Dienstag, 9. September 2014

Irrige Grundannahmen in der Gelddebatte



Wenn wir über irgend ein Thema nachdenken oder reden, dann tun wir das immer in einem bestimmten Denk-Rahmen. Also vor dem Hintergrund einer Reihe von Annahmen, die derart selbstverständlich für uns sind, dass wir sie gar nicht aussprechen, und uns diese gedanklichen Prämissen nicht einmal bewusst machen.

Ebenso nutzen wir nicht selten Begriffe, die den Sachverhalt nicht präzise, oder gar verzerrt bis falsch, widerspiegeln.

"Geldkreislauf" ist ein solcher Begriff. Der suggeriert, dass beim Umlaufen des Geldes sonst nichts weiter passiert, dass das Ganze eine Art Selbstzweck wäre.
Richtig wäre es dagegen, von einem "Geld-Güter-Kreislauf" zu reden (was teilweise auch geschieht, aber sehr häufig eben auch nicht).
Denn letztendlich geht es beim Geld ja immer darum, dass man sich etwas dafür kaufen kann, also um die Tauschfunktion des Geldes als Mittler im Güterkreislauf. (Andere Funktionen - Wertmaßstab und Wertaufbewahrung - sind sekundär; hätte das Geld keine Tauschfunktion, könnte es auch nicht als Wertmaßstab oder zur Wertaufbewahrung dienen.)


In anderen Zusammenhängen, etwa bei der Definition des Begriffs "Geld", ist nicht "falsch oder richtig" das Problem, sondern die Bestimmung der Dimension, in welcher man sich mit der jeweiligen Definition bewegt.
Wenn man etwa sagt "Geld ist Kredit" (ob das für Warengeld, etwa eine Goldwährung, überhaupt zutrifft, kann hier dahingestellt bleiben), dann definiert man den Prozess der Geldschöpfung.


Von seiner Verwendung(smöglichkeit) her ist Geld dagegen zu beschreiben als
  • Ein Gutschein, der von den Zentralbanken (Zentralbankgeld, Basisgeld, base money, high powered money) bzw. Geschäftsbanken (Bankengeld) gewissermaßen im Auftrag der jeweiligen Volkswirtschaft ausgegeben wird, und zwar i. d. R. an Kreditnehmer. Diese "Erstgeldempfänger" erwerben damit die Berechtigung, am Markt Güter oder Dienstleistungen sozusagen vorschussweise dem "Topf" der Volkswirtschaft zu entnehmen (indem sie "am Markt" irgend etwas kaufen mit jenen "Gutscheinen", die sie von ihrer Bank erhalten haben).
Im Idealfall, d. h. bei Geldschöpfung in Wege der Kreditvergabe, muss der Kreditnehmer den "Vorschuss" (mit Zinsen) zurückerstatten. Das geschieht auf der Geldebene, indem er den Kredit tilgt.
Um ihn aber tilgen zu können, muss er selber von einem anderen Wirtschaftsteilnehmer Geld erhalten, und zwar (typischer Weise) nicht als Kredit, sondern als, wie ich das nenne, "Eigengeld".

Das geht nur, indem der Kreditnehmer seinerseits (später) eine Ware oder Dienstleistung am Markt anbietet. Realwirtschaftlich heißt das, dass er den "Gütertopf", dem er "vorschussweise" etwas entnommen hatte, wieder auffüllt. Nicht mit einem identischen, aber mit einem gleichwertigen Marktangebot.
(Um dieses "Auffüllen" zu gewährleisten ist es wichtig, dass die Schöpfung von sog. "Fiatgeld" im Kreditwege erfolgt, und nicht etwa die Zentralbank einfach "Willkürgeld" druckt und - typischer Weise - dem Staat weiterreicht, der dann mit diesem "Falschgeld" einkaufen geht. So wurde es leider in Deutschland um 1920 praktiziert wurde - mit der Hyperinflation 1923 als Folge -, und dann im 2. Weltkrieg erneut, was ebenfalls zu einer Währungsreform mit hohen Verlusten der Geldbesitzer führte.)


