Donnerstag, 5. April 2012

Iranische Atombombe, Israel, der Pimpf Günter Grass und die Rattenpublizistik


Günter Grass hat einen von ihm als "Gedicht" bezeichneten Text verfasst über die iranischen Bestrebungen zum Bau von Atomwaffen und die israelischen Ankündigungen, dagegen militärisch vorzugehen.
Veröffentlicht wurde es in der Süddeutschen Zeitung am 04.04.12 u. d. T. "Was gesagt werden muss"; außerdem in ausländischen Zeitungen (La Repubblica in Italien und El Pais in Spanien). (Jetzt auch in der FAZ nachzulesen.)

 Inhaltlich ist sein "Gedicht" Müll.
Aber dass Günter Grass Blech redet, wenn er sich als Möchtegern-Intellektueller über internationale Politik äußert, wissen meine Leser bereits seit dem Februar 2006. Damals hatte ich den Blott "Grass redet Blech" verfasst, und zwar über seine Äußerungen in einem Interview, in welchem Günter Grass mehr oder weniger dem Westen die Schuld am Konflikt mit den Islamisten gegeben hatte. (Eine seiner krausen Behauptungen, an welche man ihn aktuell durchaus erinnern könnte, lautete: "Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.")

 Dass Grass Blech redet, sagt nunmehr auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: "Grass redet Blech und trommelt in die falsche Richtung." Und mit anderen Worten sagt das so ziemlich jede(r), die oder der das sogenannte Gedicht analysiert.

Soweit es um eine erste Reaktion geht, habe ich damit keine Probleme und teile diese Ablehnungen. Nur vermisse ich in zweierlei Richtung eine Vertiefung der Debatte:
  • In der sozialpsychologischen Dimension, soweit es einerseits um Günter Grass und andererseits um seine Einbettung in das vorherrschende Politdogma des Nichtinterventionismus geht.
  • Ganz besonders vermisse ich aber in der sachlichen Dimension ein tieferes Einsteigen in die Frage, wessen Interessen das iranische Streben nach atomarer Bewaffnung eigentlich bzw. wirklich bedroht: was die iranische Politik umtreibt und gegen wen sie sich richtet.
Soweit ich es überblicke, kreisen die Reaktionen vor allem um 3 Fragen:
  1.  Ist Günter Grass Antisemit?
  2. Durfte er sich, mit seiner Vergangenheit in der Waffen-SS, gegen Israel äußern und
  3. Welche individualpsychologische Konstellation steht hinter der verquollen Verpackung seines Meinungskerns?
Der Vorwurf des (versteckten) Antisemitismus' wird, soweit ich das überschauen kann, insbesondere von israelischer und (deutsch-)jüdischer Seite erhoben (vgl. z. B. die bei Spiegel Online u. d. T. "Staeck verteidigt Grass" am 5.4.12 zusammengefassten Reaktionen sowie im Einzelnen Josef Joffe unter "Günter Grass. Der Antisemitismus will raus" in der Zeit v. 4.4.12 und Henryk Broder unter "Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter", WELT 4.4.12). Ich halte das für inhaltlich falsch und strategisch wenig intelligent.
Mit derselben Strategie haben jüdische Meinungsmacher (besonders übel der Rechtsprofessor und Rechtsanwalt Alan Dershowitz) die Kritik der amerikanischen Politologen John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt am Wirken der (jüdischen und fundamental-christlichen) Israel-Lobby beantwortet (vgl. die - lange aber gleichwohl leider nur skizzenhafte - Analyse auf meiner Webseite u. d. T. "IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS – A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?").
Irgendwann könnte es geschehen, dass eine solche Manipulationsstrategie jenen Antisemitismus selbst erst auslöst, den sie als Buhmann an die Wand malt, um Gegner der israelischen Politik von vornherein ins Unrecht zu setzen.
Nachtrag 7.4.12: Ein Baseballschläger unter den Antisemitismus-Keulen ist der Artikel "Antwort auf Günter Grass. 'Judenfeindliche Klischees ohne Ende' " von Dieter Graumann,  Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Handelsblatt vom 5.4.12. Ich frage mich mittlerweile, ob die (Graumann ist ja nicht der einzige, der so argumentiert) mit aller Gewalt Antisemitismus provozieren wollen? Wenn DAS das Ziel wäre, dann wäre Graumanns Artikel (der jedoch auch viele zutreffende Vorwürfe enthält, z. B. den der "Wehleidigkeit") schon mal ein geeigneter Einsteig (meine Hervorhebungen): "Hier allerdings finden wir ein Vermächtnis von Verdrehung, von Verlogenheit und von Verirrung, bestückt mit judenfeindlichen Klischees ohne Ende. ... Günter Grass hat zwar die Waffen-SS verlassen. Aber offenbar hat die Judenfeindschaft der Waffen-SS Günter Grass doch niemals verlassen. Spät bricht heraus, was sich Bahn brechen muss." Sicherlich muss es Juden empören, dass Grass Israel als Gefahr für den Weltfrieden identifiziert - und den Iran quasi ungeschoren davonkommen lässt. Aber das kann man doch auch (und hat Graumann ja auch) Grass entgegen halten - und durchaus mit aller Härte! -, ohne ihn als Antisemiten verunglimpfen zu müssen?

Günter Grass ist gewiss kein Antisemit, aber auch er lässt sich (wie man das sonst hauptsächlich bei den Rechten beobachten kann) allzu sehr auf die deutsche Vergangenheit fixieren.
Ich persönlich habe nicht die geringsten Schwierigkeiten damit, bestimmte Aspekte der israelischen Politik zu kritisieren (vgl. meinen o. a. Essay "In the Macchia of Special Interests ..." oder verschiedene Blogeinträge zum Thema Nahostpolitik, z. B. "Propheten-Karikaturen und Palästinenserfrage". Bisher ist noch niemand auf die Idee gekommen, mir dafür Antisemitismus vorzuwerfen. Das liegt aber wohl lediglich daran, dass die Leserzahl meiner Blog-Einträge nicht sonderlich groß ist.
Jedenfalls: Ich antizipiere derartige Vorwürfe nicht, ich rechtfertige mich nicht schon vorbeugend dafür, meine Meinung etwa zur Validität der moralischen Positionen der israelischen Landnahme (kritisch) bzw. der palästinensischen Israel-Vernichtungs-Forderung (ebenfalls kritisch) zu äußern. Sollte jemand mich des Antisemitismus bezichtigen dann hoffe ich mich so zu verteidigen, dass ihm die Freude an dieser Argumentationsstrategie ganz schnell vergeht. (Übrigens habe ich auch kein Problem damit, bestimmte - von anderen kritisierte - Praktiken der israelischen Politik zu loben bzw. ihre Berechtigung anzuerkennen; vgl. "Bravo Israel! oder: Wider den Mythos der allzeit nichtagressiven Zivilisten!".)

Günter Grass dagegen lädt die (bisherigen) Hinderungsgründe für die Veröffentlichung seiner Meinung pseudo-dramatisch auf. Zwei Gründe nennt wer, warum er sich bisher nicht gegen den israelischen Atomwaffenbesitz geäußert habe.
Äußeren (Meinungs-)druck:
  • "Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
    sobald er mißachtet wird;
    das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig."
und inneren (Schuld-)druck [und insoweit, als er diese Schuld persönlich empfindet und durchleidet, kann man ihn nach abstrakten Kriterien moralisch außerordentlich hoch bewerten!]:
  • "Warum aber schwieg ich bislang?
    Weil ich meinte, meine Herkunft,
    die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
    verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
    dem Land Israel, dem ich verbunden bin
    und bleiben will, zuzumuten.
    "
 Ich glaube nicht (was freilich Hypothese bleiben muss), dass Grass sich in erster Linie vor dem Antisemitismusvorwurf fürchtet. Vielmehr halte ich seinen Schuldkomplex - als Deutscher und vielleicht auch persönlich als einstiger Angehöriger der Waffen-SS - für zentral. Denn neben dem "nie zu tilgenden Makel" spricht er ja auch von seinem "Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird". Gerade der persönliche Schuldkomplex dürfte es ja auch gewesen sein, der Günter Grass dazu verleitet hat, seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS (die ich ihm, wohlgemerkt, nicht vorwerfe!) erst spät, im Jahr 2006, "Beim Häuten der Zwiebel", einzuräumen.

Und hier kommt mein "Pimpf"-Vorwurf gegen Grass ins Spiel. Grass hat sich mit 15 Jahren freiwillig zur Wehrmacht gemeldet und wurde später zur Waffen-SS anberufen. Weder das eine, und schon gar nicht das andere (er hat sich ja nicht freiwillig zur Waffen-SS gemeldet!) werfe ich ihm vor.
Mit "Pimpf" meine ich vielmehr, dass er selbst im Alter nicht aus seiner pimpfigen Mentalität herausgekommen ist. In (nicht inhaltlich, aber:) strukturell gleicher Weise, wie der damals Hitler geglaubt hat, glaubt er heute an ein abstraktes moralisches Prinzip: den Weltfrieden (und die Atomwaffenfreiheit).
Das Bedürfnis nach einer abstrakten moralischen Position scheint eine angeborene Krankheit der Intellektuellen zu sein. Gut nur, dass diese Gattung Mensch heute weitgehend ausgestorben ist, die sich in früheren Zeiten leidenschaftlich für Verbrecher wie Stalin, Mao Tse Tung - oder eben (wenige zwar nur) für Adolf Hitler begeistern konnte.
Jenseits ihres speziellen Kompetenzbereichs (bei Grass also der Literatur) haben Intellektuelle offenbar ein tiefes Glaubensbedürfnis. Grass glaubt an die Wahrheit einer abstrakten Moral: Atomwaffen sind böse, somit ist auch böse, wer Atomwaffen hat. Sein Moralismus ist freilich durch eine Matrix verzerrt, denn in seinem Weltbild gilt auch: Wir sind (= Der Westen ist) böse, die anderen sind irgendwie gut, oder doch wenigstens sind ihre Forderungen oder ist ihr politisches Streben gerechtfertigt; zumindest insoweit, als es sich gegen den "bösen" Westen richtet (im "Gedicht" ist insoweit nur von "Heuchelei des Westens" die Rede; in dem von mir seinerzeit bebloggten früheren Interview wird sein anti-westlicher Reflex weitaus deutlicher sichtbar).

