Mittwoch, 24. Juni 2009

The Capitalist Threat: Schutzgelderpresser der Mafia sind reine Waisenknaben gegenüber den Ärzten / Medizinern in McAllen, Texas!


An das Gesundheitswesen hatte George Soros wohl kaum gedacht, als er in der Zeitschrift Atlantic Monthly, Volume 279, No. 2, February 1997, seinen berühmten Essay "The Capitalist Threat" verfasste. Darin hatte er die Befürchtung geäußert, dass ein bis zur äußersten logischen Konsequenz praktizierter Kapitalismus jene ethischen Verhaltensnormen zerstören könnte, auf denen er selbst beruht. (Daher übersetze ich den Titel - interpretierend - mit "Die Selbstbedrohung des Kapitalismus").

Donnerstag, 18. Juni 2009

Deflationsgefahr gebannt: Deutsches Hotel- und Gaststättengewerbe erhöhte Preise trotz Wirtschaftskrise und Absatzeinbruch

Schon immer hatte ich erhebliche Zweifel an jenen Szenarien, die in der aktuellen Weltwirtschaftskrise (WWK II) in Analogie zur WWK I eine Deflationsspirale befürchteten. Die Notenbanken, voran die Federal Reserve Bank (Fed) in den USA, werden es ihrer Politik der Geldschwemme zugute halten, dass es nicht zu einer Deflation gekommen ist. Das hat sicherlich geholfen; es müssen aber insoweit noch andere Mechanismen wirksam gewesen sein.

Ein Bericht "Flaute im Gastgewerbe. Hotels leiden unter Sparkurs der Firmen" in der Financial Times Deutschland vom 17.06.2009 könnte nun die Deflationsfürchtigen in Jubel ausbrechen lassen (wie schon früher Meldungen über die Ölpreissteigerungen).

Der erste Teil der FTD-Meldung ist allerdings weniger erfreulich (Hervorhebungen jeweils von mir):
"Ebbe in der Kasse: Kneipiers und Hoteliers hatten im April weniger Gäste als im Vorjahr - entsprechend sind auch die Umsätze gesunken. Die größten Verluste mussten Beherbergungsbetriebe und Caterer hinnehmen. ... Der Umsatz der Kneipen, Restaurants und Herbergen lag im April um 4,7 Prozent unter dem Wert des Vorjahres.."

Der Clou folgt im folgenden Satz:
"Zu unveränderten Preisen hätte das Minus sogar sieben Prozent betragen."

Der Absatz ist also weitaus stärker gesunken als der Umsatz. Was natürlich nur bedeuten kann, dass die Preise erhöht wurden, dass die Betriebe pro 'Leistungseinheit' mehr Geld verlangt und erhalten haben.

Rechnerisch stellt sich der Sachverhalt wie folgt dar:
Absatz (Leistungsmenge) ./. 7% = 93 %; Umsatz (Geldeinnahmen) ./. 4,7% = 95,3%.
Differen = 2,3%. Dies als Mehreinnahmen auf Basis der verminderten Leistung, berechnet, also 2,3% von 93 = 2,3 : 93 = 0,0247 = rund 2,5% Preiserhöhung!

Dem Gaststättengewerbe ist es also gelungen, inmitten der Wirtschaftskrise seine Preise um 2,5% anzuheben!
Und wenn schon ein derart zersplitterter und großenteils von Kleinbetrieben besetzter Wirtschaftssektor so etwas zustande bringt, sollte es doch auf den oligopolistisch vermachteten Märkten eine Kleinigkeit sein, der Deflation die Stirn zu bieten.

Was dann auch zu den schönsten Erwartungen auf eine richtig schöne Inflation berechtigt, wenn die Konjunktur erst einmal wieder brummt!

Dazu ein hübsches Zitat aus dem Blog-Eintrag "What Recovery? Myths, Lies, and Green Shoots" auf der (anscheinend den US-Demokraten nahe stehenden) Webseite "The Economic Populist". Einen Autornamen kann ich nicht entdecken; im About der Webseite erfahren wir: "The Economic Populist is a Community Blog and Forum. Leave your partisanship at the door, bring your shrinking middle class paycheck and let's discuss real trade, economic, budget, fiscal, tax, labor and immigration policy that is in our interests and the United States National Interest. Who can post here? Anyone sane and wanting to talk about economic issues such as the above." Jedenfalls ist es jemand, der Ahnung von Wirtschaftswissenschaft hat. Ein Datum finde ich ebenfalls nicht; anhand der bei den Kommentaren angegebenen Daten muss der Eintrag spätestens vom 20.06.2009 stammen. Auszüge (Hervorhebungen von mir):
"... worldwide industrial output is dropping as fast as it did during the Great Depression, while world trade is dropping even faster ... . The other two charts show monetary inflation and massive government deficits. The two are directly related. Those academics who are afraid of deflation think that these are good things. Consumers that are trying to stretch their meager paychecks think otherwise. ... As mentioned above, we have managed to avoid deflation with our massive deficit spending, but that also means the prudent are being punished in order to bail out the debtors." [Also die gleiche Situation wie zu Zeiten der Kipper und Wipper, als die sparsamen braven Bürgersleut' für die Verschwendungssucht der Aristokratie bezahlen mussten!]








Textstand vom 21.06.2009. Auf meiner Webseite
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Mittwoch, 10. Juni 2009

In Russland droht ein Sack Reis umzufallen: ICH erwarte scharfen Protest des deutschen Bundestages. Aber IHNEN ist Industriehai Chodorkowski ja egal!

Bislang wollte ich es nicht glauben, was die SPD im Europa-Wahlkampf insinuiert hatte: dass nämlich die FDP die Finanzhaie unterstützt. Jetzt aber habe ich die Liberalen in flagranti erwischt.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger heult diesmal nicht gegen den Großen Lauschangriff, sondern für den russischen Industrie-Wolf Michail Borissowitsch Chodorkowski (s. u.).

Der hat sich bei der politischen Führungsschicht in Russland unbeliebt gemacht und wird deshalb (an diesem Kausalzusammenhang habe ich gar keinen Zweifel) strafrechtlich verfolgt. In dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag über Mikhail Borisovich Khodorkovsky wird dazu eine Stellungnahme des US-Außenministeriums angeführt, die auch aus meiner Sicht den Sachverhalt so darstellt, wie er ist:
"The U.S. State Department said the arrest "raised a number of concerns over the arbitrary use of the judicial system" and was likely to be very damaging to foreign investment in Russia, as it appeared there were "selective" prosecutions occurring against Yukos officials but not against others."

Nur: eine Lichtgestalt kann der russische Oligarch Michael Chodorkowski zumindest nicht immer in seinem Leben gewesen sein: sonst hätte er sich nicht in der Transformationsperiode der russischen Wirtschaft vom Staatskapitalismus den Ölkonzern JUKOS (engl. YUKOS) unter den Nagel reißen können.

Daher finde ich es einigermaßen überraschend, dass DIE GRÜNEN einen Entwurf für eine gemeinsame Entschließung des deutschen Bundestages zum Prozess gegen den russischen Unternehmer Michail Chodorkowski eingebracht haben. Und dass sie von CDU und FDP unterstützt werden. Vor allem erscheint es mir politisch ausgesprochen unintelligent. Deutsche Interessen vertritt man auf diese Weise ganz gewiss nicht. Wollen die CDU und FDP als Gefolgsleute der Banknotendruckmacht USA Deutschland in eine Konfrontation mit der Rohstoffmacht Russland hetzen? (Die geistesgroßen Grünen kommen ja eh' ohne Energie-Rohstoffe aus!)

"Die FDP-Abgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wird noch deutlicher: „Dass sich die SPD mit der Unterstützung von Herrn Chodorkowski so schwertut, ist ein Armutszeugnis" heißt es in dem ZEIT-Artikel "Prozess. Testfall Chodorkowski" vom 10.6.2009.
Zugegeben: der Bundestag hat sich, bereits im Januar 2006, auch kritisch über das US-Gefangenenlager Guantanamo geäußert.

Einäugigkeit kann man den Abgeordneten also nicht vorwerfen. Außenpolitische Weisheit aber auch nicht - jedenfalls der Mehrheit nicht. Anders dagegen die SPD. Über deren Stellung berichtet Claudia von Salzen in dem o. a. ZEIT ONLINE-Bericht vom 10.6.2009 unter der Überschrift "Prozess. Testfall Chodorkowski":
"Die Große Koalition kann sich nicht auf eine gemeinsame Erklärung zum Prozess gegen Unternehmer in Russland einigen. .....
Ein von den Grünen verfasster Entwurf fand Zustimmung bei der Union und der FDP. Die Sozialdemokraten legten dagegen einen eigenen, allgemeineren Entwurf vor, in dem der Fall Chodorkowski nicht mehr im Mittelpunkt steht. In dem Entwurf der Grünen wird nun die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass auch diesmal „ein strafrechtlicher Prozess für politische Ziele genutzt wird“. Wesentliche Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit würden in Russland „nicht oder ungenügend beachtet“, heißt es in dem Entwurf. „Trotz einiger Fortschritte gibt es weiter besorgniserregende Entwicklungen.“ Derart deutliche Kritik fehlt dagegen im Entwurf der SPD, der dem Tagesspiegel vorliegt. Im Bereich der Rechtsstaatlichkeit gebe es „positive und negative Trends“, heißt es darin. Die Sozialdemokraten sehen das Verfahren zwar ähnlich wie die Grünen als „Testfall“ für die Glaubwürdigkeit der russischen Justiz. Allerdings gibt es im SPD-Entwurf den Zusatz, der Respekt vor der Unabhängigkeit der russischen Justiz gebiete es, den Prozessverlauf und die Entscheidung des Gerichts abzuwarten. Mit dieser Formulierung sind nicht alle SPD-Außenpolitiker einverstanden: Er sei „nicht glücklich“ mit diesem Satz, betonte der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel, der am Montag in Moskau den Chodorkowski-Prozess beobachtet hat
."

Sicherlich liegt es auch in unserem Interesse, unsere Lebensform, und nicht zuletzt auch unsere rechtlichen Standards, auch in jenen Staaten der Welt zu verbreiten, bei denen die Unabhängigkeit der Justiz nur mangelhaft ausgeprägt ist.

