Freitag, 28. Dezember 2007

Weihnachten, Weihnachtsfest, Weihnachtsschmuck - Wächtersbach

Sie kennen das vielleicht auch: man kauft etwas, weil man es "unbedingt" braucht (und vielleich auch, weil es gerade günstig zu haben ist): dann wandert es in den Schrank und da liegt es lange gut.

Indes entschloss ich mich, das Kamerastativ nun doch einmal zum Einsatz zu bringen. Täuschten wir uns oder waren in diesem Jahr weniger Häuser und Gärten mit weihnachtlichen Lichterdekorationen geschmückt?
Jedenfalls kann es nicht schaden, einige besonders schöne Exemplare auf der Festplatte zu bannen.

Sonntag, 23. Dezember 2007

Über Kettenreaktionen in die Kindheit

Nicht nur meine: beim derzeitigen Katalogisieren meiner Buchbestände fiel mir wieder Fabrizia Ramondinos autobiographischer (s. dazu den Rezensionstitel: "Tra romanzo e autobiografia") Roman "Althénopis. Kosmos einer Kindheit" in die Hände. Althénopis steht für Neapel ; der größte Teil des Romans spielt allerdings außerhalb (mehr als die 1. Hälfte in Santa Maria del Mare bei Massa Lubrense (Sorrento). Jedenfalls hatte ich mir notiert: "Ein schönes, entspannendes Werk, obwohl die Lektüre durch die langen (aber beruhigenden) Sätze eine gewisse Konzentration erfordert."
[Zur Autorin (sowie kurz auch zu diesem Buch) vgl. den schönen Artikel "Ein neapolitanisches Familienlexikon. Zu Besuch bei Fabrizia Ramondino" in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 15.08.2005.]

Der erste Absatz ist indes eine Digression, denn eigentlich wollte ich über den Bielefelder Jahnplatztunnel berichten.
Ein alter Jugendfreund hatte mir berichtet, dass der Jahnplatztunnel (der es auch schon zur Ehre eines Wikipedia-Eintrags -mit einem mehrfach vergrößerbaren Foto- gebracht hat) seit nunmehr 50 Jahren besteht.
Nicht mehr sehr deutlich, aber immerhin noch, erinnert mich das an meine Initiation im Tunnel. Keine Initiation in Sachen Sex, nicht einmal in Drogen. Sondern meine erste Fahrt auf einer Rolltreppe. Vielleicht war es genau diejenige, welche in dem Aufsatz "19. Juli 1957: Der Jahnplatztunnel wird der Öffentlichkeit übergeben" von von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, (klein) abgebildet ist?
Da hatte ich doch etwas Angst, meinen wertvollen Körper auf dieses wackelige Ding zu bewegen. Und hangele mich nun am dornigen Rosenkranz meiner Assoziationsketten weiter: über Jahnplatz / Turnvater Jahn zum Geräteturnen, wo ich an Reck und Barren auch immer ziemliche Angst hatte.
Vielleicht hätte ich sie überwunden, aber außer meiner Furcht gab es noch einen ganz banalen Grund, der mich an energischeren Reckschwüngen und Barrensprüngen hinderte.
Und nun wird meine Story doch noch ein wenig sexy.
Es geht nämlich um meine Unterhosen, welche sämtlich so geschnitten waren, dass da jederzeit was rauskommen konnte, was Mann, jedenfalls in der Öffentlichkeit, besser in der Hose drin behält. Und davor hatte ich eben auch Angst.
So hat also der Schnitt meiner Unterhosen mein Leben in mancher Hinsicht vielleicht wesentlich beschnitten.
Und die Moral von der Geschicht? Mütter, kauft euren Kindern anständige Unterhosen! (Freilich würden heutzutage die Kids sicher den Mund aufmachen.)

Der zweite Absatz war indes eine Abschweifung, die meine Leser, ebenso wie der erste, wenig interessieren wird. Denn wenn ich Sie richtig einschätze, sind Sie auf der Suche nach ernsthaften Informationen, z. B. über große Politik und so.

Und genau das war es ja auch, worüber ich eigentlich hatte berichten wollen und worüber ich Ihnen nun endlich im fünften Absatz passim doch noch brandheiße Informationen (wiederum aufgrund von Hinweisen eines örtlichen Gewährsmannes, in diesem Falle eines alten Klassenkameraden und Freundes vom Ratsgymnasium) liefern kann.

Googeln Sie mal nach ""jürgen heinrich" freistaat ostwestfalen-lippe". Was bekommen Sie? Fünf Treffer, aber davon sagt Ihnen nur einer die sensationelle Wahrheit - und die ist auch noch passwortgeschützt! (Oder doch nicht? Scheint so, dass man über meinen Direktlink durchkommt; dafür musste ich mich aber anmelden, um zum Artikel vorzudringen.) Jedenfalls: In Ostwestfalen-Lippe sind Separatisten am Werk! Kein Witz: Jürgen Heinrich, Koordinator in der OWL-Marketing GmbH, will die ganze Gegend von Nordrhein-Westfalen abspalten und ein eigenes Bundesland draus machen! Also: abspalten wäre ja okay, aber Bundesland ist mir einfach zu wenig. Schließlich möchte ich ja Wächtersbacher Honorarkonsul werden, und das geht nur, wenn OWL sich gänzlich von Restdeutschland separiert. (Sie kennen Wächtersbach nicht? Dabei habe ich schon wiederholt darauf hingewiesen, dass der Ort an der Bahnstrecke Moskau - Warschau - Berlin - Paris - Madrid liegt, etwa in der Mitte zwischen Berlin und Paris! Ganz Südhessen und Nordbayern könnte man von hier aus konsularisch optimal betreuen; nebenbei würde ich natürlich auch die Touristenwerbung übernehmen, für die ich mich ja schon früher bewaffnet hatte hatte.)

Aber ach: die Separatistenbewegung, gerade erst entstanden, ist schon gespalten. Literaten sind natürlich immer die Ersten, wenn es ums Spalten geht: da hat man so schön was zum Schreiben drüber. Mischael-Sarim Verollet, Slam-Poet [häh? Was'n das? Also jedenfalls Poet! Demnach wäre der Grand-Slam-Boris in Wirklichkeit ein Dichter? (Das ist ein Substantiv; darüber ob das Adjektiv zum Komparativ "dichter" auf den Becker überhaupt anwendbar ist, kann man wahrscheinlich unterschiedlicher Meinung sein.] aus Bielefeld, hatte bereits (bereits -kurz- vor Heinrich) den "Freistaat Ostwestfalen" ausgerufen (am 06.12.2007 war das übrigens: Das Datum sollten Sie sich vielleicht mal notieren, falls Sie große geschichtliche Daten sammeln!). Aber ach, der Verollet will doch tatsächlich die Gegend balkanisieren: die Lipper will er draußen lassen! Die Politik, vor allem die Lipper, sollte(n) diese Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn den namengebenden Symbolen des Sparrenblog per Definitionem eine gewisse Schrägheit inhärent ist.
"Hauptstadt wäre – natürlich – Bielefeld, die Spaltung von Lippe Ehrensache und die Wiedereinführung des Schlagbaums am Ende der Kafkastraße in Altenhagen die erste Amtshandlung des neuen Maximo Liders, Pit Clausen I. Lippe würde grundsätzlich verboten und der Velmerstot eingeebnet werden, frei nach dem 1. Gebot: „Du sollst keinen Berg haben neben dem Sparrenberg!“ Am Nationalfeiertag müsste jeder Ostwestfale bei Norbert in der Zwiebel mit Bielefelder Luft anstoßen – wer nicht mehr reinkäme müsse den Feierlichkeiten via Großbildleinwand auf dem Jahnplatz beiwohnen und dazu die beste Currywurst an der B66 verzehren. Minden würde unser wichtigster Handelshafen im Norden, Paderborn endlich säkularisiert und der große Weserbogen zum offiziellen Bielefelder Naherholungsgebiet gekürt werden; die Linie 2 Richtung Milse führe bis dahin durch und hielte natürlich nicht in Brake. Es gäbe Vollbeschäftigung – schließlich sollte die Mauer an der Grenze zu Lippe im Gegensatz zur chinesischen tatsächlich aus dem All zu sehen sein, das erforderte mannigfache Hilfe" schreibt Verollet.
Nein, da muss ich protestieren! Bei aller Liebe zu meiner Heimatstadt Bielefeld: Lippe liebe ich auch. Und Hauptstadt muss Detmold werden. Schließlich habe ich dort (im heutigen Ortsteil Berlebeck) nicht nur erlebnisreiche Urlaube verbracht, nein: Detmold hat sogar ein Landesmuseum. Das weiß ich ganz genau; da bin ich nämlich schon mal drin gewesen. Mumien hat es da, so eingewickelte Skelette aus dem alten Ägypten. Und dann gab es da ein junges Pärchen, die haben gar nicht hingeguckt: geknutscht hamse, mittenmang zwischen dene Mumien! Ähem ... lassen wir das.
Und mit dem Mauerbau wäre ich schon deshalb vorsichtig, weil dann den Ostwestfalen (die ohnehin ihren letzten großen Helden schon vor vielen Jahren in Enger begraben mussten) im Jahre 2010 der Zutritt zur "Kulturhauptstadt Lippe" verwehrt wäre.

Außerdem war Willy Linnemann, als Mann von Tante Klara (die mit den Margarinefigürchen) mein "Onkel Willy", ein Lipper. Das jedenfalls haben die Verwandten immer gesagt, wenn sie sich über ihn unterhalten haben: "Ein richtiger Lipper ist das", haben die gesagt.
Gemeint haben sie allerdings, dass er ein Schotte wäre. War ja auch nicht leicht, das Leben für einen Schneidermeister in der Zeit der sich immer weiter verbreitenden Konfektionskleidung. Ich kann mich noch dunkel an eine Debatte daheim darüber erinnern, ob mein Vater seinen neuen Anzug nun "von der Stange" kaufen, oder den Schwestermann unterstützen müsste. (Ich glaube, er hat seinen Anzug - das mag in den 50er Jahren gewesen sein, dann doch bei Onkel Willy fertigen lassen. Ein Proletarier im Maßanzug: damals gab es sowas noch. Könnte ich mir heute gar nicht leisten.) Onkel Willy war aber wohl nicht immer ein lippischer Schotte gewesen, denn er hütete von Reisen, die er in der Vorkriegszeit gemacht hatte, einen großen Schatz an Landkarten und Reisebroschüren. Den hat er mir einmal gezeigt, und ob mich dadurch das Fernweh gepackt hat, oder ob das nur ein phylogenetisch perpetuiertes Syndrom aus der Völkerwanderungszeit ist, das später bei mir (genau wie bei zahllosen anderen reiselustigen Germanen) ontogenetisch durchschlug, das weiß ich so genau nicht mehr.

Nach reiflicherer Überlegung: Vielleicht sollte es doch nicht Detmold sein, das mit der Hauptstadt des neuen Staates Ostwestfalen-Lippe bedacht wird, zumal zumindest die Bielefelder bei den Detmoldern ein defizitäres Politikverständnis festgestellt haben.
Exemplifiziert wurde das in meiner Jugend immer an folgender Geschichte:
1848 rotteten sich die Bewohner der Hauptstadt von Lippe-Detmold zusammen und zogen vor das dortige Schloss. "Fürst, wir wollen Revolution!" verlangte der intransigente Pöbel. Der furchtlose Fürst kam raus aus seinem Bau. Mit mephistophelischem Grinsen sprach er: "So, so, liebe Landeskinder, Revolution wollt Ihr? Ja, also, Revolution - was ist denn das?". Darauf antwortete der Chor (Goethe hätte wahrscheinlich, wie einst in Malcesine, geglaubt, "das Chor der Vögel vor mir zu sehen, das ich als Treufreund auf dem Ettersburger Theater oft zum besten gehabt") der Landstadtbewohner: "Fürst, was Revolution ist, das wissen wir nicht. Aber die Bielefelder haben auch eine!".

Lemgo wäre eine wirklich würdige Hauptstadt eines freien Staates Ostwestfalen-Lippe. Früher, so ungefähr zu jener Zeit, als die Bielefelder noch zitternd auf ihren oder um ihre Bleichen bibberten, haben die Lemgoer schon tapfer die feindliche Hexerei bekämpft.
Und Engelbert Kämpfer durchforschte als frühneuzeitlicher Ethnologe Japan (hier mehr, da auch etwas), als die Bielefelder Leinenhöker noch mit 'ner Kiepe [das Bild ist durch Anklicken vergrößerbar] per pedes durch den glühendheißen Sennesand stapften.

Weil der Kaempfer damals nach Japan gekommen ist, kommen die Japaner heute nach Lemgo - um sich das Junkerhaus anzuschauen. Irgendwie logisch, gelle, aber ob diese Schriftzeichen hier japanisch sind, dafür würde ich vorsichtshalber die Hand aus dem Feuer raushalten. (Wem die Bilder auf der "wolfrosch"-Seite nicht ausreichen, findet z. B. hier bei der "fotocommunity", da bei "flickr" und dort bei "Picasa" weitere.)

Bereits im 18. Jahrhundert sind in Lemgo sogar "Lippische Intelligenzblätter" erschienen (in Detmold natürlich nicht). Und dort, Dichter spitzt die Ohren, erschien auch ein 47bändiges Lexikon "Das gelehrte Teutschland oder Lexikon der jetzt lebenden teutschen Schriftsteller": wer da in einer Neuauflage drin stehen will, lasse Lippe lieber bei uns (Ostwestfalen)!

Und heute kommt noch oder wieder Intelligenz nach und aus Lemgo.

Um aber auf die Hexenverfolgung zurück zu kommen: also die Karin B. aus Bösingfeld hatte das Glück, dass sie nicht zu Zeiten des Hexenbürgermeisters gelebt hat und somit nicht an diesen, sondern an mich geraten ist. Wenn ich so an jene alten Zeiten zurück denke würde ich sagen, dass Johann Jakob Wilhelm Heinse seinen Roman "Ardinghello und die glückseligen Inseln" (1787) nicht zufällig in Lemgo publiziert hat. Der Zusammenhang erschließt sich Ihnen nicht und auch nicht, was meine Kapitalen-Präferenz mit Karin zu tun haben könnte?
Ähem ... lassen wir das; Karin entschwebte mir irgendwann in Wuppertal und ich habe mich, not to my regret, letztendlich transatlantisch orientiert.

So, Junge: der Sauerstoff deines Gehirntanks ist nun leer; besser, du tauchst jetzt wieder auf aus der Vergangenheit! Il lavoro è finito, für heute ist die Erinnerungsarbeit abgeschlossen.


Textstand vom 25.12.2007. Auf meiner Webseite
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Montag, 10. Dezember 2007

Alles wird teurer - nur die Nordmanntanne nicht

Am 2. Adventswochenende kam er zu uns ins Haus, der Weihnachtsbaum. Nicht auf eigenen Füßen natürlich, sondern auf dem Rücken des Blogmeisters, welcher sich zu diesem Zwecke mit einer Parka-Schutzausrüstung verkleidet und die zum Schutz der (wenigen verbliebenen) Haare die Kapuze über den Kopf gezogen hatte.

Einen weiten Weg hatte der Baum bereits hinter sich. Zwar weiß ich nicht, aus welcher Gegend oder welchem Land (Dänemark?) er nach Gelnhausen in die OBI-Filiale gelangte. Aber von dort im "Galgenfeld" zieht sich der Weg zum Gelnhäuser Bahnhof auch ganz schön - wenn man einen Baum geschultert hat. (Da war ja das MG, damals, vor über 40 Jahren, beinahe noch leicht gewesen.) Und vom Wächtersbacher Bahnhof heim ist auch noch eine Strecke zu bewältigen.

Schnell nadelnde Fichten sind uns ein Graus und kommen nicht in unser Haus (werden die heute überhaupt noch verkauft?).
Die Präferenz für langlebige tote Nordmanntannen mussten wir früher in Frankfurt, Ende der 70er oder in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, teuer bezahlen. Damals haben wir schon mal 60,- DM und mehr für einen längergrünen Tannenbaum berappt, bis plötzlich die Preise fielen und diese Art von Weihnachtsbäumen schon mal für 10,- DM im Lebensmittelsupermarkt angeboten wurde.