Nun sehen wir spätestens seit August 2007 (und kulminierend im Herbst 2008), dass es im Geldwesen erneut irgendwie "hakt". Fachleute und Laien (wie z. B. auch ich) machen sich seither Gedanken, wo die Probleme herkommen.
Hier stellt sich natürlich die Frage, in welchem Bereich und auf welcher Ebene man überhaupt suchen soll. Dabei schleicht sich sehr häufig ein Denkfehler ein, den ich mal als



1) VERORTUNGSFEHLER
bezeichnen will. Es handelt sich dabei um die (stillschweigende) Annahme, dass Störungen im Geldwesen ihre Ursache im Geldsystem haben müssen, und dass man folglich lediglich das Geldsystem (wie auch immer) ändern müsse, um solche Probleme in den Griff zu bekommen.
Aber wenn, um (ähnlich wie beim "Kreislauf") ein Bild aus der Medizin zu gebrauchen, das Herz stillsteht, muss kein Defekt am Herzmuskel vorliegen. Ebenso kann auch das Kontrollzentrum, das Gehirn, beschädigt sein, oder die Verbindung dorthin.
Weil das Geldwesen lediglich eine Hilfsfunktion für die Realwirtschaft ausübt (bzw. eigentlich nur ausüben sollte), darf man also die Möglichkeit nicht ausschließen, dass die Störung im Bereich der Realwirtschaft liegt, oder an der Schnittstelle von Finanzwesen und Realwirtschaft.
Ich persönlich vermute, dass ein Zuviel an "Sparen" - Geldansammlung, im wesentlichen bei den Reichen -  zu Störungen führt, eine "Überakkumulation" bzw. ein "Unterkonsum".
(Das wäre dann nicht unmittelbar durch das Geldwesen bedingt, sondern durch unser Eigentumssystem, das es ermöglicht, von anderen "Tribute" zu verlangen. Dass man die dann horten kann, lässt sich ebenfalls nicht dem Geldsystem anlasten; jedenfalls kann ich mir kein System vorstellen, das von sich aus eine solche Hortung ausschließen könnte. Was unter zahlreichen anderen Gesichtspunkten ja auch nicht unbedingt wünschenswert wäre.)
Ob die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise 2007 ff. ihre tiefere Ursache tatsächlich in einem solchen "Über-Sparen" hat (Ben Bernanke sprach von "savings glut"), kann hier allerdings dahingestellt bleiben. An dieser Stelle geht es mir lediglich darum aufzuzeigen, dass man die Suche nach Störungsursachen eines Systems nicht auf dieses selbst beschränken darf, sondern auch die Wechselwirkungen mit anderen Systemen als mögliche Problemquellen im Blick haben muss.


2) PERSPEKTIVENPROBLEM
Wenn wir nicht gerade Fachleute auf dem jeweiligen Gebiet sind, interessieren wir alle uns wenig für die Funktionsmechanismen eines Gerätes oder Systems - solange es funktioniert.
Gibt es dagegen den Geist auf, oder treten (wie in der Finanzwirtschaft ab 2007 und wenig später auch der Realwirtschaft) Schwierigkeiten auf, dann neigen wir dazu, das Sch. System dafür verantwortlich zu machen.
Dabei ist das Geldwesen ja keineswegs zusammengebrochen. Und es hat ja immerhin in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bis etwa zur Jahrtausendwende auch ganz brauchbar funktioniert.
Und wenn man einmal etwas intensiver darüber nachdenkt wie es eigentlich ja doch ein kleines Wunder ist, dass ich beispielsweise mit einem Mausklick über das Internet in einem fernen Land mit einer anderen Sprache und Währung problemlos etwa einen Akku für mein Handy bestellen, und diesen Kauf ebenso problemlos mit einem weiteren Mausklick bezahlen kann (was nicht alles mit dem Geldwesen zu tun hat, aber eben ohne ein hochentwickeltes internationales Geldwesen nicht möglich wäre), dann muss man sich eingestehen, dass man es hier mit einem hochkomplexen Wunderwerk zu tun hat. Und das alles nicht vom Lieben Gott geschaffen, sondern von Menschenhand.
So gesehen, wäre der bessere Ausgangspunkt für ein Verständnis des Geldwesens und seines Zusammenhanges mit der Realwirtschaft wahrscheinlich nicht der Ärger über einen Funktionsmangel, sondern das Staunen darüber, wie so etwas überhaupt die meiste Zeit einigermaßen reibungslos funktionieren kann.


