken, der an Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt:
"... Hand aufs Herz: Glauben Sie noch, was Ihnen CDU, CSU und FDP gerade im Wahlkampf versprechen? Steuersenkungen nach der Bundestagswahl preisen die drei Parteien an, vorausgesetzt, die alles lähmende Große Koalition existiert dann nicht mehr.
Sie glauben es nicht? Herzlichen Glückwunsch, dann gehören Sie zu einer Minderheit im Land (oder Sie sind ein schlechter Lügner). Denn obwohl uns Konservative und Liberale seit Wochen beim Thema Steuersenkungen verschaukeln, bleiben die Umfragewerte ihrer Parteien stabil. Die SPD hingegen, die sich gegen diese Spielart politischer Steuerverkürzung ausspricht, verliert in den Umfragen. Will heißen: Die Mehrheit der Deutschen glaubt den schwarz-gelben Heilsversprechen.
... das, was wir jetzt in Kurzarbeitergeld, Heidelberger Druckmaschinen oder Hypo Real Estate stecken, werden wir auf jeden Fall zurückzahlen müssen. Diese Milliardenausgaben plus Steuersenkungen - das ist eine Kombination, die partout nicht funktionieren kann.
Sind Angela Merkel, Horst Seehofer und Guido Westerwelle zu blöd, um das zu kapieren? Sie sind es nicht. Am besten erkennt man dies daran, wie die Kanzlerin und der CSU-Chef herumeiern, wenn es um die Frage geht, wann genau denn die Steuersenkungen kommen. ...
Blöd sind sie nicht, die schwarzen und gelben Parteivorsteher. Aber sie halten uns für blöd. Denn je länger sie über Steuersenkungen schwadronieren, desto mehr verfestigt sich bei uns nicht so genau hinhörenden Wählern der Eindruck: Union und FDP, die wollen uns weniger von unserem hart erarbeiteten Geld wegnehmen; die müssen wir wählen.
"
Theyssen mag es nicht aussprechen, obwohl es aus seinen Ausführungen klar hervorgeht: nicht wenige Wähler lassen sich tatsächlich von solchen haltlosen Versprechungen blenden. Mit anderen Worten: die Politiker halten diese Wähler nicht nur für blöd: diese Wähler sind tatsächlich blind!


Verhindern wir eine Berlusconi-sierung der deutschen Politik vom deutschen Süden her! Wir brauchen keine Demagogen, und erst Recht keinen aus Bayern. Damit hat Deutschland bereits einmal schlechte Erfahrungen gemacht. [Ebenso wenig wie den standortlosen bayerischen Demagogen braucht unser Land natürlich den kleinen Möchtegern-Napoleon aus dem Saarland.]


Nachtrag 5.6.09
Bei der Rückverfolgung eines Suchzugriffs finde ich eine ganze Menge Google-Treffer zu Seehofer Lügner.


Nachtrag 07.06.09
Daran hatte ich gar nicht gedacht, dass ja das Versandhaus und Arcandor-Tochter Quelle in Nürnberg sitzt. Doch Claudia Kade weiß es und bestätigt meine Einschätzung der rein wahlkampforientierten politischen Strategie Seehofers in ihrem heutigen FTD-Artikel (Financial Times Deutschland) "Arcandor-Dilemma. Einsam, einsamer, Guttenberg" (Hervorhebungen von mir):
"Jetzt aber [das "aber" bezeichnet den oben auch von mir aufgezeigten Gegensatz zu Seehofers Position in Sachen des Automobilbauers Opel] geht Guttenberg daheim in Bayern sogar der eigene Parteichef von der Fahne. Und zwar bloß, weil der bisherige Vorzeigeminister weiter hart bleiben will - nur diesmal im Fall des angeschlagenen Handelskonzerns Arcandor, der mit seiner Versandtochter Quelle in Nürnberg tausende Arbeitsplätze stellt.
"Wir müssen den Erhalt von Arbeitsplätzen und den Einsatz von Steuergeldern gleichermaßen im Auge behalten", erklärt CSU-Chef Horst Seehofer in München, während in Nürnberg die Arcandor-Beschäftigten auf die Straße gehen. Und dann durchkreuzt der bayerische Ministerpräsident auch noch Guttenbergs Strategie, die EU-Kommission in Brüssel als Hüterin der Ordnungspolitik in Deutschland einzuschalten - und so das Ringen um Staatshilfen für Arcandor elegant von Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes mit einem klaren "Nein" beenden zu lassen.
Seehofer poltert lautstark gegen die Absage der EU-Kommission und geht damit auf Distanz zu Guttenberg. Der Landesvater will nicht zusehen, wie Brüssel über die Arbeitsplätze in seinem Bayern entscheidet - und schon gar nicht wenige Tage vor der Europawahl. "Das wäre total kontraproduktiv", heißt es in der CSU-Spitze.
"