So billig sind sie nicht geblieben, aber 15,- € sind ein sehr ziviler Preis für eine über 2m hohe Nordmantanne. Das war allerdings ein Angebotspreis; ab dieser Woche kosten sie 20,- €. Irgendwann werden wir wieder das Äquivalent für 60,- DM, also ca. 30,- €, hinlegen müssen.
Bis dahin freuen wir uns über das Rieseln der Preise und über die Haftkraft der Tannennadeln dieser Baumsorte.

Nachtrag 22.12.07:
Nach Medienberichten sollen die Nordmanntannen schon in diesem Jahr teurer geworden sein und 16 - 20 Euro pro lfd. Meter kosten (vgl. z. B. hier, da und dort (sind zwar mehr oder weniger die gleichen Meldungen; trotzdem habe ich sie dreifach verlinkt, weil die Haltbarkeitsdauer von Links häufig beinahe so begrenzt ist wie die von Nordmanntannen. Und die Möglichkeit, verschwundene Seiten in der "Waybackmachine" aufzurufen, kennt nicht jeder; sogar ich denke oft nicht daran, auf der Webseite "archive.org" nachzuschauen.).


Textstand vom 22.12.2007. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 9. Dezember 2007

WARUM? - Kindliche Konsumentenfragen

Wers kann, kann anspruchsvolle Fragen stellen.
So wunderte sich z. B. einst der ungarisch-amerikanische Physiker und Mathematiker Eugene Paul Wigner über die "Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences" (gleicher Text hier als pdf-Datei; zum Thema gibt es auch einen englischsprachigen Wikipedia-Artikel). Richard Wesley Hamming führte Wigners Überlegungen fort ("The Unreasonable Effectiveness of Mathematics"), kam aber ebenfalls zu keiner befriedigenden Antwort. Der indische Mathematiker Sundar Sarukkai versuchte es mit "Revisiting the ‘unreasonable effectiveness’ of mathematics"; diesen Artikel muss ich erst noch lesen.
Verstehen werde ich ihn letztlich ebenso wenig wie die beiden anderen, denn für jegliche Art von Mathematik, die über das Alltagsrechnen hinaus gehen, ist leider die Kapazität meiner intellektuellen Prozessoren inadäquat. Trotzdem bleibt es eine stimulierende Lektüre. Aus Hammings Aufsatz wird mir hoffentlich wenigstens der Satz "Not that science explains 'why' things are as they are-gravitation does not explain why things fall-but science gives so many details of 'how' that we have the feeling we understand 'why.' Let us be clear about this point; it is by the sea of interrelated details that science seems to say 'why' the universe is as it is" haften bleiben. [Hervorhebung von mir]

Jedenfalls muss ich mich hier darauf beschränken, Fragen in einem anderen Bereich aufzuwerfen, d. h. im wesentlichen Ärgernisse anzusprechen, welche mich als Konsumenten schon länger umtreiben. Keine fundamentale Konsumkritik wird man hier finden, sondern Produktkritik - bzw. Kritik am Fehlen von Produkten.
Alphabetisch geordnet, und als "work in progress" gedacht, also für ständige Ergänzungen offen.

Brillen
Warum gibt es in sämtlichen Optikernläden nur solche mit kleinen Gläsern?

Hosenbund
Warum werden die Hosenbünde (und entsprechend die Reißverschlüsse) immer kürzer? Sind Hängebäuche derart ästhetisch?

Hosengürtel
Warum gibt es keine Hosen mit Schnallen für den Gürteldorn am Markt?

Kleidergrößen
Der dümmste Schnack in deutschen Läden ist die Rede von "Größen, die unterschiedlich ausfallen". Größen sind entweder eindeutig definiert, oder sie sind keine. Und Kleidungsstücke, deren Maße nicht der angegebenen Größe entsprechen, sind halt falsch ausgezeichnet.

Morgenmäntel
Warum müssen Morgenmäntel immer aus Frottee und meist hässlich sein, und werden z. B. nicht aus Kordstoff angeboten (wenigstens nicht im Normalpreisbereich).
(Vgl. dazu auch meinen Blott "Es muss nicht immer Frottee sein: Klassenkampf im Morgenmantel?")

Oberhemden
Warum müssen Oberhemden und rund geschnitten sein, und kurz genug, um ständig aus den (ihrerseits immer knapperen) Hosen zu kriechen?

Schuhe
Warum werden Schuhe in Deutschland fast nie in verschiedenen Breiten verkauft? Manche Menschen (auch andere) haben halt einen breiteren Ballen bzw. breitere Füße!
So bleibt mir nur noch eine Wahl:
Die breiten Treter von "hega-vital".
Bequem sitzen die und man läuft traumhaft in diesem Schuh(was man besonders dann merkt, wenn man vorübergehend andere Schuhe getragen hat). Sie dürften nur an der Ferse etwas höher reichen.
Immer wieder enttäuscht bin ich, wenn ich in den Frankfurter Schuhladen der (amerikanischen) Schuhfirma "Red Wing" gehe und auch dort keine breiten Schuhe bekomme. Eigentlich liebe ich diese Marke, weil die Qualität dieses Fabrikats ist einfach traumhaft ist (im Gegensatz zur landläufigen deutschen Provinzlermeinung ist die Qualität von vielen Konsumgütern in 'Amiland' deutlich besser, bzw. hat man jedenfalls die Möglichkeit, eine bessere Qualität zu kaufen, als bei uns!). Meine Wanderschuhe Benutze ich schon seit ca. 15 - 20 Jahren (und ziemlich oft). Die Dinger sind einfach nicht kaputt zu kriegen und wurden zwischenzeitlich nur 1x neu besohlt! Allerdings sind sie auch ziemlich schwer, was ich mit zunehmendem Alter denn doch immer mehr merke.
Laut Werbung werden die RedWing-Schuhe in -3- verschiedenen Breiten verkauft; im Laden steht sogar ein Gerät, mit welchem die Füße der Kunden vermessen werden.
Aber was nutzt das alles, wenn es die breiten Größen hier in Deutschland gar nicht zu kaufen gibt?
Wahrscheinlich kann man den Germanen alles andrehen: friss oder stirb (sonst hätten ja auch andere Marken schmalere und breitere Größen). Unser Selbstbewusstsein als Verbraucher ist noch etwas unterentwickelt; mit amerikanischen Kunden kann man das offenbar nicht machen.

Taschentücher
Warum werden Taschentücher der etwas besseren Qualität nur in aufwendigen Verpackungen (und zu Apothekenpreisen) verkauft?


Textstand vom 29.12.2007. Auf meiner Webseite
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Samstag, 8. Dezember 2007

Da ist Musik drin!

Wie kommt ein alter Mann zu einer jungen Frau?
Richtig: über eine unverwesliche Leiche natürlich.

Die Verfolgung einer solchen (in Gestalt eines Suchzugriffs in meiner Statistik erschienenen) leblosen Gestalt lockte mich in das Gebäude einer Elite-Universität.
Dozentin an dieser Uni ist Giannina Wedde. Bei dem breiten thematischen Spektrum ihrer Lehren haben Fachidioten dort keine Chance.

Dass sich die gesuchte unverwesliche Leiche in der Medizin-Fakultät versteckt hatte, wird niemanden überraschen.
Frau Weddes überraschend lebendige Vorlesung u. d. T. "Körperwelten – nicht nur beim Erbe machen Tote Zoff" [ich habe die Wanderausstellung, die u. a. auch in Frankfurt gezeigt wurde, leider nicht gesehen] beschäftigt sich mit den "Körperwelten" des Plastinators Prof. Gunther von Hagens. Genauer: sie kritisiert die Kritiker dieser Ausstellungen. Eindrucksvoll ist ihre Sprache: eine köstliche Polemik, schnell, jeder Schuss ein Treffer, sozusagen. Wie in einem guten Kabarett.
Ärzte, Klerus und Religion, sowie (an anderer Stelle) Prominente, die als solche hauptsächlich Produkte der Medien sind, geben immer brauchbare Opfer für satirische Kommentare ab, und die Klaviatur der Satire beherrscht sie wirklich meisterhaft. Solche Kritik verhallt zwar, wie im Kabarett, letztlich folgenlos. Aber man hat wenigstens seinen Spaß gehabt. Das gilt auch z. B. für ihre literaturwissenschaftliche Abteilung, in welcher sie u. d. T. "Wenn das Proletariat zu schreiben beginnt … was uns Dietä, Effe und Gina zu sagen haben" die Irrelevanz derartiger Autobiographien geiselt. Ich frage mich freilich, ob man der Versuchung wirklich nachgeben sollte, aus derartigen Figuren ein schnell zubereitetes Ragout zu machen: Jegliche Befassung mit solchen medialen Schlammvulkanen steigert immer nur deren Marktwert, welcher ja allein darin besteht, im Gespräch zu sein - egal mit welchem Vorzeichen.

Aber Giannina Wedde spielt offenbar auch wirklich Klavier - und singt dazu. Als "Obsidian Voice" - Obsidianstimme. Ein schöner Name, auch wenn ich keinen rechten Bezug zwischen dem glasharten Obsidian (in der Steinzeit wegen der scharfen Bruchkanten ein wichtiger und weit gehandelter Werkstoff, der u. a. auf der italienischen Insel Lipari gewonnen wurde) und den melancholischen Liedern herstellen kann. Schön sind sie jedenfalls (man kann reinhören), und, wer weiß, vielleicht ebenso wie der Obsidian vulkanischen Ursprungs?
Über Obsidian kann man im Internet auch lesen: "Obsidian is the name that has become synonymous with providing peace of mind." (Allerdings habe ich den Satz unvollständig zitiert; die Fortsetzung lautet: "... when it comes to Open Source Software (OSS) requirements."). War also ein "falscher Freund".
Neuer Versuch: da gibt es noch 'ne Obsidian-Musik. Die scheint so richtig Messermäßig zu sein. Kein Wunder, wenn man sieht, wie das Zeug entstanden ist. Da wundert man sich auch nicht mehr über eine Überschrift wie: "OBSIDIAN IS HOT STUFF". Mögen ihn deshalb manche als Sargmaterial haben? Ich persönlich würde da doch lieber das Obsidian Kingdom, also das Königreich Obsidianien, wieder aufbauen wollen.

Etwas kompliziert wird es, wenn man den Obsidian als Heilstein benutzen will. Da kommt es nämlich darauf an, die richtige Art für den richtigen Zweck auszuwählen. Der Regenbogen-Obsidian hilft bei Schmerzen und wirkt stärkend und schützend. Der schwarze Obsidian unterstützt Wundheilung, wirkt schmerzlindernd und belebt liegen gebliebene Begabungen.
Ich denke mal, dass die Maya-Männer bei dem, was die mit ihren Obsidianmessern angestellt haben, wohl die schmerzlindernde als auch die Wunden heilende Wirkung gut gebrauchen konnten. Und, klar, eine Belebung liegen gebliebener Begabungen natürlich erst recht.
Im "Verbrecherverlag" lesen wir in der Geschichte "Die Elfe im Schlafsack" von Wolfgang Müller über den Obsidian: "Ein weiterer Stein, dem bestimmte Kräfte zugeschrieben werden, ist der Obsidian, isländisch Hrafntinna, Rabenstein. Dieser Stein, in einen Hof getragen, erzeugt unter den Bewohner Streit und Zwietracht." Hm: Mayas und Rabenstein kombiniert = ? Richtig, Sie erfüllen die intellektuellen Voraussetzungen für ein Archäologiestudium: Die Mayas sind untergegangen, weil sie sich wegen dem Obsidian gestritten haben!
Das waren natürlich keine isländischen Obsidiane, denn in denen wohnen manchmal, sagt uns Wolfgang Müller an anderer Stelle, Elfen (und das sogar in Berlin!).
Wirklich (fast) alles über den Obsidian weiß die Seite "Petrefaktum". Ich marschiere natürlich schnurstracks zum Esoterik-Kapitel und erfahre dort Erfreuliches: "Angeblich verhindert er die Verkalkung der Arterien, steigert die Sehkraft und schärft den Blick. ... Er soll ... bei mangelndem Realitätbewusstsein und starker Zerstreutheit die Gedanken ordnen. Hemmungen soll er abbauen und Mut und Tatendrang fördern. Obsidian wird den Sternzeichen ... Steinbock ... zugeordnet". Na also: Gegen Verkalkung, Zerstreutheit und Hemmungen ist er gut, und das Klettergestein für Steinböcke außerdem: also ehrlich, der nächste Obsidian ist mir. Falls ich mal einen in situ finde. (Wäre echt ein Grund, nach Lipari zu fahren?)
Muss dann nur aufpassen, den richtigen zu erwischen, also den wo der richtige Schwingungsstein vom richtigen Engel ist.
"Vehuel" bringt es schon mal nicht, der ist für meinen Geburtstag unzuständig. "Aladiah" ist ebenfalls so ein Bürokratenengel, der seine Tage hat, wenn ich meinen Geburtstag nicht habe.
"Emtzel", jawoll: das wäre das richtige Engelchen für mich: "Jeder hat Kraftreserven von denen er meist nichts weiß. Ich schon und ich wecke sie in Dir! Du brauchst keine Hilfsmittel wie Koffein die Deine Seele angreifen. In Dir steckt mehr Ausdauer als Du vermutest!" (Würde natürlich McDonalds nicht schmecken. Die hätten nämlich an jedem Feierabend 1,30 € weniger in der Kasse, wenn ich zum Aufwachen nach der Arbeit kein Koffein mehr brauchen täte.
Aufatmen kann ich immerhin insoweit, als das Jahr der Ratte (an mir und überhaupt) vorübergegangen ist. Denn was man da alles beachten muss, nur um vermittels eines Obsidianspielgels und eines Bergkristall-Donut eine kleine Energiekorrektur vorzunehmen ... das würde mich rituell schlicht überfordern.
Frauen sind diesen zeremoniellen Erfordernissen offenbar eher gewachsen, deshalb läuft die Schulung auch auf der Webseite "womensnet". Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft die Emanzipation braucht: der mittlerweile erreichte Komplexitätsgrad verlangt das einfach.
Zugegeben, Johannes Burckardus (auch Burchardus) war ein Mann. Geboren um 1449 in Nieder-Haslach (Elsaß), hat er es irgendwann nach 1483 sogar zum "magister ceremoniarum" am Papsthof gebracht. Aber der war ja auch Mönch ... und hat sich immer gleich aufgeregt, wenn andere mal ein bisschen Spaß haben wollten.

Ich sehe schon: ich bin ein hoffnungsloser Fall für Obsidianismus. Kein Obsidianspiegel - kein Durchblick. Bleibt nur eins: Augen zu, Ohren auf: Obsidian Voice hören!




Textstand vom 05.04.2008. Auf meiner Webseite
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Samstag, 24. November 2007

Playboy oder Erotiktöter?

Zweifellos haben sie eine Vorstellung davon, was ein "Erotik-Töter" ist (obwohl der Begriff bei Google, in welcher Schreibweise auch immer, erstaunlich selten auftaucht: am häufigsten in einem Wort, aber selbst da derzeit nur drei Mal). (Scheint in diesem Falle etwas volksfern zu sein, der Wortschatz im Internet.)
Aber egal was Sie sich darunter vorstellen: für mich hat der Begriff "Erotiktöter" seit heute eine gänzlich andere Bedeutung.

Erotiktöter nämlich habe ich heute nachmittag in einem Bildband erspäht, als dessen "Autor" ein gewisser Hugh M. Hefner genannt wird.
Das Buch ist in einem deutschen Verlag erschienen (Schirmer/Mosel) und auch der Text - what little there is - ist deutsch, aber der Titel englisch: "Playboy - The Complete Centerfolds".
Der Inhalt ist eine geballte Ladung - Erotik glauben Sie?
Nein: Ich sage euch, dass es eine geballte Ladung Scheiße ist! Ästhetisch ebenso verarmt, wie jene grobschnitzigen Weihnachtsdekorationen, die seit einiger Zeit zunehmend den Markt beherrschen.

