Sonntag, 20. September 2009

Einige Fragen an die Hypothese der Instabilität des Finanzwesens (Financial Instability Hypothesis) von Hyman Minsky

Ausgehend von Irving Fisher's sog. "Debt-Deflation Theory of Great Depressions" knabbere ich noch immer am Bemühen um ein Verständnis der Erscheinungsformen und Wirkungsweisen von Deflationen (bzw. Deflationsspiralen). (Vgl. dazu meine Blotts "Deflation demystified oder: Eine Deflationsursache gibt es nicht!" und "Ein Ausflug in die Gedanken-Welt der "Österreicher" ".)

Zumindest habe ich begriffen, dass Fishers Überlegungen weit weniger schlüssig sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen.

Zum einen wirft er die Preise von Vermögenswerten (für die eine Deflationsspirale plausibel ist) nonchalant in einen Topf mit den Preisen von Konsumgütern (auch die können natürlich auch fallen, aber nicht in gleicher Weise unmittelbar als Folge einer Schuldentilgung wie die Asset Prices, also z. B. Preise von - hochgradig beliehenen - Wertpapieren oder auch Immobilien).
Zum anderen reduziert er seine Überlegungen ausschließlich auf das Preisniveau (welches genau auch immer man sich darunter vorstellen mag). Dieses soll (und kann seiner Meinung nach auch) bei einer Krise mittels einer erhöhten Liquiditätsversorgung durch die Notenbank stabilisiert werden; das verhindere automatisch die Ausweitung einer Rezession in eine Depression.

Vor allem aber ist mir an Fishers Text suspekt, dass die (auch nach seiner Meinung) auslösende Krisenursache - die Überschuldung - im Verlaufe seiner Ausführungen als zentrales Problem unversehens durch die Frage der Geldmenge substituiert wird.

Zentral in unserer Wirtschaftsordnung ist der Besitz von Geld: von eigenem oder von geliehenem (werthaltigen!) Geld. Fisher und seine (zahlreichen) heutigen Gefolgsleute wissen das natürlich auch. Dennoch glauben sie, diesen Sachverhalt in der Krise ausblenden zu können, indem sie kurzerhand ein irgendwie geartetes Vorhandensein von Geld in einem (möglichst wenig konkret vorgestellten) Wirtschafts- und Finanzsystem an die Stelle des Besitzes von Geld rücken.

Der Ursprung einer großen Wirtschaftskrise (naturgemäß hat er in seinem 1933 erschienenen Artikel hauptsächlich die damalige Weltwirtschaftskrise im Blick) liegt nach Fishers (wohl zutreffender) Meinung in der Überschuldung der Marktteilnehmer in der Realwirtschaft (also der Firmen und/oder der Konsumenten; vielleicht ist auch der Staat einzubeziehen, wobei damals ja speziell Deutschland aufgrund der Reparationsforderungen aus dem 1. Weltkrieg hoch überschuldet war).
Analog zur damaligen Situation erleben wir gegenwärtig die aktuelle Weltwirtschaftskrise Nr. 2 zwar nicht als Folge von einem (oder massiv verstärkt durch einen) Kurssturz(es) an den Börsen und damit verbundener Notverkäufe überschuldeter Spekulanten, aber gleichfalls als Folge einer Überschuldung, diesmal der US-amerikanischen privaten Hypothekenschuldner (Gewerbeimmobilienhypotheken werden als Opfer der Rezession wohl noch notleidend werden oder sind es schon).