Das also ist für mich auf der psychologischen Ebene zentral bei Günter Grass: sein rigider, sein infantiler und insoweit pimpfiger Moralismus. In gewisser Hinsicht ist dieser Mann niemals erwachsen geworden; er urteilt noch heute wie ein Kind. (Das gilt natürlich nur dann, wenn man keine altersbedingte Re-Infantilisierung unterstellen will).

Auf der sachlichen Ebene übt Grass primär Kritik am israelischen Atomwaffenbesitz. Sekundär lehnt er natürlich auch die Lieferung eines deutschen U-Bootes an Israel ab. Aber in der Reihenfolge seines Textes wird dieser Sachverhalt  zunächst als Anlass für seine Kritik am israelischen Atomwaffenbesitz benannt, und bei seinem späteren erneuten Aufgreifen mit einem "auch" relativiert (meine Hervorhebung):
  • Jetzt aber, weil aus meinem Land,
    .......
    ein weiteres U-Boot nach Israel
    geliefert werden soll, dessen Spezialität
    darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
    dorthin lenken zu können, wo die Existenz
    einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
    .....
    sage ich, was gesagt werden muß.
    Warum aber schwieg ich bislang?
    .....
    Warum sage ich jetzt erst,
    .....
    Die Atommacht Israel gefährdet
    den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
(Daran anschließend kommt wieder die deutsche U-Boot-Lieferung an Israel auf den Tisch:
  • ..... auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
    Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
    das voraussehbar ist ... .

 Aber worum geht es überhaupt 'da unten'?
Wieder und wieder liest man: 'Ahmadinedschad hat den Holocaust geleugnet, hat das Existenzrecht Israels bestritten, und deshalb ist es legitim, wenn Israel sich wehrt.'
Ich will hier die in solchen Aussagen behaupteten Kausalzusammenhänge nicht hinterfragen, sondern vielmehr eine ganz andere Frage in den Mittelpunkt meiner Überlegungen rücken: Wieso begnügen sich die Kommentatoren damit, zum einen die iranischen Aussagen 'at face value' zu nehmen, und zum anderen das iranische Streben nach atomarer Bewaffnung als ein spezifisch israelisches Problem zu sehen?

Der Iran ist a) kein Nachbar Israels und b) kein arabisches Land. Es gibt keinen rationalen 'Primärgrund' für eine Feindschaft des Irans gegen Israel: Weder wurde das iranische Territorium vom Israel verkleinert, noch steht der Iran innerhalb der arabischen Solidarität mit den Palästinensern.
Der Grund, warum Ahmadinedschad + Co. gegen Israel wettern, ist gleichwohl rational; es ist aber ein 'Sekundärgrund'. Es geht nämlich in Wahrheit nicht darum, dass der Iran gegen Israel rüsten würde; der Iran strebt eine atomare Bewaffnung an, um gegen seine arabischen Nachbarländer die Stellung einer Hegemonialmacht zu gewinnen.

Die antiisraelischen Tiraden Teherans sind reine Rhetorik, um die islamischen Massen in den Nachbarländern auf die eigene Seite zu ziehen und Kritik am iranischen Atomprogramm aus diesen Ländern als Verrat an der 'islamischen Sache' denunzieren zu können. Die eigenen Nachbarländer wären als Erste von einer atomaren Bewaffnung des Iran bedroht wären, und sie, nicht Israel, sind auch diejenigen, gegen die sich eine solche Bewaffnung in Wahrheit richtet. Der Iran versucht, sich (auch) mittels atomarer Bewaffnung im Nahen Osten als Hegemonialmacht zu etablieren.
Und das ist viel gefährlicher für UNS, als für Israel.
Gewiss: vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung mit Adolf Hitler muss man eine Position des "nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird" für naiv halten. Indes gibt es einen wesentlichen realpolitischen Unterschied zwischen Nazi-Deutschland und dem Iran, eben die Tatsache, dass Israel nicht Nachbar des Iran ist, und außerdem, dass der Iran bei  einer Vernichtung Israels nicht das Mindeste zu gewinnen hätte. Denn dann wäre ja jener Buhmann ausgeschaltet, welchen man der eigenen Bevölkerung vorführen kann, um ihre fortdauernde Unterdrückung zu rechtfertigen. Und den arabischen Massen, um das ja letztlich gegen diese gerichtete iranische Hegemonialstreben zu verschleiern.

Und dieses Hegemonialstreben bedroht letztlich uns, denn sollte der Iran Saudi-Arabien wirksam bedrohen können, wären wir von der Lebensader Rohöl abgeschnitten.

Weil kein einziger der Kommentatoren diese Dimension thematisiert, muss sich auch niemand von diesem feigen Gesindel mit der Frage auseinandersetzen, wie WIR uns in UNSEREM EIGENEN INTERESSE gegenüber der iranischen Atombewaffnung verhalten sollen. Dass die Kommentare wie Ratten in einem behavioristischen Experiment weitestgehend einem Reiz-Reaktions-Schema folgen, dass die Meinungsmacher ihr "Futter" gewissermaßen durch Betätigung der ewig gleichen Hebel suchen, welche ihnen der herrschende Diskurs andressiert hat: DAS ist MEINE Kritik (an der Publizistik; Grass ist kaum einer sachlichen Kritik wert; dieser Typ ist offenkundig von jeglicher näheren Kenntnis der Problematik einer iranischen Atombewaffnung absolut unbeleckt. Er ist in dieser Hinsicht ein "Unbelehrbarer").

Meine Einschätzung: Es liegt zuallererst in UNSEREM EIGENEN INTERESSE, dass bzw. wenn Israel die iranischen Atomanlagen zerbombt. Wir selbst könnten das rein faktisch nicht leisten, und außerdem wären wir auch moralisch viel zu feige dazu.
Auch ich habe die kostenlose oder aus Steuermitteln subventionierte Lieferung von U-Booten an Israel abgelehnt. Aber wenn dieses Land uns das iranische Problem abnimmt, dann können wir ihm auf Knien danken - und meinetwegen gerne noch ein paar U-Boote schenken.

Darüber mag natürlich keiner von den sauberen Zeitungsschreibern nachdenken, die insoweit intellektuell nicht höher stehen als Günter Grass, und letztlich auf derselben moralischen Ebene.
Nur heißt das bei denen anders: 'Alle politischen Möglichkeiten ausschöpfen' usw. ist bei den Meinungsmachern das Codewort. Im Grunde aber argumentieren sie wie Günter Grass gegen einen Militärschlag. Grass hat es nur etwas deutlicher gesagt, und moralisierend als Kritik an Israel.

Insoweit ist die Debatte auch ein Symptom für den Verfall an vitaler Interessenverteidigung in unserem Land und ganz allgemein in Kontinentaleuropa. Niemand will sich die Finger schmutzig machen; die Parole "lieber rot als tot" mutiert heute zur Forderung "Lieber ein Iran mit Bombe als Bomben auf den Iran".
Letztlich ist das die gleiche Mentalität wie "Wozu brauchen wir Atomkraftwerke? Der Strom kommt aus der Steckdose!"

Mein eigenes Volk, das nicht einmal massiv gegen die somalischen Piraten vorgehen will, widert mich an, die ganze europäische Weicheierei wider mich an. So gesehen, ist Günter Grass nur der sichtbare Teil des Eisbergs unserer moralisch-politischen Feigheit. Dass aber kein Kommentar die Dinge überhaupt auf diese Weise betrachten mag, ist ein weiteres Symptom unseres Verfalls.

