Donnerstag, 7. April 2016

Monetäre Meister-Strategen: Die Vollgeld-Feldmarschälle verschieben Makro-Divisionsfähnchen ohne Mikro-Soldaten



I. Deckung von Fiatgeld


 
Als Antwort auf die antizipierte Frage seiner Seitenbesucher "Ist Vollgeld ein neuer Goldstandard? Womit ist dieses Geld gedeckt?" schreibt Prof. Dr. Joseph Huber auf seiner Vollgeld-Homepage:
"Die reale Deckung des Geldes, anders gesagt, die Kaufkraft des Geldes, entsteht aus der Produktivität der Wirtschaft. Sie besteht im Gegenwert des laufend erstellten Wirtschaftsproduktes (BIP national und international). Geld re-präsentiert nur in dem Maße Wert wie dem die (inter-)nationale Wirtschaft laufend einen Gegenwert in Form von Gütern und Diensten gegenüber stellt."
Dieses Verständnis der Zusammenhänge zwischen Geld- und Güterwirtschaft ist zwar nicht an der Oberfläche falsch, wohl aber in der Tiefe.


Das zeigt sich in seinem Aufsatz "Plädoyer für einen Übergang von Giralgeld zu Vollgeld. Warum Vollgeld auf die Tagesordnung gehört" wo er prompt eine falsche Konsequenz aus seiner o. a. Geldwertdefinition zieht (Hervorhebung von mir):
"Im Rückblick erscheint der Goldstandard als ein von Beginn an verfehltes Konzept. Er bezog sich nur auf Banknoten und man versäumte es, Giroguthaben im bargeldlosen Zahlungsverkehr einzubeziehen. Das Verhältnis zwischen Banknoten und erforderlicher Golddeckung wurde zeitweise gelockert oder vorübergehend suspendiert, sodass auch von daher die beabsichtigte Wirkung verfehlt wurde. Soweit man den Goldstandard aufrecht erhielt, induzierte er zyklisch Deflation, Stagnation, Arbeitslosigkeit und Armut. Im Gegensatz dazu wird modernes, frei schöpfbares Vollgeld an einen ökonomisch adaptiven Knappheitsanker gebunden, nämlich an das reale Wachstumspotenzial der Wirtschaft bei näherungsweiser Vollauslastung der Kapazitäten."

Hubers Fehler ist nicht unmittelbar ersichtlich. Denn dass die Geldmenge irgendwie in einem "angemessenen" Verhältnis zur Gütermenge stehen, also letztlich "knapp" gehalten werden muss, wird jedem einleuchten und trifft ja auch zu.
Nur handelt es sich dabei um eine Abstraktion von realen Vorgängen bzw., in der Terminologie der Volkswirtschaftslehre, um die Makro-Ebene. Jedwede realen Interaktionen zwischen Geldmenge und Gütermenge spielen sich aber ausschließlich auf der Mikro-Ebene zwischen einzelnen Wirtschaftssubjekten ab.
Auf der Makro-Ebene lässt sich lediglich eine KORRELATION zwischen Geld- und Gütermenge herstellen. Und das nur ex post, nicht (etwa von einer hochweisen Zentralbank) ex ante. Daher ist auch die Obsession der Vollgeld-Vorstellungen mit der Geldmenge (vgl. bei Huber z. B. seinen Text "Die Giralgeldschöpfung und die Geldmenge sind außer Kontrolle") völlig daneben. Nur im Zusammenhang mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes lässt sich bestimmen, ob "zu viel" (= Inflation) oder "zu wenig" (= Deflation) Geld "da draußen" ist (vom Standpunkt des Bankensystems aus betrachtet). Und dieser Begriff "Umlaufgeschwindigkeit" erscheint nicht in einem einzigen der Texte von Prof. Huber auf seiner Vollgeld-Webseite.
Kurz: Hubers Denkoperation (wie auch diejenigen anderer monetärer Heilsbringer, welche uns vom vermeintlichen Übel der kreditären Geldschöpfung erlösen zu müssen glauben) erwecken in mir ein Bild von Militärstrategen, wie sie 1945 im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht gesessen und Divsionsfähnchen auf der Landkarte verschoben haben müssen.
Von Divisionen, die es gar nicht (mehr) gab.