Entscheidend zur Überwindung einer Rezession / Depression ist aber nicht das Vorhandensein von Papier oder Buchungsvorgängen namens "Geld", sondern einzig und allein die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Wie aber sollen Offenmarktoperationen der Fed (gemeint sind wohl Ankäufe von Wertpapieren durch die Notenbank, also genau das, was Ben Bernanke derzeit zur Krisenbekämpfung unternimmt) das Preisniveau stabilisieren (Fisher, Ziff. 38: "it is always economically possible to stop or prevent such a depression simply by reflating the price level up to the average level at which outstanding debts were contracted by existing debtors") wenn die Wirtschaftssubjekte bereits überschuldet sind und deswegen ihre Ausgaben für Käufe (von welchen Gütern und Dienstleistungen auch immer) reduzieren müssen?
Derartige Überlegungen kommen Fisher gar nicht erst in den Sinn. Er hat beobachtet (Ziff. 38), dass "... Sweden has now for nearly two years maintained a stable price level". Ich gehe davon aus, dass die Verhältnisse in Schweden nicht auf die Situation in den USA übertragbar waren. Insbesondere vermute ich, dass die Schuldenlast der Schwedischen Volkswirtschaft, bezogen auf das Bruttosozialprodukt, deutlich geringer war als in den USA.

Fishers Hypothese ist allzu durchsichtig (wenn auch für ihn selbst zweifellos unbewusst) auf seine persönliche Interessenlage als gescheiterter Spekulant abgestellt, der selbst bettelarm wurde, weil er seine Wertpapierkäufe hochgradig gehebelt, also auf Kredit gekauft, hatte. Erhärtet wird diese Annahme durch die in den ANNALS OF THE AMERICAN ACADEMY abgedruckte Begründung, die Fisher rückblickend für seinen 1929 kurz vor dem Börsencrash bekundeten (verfehlten) Kursoptimismus gab (meine Hervorhebungen):
"I underestimated this fall enormously. I do humbly confess it. But it was partly because I believed that the policy that Governor Strong had initiated and the policy which Governor Rooth is now successfully carrying out would be continued. Governor Strong died in 1928. I thoroughly believe that if he had lived and his policies had been continued, we might have had the stock market crash in a milder form, but after the crash there would not have been the great industrial depression. I believe some of the crash was inevitable because of over-indebtedness, but that the depression was not inevitable. The reason is that the deflation that went with overindebtedness was not necessary. We can always control the price level.
When Governor Strong was ill at Atlantic City he paced the floor because he found that his colleagues were not raising the rate of rediscount in order to prevent the crash that he saw coming. If his open market operations had been properly continued, I believe the crash would have been greatly reduced, the open market operations would have been reversed in time, and the industrial depression would have been prevented.
I apologize for not having foreseen clearly what was going to happen. But I believe that I was justified, in view of what Governor Strong told me, in thinking that we would continue to have a one-hundred-cent dollar, and that it was not going to be a one-hundred-and-eighty-one-cent dollar.
"


Wir dürfen vermuten, dass Alan Greenspan sich das Vorbild des New Yorker Notenbankgouverneurs Strong zu Herzen genommen und die (Finanz-)Wirtschaft mit billigem Geld versorgt hat, um ein Überspringen des Kursverfalls bei den Techno-Aktien auf die Realwirtschaft zu verhindern. Nur ist genau das letztlich in die Hose gegangen. Dass in der Liquiditätsüberflutung durch die US-Notenbank eine wesentliche Ursache der aktuellen Finanzkrise liegt, deren Folgen wir heute ausbaden, wird aus meiner Sicht überzeugend dargestellt z. B. in dem "Comstock Special Report" vom 27. März 2008 "How We Got Into This Mess!". [Der gleichen Meinung ist sogar das italienische Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank Lorenzo Bini Smaghi - vgl. Abs. 1 des FTD-Artikels "Deflationsangst. EZB-Notenbanker warnt vor Überreaktion" vom 19.04.2009]
Die Überschuldung hat Alan Greenspan auf der praktischen Ebene ebenso als quantité négligeable behandelt, wie Irving Fisher das auf der theoretischen tut. Angefeuert wurde er u. a. von Wirtschaftswissenschaftlern wie etwa dem Nobelpreisträger Paul Krugman, z. B. dessen Slate-Artikel "No Pain, No Gain? The case against recession, past and present" aus dem Jahre 1999. Der betrifft die damalige japanische Rezession, wurde aber erklärtermaßen auch mit einem Blick auf ein mögliches zukünftiges Szenario in den USA geschrieben. Krugman empfiehlt darin (wie auch aktuell wieder) ganz ungeniert, die Wirtschaft aus der Krise 'herauszumonetisieren', also die Notenpresse anzuwerfen (meine Hervorhebung):
"In short, in Japan today--and perhaps in the United States tomorrow--behind many of the arguments about why we can't monetize our way out of a recession lies the belief that pain is good, that it builds a stronger economy. Well, let Keynes have the last word: 'It is a grave criticism of our way of managing our economic affairs, that this should seem to anyone like a reasonable proposal'."
Es ist schon erstaunlich, dass selbst Nobelpreisträger offenbar ein Verständnis von Wirtschaft, oder genauer: von dem Zusammenhang zwischen Finanz- und Realwirtschaft, kultivieren, welches diese Zusammenhänge als eine Form von weißer Magie betrachtet: man drückt auf einen Knopf, und alles wird gut (und wenn man des Guten zu viel getan hat, drückt man auf einen anderen Knopf, und wieder wird alles gut).