Hier einige Links zur Debatte um das Grass-Gedicht:
  • "Eine Erläuterung. Was Grass uns sagen will", Frank Schirrmacher, FAZ 4.4.12. Schirrmacher urteilt, dass der Dichter 'Gedicht und Leitartikel zusammengeschraubt' habe. Sein (harsches) Fazit: "Das ist kein Gedicht über Israel, Iran und den Frieden. ..... Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist ,,, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann."
  • Noch schärfer urteilt Tilman Krause, WELT v. 4.4.12 unter der Überschrift "Grass' 'letzte Tinte' transportiert NS-Stereotypen". Das wäre selbst dann grob falsch, wenn man der Einschätzung zustimmen wollte, dass Grass’ Gedicht "voller Anklänge an die Sprache der Nationalsozialisten" steckt. Abstrakt hat Krause Recht, wenn er meint "Hier kann sich ein Mensch von den intellektuellen Prägungen seiner Jugend offenbar nicht lösen." Nur: diese Aussage gilt nicht inhaltlich i. S. von Nazi-Prägung. Sie gilt abstrakt, i. S. v. "infantile moralische Rigidität" oder auch "Begeisterungsfähigkeit für das Richtige" (d. h. dasjenige, was Grass für richtig hält). (Insgesamt ist die Kritik von Krause an Grass eher unter-gürtellinig).
  • Grass selbst verschanzt sich hinter einer Zurückweisung des Antisemitismus-Vorwurfs, anscheinend ohne auf die vielfältige inhaltliche Kritik an seinen Äußerungen einzugehen. Siehe dazu: "Günter Grass wirft seinen Kritikern Rufmord vor", WELT 05.04.12. Das ist denn doch eine äußerst fadenscheinige Strategie der Selbstimmunisierung des Schriftstellers.
  • Zur Reaktion von Günter Grass vgl. auch den FAZ-Artikel "Umstrittenes Israel-Gedicht. Grass sieht 'Gleichschaltung der Meinung' " v. 5.4.12. Wenn ich dort lese: "Grass bemängelte ... dass sich seine Kritiker weigerten, auf den Inhalt seiner Aussagen überhaupt einzugehen", dann möchte ich Grass zurufen: "Und du, Günter? Du hast es offenbar nicht nötig, dich  mit der inhaltlichen Kritik an deinem Text auseinander zu setzen! Du merkst noch nicht einmal, dass sich eine ganze Reihe von Kritikern sehr wohl mit dem Inhalt deiner Aussagen auseinandersetzen! Hast du dein Dichterhirn dichtgemacht?"
  • Denn dass vieles falsch ist an den Grass-Behauptungen, hat z. B. Clemens Wergin am 4.4.12 in der Welt dargestellt: "Günter Grass' seltsames Verhältnis zu den Fakten".
  • Tom Segevs "Was Günter Grass wirklich über den Holocaust sagte" in der WELT v. 5.4.12 scheint eine Replik auf Henryk Broder WELT-Kommentar "Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter" (4.4.12) zu sein. [Auffällig ist die Vehemenz, mit der sich insbesondere die WELT gegen Grass wendet. Möglicher Weise findet diese ihre Erklärung in der Satzung des Springer-Verlages, die u. a. folgende Forderung enthalten soll (meine Hervorhebung): "Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes".]  //  Erg. 6.4.12: Sogar der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns höchstpersonlich, Mathias Döpfner, wirft sich in die Bresche. Unter "Der braune Kern der Zwiebel" schreibt er in der BILD am 05.04.2012 u. a.: "„Gealtert und mit letzter Tinte“ (Grass über Grass) verbreitet er im raunenden Ton des Moralisten nur eines: politisch korrekten Antisemitismus. Er versucht, die Schuld der Deutschen zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern macht. Beim „Häuten der Zwiebel“, wie Günter Grass seine Autobiografie genannt hat, ist er jetzt ganz innen angekommen. Und der Kern der Zwiebel ist braun und riecht übel. Interessant ist ab jetzt nicht mehr, was Grass gesagt hat, sondern nur noch, wie die Deutschen darauf reagieren." Man wertet Grass unkluger Weise auf, wenn man seine Absichten in dieser Weise verzerrt darstellt, und überhaupt wenn man mit solchen verbalen Kanonen nach diesem weltpolitischen Geistesspatzen schießt. Indem man ihn (mit Sicherheit fälschlich; aber selbst wenn es wahr wäre) als Antisemit darstellt, macht man es ihm leicht, sich als Opfer eines Meinungskonformismus darzustellen. So kann er sich einer Konfrontation mit dem inhaltlichen Mist seines Politgedichtes entziehen.
  • In seinem (hübsch betitelten, relativ ausgewogenen und aus dem "Tagesspiegel" übernommenen) ZEIT-Artikel "Atomkonflikt. Der lyrische Präventivschlag des Günter Grass" vom 4.4.12 vermittelt Peter von Becker den Lesern einen Hintergrund, den ich sonst nirgends fand: "Seine Warnung kommt dabei fast zeitgleich mit einer halbseitigen Anzeige, die am vergangenen Samstag auch in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. Darin wird gleichfalls das "iranische Volk" genannt, das zwar in seiner Mehrheit "weder einen Krieg noch iranische Atombomben" wolle, sich aber gegen "Israels Atomarsenal und die militärische Einkreisung durch die USA" wehre. Die über 1.500 Unterzeichner dieses Anzeigen-Appells fordern "den Präsidenten der Vereinigten Staaten" und die "deutsche Bundeskanzlerin" auf, alle "Sanktionen und Kriegsdrohungen" gegen den Iran "sofort zu beenden" und Teheran als Gegenleistung für kontrollierte Beschränkungen seines Nuklearprogramms "einen gegenseitigen Nichtangriffspakt, möglichst gemeinsam mit Israel" anzubieten." Was ich oben im anderen Zusammenhang bereits feststellte, wird hier noch krasser sichtbar: Dass Günter Grass unter den intellektuellen Pinschern Deutschlands keineswegs der einzige Traumtänzer ist.
  • "Günter Grass liegt daneben", WELT 5.4.12, beschreibt einige der Reaktionen. (Ähnlich die - frühere oder spätere? - Fassung "Günter Grass verwechselt Ursache und Wirkung".)
  • Recht umfassend auf der STERN-Webseite die "Grass irrlichtert durch die Politik' " (5.4.12). 
  •  "Reaktionen auf Günter Grass. Hat der alte Deutsche sein Haupt erhoben?", FAZ 5.4.12.
  •  "Historiker Tom Segev. "Grass denkt an sein SS-Schweigen", SPON-Interview 05.04.12: "SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie das Gedicht von Günter Grass gelesen haben? Tom Segev: Dass es Günter Grass mehr um sein eigenes Schweigen geht als, wie er darin behauptet, um die Zukunft der Menschheit. Er tut so, als ob er etwas sagt, das noch niemand gesagt hat. Ich fand das etwas pathetisch: mein Schweigen. Ich glaube, er denkt noch immer an sein SS-Schweigen." Da liegt Segev wohl nicht ganz falsch. "Grass' Argumentation ist sehr unpolitisch." Gut beobachtet! "Grass hat niemals die Nazi-Verbrechen mit deutschen Leiden verglichen. Er ist wirklich ein großer Schriftsteller, aber wenn jemand ein großer Schriftsteller ist, bedeutet das nicht, dass er auch von nuklearer Strategie etwas versteht. ... Es handelt sich auf keinen Fall um eine [israelische] Feindschaft gegen das iranische Volk. Trotzdem spürt man in Israel eine gewisse Art von Holocaust-Furcht. Das alles ist viel ernster als die Frage, ob Günter Grass schweigt oder nicht schweigt." Und, Günnie, was sagst du da dazu?Da kannst du dich nicht mit 'unzutreffendem Antisemitismusvorwurf' rausreden. 
  •  Breit berichtet die WELT am 5.4.12 über die Reaktionen auf Grass' Gedicht. Titel: "Antisemit oder ahnungslos? Hitzige Debatte um Grass". Daraus nehmen wir als Information u. a. mit: "Der Verleger der Werke von Günter Grass in Israel hat das Recht des deutschen Schriftstellers betont, seine Meinung frei zu äußern. „Wir stehen zu ihm als Schriftsteller. Zu seinem Gedicht äußern wir uns aber nicht“, sagte Ziv Lewis vom Verlagshaus Kinneret in Tel Aviv. Es habe nach der Veröffentlichung des Gedichts „Was gesagt werden muss“ keine Anrufe von Lesern beim Verlag gegeben. „Israelis regen sich nicht so sehr darüber auf wie die Deutschen“, meinte Lewis." Also: niedriger hängen, das Grass-Gedicht. Auch mir es es relativ unwichtig; ich möchte vor allen Dingen die Debatte über unsere (deutsche, europäische, westliche) EIGENE Interessenposition vertieft sehen.
  •  Eine wesentliche informative Bereicherung sind auch zwei Artikel in der Frankfurter Rundschau: "Israel und Iran. Was Grass bisher zu Israel gesagt hat" von Jonas Nonnenmann (5.4.12; die Zitate nicht direkt im Artikeltext, sondern im Kasten): "Seine Kritik ist die eines Linken, der sich über die Unterdrückung der Palästinenser empört. Anzeichen gibt es auch dafür, dass er mit der Attacke gegen Israel die eigene Scham zu überwinden versucht, als Jugendlicher bei Hitlers SS eingetreten zu sein.". Dazu, ohne Autorenangabe "Gedicht von Günter Grass. In Print veröffentlicht, Shitstorm geerntet" vom gleichen Datum: "Die Zeitungen [in denen das Gedicht von Grass veröffentlicht wurde] sind gut ausgewählt. El Pais, la Repubblica und die Süddeutsche Zeitung (SZ) zählen in ihren jeweiligen Erscheinungsländern zu den auflagenstärksten und meinungsprägenden Blättern. Mit Auflagen von rund 420.000 Exemplaren (SZ), einer knappen halben Million (El Pais) bis etwa 600.000 Exemplaren (la Repubblica) erreichen sie Millionen von Lesern. Alle drei Zeitungen gelten als im politischen Spektrum eher links angesiedelt. ...
  •  Den auch in anderen Kommentaren gängigem Argumentationsmuster folgt Michael Naumann im Magazin Cicero am  unter "Gedicht zum Israel-Iran-Konflikt. Was spricht in Günter Grass?". Nicht sonderlich Vertrauen erweckend, vielmehr eine offenkundig faktenwidrige pro-israelische Propaganda ist Naumanns Behauptung: "Einzig die atomaren Abschreckungswaffen Israels haben dem Land eine prekäre Sicherheit gewährt." Weder schützen die Atomwaffen die israelischen Siedlungsterroristen [diesen Begriff verwende ich mit vollem Bedacht, und zwar gegen die Strategie von Naumann und anderer, die Bezeichnung Terroristen faktenwidrig einseitig den Palästinensern anzuhängen!] gegen die palästinensischen Terroristen, noch wurden sie benötigt, um die Armeen der arabischen Nachbarstaaten in Schach zu halten: die sind der israelischen Armee auch konventionell noch immer unterlegen, und außerdem hegt keiner dieser Staaten (aktuell; das kann sich natürlich ändern) Angriffsgelüste. Auch die von Naumann wie von vielen anderen geäußerte psychologische Einschätzung der Motive von Grass halte ich für falsch (wobei hier freilich weder das eine noch das andere beweisbar ist): "Was also treibt den Dichter an? Angesichts der haltlosen Behauptungen seiner lyrischen Prosa scheint die Vermutung nicht abwegig, dass ein faktenfeindlicher Blick vom Moral-Gipfel auf die Nahost-Region doch einem ganz anderen Impuls folgt: Einmal, ein einziges Mal Urlaub zu nehmen von der deutschen Verantwortungs-Geschichte, einmal, ein einziges Mal den Juden zuzurufen, dass sie ja auch Täter sein könnten, einmal, ein einziges Mal es Martin Walser gleich zu tun, der es nicht mehr ertrug, die Bilder anzuschauen, die uns aus den Konzentrationslagern überliefert wurden – also auszutreten aus der Erinnerung, die auf dem hochempfindlichen Gemüt eines Dichters wie ein Albtraum gelastet hat und mit „letzter Tinte“ den Juden zuzurufen, dass sie 'den Weltfrieden gefährden' "
  • Extrem übel hat Malte Lehming im Berliner "Tagesspiegel" die Antisemitismuskeule gegen Günter Grass geschwungen: "Provokantes Gedicht Günter Grass – ein Kreis schließt sich" (4.4.12). Den Mann würde ich schwuppdiwupp engagieren, wenn ich, mutatis mutandis, Joseph Goebbels wäre.
  • Gleich zwei köstliche Satiren bietet der Blog "politplatschquatsch": "Grass drüber" (4.4.12) und "Grass. Die ewige SS".
  • Kritisch auch der Blog "Zettels Raum": "Zettels Meckerecke: Günter Grass über Israel. Das Gelalle eines alten Mannes. Man sollte ihm nicht auf den Leim gehen" (4.4.12.).
  • Linksschwätzer Werner Pirker verteidigt Grass in der Junge Welt: "Neo-Totalitarismus. Kesseltreiben gegen Günter Grass" (5.4.12). Ebenfalls ein eindeutiger Fall von 'Rattenkommentar': Die anderen sind gegen Grass? Also sind wir für ihn!
  •  Äußerst substanzhaltig und vor allem einfühlsam dagegen das Interview der Frankfurter Rundschau mit dem Ex-Botschafter von Israel Avi Primor "Günter Grass versteht nicht, worum es geht" (5.4.12; meine Hervorhebung): "Ich halte Günter Grass weder für einen Antisemiten noch für einen Feind Israels. ... Er scheint bislang eine Menge Kritik zurückgehalten zu haben, an der israelischen Politik, an der israelischen Regierung. Aus Scheu, aus Befangenheit. Jetzt ist das aus ihm herausgebrochen. Und genau das ist es, was man ihm vorwerfen kann: Dass er nicht immer offen und ehrlich redete, dass er sich offenbar nicht traute. Aber man kann, man muss Israel kritisieren – sei es die Siedlungspolitik, sei es die Besatzung. ...die Mehrheit der Iraner mag das Regime hassen, aber fast alle unterstützen die Atompläne. Das ist für sie eine Frage der nationalen Ehre. Mit Angriffen könnte man viel Schaden anrichten, aber den Iran nicht vom Ziel abbringen. ... Das iranische Atomprogramm richtet sich nicht gegen Israel. Die Ajatollahs hassen uns aus ideologischen Gründen, aber die Vernichtung Israels gehört nicht zur Staatsräson. Sie benutzen Israel als Propagandamittel im Kampf um die arabischen Massen, im Machtkampf innerhalb der islamischen Welt. Die arabischen Nachbarn des Iran machen sich denn auch große Sorgen. Wenn nämlich der Iran seinen Einfluss auf den Irak ausweiten und die Oberhand über Saudi-Arabien und die Golfstaaten bekommen könnte, würde der Iran 57 Prozent der globalen Ölreserven kontrollieren.
  •  Mehr über die Reaktionen auf Grass' Gedicht auch im dem FAZ-Bericht "Kritik an Grass’ Israel-Kritik. „Aggressives Pamphlet der Agitation“ " (5.4.12).
  •  Interessant im Spiegel-Online-Bericht "Grass-Interviews im Fernsehen. Der Dichter wehrt sich" v. 5.4.12 die Info: "Grass kritisierte in dem "Tagesthemen"-Gespräch ausführlich die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland, die im Gedicht nur eine untergeordnete Rolle spielte. "Es gibt nur wenige Länder, die Uno-Resolutionen so missachten wie Israel. Es ist oft genug von der Uno darauf hingewiesen worden, dass diese Siedlungspolitik beendet werden muss. Sie geht weiter." Das sei ein Enteignungsprozess, das Ergebnis einer Besatzungspolitik und damit auch der Kritik würdig. "Dieses Aussparen, dieses feige sich Wegducken, das schlägt schon in Nibelungentreue." Wo Grass Recht hat, hat er Recht!
  •  Auszüge aus dem SPON-Kommentar "Grass-Debatte. Schuldverrechnung eines Rechthabers" von Jan Fleischhauer" vom 5.4.12: "Das Spiel mit der Kulturkapuze betreibt Günter Grass schon seit 50 Jahren. Wo immer er die Gelegenheit sah, sich mit erhobenem Zeigefinger politisch in Szene zu setzen, war er dabei - gegen das Böse (Strauß, die Treuhand, den Kapitalismus) und für alles Gute und Wahre (die SPD, den Freiheitskampf in Nicaragua, den SC Freiburg). Dabei brachte es Grass zu einer wahren Meisterschaft in der Kunst, mit großem Aplomb Türen aufzustoßen, die längst sperrangelweit offenstanden." (Stimmt vermutlich.) "In der Welt, in der Grass ein Großer ist, gilt nicht die Abrechnung mit dem Judenstaat als anstößig, sondern das Bekenntnis zu ihm, jedenfalls dann, wenn außer Worten auch Waffen folgen sollen. Nur sagt man es nicht so deutlich wie der Mann aus Lübeck." (Dürfte ebenfalls zutreffen.) Die weiteren Ausführungen decken sich mit dem, was man in vielen Kommentaren liest: Grass will seine NS-Zeit irgendwie rechtfertigen, relativieren oder was auch immer, indem er in der aktuellen Iran-Auseinandersetzung Israel den Schwarzen Peter zuschiebt. Das geht für mich daneben und schon unter die Gürtellinie; Grass hat Recht, wenn er sich gegen solche Anschuldigungen wehrt. Beinahe schon bösartig ist die Formulierung: "Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Naheliegend wäre jetzt eine Ballade über das Leiden des palästinensischen Volkes." Denn die israelische Siedlungspolitik würde als eindeutig völkerrechtswidriger Terrorismus eine "Ballade" eindeutig rechtfertigen. Wer den israelische Kampf gegen das rechtswidrige iranische Atomwaffenstreben damit auf eine Stufe stellt, der delegitimiert ihn letztlich. Und das wollte Fleischhauer ganz gewiss nicht. Und absolut jenseits von Gut und Böse sind die Sätze: "Der Autor könnte sich auch der Frage widmen, wie Henryk Broder vorzeitig von der Sache Wind bekommen hat, das wäre dann ein Beitrag zum Kapitel jüdische Weltverschwörung."
Nachträge 06.04.12
  •  Henryk Broder legt heute in der WELT unter "Ein autoritärer Knochen spielt verfolgte Unschuld" noch einmal nach. Der Titel ist treffend; leider fehlt Broder die Selbsterkenntnis, dass gerade Leute wie er, bzw. Texte wie die seinen, es sind, die es Grass ermöglichen, verfolgte Unschuld zu spielen. Und das in diesem Artikel erneut und auf eine zwar rhetorisch hinterhältige Weise, die früher einmal brillant gewesen sein mag, sich aber mittlerweile total abgenutzt hat. Mit dem Satz "Lassen wir es dahingestellt, ob Günter Grass ein Antisemit ist oder ein "Freund" des Landes Israel, dem er sich "verbunden" fühlt" leitet er nämlich zwei Absätze ein, in denen er auf verschlungenen Pfaden Grass dann doch wieder Antisemitismus unterjubelt. Derart hinterhältigen Angriffe bewirken (z. B. auch bei mir) eher eine Solidarisierung mit Grass. Broder hätte seinen Aufsatz besser auf Sätze beschränkt wie diese (meine Hervorhebung): "In einem Interview mit dem ZDF, das ebenfalls gestern aufgenommen und gesendet wurde, klagte Grass darüber, er werde "an den Pranger gestellt", seine "Argumente" würden nicht zur Kenntnis genommen, er fühle sich "gehässig und verletzend behandelt". Auch das ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist. Grass ist ein larmoyanter Autist, der mit dem Kopf gegen die Wand rennt und hinterher darüber jammert, dass die Wand es auf ihn abgesehen habe. ... Die maßlose Selbstüberschätzung beginnt schon damit, dass er einen Leserbrief als ein "Gedicht" präsentiert, nur weil er die Zeilen so arrangiert hat, dass sie aus der Ferne einem Poem ähnlich sehen." Eine wichtige Information bringt der Broder-Kommentar auch: " ... "SZ", die das "närrische Gedicht" (Karasek) am Mittwoch veröffentlichte, nachdem die "Zeit" es sich im letzten Moment anders überlegt hatte." Das "Gedicht" sollte also ursprünglich in der ZEIT erscheinen! Deren Entscheidung, diesen Grassschen Meinungsmüll nicht zu publizieren, kann ich nur begrüßen. Weiterhin verlinkt Broder (immerhin!) zu einem der wenigen Medienkommentare pro Grass:
  •  "Friedenspreis statt Schelte für Günter Grass" forderte Thomas Nehls, WDR, ARD-Hauptstadtstudio, bereits am 4.4.12. Nehls übergeht, dass Grass den Israelis faktenwidrig einen atomaren Schlag gegen die iranischen Atomanlagen unterstellt ("Erstschlag ... der das iranische Volk auslöschen könnte"), und dass er die iranische Bedrohung verharmlost, indem er nicht nur Ahmadinedschad als Maulhelden abtut (so haben viele einst zweifellos auch Adolf Hitler fehl-eingeschätzt).  Eine weitere Verharmlosung Grass', die aber nicht nur Nehls übersieht, liegt in der Formulierung über das "unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk": damit wird die breite Zustimmung der iranischen Bevölkerung zum Atomprogramm (auf die in der aktuellen Debatte nur Avi Primor in dem o. a. FR-Interview hinweist) implizit geleugnet. Stattdessen spricht Nehls von "wutschnaubend vorgetragenen Motivationsvarianten der jüdischen und der deutsch-israelischen Lobby in der Bundesrepublik" und behauptet "Die meisten Grass-Widersacher formulieren mit Schaum vorm Mund". Genau wie Grass zieht auch Nehls die Existenzs des iranischen Atomwaffenprogramms in Zweifel, die doch für jedermann offenkundig (und aus iranischer Sicht politisch ja auch Sinn macht) (meine Hervorhebung): "Nachzusinnen, ob es ohne israelische Atomsprengköpfe überhaupt zu den Teheran unterstellten Nuklearwaffen-Gelüsten gekommen wäre, ist ja wohl noch erlaubt." In der Tat: genau darüber sollte man nachdenken. Dann wird man rasch zu der Einsicht kommen, dass die iranische Atombewaffnung gerade KEINE Reaktion auf den israelischen Atomwaffenbesitz ist, sondern der Versuch, eine Hegemonialstellung insbesondere gegenüber den ölreichen Nachbarn  im Westen des Iran zu erringen. Eine von Nehls vorgeschlagene Vergabe des Friedensnobelpreises an einen politischen Naivling wie Günter Grass wäre noch weniger friedensfördernd wie die seinerzeitige sinnfreie Verleihung an Barack Obama.
  • Nehls' Kollege Patrick Gensing dagegen schwingt im Tagesschau-Blog am 4.4.12 "Beim Schälen der Kartoffel" die Antisemitismuskeule gegen Grass: "Grass erfüllt mit seinem Gesagten zwar nicht unbedingt die Kriterien an ein Gedicht, aber dafür die des sekundären Antisemitismus, die unter anderem lauten: Dämonisierung Israels (Gefahr für den Weltfrieden) sowie Delegitimierung Israels (Forderung nach internationaler Kontrolle,  das Recht auf Selbstverteidigung wird bestritten, eine „vom Wahn okkupierte Region“)".
  • Im STERN bewertet Gerda-Marie Schönfeld am 5.4.12 unter "Günter Grass' Israel-Kritik. Letzte Tinte - oder: der Erstschlag" die Lage an der Meinungsfront wie folgt: "Heftig attackiert wird Günter Grass wegen seiner Israel-Kritik. Klagend tritt er nun auf. Aber Grass hat keinen Grund dazu. Ihm ist mal wieder ein Marketing-Coup gelungen. Und eine Selbstenthüllung." Mit der "Selbstenthüllung" zielt sie auf Grass als angeblichen Antisemiten (was ihre sonst kluge Analyse für mich etwas entwertet): "Günter Grass ist einer jener grundanständigen deutschen Antisemiten, auf den der oft zitierte sarkastische Satz des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex voll zutrifft: "Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen." Rex beschrieb damit ein Phänomen, das in der Psychoanalyse ein wohlbekannter Klassiker ist: Der Täter muss irgendwann das Opfer hassen, weil das Opfer ihm gezeigt hat, zu welchen monströsen Verbrechen er fähig war. Das ist für den Täter, auch für den reumütigen Täter, so unerträglich, dass er seine Aggressionen fortan gegen das Opfer wenden muss. Und da ist die Generation Grass, die innerlich den verlorenen Krieg noch immer nicht verwunden hat, natürlich schlechter dran als die Generation Golf".
  • Mehr berichtender Natur ist der ebenfalls im STERN vom 5.4.12 erschienene Artikel "Grass' TV-Interviews. Marketing-Coup eines Literaten".