Da muss man freilich nicht bis nach Russland laufen, sondern mag zunächst einmal im eigenen europäischen Haus aufräumen. Ich habe jedenfalls nicht vernommen, dass der Bundestag eine Entschließung gegen die skandalösen Manipulationen beschlossen hätte, mit denen der italienische Ministerpräsident die italienischen Strafverfolgungsbehörden an der Untersuchung seiner Taten gehindert hat. Allerdings ging es dabei nicht um eine politisch motivierte Verfolgung Unschuldiger, sondern um die Verhinderung der Verfolgung eines (nach meiner Einschätzung) Schuldigen.

Unschuldige werden dagegen mitten in Deutschland verfolgt, im Frankfurt des Hessen-Kochs. Finanzbeamte, die mit preußischer Pflichttreue gegen Steuerhinterziehung durch Banken ermittelten, wurden dort mit den übelsten Methoden ins Abseits gestellt. Mehr darüber erfährt der oder die Interessierte z. B. in dem ausführlichen Stern-Bericht (Heft 51/2008) "Eiskalt abserviert" von Frauke Hunfeld:
"Als Ermittler holten sie für den Staat Millionen, auch bei den großen Banken. Doch plötzlich war Schluss. Plötzlich störten sie die Geschäfte und wurden als Querulanten aus dem Dienst gemobbt. Die Geschichte von Rudolf Schmenger und seinen Kollegen von der Steuerfahndung Frankfurt, die jetzt auf Gerechtigkeit hoffen. ...
Rudolf Schmenger, 47, zuletzt Amtsrat. Er wehrte sich gegen das Aus - und wurde per Gutachten für verrückt erklärt
."
Oder im Handelsblatt-Artikel "Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim. Ausgezeichnete Verräter" von Jan Keuchel (07.05.09):
"Zwei Steuerfahnder prangerten Missstände an und verloren ihren Job. Nun werden sie mit dem Preis "Whistleblower 2009" geehrt."

Darüber sollte der Bundestag debattieren, anstatt Russland anzupinkeln, weil die einen (vermutlich) Wirtschaftsverbrecher (wenn auch aus politischen Motiven) verfolgen.
Oder auch über das Mobbing gegen die Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen. Über diesen Fall politisch motivierter Eingriffe in die Strafverfolgungsbehörden informiert uns z. B. der FTD-Bericht (15.12.08) "Agenda. Dossier. Staatsanwältin im Krieg" von Jens Brambusch:
"Sie hat Post-Chef Klaus Zumwinkel verhaften lassen - nun soll kurz vor Beginn des Prozesses Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen strafversetzt werden. Der Steuerfall des Jahres verkommt zu einem Schmierenstück aus Mobbing und Intrigen."

Alternativ - oder ergänzend - könnte das Hohe Haus sich auch mal mit dem Bekanntenkreis des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger beschäftigen, nämlich seine Beziehung zu dem mutmaßlichen Mafioso Mario L.
Dazu staunen wir im Stern vom 3.4.08:
"Buchauszug. Oettinger und der Pizzabäcker", © Michael Latz/DDP
"Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger und sein tiefer Sinn für Freundschaft: Stoff für einen Bestseller. .....
"Wir können alles", rühmen sich die Baden-Württemberger. Tatsächlich verstehen sie sich auch auf "Filz, Korruption & Kumpanei". stern.de veröffentlicht einen Auszug aus dem gleichnamigen Buch - über die denkwürdige Freundschaft von Ministerpräsident Günther Oettinger zu Pizzeriawirt Mario L.
Der Stuttgarter Pizza-Wirt war zwar bei einem Mafia-Prozess im Jahr 1999 freigesprochen worden. Doch das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnete ihn im Jahr 2000 nach wie vor als Mitglied des 'Ndrangheta-Clans "Greco", wie aus Unterlagen der Behörde hervorgeht. Beim besagten Austausch italienischer und deutscher Fahnder blieb es nicht beim Thema Mario. Plötzlich, wie aus heiterem Stuttgarter Himmel, kam die Rede auch auf Günther Oettinger. Und da passierte es: Was seine Rolle in der damaligen Sache angehe, da sei in Deutschland einiges vermauschelt worden, wurde doch tatsächlich behauptet. Bei ihnen in Italien, so fabulierten italienische Ermittler wäre Oettinger nicht Ministerpräsident geworden, sondern hätte eher juristische Probleme bekommen, wegen eines Verdachts, der bei ihnen zu Ermittlungen führen würde - nämlich "favoreggiamento", Begünstigung. Die italienischen Ermittler verwiesen darauf, dass dieser Verdacht in ihrem Heimatland auch schriftlich fixiert wurde - noch im Jahr 2005.
"

"Es gibt viel Mist in Deutschland: machen wir einen Bogen drum herum - und zeigen mit dem Finger auf Russland" - ist das die Devise der deutschen Bourgeoisie (die GRÜNEN zähle ich definitiv ebenfalls zu dieser Klasse).
Da passt es irgendwie, wenn ich bei der Wikipedia-Suche nach "Oligarchie" auf das Stichwort "Ehernes Gesetz der Oligarchie" stoße:
"Das Eherne Gesetz der Oligarchie (ehern: gehobenes Deutsch für „aus Erz“ [Eisen] im Sinne von „hart, ewig während“ [„Eisernes Gesetz“]; Oligarchie: griechisch für „Herrschaft Weniger“) ist eine 1911 vorgelegte politische Theorie zur innerparteilichen Demokratie des deutsch-italienischen Soziologen Robert Michels (1876-1936). Die Theorie geht davon aus, dass Führungsgruppen in Organisationen zwangsläufig zunehmend an den eigenen Interessen (persönliche Privilegien, Sicherung der Organisation) interessiert seien, als an den Zielen, Interessen und dem Willen der Gruppe selbst (Verselbstständigung der Führung). Sie versuchten nach Michels, die soziale Basis (Massen) zu bestimmen (Parteidisziplin), auch dann, wenn die herrschende Weltanschauung dieser Gruppierungen das Gegenteil anziele. Michels baute auf Arbeiten Gaetano Moscas (Politische Klasse) auf."
Oder in der englischsprachigen Wikipedia den entsprechenden Eintrag "Iron law of oligarchy":
"The iron law of oligarchy is a political theory, first developed by the German syndicalist sociologist Robert Michels in his 1911 book, Political Parties. It states that all forms of organization, regardless of how democratic or autocratic they may be at the start, will eventually and inevitably develop into oligarchies. The reasons for this are the technical indispensability of leadership, the tendency of the leaders to organize themselves and to consolidate their interests; the gratitude of the led towards the leaders, and the general immobility and passivity of the masses. ...
Robert Michels was disturbed to find that, paradoxically, the socialist parties of Europe, despite their democratic ideology and provisions for mass participation, seemed to be dominated by their leaders, just like the traditional conservative parties.
Studying political parties, he concluded that the problem lay in the very nature of organizations. Modern democracy allowed the formation of organizations such as political parties, but as such organizations grew in complexity, they paradoxically became less and less democratic. Michels formulated the "Iron Law of Oligarchy": "Who says organization, says oligarchy." ...
At the time Michels formulated his Law, he was an anarcho-syndicalist. He later became an important ideologue of Benito Mussolini's fascist regime in Italy.
"

Lassen wir es nicht zu, dass unsere Oligarchen uns mit Einsätzen für dubiose Gestalten wie den Herrn Michail Borissowitsch Chodorkowski, oder auch gegen die unerquicklichen Methoden der Chinesen zur Gewinnung von Bärengalle, von unseren Problemen abzulenken versuchen.
Wenigstens (bzw. aus anderer Perspektive betrachtet: leider nur) die SPD hat begriffen, dass es nicht im wohlverstandenen deutschen Interesse liegt, das Verhältnis zu Russland wegen solcher Figuren zu belasten.

Was ich in meinem Bärengallen-Blott schrieb, passt auch hier:
"Comity, Höflichkeit und Rücksichtnahme zwischen Nationen und Kulturen, auf der juristischen wie auf anderen Ebenen – was das bedeutet, müssen vielleicht nicht nur die anderen lernen!"


Nachtrag 15.10.2010
Angela Merkel hat es nun auch gemerkt: dass Russland eine Rohstoff-Großmacht ist (die man besser nicht vergrätzt). Am 14.10.10 berichtete die WELT: "Globalisierung. Merkel will Rohstoffe für Deutschland sichern":
"China kauft derzeit den Rohstoffmarkt leer. Nun will Bundeskanzlerin Angela Merkel gegensteuern – und vor allem Russland an Deutschland binden."





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Sonntag, 7. Juni 2009

Die Welt aus Düsseldorfer und Hamburger Sicht. Vergleich Handelsblatt mit Financial Times Deutschland (FTD), u. a. zum Thema Ölpreisentwicklung

Falls ich dem Handelsblatt (d. h. dessen Internet-Ausgabe) irgendwann meine langjährige Treue kündigen sollte (wovon die freilich wenig spüren werden, weil ich ohnehin nur noch die im Internet -gratis- publizierten Artikel lese) ist ganz sicher nicht die "Zensur" meines Meinungs-Blotts über Horst Seehofer (vgl. dort meinen Nachtrag vom 7.6.09) daran Schuld.

Vielmehr hatte ich in letzter Zeit mehr und mehr das Gefühl, mit der Financial Times Deutschland einen weiteren Blick auf die Welt zu erhalten, 'näher dran' zu sein an der weltwirtschaftlichen Entwicklung. Und mir gefällt die dezidierte Meinung Freunde der Kommentatoren, z. B. der ironische Kommentar "Normalisierung auf Englisch" (aus der Reihe "Das Kapital") vom 04.06.09:
"Die Angelsachsen bezeichnen die Vorgänge an den Finanzmärkten [z. B. die für die Regierungen - und die Steuerzahler - sehr unangenehmen Zinssteigerungen der Staatsanleihen] voller Selbstbewusstsein als Normalisierung. Da müssen sie mal wieder alles richtig gemacht haben."
Oder, aus der gleichen Reihe, vom 12.05.09: "Das Schlimmste in zehn Jahren":
"Selbst die Ökonomen haben sich von der Aktienrallye anstecken lassen. Aber wenn der Aktienmarkt tatsächlich das Potenzial der Wirtschaft vorwegnimmt, müssen die Anleger in Japan jahrzehntelang gepennt haben."
Oder den Kolumnenbeitrag vom 08.06.09: "Andreas Theyssen - Ich will nicht gerettet werden", wo Andreas Theyssen vehement die Rettung von Opel, und die zu erwartende Rettung von Arcandor (Karstadt usw.) mit Steuermitteln kritisiert.
Oder den "Leitartikel. Arcandors Ende nach Wahl" ebenfalls vom 08.06.09:
"Die Politik entscheidet, ob der Konzern Staatshilfe bekommt, oder in die Insolvenz geht. Doch egal, wie die Entscheidung ausfällt: In einem Jahr wird es den Konzern so nicht mehr geben."