Aus Fishers psychologischer Situation wird verständlich, dass dieser unterschwellig weniger an eine Schuldentilgung aus laufenden Einnahmen denkt, sondern primär die Frage lösen will, wie man einen anderen Dummen zu finden kann, an den man die überteuert gekauften Aktien (heute: Immobilien) zum gleichfalls überhöhten Kurs (Preis) weiterreichen kann.
Etwas distanzierter, abstrakter und grundsätzlicher betrachtet ist Fisher jedenfalls dafür zu kritisieren, dass er eine Solvenzkrise mit einer Liquiditätszufuhr für die Banken beheben zu können glaubt, obwohl diese ihrerseits das Geld natürlich nicht verschenken, sondern nur verleihen können, und damit die Schuldenlast noch steigern würden. Er und andere, die in unserer Zeit ähnlich argumentieren, wollen also (was besonders die "Austrians" hervorheben und heftig kritisieren) den Teufel mit Beelzebub austreiben.
Exakt nach diesem Rezept ist Alan Greenspan in unseren Tagen vorgegangen (s. o.), und aktuell wandeln Ben Bernanke, die britische Notenbank und etwas unauffälliger vermutlich auch die EZB auf den gleichen Wegen. Es bleibt abzuwarten, ob die heute zweifellos erheblich andere wirtschaftliche Konstellation unangenehme Nebenwirkungen der aktuellen Geldflutung und Niedrigzinspolitik verhindern wird. Ich kann es mir nicht vorstellen.


Bei meinen "Forschungen" zu Fishers Schulden-Deflations-Theorie [eigentlich müsste man m. E. eher von einer "Schulden-Inflations-Theorie" sprechen, weil er eine selbstverstärkende Spirale der realen Schuldensteigerung konstatiert: "The more the debtors pay, the more they owe", d. h. real, in Kaufkraft gemessen, steigen die Schulden, obwohl sie nominal aufgrund der Schuldentilgung sinken] hat mich die Frage interessiert, wie andere Autoren den Fisher-Text verstehen und ob auch ihnen die Ungereimtheit, der Bruch in Fishers Argumentation aufgefallen ist.

Aus meiner Sicht allzu blauäugig, vor allem aber auch text- und realitätsfern versteht Martin H. Wolfson in seiner Studie "Irving Fisher's debt-deflation theory: its relevance to current conditions" aus dem Jahr 1994 (veröffentlicht 1996) Fishers Text als Diagnose eines Verfalls der Güterpreise (meine Hervorhebung):
"The essence of Irving Fisher's debt-deflation theory was an interactive process
whereby falling commodity prices increased the debt burden of borrowers
."