Diese endlose Parade von silly cones ist so sexy wie ein Haufen von Campbells Konservendosen (hab' ich heut' ebenfalls gesehen: auf dem Bild von Andy Warhol im Frankfurter Museum für Moderne Kunst; kostenloser Eintritt am letzten Samstag des Monats).

Vieles mag ich an der amerikanischen Kultur und Lebensart - aber müssen wir denn wie glasperlenglotzende Wilde unsere Buchläden (und unsere Vorstellungen) auch noch mit dem letzten Dreck von drüben drapieren?



Textstand vom 01.12.2007. Auf meiner Webseite
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Dienstag, 20. November 2007

Danke!

Es gibt auf der Welt neben schusseligen zum Glück auch noch ehrliche Menschen. Und nicht nur ehrlich. Immerhin kostet es ja ein klein wenig Mühe und kostbare Zeit, eine Umhängetasche, welche ein Fahrgast in der U-Bahn vergessen hat, zum Fahrer nach vorn zu tragen, zu warten, bis der Zug hält, an die Tür der Fahrerkabine zu klopfen, ihm den Fundgegenstand zu übergeben und den Sachverhalt zu erläutern. Da ist die Versuchung groß, das Ding einfach stehen zu lassen, bis ein anderer sich drum kümmert – und es vielleicht mitgehen lässt.


Beladen mit Umhängetasche und Plastiktüte, vor allem aber mit Gedanken nach der Teilnahme an einem Gerichtstermin (beim Hessischen Landesarbeitsgericht in Frankfurt, im neuen Gebäude in der Gutleutstraße am Hauptbahnhof), entschied sich mein Unbewusstes, mir einen Teil der Lasten abzunehmen – und ließ mich die Umhängetasche beim Umsteigen am Willy-Brandt-Platz in der U-Bahn vergessen.

Den Verlust der Tasche selbst hätte ich noch verschmerzen können (ca. 15,- € - na ja, ist auch Geld ...); die wesentlichen Unterlagen zum Prozess hatte ich in der Plastiktüte transportiert. Kostspieliger wäre schon die Trennung von einem Merino-Wollpullovers gewesen; aber, weil von Aldi, noch kein finanzielles Debakel.
Hätte ich allerdings die Monatsmarke meines RMV-Jahresabonnements für den Monat Dezember (Kosten über 200,- €) erneut kaufen müssen, wäre meine Weihnachts(vor)freude schon deutlich überschattet worden.

Indes fand sich alles vollständig im Fundbüro der VGF (Stadtwerke Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main mbH) wieder und für eine äußerst moderate Fundgebühr von 1,50 € erhielt ich die Tasche zurück.

Gern hätte ich mich bei dem ehrlichen Finder, der sich die Mühe gemacht hat, die Tasche abzugeben, bedankt. Und das nicht nur mit einem warmen Händedruck. Doch der gute Mensch blieb anonym: „Von einem Fahrgast beim Fahrer abgegeben“ stand lediglich auf dem Fundzettel.

Dann bedanke ich mich halt auf diesem Wege öffentlich – und empfehle die gute Tat zur Nachahmung! Manchmal zahlt sich das sogar materiell aus.
Als ich vor langen Jahren morgens zwischen 6.00 h und 7.00 Uhr auf dem Weg zur Arbeit in der Nähe vom Holzhausenpark gut 200,- DM fand (die lagen in Scheinen und Münzen einfach so auf dem Bürgersteig herum – und das mitten in Frankfurt am Main!) trug ich sie sofort zur Polizeiwache (wo man mich etwas verwundert anschaute).
Nach einem Jahr bekam ich das fremde Geld zurück: ganz legal, weil sich der oder die Verlierer / Verliererin nicht gemeldet hatte. Abgezogen wurde eine Verwahrungsgebühr; das gute Gewissen gabs gratis dazu.


Um aber noch einmal auf meine Umhängetasche zurück zu kommen:
Das Frühstücksbrot da drin war natürlich nicht mehr genießbar!



Textstand vom 20.11.2007. Auf meiner Webseite
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Sonntag, 11. November 2007

Terror im Gartenhaus; Brot-Bombe beim Bio-Bäcker

Dort könnte ich Romane schreiben - wenn ich denn Romane schreiben könnte: in manchen Starbucks-Cafés, pardon: "Coffee-Houses". Zum Beispiel dem in Frankfurt a. M., gegenüber von der (und mit Blick auf die) ehemalige Wertpapierbörse, oder jenem in Darmstadt am Luisenplatz, ebenfalls im Raum im Obergeschoss. Da kann man sich in weichen Sesselpfühlen lümmeln und fläzen, könnte aber auch auf harten Stühlen hockend schreibend arbeiten. In diesen Räumen, die etwas Inspiratives haben, kann ich Behauptungen nachvollziehen, dass manche Wiener Schriftsteller und Intellektuelle ihre belletristischen und anderen Prosastücke im Caféhaus geschrieben haben.

Freitag, 9. November 2007

Recycling-Rechnung

In einem Interview in der aktuellen Ausgabe (S. 45) der (in den Bahnhöfen kostenlos ausliegenden, und übrigens sehr interessanten) Bahn-Zeitschrift "Mobil" (also Nr. 11/2007) gab der Deutschland-Chef der Fa. Tetra Pak auch Auskunft über die Recycling-Quote von Getränkekartons. Davon werden offenbar (nur oder immerhin - das kann man unterschiedlich beurteilen) 65% recycelt.

Er hatte wohl Angst, dass die Öffentlichkeit diese Quote als zu gering bewertet. Drum hat der Herr Dr. Alfred Zopf die Information flugs so umverpackt, dass für mathematische Analphabeten unter dem Strich eine hundertprozentige Recyclingquote rauskommt.
Auf die Frage "Wie hoch ist die Recyclingquote von Getränkekartons in Deutschland?" antwortete er:
"65 Prozent aller in Deutschland in Umlauf gebrachten Getränkekartons werden zu 100 Prozent wiederverwertet."



Textstand vom 01.01.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Donnerstag, 8. November 2007

Da legste dich vor Lachen flach: FDP-"Sensation" in Wächtersbach!

"05.11.2007 Wahl von Martin Hußmann zum neuen Bürgermeister in Bad Schwalbach – Platz 2 in Wächtersbach mit Michael Peschek" heißt es auf der Webseite der FDP Hessen.

FDP Platz 2? Nicht schlecht - sonst sind die doch immer erst 3. oder 4. Sieger?
Allerdings: Außer dem langjährigen Amtsinhaber Rainer Krätschmer (SPD) und eben dem FDP-Kandidaten (der sich freilich auf den Wahlplakaten als solcher nicht zu erkennen gab und mit Wischi-Waschi-Wahlkampfparolen für Familie, Sicherheit und Wachtstum warb) war niemand angetreten. Bei nur -2- Kandidaten ist es jedoch verdammt schwer, nicht der 2. Sieger zu sein.

Blog-Etikette: Gegen Vor-Zensur der Leser-Kommentare! (Und auch eine Nach-Zensur sollte die Ausnahme bilden!)

Blog-Einträge (ich nenne sie Blotts) sollten im Idealfalle keine Monologe sein. Der Begriff selbst suggeriert zwar, wenn man ihn aus „Logbuch“ ableitet, einen eher tagebuchartigen Charakter eines Blog. Aber die Einträge in Blogs mit einer großen Leserzahl werden nicht nur häufig von anderen Bloggern zitiert, sondern oft auch im Anhang zum jeweiligen Blott kommentiert und manchmal sogar, ähnlich wie in einem Forum, diskutiert.

Da wird es immer mal, ähnlich wie bei z. B. zu meinem Blott Vom Friedhof der unverweslichen Leichen zum Satanswerk der Säuglingstaufe", unerfreuliche Kommentare geben. Abhängig von Thema, (politischer usw.) Stellung der Blogger und anderen Umständen können das auch Angriffe oder Beleidigungen sein. Oft werden die Einträge auch einen werbenden Charakter haben: Werbung kommerzieller Art oder einfach der Versuch, die Leser auf die Webseite oder die Blogs der Kommentierenden hinzuweisen.

In Einzelfällen wird ein Blogmaster oder eine Blogmasterin Äußerungen schon aus juristischen Gründen (z. B. Beleidigung Dritter oder politische bzw. geschichtsbezogene Falschbehauptungen, welche unsere wehrhafte Demokratie unter Strafandrohungen verboten hat) löschen müssen.

In aller Regel sind Kommentare jedoch positiv zu sehen, weil sie ein über die bloße Lektüre eines Blotts hinaus gehendes Interesse an dem jeweiligen Eintrag bzw. an dem angeschnitten Thema dokumentieren. Für die Blogger und für andere Leser können sie sogar von Nutzen sein, beispielsweise wenn sie weiter gehende Informationen und/oder Links enthalten. Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum man als Blog-Master nicht eine größtmögliche Bandbreite von positiven und negativen Stellungnahmen tolerieren sollte und das selbst dann, wenn sie im Einzelfall zum jeweiligen Blott unpassend erscheinen mögen. Wer einsteckt, sollte auch austeilen können; idiotische Kommentare richten sich ohnehin selbst.
„Kommentare“ die automatisch eingetragenen werden und lediglich eine kommerzielle Werbung darstellen, kann man zumindest bei guten (wenn nicht sogar bei allen?) Blog-Providern abblocken. Sofern man die entsprechende Funktion für den eigenen Blog aktiviert, erscheint beim Öffnen der Kommentarfunktion u. a. ein Verifikationsfeld, in welches Kommentatoren einige Symbole einzutragen müssen, die in einem weiteren speziellen Feld vorgeblendet werden und sich bei jedem Öffnen ändern. Auf diese Weise ist garantiert, dass der Kommentar von einem Menschen eingetragen wurde, nicht etwa von einem „bot“.

Leider scheint es sich nun aber zunehmend einzubürgern, dass Blogger Kommentare erst nach vorheriger Prüfung freigeben, dass also der eingegebene Kommentartext nicht sofort erscheint.

Grundsätzlich finde ich es zwar durchaus sinnvoll, wenn die Blog-Provider eine solche Einstellung als Optionsmöglichkeit vorgeben. Ich kann mir auch einige (wenige) Fälle vorstellen, bei denen die Auswahl dieser Option durch die Blog-Master notwendig ist, etwa bei Politikern.
Beim normalen Blogger sehe ich allerdings (aus der Sicht des Kommentators) diese „Vorzensur“ als eine grobe Unhöflichkeit an. Oder, um es noch etwas deutlicher zu sagen: ich halte es für unverschämt und für noch unverschämter dann, wenn (wie es wohl die Regel ist) vor Absenden des Kommentars nicht einmal ein Hinweis erfolgt, dass der Kommentar erst nach Prüfung durch den Blogger freigegeben wird.

Nachdem ich selbst einigen derartigen Fällen begegnet bin ist diese Sachlage für mich ein Grund, zukünftig überhaupt keine Kommentare bei anderen Blogs mehr einzustellen. Allenfalls dann, wenn ich weiß oder erkennen kann, dass Einträge sofort veröffentlicht werden, werde ich noch Blog-Einträge kommentieren. (Hier bei meinem Provider „Blogspot“ habe ich bereits Hinweise auf die Vorab-Kontrolle der Kommentare durch die Blogger gesehen. Ich weiß allerdings nicht, ob derartige Hinweise durchgängig erfolgen, d. h. ob man beim Fehlen solcher Hinweise davon ausgehen kann, dass der Text sofort eingestellt wird).

Es ist ärgerlich, wenn man mit Mühe u. U. einen längeren Text geschrieben hat und dieser vielleicht nicht einmal veröffentlich wird. Der Kommentierende weiß ja auch nicht, was dahinter steckt: wurde der Kommentar gelöscht und ggf. weshalb; ist der Blogger in Urlaub, hat er einfach die Lust verloren und schaut die E-Mails aus seinem Blog gar nicht mehr an? Wer wirft schon gern sein Geschriebenes sofort in den Papierkorb; wer will sich ständig nach gewissen Zeiträumen vergewissern, ob der Kommentar mittlerweile doch online ist oder noch immer nicht?

Die Mühe muss ein Blogger sich schon machen, die Kommentare zu seinen Blotts zu lesen. Löschen kann er sie dann ja immer noch. In der Vorab-Kontrolle sehe ich aber (beim normalen Blogger) eine Missachtung der kommentierenden Leser, die Demonstration einer „Herr-im-Haus-Stellung“, die man tatsächlich natürlich hat (indem man Einträge ex post löschen kann), die man aber doch nicht gleich an der Tür zum Fenster raushängen muss?
Kommentatoren werden damit in gewisser Weise unter Vorab-Verdacht gestellt, und woher soll der Kommentierende wissen, wo ein Blogger die Grenzen zieht? Die Versuchung, kritische Stimmen schon per se nicht zuzulassen, liegt auf der Hand.
Mit dem nachträglichen Löschen von bereits online gegangenen Kommentaren sieht es anders aus: das erfordert eine Aktivität des Bloggers, die er sich spart, wenn er einen Kommentar stehen lässt. Und der Leser kann sich in diesen Fällen seinen Reim machen, wenn er feststellen bzw. den Eindruck gewinnen muss, dass sein Beitrag nur deshalb gelöscht wurde, weil er zur Meinung des Blog-Masters konträr ist, oder weil er Fehler berichtigt usw. Und das wiederum wird ein Blogger dann doch zu vermeiden suchen.


Wer vorab kontrollieren will, welche Kommentar er zulässt und welche nicht, mag das meinetwegen auch weiterhin tun. Nur sollte das bereits beim Aufruf der Kommentierungsseite ausdrücklich angekündigt werden.
Umgekehrt halte ich es bei dieser Lage gleichfalls für notwendig, darauf hinzuweisen, wenn keine Vorabkontrolle erfolgt. Ein entsprechender Hinweis sollte bereits in der Voreinstellung des Blog-Providers für die Kommentierungs-Seiten vorgegeben sein.
Sofern es nämlich für Kommentierende weiterhin unklar bleibt, ob ihr Text sofort veröffentlicht wird oder möglicher Weise im Müll oder in ungelesenen E-Mail-Haufen des Bloggers landet, würde ich mich nicht wundern, wenn auf die Dauer auch andere Kommentarschreiber ebenso wie ich die Lust am Kommentieren verlieren.
Und der Verzicht der Leser, Blotts zu kommentieren, wäre ein schmerzlicher Verlust für die Blogger, die Blogger-Community und für die Kommunikationskultur im Weltnetz überhaupt.



Textstand vom 08.11.2007. Auf meiner Webseite
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Freitag, 2. November 2007

Forschungsfahrt nach Bad Sooden-Allendorf

Nein, in diesen Kurort reisten wir nicht um (wie im Falle von Bad Schönborn) seine Existenz zu verifizieren. In Bad Sooden-Allendorf (BSA) hatten wir uns erst vor kurzem, freilich nur kurzzeitig, aufgehalten.
Die damalige Unterkunft in Bad Sooden war während der Dauer unserer jetzigen Reise (von Freitag, 19.10.07 - So., 28.10.2007) teilweise besetzt; also buchten wir eine Ferienwohnung in Allendorf.

Donnerstag, 1. November 2007

Utopia Nova - Argumente für die Wünschbarkeit einer ideologischen Fundamentierung politischen Handelns

ABBY FineReader ist ein feiner Kumpel, weil er es mir erlaubt, ohne allzu große Mühe meine alten Texte zu exhumieren und auf die Menschheit loszulassen (was natürlich einige Menschen durchaus zu einer konträren Einschätzung des "feinen Kumpels" veranlassen könnte). (Völlig mühelos ist es freilich nicht, weil die Texterkennungssoftware mit Schreibmaschinentexten -mit Gewebeband, nicht mit Karbonband geschrieben- gelegentlich doch Erkennungsschwierigkeiten hat und weil ich natürlich auch Buchstaben übertippt und ausgeixt und handschriftliche Berichtigungen und Ergänzungen eingefügt hatte.)