Gewiss: in Sachen Opel und Arcandor berichtet auch das Handelsblatt sehr ausführlich. Aktuell vom 7.6.09 etwa: "Arcandor-Betriebsratschef „Die Insolvenz wäre eine Katastrophe ein Interview von David C. Lerch (allerdings offenbar eine Übernahme aus dem ebenfalls zur Holtzbrinck-Gruppe gehörenden Berliner Tagesspiegel) mit dem Arcandor-Betriebsratschef Hellmut Patzelt "über die Aussicht auf Staatshilfe, die Angst der Mitarbeiter und eine Fusion mit Kaufhof" sowie "Handels- und Touristikkonzern. Arcandor spielt mit der Insolvenz" von Sven Afhüppe und Christoph Schlautmann: "Dem angeschlagenen Handels- und Touristikkonzern Arcandor droht kurzfristig die Insolvenz. In einem Spitzengespräch mit Vertretern des Konkurrenten Metro gelang es am Sonntagnachmittag nicht, eine Einigung über die Bildung einer gemeinsamen Deutschen Warenhaus AG zu erzielen. Zudem spitzt sich der Nervenkrieg um einen Rettungskredit des Bundes zu.". Das Blatt hält auch mit seiner negativen Beurteilung der Staatshilfen für diese beiden Unternehmen nicht hinter dem Berge.

Aber z. B. bei der Geldmengenausweitung, oder bei den Gefahren steigender Rohstoffpreise, habe ich (ohne dass ich das jetzt im Detail belegen könnte) bei der FTD eher als beim Handelsblatt das Gefühl einer größeren Intensität der Berichterstattung, einer größeren "Schärfe" (im Sinne eine Fokussierung, nicht im Sinne einer politischen Tonlage.

Selbst dann, wenn ich ihnen nicht zustimme, finde ich in letzter Zeit Anknüpfungspunkte häufig eher bei FTD-Artikeln als bei jenen im Handelsblatt.
Nehmen wir als Beispiel von Lucas Zeise die "Kolumne. Lucas Zeise - Das Inflationsgespenst" vom 26.05.09:
"Die staatliche Geldverteilung an Banken ist intransparent. Deshalb grassiert die Angst vor Geldentwertung."
Zunächst kritisiert er scharf die Tatsache, dass die Bürger zwar für die Banken zahlen sollen, über die Probleme dieser Banken aber nicht näher informiert werden [dieses Faktum müsste eigentlich für einen Dauerschrei im deutschen Medienwald sorgen; stattdessen herrscht insoweit weitestgehendes Schweigen im Walde]:
"Ist es schon sinnlos, viel Geld in die Banken zu stecken, so geschieht es auch noch auf wenig vertraueneinflößende Methode. Die Gründe, warum diese Bank dies, eine andere aber das und eine dritte gar nichts bekommt, bleiben geheim. Warum im Ursprungssündenfall so viel Geld in die kleine, unwichtige IKB gepumpt wurde, ist bis heute ein Staatsgeheimnis.
Ein Untersuchungsausschuss dazu kam nicht zustande. Den gibt es nun im Fall der Hypo Real Estate. Da die beiden Aufsichtsinstitutionen Bundesbank und BaFin jede Ausflucht nutzen, um den Parlamentariern möglichst wenig zu sagen, kann man nur Schlimmes vermuten.
Schließlich ist die große Banken Rettungsaktion so konstruiert, dass weder das Parlament noch die Öffentlichkeit erfahren, warum etwas geschieht. Beim Soffin, der über Unterstützungsmaßnahmen entscheidet, wird zwar ein politisches Aufsichtsgremium über die Entscheidungen informiert. Der Öffentlichkeit und dem Rest des Parlaments gegenüber sind die so informierten Parlamentarier aber zum Schweigen verpflichtet.
Welche schrecklichen Geschäftsgeheimnisse werden da vor uns verborgen? Welche Wahrheit will man uns nicht zumuten
?"

Zeise sieht keine Inflationsgefahren; ich bin da anderer Meinung. Zur Inflationsangst meint er:
"Alle möglichen Theorien sprießen ins Kraut. Unter anderem die, es werde dank Geldvermehrung durch die Notenbanken zur Inflation kommen. ...
Ohne sehr viel Geld im Umlauf ist Inflation nicht zu erreichen. Nur haben die letzten Jahrzehnte bewiesen, dass sehr viel Geld in Umlauf gebracht werden kann und dennoch die Inflation gering bleibt und sich auf die Preise von Vermögenstiteln beschränkt. Die Notenbanken wissen, warum das so ist: Der kräftige Geldzuwachs bleibt in den Händen jener, die vorwiegend Vermögenstitel kaufen. Die anderen, die Geld für Dinge des täglichen Bedarfs ausgeben, bleiben auf Diät. Solange das so bleibt, kommt nachfrageinduzierte Inflation nicht auf.
Das viele Geld, das nun auf Kosten des Steuerzahlers in Richtung Banken geht, wird sicher nicht bei denen landen, die damit zu Aldi und Karstadt gehen. ... Einen Rat kann man umgekehrt jenen Zentralbankern geben, die effektive Mittel gegen die Deflation suchen. Der Rat lautet: Kauft keine Anleihen vom Staat oder von Banken. Nehmt Friedman wörtlich. Fed-Chef Ben Bernanke sollte den Hubschrauber besteigen und frisch gedruckte Banknoten über Stadt und Land gleichmäßig abwerfen.
"
Da hat er sowohl Recht als auch Unrecht. Recht hat er, wenn er (implizit) der von Ben Bernanke geäußerten Behauptung (vgl. meinen Blott
"Finanzkrise (Finanzmarktkrise): Ist BEN BERNANKE BESCHEUERT oder ist Burkhardt Brinkmann blöd?") widerspricht, wonach der Kauf von Staatsanleihen einem Geldabwurf vom Hubschrauber gleich zu setzen sei. Allerdings sind meine Bedenken gegen die Bernanke-Meinung und die Bedenken von Zeise nicht identisch: Zeise bezweifelt wohl, dass diese Gelder beim 'Kleinen Mann' ankommen. Das tue ich nicht, denn: der Staat gibt das geliehene Geld aus, das landet zwangsläufig bei den arbeitenden Menschen - genau wie Geldscheinabwürfe aus dem Hubschrauber. Der für mich wesentliche Unterschied ist dagegen, dass die Steuerzahler die Fed-Anleihen für die Staatsanleihen irgendwann zurück zahlen müssen; Scheine, die vom Himmel auf sie hernieder kämen ('Geldabwurf vom Helikopter') dagegen nicht.
In anderer Hinsicht gehe ich zwar zum Teil mit Zeise konform: der Geldmengenzuwachs der letzten Jahre ist kaum in den Konsum geflossen; vielmehr ist er weitestgehend auf der 'Spielwiese' der Finanzwirtschaft geblieben (vgl. z. B. meine Blotts "WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?" und "„Ceci n’est pas une inflation“ oder: Eine Inflation gibt es nicht!
"
). Nur leider halt nicht vollständig: ein Teil sickert eben doch in die Realwirtschaft ein und wirkt dort preistreibend. Zum einen lokal (vgl. meinen Eintrag "DIE WELT WIRD CAPECODISIERT! (Kapiert?) ODER STARNBERGERISIERT?"); zum anderen in Form von Preisblasen: bei den Immobilien und bei den Rohstoffen.
Ohne die gewaltige Geldmengenausweitung, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, in den letzten Jahren wären die Preisanstiege bei beiden o. a. "Anlageklassen" nicht in diesem Ausmaß möglich gewesen. Im Rohstoffbereich waren die Preise ja nicht nur beim Erdöl exorbitant gestiegen, was man auf die geologische Verknappung zurück führen kann (bzw. m. E. muss, aber das ist schon seit längerem umstritten - bejahend z. B. hier einen Beitrag des Wirtschaftswissenschaftlers James Hamilton, bereits vom Oktober 2006, über "scarcity rent", also Knappheitsrente), sondern auch bei dem am weitesten verbreiteten Mineral überhaupt, dem Eisenerz.
Und bei den Rohstoffen geht es momentan schon wieder los, so zu sagen 'unter der Hand', ohne dass dies in der Öffentlichkeit groß wahrgenommen würde. FTD-Leser dürfen sich aber auch darüber gut informiert fühlen; der Sachverhalt wird dort mit der gebührenden Aufmerksamkeit kommentiert.
Z. B. von Tobias Bayer in seinem "Kommentar. Rohstoffe - Das böse Déjà-vu" vom 05.06.09:
"Die weltweite Rezession liegt hinter uns. So lautet jedenfalls das Fazit der Investoren, die hemmungslos in Rohstoffe investieren - und die Preise wie 2008 nach oben treiben. Um ein Déjà-vu zu verhindern, sollten Politik und Aufsichtsbehörden gegensteuern."

Und über die von der Geldmenge in die Höhe getriebenen Rohstoffpreise kommt es, was Zeise ausblendet, letztlich eben auch zu inflatorischen Entwicklungen bei Konsumgütern, wodurch, wie schon gehabt (Ölpreissteigerungen) die Zahlungsfähigkeit der Kreditschuldner beeinträchtigt und damit deren Rückzahlungsfähigkeit unterminiert wird. Auch das wäre ein Déja vu: die Ölpreissteigerungen haben vermutlich zur US-Immobilienkrise beigetragen, auch wenn sie wohl nicht die Hauptursache waren. (Vgl. dazu z. B. meinen Blott`"Finanzmarktkrise, Finanzkrise? Nein: Rohstoffkrise! Notenbanken, Geldpolitik und Konjunkturpakete sind deshalb am Ende").

Hier einige weitere zeitnahe Artikel in der Financial Times Deutschland zur Preisentwicklung (und anderen Entwicklungen) bei Rohstoffen:

"Lückenhafte Kontrolle. Betrüger entdecken den Rohstoffhandel" von Tobias Bayer (05.06.09):
"Die CFTC kontrolliert den US-Terminmarkt. Weil sich beim physischen Handel mit Rohstoffen und Metallen die Betrügereien gegenüber Privatanlegern häufen, fordert sie nun neue Kompetenzen. Dagegen laufen Edelmetallverkäufer Sturm."

