Samstag, 4. Februar 2017

"Zeitgeld" und "Dauergeld"

 
 
In meinem Blott "Ein Professor, der vom Schlagschatz träumt: Wie Joseph Huber uns Willkürgeld als 'Vollgeld' andrehen will" vom 09.06.2014 hatte ich die Geldarten nach den verschiedenen möglichen Formen der Geldschöpfung wie folgt unterschieden:
  1. Warengeld (im Prinzip - wenn auch nicht immer in der Wirklichkeit - ganz oder weitgehend durch den Warenwert gedeckt) und
  2. Fiatgeld
Beim Fiatgeld wiederum  (hatte ich seinerzeit geschrieben) lassen sich unterscheiden
  • Kreditgeld (Geldschöpfung erfolgt durch Kreditvergabe der Zentralbank und - hauptsächlich - der Geschäftsbanken. Die Deckung des Geldes ergibt sich durch die Rückzahlungspflicht des Schuldners) und
  • Willkürgeld (vom Staat gedruckt und unmittelbar ausgegeben: Print & spend, sozusagen. Dieses Geld ist völlig ungedeckt; hier setzt sich der Staat als Mitesser an den Wirtschaftstisch, ohne seinerseits eine Gegenleistung einzubringen. Es handelt sich also im Ergebnis um eine Besteuerung, eine Inflationssteuer.) 
Als ich jetzt im Zusammenhang mit bzw. im Nachgang zu meinem letzten Blott "Nobelpreis schützt vor Torheit nicht: Warum Friedrich August von Hayeks 'Denationalisation of Money' ein ‚Design for Disaster‘ ist" ein wenig in der "General Theory ..." von John Maynard Keynes blätterte fiel mir ein, dass in bestimmten Zusammenhängen auch eine ganz andere Klassifizierung Sinn machen kann, nämlich die im Titel genannte Unterscheidung von "Zeitgeld" und "Dauergeld".

Freilich hat mein "Zeitgeld" nichts mit einem Geldexperiment in Ithaka (USA, Bundesstaat New York) oder den "Freien Wiener Zeitschillingen" zu tun. Und mit "Dauergeld" meine ich (anders als dieser Autor) nicht, dass unser Geld kein Schwundgeld (oder Freigeld) ist (zumindest nicht im rein technischen Sinne, denn 'geschwendet' wird es von der Inflation natürlich schon).
 
Auch einen früheren Gliederungsversuch, der mit diesen beiden Begriffen arbeitet (und den ich jetzt nur zufällig via Google wiedergefunden habe; übrigens der einzige Treffer, der beide Begriffe vereint) muss ich aufgeben. In meinem Blott "Neuartige Buchgeldschöpfung im Finanzsystem als Ursache der Finanzmarktkrise: Heureka oder Denkfehler?" vom 15.02.2009 hatte ich nämlich folgende Aufteilung versucht:
- Realgeld (= "Dauergeld") (Münzen, Geldscheine, Guthaben bei der Zentralbank)
- Kreditgeld (= "Zeitgeld") und
- "Bewertungsgeld" (= "Schwankungsgeld") (rein durch buchhalterische, wenn auch vom Markt induzierte, Zuschreibungen generierte "Werte").

 
Das alles sind mehr oder weniger ÖKONOMISCHE Klassifizierungsversuche. Bei meiner neuen Unterscheidung geht es dagegen um die PSYCHOLOGISCHE Dimension.


Ich habe den Eindruck, dass die allermeisten Menschen nicht besonders gut mit der Vorstellung umgehen können, dass kreditgeschöpftes Geld nur ein temporäres Phänomen ist. Kein Hund kapiert die Ratio, den tieferen Sinn der kreditären Geldschöpfung (den ich z. B. in meinem Blott "Warum Fiatgeld notwendig 'Schuldgeld' sein muss: Ein Kredit kommt niemals allein - sondern immer im Doppelpack!" vom 25.12.2016 erläutert habe. Dass das Geld ein Schuldschein der Bank sein soll, das kann man vielen noch vermitteln (obwohl es keinen Sinn macht). Dass es aber ein Schuldschein des Kreditnehmers ist, oder ein von einer Bank "im Auftrag" "der Volkswirtschaft" erstellter Gutschein (vgl. meinen Blott "Wessen 'Schuldschein' ist das Geld?" vom 01.02.2016): Das überschreitet das Vorstellungsvermögen aller.

Viele (oder gar den allermeisten?) Menschen (wohl einschließlich vieler Volkswirte) leiten ihre (Hintergrund-)Vorstellung von Geld wohl immer noch von der Zeit der Goldmünzen ab, und übertragen die auf unsere Geldmünzen und Geldscheine (die ja wenigstens noch eine materielle Verkörperung von Geld sind) und von dort auf die bloß in den Büchern der Banken stehenden Gelder.