Hyman Minsky sieht (m. E. zutreffend) als Ursache einer Schuldendeflationsspirale den Preisverfall der Vermögenswerte. In einem von irgend jemandem ausgegrabenen und online gestellten "piece posted on PEN-L" [was immer das sein mag; vielleicht eine Art wirtschaftswissenschaftliches Diskussionsforum aus der Steinzeit des Internets] schreibt er (meine Hervorhebung):
"The classical debt-deflation scenario has two elements: one a sharp decline in asset values due to 1. a rise in the value of liquidity which leads to a fall in asset prices as well as runs upon some sets of financial intermediaries and 2. a fall in the cash flows which enable financial commitments to be carried out."
Wo er allerdings den Kern von Fishers Theorie verortet, d. h. wie er Fishers Text interpretiert, konnte ich anhand der relativ dürftigen online (gratis) verfügbaren Minsky-Texte leider nicht klären.


Interessant und Ausgangspunkt sowie eigentlicher Inhalt meines vorliegenden Blotts ist aber nicht Minskys Beurteilung der Debt-Deflation-Theory von Irving Fisher, und nicht einmal seine Meinungen über Deflation allgemein, sondern Minskys "Working Paper No. 74". Es handelt sich um einen relativ kurzen Text vom Mai 1992, der als Lexikonbeitrag gedacht war, und in dem er seine Hypothese der finanziellen Instabilität erläutert: "The Financial Instability Hypothesis". (Ausführlich hat er diese These in seinem Buch "Stabilizing an Unstable Economy" aus dem Jahr 1986 entwickelt, das ich jedoch nicht gelesen habe.)

Minsky unterscheidet -3- Arten von 'Finanzregimes' (oder darf man ihn einfach mit "Verschuldungsgrade" übersetzen?):

- "Hedge financing units" (das hat bei ihm nichts mit Hedgefonds zu tun, sondern hier ist das "hedgen" in seiner ursprünglichen Bedeutung eines "Einhegens" gemeint, also eine vorsichtige Finanzierung, bei welcher der Schuldner seine sämtlichen Zahlungsverpflichtungen aus den laufenden Einnahmen bezahlen kann ("Hedge financing units are those which can fulfill all of their contractual payment obligations by their cash flows").

- "Speculative finance units", die wenigstens noch die Zinsen aus ihren Einnahmen bezahlen können, allerdings keine Tilgungsleistungen ("Speculative finance units are units that can meet their payment commitments on "income account" on their liabilities, even as they cannot repay the principle out of income cash flows") und schließlich die

- "Ponzi units" [die Benennung leitet sich von Charles Ponzi her, dem berüchtigten Betreiber eines finanziellen Schneeballsystems in den USA der 1920er Jahre, inzwischen natürlich weit übertroffen von unserem Zeitgenossen Bernard Madoff.] Für diese gilt: "Cash flows from operations are not sufficient to fulfill either the repayment of principle or the interest due on outstanding debts ..... . Such units can sell assets or borrow. Borrowing to pay interest or selling assets to pay interest (and even dividends) on common stock lowers the equity of a unit, even as it increases liabilities and the prior commitment of future incomes."
Das ist zugleich eine genaue Beschreibung der 'Werthaltigkeit jener Finanz"vehikel", die von den Banken in unseren Tagen zur Auslagerung ihrer Hypothekenausleihung gegründet worden waren, bzw. nicht einmal erst der Organisationen, sondern schon der in diesen gebündelten (verbrieften) Kredite, die offenbar großenteils weniger an Tilgung einbrachten, als die Banken ihrerseits an ihre Gläubiger zahlen mussten.

In einigen entscheidenden Punkten ist allerdings die Theorie von Minsky für mich klärungs- bzw. ergänzungsbedürftig (Hervorhebungen in den nachfolgenden Zitaten jeweils von mir).

"The first theorem of the financial instability hypothesis is that the economy has financing regimes under which it is stable, and financing regimes in which it is unstable. The second theorem of the financial instability hypothesis is that over periods of prolonged prosperity, the economy transits from financial relations that make for a stable system to financial relations that make for an unstable system" sagt Minsky.
Da stellt sich die Frage, welche Zeitpsanne eine "prolonged prosperity" wäre, in welcher sich die Wirtschaft (oder die Einstellung zu ihr) derart dramatisch wandeln könnte.