Den nachfolgenden Text hatte ich großenteils (handschriftlich) ausgearbeitet im November 1973 während eines Urlaubsaufenthaltes auf der Kanaren-Insel La Palma. Man könnte ihn auch als ein Sublimationsprodukt dieses in mancher Hinsicht frustrierend verlaufenen Urlaubs bezeichnen.
Später in Frankfurt habe ich ihn in veränderter Form maschinenschriftlich übertragen und ein wenig fortgeführt und jetzt in einer wiederum leicht veränderten Form (Berichtigung der Rechtschreibung, einiger Fehler und mit einigen –wenigen- Textänderungen im Interesse der Verständlichkeit) als Datei in meinen PC eingegeben.

Der Text ist zu lesen vor dem Hintergrund einerseits meiner Auseinandersetzung mit dem damals in der Nachfolge der Studentenbewegung von 1967/1968 im öffentlichen Diskurs noch recht virulenten Marxismen und Neomarxismen der verschiedenen Spielarten. Daraus resultiert wohl auch die manchmal sehr direkte Ansprache an die Leser (insoweit wohl strukturell - natürlich nicht inhaltlich - vergleichbar z. B. dem Aufsatztitel "Listen, Marxist!" eines Murray Bookchin aus dem Jahre 1971; den Aufsatz habe ich allerdings nicht gelesen).

Der andere Hintergrund waren die Auseinandersetzungen im die Erweiterung des Frankfurter Flughafens (Stichwort "Starbahn West") und andere Auseinandersetzungen, die ich als Gefahr für den weiteren technisch-zivilisatorischen Fortschritt wahrgenommen habe.
Umweltbewusst war ich damals zwar auch schon, aber die Ressourcenverknappung usw. waren seinerzeit mehr auf der Ebene der theoretischen Wahrnehmung präsent (bei mir selbst wie wohl auch allgemein in der Öffentlichkeit) und erschienen nicht in gleicher Weise unmittelbar bevorstehend wie derzeit das Ölfördermaximum ("Peak Oil").

Zu meiner weiteren Bewertung des Aufsatzes aus heutiger Perspektive vgl. auch meine kurze Nachbemerkung.

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"Utopia Nova - Argumente für die Wünschbarkeit einer ideologischen Fundamentierung politischen Handelns.

Im Gegensatz zum Konsensus, der Grundlage politischer Aktivität unserer Volksparteien, ist die Ideologie eine erfundene, systematische und auf größtmögliche innere logische Widerspruchsfreiheit bedachte Anleitung zu politischer Aktivität. Ihre Aufgabe ist es, ein oder mehrere verpflichtende Ziele für - im weitesten Sinne - politische Arbeit auf allen Ebenen zu entwickeln, wodurch letztlich die ganze Menschheit in Ihrer Struktur und bis hinunter zur Motivationsstruktur des Individuums auf diese Ziele ausgerichtet werden soll.

Ideologien können mehr oder weniger ausgeprägt und umfassend sein, bzw. der Begriff kann enger oder weiter gefasst werden. Die Übergänge zwischen Konsensus und Ideologie sind fließend; und im ganz strengen Sinn gibt es bisher nur eine - die marxistische -Ideologie.
Gewiss, faschistische und rassistische Systeme waren ebenso diktatorisch wie das bolschewistische; ihre sozialen Lehren waren jedoch weniger umfassend, weniger total. Im Gegensatz zum Marxismus hat der Nazismus kein ihm eigenes Wirtschaftssystem entwickelt; Privat- oder Staatswirtschaft waren dort (wie ja auch heute in den verschiedenen Demokratien) ebenso möglich wie Markt- und Planwirtschaft (letztere im 2. Weltkrieg auch praktiziert), ohne die beiden ideologischen Fundamente - Rassismus und, wohl noch wichtiger, Gehorsam - zu gefährden. Der Nazismus ist auch insofern keine Ideologie im ganz strengen Sinne der Eingangsdefinition, als er spezifisch für Deutschland zusammengestrickt war, und keineswegs die ganze Menschheit im Auge hatte.

Allerdings scheint die Eingangsdefinition der Ideologie als eines erfundenen Systems auch dem Marxismus nicht gerecht zu werden, der sich ja als erforscht, als gefunden, versteht. Es ist eine Frage des politischen Standortes und des jeweiligen Begriffs von Wissenschaft, ob man diesen Anspruch des "wissenschaftlichen" Marxismus akzeptiert. Hier wird er schon allein deswegen abgelehnt, weil in der hier verwendeten Terminologie der Begriff "Wissenschaft" jenen Forschungsbereichen vorbehalten bleibt, die exakt definierte, verifizierbare Aussagen machen. (Philosophie, Theologie, Jurisprudenz z.B. sind demnach keine Wissenschaften nach der hier zugrunde gelegten Begriffsbestimmung; Soziologie z.B. nur insoweit, als Ihre Aussagen exakt und zweifelsfrei nachprüfbar sind.)

Ich mache darauf aufmerksam, dass meine vorliegend verwendete Begriffsbestimmung von "Wissenschaft" ebenso wenig "das Wesen" "der Wissenschaft" erfassen will, wie entsprechend die Ideologiedefinition "das Wesen" "der Ideologie". Denn es gibt kein an-sich-seiendes Wesen der Begriffe; sie werden vielmehr für einen bestimmten Sachverhalt konzipiert und - besonders in Bereichen wie Politik, Philosophie, Theologie - nach Bedarf modifiziert. Es gehört zu den großen Unehrlichkeiten der Kultur und fast aller ihrer theoretischen, nicht-wissenschaftlichen Produktionen, explizit oder, meist, implizit-unbewusst, von einer meta-sozialen Begriffswelt auszugehen, die erst der jeweilige Denker richtig in ihrem Wesen erfasst habe. Gerade dieser Anspruch begründet allerdings auch die politische Attraktivität z.B. marxistischer oder neo-marxistischer Positionen, aber auch fast aller anderen politischen Einstellungen. Und noch immer ist ja das Naturrecht letzte "ideologische" Grundlage unserer (und vielleicht, wenn auch oft implizit, aller) Rechtssysteme.

Dieser Exkurs war erforderlich, um Ihnen, Leser, zu erklären, warum hier nicht von einer bürgerlichen Ideologie die Rede ist; ein Ausdruck, dem Sie doch mittlerweile an vielen Stellen begegnet sind. Und weil überall davon die Rede ist, muss es doch so etwas auch geben, oder? Sicher gibt es Grundüberzeugungen, die in einer bürgerlichen Gesellschaft sehr weit verbreitet sind, aber in dem eingangs gebildeten (nicht: gefundenen) Gegensatzpaar ordnen sie sich dem Konsensus zu. Stellen Sie sich die Begriffe "Ideologie" und "Konsensus" als Endpunkte einer Linie vor, nicht als (und auch das ist eine der großen Kulturlügen) Punkte im Raum, die jede Aussage und jedes Verstehen quasi magnetisch anziehen und "automatisch" als zum einen oder zum anderen Begriff wesentlich zugehörenden erkenntlich machen, wenn man nur die richtige Erkenntnismethode anwende. Eine Linie mit idealen, nur gedachten, Endpunkten, die hier durch Konsensus unserer Volksparteien einerseits und Ideologie des Marxismus andererseits exemplifiziert werden.

Auch der Marxismus basiert aber noch zum großen Teil auf Konsensus, auf nicht infragegestellten Selbstverständlichkeiten einer christlich-humanistischen Kulturtradition. Und daraus leite ich hier die Chance ab, die Linie in Richtung Ideologie zu verlängern, über den Marxismus hinauszugehen und eine Ideologie zu entwickeln, die noch mehr Ideologie im Sinne meiner Eingangskriterien ist und damit vielleicht dem gegenwärtigen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung und des Wissens adäquater ist als z.B. der Neomarxismus. Und auch darum der Exkurs über die Begriffe und ihr nicht vorhandenes Wesen, und bitte, prägen Sie sich das ein als Grundlage für alle folgenden Ausführungen: was hier als Ideologie entwickelt wird ist ein erfundenes, kein gefundenes System, und es ist sich dessen bewusst. Und darin liegt der Unterschied etwa zur Ideologie des Marxismus: in dem Bewusstsein um die Konstruiertheit der hier auszuführenden Ideologie.

Wenn auch konstruiert, schwebt doch diese Ideologie nicht irgendwo im luftleeren Raum. Auch sie basiert auf jetzigen gesellschaftlichen Bedingungen, Problemen, Theorien; aber sie bemüht sich, von Setzungen auszugehen, von Prämissen, die als willkürlich gedacht sind, und die in der Theorie durch andere Prämissen abgelöst werden kennten. Natürlich ist die darzustellende Ideologie auf die konkrete Situation und aus ihr heraus konzipiert: die Situation der Menschheit in der Gegenwart, wie ich sie bewusst und auch vorbewusst verstehe, und besonders die hierzu gedachten Lösungen bestimmter Probleme, schafft / schaffen sich ihre Prämissen in einer umfassenderen Ideologie. Die Theorie, samt Prämissen, ist also aus der Praxis abgeleitet, und bleibt im Bewusstsein dieser Ableitung und ihrer metaphysischen Willkürlichkeit: und damit müssen Sie das Bild der Linie, mit Konsensus an der einen Seite, marxistische Ideologie zum anderen Ende hin und darüber hinausgehend die neue Ideologie "Utopia Nova" modifizieren zum Bild einer Ebene, in der Konsensus und marxistische Ideologie auf einer Linie liegen, Utopia Nova dagegen an anderer Stelle. Die neue Ideologie liegt deshalb nicht auf der Linie, weil sie sich im Gegensatz zum Konsensus (implizit) und Marxismus (explizit) nicht als metaphysisch begründete oder wissenschaftlich erwiesene Notwendigkeit für die Menschheit ausgibt; sie strebt keinen der klassischen Werte wie das Heil, das Gute, die gerechte Ordnung, das ewige Glück, das Paradies, an.

Sie können diese Ideologie nicht als richtig oder falsch "erkennen", Sie müssen sich vielmehr entscheiden, ob Sie sie annehmen oder ablehnen wollen. Und damit ist diese Ideologie demokratisch verwurzelt. Aber: in ihrer konsequenten Anwendung würde sie eine Gesellschaft ergeben, die sich ganz erheblich von unserer jetzigen Demokratie unterscheidet, und in der auch Freiheit keine nicht hinterfragte Selbstverständlichkeit mehr ist, sondern jeweils in ihrer konkreten Ausprägung, nicht als Schlagwort, auf die Vereinbarkeit mit den Zielsetzungen der Ideologie untersucht und dementsprechend beurteilt werden muss.

Ich will Ihnen diese Ideologie schon deshalb nicht als "Demokratie in Potenz" anbieten, weil ich ja nicht weiß, was gerade Sie, Leser, unter Demokratie verstehen. Aber auch nicht als Heilsbotschaft, die man ablehnen oder annehmen muss wie das Wort Gottes: die Feststellung, Sie könnten die Ideologie nicht als richtig oder falsch erkennen, bezieht sich allein auf die Relativität ihrer Prämissen, die nicht logisch aus einer Religion, einer Metaphysik oder aus wissenschaftlichen Erkenntnissen deduziert sind und als zwingend aus ihnen abzuleitend auftreten. Diese Ideologie besteht aus Prämissen und praktischen politischen Forderungen. Aber selbst diese Forderungen ergeben sich nicht zwingend aus den Prämissen, ebenso wenig, wie die gesetzten Prämissen zwingend aus den Forderungen abgeleitet sind. Ein Zusammenhang ist dennoch vorhanden; und mir scheint, das das vorzulegende ideologische System einige Probleme, die vielleicht auch Sie, Leser, theoretisch oder praktisch bedrängen, oder von denen abzusehen ist, dass sie uns sehr bald bedrängen werden, gut löst und insgesamt akzeptabel ist.

Von dieser Ideologie wird folgende Leistung gefordert: sie soll möglichst viele Daten, die für unsere Existenz relevant sind, im Hinblick auf jene Konsequenzen analysieren und kombinieren, die diese Daten für die Realisierung oder Verhinderung der Ausgangsforderungen oder Prämissen haben. Beispiele dafür gebe ich erst später im Zusammenhang.

Ein grundsätzlicher Ansatz dieser Ideologie liegt in der Kombination von Zusammenhängen, die bisher noch weitgehend als voneinander unabhängige Vorgänge verstanden, oder doch als solche behandelt werden. Sie sucht daher u. a. Lösungen für bestimmte Probleme zu rationalisieren (im ökonomischen Sinne), indem sie zwei oder mehrere Probleme kombiniert, die uns vielleicht bisher ganz zusammenhanglos erschienen waren, und so vielleicht zu einer neuartigen und stabileren Lösung kommt, zumindest zu einer Lösung, die den Forderungen ihrer Prämissen besser gerecht wird als konventionelle Ansätze.

Diese Ideologie ermögliche somit: eine problemorientierte, kreative, rationelle und rationale Politik. Rational heißt hier nicht "vernünftig" - das wäre ein Begriff aus dem Bereich des Konsensus und der aus ihm entwickelten Ideologien, also aus der "Linie" unseres Denkmodells - sondern verstandesmäßig aus bestimmten Zielen abgeleitetes Handeln, und damit prinzipiell einer Nachprüfung im Hinblick auf den Nutzen für die Erreichung dieser Ziele zugänglich.

Ein längerer Einschub ist erforderlich, um den Begriff "rationell" zu erläutern oder bessern, in dieser Zeit, zu rechtfertigen. Natürlich haben Sie eine Vorstellung davon, was rationell und Rationalisierung in der Wirtschaft bedeuten. Vielleicht assoziieren Sie Schlagzeilen wie - "Rationalisierung - eine Gefahr für die Arbeitsplätze?" oder "Rationalisierungserfolge ermöglichten steigende Gewinne". Arbeitsplätze sind in der Tat wegrationalisiert worden, aber nicht "die" Arbeitsplätze. Vielmehr schafft die Einsparung von Arbeitsplätzen in einem Bereich die Möglichkeit eines Einsatzes der freigewordenen Kräfte in anderen Bereichen und die Möglichkeit zum Aufbau neuer Industrien - z.B. der Freizeitindustrie als Teil des sich immer mehr ausweitenden tertiären Sektors, aber auch die Möglichkeit z.B. zur Erweiterung des Gesundheits- und Bildungswesens. Banal für Sie, Leser, ich weiß, aber angesichts heute so verbreiteter schlichter und manchmal geradezu magischer Vorstellungen von Wirtschaft noch ein Wort wert: Wenn der Bauer nicht mehr produziert, als er selbst verbraucht, kann er keinen Arzt und keinen Lehrer und keinen Politiker bezahlen. Er kann ihm zwar "Geld" geben, meinetwegen Kauri-Muscheln; da aber der Empfänger nichts dafür kaufen kann - der Bauer verbraucht ja seine Produktion selbst - ist das "Geld" kein Geld.

[Ein Scheinwiderspruch, wie vielleicht alle jene wundersamen Paradoxien, welche die Philosophen aus dem Hut zaubern. Wenn der Satz "Geld ist gar kein Geld" überhaupt logisch möglich ist, so nur in dem voraufgegangenen Kontext, wo "Geld" einmal Dinge oder auch Buchungsvorgänge bedeutet, die uns als Zahlungsmittel und Zahlungsvorgänge geläufig sind, zum anderen aber bedeutet "Geld" dort "Zeichen, gegen das man Ware eintauschen kann". Wenn also der Bauer nichts verkauft gegen die Kaurimuscheln, die jemand ihm als Geld anbietet, hat dieser von vornherein nicht mit Geld bezahlt, sondern wertlose, weil nicht in einer anderen Kategorie wertmäßig vergleichbare, Kaurimuscheln hingegeben). Nun zu den steigenden Gewinnen, der zweiten Schlagzeile. Sie mögen ja Profite und Profitgier ablehnen; wenn aber jedes Jahr die Post- oder Bahn- "tarife" (= Preise) erhöht werden, und vielleicht sogar überproportional zu Ihrer Einkommenssteigerung, werden Sie dort vielleicht Rationalisierung fordern. Aber wieso nur dort? Es muss Ihnen doch klar sein, dass auch z.B. Mieten irgendwo mit den Baukosten und dem Rationalisierungsgrad im Bauwesen und in anderen Sektoren und sogar auf ganz anderen Ebenen zusammenhängen. Sparen Sie sich, kluger Leser, die Bodenpreise und Vermieterprofite jetzt und denken Sie sich den Zusammenhang ohne diese "Federung" oder dieses "Reservepolster", indem Sie z.B. eine Statistik der Entwicklung der reinen Baukosten in den letzten 1o Jahren betrachten.]