Nachträge 06.04.2012
(Unter anderem) über Grass' Rechtfertigungsversuche im Fernsehen berichtet der heutige FAZ-Artikel "Günter Grass im Fernsehen. Was bleibet aber, richten die Dichter an": "Die Welt (soweit das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen sie abbildet) kannte am Donnerstag nur ein Thema: Günter Grass und sein Gedicht. ... Was muss da am Donnerstag Morgen in Berkenthin, dem Wohnort von Grass, los gewesen sein? Ein Fernsehteam nach dem anderen lief ein, um im Atelier des Literaturnobelpreisträgers zu verschwinden, wo der griesgrämige Hausherr vor seiner Bücherwand immer wieder neu Rede und Antwort stand – die ... aber ... [wirkten, als seien sie] mit Copy & Paste erteilt. ...  Es braucht ja nur etwas Recherche, um die vollmundigen Verkündigungen von Grass eine nach der anderen zu widerlegen. ...  In den im Internet abrufbaren Langversionen der Fernsehgespräche von Donnerstag kommt die Rede auch auf die Siedlungspolitik. Die war 1973 der Anlass für Grass, Israel die Rolle des Aggressors zuzuschieben, und auch damals hieß es schon, man könne in Deutschland ja nur schlecht über so etwas reden. ... In Band 14 ... der ... Werkausgabe findet sich das 1967 publizierte Gedicht „Zorn Ärger Wut“, in dem Grass bitteren Spott über politisch engagierte Lyrik ausgießt. ... Und etwas weiter stellt der Dichter über solche Gedichte fest: „sie kommen ans Ziel, sie kommen ans Ziel: / zuerst ins Feuilleton und dann in die Anthologie“. Das immerhin hat sich seit 1967 geändert. Heute kommen sie zwischendurch noch in ein weiteres Ziel: ins Fernsehen, auf allen Kanälen, die ganze Nacht lang. Um 0.20 Uhr beginnt 3sat den neuen Tag mit einer Sondersendung „Kulturzeit extra“. Ihr Thema: Günter Grass und sein Gedicht."
Lieber Günnie, deine verbalen Ausflüge in die Weltpolitik sind echt peinlich!