Vom gleichen Autor und gleichen Datum: "Rückkehr der Spekulanten. Hedge-Fonds entern Rohstoffmarkt":
"Sie sind wieder zurück: Hedge-Fonds haben in den vergangenen Monaten ihre Positionen auf dem Rohstoffmarkt deutlich ausgeweitet. Ihr Engagement ist derzeit so groß wie zu Hochzeiten des Booms 2008. Die Aufsicht ist beunruhigt."

Ebenfalls von Tobias Bayer ein Artikel vom 4.6.09 der Bericht "Goldman-Sachs-Prognose. Bank erwartet rasanten Ölpreisanstieg":
"Im Mai 2008 schockte Goldman Sachs die Welt mit der Ölpreisprognose von 200 $ bis Mitte 2010. Die weltweite Rezession machte das Szenario unwahrscheinlich. Jetzt lehnt sich das Wall-Street-Haus erneut aus dem Fenster - aber nicht mehr so stark."

3.6.09: "Wegen Ölpreisrekorden. US-Aufsicht geht auf Anti-Spekulanten-Kurs"
von Tobias Bayer:
"Sind kurzfristig orientierte Investoren Schuld an hohen Ölpreisen? Diese Frage beantwortete die Wall-Street-freundliche US-Terminmarktaufsicht CFTC bisher mit einem klaren Nein. Jetzt wird die Gangart unter dem neuen Chef Gensler deutlich härter. Er will Spekulanten bekämpfen – hat aber zu wenig Leute."

Am 12.05.09 las man: "Neue Ära bei Rohstoffen. Banken steigen in Eisenerzhandel ein" von Javier Blas (London):
"Beim Kauf und Verkauf von Zink, Kupfer, Aluminium und Stahl mischt die Finanzwelt bereits kräftig mit. Jetzt entdeckt sie ein neues Spielfeld: Den rasant wachsenden Markt für Eisenerz. Ihr kommt dabei der Streit zwischen Minenbetreibern und Stahlproduzenten zugute."

Es sind jedoch nicht nur die Finanzmärkte, welche die Rohstoffpreise derzeit, trotz immer noch lahmender Konjunktur, wieder anziehen lassen.
"Wettlauf um Rohstoffe. China und Japan horten Industriemetalle" titelte Tobias Bayer einen entsprechenden Bericht vom 25.03.09:
"Die Weltwirtschaft taumelt, doch der Kupferpreis legt zu: Hinter dem vermeintlichen Widerspruch stecken China und Japan, die sich mit Industriemetallen eindecken. Besonders die Volksrepublik geht aggressiv zu Werke."


Weil einerseits die Rohstoffe teilweise aufgrund unzureichender Aufschlussinvestitionen, teilweise aber auch aufgrund ihrer geologischen Erschöpfung knapp werden, und weil andererseits die Weltkonjunktur mit der Brechstange einer riesigen Primärgeldschöpfung ausgeweitet wird (letztlich in vergleichbarer Weise wie um 1600 durch die Münzfälscherei der Kipper und Wipper), stelle ich mir die Zukunft ziemlich duster vor.
Und diese Entwicklungen finde ich in der FTD mit schärfen Konturen gezeichnet als im Handelsblatt, dessen Artikel mich seit Jahrzehnten begleitet und ökonomisch belehrt haben. Dieses ist mir letztendlich im Vergleich doch allzu Deutschlandbezogenen, und, wie soll ich sagen - ein wenig zu 'gemütlich'?. Es zeigt einfach weniger "Biss" als die Financial Times Deutschland. Schade.


(Erg. 13.6.09) Was allerdings die 'technische' Dimension angeht, ist der Internet-Auftritt des Handelsblatts weitaus leserfreundlicher als derjenige der Financial Times Deutschland:

- Seitengliederung 2-spaltig (breite linke Spalte = Artikeltext, schmale rechte Spalte = Werbung, Hinweise, diverse Links), Artikelspalte breiter als Randspalte. Dagegen 3-spaltige Gliederung der FTD-Webseite, wobei die Textspalte etwa gleich groß ist wie die (schmale) linke und die (breitere) rechte Spalte zusammen. Dadurch im Handelsblatt mehr Text auf einer Seite.

- Die Handelsblatt-Webseite bietet (unterhalb des Textes) die Auswahlmöglichkeit an, Artikel vollständig auf einer Seite zu lesen; bei der FTD ist das nicht möglich.

- Außerdem führt das HB unten die Gesamtzahl der Seiten auf. Die FTD verweist auf der ersten Seite lediglich auf eine evtl. Folgeseite; erst dort erscheint eine Information über die gesamte Anzahl der Seiten, auf die der Artikeltext verteilt wurde. Vgl. als Beispiel das 4-seitige "Dossier" "Wir leben noch!" (über eine Kaufhauskette in Holzminden u. a. Kleinstädten). Allerdings sind noch längere Artikel i. d. R. aufgeteilt und schon auf der 1. Seite mit einer Art "Inhaltsverzeichnis" versehen. Das ist nicht schlecht, wenn man gezielt nur eine Information herauspicken will. Ein Beispiel für einen solchen Textaufbau bietet der auf 7 (großtenteils allerdings recht kurze) Seiten aufgeteilte Artikel "Gefährliche VW-Optionen. Das Porsche-Dilemma" vom 16.06.09.


- Das Artikeldatum erscheint im Handelsblatt oberhalb des Textes; bei der Financial Times Deutschland erst tief unten, noch unterhalb von einigen Werbeeinblendungen. Das finde ich ausgesprochen ärgerlich.
Ergänzung 03.09.2009: Nanu? Spionieren die FTDler etwa in meinem Blog? Plötzlich ist das Artikeldatum dort nämlich rechts oben! Der Fortschritt ist eben nicht aufzuhalten! ;-)

- Die FTD bietet gefühlt mehr Links zu einschlägigen eigenen Artikeln als das Handelsblatt; das Datum der Erstveröffentlichung dieser Artikel geben allerdings beide (und auch andere: z. B. die ZEIT) nicht an. Da erhofft man sich u. U. weitere aktuelle Informationen und landet stattdessen manchmal bei alten Artikeln mit überholtem Informationsstand.




Nachträge 03.09.09

Originell im Ansatz ist der heutige Artikel "Fairness für Wiedeking" von Thomas Steinmann:
"Porsche wollte die Macht bei VW - jetzt braucht der Luxushersteller Stütze vom Staat. Hohn und Spott sind Konzernchef Wendelin Wiedeking dafür auch aus der Politik sicher. Dabei ist die an Porsches Unfall nicht unbeteiligt - nur sagt das keiner."

Weitaus wichtiger ist aber der (nicht gezeichnete) FTD-Kommentar "Zeit für eine richtige Krise" aus der Reihe "Das Kapital", ebenfalls vom 08.06.2009. Diese Meinungskolumne wirkt auf mich beinahe so, als ob der Autor meinen vorliegenden Blott gelesen und sich dann hingesetzt hätte, um meine positive Einschätzung noch einmal besonders eindrucksvoll zu bestätigen. Obwohl doch eigentlich ein Wirtschaftsblatt, geht die Zeitung (sicherlich nicht immer, aber jedenfalls in diesem Kommentar) mit einer Prägnanz und Schärfe, wie man sie kaum in der TAZ oder der ZEIT finden wird, und im Handelsblatt noch weniger, auf kritische Distanz zu unserer aktuellen Wirtschaftsweise. Nachfolgende Auszüge mögen, als "Appetithappen", meine Leserinnen und Lesern zur Lektüre verlocken; ich jedenfalls lege Ihnen diesen Kommentar herzlich ans Herz (meine Hervorhebungen):
"Man mag bedauern, dass aus dieser Krise nichts gelernt wird. Andererseits wird der Rückfall entsprechend heftig, so dass die Welt dann um einen Wandel nicht mehr herumkommt.
So wie es aussieht, versucht die Weltgemeinschaft schon wieder so schnell aus dem Krankenbett zu springen, dass mit einem Rückschlag gerechnet werden muss. Denn vielen Äußerungen und Kommentaren zum Trotz ist bisher kaum festzustellen, dass Lehren aus dieser Krise gezogen würden, sich das Verhalten nachhaltig ändern würde. ... dafür, dass wir derzeit trotz Krise auf der Stelle treten, spricht einiges.
Seien es Politiker wie Steinmeier, Koch und Konsorten, die in der Hoffnung auf dummes Stimmvieh in unverantwortlicher Art und Weise Steuergelder, Arbeitsplätze und notwendige Marktmechanismen aufs Spiel setzen. Seien es die Anleger, ... [die] die aktuelle Bärenmarktrally beflügeln. Seien es die Banken, die, wenn sie ihren Oberleuchten schon keine Boni mehr zahlen dürfen, jetzt deren Fixgehälter hochschrauben. ... Seien es aber auch die Regulatoren und Regierungen, die mithilfe von Staatsgeldern, Bad Banks und aufgeweichten Bilanzregeln dafür sorgen, dass die Banken auf dem Papier schon wieder Gewinne schreiben können, ... . Sei es, ... dass die schmerzlichen Folgen von quasi freiwilligem kreditfinanzierten Überkonsum nun per gesetzlich verordnetem kredit- und steuerfinanzierten Überkonsum kuriert werden sollen.
So schnell kriegt man es halt aus den Köpfen der Menschen nicht raus, was sie über die vergangenen Jahrzehnte gelernt haben: den Wert von allem, wirklich allem, nur noch in Geld auszudrücken. Sei es Kunst, Sport oder Bildung,... . Auch wird man den Menschen den Irrglauben, dass Gesellschaften nur bei wirtschaftlichem Wachstum prosperieren können, so schnell nicht austreiben können. Es scheint alles in allem der Welt, vor allem dem Westen, halt noch nicht schlecht genug zu gehen, damit ein nachhaltiges Umdenken einsetzt.
Muss man jetzt als vernünftiger Mensch sich in Zynismus flüchten oder verzweifeln? Nein. Man muss nur einsehen, dass die Welt für den richtigen Wandel noch nicht bereit ist. Es muss erst noch eine größere Krise her. Ein Alkoholiker wird schließlich auch nicht nach einem üblen Kater, sondern erst nach einem veritablen Absturz über seine Trinkgewohnheiten nachdenken.
Dass eine Mäßigung alleine im Sinne der Ressourcenschonung erforderlich ist, zeigen die Dimensionen: ... Wenn etwa Indien so haushalten würde wie Amerika, verbrauchte dieses Land ... jetzt schon das 22-Fache an Energie.
Selbst im Fall revolutionärer Fortschritte in der Energie- und Umwelttechnik scheint die Hoffnung auf ein ungehemmtes Wachstum der Weltwirtschaft da verwegen - zumal die Rohstoffe generell begrenzt sind. Fast noch schlimmer ist allerdings ein geistiger Aspekt: Vielen ist die Steigerung der Produktivität der wichtigste Lebensinhalt geworden, auf dass morgen noch mehr Güter gekauft werden können, die kein Mensch braucht"
.
Erg. 17.6.09: Vom gleichen Kaliber ist der Meinungsbeitrag "Das Kapital. Payback- und Party Time in New York" vom 12.06.09 (meine Hervorhebung):
"Die US-Banken wollen der Staatsknute entkommen. Sie wissen, wie kaputt ihre Branche ist. .....
Beunruhigend ist ..., dass scheinbar der ganze Markt strukturell so kaputt und ineffizient ist, dass es sich als Bank überhaupt lohnt, die hohen Gehälter zu bezahlen. Dass in der Finanzwelt so überhöhte Preise für Produkte und Dienstleistungen bezahlt werden, dass diese notorisch hohen Margen überhaupt möglich sind - das ist das wahre Übel
."