Bleibt zuletzt noch der Einwand, wir lebten ja ohnehin in einer Überflussgesellschaft, und warum rationalisieren, wenn jetzt schon zuviel produziert wird? Jedoch: nach aller sozialen Erfahrung wird jeweils der erreichte Standard die Norm, wird selbstverständlich, und die Erreichung neuer Ziele erscheint erstrebenswert - sei es nun das privatistische Ziel des Swimmingpools oder das soziale einer besseren psychiatrischen Versorgung. Und dieser Zusammenhang würde auch dann gelten, wenn alle Mittel gleich oder auch "gerecht" aufgeteilt wären, denn woher nehmen Sie, Leser, die Autorität, mir zu sagen, es sei gerecht, wenn ich die Hälfte bekäme, oder dasselbe, oder "nur" das Doppelte, wie Sie? Natürlich müssen einfach die Mittel irgendwie verteilt werden; Mittel, von denen ich meine, dass sie grundsätzlich und immer knapp sind - aber warum nicht ehrlich sagen, dass sie knapp sind und irgendwie im gesellschaftlichen Verteilungskampf - direkt zwischen den Beteiligten oder indirekt "von oben" - aufgeteilt werden müssen?

Repetieren wir nach dem langen Einschub die Grundlagen: Ideologie sei ein sozialphilosophisch-politisches Orientierungssystem mit dem inneren Ziel größtmöglicher logischer Widerspruchsfreiheit und dem äußeren Ziel, die ganze Menschheit in ihrer sozialen Struktur und bis hinunter zur Strukturierung der Motivationen des Einzelnen zu erfassen. Eine gute Ideologie liefere Grundlagen für eine rationale Politik, die Probleme kreativ und rationell löst und damit vielleicht neue Probleme, aber von größerer Komplexität als die alten, gelösten, schafft und so die Grundlage legt für eine weitere angestrengte Entwicklung der individuellen und gesellschaftlichen Kräfte in der Lösung immer komplexerer Probleme. Und das mag Ihnen allerdings als weiterer Nachteil dieser neuen Ideologie gegenüber einer klassischen erscheinen. Eine Ideologie alten Stils nennt die Probleme, zeigt die (vermeintlichen) Lösungsmöglichkeiten - und wenn dann die Ideologie nur richtig in die Praxis umgesetzt wird, sind am Ende (irgendwann einmal) automatisch alle happy. Der Ansatz einer modernen Ideologie muss bescheidener sein, kreativ statt dogmatisch. Sie nennt Probleme, offeriert neue Lösungsmöglichkeiten als System, sie versucht einfach, traditionelle Perspektiven radikal zu verändern. Sie will radikaler sein als bestehende politische Auffassungen und Ideologien, ohne dass aber diese Radikalität alle Gebiete des Lebens notwendigerweise gleich stark oder gleich schnell verändern müsste. Die Radikalität dieser neuen Ideologie liegt im Wissen um ihre Bedingtheit und in zwei Forderungen, die an sie gestellt werden sollen: sie muss wissen, dass sie neue Probleme schafft, indem sie alte löst, und sie muss in ihre Problemlösungen auf organisatorischer Ebene und individuell in Bewusstsein und Motivationsstruktur des Einzelnen Herausforderungen einzubauen versuchen, die eine Weiterentwicklung der Menschheit auf höhere = komplexere Zustände hin erzwingen.
Damit ist als eine Prämisse für diese Ideologie gesetzt, dass sie dem Fortschritt diene. Scheinbar nichts neues, jedoch von einer klassischen Ideologie insofern völlig verschieden, als "Utopia Nova" der Menschheit kein absolutes Heil bescheren will: Vielmehr versteht sie "Fortschritt" wertneutral als Entwicklung zu höherer Komplexität menschlichen Denkens, Handelns und Organisiertseins. Und damit wäre diese Ideologie, denkt man an die Marxsche Theorie von der spiralförmigen Höherentwicklung der Gesellschaft, in gewissem Sinne der einzig zeitgemäße Neo-Marxismus, die einzige radikale Weiterentwicklung des Marxismus. Aber das nur am Rande, denn diese Ideologie soll nicht geistesgeschichtlich abgeleitet und mit Autoritäten der Philosophie des Abendlandes belastet werden, welche sich nicht mehr wehren können, wenn man ihre Lehren angeblich vom Kopf auf die Füße stellt.

Wenngleich auch eine neue Ideologie selbstverständlich überall ihre Wurzeln in älteren und neueren Gedankengängen verschiedener Wissensgebiete hat, so ist doch eine Captatio benevolentiae des Lesers durch die Anführung klassischer und moderner Autoritäten nicht angestrebt. Sie müssen sich schon die Mühe machen, die Ideologie anhand der Ihnen unmittelbar und mittelbar zugänglichen Informationen über das Leben, wie es sich heute darstellt und wie es vielleicht in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren sein wird, kritisch zu prüfen. Ich weiß ja nicht, ob es Sie interessiert, wie andere Menschen in anderen Ländern heute leben, was dort geschieht und wie die Menschheit - und damit evtl. Ihre Kinder und Enkel - in fünfzig oder hundert Jahren existieren werden, aber eine Ideologie unterscheidet sich von einem Parteiprogramm u. a. dadurch, dass sie Grundlagen für eine langfristige, sehr langfristige, politische Orientierung bieten und politisches Handeln zur Überprüfung seiner langfristigen Auswirkungen veranlassen soll. Hier sei die andere Prämisse der neuen Ideologie eingeführt: Ihre Anwendung solle, neben der Förderung des Fortschritts, die Erhaltung möglichst intelligenten Lebens auf möglichst lange Sicht gewährleisten.

Hierin liegt aber eine weitere politische Schwäche dieser Ideologie. Menschen kämpfen für bessere Lebensverhältnisse für sich selbst; auch dort, wo die Ideologie ein paradiesisches Endziel in weite Ferne rückt, werden die ihr anhängenden Massen politisch mobilisiert nur mit dem Versprechen oder der Hoffnung auf baldige Veränderung von als untragbar empfundenen Zuständen. Gewiss, Verhaltensweisen zur Erhaltung der Art sind dem Menschen einprogrammiert: Eltern können sich die Ausbildung Ihres Kindes "vom Mund absparen", sie können dafür kämpfen, dass es ihrem Kind "später mal besser geht", und in einem schon abstrakteren Zusammenhang ziehen Männer in den Krieg, um "Frauen und Kinder zu schützen". Wäre dieser Terminus so beliebt gewesen in der Kriegspropaganda, wenn er nicht, schon mittelbar-abstrakt, aber doch noch unmittelbar verständlich, eine biologische Programmierung angesprochen hätte? Und auch heute wird ja die Forderung nach Umweltschutz oft mit dem Hinweis auf die Lebensbedingungen späterer Generationen gestellt.

Man kann sich für oder gegen den Fortschritt im o. a. Sinn entscheiden, man kann auch "für den Fortschritt" eintreten, und ihn doch gleichzeitig bekämpfen (und umgekehrt). Zwei Beispiele: Ein Industriemanager kann für die Durchsetzung eines Reaktorbaus oder des Baus einer neuen Fabrik kämpfen, zugleich aber sich mit allen Mitteln gegen eine Flughafenerweiterung in der Nähe seines Eigenheims sträuben. Und der Nationalsozialismus, dessen Wirtschaftsideologie den Kleinbetrieben Schutz vor dem Großkapital versprach, hat in der Praxis den Trend zu größeren Einheiten begünstigt. (Diese Beispiele sollten nicht dahingehend missverstanden werden, dass Reaktorbau oder Flughafenerweiterung in jedem Fall ein "Fortschritt" sein muss. "Fortschritt" in der hier verwendeten Begriffsauslegung kann es auch bedeuten, z.B. die Population geplant zu reduzieren, und damit die Umweltbelastung zu verringern, so dass z.B. der Gesamtenergieverbrauch reduziert wird, der Pro-Kopf-Verbrauch sich aber erhöht). Ich jedenfalls halte einen ständigen Fortschritt für erforderlich, um große soziale Spannungen zu vermeiden, die m. E. bei länger dauernder Stagnation oder gar bei Rückschritten in der zivilisatorischen Entwicklung auftreten würden. Explizites Ziel des Fortschritts darf dabei nicht mehr so ausschließlich wie früher sein, "dass es allen besser geht", sondern zu verhindern, dass es der Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft zunehmend schlechter geht. Und Fortschritt, ich betone es noch einmal, heißt hier nicht größtmöglicher Güterausstoß um jeden Preis, auch nicht unbedingt größtmögliche Bedarfs- oder Bedürfnisbefriedigung, sondern sein Ziel sei die Erhaltung möglichst intelligenten Lebens auf möglichst lange Sicht mit möglichst geringem Aufwand und möglichst geringen individuellen Unlustgefühlen.

Hier wird also die erste Setzung der Ideologie, der Fortschritt, durch die zweite definiert und zugleich werden Inhalte des traditionellen Fortschrittsbegriffs aufgenommen: größere Humanität, so wie wir sie heute verstehen, ist ja ein Resultat des wissenschaftlich-technisch-wirtschaftlichen Fortschritts und erst durch ihn möglich.

Fortschritt alter Art stößt heute an politische und natürliche Grenzen, oder diese Grenzen zeichnen sich zumindest für die Zukunft ab. Beispiele für politische Grenzen sind die zunehmenden Schwierigkeiten großer Konzerne, international flexibel zu operieren; Regierungen bemühen sich um größtmöglich Kontrolle solcher Gebilde, jeweils in ihrem Bereich, und ebenso die Gewerkschaften. Die fortschrittsadäquate Lösung, großräumig operierenden Industriekomplexen ebenso großräumig operierende Kontrollinstanzen gegenüberzustellen - also z.B. eine Europa- oder gar Weltregierung zu etablieren - scheitert am Konservatismus der Regierenden wie der Regierten. Und dieser Widerstand ist vielleicht nur zu brechen durch eine Ideologie, die ihrem Anspruch nach menschheitsumfassend ist, und für die eine Weltregierung nicht ein ideales Endziel, sondern notwendiges Teilziel eines umfassenderen Programms ist. Ein weiteres und zunehmend gravierendes Problem ist die "Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-nass-Einstellung", die bei unserer heutigen Struktur möglich und vielleicht auch legitim ist: natürlich brauchen wir Autobahnen, Kraftwerke, Flughäfen - aber warum gerade hier in meiner Nachbarschaft? Diese Problematik des individuellen - und zunehmend erfolgreichen - Kampfes gegen sozial notwendige (wenn auch nicht unbedingt öffentliche oder gar "soziale" im gängigen Wortsinne) Einrichtungen wird besonders deutlich und verschärft sich in Ballungsgebieten und unter der politischen Struktur eines "demokratischen Rechtsstaats" mit starker Betonung des Privateigentums. Andere politische Systeme werden sich aber irgendwann der gleichen Problematik des Ausbalancierens individueller Ansprüche und gesellschaftlicher Erfordernisse auch in diesem Bereich gegenübergestellt sehen, bzw. sind es schon jetzt. Die Fragen "Wozu Fortschritt?" und "Wieweit Fortschritt?" können nicht gelöst, sondern müssen entschieden werden. Als Grundlage solcher Entscheidungen, die natürlich nie endgültig sind, sondern immer wieder neu gefordert werden und dann für eine Zeitlang Geltung haben, scheint mir eine langfristig orientierte Ideologie zweckmäßiger als kurzfristige politische Entscheidungsprozesse mit unklaren Zielbestimmungen und evtl. häufigen Zieländerungen, bei denen dann u. U. Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen (Bau oder Nicht-Bau eines Kraftwerks z.B.) aufgrund enger lokaler Bedingungen gefällt werden. Jeweils an einem begrenzten Problem orientierte Entscheidungen ohne ein langfristiges Gesamtkonzept werden zunehmend kostspieliger werden und schwieriger durchzusetzen sein, weil ihnen die Legitimations- = Überzeugungsgrundlage fehlt. Natürliche Grenzen werden zunehmend deutlich in Rohstoffmangel und Umweltbelastung, beide verschärft auftretend durch mangelnde internationale Abstimmung.

Fortschritt kann scheinbar paradox werden: die Produktion von Gegenständen kann u. U. erheblich billiger sein als die Beseitigung der durch die Produktion entstehenden Umweltbelastung; der Sinn wissenschaftlicher Forschung kann fraglich werden angesichts des erforderlichen Aufwands (z.B. in der Nuklearforschung), hier ist wiederum ein langfristiges Orientierungssystem zweckmäßig, um über Nutzen oder Schaden zu entscheiden. Denn was uns heute aufwendig erscheint, kann morgen lebensnotwendig sein; eine Produktionsmethode, die heute billig ist, kann dennoch etwa durch größeren Verbrauch knapper Rohstoffe auf längere Sicht zu Versorgungsschwierigkeiten führen, die nur mit überproportionalem Aufwand zu beseitigen wären. Und schließlich: Fortschritt kann dazu verführen, eine Belastung der Erdressourcen mit einer Bevölkerungszahl zuzulassen, die langfristig nicht durchzuhalten ist. "Irgendwie" regelt sich zwar alles "von selbst", die Naturgesetze sind gleichgültig gegenüber menschlichen Wünschen und Leiden. Aber Ihnen, Leser, ist es doch vielleicht nicht egal, wie es in 50 oder 100 Jahren auf der Erde aussieht. Glauben Sie allerdings, der liebe Gott oder die Natur würden schon alles "in Ordnung" bringen, dann legen Sie diesen Artikel besser zur Seite, setzen Sie sich in den Wald und warten Sie auf die Sternthaler.

Mit der Forderung nach Erhaltung möglichst intelligenten Lebens auf möglichst lange Sicht drängt sich Ihnen möglicherweise die Frage nach dem "Sinn des Lebens" aus der Perspektive einer solchen Ideologie auf. Nun, ohne Zugrundelegung einer metaphysischen Gegebenheit (Gott z.B.) ist ein Sinn, eine Zweckbestimmung menschlicher Existenz, nicht möglich. Sicher gibt es sozusagen vorprogrammierte Entwicklungslinien, die sich aus dem So-Sein des Lebens und besonders der höchsten uns daraus bekannten Variation, des Menschen, ergeben. Die Höherentwicklung (wertneutral verstanden!) der Lebewesen folgt aus den in ihnen vorgegebenen Möglichkeiten im Rahmen einer bestimmten Umwelt. Aber ohne Setzung eines Gottes oder "natürlicher" Werte kann man diese Entwicklung nicht als Sinn-haltig bezeichnen. Sie ist aber ebenso wenig unsinnig. Der Sinnbegriff selbst ist aus menschlichem Handeln abgeleitet: es ist sinnlos, Wasser in den Benzintank eines Autos zu schütten, um damit zu fahren. "Sinn" ist das Ziel von Handlung oder Denken, "das Leben" als solches hat vielleicht eine Richtung, aber keinen von einer planenden Intelligenz einprogrammierten Sinn.