Schaut man sich z. B. in der englischsprachigen Wikipedia die Kategorie "Financial crises", also der Finanzkrisen, an, findet man für das 19. Jh. (etwas großzügig ab 1790 gerechnet) und nachfolgend die Zeit bis zur Great Depression (1929 ff.), folgende Einträge:
Panic of 1792
Panic of 1796-1797
Panic of 1819
Panic of 1825
Panic of 1837
Panic of 1847
Panic of 1857
Panic of 1866
Panic of 1873
Panic of 1884
Panic of 1890
Panic of 1893
Panic of 1896
Panic of 1901
Panic of 1907
Panic of 1910–1911
Man sieht: es liegen nirgends längere Zeiträume zwischen den Rezessionen.
Nun haben sich wohl nicht alle Finanzkrisen zu größeren Wirtschaftskrisen ausgeweitet, und andererseits könnten Wirtschaftskrisen (Rezessionen, Depressionen) auch andere Ursachen gehabt haben als Paniken an den Finanzmärkten.

Die Wikipedia-Liste der Rezessionen (List of recessions in the United States) weist (mit zusätzlichen, hier weggelassenen, Informationen) folgende Daten aus:
Panic of 1797
Depression of 1807
Panic of 1819
Recession of 1833–34
Panic of 1837
Depression of 1839–43
Recession of 1845–46
Recession of 1847–48
Recession of 1853–54
Panic of 1857
1860–61 recession
1865–67 recession
1869–70 recession
Panic of 1873 and the Long Depression 1873–1879. The Long Depression is sometimes held to be the entire period from 1873–96.
1882–85 recession
1887–88 recession
1890–91 recession
Panic of 1893 Jan 1893 – June 1894
Panic of 1896
1899–1900 recession
1902–04 recession
Panic of 1907 May 1907 – June 1908
Panic of 1910–1911
Recession of 1913–1914
Post-World War I recession 1918 Aug 1918 – March 1919
1921 recession 1920 Jan 1920 – July 1921 ("The 1921 recession began a mere 10 months after the Post-World War I recession, the shortest gap between any NBER-defined recessions. The recession was short but extremely painful. From 1920 to 1921 was the single most deflationary year in American History. Wholesale prices declined by 36.8%").
1923–24 recession
1926–27 recession
Great Depression 1929 Aug 1929 – Mar 1933
Man fragt sich bei diesen Daten, wann die US-Wirtschaft in jener Zeit mal nicht in einer Rezession oder Depression war (und wie sie bei derartig vielen Rückschlägen auf ihren heutigen Stand kommen konnte).
Und man fragt sich, was sich Hyman Minsky unter einem längeren Zeitraum des Wohlstands vorstellt - wenn man einmal von der Zeit nach dem 2. Weltkrieg absieht.
Immerhin ist es denkbar bzw. sogar wahrscheinlich, dass er in seinem Buch auf solche nahe liegenden Einwendungen eingegangen ist.

Unterstellt man die Richtigkeit seiner Beobachtung, eröffnet sich jedoch eine weitaus gravierendere Frage: basieren die von Minsky diagnostizierten Änderungen im Finanzsystem auf psychologischen Faktoren (wachsende Sorglosigkeit), oder gibt es realwirtschaftliche Faktoren (Umverteilung von konsumgeneigten - ärmeren - zu eher spargeneigten - reichen - Wirtschaftssubjekten)?