"

Nachtrag 12.06.2009
Tobias Bayer bleibt dran, an der Ölpreisentwicklung. Und anderen FTD-Autoren ebenfalls.
"Ölpreisrekord. Der rote Bernie geht auf Spekulantenjagd" titelt Bayer am 11.06.09:
"So lang wie Bernie Sanders saß noch kein Parteiunabhängiger im US-Kongress. Der bekennende Sozialist gewinnt zunehmend an Einfluss. Jetzt macht er gegen die Ölspekulanten mobil: Er will mehr Transparenz - und fordert in Notfällen sogar Handelsstopps."
Ein nicht namentlich gezeichneter Leitartikel der Financial Times Deutschland vom 12.06.09 u. d. T. "Schranken für Öl-Spekulanten" setzt nach:
"Grund für den jüngsten Anstieg des Ölpreises ist nicht etwa ein Aufschwung der Wirtschaft, sondern reine Spekulation. Um die einzudämmen braucht es vor allem mehr Transparenz."
In der Kolumne von Thomas Fricke "Neidgesellschaft im Stresstest" geht es eigentlich um etwas anderes, nämlich darum, Staatshilfe nach Kriterien des größtmöglichen ökonomischen Nutzens zu verteilen, anstatt nach vermeintlichen Gerechtigkeitskriterien:
"Wenn es um Staatshilfen für Unternehmen geht, sind in Deutschland Ordnungspolitiker und Tante Erna auf einer Linie: Dass irgendwer mehr kriegt, geht gar nicht. Dabei kann das ökonomisch für alle das Beste sein."
Aber auch auf den Ölpreis kommt Fricke zu sprechen, mit einer Information, welche die (u. a.:) von mir schon frühere geäußerte Vermutung über einen Zusammenhang zwischen Ölpreisanstieg und Konjunkturkrise stützt:
"Nach einer Studie des US-Ökonomen James Hamilton wäre die US-Wirtschaft Anfang 2008 nicht in eine Rezession gerutscht, wenn die Ölmärkte nicht verrückt gespielt hätten und der Preis nicht auf 145 $ pro Barrel geschossen wäre - was sich in diesem Ausmaß nicht ernsthaft als sinnvolles Marktsignal zurechtlegen lässt."
Fricke geht es letztlich darum, die staatliche Hilfe für Opel zu rechtfertigen, denn im folgenden Satz fährt er fort:
"Ist es ökonomisch effizient, wenn unter solchen Extremumständen Unternehmen verschwinden, die sonst zumindest noch eine Chance zur Neuaufstellung hätten? Die Unternehmen kommen ja nicht einfach zurück."
Diese Argumentation pro Staatshilfen für Automobilunternehmen erscheint mir äußerst fragwürdig, da ich von einer (letztendlich) knappheitsbedingten Verteuerung ausgehe. Aber nicht um diesen Aspekt geht es mir hier, sondern darum, wie intensiv (zumindest einige) FTD-Autoren über den Ölpreis nachdenken bzw. die einschlägigen Informationen rezipieren. Fricke kommt noch einmal auf die Hamilton-Studie zurück:
"Hamilton zufolge hätte die US-Regierung das Schlimmste "noch verhindern können, wenn sie in der Frühphase 2008 Öl verkauft und das spekulative Momentum nicht hätte aufkommen lassen"."
Egal, ob der Ölpreisanstieg Anfang/Mitte 2008 rein spekulativer Natur war oder knappheitsbedingt: in jedem Falle sehe ich darin eine Stütze für die in meinem Blott "Finanzmarktkrise, Finanzkrise? Nein: Rohstoffkrise! Notenbanken, Geldpolitik und Konjunkturpakete sind deshalb am Ende" geäußerte Meinung, wonach der Ölpreisanstieg eine wesentliche (Mit-)Ursache der aktuellen Weltwirtschaftskrise II war. Für den Hinweis bin ich dankbar; in meinem zitierten Blott habe ich ihn jetzt etwas detaillierter ausgewertet.

Auch im Handelsblatt vom 12.06.2009 findet sich ein Bericht über den Ölpreisanstieg:
"Rohstoffe. Ölpreis auf Sieben-Monats-Hoch" von Stefan Menzel:
"Der Anstieg des Ölpreises setzt sich fort. Aktuell kostet der Rohstoff mehr als 72 Dollar pro Barrel - so viel wie seit sieben Monaten nicht mehr. Der rasante Anstieg überrascht selbst Experten. Einige sehen den Ölpreis im nächsten Frühjahr schon bei 100 Dollar. Was Anleger und Konsumenten wissen sollten."
Die aktuelle Einschätzung der zukünftigen Preisentwicklung beschreibt der Autor so:
"Die Grenze von 100 Dollar könnte nach Expertenmeinung im Frühjahr 2010 durchbrochen werden. Verantwortlich seien dafür auch die großen weltweit verfügbaren Liquiditätsbestände. Investoren legen ihr Geld in Öl-basierte Finanzprodukte an, weil sie mit einem weiteren Anstieg des Ölpreises rechnen."
Was uns die Frage nahe legt, aus welchem Grund die Investoren (oder richtiger: Spekulanten?) weitere Ölpreisanstiege erwarten: verknappungsbedingt, oder, dank Dollarverfall, inflationsbedingt?


Nachtrag 13.06.09
Eine gewichtige Stimme aus der Praxis bei der Ursachenforschung nach den Gründen der Ölpreisanstiege ist zweifellos diejenige des Chefs einer großen Fluglinie. Ein Interview der Financial Times Deutschland (Jennifer Lachman) vom 10.06.09 mit Wolfgang Mayrhuber, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa AG, u. d. T. "Lufthansa will Schutz vor Ölspekulanten" gibt dessen Sicht der Ölpreisentwicklung wider (meine Hervorhebung):
"Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber gibt Finanzmarktjongleuren eine Mitschuld am erneut steigenden Ölpreis. Er fordert deshalb strengere Regeln, die Spekulationsgeschäften am Kapitalmarkt Einhalt gebieten."


Nachtrag 02.12.2010
Es scheint so, als wolle das Handelsblatt, nach dem Vorbild der FTD, nunmehr ebenfalls mehr opinionated werden. Mag. Dr. Stephan Schulmeister vom Austrian Institute of Economic Research (WIFO) und einst als Gastautor öfter mal in der Frankfurter Rundschau anzutreffen, durfte nun im Handelsblatt vom 26.11.2010 einen Gastkommentar publizieren. Unter der Überschrift "Exportüberschüsse: Deutschland verbrennt sein Vermögen im Ausland"  informiert er die Handelsblatt-Lesergemeinde:
"Fast eine Billion Euro an Vermögen haben deutsche Unternehmen seit 2003 im Ausland angehäuft. Die Hälfte davon hat sich verflüchtigt."







Textstand vom 02.12.2010. Auf meiner Webseite
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Eine Bloggerin macht Pause

Zufällig bin ich gestern über die Ruine des Blogs einer gewissen Martina Kausch gestolpert. Die verkündet, dass sie mal eine Blog-Pause einlegt. Sensationell ist das nicht: das tun vermutlich viele (vermutlich die meisten ohne Ansage).

Es lassen sich auch keine tieferen Erkenntnisse aus ihren Worten schöpfen. Einen Absatz will ich dennoch zitieren, weil er nämlich gut ausdrückt, was auch ich oft empfunden habe (meine Hervorhebungen):

"Sehr viel hatte ich ... in den vergangenen fünf Jahren geschrieben, über 6.000 Texte, mit dem Ergebnis, dass ich mich jetzt "ausgepowert" fühle. Mir fällt einfach nichts mehr ein; mir fehlt inzwischen der Witz und die Frische aus den alten Tagen meines Bloganfangs. Und mein Eindruck ist auch, dass sich die Themen immer wiederholen. Und - das langweilt mich inzwischen wirklich."

Voriges Jahr im September war ich selbst schon so weit, dass ich Pause machen oder zumindest das 'Produktionstempo' reduzieren wollte.
Aber dann riss mich die Wirtschaftskrise - in ihren Strudel? Aus meiner beginnenden Lethargie? [Also hat auch die Weltwirtschaftskrise etwas Gutes (Sie können gern auch denken: etwas Schlechtes) bewirkt ;-).]

Martina Kausch aber bloggt in Wirklichkeit doch weiter, an anderer Stelle.
Nur eins verstehe ich nicht: weshalb jemand gleich seinen ganzen Blog abschaltet, wenn sie mal Pause machen will. Das wirft kein gutes Licht auf die Selbsteinschätzung der Qualität und der gesellschaftlichen Relevanz, ihres Bloggens.
Zumindest der Absicht nach sollten doch Blotts eine über den Tag hinaus gehende Bedeutung haben? Wer über Nacht seine ganzen Texte sperrt, sendet aus meiner Sicht seinen Leserinnen und Lesern eine böse Botschaft: 'Ist alles nicht so ernst zu nehmen, oder nicht so wichtig, was ich bisher geschrieben habe und mit dessen Lektüre ihr bisher eure Zeit verschwendet habt'.
Wenn man ausnahmsweise tatsächlich zu einer solchen Einschätzung gelangt, oder aus welchen Gründen auch immer zu bestimmten früher geäußerten Meinungen nicht mehr stehen mag, sollte man dies m. E. gegenüber den Lesern explizit kommunizieren und begründen. Ansonsten sollte man seine Texte online lassen.




Textstand vom 07.06.2009. Auf meiner Webseite
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Freitag, 5. Juni 2009

Wenn das Kölner Stadtarchiv wieder leuchtet, sind wir Steuerzahler die lebenden Fackeln!