Sie mögen den Sinn Ihres Lebens darin sehen, gut zu sein, aber die Beurteilung einer Handlungsweise als gut oder böse erfordert Kriterien, die gesellschaftlich erarbeitet werden und oft sogar individuell differieren. Hinzu tritt die Zeitkomponente: eine Handlung, heute von allen als gut bewertet, kann morgen allen als verwerflich erscheinen. Außerdem können Sie niemals alle Ihre Handlungen, von der Wiege bis zum Grabe, auf ein Ziel ausrichten. Sinnlos bedeutet jedoch nicht grundlos: Handlungen haben ihre Ursache, auch wenn sie nicht sinnvoll auf ein Ziel hingeordnet sind. Was wäre dann, wenn der Sinn einer Handlung ihr Ziel ist, ein sinnvolles Ziel? Es wäre einfach ein Teilziel, dessen Erreichung "Sinn" hat, sich also einem anderen Ziel unterordnet.

Unsere Existenz ist also sinnlos, wir können tun was wir wollen, Ziele und Grenzen sind nur individuelle oder gesellschaftliche Setzungen. Unsere Handlungen sind ebenso wenig absolut gut, wie sie absolut böse sein können. Dieser Relativismus ist unbefriedigend, denn unsere ganze Erziehung, der ganze Überbau unserer Kultur, widersprechen. Es gäbe kein Recht mehr, das man durch fleißiges Forschen finden könnte, keine gültige - keine metaphysische gültige - Moral. Damit wäre die Gesellschaft vor die Notwendigkeit gestellt, bewusst Normen zu setzen, alle Normen bewusst zu setzen, und dabei wäre es immer unsicher, selbst unter der Voraussetzung allgemein angenommener Zielvorstellungen, ob die Aktionen zur Beeinflussung des Einzelnen zur Einhaltung dieser Normen den akzeptierten Zielen dienen.

Und doch tritt eine grundsätzliche Veränderung gegenüber der jetzigen Situation durch diese Relativierung nicht ein: Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde und, leider als Grundsatz selten postuliert, weil scheinbar als selbstverständlich vorausgesetzt, ein befriedigendes Funktionieren der sozialen Organisation sind die Ziele, an denen konkrete Normen sich orientieren, oder auf deren Einhaltung sie geprüft werden. In kommunistischen Staaten gilt der Sozialismus als Norm. Diese Begriffe werden verabsolutiert als ewige Werte oder historische Zwangsläufigkeiten; das Ringen um die situationsbezogene Auslegung wird häufig auf dieser absoluten Ebene mit Scheinargumenten geführt, hinter denen konkrete Interessen sich verstecken können. Indem wir nun von politischer Argumentation fordern, sie solle die sozialen Ziele ihrer Vorschläge konkret benennen - z.B. statt "mehr Freiheit" des Bürgers im sexuellen Bereich "Abschaffung von Normen des Sexualverhaltens, die heute für die soziale Organisation und den Beitrag des Einzelnen zur gesellschaftlich zu erbringenden Leistung überflüssig sind" - zwingen wir die Argumentation auf die Ebene prinzipieller Nachprüfbarkeit - und erstreben damit eben doch eine wesentliche Veränderung der jetzigen Situation bei politischen Diskussionen.

Unsere Ideologie setzt sich damit als eine weitere Aufgabe, gesellschaftliche Normen und politische Argumentation transparenter zu machen, als sie es bisher sind, was man auch als einen Schritt in Richtung auf mehr Demokratie verstehen kann. Aber, Vorsicht: Demokratie ist hier nicht eine Erweiterung der politischen Entscheidungsmöglichkeiten des Bürgers, sondern verbesserte Kontrollmöglichkeit, ob Maßnahmen einem auf lange Sicht akzeptierten Entscheidungsrahmen entsprechen oder nicht. Eine bewusst Ideologie-sein-wollende Ideologie kann nicht über affektive Zustimmung der Massen zu den führenden politischen Vertretern dieser Ideologie operiert werden, sondern nur durch bewusste Kontrolle, ob die praktischen Maßnahmen eben dieser politischen Führung Schritte auf dem Weg in die gewählte Richtung sind.
Im praktischen Gesetzgebungsverfahren würde das etwa bedeuten, dass zunächst eine Ist-Beschreibung gemacht wird. Bei der Strafgesetzgebung betr. z.B. die Tötungsdelikte könnte das etwa so aussehen:

Ist: "Soundsoviele Menschen werden absichtlich von anderen Menschen pro Jahr getötet" (diese Aussage wäre statistisch detaillierter aufzugliedern).
Dann die Norm: Solche Tötungen stören die soziale Organisation (u. a. weil sie die Bürger verunsichern) und sind daher, soweit mit vertretbarem Aufwand möglich, zu verhindern.
Evtl. Ausnahmen angeben: gibt es willentliche Tötungen, die nicht sozialschädlich sind Sterbehilfe?)?
Vorbeugende Maßnahmen ergreifen: medizinische Behandlung potentieller Täter, Veränderung sozialer Bedingungen in besonders gefährdeten Gebieten, Abschreckung durch Strafen. Zur Verbesserung der Kontrollmöglichkeiten kann es wünschenswert sein, z.B. die Strafen regional oder nach Täterkreis oder sogar nach Opfern zu differenzieren: das Ziel ist ja nicht mehr, Täter zu bestrafen, um der "Gerechtigkeit" Genüge zu tun, sondern eine Minimierung der willentlichen, sozialschädlichen Tötungen und eine Kontrolle, durch welche Maßnahmen dieses Ziel am besten erreicht werden kann.

Natürlich wird dieser praktische Gesichtspunkt auch bei uns jetzt schon beachtet, wenn auch verborgen unter einem Wust von Gerechtigkeitsideologie. Aber wenn die Zahl der Flugzeugentführungen steigt, oder der Drogenmissbrauch, werden die Strafen erhöht. Ebenso wird im Strafverfahren die Täterpersönlichkeit berücksichtigt, aber lediglich unter einem individuellen Gesichtspunkt. Stattdessen sollte eine sozialrationale Fragestellung lauten: wie reagiert diese oder jene Klasse potentieller Täter, wenn ich ein überführtes Mitglied dieser Klasse - sie mag wirtschaftlich oder nach Bildungsstand oder nach anderen gemeinsamen Merkmalen definiert sein - in dieser oder jener Weise strafe? Wenn sich dabei herausstellt, dass der Affekttäter auf die Drohung mit Todesstrafe - statistisch gesehen - nicht reagiert, der Berufsgangster aber sehr wohl, oder der Akademiker reagiert, der Volksschüler nicht, kann die Gesetzgebung entsprechend differenziert werden. Was uns jetzt als schreiende Ungerechtigkeit erscheinen mag - den Mörder X anders zu verurteilen als den Mörder Y, nur weil beide aus einer anderen Klasse potentieller Täter kommen - wäre dann selbstverständlich aufgrund der ausschließlichen Zielsetzung des Gesetzes, die Zahl der Tötungen zu minimieren; ebenso selbstverständlich wie heute unterschiedliche Prämien in der Kfz-Haftpflichtversicherung z.B. für bestimmte Regionen oder Berufsgruppen.
Damit ist natürlich keine endgültige Lösung des Problems erreicht: die Zahl der möglichen Faktoren, die einen Straftäter formen und in seine Tat eingehen, ist zu groß, um sie ganz zweifelsfrei isolieren zu können; hier ist also der Auseinandersetzung verschiedener Meinungen weiterhin Raum gegeben, ebenso in der Frage, was ein vertretbarer Aufwand sei: wie viele Polizisten oder Psychiater sollen eingestellt werden? Verändert, rationalisiert, hat sich aber die Zielsetzung: von mittelalterlichen Rachefeldzügen über eine scheinbar ewige Rechtsordnung hin zur Funktionalisierung des "Straf"rechts auf Individual- und Generalprävention. Der jeweilige Vorrang ergäbe sich aus der Zielsetzung des Gesetzes, nicht aus einem Postulat, etwa der "Menschenwürde", die in ihrer gegenwärtigen Ausrichtung allein auf die Behandlung des Täters abstellt und die "Würde" anderer potentieller Opfer - und auch Täter - völlig ausklammert.

Ein Ansatz zu einer rationalen Erfolgskontrolle politischen Handelns ist derzeit bei uns z.B. der Subventionsbericht, den die Bundesregierung vorlegen muss. Ziel der hier vorgetragenen Ideologie ist es aber, dieses System von: Problemfeststellung - Problembehandlung - Erfolgskontrolle möglichst umfassend anzuwenden und bewusst als Prinzip politischen Handelns zu institutionalisieren. Evtl. ist es dazu erforderlich, die Erfolgskontrolle einer besonderen Organisation z.B. nach Art des Bundesrechnungshofs zu übertragen. Dem Parlament verbleibt die Bewertung der Resultate. Eine genaue Kontrolle in der o. a. Art kann es nicht leisten, sie liegt auch nicht in seinem Aufgabenbereich, weil es hier ja um Datenerfassung geht und um die Einordnung dieser Daten nach vorgegebenen Kriterien.

Das hier für das Strafrecht näher ausgeführte System bedeutet einen Fortschritt, weil es Quantifizierung gesellschaftlicher Daten anstrebt und somit einer exakten Sozialwissenschaft ein stärkeres Gewicht bei politischen Entscheidungen und bei der Kontrolle ihrer Auswirkungen sichert. Somit ist es eine Konkretion einer der beiden Grundforderungen unserer Ideologie: den Fortschritt zu fördern. Politisches Handeln wird bewusster, transparenter und rationeller, eine Höherentwicklung, aber nicht Schritte auf ein absolutes Endziel."


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- "to be continued" –

lautete der optimistische Schlusssatz meines Papiers.
In gewissen Sinne habe ich die vorliegende Arbeit tatsächlich fortgeführt: in verschiedenen Webseitenaufsätzen und Blotts. Natürlich nicht im Sinne einer Lösung. Die Zielsetzung einer Etablierung einer bewussten Ideologie quasi im Konsens entspricht dem Versuch einer Quadratur des Kreises. Eine quasi "lineare" Fortführung meiner Gedankengänge war mir deshalb nicht möglich.
Und ganz so optimistisch rationalistisch wie damals bin ich heute auch nicht mehr. Gleichwohl kann ich mich auch heute noch recht weitgehend mit dem obigen Aufsatz identifizieren bzw. entdecke ich darin viele Themenfäden wieder – Menschheit, Rationalität, Umwelt – die immer noch eine wesentliche Rolle in meiner "Weltdenke" spielen.


Die Idee, eine "künstliche" Ideologie in die Welt zu setzen (d. h. eine Ideologie, welche sich ihres -relativ- willkürlichen Charakters, ihrer "Geschaffenheit", bewusst ist), mag als skuriler Spleen einer spätpubertären Jünglingsfantasie erscheinen.
Indes begegnete sie mir vor einiger Zeit wieder im Werk des US-amerikanischen Philosoph (man müsste ihn wohl als Kulturphilosoph oder Sozialphilosoph bezeichnen) Tom Bridges, seinerzeit Professor an der Montclair State University. Seine frühere Webseite www.civsoc.com ("civsoc" steht für sein Arbeitsgebiet "civil society") ist nicht mehr online; auf der Universitäts-Webseite ist er zwar in der Liste der Fakutltätsangehörigen noch aufgeführt, der Link zu seiner (Uni-)"Homepage" ist jedoch nicht mehr aktiv.
Zum Glück gibt es indes das großartige Internet-Archiv "Waybackmachine", das den Surfer (sofern er die alte URL kennt) weit zurück in die Vergangenheit trägt.
Professor Tom Bridges beschreibt in seinem "ESSAY 2: The Rhetorical Analysis of Civic Culture" [hier Teil 1] die bürgerlich-liberale Kultur als Produkt einer Ideologie, die von Denkern wie Kant und Locke entwickelt wurde. Diese selbst hätten zwar [ebenso wie zweifellos Karl Marx] an die absolute Richtigkeit ihrer Überzeugungen geglaubt. Tatsächlich sei aber ihr Denken als Teil einer (unbewusst) interessengeleiteten rhetorischen Strategie zu verstehen. Nachdem heute der Ideologiecharakter des liberaldemokratischen Denkens erkannt sei, stünden wir vor dem "project of inventing a viable postmodern, post-Enlightenment civic culture" schreibt er im 2. Teil des Essays u. d. T. "Theoretical discourse as a rhetorical strategy". [Hervorhebung von mir; die Zuordnung der Essays ist etwas unklar, weil in der Waybackmachine das, was ich seinerzeit als 2. Teil der "Rhetorical Analysis ..." gespeichert hatte, unter dem Obertitel "ESSAY 2: The Anti-Rhetorical Rhetoric of Pure Theory" erscheint. Inhaltlich ist der Text -zumindest jedenfalls die zitierte Passage- jedoch identisch.]
Im übrigen empfehle ich allen, die Zeit und einschlägiges Interesse haben, eine Lektüre von Bridges Aufsätzen, die über seine in der Waybackmachine noch präsente Homepage weiterhin erreichbar sind.
Auf meine Mail-Anfrage an die Uni nach dem Schicksal von Mr. Bridges habe ich eine prompte Antwort erhalten:
"Tom passed away a number of years ago. He is missed by many".
Leider kann ich im Weltnetz keinen Nachruf (obituary) entdecken. Falls eine(r) meiner Leser(innen) Näheres über die Lebensdaten usw. von Prof. Bridges weiß, wäre ich für einen entsprechenden Hinweis dankbar.



Textstand vom 07.01.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Damals, als ich der Menschheit durch eine Quellensteuer (quasi eine energetische "Tobin Tax") helfen wollte


Ehrlich: es hat Zeiten gegeben, da habe ich geglaubt, man müsse etwas für "die Menschheit" tun, insbesondere den unterentwickelten Länder massiv helfen. Und das zweckmäßiger Weise so, dass gleichzeitig auch der Klimaschutz profitiert und die internationale politische Zusammenarbeit im Rahmen der Vereinten Nationen auf eine qualitativ völlig neue Basis gestellt wird (nämlich durch eine eigene Finanzierungsquelle in Form einer weltweiten Steuer).
Also setzte ich mich hin und schrieb den nachfolgenden Brief und versandte ihn am 16.09.1990 an die Fraktionen der CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen:

Bonn oder Berlin? Die Hauptstadtfrage .....

..... ist heute längst entschieden. Aufräumarbeiten (vgl. auch meine Einträge vom 12.10.2007) haben indes alte Papiere wieder ins Bewusstsein geschwemmt, darunter auch meinen unten wiedergegebenen Leserbrief vom 27.03.1991 an das Düsseldorfer Handelsblatt.
Das Texterkennungsprogramm ABBY FineReader hat mich verführt, auch diesen Text (mit welchem ich mich auch heute noch voll identifiziere) zu digitalisieren - und letztlich hier zu präsentieren.

Was zunächst als Leserbrief konzipiert war, weitete sich aus zu einer kleinen politischen Kampagne.
Ich hatte den Text (verkleinert auf insgesamt -4- Seiten) in einer zur Verteilung an sämtliche Abgeordnete des Deutschen Bundestages (damals irgendwo über 600) ausreichenden Menge kopiert und am 31.03.1991 an die Bundestagsverwaltung mit der Bitte um Weiterleitung an die Abgeordneten expediert. Die Verwaltung empfand das aber wohl als eine Art Spamming und antwortete wie folgt:

"Sehr geehrter Herr Brinkmann,
Ihre Sendung mit Schreiben "Ein Bürger für Berlin" ist am 08. April 1991 hier eingegangen. Sie bitten diese Schreiben an die Mitglieder des Deutschen Bundestages zu verteilen. Ihrer Bitte kann in dieser Form leider nicht entsprochen werden.
Den Deutschen Bundestag erreicht eine große Zahl vergleichbarer Versandwünsche, so daß für Sammelsendungen innerhalb des Deutschen Bundestages besondere Anforderungen gelten.
Der Ältestenrat hat beschlossen, daß Sendungen dieser Art an die Mitglieder des Deutschen Bundestages nur dann verteilt werden können, wenn die Schreiben einzeln kuvertiert sind und neben der persönlichen Anschrift des Empfängers die genaue Absenderangabe tragen.
Ich bitte deshalb um Verständnis, daß ich Ihrem Wunsche nicht nachkommen kann und Ihnen Ihre Schreiben zurücksende. Um Ihnen bei der Durchführung Ihres Vorhabens behilflich zu sein, füge ich ein Fraktionsverzeichnis bei. Die Briefe können Sie dann als Sammelsendung wieder an den "Deutschen Bundestag, Bundeshaus, 5300 Bonn l" senden.
Mit freundlichen Grüßen Im Auftrag"


Das war mir denn doch etwas zu viel Arbeit, die Briefe für sämtliche Abgeordneten einzeln zu kuvertieren. Also übersandte ich die jeweils entsprechende Menge an die Fraktionen mit der Bitte um Verteilung. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht. Vermutlich wurden damals die Abgeordneten mit ähnlichen Papieren (für Bonn bzw. für Berlin) überschüttet.