Einen KAUSALZUSAMMENHANG, der dafür sorgt, dass (und der uns erklären kann, woher) das Geld seine Werthaltigkeit gewinnt, kann es überhaupt nur auf der Mikro-Ebene der unzähligen täglichen Transaktionen zwischen den zahllosen Wirtschaftssubjekten geben.
Mit anderen Worten: Das "Design" eines nachhaltigen* Geldsystem setzt eine Einsicht in jenen Mechanismus voraus, der, zunächst "ins Unreine gesprochen", dafür sorgt, dass für jeden Geldschein eine Ware produziert wird.
[* Hier werden viele laut auflachen: Seit der Finanzkrise "wissen" wir doch alle, dass unser Geldsystem versagt hat? Das ist freilich ein "Verortungsfehler", wie ich diesen Irrtum in meinem Blott "Irrige Grundannahmen in der Gelddebatte" genannt habe: Eine fehlerhafte Zuschreibung von Funktionsstörungen IM Geldsystem an die Mechanismen DES Geldsystems - obwohl die Ursache der Störungen ganz woanders liegt (mutmaßlich in Hortungsvorgängen, die ihrerseits auf das Eigentumssystem zurückgehen.)]

Das klingt merkwürdig, denn schließlich weiß doch jedes Kind, dass ich für meinen Geldschein eine Ware bekomme? Die (wenn ich etwa eine Torte vorbestelle) der Bäcker auch extra für mich produziert (nämlich um an meinen Geldschein zu kommen).
Das ist freilich nur ein Alltagszusammenhang, der nicht an den Kausalkern unseres Fiatgeldsystems herangeht.
Das ist nämlich, wieder ins Unreine gesprochen, auf den ersten Blick ein "betrügerisches" Geldsystem.
Um das zu sehen, muss man freilich eine ungewohnte (der Fachterminologie unbekannte) Unterscheidung treffen zwischen

·       "Erstgeldempfänger" (oder Erstgeldbesitzer) und

·       "Zweitgeldempfänger" (Zweitgeldbesitzer; in diesem symbolischen Ausdruck sind alle Folgebesitzer gedanklich inbegriffen).

Beginnen wir mit einer a-normalen Fallgestaltung, einem Geldfälscher.
Der druckt sich ein Scheinchen (ist also "Erstgeldbesitzer"), und geht damit einkaufen: Meinetwegen eine Torte beim Bäcker.
Bevor wir die Frage näher untersuchen, auf welche Weise ggf. der Volkswirtschaft ein Schaden entstanden ist, schauen wir uns die Rolle des Bäckers in unserem Geldmodell an: Der ist unzweifelhaft der "Zweitgeldempfänger" oder Zweitgeldbesitzer.

Diese begriffliche Unterscheidung wäre sinnlos, wenn es nicht auch einen wesentlichen Unterschied in der realwirtschaftlichen Position dieser beiden Wirtschaftssubjekte gäbe:

1.     Der Erstgeldempfänger (hier war es der Geldfälscher, die Aussage gilt aber im Fiatgeldsystem für JEDEN, der neu geschöpftes Geld als Erster zum "Einkaufen" erhält!) hat "für lau" eingekauft. Hätte er eine mehr oder weniger vollwertige Goldmünze hingelegt, dann wäre die Transaktion ein mittelbarer Tauschvorgang gewesen: Ware (Torte) gegen Ware (Goldmünze). Das wäre aber eine Transaktion in einem Warengeldsystem gewesen. Ein solches haben wir nicht. Es wäre auch nicht wünschenswert, aber das will ich hier nicht weiter erörtern. Fakt ist jedenfalls: Er hat dem Bäcker ein Stück "wertloses" Papier für eine ganze leckere Torte gegeben: Klarer Fall von "Betrug".

2.     Festzuhalten ist, dass der Zweitgeldempfänger (Bäcker) eine werthaltige Ware (oder Dienstleistung, diese Alternative ist hier im Warenbegriff eingeschlossen) geliefert hat; er ist also mit Fug und Recht Inhaber dieser Banknote.