In meinem Blott "Wenn 'Weimar leuchtet', sollten beim Steuerzahler die Alarmglocken aufleuchten" hatte ich die Kosten für den Wiederaufbau der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar und insbesondere für die Restaurierung der bei dem dortigen Brand in Mitleidenschaft gezogenen Druckwerke kritisiert. Die Kostenschätzung belief sich auf 67 Mio. € (da solche Schätzungen erfahrungsgemäß meist zu niedrig sind, muss man wohl mit 100 Mio. Euro rechnen).

Das sind aber beinahe noch Peanuts im Vergleich zu jenen Kosten, welche für den Wiederaufbau des Stadtarchivs in Köln (die Wikipedia bietet einen sehr informativen und umfangreichen Artikel über das "Historische Archiv der Stadt Köln") und für die Restaurierung der dort gelagerten (zum allergrößten Teil geborgenen oder in Kürze noch zu bergenden Dokumente) auf den Steuerzahler zukommen.
In der Financial Times Deutschland (FTD) vom 31.05.2009 berichtet Christoph Driessen u. d. T. "Einsturz des Stadtarchivs. 'Sensationell' viel in Köln geborgen" (meine Hervorhebungen):
"Durchnässt, zerquetscht, zerschnipselt: In diesem Zustand sind viele Stücke aus dem Kölner Stadtarchiv. Wirklich verloren ist allerdings kaum etwas, sagt die Leiterin. Eine bestmögliche Rettung koste allerdings 'einen hohen dreistelligen Millionenbetrag'. .....
85 Prozent des Gesamtbestandes sind mittlerweile geborgen. Die restlichen 15 Prozent liegen in einer Baugrube der U-Bahn im Grundwasser. Die Feuerwehr prüft zurzeit, wie dieses Material am Besten hochgeholt werden kann. "Wir werden das nicht aufgeben", sagte Schmidt-Czaia. "Wir brauchen alles, wir fordern alles." Im übrigen benötige das Archiv vor allem eines: "Geld, Geld, Geld." Es gehe um "einen hohen dreistelligen Millionenbetrag". Der Bund, das Land und die Stadt seien in der Pflicht, vielleicht könne man auch bei der EU Mittel loseisen."


Persönlich interessiere ich mich sehr für Geschichte. Aber irgendwann hört der Spaß auf. Bei Arcandor (Karstadt) ging es ebenfalls um einen hohen dreistelligen Millionenbetrag, doch dort zunächst lediglich um eine Bürgschaft des Staates in dieser Höhe. Die hätte natürlich verloren gewesen sein können. (Nach meiner Einschätzung wäre sie tatsächlich verloren gewesen; deshalb habe ich mich in verschiedenen Blotts (vgl. meinen Täg "Arcandor") vehement gegen eine solche Staatsbürgschaft ausgesprochen. (Inzwischen hat die Bundesregierung die Bürgschaftsgewährung ja abgelehnt; abzuwarten bleibt aber, ob da nicht doch noch Mittel über andere Titel abfließen.)
Viele andere bzw., soweit ich es überschauen kann, sogar eine große Mehrheit der Kommentatoren in den Medien, hatten ebenfalls gegen Staatshilfe für Karstadt gewettert.

Doch was nützt das alles, wenn uns anderswo das Geld wie Dreck aus der Tasche gezogen wird? Lesen die Wirtschafts-Kommentatoren keine eher feuilletonistischen Artikel, oder haben sie Angst, sich als Kulturbanausen zu diskreditieren, wenn sie sich kritisch zu den Restaurierungskosten für die Kölner Archivalien äußern?

Meine diversen Blog-Einträge haben hoffentlich meinen Ruf schon soweit ruiniert, dass ich mittlerweile ganz ungeniert leben bzw. meine Meinung äußern kann. Welche da lautet: was auch immer im Kölner Stadtarchiv aufbewahrt wurde und nun vom Zerfall bedroht ist, wenn es nicht aufwändig konserviert wird: nichts von dem Plunder rechtfertigt es, uns Steuerzahlern das Hemd auszuziehen. (Der übliche Trick des Anzapfens verschiedener Töpfe erinnert mich an ein italienische Sprichwort, demzufolge die Schurken die Elster zu rupfen verstehen, ohne dass sie schreit) .

Es klingt nicht sonderlich gut, wenn jemand beispielsweise auch den (ebenfalls im Kölner Stadtarchiv aubewahrten) Nachlass des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll unter die Kategorie "Plunder" subsumiert und ist natürlich provokativ gemeint.
Trotzdem wird es Zeit dass wir uns Gedanken darüber machen, wieviel an "historischem Gedächtnis" wir uns leisten können - und vor allem, in welcher Form wir solche Informationsspeicher betreiben.
Und speziell im Falle des zusammengekrachten Kölner Archivs müssten wir überlegen, auf welche Weise man freiwillige Gelder zusammenbekommen könnte. Nicht das Kleingeld, wie man es durch Benefizkonzerte (die natürlich eine verdienstvolle Bemühung sind) zusammenkratzen kann. Das große Geld ließe sich zweifellos durch den Verkauf von Dokumenten machen. Preis: Restaurierung plus Digitalisierung plus (oder minus - je nach Wert der Stücke) X. Das Archiv bekommt die digitalisierte Version; die glücklichen Privatbesitzer dürfen sich über Kalbslederurkunden aus dem 12. Jahrhundert freuen. Oder einen Original-Brief vom Literatur-Nobelpreisträger. Aber das wird nicht passieren; die Sammelwut der Archivare ist längst jenseits der bloßen Informationsspeicherung bei eine Vergötzung des Altpapiers angelangt.
Sinngemäß trifft hier, mutatis mutandis, die in meiner Majolika-Linkseite geäußerte Kritik zu:
"Wenn den Museumsleuten wirklich nur die Kultur als solche am Herzen läge, würden sie der Mensch-heit ein "Museo Virtuale Mondiale" einrichten, z. B. auch ein virtuelles Majolika-Museum mit den weltweit schönsten Stücken.
Doch leider hat das Sammeln von Kunst (nicht anders wie sonstiges Sammlertum) auch sehr viel mit dem Besitzinstinkt zu tun. Deshalb sind die Kunst-Fafnire nur dann richtig glücklich, wenn sie einen Tafelaltar in seine einzelnen Tafeln zerlegt auf mehrere Museen verteilt wissen. (Die Kleinen kriegen dann die Predellatäfelchen ab, für die ganz kleinen bleiben vielleicht ein paar Stücke vom Gesprenge übrig.) Und von Zeit zu Zeit führt man das Ganze in einer Ausstellung zusammen, um es dem gaffen-den Volke wie ein Heiltum zu präsentieren.
"



Über denjenigen, der die Hauptschuld am gigantischen Umfang der Archive und Bibliotheken unserer Zeit trägt, einen gewissen "Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg" nämlich, weiß man verdammt wenig, beinahe Nichts.
Das ist ausgesprochen schade; sehr viel bedauerlicher, als der Verlust irgendwelcher Daten aus der Kölner Stadtgeschichte (so interessant sie im einzelnen, z. B. als kultur- oder sozialgeschichtliche Mosaiksteine, auch sein mögen).
Einen Schaden haben wir an unserer Unkenntnis über Gutenberg und die näheren Umstände seiner Erfindung der Druckkunst dennoch nicht genommen. Und würden auch keinen Schaden nehmen, wenn das gesamte Kölner Stadtarchiv von den Rheinfluten ins Meer geschwemmt worden wäre.
Ganz so radikal bin ich nun freilich nicht, dass ich etwa eine Vernichtung der Archivalien fordern würde. Dennoch habe ich den Eindruck, dass in unserer Zeit mitnichten nur die Banker vom Geldwahnsinn befallen sind. Mit dieser Bemerkung will ich aber nicht die Leiterin des Archivs, Frau Bettina Schmidt-Czaia, für ihre Forderungen kritisieren: bei ihr gehört das zum Beruf und ist ein Zeichen für ihr hohes Engagement.

Kritisieren will ich alle jene (also ggf. auch Sie, liebe/r Leser/in), welche als Bürgerinnen und Bürger, als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler derartige Forderungen achselzuckend stillschweigend akzeptieren: da kann man eh' nichts tun, hat man keinen Einfluss drauf, das entscheiden die Politiker. Das müsste nicht sein: wenn wir erstens erkennen würden, an welchen Stellen unsere Gelder überall versickern (nämlich nicht, wie die Meisten glauben, bei den Politikern, die sich vermeintlich "die Taschen vollmachen").
Und wenn wir zweitens uns wehren würden gegen Lobbyisten aller Sparten und gegen Hybris aus allen Richtungen, hätten wir sogar eine reelle Chance.

Unser Wohlstand wird von mindestens drei Seiten in die Zange genommen:

1) Ressourcenverknappung (Ölfördermaximum usw.); das wird wahrscheinlich das größte der Probleme werden.

2) Die Alterung unserer Gesellschaft. Immer weniger Tätige müssen nicht nur für immer mehr Alte sorgen, sondern auch für immer mehr Altes. Das Problem habe ich bereits vor einigen Jahren in meiner Studie "Rentenreich", im Kapitel "Die Alten und das Alte", näher beleuchtet. (Vgl. auch meinen Blott "Renten sichern - Wehrfriedhofsmauer zerfallen lassen!".)

3) Der Klimawandel.

In dieser Situation können wir es uns nicht mehr leisten, unsere knappen ökonomischen Ressourcen nach dem Motto "Wir haben's ja" zu verschwenden.

Aber natürlich haben Sie Recht mit dem, was Sie jetzt denken: 'der verschwendet hier seine Worte', denn:
Die Hunde bellen, die Eselskarawane zieht weiter.


Nachtrag 13.06.09
Manchmal, in seltenen Augenblicken, reflektieren auch die Kulturmenschen die Kosten - die ökonomischen und die sozialen. So zum Beispiel Hanno Rauterberg in einer Passage seines ZEIT-Artikels "Moderne Kunst. Und wir staunen heiter" vom 10.06.2009 über die aktuelle Kunstausstellung "Biennale" in Venedig:
"Ohne das imperialistische Machtstreben Venedigs gäbe es nicht das, was wir heute als Schönheit bewundern, nicht die Architektur, nicht die Gemälde. Und heute? Welchen Preis zahlt unsere Gegenwart für die Kunst? Welchen ausbeuterischen Verhältnissen verdanken wir den Luxus einer Biennale?"