Minskys Kurzdarstellung können wir insoweit nur die folgenden Informationen entnehmen:
"In particular, over a protracted period of good times, capitalist economies tend to move from a financial structure dominated by hedge finance units to a structure in which there is large weight to units engaged in speculative and Ponzi finance. Furthermore, if an economy with a sizeable body of speculative financial units is in an inflationary state, and the authorities attempt to exorcise inflation by monetary constraint, then speculative units will become Ponzi units and the net worth of previously Ponzi units will quickly evaporate. Consequently, units with cash flow shortfalls will be forced to try to make position by selling out position. This is likely to lead to a collapse of asset values. .....
The hypothesis holds that business cycles of history are compounded out of (i) the internal dynamics of capitalist economies, and (ii) the system of interventions and regulations that are designed to keep the economy operating within reasonable bounds.
"


Wie kommt es zu einer Vermehrung der finanziell unsolideren Unternehmungen?
Welche Ursachen stecken dahinter, und welche Folgen hat das für die Wirtschaft?
Braucht die Wirtschaft diese Übertreibungen vielleicht sogar zu ihrer Entwicklung? Ist "Ponzi" in bestimmten Situationen gar gut für die Realwirtschaft? Würde die Geldversorgung ansonsten nicht mit dem Wirtschaftswachstum Schritt halten? Befördert die finanzielle Sorglosigkeit ein stärkeres Wachstum?
Und wer bezahlt schlussendlich die offenen Rechnungen, trägt die Verluste, der Ponzi-Systeme?

Wenn man davon ausgeht, dass die Zunahme finanziell prekärer Unternehmungen im Ergebnis einer Vermehrung der Geldversorgung der Wirtschaft gleichkommt, kann man die Fragestellung auch umkehren:
Wo kommen plötzlich die zusätzlichen Produktionskapazitäten her, um die anschwellende Flut der (Schein-)Finanzierungen zu absorbieren? Heute wird freilich viel von den zusätzlich generierten (Kredit-)Geldern innerhalb der Finanzwirtschaft hängen bleiben (Derivate!); in früheren Zeiten aber doch wohl weniger?
Ist diese (mutmaßliche) Geldvermehrung zugleich Inflationstreibend?

Genau dort also, wo Minsky aufhört, fangen die spannenden Fragen an.


Unabhängig davon möchte ich hier eine weitere Passage aus seinem Text aufbewahren, die wie eine Prognose unserer gegenwärtigen Lage klingt (meine Hervorhebungen):
"An increasing complexity of the financial structure, in connection with a greater involvement of governments as refinancing agents for financial institutions as well as ordinary business firms (both of which are marked characteristics of the modern world), may make the system behave differently than in earlier eras. In particular, the much greater participation of national governments in assuring that finance does not degenerate as in the 1929-1933 period means that the down side vulnerability of aggregate profit flows has been much diminished. However, the same interventions may well induce a greater degree of upside (i.e. inflationary) bias to the economy.
In spite of the greater complexity of financial relations, the key determinant of system behavior remains the level of profits.
[Ergänze: Und für private Schuldner deren Einnahmen, also hauptsächlich die Arbeitsentgelte.] The financial instability hypothesis incorporates the Kalecki (1965)-Levy (1983) view of profits, in which the structure of aggregate demand determines profits. In the skeletal model, with highly simplified consumption behavior by receivers of profit incomes and wages, in each period aggregate profits equal aggregate investment. In a more complex (though still highly abstract) structure, aggregate profits equal aggregate investment plus the government deficit. [Fließen Profite nicht teilweise auch als Kredite in die Wirtschaft zurück? Und liegt nicht gerade darin eine wesentliche Störung des Gleichgewichts?] Expectations of profits depend upon investment in the future, and realized profits are determined by investment: thus, whether or not liabilities are validated depends upon investment [sic!!!]. Investment takes place now because businessmen and their bankers expect investment to take place in the future."