3.     Nun kann freilich der Bäcker mit diesem Geldschein (egal, ob echt oder - unterstellen wir mal: perfekt - gefälscht, oder beim offiziellen Banknotendrucker aus der Presse gestohlen) seinerseits einkaufen gehen: Also (solange es nicht auffliegt) doch kein Betrug?

4.     Der Bäcker hat in unserem Denkmodell in der Tat keinen Schaden: Der wird den Geldschein problemlos gegen eine andere Ware "eintauschen".

5.     Wohl aber wurde die Volkswirtschaft als Ganzes geschädigt: Der Falschgelddrucker (oder Banknotendieb; wichtig ist für unser Denkmodell aber, dass er den Schein gestohlen haben muss, bevor er als Geld in Verkehr kam, also praktisch dem Banknotendrucker gestohlen) hat aus dem gemeinsamen Topf namens "Markt" eine werthaltige Ware herausgenommen, und eine (als Ware betrachtet) wertlose Ware dafür reingelegt. Und damit hat er den Markt insgesamt "reingelegt". Transponieren wir das vom Einzelfall auf die Massenebene dann sehen wir, dass eine Volkswirtschaft auf diese Weise nicht funktionieren kann. Warum soll der Bäcker mühsam Kuchen backen, wenn er doch mühelos Scheinchen drucken, und dafür viel mehr Kuchen kaufen kann, als er jemals selber backen könnte? Und, weiter gedacht: Warum soll überhaupt noch jemand Kuchen backen, oder eine andere Arbeit verrichten, wenn man doch vom mühelose Scheinchendrucken sehr viel reicher werden kann?

6.     Dumm nur, dass es, wenn wir unser Modell konsequent zu Ende denken, dann auch niemanden mehr gäbe, der überhaupt noch Waren - außer vom Warenwert her praktisch wertlosen Geldscheinen - produzieren würde.

7.     Wir könnten nichts mehr kaufen, und so wären unsere Scheinchen am Ende genau das, was sie in Wahrheit sind: Wertlos. Unsere fröhliche Falschgeldwirtschaft wäre kollabiert.

Wir hatten unsere Überlegungen mit einer a-normalen Fallgestaltung begonnen; wie stellen sich die o. a. Zusammenhänge dar, wenn wir vom Normalfall ausgehen?
Normalfall in unserem System ist die kreditäre Geldschöpfung: Ein Wirtschaftssubjekt (Bürger oder Unternehmer) oder der Staat nimmt einen Kredit auf und geht damit einkaufen.

Dann gilt ZUNÄCHST auf für den die o. a. Feststellung Nr. 1; auch er gibt einen intrinsisch (vom Warenwert her) "wertlosen" Schein hin und erhält dafür werthaltige Ware.
Weiterhin gelten im Ergebnis auch hier die o. a. Ziff. 2 - 4, aber jetzt ohne dass eine Fälschung im Spiel wäre; unser Erstgeldempfänger (Kreditnehmer) hat ja mit echtem Geld bezahlt.

Wie aber stellt sich hier die Lage für die Volkswirtschaft ("den Markt") insgesamt dar (Ziff. 5 ff.)?
Auf den ersten Blick gilt für den Kreditnehmer (als Erstgeldempfänger) dasselbe wie für den Geldfälscher: Beide haben Ware aus dem "Topf" namens "Markt" genommen und "wertloses" Papier in den "Topf" reingelegt.

Aber dann packt unseren Kreditnehmer, im Unterschied zum Geldfälscher, zwar nicht die Reue, aber dafür die Bank: Die will ihr Geld zurückhaben. Und nun muss, wiederum im Unterschied zum Geldfälscher, der Kreditnehmer etwas Werthaltiges in den "Topf" legen: Er muss, um "seinen" Geldschein (wenn wir uns den Vorgang extrem vereinfacht denken) zurück zu erhalten (Kreditzinsen dürfen für den vorliegenden Überlegungsstrang ausgeklammert bleiben) seinerseits etwas verkaufen. Nur auf diese Weise kann er (vom Prinzip her betrachtet) sein Darlehen wieder tilgen.