Auch im Handelsblatt hat man es gemerkt. " 'Interessenkonflikte wachsen.' Zu Guttenberg: Die Emanzipation des Zöglings" beobachten dort am 05.06.09 Daniel Goffart und Peter Müller (meine Hervorhebungen):
"... mit dem Hochgelobten [Guttenberg] droht Horst Seehofer jetzt ein handfester Konflikt. ... War Opel schwierig, ist die Lösung bei Arcandor noch komplizierter, zumindest für zu Guttenberg persönlich. Folgt er auch hier seiner ordnungspolitischen Überzeugung, kann er es seinem politischen Ziehvater in München kaum mehr recht machen.
Wirtschaftspolitisch liegt der Fall klarer als bei Opel. Arcandor ist ein Paradebeispiel für ein Unternehmen, das bereits vor der Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten steckte, sich jetzt also nicht für staatliche Hilfen aus dem Deutschlandfonds qualifiziert. Andererseits hat die Arcandor-Tochter Quelle ihren Sitz in Fürth, so dass im Gegensatz zu Opel bayerische Interessen direkt betroffen sind. Auch im Freistaat ist Wahlkampf. Und Insolvenz ist kein gutes Wort für den Wahlkampf.
Ein Stück weit spürt das zu Guttenberg schon am Mittwoch, als er das Veto der EU-Kommission in Sachen Staatshilfe als Vorentscheidung für Deutschland wertete. Nichts da, schallte es aus München. Am Abend, im Wahlkampf vor der Jakobskirche in Nürnberg, legt Seehofer nach. Staatshilfen für Arcandor müssten genauso sorgfältig geprüft werden wie bei Opel - EU hin oder her
."

Aber das Handelsblatt liebt nun einmal die Bürgerlichen, selbst wenn sie verlogen sind wie Horst Seehofer. Schon früher hatte ich beschrieben ("Twingly als teuflische Versuchung: Intellektuelle Jingle Mail von mir zum Handelsblatt?"), dass das Handelsblatt Blogger, welche sich auf seine Artikel beziehen, jetzt mit einem Rücklink belohnt (und sich selbst durch die Steigerung seiner "Linkpopularität" von einer häufigeren Verlinkung in Blogs einen höheren Rank in den Suchmaschinen erhofft).
Das klappt auch ganz gut (wovon Sie sich überzeugen können, indem Sie die o. a. Links zu Handelsblatt-Artikel i. S. Arcandor anklicken).
Nur bei dem schon oben verlinkten "Leitartikel. Gut, dass es Neelie Kroes gibt!" vom Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer ist, momentan jedenfalls, der Hinweis auf meinen Blog-Eintrag verschwunden. Dass das nicht etwa durch einen technischen Fehler geschehen sein kann weiß ich deshalb, weil ich in meiner Statistik einen (einzigen) Zugriff vom Ziesemer-Kommentar zu meinem Blott hatte (von anderen verlinkten Handelsblatt-Artikeln kamen und kommen gelegentlich noch immer mehrere Zugriffe). Daraufhin habe ich wiederum den Kommentar angeklickt und festgestellt, dass der Link zu meinem Blott verschwunden war.
Es liegt mir fern, hier großartig aufzuheulen und "Zensur" zu schreien. Schließlich muss es das Handelsblatt oder dessen Chefredakteur ja nicht hinnehmen, gewissermaßen unfreiwillig Werbung für eine Position zu machen, die denen (und wohl ganz spezifisch dem bürgerlichen Illusionisten Ziesemer) unsympathisch ist - zumal wenn sie mit einer derart drastischen Wortwahl vorgetragen wird wie bei mir.
Ich registriere es nur, interessiert, amüsiert. Und informiere meine Leserinnen und Leser über diesen Sachverhalt, auf dass sie sich ein wie auch immer geartetes eigenes Urteil bilden mögen.


Nachtrag 12.06.09
Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (dem ich seine früheres Wahlkampfgerede über "Kinder statt Inder" nach wie vor verübele), ist relativ zurückhaltend wenn man bedenkt, dass es nicht nur auch in NRW eine Reihe von Karstadt-Kaufhäuser geben dürfte, sondern vor allem dass dort, in Essen, die Konzernzentrale sitzt. Dass er Staatshilfe nicht von vornherein ablehnt, ist politisch nicht überraschend; jedoch äußerst er sich (anders als bei seinem Kampf um die Erhaltung der Opel-Fabrik in Bochum) deutlich zurückhaltender:
"NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers dagegen hatte Hilfen für Arcandor nicht ausgeschlossen. "Wenn es für Karstadt eine Zukunft in der Deutschen Warenhaus AG gibt, kann es sinnvoll sein, dass der Staat dem Konzern über vorübergehende Schwierigkeiten hinweg hilft", hatte Rüttgers in der vergangenen Woche gesagt. Gestern kündigte er an, wie im Fall Opel Expertenwissen zu einer möglichen Staatsbürgschaft einzuholen" berichten THORSTEN BREITKOPF UND ALEXANDER VON GERSDORFF u. d. T. "Land streitet über Arcandor-Hilfe" auf RP Online vom 03.06.2009.
Dafür steckt Rüttgers prompt Prügel der LINKEN ein:
Pressemitteilung, 28. Mai 2009 von: MdB Ulla Lötzer
"Rüttgers fällt Arcandor-Beschäftigten in den Rücken. „Offenkundig hat NRW- Ministerpräsident Jürgen Rüttgers die Beschäftigten von Arcandor und Karstadt bereits aufgegeben, “ kritisiert die Bundestagsabgeordnete Ulla Lötzer, Obfrau der Fraktion Die LINKE im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie:„Mit seiner heute in der Bild – Zeitung zitierten Forderung nach einer Zusammenführung ‚von Kaufhof und Arcandor mit massiven Restrukturierungen’ redet er Massenentlassungen das Wort."