Textstand vom 13.06.2009. Auf meiner Webseite
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Betrachtungen beim Betrachten von Wohlstands-Müll: Das Vaterunser unserer späteren Jahre oder das Post-Peak-Oil-Paternoster

Wohlstand unser,
Der du uns brachtest den Himmel,
Geheiligt haben wir deinen Namen,
Und hielten dein Reich für ewig gekommen.
Unseren Willen glaubten wir geschehen,
Zumindest in weiten Teilen der Erde.
Unser tägliches Brot gabst du uns regelmäßig,
Und vergabst uns lange unsere Umweltsünden -
Während wir vergaben unbegrenzt Baugebiete.
Deiner Versuchung erlagen wir ständig,
Weil du uns erlöst hattest von zahlreichen Übeln.
Du machtest uns reich,
Gabst uns Kraft und die Herrlichkeit.
Doch leider nicht in Ewigkeit.
Amen!

Mittwoch, 3. Juni 2009

Horst Seehofer: skrupellosester, verlogenster Populist und Politiker in Deutschland. In Bayern gibt's kein Opel-Werk, wohl aber Karstadt-Kaufhäuser

Horst Schlangenzunge ist gemeingefährlich. Das Gemeinwohl ist Horst Spaltzunge schnurzegal: der ist ausschließlich an seiner Macht und der Macht seiner Partei interessiert: Die Regierung ist für Horst Giftzunge eine Playstation in der es ausschließlich darum geht, sich am Joystick der Macht festzukrallen.

Deutlich wird das nicht nur an Horst Seehofers verlogenen Forderungen nach Steuersenkungen, sondern aktuell auch an seinen unterschiedlichen Stellungnahmen zu den (ohnehin problematischen) Rettungsaktionen der Regierung für Opel einerseits und Arcandor (Karstadt) andererseits.


Bei Opel mimt der Lügenbold Sorge um den Staatshaushalt. Dazu berichtet der Handelsblatt-Artikel "Politische Konsequenzen. Opel-Rettung nimmt letzte Hürde" vom 31.05.2009 so:
"CSU-Chef Horst Seehofer hat sich hinter die Verhandlungsführung des Wirtschaftsministers gestellt. Guttenberg habe „mit seiner skeptischen Haltung zu dem, was bei Opel in den letzten Tagen gelaufen ist, die volle Unterstützung der CSU“, sagte Seehofer am Samstag beim Bezirksparteitag der CSU Niederbayern in Ötzing. Aus CSU-Kreisen hieß es ergänzend, Guttenbergs Verhalten sei von großem Verantwortungsbewusstsein und Geradlinigkeit geprägt gewesen. Seine klare ordnungspolitische Position komme in der Partei an."
Logisch: auch in Bayern gibt es zwar Opel-Händler, aber keine Opel-Werke und folglich auch allenfalls wenige verärgerte Opel-Werker, deren Verärgerung die CSU Stimmen kosten könnte. Da kann sich der Horst Seehofer als überzeugter Marktwirtschaftler positionieren.



Bei Arcandor / Karstadt dagegen, wo das Hilfeersuchen ordnungspolitisch aus den verschiedensten Gründen sogar noch problematischer ist als bei Opel, bläst er die Backen auf bzw. bläst zum Angriff auf die Steuergelder. So informiert Dietmar Neuerer im Handelsblatt vom 03.06.09 u. d. T. "Staatshilfe. Arcandor: Steinmeier contra zu Guttenberg":
"Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer zeigte sich empört über die Position der EU-Kommission. "Wir müssen den Erhalt von Arbeitsplätzen und den Einsatz von Steuergeldern gleichermaßen im Auge behalten. Da habe ich überhaupt kein Verständnis, wenn die Kommission von vornherein die Türen zuschlagen will", sagte Seehofer. "Wir müssen alle Optionen vorbehaltlos und sorgfältig prüfen."
Der Grund ist klar: Karstadt-Kaufhäuser dürfte es in Bayern einige geben; deren Beschäftigte brauchen die Sozial-Christen als Stimmvieh.


Weitere Handelsblatt-Artikel i. S. Karstadt-Rettung:

"Kauf- und Warenhäuser. Welche Zukunft Karstadt & Co haben" vom 3.6.09
"Insolvenz. Zu Guttenberg macht Arcandor kaum Hoffnung" vom 3.6.09
"Leitartikel. Arcandor: Die letzte Liberale" von Bernd Ziesemer. (Der Titel bezieht sich auf Neelie Kroes, die Wettbewerbskommissarin der Europäischen Union.)
"Wie gut, dass es Neelie Kroes gibt! Das denken offenbar auch Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister können sich nun hinter dem schmalen Rücken der Kommissarin verstecken. Beide suchen seit Wochen nach einem Königsweg aus einem so typischen Dilemma der Berliner Politik: Auf der einen Seite waren Merkel und zu Guttenberg von Anfang an davon überzeugt, dass nach einer sachlich nicht zu rechtfertigenden Bürgschaft für Arcandor alle Dämme brechen und die letzten Reste an wirtschaftspolitischer Stetigkeit und haushaltspolitischer Vernunft hinweggespült würden. Andererseits fürchtet vor allem Angela Merkel, die Meisterin der misstrauischen Vorsicht, eine große sozialpolitische Angriffsfläche im Bundestagswahlkampf."
Ja, Engel sind sie alle nicht: Angela Merkel nicht und am Ende, wenn es hart auf hart kommt, oder wenn Bayerische Interessen auf dem Spiel stehen, wahrscheinlich auch nicht der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg. Nur dass Horst Seehofer sein infames Spiel mit den Wählern bzw. Steuerzahlern noch zynischer und ohne erkennbare Gewissensbisse betreibt als die anderen Politiker.
"Beihilfen. „Arcandor versucht Erpressung“", ebenfalls 3.6.09
"Staatshilfe. Schickedanz und Oppenheim helfen Arcandor", auch vom 3.6.09
und zahlreiche weitere Berichte.




In diesem Zusammenhang möchte ich aber auch zu dem Kommentar "Der Schmu mit den Steuersenkungen" von Andreas Theyssen in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 26.05.09 verlinken, der an Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt:
"... Hand aufs Herz: Glauben Sie noch, was Ihnen CDU, CSU und FDP gerade im Wahlkampf versprechen? Steuersenkungen nach der Bundestagswahl preisen die drei Parteien an, vorausgesetzt, die alles lähmende Große Koalition existiert dann nicht mehr.
Sie glauben es nicht? Herzlichen Glückwunsch, dann gehören Sie zu einer Minderheit im Land (oder Sie sind ein schlechter Lügner). Denn obwohl uns Konservative und Liberale seit Wochen beim Thema Steuersenkungen verschaukeln, bleiben die Umfragewerte ihrer Parteien stabil. Die SPD hingegen, die sich gegen diese Spielart politischer Steuerverkürzung ausspricht, verliert in den Umfragen. Will heißen: Die Mehrheit der Deutschen glaubt den schwarz-gelben Heilsversprechen.
... das, was wir jetzt in Kurzarbeitergeld, Heidelberger Druckmaschinen oder Hypo Real Estate stecken, werden wir auf jeden Fall zurückzahlen müssen. Diese Milliardenausgaben plus Steuersenkungen - das ist eine Kombination, die partout nicht funktionieren kann.
Sind Angela Merkel, Horst Seehofer und Guido Westerwelle zu blöd, um das zu kapieren? Sie sind es nicht. Am besten erkennt man dies daran, wie die Kanzlerin und der CSU-Chef herumeiern, wenn es um die Frage geht, wann genau denn die Steuersenkungen kommen. ...
Blöd sind sie nicht, die schwarzen und gelben Parteivorsteher. Aber sie halten uns für blöd. Denn je länger sie über Steuersenkungen schwadronieren, desto mehr verfestigt sich bei uns nicht so genau hinhörenden Wählern der Eindruck: Union und FDP, die wollen uns weniger von unserem hart erarbeiteten Geld wegnehmen; die müssen wir wählen.
"
Theyssen mag es nicht aussprechen, obwohl es aus seinen Ausführungen klar hervorgeht: nicht wenige Wähler lassen sich tatsächlich von solchen haltlosen Versprechungen blenden. Mit anderen Worten: die Politiker halten diese Wähler nicht nur für blöd: diese Wähler sind tatsächlich blind!


Verhindern wir eine Berlusconi-sierung der deutschen Politik vom deutschen Süden her! Wir brauchen keine Demagogen, und erst Recht keinen aus Bayern. Damit hat Deutschland bereits einmal schlechte Erfahrungen gemacht. [Ebenso wenig wie den standortlosen bayerischen Demagogen braucht unser Land natürlich den kleinen Möchtegern-Napoleon aus dem Saarland.]


Nachtrag 5.6.09
Bei der Rückverfolgung eines Suchzugriffs finde ich eine ganze Menge Google-Treffer zu Seehofer Lügner.


Nachtrag 07.06.09
Daran hatte ich gar nicht gedacht, dass ja das Versandhaus und Arcandor-Tochter Quelle in Nürnberg sitzt. Doch Claudia Kade weiß es und bestätigt meine Einschätzung der rein wahlkampforientierten politischen Strategie Seehofers in ihrem heutigen FTD-Artikel (Financial Times Deutschland) "Arcandor-Dilemma. Einsam, einsamer, Guttenberg" (Hervorhebungen von mir):
"Jetzt aber [das "aber" bezeichnet den oben auch von mir aufgezeigten Gegensatz zu Seehofers Position in Sachen des Automobilbauers Opel] geht Guttenberg daheim in Bayern sogar der eigene Parteichef von der Fahne. Und zwar bloß, weil der bisherige Vorzeigeminister weiter hart bleiben will - nur diesmal im Fall des angeschlagenen Handelskonzerns Arcandor, der mit seiner Versandtochter Quelle in Nürnberg tausende Arbeitsplätze stellt.
"Wir müssen den Erhalt von Arbeitsplätzen und den Einsatz von Steuergeldern gleichermaßen im Auge behalten", erklärt CSU-Chef Horst Seehofer in München, während in Nürnberg die Arcandor-Beschäftigten auf die Straße gehen. Und dann durchkreuzt der bayerische Ministerpräsident auch noch Guttenbergs Strategie, die EU-Kommission in Brüssel als Hüterin der Ordnungspolitik in Deutschland einzuschalten - und so das Ringen um Staatshilfen für Arcandor elegant von Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes mit einem klaren "Nein" beenden zu lassen.
Seehofer poltert lautstark gegen die Absage der EU-Kommission und geht damit auf Distanz zu Guttenberg. Der Landesvater will nicht zusehen, wie Brüssel über die Arbeitsplätze in seinem Bayern entscheidet - und schon gar nicht wenige Tage vor der Europawahl. "Das wäre total kontraproduktiv", heißt es in der CSU-Spitze.
"