Es ging mir also damals mit meinen Texten nicht anders als heute mit meinen Blog-Einträgen: (fast) niemand liest sie. Immerhin haben sie aber noch einen Wert für mich selbst.



"Handelsblatt-Redaktion Postfach 1102 4000 Düsseldorf

EIN BÜRGER FÜR BERLIN 27.03.91

Betr.: HB [Handelsblatt] v. 21.03.91 [S. 7]; Beiträge zur Hauptstadtfrage von
- Prof. Dr. Kurt Sontheimer ["Wider die deutsche Hauptstadtspaltung" UT: "Eine Entscheidung gegen Berlin wäre nichts Geringeres als ein Betrug am deutschen Volk"],
- Otto Wolff von Amerongen ["Bonn steht für die Westbindung der Bundesrepublik" UT: "Eine Entscheidung für Berlin würde zum Gegenwärtigen Zeitpunkt ein irritierendes Signal setzen"] und
- Prof. Dr. Eberhard Jäckel ["Für einen historischen Kompromiss" UT: "Bonn muss Regierungssitz bleiben – Entwicklungsprogramm für Berlin auflegen"]


Sehr geehrte Damen und Herren,

nachfolgend haben Sie einen Leserbrief für den Papierkorb. Abdrucken werden Sie ihn nicht: weil er zu lang ist, weil er nicht der bei Ihnen vorherrschenden Meinung zur Hauptstadtfrage entspricht (2:1 für Bonn!), auch weil er manches wiederholt, was andere schon in die Diskussion eingebracht haben. Zudem gibt der Verfasser sich als Patriot zu erkennen, in einer Zeit, in der allenfalls patriotism erlaubt ist. "Amerika ist wieder schön" stand neulich im HB. Deutschland soll, fordern 255 Volksvertreter im Ergebnis, ein Krüppel bleiben, der in Brandenburg nicht seinen Kopf, sondern einen hässlichen Buckel hat. Der Kanzler, der im Einigungsprozess gezeigt hat, dass er ein großer Staatsmann ist, taktiert und spielt auf Zeit, die nur für Bonn arbeiten kann. Der Bundespräsident, dem alle gern zunicken, wenn er unverbindliche Weisheiten predigt, will sich mit der Rolle eines Staats-Toasters nicht zufriedengeben und wird dafür von Ehmke und Konsorten verprügelt.
Für mich selbst war es eine notwendige (Oswald Spengler würde sagen: "schicksalhafte") Mühe, meine Option schriftlich zu fixieren. Bitte haben Sie die Freundlichkeit, die beigefügten Kopien an die drei Verfasser weiterzuleiten. Vielleicht trägt meine Arbeit so dazu bei, dass die Diskussion zumindest auf der dieser Frage einzig gemäßen Ebene geführt wird:
FRAGT NICHT, WAS EUER LAND FÜR SEINE HAUPTSTADT TUN SOLLTE - FRAGT, WAS EURE HAUPTSTADT EUREM LAND SEIN KANN!


Wer als Zeitgeschichtler einen "historischen Kompromiss" anbietet muss voraussehen, dass der Leser den "compromesso storico" assoziiert: also die Verschleierung eines Zieles (damals der PCI) durch einen vollmundigen Begriff; oder italienische Politikverhältnisse überhaupt, mit Winkelzügen und Bürgerferne. Hat Prof. Jäckel sich mit dieser Überschrift ungewollt decouvriert? Antwort auf diese Frage gibt eine Analyse er Argumentationsstrategie, die Eberhard Jäckel in seinem Aufsatz verfolgt.

"Es geht nicht um die Hauptstadtfrage" versichert er uns. Vielmehr "wird zu Recht vor allem von der Frage des Regierungssitzes gesprochen". Ist das Problem auf solche Weise verbal heruntergespielt, lässt es sich in der Welt der Begriffe (gewiss nicht in der Realität) "zunächst einmal" auf einen Interessenkonflikt zwischen Bonn und Berlin reduzieren. In Abwägung dieser Interessen kommt Jäckel zu dem (m. E. falschen) Schluss, dass Bonn bei einem Regierungsumzug weit mehr verlöre als Berlin gewönne. Doch dann merkt der Historiker wohl, dass eine solche Betrachtungsweise den Staat zum Mistbeet für das Gedeihen der Hauptstadtpflanze herabwürdigt und fordert, nicht das Bonner oder Berliner, sondern "das übergeordnete Interesse des ganzen Staates und aller seiner Bürger'' müsse entscheiden. Zum unparteiischen Schiedsrichter macht er sich selbst, weil er "weder in Berlin noch in Bonn einen Koffer hat, gefüllt mit Interessen". Während der Leser mit Spannung darauf wartet, dass Prof. Jäckel mit seiner Darlegung in die Zielgerade einläuft, hat der schon wieder die Kurve gekratzt: Die Entscheidung für Bonn oder Berlin, stellt er fest, sei "keine Katastrophe" (wer unter einer Katastrophe für unseren Staat nur etwas ähnliches wie den 2. Weltkrieg versteht, kann dieser Feststellung zustimmen). Und "also" folgert er, geht es eben doch nur "um die Abwägung der Vor- und Nachteile für Berlin, für Bonn". (Dass er als Nachsatz noch "für uns alle" dranhängt, ist rein rhetorisch und ohne Bedeutung für seine weitere Argumentation.) Beim Griff nach der Konjunktion "also" war er indes von allen logischen Geistern (bzw. jeder wissenschaftlichen Redlichkeit) verlassen. Oder würden Sie die Behauptung akzeptieren: Es ist keine nationale Katastrophe, ob die CDU oder die SPD die nächste Bundestagswahl gewinnt; also geht es nur um die Vor- und Nachteile für die einzelnen Abgeordneten?

Jäckel jedenfalls hat die kommunalpolitische Ebene wiedergewonnen, die (solange man sie nicht in letzter Konsequenz durchdenkt) für die Anhänger Bonns scheinbar die bequemste ist. Der Umzug kostet Geld; statt Möbelwagen durch die Gegend rollen zu lassen kann man dieses Geld doch gleich den Berlinern geben - da können die sich deutsche, europäische und internationale Behörden für kaufen. Und den Titel "Hauptstadt" kriegen sie geschenkt und den Bundespräsidenten sowieso, denn Politiker mit Weitsicht stören die rheinseligen Wogen der 255+ Bonner Sandkastenspieler. Und wenn Jäckel beim Jonglieren mit Nominalien und Realien fragt, warum die Hauptstadt eigentlich Regierungssitz sein muss, warum man nicht das eine vom anderen trennen kann, müssen wir ihm wegen der Vermischung der definitorischen mit der sachlichen Ebene erneut wissenschaftliche Unredlichkeit vorwerfen. Natürlich kann man Berlin - wie Amsterdam, wie man es auch mit New York machen könnte - Hauptstadt nennen, ohne dass es Regierungssitz wäre. Man legt dann lediglich eine andere Definition des Hauptstadtbegriffs zugrunde, als z.B. Sontheimer ("Eine Kapitale, in der die wichtigsten Verfassungsorgane nicht tätig sind, ist per definitionem keine Hauptstadt" - aber auch das ist natürlich nur sein -und mein- Verständnis des Hauptstadtbegriffes). Doch Jäckel hat ja selbst eingangs festgestellt, dass es nicht um eine solche rein begriffliche Hauptstadtfrage geht, sondern um den Regierungssitz. Und in den Augen einer Mehrheit der Deutschen wäre das Abspeisen Berlins mit dem bloßen Titel und dem Präsidentensitz eine "Hauptstadtlüge", wie Rainer Nahrendorf im HB [Handelsblatt] vom 12.3.91 ["Keine Hauptstadtlüge" UT: "Die Parteinahme des Bundespräsidenten"] treffend kommentiert.

Der Historiker mag freilich für sich in Anspruch nehmen, die Hauptstadtfrage nicht vom moralischen Standpunkt aus angehen zu müssen, und gern hätten wir von ihm eine geschichtliche (nicht mit vergangenheitsbezogen zu verwechseln!) Betrachtung gelesen. Warum vermeidet er diese Dimension zugunsten einer kommunalen Kirchturmsperspektive? Fürchtet er, anders seine offenbar vorgefasste Meinung gegen Berlin nicht verteidigen zu können? Denn auch was seine Interessenlage in der Hauptstadtfrage angeht, muss ihm der Begriff zur Verschleierung der Sachlage dienen. Gewiss: ein wirtschaftliches Interesse mag er nicht haben, aber doch ein sehr tiefsitzendes psychologisches Interesse (man könnte etwa die Widerspiegelung von Bedeutungsängsten einer Ländlekapitale vermuten, aus der Deutschlands größter Industriekonzern schon die ersten Absetzbewegungen eingeleitet hat). Denn ansonsten würde er als Wissenschaftler sich davor gehütet haben, mit sophistischen Taschenspielertricks und sogar handfesten Unredlichkeiten für Bonn zu werben.
Für die Behauptung, der Sitz der Landesregierung vertrage sich nicht mit dem der Bundesregierung, bleibt er uns nicht nur den Beweis, sondern schon die Begründung schuldig. (Und wenn er Recht hätte, ließe sich Berlin nach Brandenburg integrieren). Berechtigt ist zwar der Hinweis auf die ökologische Dimension eines Regierungsumzuges. Doch warum sorgt sich der Autor einseitig um die Grünflächen Berlins? Wäre es nicht sinnvoll, gerade dem übervölkerten Bundesland NRW die demographische Entlastung zu gönnen?

Unredlich ist es, Horrorvisionen von Bonn als einer "weithin funktionslosen Geisterstadt" heraufzubeschwören. Jäckel weiß zweifellos genau, dass Berlin bereit ist, Bundesverwaltungen mit Bonn zu teilen; er kennt gewiss die Vorschläge von Hans Jochen Vogel, Bonn europapolitische und wissenschaftliche Funktionen zu geben, er weiß, dass unser politisches System eine "Geisterstadt Bonn" nicht zulassen würde. Und dass die Inkonvenienz, die ein Regierungsumzug für zahlreiche häuslebauende Staatsdiener (wenn man das Wort noch verwenden darf?) mit sich bringen würde, kein entscheidendes Argument in einer Frage sein kann, die "das Interesse des ganzen Staates und aller seiner Bürger" betrifft, versteht sich wohl von selbst.


Was Geschichte ist und wie sie gemacht wird, kann der Historiker beim Unternehmer nachlesen. Auch Otto Wolff von Amerongen ist Gegner eines Regierungsumzuges nach Berlin, aber "Kosten sollten nicht das ausschlaggebende Argument für oder gegen einen Umzug nach Berlin sein", denn "mit dem Klingelbeutel ist keine Geschichte zu machen". Die Westbindung als Grund gegen Berlin anzuführen, Irritationen, die eine Entscheidung für Berlin bei unseren Verbündeten auslösen könnte, Bonn als Garant für auch zukünftige Verlässlichkeit: damit wird das Thema jedenfalls auf der ihm zukommenden historischen Ebene behandelt. Für einen Unternehmer, der Geld verdienen will und eine Störung seiner Exportgeschäfte vermeiden möchte, ist diese Entscheidung verständlich und scheinbar folgerichtig, wenngleich ich meine, dass hier in verhängnisvoller Weise langfristige zu Gunsten kurzfristiger Interessen vernachlässigt werden. Kann aber das deutsche Volk, dem gerade jetzt im Ausland die Bereitschaft zur Übernahme weltpolitischer Mitverantwortung abverlangt wird, die Entscheidung über seine eigene Hauptstadt dem Ausland überlassen oder von dessen "Genehmigung" abhängig machen? Deutsche Verlässlichkeit und Integrationsbereitschaft ließen sich auf andere Weise demonstrieren: "Wenn ihr Angst vor einem übermächtigen Deutschland habt, beschleunigt die europäische Einigung und mithin die politische Einbindung Deutschlands - wir sind dazu bereit" könnten wir unseren Freunden sagen.


Es ist indes unter den drei Beiträgen einer, der für Berlin optiert, und das voll mitreißender Beredsamkeit und Leidenschaft. "Betrug am deutschen Volk", der "Bruch eines Versprechens, der ungleich schwerer wiegt als die Steuerlüge", eine "Irreführung" wäre nach Sontheimer die "Formel, mit der die heutigen Bonn-Konservatoren Berlin um seinen früher so einmütig bekräftigten Hauptstadtanspruch bringen wollen". "Kleinkrämerei, Kleingeist, Provinzialismus" und "moralischen Opportunismus" wirft er denjenigen vor, die "Berlin das Recht streitig machen, Deutschlands wirkliche Hauptstadt zu werden". Kernige Sätze sind das, die einem Freund Berlins das Herz wärmen. Es ist auch notwendig, die Frage vom moralischen Standpunkt aus zu beleuchten. Nur (und Sontheimer mag das wissen): es ist nicht genug. Bei einer solchen Frage kann die moralische Dimension ebenso wenig die entscheidende sein, wie sie es etwa 1915 für Italien bei der Entscheidung über den Kriegseintritt sein konnte. Hier hat Jäckel recht wenn er - für seine eigene Argumentation leider folgenlos - fordert, "das übergeordnete Interesse des ganzen Staates und aller seiner Bürger" zum Entscheidungskriterium zu machen.


Welche Gründe sprechen auf dieser Ebene für oder auch gegen Berlin?

Aus Andrew James Johnstons Aufsatz in "Die Zeit" v. 2.11.90 entnehme ich den Hinweis auf Max Streibls Diktum von der "Hauptstadt Kreuzberg", also die Angst der Politiker, in Berlin mehr als in Bonn den Pressionen der Straße ausgesetzt zu sein. Billig wäre es, solchen Bedenkenträgern "Angst vor dem Volk" vorzuwerfen, denn das hieße, das "Lumpenproletariat" (oder einzelne Gruppen, die ja auch schon in Bonn demonstriert haben) mit dem ganzen Volk gleichzusetzen. Recht hat aber Hans-Jochen Vogel, wenn er fordert (HB v. 20.2.91), dass "Regierung und Parlament dorthin" gehören, "wo die Probleme der Menschen zu spüren sind und nicht in einen Schutzraum". Auch in Frankreich haben sich die Regierung und das Parlament nicht in Vichy angesiedelt, sondern eben in der manchmal recht unruhigen Metropole Paris.
Und wie sieht es mit den Kosten aus, bei denen selbst Berlin-Befürworter glauben, dass sie eher für einen Verbleib der Regierung in Bonn sprechen?