Auch die "Lyrikzeitung" widmet dem sogenannten Gedicht von Grass einen Eintrag: "Grass und Israel". Das hat zumindest insofern einen Nutzen, als ich damit eine neue Webseite entdeckt habe.


Nachträge 07.04.12

Einen Faktencheck zu Grass' Behauptungen macht in der Frankfurter Rundschau vom 7.4.12 Bettina Vestring u. d. Überschrift "Gedicht von Grass. Dichtung und Wahrheit". Vom Informationsgehalt her bringt sie nichts, was nicht ohnehin schon in den verschiedensten Kommentaren gesagt worden wäre; immerhin ist es nützlich, Gedicht und Fakten hier in einer systematischeren Weise konfrontiert zu finden.

Andere, teilweise noch etwas präzisere Akzente setzt Raniah Salloum in der Financial Times Deutschland von heute u. d. T. "Umstrittene Thesen. Das Grass-Gedicht im Faktencheck". Leider muss man sich durch die einzelnen Punkte durchklicken, was die Lesefreundlichkeit beeinträchtigt.

Günter Grass rudert zwar nicht inhaltlich zurück, gibt aber zu, dass ihm die Formulierung nicht recht gelungen ist (peinlich genug für einen Wort-Meister!). Vgl. z. B. SPON von heute: "Kritik gegen Netanjahu. Grass würde Israel-Gedicht jetzt anders fassen".


Gegen den Antisemitismus-Vorwurf nimmt heute Stefan Weidner auf der Webseite des Magazins Cicero unter "Ein Bärendienst für den Pazifismus" Grass vehement (und zutreffend) in Schutz: "Den meisten Kommentatoren erscheinen diese Zeilen von Grass als überheblich und selbstgerecht. Einige aber lesen daraus sogar einen latenten oder akuten Antisemitismus heraus und verweisen darauf, dass Grass als Siebzehnjähriger in der Waffen-SS diente. Schaut man sich die Kommentare in den Zeitungen an, vor allem in der neokonservativen WELT, fällt freilich sofort auf, wie weit der Begriff des Antisemitismus gedehnt werden muss, um Grass' Äußerung noch darunter zu fassen. Im landläufigen Sinn ist Antisemitismus ja nichts anderes als Judenhass. Einen primitiven Judenhass jedoch, wie ihn die Nazis pflegten, unterstellt selbst die WELT Grass nicht. Um Grass Antisemitismus zu unterstellen, muss der Umfang dieses Begriffs daher kräftig gedehnt werden. Er wird dann verstanden als ein pathologischer Zustand ... in Gestalt tiefsitzender, oft unbewusster Vorbehalte und Vorurteile gegen Juden oder gegen den Staat Israel. Besonders Letzteres ist wichtig. Denn ohne diese Ausweitung des Begriffs „Antisemitismus“ auf die Kritik an der israelischen Politik wird der Vorwurf oft gegenstandslos. Auch im Fall von Grass würde er nicht funktionieren. Die Worte „Jude“ oder „jüdisch“ kommen im Gedicht gar nicht vor; nur von Israel ist die Rede." Wenn man sich den o. a. Aufsatz des Cicero-Chefredakteurs Dr. Michael Naumann anschaut möchte man Weidner leicht amüsiert zurufen, sich auch mal im 'eigenen' Magazin umzuschauen. Dr. Naumann erhebt den Antisemitismus-Vorwurf zwar nicht direkt, macht aber unmissverständlich klar, dass er genau diesen gegen Grass erhebt (meine Hervorhebungen): "... Grass‘ politisch grenzwertigem, literarisch belanglosen Aufschrei unter dem verräterischen Titel „Was gesagt werden muss.“ Er spiegelt das Möllemann-Syndrom wider: „Man wird doch einmal sagen dürfen…“.  Die Floskel gehört zu den klassischen Ouvertüren aller antizionistischen und antisemitischen Bemerkungen (der semantische Unterschied ist minimal). ...Was also treibt den Dichter an? ... scheint die Vermutung nicht abwegig, dass ein faktenfeindlicher Blick vom Moral-Gipfel auf die Nahost-Region doch einem ganz anderen Impuls folgt: Einmal, ein einziges Mal Urlaub zu nehmen von der deutschen Verantwortungs-Geschichte, einmal, ein einziges Mal den Juden zuzurufen, dass sie ja auch Täter sein könnten, ... und mit „letzter Tinte“ den Juden zuzurufen, dass sie „den Weltfrieden gefährden.“ Aber genau das hatten wir schon einmal gehört. Was, um Himmels Willen, spricht da in Günter Grass?" Das gröbere Kaliber überlässt Naumann Henryk Broder: zu dessen Welt-Aufsatz verlinkt er nämlich gleich im Anschluss an seinen Text ("Lesen Sie auch, was Henryk M. Broder über Grass' Israeldichtung sagt."). Man muss davon auszugehen, dass Naumann sich mit diesem Hinweis auch die von Broder massiv gegen Grass erhobene Antisemitismus-Beschuldigung zu eigen machen wollte.
Jenseits dieser Frage wollen wir aber noch folgenden hübschen Zeilen, diesmal wieder von Weidner, genießen: "Nüchtern betrachtet ist die Debatte um das Gedicht ... so substanzlos wie das Gedicht selbst, das ja nicht einmal als Prosagedicht einen lyrischen Wert hat. Es wirkt, zumal auf den erfahrenen Leser, unbeholfen, ja schülerhaft. Es ist peinlich, nicht weil sein Inhalt so skandalös wäre, sondern weil es ein schwacher, banaler Text ist".