Unabhängig davon, dass Edelmetallmünzen einen gewissen (wenngleich schwankenden) intrinsischen Wert haben (also auch dann etwas - wenn auch nicht unbedingt genauso viel - wert wären, wenn sie nicht als Geld fungieren würden) unterscheiden sie sich auch in einer weiteren wesentlichen Hinsicht vom Kreditgeld. Sie laufen nämlich auf Dauer um. Im Prinzip könnte ein Aureus des Kaisers Augustus oder ein Solidus des Kaisers Konstantin noch heute als Geld fungieren, und tatsächlich war der Solidus von 309 "bis zum beginnenden 12. Jahrhundert die „Leitwährung“ für ganz Europa und des gesamten Mittelmeerraumes und wird auch als Euro des Mittelalters bezeichnet" (Wikipedia).
Auch wohl kaum einer der um 1200 in Umlauf befindlichen Solidi schon im 4. Jahrhundert geprägt worden ist gilt jedenfalls, dass dieses Geld für den dauerhaften Umlauf bestimmt war. Zwar kann man Goldmünzen einschmelzen und hat das sicherlich auch getan; dann war, was aus dem Schmelztiegel herauslief, auch kein Geld mehr. Aber das ist keine "Geldvernichtung" in der Weise, wie wir sie beim Kreditgeld kennen: Wo das Geld mit der Auszahlung der Bank an den Kreditnehmer (oder in dessen Auftrag an seinen Gläubiger) entsteht, und mit der Tilgung des Kredites wieder vernichtet wird, also aufgrund seiner "Herstellungsart" von vornherein eine befristete Lebensdauer hat.

Dass das Kreditgeld eine grundsätzlich begrenzte Lebensdauer hat (identisch mit der Laufzeit des Kredits) dürfte den allermeisten Menschen unheimlich sein.

Wir stellen uns Geld noch immer als eine Sache vor, und Sachen haben (im Prinzip, und zumindest, was den Horizont unserer jeweiligen individuellen Existenz angeht) eine unbegrenzte Lebensdauer. So ist es ja auch tatsächlich beim Warengeld, das nicht durch Kreditschöpfung in Umlauf gebracht wird. Nur dass unser heutiges Geld eben KEIN Warengeld mehr ist. Aber voll verinnerlicht hat der öffentliche Diskurs diesen Wandel noch nicht.

Interessanter Weise gilt aber die unbegrenzte Lebensdauer auch für eine ganz andere Geldform, die ökonomisch eigentlich das genaue Gegenteil von Warengeld ist: Für das Willkürgeld.
Willkürgeld wird (bzw. würde) heute von einer Zentralbank gedruckt und dem Staat "geschenkt". Das klassische Beispiel für uns Deutsche ist die Reichsmark aus den Anfangsjahren der Weimarer Republik, die sich in der Hyperinflation von 1923 sozusagen in Luft auflöste. Hintergrund war die Tatsache, dass die Reichsbank dem deutschen Reich (der Weimarer Republik) gigantische "Kredite" gegeben hatte. Die waren ersichtlich nicht rückzahlbar; faktisch waren es also Geld"geschenke". Bzw., in ökonomischer Hinsicht, könnte man das Geld mit guten Gründen auch als Falschgeld bezeichnen.
Denn während "echtes" Kreditgeld eben durch die Kreditgewährung gedeckt ist (was die Schamanen der diversen Geldsystemphantasmagorien niemals begreifen werden), ist ein nur noch pro forma kreditär geschöpftes Geld ("Ponzi-Finanzierung") ungedeckt (d. h. steht keine realwirtschaftliche Güterproduktion dahinter).

Aber auch dieses Geld ist im Prinzip ewig. Es wird wahrscheinlich rasch wertlos, wie 1923 die Reichsmark; aber es wird nicht mehr durch Kredittilgung vernichtet.
Das gilt insbesondere dann, wenn das Geldverschenken nicht mehr schamhaft als Kredit verschleiert wird, sondern offizielle Praxis ist.
Genau das aber fordern die Vollgeld-Freaks, zumindest Prof. Joseph Huber und die "Kreditschwindler" der Schweizer Vollgeld-Initiative: Die Zentralbank (dort als unabhängige "Vierte Gewalt" im Staat konzipiert) soll Geld je nach Bedürfnissen der Wirtschaft 'drucken' und dieses in den Wirtschaftskreislauf einschleusen, indem sie es dem Staat und/oder den Bürgern schenkt.
Auch dieses Geld würde ewig umlaufen; in der Vorstellung seiner Adepten wäre es insofern "echtes" Geld. Was es ökonomisch aber natürlich nicht ist: Es ist ungedecktes Geld und somit die katastrophalste Geldform überhaupt.
Ich denke aber, dass im Hintergrund solcher Forderungen immer noch die archaische Vorstellung vom Geld als einer Sache steht, die, wenn sie einmal in Umlauf gesetzt wird, auch in Umlauf bleiben muss. Dieses Willkürgeld wäre also insofern genauso "Dauergeld" wie das Warengeld auch, und eben diese Eigenschaft dürfte den geheimen Reiz für jene ausmachen, die in ihrem Gedankensystem mit dem zeitlich befristeten Kreditgeld (= Zeitgeld) nicht klarkommen.



ceterum censeo

Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 05.02.2017

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