Mit anderen Worten: Beim Fiatgeld gewährleistet allein eine KREDITÄRE Geldschöpfung, dass quasi für jeden aus dem Bankensystem ausgereichten Geldschein (und entsprechend jede kontomäßige Guthabenübertragung) eine (verkäufliche) Ware in dem entsprechenden Wert (zuzüglich Zinsen, also in der Realität noch etwas wertvoller als die ursprünglich entnommene) wieder in die Volkswirtschaft zurückgespeist wird.

Wer diesen Zusammenhang zerstört, produziert wertloses Geld ("Willkürgeld").

Ebenso wie viele andere, Laien und Volkswirtschaftler, versteht auch Prof. Huber nicht, dass in einem Fiatgeldsystem die Geldschöpfung IM KREDITWEGE die zentrale Bedingung für die Verfügbarmachung von Gütern und damit für die Werthaltigkeit des Geldes ist. Dieses Verständnis verbauen er und viele andere sich dadurch, dass die aggregierten Zusammenhänge auf der volkswirtschaftlichen Makro-Ebene bei ihnen in der Luft hängen; es wird nicht hinterfragt, welche KAUSALZUSAMMENHÄNGE auf der Ebene der realen Transaktionsvorgänge im gegenwärtigen Geld(schöpfungs)system dazu führen, dass der Geldwert einigermaßen stabil bleibt, und dass der realwirtschaftlichen Nachfrage, vermittelt durch das Geld, in der Regel auch eine entsprechende Gütermenge gegenübersteht.

Wer das Geld durch Verschenken (an den Staat und/oder an die Bürger) in die Welt bringen will, der "stiehlt" der Volkswirtschaft Güter, weil die Geldempfänger Waren rausnehmen (dürfen), aber im Gegenzug nichts reinlegen müssen.
Nun kann man zwar der Meinung sein, dass das beim Staat ohnehin geschieht. Denn der tilgt seine Schuld ja nie wirklich, sondern bezahlt die Tilgung aus neuen Schulden ("Ponzi-Finanzierung").
Marktwirtschaften haben freilich enorme Elastizitätsspielräume; auch im I. Weltkrieg und Anfang der 20er Jahre hat es geraume Zeit gedauert, bis aus dem staatlichen Gelddrucken eine Hyperinflation wurde.

Entscheidend ist also die Menge des "Falschgeldes" (hier: des verschenkten Geldes, denn das ist von der ökonomischen Wirkung her dem "echten" Falschgeld gleichzusetzen). Wer die gesamte Geldmenge durch Geldverschenken (ggf. auch als "Kredit" oder "Verkauf" getarnt) erzeugt, führt eine massive Inflation herbei. Weil die hier dem Staat zugutekommt, spricht die Wirtschaftswissenschaft zu Recht von einer "Inflationssteuer".
 
Im Warengeldsystem war die (originäre) "Seignorage" der "Schlagschatz": Der Gewinn, den der Münzherr machte. Man muss sich das wohl so vorstellen:
Der Münzherr kaufte (wenn er nicht gleich selber der Minenbesitzer war) vom Besitzer des Goldbergwerks 1 kg Gold, und gab ihm dafür Münzen mit beispielsweise 500 g Gold.
Die verbleibenden 500 g Gold wurden natürlich auch ausgemünzt; einiges ging für die Betriebskosten drauf; der Rest war der Gewinn des Münzherrn.
Dieses Warengeld (neben dem es historisch aber schon im Mittelalter, und in der Neuzeit im Verhältnis wohl stetig zunehmend, Kreditgeld gab!) hatte einen realen Material- und Herstellungswert: sowohl, was die Kosten anging, als auch den Nutzen für die Verwender. Denn natürlich ist es für alle Beteiligten bequemer, mit Münzen zu bezahlen, anstatt mit Goldklümpchen. Das heißt der Münzherr (Staat) lieferte denjenigen, die er mit dem Geld bezahlte, tatsächlich auch einen mehr oder weniger angemessenen Gegenwert in Gestalt von Edelmetallgehalt (Gold oder Silber) und Arbeitsaufwand für die Münzprägung.
Aber schon in der Vergangenheit konnte der Staat (insbesondere zur Kriegführung) den Hals nicht voll kriegen und gab nicht selten minderwertige Münzen (mit einem weitaus geringeren Edelmetallgehalt als eigentlich vorgesehen) aus. Was dann auch regelmäßig zur Inflation führte.
Wer uns Heutige dieser historischen Erfahrung ungeachtet mit einer beinahe 100%-"Seignorage", also in Wahrheit mit Gelddrucken für Staat (ggf. auch für die Bürger) "beglücken" will, der hat aus der (Geld-)Geschichte rein gar nichts gelernt.