Sehr treffsicher heute von Thomas Schmid (der Grass ausdrücklich nicht als Antisemiten sieht) der Artikel "Die polemische Bosheit des revisionistischen Grass": "Es gab einmal eine Zeit, in der Dichters Wort zählte. [Gab es die wirklich??? Die "Intellektuellen", die an Stalin und Mao geglaubt haben, haben 'uns' damals - zum Glück - auch nicht überzeugt!] Dass es nicht mehr so ist, hat ..... auch damit zu tun, dass einer wie Grass sein moralisches und intellektuelles Kapital durch Sturheit und durch Wiederholen des Immergleichen verspielt hat. Er hat sich und sein Milieu aus dem ernst zu nehmenden Diskurs abgemeldet. Es gab einmal eine Zeit, in der Leute wie Grass den Regierenden nicht ohne Grund Torheit vorwerfen konnten. Heute aber ist das, was jeder Politiker aus der dritten Reihe etwa zu Israel und dem Mittleren Osten zu sagen hat, weitaus komplexer und nachdenklicher als die Pamphlete und Karikaturen, die Günter Grass beisteuert (und die er dann relativieren muss). So weit haben wir es gebracht. Gut für die Politik. Dem Reich des Geistes jedoch wäre ein Neustart zu wünschen".

Absolut köstlich ist die Kritik von Wolf Biermann heute abend in der Berliner Morgenpost  "Günter Grass - erst klug, dann böse, heute verbiestert"- Biermann hat es garnicht nötig, Grass die Waffen-SS-Vergangenheit seiner Jugend vorzuwerfen, oder ihm "Antisemitismus" zu unterstellen. Er argumentiert überzeugender: "Günter Grass war in seiner Jugend ein starker Romancier, aber ein Dichter wird er auch mit diesem späten Versuch nicht. Nun werden alle über ihn herfallen, die Journalisten, weil sie Auflage schinden müssen, die Politiker, weil sie wiedergewählt werden wollen, seine Kollegen aus echtem Neid und echter Empörung. Sogar seine Bewunderer werden sich schaudernd von Grass abwenden. Und er wird sich rotzig verteidigen und trotzig einbunkern in seinen Nobelruhm. Aber der schlimmsten Strafe entgeht Günter Grass nicht: Die Muse der Dichtung, die schöne Erato, krümmt sich vor Lachen und vor Schmerz über diesen dumpfbackigen Polit-Kitsch."


Nachträge 08.04.2012

Israel hat Günter Grass die Einreise verboten. Das ist eine absolut unangemessene, vor allem aber extrem unkluge Reaktion. Meint auch Frank Thomsen im Stern u. d. T. "Israel und Günter Grass Duell der Erregten". Wir ignorieren hier Thomsens Seitenhiebe auf Thilo Sarrazin (und den völlig aus der Luft gegriffenen Vergleich zwischen dem Grass-"Gedicht" und dem Sachbuch von Sarrazin) und halten nur die zutreffenden Sätze von Thomsen fest: "Am Ostersonntag hat ihn Israel zur "Persona non grata" erklärt, zur unerwünschten Person. Und ihm, in Gestalt des israelischen Innenministers, noch so dies und das an den Kopf geworfen. Mit seinem "verqueren und lügnerischen Werk" fache er "das Feuer des Hasses" auf Israel an. Er führe fort, was er als Mitglied der Waffen-SS einst unterstützt habe.Man kann sich vorstellen, wie das dem Dichter, der es gern dramatisch liebt, runtergeht: wie Öl. Er wird sich bestätigt sehen in all seiner Kritik an der Politik Israels. Und die israelische Regierung ist unklug genug, ihm diesen Triumph zu gönnen. ... Wie viel klüger wäre es gewesen, das Gedicht mit der Überschrift "Was gesagt werden muss" gelassen aufzunehmen. Die Welle der öffentlichen Empörung über Grass hatte doch schon fast Tsunami-Ausmaße. Nirgendwo [Nun ja: korrekter wäre "fast nirgendwo"] fanden sich Unterstützer für den alten Dichter. ... Im aktuellen Fall hatte Grass sich selbst erledigt. Und nun bringt ihn ausgerechnet Israel wieder zurück ins Spiel. Mit dem Einreiseverbot lenkt Israel die öffentliche Empörung weg von Grass, hin zu sich selbst."
So ist es, insbesondere der letzte Satz trifft voll ins Schwarze. Die Frage ist allerdings, ob das wirklich nur "die Reaktion sehr erregter Männer auf einen sehr erregten Mann" (Thomsen) ist, oder ob dahinter (wie auch hinter der beinahe schon orchestriert wirkenden Antisemitismuskampagne) eine Strategie steht. Ich wüsste indes nicht, welche (intelligente) Strategie das sein sollte. Bei der o. a. Studie von Mearsheimer/Walt macht der - wahrheitswidrige - Antisemitismusvorwurf wenigstens in propagandistischer Hinsicht Sinn; bei der Grass-Debatte dagegen schätze ich die Gefahr ziemlich hoch ein, dass er sich in seiner Wirkung letztlich gegen die Urheber wenden könnte. Aber vielleicht übt Israel an Grass ja nur, wie es mit seinen Kritikern nach dem zu erwartenden Präventivschlag gegen den Iran umgehen wird. Aus meiner Sicht wäre es (und wären die deutschen Juden und die sonstige pro-israelische Publizistik in Deutschland) freilich besser beraten, sachlich zu argumentieren und die Tatsache in den Vordergrund zu stellen, dass das iranische Atomstreben UNS mindestens ebenso sehr bedroht wie Israel und wir somit vom objektiven Interessenstandpunkt im gleichen Boot sitzen.

Weil das Einreiseverbot gegen Grass (der ohnehin wohl kaum Reiseabsichten dorthin hatte) in propagandistischer Hinsicht so dumm ist, muss man annehmen, dass der israelische Historiker Tom Segev die Hintergründe zutreffend beschreibt, wenn er im heutigen Spiegel-Interview "Einreiseverbot für Grass. 'Damit rückt Israel sich in die Nähe Irans' " die Frage: "Was ist die Motivation hinter dem Einreiseverbot?" so beantwortet: "Es geht darum, sich im politischen Entrüstungswettbewerb zu überbieten. Die Kabinettsmitglieder konkurrieren darum, wer am extremsten ist. Jeder will sich als Verteidiger der nationalen Interessen profilieren. Für den Innenminister ist es der Versuch, seine politische Zukunft zu sichern."
Informativ auch, wie die israelische Bevölkerung sowie Tom Segev selbst den Stellenwert des Grass-Gedichts einschätzen:
Frage: "Wie war ... [in Israel] die Reaktion auf das Grass-Gedicht?"
"Für die meisten war es kein besonders wichtiges Thema. Grass wird in Israel nicht als moralische Autorität gesehen. Trotzdem interessiert hier die Diskussion darüber, wie in Deutschland Kritik an der israelischen Regierung geübt wird. Auch ich finde das Grass-Gedicht nicht besonders wichtig. Wenn ich Ratgeber des Premiers wäre, hätte ich vorgeschlagen, gar nicht darauf zu reagieren. Wen kümmert es schon, was Grass zu Israel und Iran denkt?"
Notieren wollen wir uns auch Segevs Schlussbemerkung:
"Es ist typisch für Grass, dass er seine Aussprüche später teilweise wieder zurücknimmt. Jede Grass-Erklärung hat eine zweite Auflage. Grass sollte besser zweimal denken, bevor er so etwas schreibt."
So sehe ich das auch, lieber Günnie: Vor Betätigung der Schreibfeder (oder Computer-Tastatur) Gehirn einschalten!