Marc Schnyder berührt die von mir aufgeworfenen Fragen teilweise in seiner Dissertation (Universität Freiburg/Schweiz, 2002) "Die Hypothese finanzieller Instabilität von Hyman P. Minsky. Ein Versuch der theoretischen Abgrenzung und Erweiterung".
Bei einer sehr flüchtigen Durchsicht erschienen mir nachfolgende Auszüge als notierenswert:

"Obwohl in Minskys Konjunktur- und Krisentheorie wohl der wichtigste Postkeynesianische Beitrag für die Analyse konjunktureller Einflüsse des Finanzsystems zu sehen ist, wurde diese von Minsky kaum zu einem kohärenten, methodisch reflektierten Ansatz systematisiert (Emunds 2000, S. 29). Somit ist ein erstes Ziel dieser Arbeit darin zu sehen, eine möglichst konsistente Darstellung der Hypothese finanzieller Instabilität zu liefern (1 Die Hypothese finanzieller Instabilität). Ein zweites Ziel besteht darin, Minskys Ansatz gegenüber dem Tobinschen q (2.3 Minsky und das Tobinsche q), den Ansätzen anderer Vertreter des Keynesianischen Fundamentalismus (2.4 Die Position Minskys innerhalb des Keynesianischen Fundamentalismus), dem Ansatz von Wicksell und der Österreichischen Schule (2.5 Minsky, Wicksell und die Österreichische Schule) sowie der modernen Mainstream-Makroökonomie (Neuklassische und Neukeynesianische Theorie) (2.6 Minsky-Paradoxon und moderne Mainstream-Makroökonomie) klar theoretisch abzugrenzen. "Last but not least" ist ein drittes Ziel im Versuch der Erweiterung der Hypothese finanzieller Instabilität in den Bereichen Erwartungsbildung (2.1 Erwartungsbildung; hier insbesondere 2.1.2 Massenpsychologie und Herdenverhalten), Geldtheorie (2.2 Geldtheorie; hier insbesondere 2.2.2 Ein alternativer Ansatz) und in Verteilungsfragen (3 Kritische Würdigung) zu sehen.."

"Ein Versuch der Zusammenführung der Hypothese finanzieller Instabilität von Minsky und der Theorie des Supermultiplikators könnte am ehesten über die Einkommensverteilung als Bindeglied erreicht werden: "Excessive speculation going on in the short run will as a rule not only impair production but also heavily influence income distribution; this will have long-period effects across the supermultiplier mechanism: a higher share of property incomes will reduce the volume of economic activity in the long run [...]" (Bortis 1997, S. 229*)."
[* "Bortis, H. (1997): Institutions, Behaviour and Economic Theory - A Contribution to Classical-Keynesian Political Economy, Cambridge: University Press."]

"Minskys beinahe konsequente Vernachlässigung von fundamentalen Verteilungsaspekten wie Arbeitslosigkeit, Einkommens- resp. Vermögensungleichheit und schließlich auch von wirtschaftlicher Macht in kapitalistischen Gesellschaften lässt den Schluss zu, dass er davon ausging, dass sich diese Probleme von selbst lösen, wenn das kapitalistische Finanzsystem stabilisiert werden kann. Dies zeigt sich auch in den wirtschaftspolitischen Vorschlägen von Minsky, die vor allem auf die Stabilisierung des Finanzsystems ausgerichtet sind. Hierbei werden Fragen des ungleichen Wohlstands und ungleicher Machtverhältnisse in kapitalistischen Gesellschaften, wenn überhaupt, nur am Rande gestreift (Dymski/Pollin 1992, S. 53)."



Kehren wir indes zurück zum Minsky-Papier. Was können wir heute mit Hyman Minskys Financial Instability Hypothesis anfangen?

In der letzten Dimension, auf der Ebene einer Betrachtung des Gesamtsystems der Wirtschaft unserer Gesellschaft, erscheint eine Interpretation der Krise relativ leicht:
Das System hatte einen übermäßigen Akzelerationsgrad erreicht; diesen Beschleunigungszustand konnte und kann es nicht dauerhaft aufrecht erhalten. Es legt eine Pause ein, eine Ruhephase, in der es neue Kräfte schöpft.
Um richtig zu handeln, müssten wir uns also fragen:
- Welche Funktion hat die Finanz- und Wirtschaftskrise für das Gesamtsystem (der Weltwirtschaft oder zumindest der Wirtschaft der USA und der anderen Industrieländer)?
- In welche Richtung bewegt sich das System?
- Anthropomorphisierend gesprochen: Was "will das System uns mit der Krise sagen"?