Erg. 11.12.2014:
Hierzu fand ich heute ein passendes Zitat bei einem Blick in den Aufsatz "
Die neukeynesianische Makroökonomie im Spiegel konkurrierender Weltbilder" von Prof. Peter Spahn:
"
Die Stabilität der Marktwirtschaft als „spontaner Ordnung“ ist das eigentliche Explanandum [zu Erklärende, also das nicht Selbstverständliche] der Volkswirtschaftslehre; dass in diesem komplexen System zuweilen Koordinationsversagen auftritt, ist eher trivial."


3) KOMPLEXITÄTSUNTERSCHÄTZUNG

Teilweise habe ich die Komplexitätsdimension schon unter Ziff. 2 angesprochen. Aber während es dort mehr um den günstigen Startpunkt der Analyse geht, möchte ich vorliegend dringend davor warnen, die Komplexität des Geldwesens, und damit auch die Schwierigkeit von Veränderungen (zu einem hypothetisch besseren System) zu unterschätzen.
Nicht nur Laien (aber die natürlich ganz besonders) neigen dazu, die enormen intellektuellen Leistungen von Generationen zu unterschätzen, die erforderlich waren, um das Geldwesen zu seinem heutigen Stand zu entwickeln.
Wir tun häufig so, als hätte Müllers Fritz unser Geldsystem am Reißbrett entwickelt.
Und als ob der ein bisschen doof gewesen wäre, und wir das alles, ratzfatz, viel, viel besser machen könnten.
Aber das Geldwesen ist eben nicht ein intellektuelles Konstrukt (wie etwa die kommunistische Ideologie von Karl Marx). Das ist vielmehr evolutionär entstanden, durch Versuch und Irrtum. Auf diese Weise hat es sich im Laufe der Jahrtausende zu einem gewaltigen und vielfältig verzweigten Gewebe aus Gedankengängen, Institutionen, Sitten und Bräuchen usw. entwickelt.
Und vor allem ist es ein hochelastisches Gewebe, das viele Störungen abfangen kann, ohne dass es die Nutzer groß bemerken, und vor allem ohne jemals zerstört zu werden. (Auch der Zusammenbruch einer Währung ist, selbst wenn es dem Einzelnen zunächst anders vorkommen wird, kein Zusammenbruch des Geldwesens insgesamt.) 


Wer immer dieses in generationenlanger Arbeit gesponnene Gewebe durch großformatige Eingriffe kurzerhand "verbessern" will läuft hohe Gefahr, Funktionszusammenhänge im bestehenden System übersehen zu haben und zu zerstören. Deshalb sind die Chancen sehr "gut", dass ein großmaßstäblicher wohlmeinender Eingriff am Ende zu einer massiven Funktionsverschlechterung des Ganzen führt.

Kurz gesagt: Etwas weniger intellektuelle Arroganz und etwas mehr historische Demut täten uns schon gut, ehe wir oberflächliche Urteile über das angeblich schlechte Geldsystem fällen, oder gar schlecht durchdachte und schädliche Eingriffe vornehmen.