Weitere Lektüre: Allgemein meine Blotts zum Thema "Geldschöpfung"; hier insbesondere





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 II. Geldschöpfung durch das Bankensystem: Im Vollgeld-Regime unmöglich?

 

Die Anregung, mich wieder einmal mit dem Vollgeld-Hype auseinanderzusetzen, kam aus einer Kommentatorendebatte zu dem Blogpost "Wie kommt das Geld in die Welt? (Teil 1)" im Blog "thewisemansfear".

Daraus gebe ich nachfolgend einen gekürzten (und stellenweise leicht geänderten) Auszug, der einige andere Irrtümer der Vollgeld-Fans widerlegt.

 
Zunächst meine Antwort auf einen Kommentar von "Oeconomicus criticus":

Burkhardt Brinkmann 1:27 am, April 3, 2016

Sie haben Recht, Oeconomicus criticus, dass auch im sog. Vollgeldsystem die Schöpfung von Buchgeld stattfinden würde. Das hatte ich hier http://beltwild.blogspot.de/2014/06/ein-professor-der-vom-schlagschatz.html sogar selber geschrieben (aber vorübergehend vergessen):
Konkret:
1.Kunde S1 (1. Sparer) überweist 100.000,- von seinem Geldkonto auf sein Sparkonto. Damit ermöglicht er seiner Bank B1 eine entsprechende Kreditvergabe.
2.Bank B1 gibt Kunde K1 (1. Kreditnehmer) 100.000,- Kredit.
3.K1 kauft sich davon ein schönes Auto und das Geld landet auf dem Geldkonto V1 (1. Verkäufer) bei der Bank B2.
4.V1 transferiert das Geld wiederum auf sein Sparkonto und wird damit in unserer Notation zu S2 (2. Sparer). Jetzt kann auch seine Bank (also B2) das Geld wieder als Kredit vergeben.
5.B2 gibt 100.000,- Kredit an K2; der kauft bei V2, der transferiert das Geld wiederum auf sein Sparkonto und wird damit zu S3 (3. Sparer).
Wir haben damit auch im Vollgeldsystem eine wundersame Geldvermehrung: -3- Sparer besitzen je 100.000,- Sparguthaben (in der Summe also 300.000,-), wo anfänglich nur 100.000,- gespart wurden
.”


In diese Diskussion schaltete sich Pro_Europa ein, der auch vorher schon mitdiskutiert hatte:

Pro_Europa 10:27 pm, April 3, 2016
Sie widersprechen sich selbst, Herr Brinkmann.
"Wir haben damit auch im Vollgeldsystem eine wundersame Geldvermehrung: -3- Sparer besitzen je 100.000,- Sparguthaben (in der Summe also 300.000,-), wo anfänglich nur 100.000,- gespart wurden.”
Sie bezeichnen Sparguthaben als “wundersame Geldvermehrung”.
Da hat sich kein “Geld” vermehrt. Es existieren 100.000,- und die liegen in Ihrem Beispiel in der Hand einer Bank, welche sie vermutlich als Kredit an jemanden verleihen wird. Diese 100.000,- sind nicht kaufkraftwirksam.
In Ihrem Beispiel gibt es 3 Sparer, welche jeweils ihr Eigentum an die Bank zwecks Erzielung von Zinsgewinnen gegeben haben.
Noch einmal: Es handelt sich in keinster Weise um eine “Geldvermehrung”.

Sie bringen noch einen anderen alten Hut zwecks Diffamierung des Vollgeldes zur Sprache:
Die Banken würden nicht genügend Sparer finden und es käme zur Kreditklemme.
Das ist eine völlig absurde, an den Haaren herbeigezogene Behauptung von Ihnen, sonst nichts.