Nur können wir diese Fragen auf einer solchen Ebene wohl nicht sinnvoll stellen. Wir müssten daher Brücken bauen von solchen sehr grundsätzlichen Perspektiven zu einer engeren ökonomischen Sicht, wie sie sich z. B. aus den Überlegungen von Hyman Minsky ergibt.
Wenn wir das schaffen, können wir vielleicht in einer Weise "mit der Krise leben", bei der wir mit dem Strom statt gegen ihn schwimmen, bei der wir unterscheiden lernen zwischen Ätiologie und Symptomen, bei der wir gewissermaßen das Fieber als einen Versuch der Selbstheilung des Systems begreifen, dessen Unterdrückung schadet statt nützt. Ich habe in keiner Weise den Eindruck, dass die derzeitige ökonomische Debatte insoweit "ad fontes", zu den gewissermaßen systemischen Quellen des Debakels, vorgedrungen wäre.
Solange sie das nicht geschafft hat, sollte die Volkswirtschaftslehre wenigstens die Aufrichtigkeit besitzen, sich die Beschränktheit ihres Wissens einzugestehen.



Nachtrag 21.09.09
Lorenzo Bini Smaghi ist Italiener und Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank. (Geldpolitisch ist er übrigens ein Hardliner, wie die Deutsche Bundesbank keinen besseren ausbrüten könnte.)
Wenn ich ihn richtig verstehe, geht auch er davon aus, dass unsere Wirtschaft eine Ruhepause einlegen wird. Nur formuliert Bini Smaghi das natürlich etwas anders als ich.
In dem FTD-Artikel "Deflationsangst. EZB-Notenbanker warnt vor Überreaktion" referiert Mark Schrörs Äußerungen Binis (von einer Pressekonferenz?) wie folgt (meine Hervorhebung):
"Bini Smaghi prognostiziert, dass das Potenzialwachstum nach der Krise "erheblich niedriger" sein wird [als] zuvor. Hintergrund dafür ist auch, dass laut Bini Smaghi das Wachstum der vergangenen Jahre auf einem "exzessiven Wachstum bestimmter Sektoren" wie dem Finanz- oder dem Häusersektor basiert hat. Das müssten Fiskal- und Geldpolitik beachten. Für die Geldpolitik bedeute das etwa, dass die Produktionslücke kurzfristig kleiner ist: "Deshalb kann man den Leitzins weniger stark senken."

 
Nachtrag 20.11.2013
In seinem Aufsatz "
IS THE CURRENT FINANCIAL DISTRESS CAUSED BY THE SUBPRIME MORTGAGE  CRISIS A MINSKY MOMENT? OR IS IT THE RESULT OF ATTEMPTING TO SECURITIZE ILLIQUID NON COMMERCIAL MORTGAGE LOANS?" erschienen im Journal of Post Keynesian Economics, 30, Summer 2008, bestreitet Paul Davidson, dass die damalige weltweite Finanzkrise ein "Minsky moment" war. Ich habe allerdings lediglich die Zusammenfassung gelesen, die ich hier übernehme (meine Hervorhebung):
"Abstract.
Does Minsky’s theory explain recent market instability? For financial fragility, Minsky argued, specific preconditions must occur. These preconditions have not occurred, therefore recent financial market instability is not a Minsky moment. Instead the recent financial market instability is due to an insolvency problem of large underwriters caused by their attempt to "securitize" (make liquid) mortgages (where the latter are normally illiquid assets). The solution for such an insolvency problem is large direct infusions of new capital in these institutions and/or removing nonperforming loans from their books. An easy money policy per se will not do
."

 



Textstand vom 20.11.2013. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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