Berlin ist eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern inmitten märkischer Sande, "80 km von unserer Ostgrenze entfernt" (Wolff v. Amerongen). Ist das für Investoren ein attraktiver Standort? Nahe an Polen, wo das Aufholen zum westlichen Wirtschaftsniveau vielleicht noch Jahrzehnte dauern wird? Wer will da Fabriken bauen, wenn er nicht dicke Subventionen bekommt? Wer will sich in einem solchen Schutthaufen der Geschichte ansiedeln - denn das allein wäre Berlin, würde es nicht wieder Deutschlands Hauptstadt (für mich existiert nur ein Hauptstadtbegriff, der die Funktion beinhaltet, jede andere Begriffsverwendung wäre schon ein Zugeständnis an die Hauptstadtlügner). Kein Wasserkopf wäre Berlin ohne Regierung: es wäre eine niemals verheilende finanzielle Eiterbeule. Ein lebendes Hauptstadt-Denkmal, das Jahr für Jahr 10 oder 20 Mrd. DM Subventionen verschlingen würde. Ziel unseres Hasses würde eine solche Stadt werden, und das durch unser, nicht durch eigenes Verschulden. Welche Messen, z.B., würde solch ein Monster gegen die Konkurrenz des etablierten Hannover, des heiteren München, des stinkreichen Frankfurt auf Dauer behaupten können? Drehscheibenfunktion? Das, Herr Wolff v. Amerongen, ist nur eine Worthülse. Kein sowjetischer Kaviarexporteur schlägt seine Ware, die er in Paris verkaufen will, in Berlin um - was, außer Kosten, brächte ihm das ein? Ist die Regierung da, geht alles hin - auch ohne Subventionen; geht die Regierung nicht hin, kommt da kein neues kraftvolles Leben rein. Können wir uns das leisten - finanziell, aber auch ökologisch, wenn die Bewohner des sterbenden Riesen in das ohnehin übervölkerte Westdeutschland abwandern? Nein, Herr Jäckel: für Berlin bedeutet der Regierungssitz ungleich mehr als für Bonn: für Berlin (in seiner jetzigen Dimension) ist das die Existenzfrage, für Bonn nur eine Frage der (zeitlich befristeten) Kosten. Das vielleicht hat der Bundespräsident gemeint, wenn er schreibt (HB v. 11.3.91): "Berlin Funktionen zu geben, wird teuer. Berlin Funktionen zu verweigern, wird noch teurer". Die auf diese Weise unbefristet zur Denkmalpflege nötigen Summen würden auf Dauer für unsere Infrastruktur, für unser Bildungswesen usw. fehlen, würden uns im internationalen Konkurrenzkampf zurückwerfen. Das z.B. sind langfristige Perspektiven, die der Unternehmer bedenken möge.

Und die strukturpolitischen Folgen einer Entscheidung gegen Berlin wären nicht auf die Stadt beschränkt. Ein Aufschwung Berlins würde mehr oder weniger in den ganzen Norden Deutschlands abstrahlen: den Hamburger und Rostocker Hafen beleben, Mecklenburg bei der Diversifizierung seiner noch weitgehend agrarisch bestimmten Wirtschaftsstruktur helfen. Schon eine rasche Entscheidung für Berlin könnte, glaube ich, den Bewohnern der Ex-DDR ein neues Selbstwertgefühl und damit neue Antriebe für den schweren Weg vom Sozialismus zur Marktwirtschaft geben. Eine Entscheidung gegen Berlin oder nur eine Verzögerung der Entscheidung wäre nicht nur "eine Missachtung der Deutschen in der ehemaligen DDK" (Sontheimer), sie wäre auch demotivierend für unsere Landsleute im Osten - und brächte damit weitere finanzielle Belastungen für uns.

Fast immer (Italien mag eine Ausnahme sein) ist die Haupt-Stadt Zentrum des kulturellen Schaffen eines Landes, Richtschnur und Kristallisationspunkt der höchsten Leistungen. Nicht immer ist die Haupt-Stadt zugleich die Hauptstadt (USA!), doch haben wir schon oben gezeigt, dass Berlin, wäre es nicht Hauptstadt, auch nicht als Haupt-Stadt funktionieren könnte.

Berlin ist nicht der Seehafen eines blühenden Wirtschaftsraumes, nicht die Kapitalsammelstelle des ganzen Globus. Der Verzicht auf Berlin als Hauptstadt und Haupt-Stadt wäre gleichzeitig der Verzicht auf die Chance einer neuen kulturellen Identität für uns, einer geistigen Ausstrahlung, die wir nicht nur uns, sondern auch unseren Nachbarn im Osten und Westen schuldig sind. Goethe in Weimar, Kant in Königsberg - das sind Ausnahmen, die wohl nur in einer besonderen historischen Situation wirksam werden konnten, Berlin in der Kaiserzeit war eine auch kulturell blühende und ausstrahlende Stadt (nicht dank der Regierung, aber doch dank seiner Funktion als Regierungssitz). Bis zum Ende der zwanziger Jahre hatte sein kulturelles Schaffen Weltniveau.

Braucht man - oder braucht: jedenfalls Deutschland - eine Haupt-Stadt, um in Wissenschaft und Kultur international denjenigen Rang einzunehmen, der unserer wirtschaftlichen Stellung entspricht? Wollen wir das überhaupt, oder wollen wir solches Streben von vornherein als nationalistisch verteufeln? Für den Bereich der Wirtschaft wird niemand bestreiten, dass diese auf Dauer nicht blühen kann, ohne dass unsere eigenen Wissenschaftler und Techniker nicht nur gute, sondern auch international herausragende Leistungen bringen, Oder sollen wir das tun, was wir früher gern überheblich den Japanern vorgeworfen haben, nämlich fremde Erfindungen "abzukupfern" und, ein wenig verbessert, erfolgreicher zu vermarkten als die Erfinder selbst? Im kulturellen Bereich (dazu zähle ich selbstverständlich auch die Unterhaltung) sind wir schon längst so weit. Unser angeblich "bestes Fernsehen der Welt" variiert von der Kreuzfahrtenserie bis zur Krankenhausgeschichte, von der Talkshow bis (in Zukunft) zum Nachrichtenkanal kulturelle Muster, welche die "niveaulosen", "profitgierigen" US-Privatsender für die "kulturlosen Amis" entwickelt haben. Die Angst unserer Kulturkommandanten (bis hin nach Brüssel) vor der Pinkelpause ist nicht als die Angst, das Publikum könnte, erleichtert, etwas kritischer und mit mehr Abstand den Fortgang der Sendung verfolgen. Die Angst, das eigene Schaffen könnte solcher Verfremdung nicht standhalten.

Pausen- und Ouotenregelungen sind noch lange keine Garantie für eigenständiges und erstklassiges Kulturschaffen. Und wenn es (nur) am Geld läge, wären wir in Deutschland schon längst Weltmeister mit all den Privilegien früher im Osten und großzügigen Gagen, Stipendien, Atelierwohnungen und der Künstlersozialversicherung im Westen.

Keine bessere Mittelstadt,
Die nicht einen eigenen Theaterbau hat
Und geht's erst über 100.000 Einwohner raus
Kommt keine ohne eigene Bühnenmannschaft aus.
Museen streut der Mäzenaten Hand
Von Emden bis Oberhausen ins Land –
Doch um welchen deutschen Künstler (in Wort, Bild oder Ton)
Reißen London, Paris und New York sich schon?
[Wenigstens was die Bild-Künstler angeht, hat sich das Bild mit Anselm Kiefer & Co. mittlerweile allerdings geändert. Und das, wie man ehrlicher Weise sagen muss, hatte nichts mit der Verlegung der Hauptstadt nach Berlin zu tun.]

Und schreibt einer, der übrigens lange in Paris gelobt hat, ein über dem Durchschnitt stehendes Werk, profiliert er sich hinfort vorzüglich als moralpolitischer Blechtrommler, während andere Satrapen des Geistes in der Banane den Apfel sehen, der ihrem konkurrenzlosen Mauerparadies die Identität geraubt hat.

Selten in Paris und schon gar nicht im kaiserzeitlichen Berlin war die offizielle die wirklich lebendige, zukunftweisende Kultur: eher hat sich letztere gegen die Regierungen entwickelt. Und doch konnte sie [in Europa weitestgehend] nur dort gedeihen, wo der Regierungssitz eines großen Landes eine Hauptstadt zur Haupt-Stadt werden ließ. Wer sagt, dass Deutschland polyzentrisch war, mag uns auch sagen, ob Hannover ein würdiger Hintergrund für Leibniz war, ob er der hessischen Menschenhändler[-Landgrafen] voller Stolz gedenkt, ob uns aus Nürnberg noch ein zweiter Dürer erwuchs, ob Mainz nach Gutenberg ein blühendes Zentrum des Buches wurde, oder Leipzig mit und nach Bach ein Wallfahrtsort der Musikfreunde? Sprach unser großer Friedrich fließend Deutsch? Ist der Spießbraten im Hunsrück die kulinarische Quelle, aus der ein kleiner Länderfürst die Kraft zum queren Denken schöpft?

Viele Zentren sind das Agar Agar vieler Hofschranzen; der Humus für die ganz große Kultur sind sie normalerweise nicht. Oder hat man Mozart in Mannheim aufgenommen, hat Halle Händel zugejubelt und Gluck sein Glück an Hamburgs Opernhaus gemacht? Auch heute, im Zeitalter des "global village" entstehen, glaube ich, Spitzenleistungen des Geistes vorwiegend dort, wo eine dichte persönliche Kommunikation der Talente untereinander und mit dem Publikum möglich ist, wo die Vielzahl der unmittelbaren Anregungen ein schöpferisches Klima schafft (vgl. dazu das Buch von Jane Jacobs unter dem völlig irreführenden dt. Titel "Stadt im Untergang"). Der Wettbewerb in solchen Haupt-Städten ist sicher gnadenlos, und das mag manchen ost- und westelbischen Geistesgutsbesitzer dazu verführen, für seine Ware die Schutzzollpolitik der kleinen Städte zu verlangen. Doch andere, die nicht ewig Sissys bleiben wollen und die das Talent zu Höherem in sich spüren, brauchen offenbar solche Metropolen, die ordnungsliebenden Menschen (z. B. preußischen Bürokratenseelen) als "abschreckende Beispiele von Riesenmetropolen" erscheinen mögen. Von den Touristenströmen, die "Kultur zum Exportschlager" machen (eine Meldung aus London im HB v. 22.3.91) ganz zu schweigen.


Aber unsere lieben Nachbarn, was werden die bloß dazu sagen, wenn die Deutschen auch noch im Kulturellen wieder klotzen, statt von Duisburg bis Detmold zu kleckern? Die Nachbarn sind Menschen wie wir auch und werden über eine Metropole Berlin, wenn sie einmal kulturellen Glanz entfaltet, dasselbe denken und fühlen, was wir jetzt über Paris und London denken. Reisen wir nach London mit dem Gedanken, dass von hier ein riesiges Kolonialreich ausgebeutet wurde? Nach Paris mit dem Gefühl, die Brutstätte eines jahrhundertelangen Imperialismus zu besuchen? Solche historischen Wahrheiten sind längst überstrahlt von der kulturellen (bei London wohl auch der wirtschaftlichen) Strahlkraft. Unser Nazi-Image werden wir nicht mit ducken und buckeln los. Aber wenn wir beweisen, dass wir nicht nur Staaten und Märkte erobern können, sondern im Reich der Kunst und der Ideen neue Räume schaffen, die zu betreten alle eingeladen sind: dann wird man uns nicht nur respektieren (oder fürchten), sondern achten. Mit Geld baut man Goethe-Institute auf (nichts dagegen), aber keinen neuen Goethe, der mehr für unser Ansehen tun könnte als alle Kulturattaches zusammen.

Und brauchen wir nicht auch in Wissenschaft und Technik neue Kreativität? Wo sind die bahnbrechenden deutschen Entdeckungen und Erfindungen, die ganz neue Märkte schaffen? Der Wankel-Motor hat sich letztlich nicht durchgesetzt. Secam oder Pal ist heute nicht mehr die Frage, weil im Osten schon die Sonne des HDTV aufgeht. Mac-Merkantilismus ist darauf keine Antwort. Kalkar ist "kaputt" [mittlerweile hat man den dortigen Schnellen Brüter zum Freizeitpark umgebrütet], bei Airbus und Ariane ist Deutschland Juniorpartner, der Transrapid träumt im Emsland von Las Vegas. Ob wir im Wettlauf um den 64MB-Chip mithalten können, ist noch nicht ausgemacht, und auch ein guter Name wird Doppelglasscheiben und elektronische Türschließer nicht in alle Ewigkeit als letzten Schrei des automobilen Hightech verkaufen können.
"Von einer Hauptstadt Berlin ginge ein politisch-kultureller Modernitätsschub aus, der die alte bundesrepublikanische Identität maßgeblich verändern würde" formuliert A. J. Johnston in der "Zeit" ["Falsche Bescheidenheit" UT: Berlin – nicht nur Hauptstadt, sondern auch Regierungssitz"; 02.11.1990]. [Gerade in diesen Tagen des Oktober 2007 fiel mir das Buch "Weimar. Die Kultur der Republik" von Walter Laqueur in die Hände. Auf der Rückseite des Schutzumschlages wird es beworben mit der – von Laqueur stammenden? – Kurzbeschreibung "Die Geschichte der ersten modernen Kultur Europas".] Welches sind die Motive jener obscurorum virorum, die ihrem Land den Eintritt in diese Moderne verwehren wollen? Ich weiß es nicht, glaube aber nicht, dass die öffentlich verkündeten Begründungen immer mit den tatsächlichen Beweggründen identisch sind.

Denken wir auch einmal über den Tag, das Jahr und das Jahrzehnt hinaus: ist es vorstellbar, dass Brüssel, Straßburg oder Luxemburg die Hauptstadt eines Vereinten Europas sein könnte, welches bis Polen, Rumänien und vielleicht gar Russland reicht? Da käme doch eher Budapest oder Prag oder Wien infrage. Und dann ist es sicher kein Standortnachteil, wenn die deutsche Hauptstadt der Hauptstadt Europas nahe liegt.
Es scheint mir dies auch ein Grund zu sein, europapolitische Funktionen für Berlin nicht zu fordern: dies und der Verzicht, dort die deutsche Hauptstadt zu etablieren, könnte uns leicht als ein besonders hinterfotziges Manöver ausgelegt werden, dereinst Berlin zur Kapitale eines Euroreiches Deutscher Nation zu machen. Zwar traue ich Bonner Politikern solche schlitzohrige Weitsicht nicht zu, aber die anderen, die Politik in Metropolen machen, könnten so denken (weil sie selbst schlitzohrig genug dazu wären).
Darum wünsche ich der Pro-Berlin-Initiative Glück.


Verkünden Sie, Herr Ortleb, den Wessis, was man "drüben" von der Hauptstadtlüge hält. Sprechen Sie Ihrem Fraktionsvorsitzenden meine Hochachtung aus und erklären Sie Ihrem Kollegen aus Halle, dass es eine Zeit für Füchse gibt und eine Zeit, Farbe zu bekennen. Und sagen Sie dem Steuerlügner Lambsdorff, dass es in der Hauptstadtfrage um die Bewährung geht.
Lassen Sie, Herr Vogel, sich nicht von Ihrem Kollegen Ehmke nachsagen, die Berlin-Befürworter argumentierten aus dem Gestern. Gestrige sind damit zufrieden, ihre Residenz dort aufzuschlagen, wo Beethoven nur sein Geburtshaus hinterlassen hat.
Nicht so kleinlaut, Herr Krause: das Kostenargument spricht letztlich gegen Bonn! Kämen schon die vorauszusehenden unbefristeten Subventionen für Berlin teurer als ein Umzug, so wäre der Verlust der "Spinn-offs", die eine Haupt-Stadt mit sich bringt, eben doch, Herr Jäckel, eine nationale Katastrophe. Sagen Sie aber auch unserem Kanzler, wir lassen uns nicht noch einmal verkohlen!

EINST JAGTEN DIE KÖLNER IHRE HERRSCHER DAVON
IN DIE FRÜHERE RÖMISCHE LAGERSTADT BONN.
GEHT WIRKLICH DIE MACHT VOM VOLKE AUS,
MÜSSEN DESSEN VERTRETER AUS DEM BUNDESDORF RAUS,
UND DIE SICH STRÄUBEN ODER ZIEREN -WOLLEN SIE DIE DEMOKRATIE CASTRIEREN?"



[Vorliegende Version in leicht veränderter Form: insbesondere Rechtschreibung angepasst; Fehler ausgebessert und erläuternde Zusätze in eckigen Klammern eingetragen]



Textstand vom 31.10.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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