Überprüfen Sie bitte mal, wie viele Bankkunden ihr Geld aufs Sparkonto legen oder andere Verträge mit der Bank machen, um Zinsen zu “verdienen”. Es ist die Mehrzahl der Bankkunden.
Bei Vollgeld würde sich da nichts ändern, oder weshalb sollten sich plötzlich Millionen von Bankkunden dafür entscheiden, keine Zinsen mehr bekommen zu wollen ?


Burkhardt Brinkmann 1:22 am, April 4, 2016

Es existieren 100.000,- und die liegen in Ihrem Beispiel in der Hand einer Bank

·       Es existieren 100.000,- auf dem Konto des ersten Sparers.

·       Die wurden an einen Kreditnehmer vergeben, der etwas dafür gekauft hat.

·       Der Verkäufer hat sie (in meinem Denkmodell, in der Realität passiert das natürlich nicht immer) ebenfalls auf sein Sparkonto gelegt (= Sparer 2).

·       Von dort vergibt nunmehr dessen Bank die 100.000,- ihrerseits als Kredit.

·       Gleichzeitig stehen sie aber als Guthaben beiden Sparern zu, und zugleich hält ein neuer Kreditnehmers diesen Betrag in den Händen. Mithin hat sich die Geldmenge bereits verdreifacht, ohne dass die Zentralbank eingegriffen hätte.

Allerdings gibt es einen Unterschied (den freilich die Vollgeldfreaks gar nicht gerne sehen und meist übersehen, weil sie ja das Beste aus allen Welten haben wollen): Im Vollgeld-System müssen die Sparer ihr Geld für genau dieselbe Frist anlegen, wie die Kredite laufen.
Bei fortlaufender Tilgung bekommen sie ihr Geld vielleicht ratenweise zurück – das wäre Sache der Vereinbarung mit der Bank.
Was nicht geht: Sparer legt Geld für 1 Jahr an, Bank macht daraus Kredit für 30 Jahre (die gegenwärtige “Fristentransformation”). Und weil das so ist, werden viele Menschen dann nicht mehr sparen.

Sie brauchen eine Fristenkongruenz, sonst ist es kein echtes Vollgeldsystem. Dann würden nämlich, wenn die Sparer ihre Gelder abziehen, die Banken pleitegehen. Oder die Zentralbank müsste den Banken entsprechende Kredite geben. Was dann aber in Richtung des gegenwärtigen Geldsystems ginge, also kein unverfälschtes Vollgeldsystem mehr wäre.

 
Pro_Europa 6:44 am, April 4, 2016

Herr Brinkmann,
die Geldmenge verdoppelt sich nicht, wenn ein Sparer sein Vollgeld bei einer Bank anlegt.
Damit Sie es verstehen, erkläre ich es mit Münzen.
Ein Kunde legt 100 Münzen bei seiner Bank für 7 Jahre zu einem bestimmten Zinssatz an.
Er hat jetzt 7 Jahre keinen Zugriff auf die 100 Münzen. Diese sind für ihn weg.
Die Bank verleiht die 100 Münzen an einen Kreditnehmer für eine bestimmte Zeit.
Dieser Kreditnehmer legt die 100 Münzen bei seiner Bank für eine bestimmte Zeit an.
Diese Bank verleiht die 100 Münzen wiederum als Kredit an einen Dritten.
Wieviele Münzen existieren nun auf der Erde ?
300 Münzen oder 100 Münzen ?
Richtig, es existieren 100 Münzen.
Die Geldmenge hat sich nicht verändert.
Es gibt jetzt Schuldverhältnisse, Verträge, die auf Geld lauten. Der Bestand an solchen Forderungen auf Münzen hat sich verändert. Na und? Weshalb soll das jetzt ein “Argument” gegen Vollgeld sein ?