Auch im Handelsblatt hat man es gemerkt. " 'Interessenkonflikte wachsen.' Zu Guttenberg: Die Emanzipation des Zöglings" beobachten dort am 05.06.09 Daniel Goffart und Peter Müller (meine Hervorhebungen):
"... mit dem Hochgelobten [Guttenberg] droht Horst Seehofer jetzt ein handfester Konflikt. ... War Opel schwierig, ist die Lösung bei Arcandor noch komplizierter, zumindest für zu Guttenberg persönlich. Folgt er auch hier seiner ordnungspolitischen Überzeugung, kann er es seinem politischen Ziehvater in München kaum mehr recht machen.
Wirtschaftspolitisch liegt der Fall klarer als bei Opel. Arcandor ist ein Paradebeispiel für ein Unternehmen, das bereits vor der Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten steckte, sich jetzt also nicht für staatliche Hilfen aus dem Deutschlandfonds qualifiziert. Andererseits hat die Arcandor-Tochter Quelle ihren Sitz in Fürth, so dass im Gegensatz zu Opel bayerische Interessen direkt betroffen sind. Auch im Freistaat ist Wahlkampf. Und Insolvenz ist kein gutes Wort für den Wahlkampf.
Ein Stück weit spürt das zu Guttenberg schon am Mittwoch, als er das Veto der EU-Kommission in Sachen Staatshilfe als Vorentscheidung für Deutschland wertete. Nichts da, schallte es aus München. Am Abend, im Wahlkampf vor der Jakobskirche in Nürnberg, legt Seehofer nach. Staatshilfen für Arcandor müssten genauso sorgfältig geprüft werden wie bei Opel - EU hin oder her
."

Aber das Handelsblatt liebt nun einmal die Bürgerlichen, selbst wenn sie verlogen sind wie Horst Seehofer. Schon früher hatte ich beschrieben ("Twingly als teuflische Versuchung: Intellektuelle Jingle Mail von mir zum Handelsblatt?"), dass das Handelsblatt Blogger, welche sich auf seine Artikel beziehen, jetzt mit einem Rücklink belohnt (und sich selbst durch die Steigerung seiner "Linkpopularität" von einer häufigeren Verlinkung in Blogs einen höheren Rank in den Suchmaschinen erhofft).
Das klappt auch ganz gut (wovon Sie sich überzeugen können, indem Sie die o. a. Links zu Handelsblatt-Artikel i. S. Arcandor anklicken).
Nur bei dem schon oben verlinkten "Leitartikel. Gut, dass es Neelie Kroes gibt!" vom Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer ist, momentan jedenfalls, der Hinweis auf meinen Blog-Eintrag verschwunden. Dass das nicht etwa durch einen technischen Fehler geschehen sein kann weiß ich deshalb, weil ich in meiner Statistik einen (einzigen) Zugriff vom Ziesemer-Kommentar zu meinem Blott hatte (von anderen verlinkten Handelsblatt-Artikeln kamen und kommen gelegentlich noch immer mehrere Zugriffe). Daraufhin habe ich wiederum den Kommentar angeklickt und festgestellt, dass der Link zu meinem Blott verschwunden war.
Es liegt mir fern, hier großartig aufzuheulen und "Zensur" zu schreien. Schließlich muss es das Handelsblatt oder dessen Chefredakteur ja nicht hinnehmen, gewissermaßen unfreiwillig Werbung für eine Position zu machen, die denen (und wohl ganz spezifisch dem bürgerlichen Illusionisten Ziesemer) unsympathisch ist - zumal wenn sie mit einer derart drastischen Wortwahl vorgetragen wird wie bei mir.
Ich registriere es nur, interessiert, amüsiert. Und informiere meine Leserinnen und Leser über diesen Sachverhalt, auf dass sie sich ein wie auch immer geartetes eigenes Urteil bilden mögen.


Nachtrag 12.06.09
Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (dem ich seine früheres Wahlkampfgerede über "Kinder statt Inder" nach wie vor verübele), ist relativ zurückhaltend wenn man bedenkt, dass es nicht nur auch in NRW eine Reihe von Karstadt-Kaufhäuser geben dürfte, sondern vor allem dass dort, in Essen, die Konzernzentrale sitzt. Dass er Staatshilfe nicht von vornherein ablehnt, ist politisch nicht überraschend; jedoch äußerst er sich (anders als bei seinem Kampf um die Erhaltung der Opel-Fabrik in Bochum) deutlich zurückhaltender:
"NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers dagegen hatte Hilfen für Arcandor nicht ausgeschlossen. "Wenn es für Karstadt eine Zukunft in der Deutschen Warenhaus AG gibt, kann es sinnvoll sein, dass der Staat dem Konzern über vorübergehende Schwierigkeiten hinweg hilft", hatte Rüttgers in der vergangenen Woche gesagt. Gestern kündigte er an, wie im Fall Opel Expertenwissen zu einer möglichen Staatsbürgschaft einzuholen" berichten THORSTEN BREITKOPF UND ALEXANDER VON GERSDORFF u. d. T. "Land streitet über Arcandor-Hilfe" auf RP Online vom 03.06.2009.
Dafür steckt Rüttgers prompt Prügel der LINKEN ein:
Pressemitteilung, 28. Mai 2009 von: MdB Ulla Lötzer
"Rüttgers fällt Arcandor-Beschäftigten in den Rücken. „Offenkundig hat NRW- Ministerpräsident Jürgen Rüttgers die Beschäftigten von Arcandor und Karstadt bereits aufgegeben, “ kritisiert die Bundestagsabgeordnete Ulla Lötzer, Obfrau der Fraktion Die LINKE im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie:„Mit seiner heute in der Bild – Zeitung zitierten Forderung nach einer Zusammenführung ‚von Kaufhof und Arcandor mit massiven Restrukturierungen’ redet er Massenentlassungen das Wort."


Nachtrag 22.11.2009:
Wo er Recht hat, gebe ich selbstverständlich auch Horst Seehofer Recht: bei seiner Kritik des Länderfinanzausgleichs. "Solidarsysteme. Bayern stellt Länderfinanzausgleich infrage" berichtet die Zeit vom 21.11.2009:
"Ministerpräsident Seehofer will gemeinsam mit finanzstarken Bundesländern gegen den Solidarausgleich vorgehen. Kritiker warnen vor neuen Mauern durch Deutschland.
"Solidarität und Eigenverantwortung müssen eine gesunde Balance halten", sagte er der Bild am Sonntag. "Diese Balance ist beim Länderfinanzausgleich in Gefahr. ...
Seehofer erläuterte, ab 2009 werde es mit Bayern, Hessen und Baden-Württemberg nur noch drei Geberländer geben. Diese überwiesen voraussichtlich sieben Milliarden Euro an die übrigen Länder. "Davon schultert Bayern mit weit über drei Milliarden Euro den Löwenanteil – fast ein Zehntel des bayerischen Haushalts"... .
..... "Ist es wirklich richtig, dass in so hohem Maße der Finanzunterschied zwischen den Ländern ausgeglichen wird?", fragte er und zweifelte auch daran, ob es richtig sei, wenn ein Land fast jeden zehnten Euro aus seinem Haushalt abgeben müsse. ...
Verärgert zeigte sich Seehofer über die Verwendung der Mittel: "Einige Nehmerländer im Finanzausgleich leisten sich trotz klammer Kassen eine Reihe staatlicher Wohltaten, die es in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg so nicht gibt – vom kostenfreien Kindergartenjahr bis zum Verzicht auf Studiengebühren.
"
Natürlich wird man den Bayern jetzt auch wieder vorwerfen, dass sie ja früher selbst vom Länderfinanzausgleich profitiert haben und diesen aus egoistischen Motiven abschaffen wollen. Aber darauf kommt es nicht an; entscheidend ist, dass automatische Ausgleiche immer demotivierend auf eigene Bemühungen wirken und, wie Seehofer zu Recht kritisiert, den Empfängerländern politische Wohltaten auf Kosten anderer (Bundesländer bzw. deren Steuerzahlern) ermöglichen.
Daher bin ich der Meinung, dass der Länderfinanzausgleich (und ebenfalls ergänzende Mittel des Bundes mit der gleichen Ausgleichsfunktion) sukzessive abgeschmolzen werden sollten und zwar so, dass eine Schwankungbreite zwischen 80 und 120% der durchschnittlichen Steuereinnahmen zu tolerieren ist.
Ceterum censeo, dass die Kleinstaaten, und nicht nur die ganz kleinen, abgeschafft gehören: ca. 5 Bundesstaaten sind völlig genug, etwa in folgender Gliederung (ggf. mit zweckmäßigen Arrondierungen gegenüber dem aktuellen Gebietsstand):
- Baden-Württemberg
- Bayern
- Berlin + Brandenburg + Mecklenburg-Vorpommern + Sachsen-Anhalt
- Hessen + Rheinland-Pfalz + Saarland
- Niedersachsen + Schleswig-Holstein + Hamburg + Bremen


Nachtrag 18.12.09
Horst Seehofer ist ein spendabler Weihnachtsmann - für die Hotelbesitzer. Das Handelsblatt berichtete am 25.11.2009: "Seehofer droht mit Blockade": "Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat eine Zustimmung seines Landes zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz ohne einen ermäßigten Satz bei der Mehrwertsteuer für die Hotellerie im Bundesrat kategorisch ausgeschlossen."





Textstand vom 18.12.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Zu einem „Permalink“, d. h. zu einem Link nur zum jeweiligen Artikel, gelangen
Sie mit einem Klick auf das Erstellungsdatum unterhalb des jeweiligen Eintrages.
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

Montag, 1. Juni 2009

Frankfurt am Main: Drinnen Moderne Kunst (Sarah Morris), draußen Aktionskünstler (Internationales Deutsches Turnfest 2009)

Für den Pfingstsamstag stand die Alternative Mainz oder Frankfurt am Main offen. In Mainz hätten wir - nach einer Woche mit mildem Wetter und Sonnenschein - auf unserem geliebten Wochenmarkt wahrscheinlich preisgünstig Spargel bekommen. In Frankfurt gab es Kunstausstellungen, z. B. in Museum für Moderne Kunst die "Gemini Dressage" (was immer das sein mag) der in New York und London lebenden britisch-amerikanischen Künstlerin Sarah Morris (zahlreiche Bilder hier bei der Gallery Friedrich Petzel).