Nachtrag 22.11.2009:
Wo er Recht hat, gebe ich selbstverständlich auch Horst Seehofer Recht: bei seiner Kritik des Länderfinanzausgleichs. "Solidarsysteme. Bayern stellt Länderfinanzausgleich infrage" berichtet die Zeit vom 21.11.2009:
"Ministerpräsident Seehofer will gemeinsam mit finanzstarken Bundesländern gegen den Solidarausgleich vorgehen. Kritiker warnen vor neuen Mauern durch Deutschland.
"Solidarität und Eigenverantwortung müssen eine gesunde Balance halten", sagte er der Bild am Sonntag. "Diese Balance ist beim Länderfinanzausgleich in Gefahr. ...
Seehofer erläuterte, ab 2009 werde es mit Bayern, Hessen und Baden-Württemberg nur noch drei Geberländer geben. Diese überwiesen voraussichtlich sieben Milliarden Euro an die übrigen Länder. "Davon schultert Bayern mit weit über drei Milliarden Euro den Löwenanteil – fast ein Zehntel des bayerischen Haushalts"... .
..... "Ist es wirklich richtig, dass in so hohem Maße der Finanzunterschied zwischen den Ländern ausgeglichen wird?", fragte er und zweifelte auch daran, ob es richtig sei, wenn ein Land fast jeden zehnten Euro aus seinem Haushalt abgeben müsse. ...
Verärgert zeigte sich Seehofer über die Verwendung der Mittel: "Einige Nehmerländer im Finanzausgleich leisten sich trotz klammer Kassen eine Reihe staatlicher Wohltaten, die es in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg so nicht gibt – vom kostenfreien Kindergartenjahr bis zum Verzicht auf Studiengebühren.
"
Natürlich wird man den Bayern jetzt auch wieder vorwerfen, dass sie ja früher selbst vom Länderfinanzausgleich profitiert haben und diesen aus egoistischen Motiven abschaffen wollen. Aber darauf kommt es nicht an; entscheidend ist, dass automatische Ausgleiche immer demotivierend auf eigene Bemühungen wirken und, wie Seehofer zu Recht kritisiert, den Empfängerländern politische Wohltaten auf Kosten anderer (Bundesländer bzw. deren Steuerzahlern) ermöglichen.
Daher bin ich der Meinung, dass der Länderfinanzausgleich (und ebenfalls ergänzende Mittel des Bundes mit der gleichen Ausgleichsfunktion) sukzessive abgeschmolzen werden sollten und zwar so, dass eine Schwankungbreite zwischen 80 und 120% der durchschnittlichen Steuereinnahmen zu tolerieren ist.
Ceterum censeo, dass die Kleinstaaten, und nicht nur die ganz kleinen, abgeschafft gehören: ca. 5 Bundesstaaten sind völlig genug, etwa in folgender Gliederung (ggf. mit zweckmäßigen Arrondierungen gegenüber dem aktuellen Gebietsstand):
- Baden-Württemberg
- Bayern
- Berlin + Brandenburg + Mecklenburg-Vorpommern + Sachsen-Anhalt
- Hessen + Rheinland-Pfalz + Saarland
- Niedersachsen + Schleswig-Holstein + Hamburg + Bremen


Nachtrag 18.12.09
Horst Seehofer ist ein spendabler Weihnachtsmann - für die Hotelbesitzer. Das Handelsblatt berichtete am 25.11.2009: "Seehofer droht mit Blockade": "Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat eine Zustimmung seines Landes zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz ohne einen ermäßigten Satz bei der Mehrwertsteuer für die Hotellerie im Bundesrat kategorisch ausgeschlossen."





Textstand vom 18.12.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Montag, 1. Juni 2009

Frankfurt am Main: Drinnen Moderne Kunst (Sarah Morris), draußen Aktionskünstler (Internationales Deutsches Turnfest 2009)

Für den Pfingstsamstag stand die Alternative Mainz oder Frankfurt am Main offen. In Mainz hätten wir - nach einer Woche mit mildem Wetter und Sonnenschein - auf unserem geliebten Wochenmarkt wahrscheinlich preisgünstig Spargel bekommen. In Frankfurt gab es Kunstausstellungen, z. B. in Museum für Moderne Kunst die "Gemini Dressage" (was immer das sein mag) der in New York und London lebenden britisch-amerikanischen Künstlerin Sarah Morris (zahlreiche Bilder hier bei der Gallery Friedrich Petzel).