Nun zu Ihrem nächsten Irrtum oder Irrglauben:
Im Vollgeld-System müssen die Sparer ihr Geld für genau dieselbe Frist anlegen, wie die Kredite laufen. Wie kommen Sie denn auf diese absurde Idee ? Die Fristentransformation ist eine zentrale Aufgabe der Banken, dies wird sich mit Vollgeld nicht ändern.
Es wird auch keine Kreditklemme mit Vollgeld geben, solch ein “Argument” ist an den Haaren herbeigezogen und hat mit der Realität nichts zu tun.
Bitte hier lesen: http://www.vollgeld.de/vollgeld-in-der-kritik#geldverknappung
Hier finden Sie die Kritik und Fragen und Antworten zum Vollgeld:
http://www.vollgeld.de/fragen-zur-vollgeldreform/


Burkhardt Brinkmann 10:40 pm, April 4, 2016

Danke für den Link, Pro Europa; endlich kommen wir mal an etwas Substanz.
Der andere Weg [um für ausreichend Kredite zu sorgen, wenn die Geldbesitzer nicht genügend auf die Sparkonten einzahlen] besteht bei Bedarf darin, den Banken kurzfristig Zentralbankkredit zur Verfügung zu stellen (Zinsseigniorage).” [Zitat aus http://www.vollgeld.de/#geldverknappung]
Richtig, und genau das hatte ich oben geschrieben:
Was also passiert, wenn auf diese Weise zu wenig Kredite vergeben werden können [wenn die Geldbesitzer zu wenig sparen] und die Wirtschaft nicht rund läuft? Dann muss die Notenbank eben doch wieder 'ran'. Fragt sich, auf welche Weise:

·       Wenn sie dem Staat (noch mehr) Geld gibt, schreitet die Inflation munter fort. Und es besteht keinerlei Gewähr, dass dieses Geld sich dann irgendwann in Einlagen – mit den jeweils benötigten Fristen – verwandelt.

·       Die Alternative wäre, dass sie der Bank einen Kredit gibt, den diese dann an den Kreditnehmer weiterreicht. Stellt sich die Frage, ob sie das unbegrenzt – auf Anforderung der Bank – tun soll, oder nicht? Und zu welchem Zinssatz? Jedenfalls würde die Geldversorgung NICHT mehr ausschließlich über Staatsausgaben laufen, wie sich die Vollgeldfreaks das vorstellen, und sie wäre dann auch nicht mehr (in allen Fällen) zinslos. (Die ZB könnte natürlich den Banken das Geld zinslos leihen; aber die Banken müssen Zinsen nehmen – oder den Laden dicht machen.)

Das ganze sogenannte Vollgeldsystem besteht also darin, dass die Zentralbank Geld druckt, und druckt und druckt - bis der Drucker kaputt ist.
Oder die Volkswirtschaft.


Sie haben Recht, auf die Fristenkongruenz kann das System verzichten – WENN die Notenbank jederzeit einspringt. Genau das hatte ich aber bereits gesagt:
Sie brauchen eine Fristenkongruenz, sonst ist es kein echtes Vollgeldsystem. Dann würden nämlich, wenn die Sparer ihre Gelder abziehen, die Banken pleitegehen. Oder die Zentralbank müsste den Banken entsprechende Kredite geben.” (Also für die abgesprungenen Sparer einspringen).
Theoretisch benötigt man dann im wundersamen Vollgeldsystem überhaupt keine Ersparnisse mehr, weil ja immer die ZB (ggf. bis zu einer von ihr festgelegten Geldmenge) einspringt, wenn die Kreditnachfrage die ausdrücklich zur Kreditvergabe bei den Banken angelegten Ersparnisse der Geldbesitzer übersteigt.

Bei der Geldmenge verwechseln SIE etwas: Nämlich Münzen mit Geld.

·       Zwar sind Münzen Geld. Aber nicht jedes Geld ist Münzgeld (soll hier – wie ja auch bei Ihnen – stellvertretend für jede Form von Bargeld, also auch Scheine stehen).

·       Denn daneben gibt es eben Buchgeld. Und so weit sind wir uns erfreulicher Weise ja schon mal einig, dass wir jetzt ZWEI Sparer haben.

Von denen hat KEINER mehr Münzen (die wurden ja beide Male als Kredit vergeben).
Aber JEDER hat eine Forderung von 100,- gegen die Bank.
D. h. aus 100,- Münzen wurden Sparer-Forderungen von 200,- gegen die Banken. PLUS 100,-, die an den 3. Kreditnehmer gegangen sind.