Umfassend über das israelische Einreiseverbot, wie auch über Kritik daran, sowie auch über frühere Einreiseverbote gegen andere Personen, berichtet heute das Handelsblatt unter "Israel sanktioniert Grass mit Einreiseverbot".


Nachtrag 10.04.12
Bemerkenswert ist der heutige Aufsatz "Grass und seine Kritiker" von Thorsten Hinz auf der Webseite der "Junge Freiheit" (meine Hervorhebung): "Was sich über Ostern an einem läppischen Gedicht von Günter Grass entzündet hat, verdient die Bezeichnung „Debatte“ nicht. Grass hat eine sehr schlichte politische Stellungnahme verfaßt, sie mit Selbstreflexionen vermengt, in Zeilchen zerhackt und als Gedicht unter die Leute gebracht. ... wird Grass den Gefahren und Risiken, denen Israel ausgesetzt wird, nichtmal ansatzweise gerecht. Aus seinen Versen spricht auch das bundesrepublikanische Unverständnis über einen Staat, der sich seiner Haut zu erwehren weiß. ... Weder Grass noch seine Kritiker argumentieren politisch, sondern moralisch. ... Diesen Kern des Problems hat Grass zwar nicht formuliert, aber unbewußt berührt. Es geht gar nicht primär um Israel und den Iran, vielmehr um das kranke Nervenzentrum des eigenen Landes ... Nun hat Grass viele Jahre eigenhändig an dem geistigen Gefängnis gebaut, gegen dessen Reglement er nun anrennt, und bleibt dabei weiterhin sein überzeugter Insasse. ... Was können wir aus all dem lernen? Nichts, was wir nicht schon wußten. Substantiell ist die sogenannte Grass-Debatte eine weitere Runde im Totentanz des BRD-Diskurses".


Nachtrag 11.04.2012
Mittlerweile hat Günter Grass' "Gedicht" "Was gesagt werden muss" sogar einen Wikipedia-Eintrag bekommen.  Inhaltsverzeichnis:

Nachtrag 12.04.2012
Im Cicero vom 11.04.12 tritt Alexander Marguier dem Antisemitismus-Vorwurf gegen Grass entgegen und macht sich zugleich über "Herr Grass und seine Jünger" lustig:
"Prompt stehen auch schon die ersten Apologeten bereit und verkünden die Worte ihres Heilands. Jakob Augstein etwa predigt in Spiegel Online [hier] mit besonderes frommer Inbrunst: 
„Aber die knappen Zeilen, die Günter Grass unter der Überschrift ,Was gesagt werden muss‘ veröffentlicht hat, werden einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen. ... Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: ,Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.‘ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“
Günter Grass hat es auf sich genommen und wurde dafür ans Kreuz genagelt. Jetzt lasst uns alle zu ihm beten."


Nachtrag 13.04.2012
Noch einen klugen Artikel brachte die Junge Freiheit, am 12.04.12. Unter "Austritt aus der Unmündigkeit" schrieb Dieter Stein u. a.:
"Mit der Haltung zu Auschwitz, Israel und Antisemitismus werden innenpolitische Schlachten geschlagen, Lager in Gut und Böse geteilt. Günter Grass macht jetzt Bekanntschaft mit einer Waffe, die er selbst oft und gerne geführt hat. Es gibt eigenartige Fronten der Grass-Kritiker und -Verteidiger. Ein Staat, der die Berufung auf die Religion, das Abstammungsrecht seiner Staatsbürger und den unbedingten Willen zur nationalen Selbstverteidigung auf seine Fahnen heftet, ist für die politische Klasse in Deutschland ein Anachronismus. Andere verstecken sich wiederum hinter Israel, wenn sie gegen die Islamisierung Europas oder für die imperialistischen geopolitischen Ansprüche der USA argumentieren wollen. Vielleicht hat Grass mit seinem verunglückten Gedicht einen Beitrag zum Austritt der Deutschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit geleistet".




ceterum censeo
Europa ja, Albtraum nein!
Euro ja, Fremdschulden nein!
Freunde ja, Kostgänger nein!

Textstand vom 13.04.2012. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

Kommentare:

  1. - Kann diesem aufsatz in wenigen teilen zustimmen, mit ihrem psychologisieren habe ich die größten schwierigkeiten, weil es auf mutmaßungen fusst und in ein typisch deutsches (interpretations)muster verfällt, das sie, auf andere art, grass ankreiden.
    Postum kann man vielleicht auf diese art arbeiten...
    - Wo kommt bei ihnen das „tagebuch einer schnecke“ vor, das wohl zentral steht für das politisches engament des günther grass: der moralismus vorwurf(eines rigiden moralismus) zerfällt somit.
    Einfach am text bleiben, an inhalt und form.Und da ist der grasssche text einfach in weiten teilen daneben.
    - Interessant für mich an der debatte ist, dass hier gleichzeitig ein aufräumen passiert mit einer herangehensweise an die politik wie sie die alte brd geprägt hat, ab in die mottenkiste.
    Als ergebnis finden wir das „vorsichhinmerkeln“, eine reine interessenpoltik, die sich im geplapper horst köhlers im flugzeug aussprach.
    In dieses üble horn blasen auch sie:
    „Und dieses Hegemonialstreben bedroht letztlich uns, denn sollte der Iran Saudi-Arabien wirksam bedrohen können, wären wir von der Lebensader Rohöl abgeschnitten“
    Dann wird es richtig übel:
    „Meine Einschätzung: Es liegt zuallererst in UNSEREM EIGENEN INTERESSE, dass bzw. wenn Israel die iranischen Atomanlagen zerbombt. Wir selbst könnten das rein faktisch nicht leisten, und außerdem wären wir auch moralisch viel zu feige dazu.“

    Und ich möchte gar nicht mehr weiterlesen.... Imperalismus pur.

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  2. Welch ein Segen, dass wenigstens der Iran sowas von nicht-imperialistisch ist ...

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  3. "Die meisten Grass-Widersacher formulieren mit Schaum vorm Mund". - Thomas Nehls, WDR

    Leider, Lieber Burkhardt, ist Deine Sachanalyse auch in sehr viel wütend-polemischen Schaum eingebettet.

    Hier ist das Ergebnis eines on-line polls, den die Financial Times Deutschland zu Grass über Ostern auf ihrer Homepage hatte. Die FTD habt dort immer einen poll zu irgendeiner Frage, rechts an der Seite. Bei Fragen wie z.B. zur Piratepartei oder Gauck lag die Zahl der Respondents bei 3.000 bis 4.000. Bei Grass ging sie auf 21.000 hoch. Es handelt sich hier als um Leute, die nach Wirtschaftsnachrichten auf FTD Seite schauen. Das ist wohl eine soziale Kategorie, die nicht besonders ideologisch ist, außer, dass wohl für den Kapitalismus sind. Hier also das Ergebnis:

    "Die Grass-Thesen sind ...

    - irrsinnig 7%
    - gefährlich 4%
    - antisemitisch 4%
    - diskutabel 27%
    - richtig 57% "

    Da die Prozente gerundet sind, addieren sie sich auf 99%.

    Wer sagt, 'richtig' oder zumindest 'diskutabel': 84%

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  4. Hallo Klaus,
    von den o. a. Alternativen hätte ich selbst mich für keine entscheiden können. Am nächsten wäre "irrsinnig", aber das ist mir zu scharf; "unsinnig" hätte ich bejaht.

    Auch sonst sind die Fragen wenig aussagekräftig: was stellt sich jemand unter den "Grass-Thesen" vor, wenn er diese für "richtig" hält? Einen atomaren Erstschlag Israels gegen den Iran doch wohl kaum? Genau das ist aber eine von mehreren Thesen, die sich aus dem Grass-Text destillieren lassen.

    Was meinen Argumentationsstil angeht, will ich doch hoffen, dass er meine Positionen, darunter insbesondere meine Auffassung, dass die iranische Atomrüstung den Westen (indirekt) massiv bedroht (Hegemonialstreben im Rohölraum!) mit Heftigkeit vertritt. Und dass meine Meinung in dieser Sache (und in vielen anderen Dingen) nicht mehrheitsfähig ist, und dass in Deutschland fast niemand den Aspekt UNSERER Bedrohung auch nur bedenkt, weiß ich natürlich auch.

    Was also soll ich mit den o. a. 84% anfangen? 64 Mio. Deutsche können nicht irren?
    Ich würde eher folgern: 64 Mio. Deutsche mögen nicht nachdenken. Und das haben sie leider mit Günter Grass gemein.

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  5. Was sagen die 84%? Man muß sie vergleichen mit der ganz überwiegenden (sagen wir 90%) anti-Grass Polemik des journalistischen Esatblishments.

    Günter Jauch hat es so gesagt: Unsere Allianz und militärische Unterstützung Isarels ist offensichtlich mehr eine Sache des Establishments, als dass sie von der Bevölkerung unterstützt würde. Und Israel möchte nicht, dass dies Allianz und seine Atomwaffen öffentich zur Debatte gestellt werden. - Das hat Grass gemacht. Daher die Panik bei der Israel Lobby. Der Berlin Korrespondent von BBC hat es so gesagt: "The German Israel relationship is open for a new discussion". AP hat es so gesagt: "Grass' poem threw an unwelcomed light on Israel's nuclear weapons."

    Was den atomaren Erstschlag und die 'Vernichtung' anbetrifft, so ist das natürlich over the top wenn man es so versteht, als wolle Israel Irans Atomanlagen mit einem atomaren Schlag ausschalten. Aber aus der Dynamik eines konventionellen Schlages kann eine Situation entstehen, in der Israel seine Atomwaffen einsetzt. Ein amerikanischer Journalist hat mir vor Jahren mal gesagt, 'the Israelis blow up the world' wenn es um ihre Interessen geht. Das traue ich ihnen auch zu. Man muß den jüdisch-israelischen Rassismus kennen: ihre Leben sind viel wertvoller als die der gentiles.