4) Problem der ERKENNTNISVERZERRUNG DURCH PARTIKULARINTERESSEN
Ich gehe davon aus, dass die Mainstream-Wirtschaftswissenschaft an den Gewinn- bzw. Vermögenserhaltungsinteressen der Kapitalbesitzer, und nicht zuletzt der Geldbesitzer, ausgerichtet ist. Den Hintergrund darf man sich nicht primitiv in der Form denken, dass Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern von den Kapitalbesitzern bestochen worden wären, um nur jene Sachverhalte zu lehren usw., die den Besitzenden nützen.
Dieses Zusammenspiel von Wirtschaftswissenschaft und Besitzinteressen hat sich irgendwie ergeben und ist ja irgendwo auch verständlich, weil das Kapital (Geldkapital und Sachkapital) und dessen prozessuale Verwertung im Rahmen einer "Wirtschaft" ja selber der Forschungsgegenstand sind.
Das heißt nicht, dass jeder von der Volkswirtschaftslehre angenommene oder aufgedeckte ökonomische Mechanismus eine Fiktion wäre, der lediglich postuliert wird, um die Interessen der Besitzenden zu bedienen. Wohl aber, dass man wirtschaftswissenschaftliche Annahmen daraufhin überprüfen sollte, ob sie nicht vielleicht, gewissermaßen wie eine Kompassnadel durch einen nahen Magneten, vom Pol der Erkenntnis zu irgend einem Interessenpol abgelenkt worden sein könnten. (So etwa bei dem sog. "Says Law", das die Probleme schlichtweg negiert, die das Geldsparen u. U. für den Geld-Güter-Kreislauf haben kann.) 



5) IRRIGE VOLUNTARISMUSANNAHME
Das, was ich als "Geldsystemspinnerei" bezeichne, wird zwangsläufig immer wieder in die Nähe von Verschwörungstheorien kommen. Unser gegenwärtiges Geldsystem wird nicht als das wahrgenommen, was es ist: Nämlich das Resultat einer jahrhundertelangen wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklung und eines gesellschaftlichen Lern- und Anpassungsprozesses.
Sondern als etwas, was sich einige wenige ausgeklügelt haben, um möglichst viel Geld einsacken zu können.
Nur dumme oder böse Menschen, muss man annehmen, wenn man solche Texte liest, sitzen in den Zentralbanken (oder stecken hinter denen), und drucken Geld, um sich und ihresgleichen zu bereichern.
Die Idee, dass die Zentralbanken mit ihrer (gelegentlich durchaus auch von mir kritisierten) "Gelddruckerei" vielleicht verzweifelt eine Dysfunktion im Zusammenspiel von Finanzwirtschaft und Realwirtschaft zu beheben suchen (nämlich einen durch Überakkumulation bedingten Nachfragemangel zu kompensieren; wie Hortung heute funktioniert beschreibt Christopher Mensching in seinem genialen Aufsatz "
Geldhortung als Nachfrageausfall in der Stromgrößensphäre") liegt den Geldspinnern so fern wie den Kreationisten die darwinsche Evolutionstheorie.
 

Wenn Sie wieder einmal über das Geldwesen nachdenken, denken Sie auch daran, sich nicht in einer der o. a. Denkfallen zu verheddern.



ceterum censeo

Zerschlagt den €-Gulag
und den offensichtlich rechtswidrigen Schlundfunk der GEZ-Gebühren-Gier-Ganoven!

Textstand vom 11.12.2014.
Für Paperblog-Leser: Die Original-Artikel in meinem Blog werden im Laufe der Zeit teilweise aktualisiert bzw. geändert.

1 Kommentar:

  1. "Ich persönlich vermute, dass ein Zuviel an "Sparen" - Geldansammlung, im wesentlichen bei den Reichen - zu Störungen führt, eine "Überakkumulation" bzw. ein "Unterkonsum"."

    vs:

    "Nicht nur Laien (aber die natürlich ganz besonders) neigen dazu, die enormen intellektuellen Leistungen von Generationen zu unterschätzen, die erforderlich waren, um das Geldwesen zu seinem heutigen Stand zu entwickeln."

    Nun steht deine "Vermutung" sozusagen am Anfang dessen, was du hier als Erkenntnis verkaufen willst. Du darfst natürlich eine Meinung haben, aber man sollte reflektieren, weshalb man gerade zu dieser Meinung kommt.
    Wieso sollte deine "Willkür" Meinung gefolgt werden und nicht anderen?


    AntwortenLöschen