Nun mögen Sie den Sparern keine Fristenkongruenz zumuten. Das bedeutet: BEIDE Sparer können ihr Geld abheben, auch wenn der Kredit noch läuft. Die Banken wären dann eigentlich zahlungsunfähig; aber für diesen Fall soll ja die Zentralbank den Banken Kredite geben (= neues Geld drucken).
Das aber bedeutet, dass aus “Münzen” (Bargeld, Vollgeld) von 100,- plötzlich 300,- geworden sind (die auch keineswegs nur irgendwo in den Büchern stehen, sondern tatsächlich in der Wirtschaft umlaufen):

·       Erster Sparer hat 100,- abgehoben

·       Zweiter Sparer (der - als Verkäufer von irgendetwas - denselben Betrag indirekt über einen zwischengeschalteten Kreditnehmer vom 1. Sparer erhalten hatte) hat ebenfalls 100,- abgehoben.

·       Die Bank des 2. Sparers hatte die 100,- natürlich gleichfalls als Kredit weitergegeben, d. h. die 100,- sind weiterhin in Umlauf.

Insgesamt laufen damit 300,- in der Wirtschaft um, was die ZB möglich gemacht hat (und möglichen machen musste, damit die Banken nicht zahlungsunfähig werden), indem sie das von den Sparern ent-sparten Beträge (200,-) in die Wirtschaft “nachgepumpt” hat.
Die Behauptung in dem von Ihnen verlinkten Text
Die Schöpfung und Mengenkontrolle des Geldes wäre ausschließlich Sache der unabhängigen Zentralbank im betreffenden Hoheitsbereich. Die Banken werden die monetären Privilegien, die ihnen zugefallen sind, verlieren. Banken werden nicht mehr Geldschöpfer, sondern reine Geldvermittler sein, also Geldmanagement- und Finanzierungsinstitute
stellt sich also als Illusion heraus.
Hier haben die Banken sehr wohl Geld geschöpft, und die Zentralbank muss, weil Sie (und der Textverfasser) ja keine Fristenkongruenzen akzeptieren, “nachlegen”. Sie ist in dieser Situation keineswegs mehr Herrin der Geldmenge, sondern muss liefern, was die Banken fordern.

Aber das muss sie ja ohnehin, soweit nämlich die Spareinlagen hinter der Kreditnachfrage zurückbleiben.
In DIESEM Falle (anders bei der Substitution von "vorzeitig" abgezogenen Spareinlagen!) könnte die Notenbank die Kreditvergabe zwar auch verweigern. Aber dann müsste sie die Auswirkung auf die Wirtschaft präzise einschätzen und exakt sagen können, dass die Wirtschaft diese zusätzliche Geldmenge nicht braucht und dass die geforderte Mehr-Versorgung zu einer Konjunkturüberhitzung führen würde. Das könnte sie nur dann erfolgreich tun, wenn sie eine allwissende geldsozialistische Superbehörde wäre.

Dagegen ist es gerade der Vorteil des gegenwärtigen Systems der "endogenen" Geldschöpfung, dass der Markt seinen Geldbedarf selber regeln kann. Und genau das ist ja das entscheidende Charakteristikum einer Marktwirtschaft überhaupt, dass sich Angebot und Nachfrage ohne staatliche Vorgabe in einem Selbstregelmechanismus einpendeln.
So auch bei der "endogenen Gelschöpfung": Der Begriff besagt, dass die Banken Kredite in genau der Höhe vergeben wie sie von Wirtschaft nachgefragt werden und bei denen die Banken - nach Bonitätsprüfung - eine Kreditvergabe für vertretbar halten. Dieser Mechanismus wird im gegenwärtigen System bei Bedarf auch von der Notenbank mit der Neuschöpfung von Basisgeld unterstützt. Die Menge regelt sie nicht starr, sondern über den Preis (Zins) der von ihr an die Banken vergebenen Kredite, die wiederum in die Kreditzinsen der Banken eingehen. Kreditsuchende können also im Prinzip immer Kredit erhalten (Bonität vorausgesetzt); nur drosseln steigende Geldpreise (Zinsen) natürlich die Nachfrage nach Krediten.
 
 
ceterum censeo 
Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 08.04.2016





















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