    Außer diesem ersten, kontroversen Punkt, sind alle anderen Punkte in Grass Gedicht/Text korrekt.

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  6. Nachdem nun wenigstens die ersten Bild-Blotts über unsere Berlinreise online sind (im "Schwanbürger"), komme ich auf deinen letzten Kommentar zurück.
    Ich sehe da kaum einen Gegensatz zwischen unseren Meinungen über Israel. Die deutsche Politik sollte deutsche Interessen vertreten; das ist schon lange (und sicher nicht überraschend) meine Einstellung. Soweit es den deutschen Interessen nicht zuwiderläuft, ist gegen ein besonderes Verhältnis zu Israel nichts einzuwenden.

    Was den "Rassismus" angeht, scheint mir das doch eher ein jüdischer "Kulturalismus" zu sein. Unseren Linken sind beide Positionen gleich verhasst; ich habe (als deutscher Patriot) dagegen durchaus Verständnis für den Wunsch, die Identität der eigenen Kultur zu verteidigen, also für das, was Linke bei uns als "Kulturalismus" diskreditieren. (Vgl. dazu meinen Blott "Bravo Israel! oder: Wider den Mythos der allzeit nichtagressiven Zivilisten!" - http://beltwild.blogspot.de/2011/05/bravo-israel-oder-wider-den-mythos-der.html)

    Grass' Position ist aber nicht interessengeleitet, sondern von seinem Moralverständnis. DAS habe ich kritisiert, nicht seine Haltung kontra (oder ggf. auch pro) Israel.
    Und ebenso kritisiere ich, dass die deutsche Öffentlichkeit - Publizistik wie Population - die Fragestellung in der Weise akzeptieren, wie Grass sie präsentiert (und sich dann gegen oder für ihn positionieren). Dem stelle ich die Forderung nach einer Analyse gegenüber, was die iranischen Atomwaffen für UNS bedeuten. Insoweit magst du zu anderen Resultaten kommen als ich, aber sicherlich wirst auch du nicht diese analytische Dimension vernachlässigen wollen?

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  7. Du scheinst nicht zu wissen, was der jüdisch-israelische Rassismus ist. Es ist nicht 'Kulturalismus'.
    Es ist nicht Kulturdenken, es ist genetisches Abstammungsdenken.

    Erstens das, zweitens ein völkisches Höherwertigkeitsdenken.

    Wie David Ben-Gurion gesagt hat: "I believe in the moral superiority of the Jewish people". usw.

    'The Jews are on the top' in der Hierarchie der Menschheit. Schau mal: Mondoweiss.net, 'Where ya from - On-the-street interviews with Jewish Israelis' by Adam Horowitz. Hör Dir an, was die Frau im weißen Kleid sagt.

    Und was unser und der Amerikaner Interesse anbetrifft: die Israelis machen uns und den Amerikanern nur Probleme.

    Let the Israelis go to hell - und die Araber, die Iraner und alle Muslime werden unsere Freunde sein.

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  8. -"Grass' Position ist aber nicht interessengeleitet, sondern von seinem Moralverständnis."

    Und was gibt es gegen Grass' Moralverständnis einzuwenden?

    Sollen wir nach unserer 'arischen Höherwertigkeit' nun eine jüdisch-israelische superiority unterstützen?

    Die Israelis liegen nicht nur moralisch falsch sondern auch strategisch. So sehen die US Militärs das auch.

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  9. Antwort Teil 1:

    "Eine Natur gibt es nicht" hatte ich mal geschrieben (http://beltwild.blogspot.de/2005/12/eine-natur-gibt-es-nicht-eine.html). Im gleichen Sinne sage ich nun: "Einen Rassismus gibt es nicht".

    Was nützt mir ein Begriff, unter den ich die Israelis (oder Juden) gemeinsam mit den Nationalsozialisten subsumieren müsste?
    Ein solcher Begriff hat lediglich einen agitatorischen, keinen deskriptiven Wert.

    Mich interessiert deshalb nicht, was die Israelis SIND (oder nicht); mich interessiert, was sie TUN (getan haben, evtl. tun werden oder tun könnten).
    Sie haben den Palästinensern ihr Land gestohlen, keine Frage. Und damit meine ich nicht erst die ethnischen Säuberungen 1948, sondern das fortwährende Einsickern (mit dem klaren Ziel der Gründung eines Staates mit jüdischer, also nicht- bzw. anti-arabischer, Identität) während der britischen Mandatsherrschaft.
    Nur kann man dieses Unrecht jetzt nicht mehr beseitigen, weil es neues Unrecht schaffen würde.

    Jedenfalls haben die Israelis die Palästinenser nicht massenhaft in KZs gesteckt oder auf andere Weise umgebracht. Wenn sie für jüdische Einwanderer bestimmte Kriterien vorgeben, die man "rassistisch" nennen könnte: was juckt mich das?
    Und was interessiert es mich, ob sie sich für überlegen halten oder nicht? Außer den Deutschen halten sich alle für überlegen gegenüber den anderen: Die Chinesen gegen den Rest der Welt, die Amerikaner ebenso, die Hindus wahrscheinlich auch und die Muslime ganz sicher. Ebenso zweifellos die fundamentalistischen Christen. Also was soll's, wenn sich auch "die" Israelis, oder meinetwegen auch die Juden (die nach ihrer Theologie ja schließlich auch Gottes auserwähltes Volk sind) gegenüber dem Rest der Menschheit für überlegen halten?

    Dass unsere einseitige Bindung an Israel unsere Bewegungsfreiheit gegenüber den arabischen Staaten beeinträchtigt, kritisiere ich seit langem. Ich habe immer schon eine Äquidistanz gefordert in der Form, dass wir Israel nur unterstützten, wenn es die West Bank räumt, und die Palästinenser nur, wenn sie das Existenzrecht Israels (nach meiner Vorstellung: einschließlich ganz Jerusalems) anerkennen.
    Beide werden den Teufel tun, so zu handeln; also sehe ich auch keinen Grund, die eine oder die andere Seite zu unterstützen.

    Nur ist es selten naiv, wenn du glaubst, dass die Iraner und alle Muslime uns lieben werden, wenn wir die Israelis aufgeben. Eher im Gegenteil wird man Anbiederung als Zeichen der Schwäche auslegen. Der Islam ist missionarisch-expansiv; die Juden sind es nicht. Somit ist es schon rein strukturell unwahrscheinlich, dass die Juden unsere Feinde sein werden. Die Muslime jedoch sind (ohne dass sich dass andauernd in feindlichen Aktionen niederschlagen müsste), wegen ihre religiös-kulturalistischen (bei den Arabern vielleicht sogar auch rassistischen) Überlegenheitsgefühls gegenüber den Ungläubigen potentielle Gegner/Feinde. Die fangen nicht an, uns zu lieben, wenn wir Israel über die Klinge springen lassen: sie würden uns dafür verachten.
    Aber die Israelis sorgen schon für sich selbst, ggf. auch ohne Lieferung deutscher U-Boote.

    Allerdings könnte es ein Grund für die Unterstützung Israels sein, wenn es eine iranische Atombewaffnung verhindern könnte. Ob sie moralisch falsch liegen, interessiert mich dabei wenig. Die Frage ist allein, inwieweit sie unseren Interessen damit nützen, und ob ein israelischer Präventivschlag strategisch Sinn macht.
    Insoweit kann man sicherlich zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

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  10. Antwort Teil 2 (Aufteilung wurde erforderlich wg. Zeichenbeschränkung der Kommentarfunktion):

    Gegen Grass' Moralverständnis wende ich ein, dass es primitiv ist. Dem argumentativen Geblubber in seinem Gedicht kann ich nur entnehmen, dass atomare Bewaffnung für ihn böse ist. Und anscheinend ist Israel für ihn böser als der Iran, weil Israel Atomwaffen hat, der Iran (noch) nicht. Was für eine "weitsichtige" Perspektive! Du kennst ja die Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Grass ist ein Gesinnungsethiker; solche Leute sind gefährlich. Die lassen sich ggf. auch für andere Zwecke - Rassismus, Steinzeitkommunismus usw. - einspannen. Nicht umsonst war ja ein Großteil der westlichen Intelligentsia kommunistisch und hat sich teilweise auch nach Aufdeckung der Stalin-Verbrechen mit der Lösung von ihrem Glauben schwergetan.
    Für mich ist Günter Grass einfach zu faul zum Denken; stattdessen rotzt er ein gesinnungstüchtiges Anti-Kriegs-Gedicht raus.
    So wie es, vielleicht, schon 1938 die "Intellektuellen" in Frankreich und Großbritannien taten?

    Ich liebe die Israelis/Juden nicht und ich hasse sie nicht. Unsere Politik gegenüber Israel muss sich von unseren Interessen leiten lassen; in diesem Rahmen kann man dann auch unseren vergangenen Verfehlungen Rechnung tragen. Aber natürlich darf unser Schuldgefühl uns nicht blind dafür machen, dass es momentan die Palästinenser sind, die unter den Israelis zu leiden haben. Die Frage unserer moralischen Verpflichtung stellt sich damit: Für Israel - oder für die Völker- und Menschenrechte (also definitiv gegen den israelischen Landnahmeterrorismus auf der Westbank). Meine Position dazu s. o. Die Iran-Frage verkompliziert die Lage allerdings und kann ggf. zu einer anderen Positionierung führen.
    Nur: Das ist für mich eine Interessenfrage; Grass' Gesinnungsethik empfinde ich nicht als hilfreich für unsere politisches Handeln in dieser Frage.

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  11. Ganz gute Argumentation. Ich sehe das Grass Gedicht dadurch jetzt in etwas anderem Licht.

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