Mittwoch, 14. März 2018

Vom Gelde


Nachfolgend sage ich nichts anderes als das, was ich in unterschiedlichen Formulierungen hier schon lange rüberzubringen versucht habe. Aber vielleicht dringt es in dieser Darstellungsform besser durch.
Eigentlich ist sie "nur" ein Kommentar zu einer (Schweizer) Forendebatte, in die ich durch Zufall hineingeraten war (ein Kommentator hatte dort zu einem meiner Blotts verlinkt) .
Doch denke ich, dass mein nachfolgender Debattenbeitrag ganz allgemein für das Verständnis des Geldwesens, und zwar spezifisch der mikroökonomischen Funktionszusammenhänge der kreditären Geldschöpfung mit der Realwirtschaft, von Nutzen sein kann.

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Im Zentrum meines langen Kommentars von gestern (https://insideparadeplatz.ch/2018/02/14/snb-jordan-verkuendet-kommunistisches-und-laedt-zum-gratis-buffet/#comment-199263) steht ein ad hoc entwickeltes Denkmodell unserer (Kredit-)geldbasierten Wirtschaftsweise, das ich hier noch einmal ausführlicher und systematischer präsentieren möchte.

Die Einsicht in die Funktionsweise des Kreditgeldsystems ist mir selber stufenweise erwachsen. In der Hoffnung, dass deren Kenntnis das Modell verständlicher macht, möchte ich „meine“ Vorstufen hier einbeziehen.


1. Vorstufe:

Ausgangspunkt war ein Gleichnis von einem Kartoffelbauern und einem Apfelbauern (nicht von mir selber erdacht, sondern irgendwo gefunden). Das veranschaulicht, warum unsere Wirtschaft keine (unmittelbare) Tauschwirtschaft ist und auch nicht sein kann, sondern notwendig kreditärer Natur sein muss.

a) Ausgangslage und Problem: Kartoffelbauer erntet im Juli. Apfelbauer braucht was zu beißen und will die Kartoffeln haben. (Unmittelbarer) Tausch ist nicht möglich, weil die Äpfel erst im September reif sind.

b) Lösung: Kreditverkauf
Kartoffelbauer übergibt dem Apfelbauern eine bestimmte Kartoffelmenge und lässt sich von diesem schriftlich bestätigen, dass er ihm im September eine vereinbarte Apfelmenge liefern wird. (Das jeweils vereinbarte Mengenverhältnis ist der „Preis“.)

c) Modellstand im Verhältnis zur geldbasierten Güterwirtschaft:
Wir haben bereits die Elemente eines zeitverzögerten „Tausches“ und einen Kreditvertrag. Dieser ist aber noch kein Geld, weil er noch nicht „fungibel“, also selber handelbar, ist.


2. Vorstufe:

Aus dem Kreditvertrag können wir eine spezifische, allerdings noch eingeschränkte Geldform machen indem wir annehmen, dass er von Hand zu Hand wandern kann und das auch tut. (Der Kartoffelbauer „tauscht“ ihn beim Metzger gegen Fleisch ein, dieser beim Schuhmacher gegen Schuhe usw.). Unser „Geld“ ist eine Art von Wechsel, den der Apfelbauer „gezogen“ hat, und den er am Ende einlösen muss.
Modellstand im Verhältnis zur geldbasierten Güterwirtschaft:
Unser „Wechsel-Geld“ (Geldwechsel) „lebt“ nur für eine bestimmte Zeit: Genau wie „richtiges“ Kreditgeld. Er hat allerdings den Mangel, dass er nur auf ein bestimmtes Gut (Äpfel) ausgestellt ist. Zwischendurch kann zwar jeder jedes beliebige Gut damit kaufen; aber „den Letzten beißen die Hunde“: Der muss in den (potentiell) sauren Apfel beißen.



3. „Reifes“ Funktionsmodell unserer geldbasierten Wirtschaftsweise

Nennen wir es scherzhaft das BaGeMaGü-Modell, denn es integriert Banken, Geld, Markt und Güter. Zur Veranschaulichung und Vereinfachung ist es extrem reduziert auf

·       EINE Bank

·       Keine Zinsen (können für den vorliegenden Darstellungszweck ausgeklammert werden)

·       EINEN Geldschein (beliebigen Wertes)

·       Einen Markt

·       ZWEI Akteure

·       ZWEI MAL EIN GUT (d. h. an zwei unterschiedlichen Zeitpunkten je EIN Warenstück).

Warum nimmt man Kredit? Um einzukaufen natürlich!
Folglich schlüpft der „Kreditnehmer“ (als solcher zugleich „Erstgeldempfänger“) in die ökonomische Rolle des "Käufers": Er geht auf den Markt und kauft dem (gedacht: einzigen) Verkäufer sein (gedacht: einziges) Stück Ware ab.
Ergebnis für die Akteure: Käufer hat Ware, Verkäufer hat "wertloses" Stück Papier.
Das Resultat für „den Markt“ ist ein "Ungleichgewicht": Dem irgendwann zu erwartenden Kaufwunsch („Nachfrage“) des ursprünglichen "Verkäufers", der jetzt in die volkswirtschaftliche Rolle des „Geldbesitzers“ geschlüpft ist (und zwar – ein unvertrauter, aber gleichwohl äußerst wichtiger Begriff - als „Zweitgeldempfänger“) steht am Markt keinerlei Güterangebot gegenüber.
Lösung: Der einstige Käufer muss nun seinerseits zum Verkäufer werden. Und entweder das erworbene Gut zurückverkaufen (real unwahrscheinlich) oder das, was er mittlerweile selber produziert hat, anbieten: Dann steht dem Geldschein (in der Hand des damaligen Verkäufers und jetzigen Käufers) wiederum ein Warenangebot (des einstigen Käufers und nunmehrigen Verkäufers) gegenüber.
[Nachtrag 02.04.2018: Für den "Erstgeldempfänger" (bei der kreditären Geldschöpfung) ist das im Kreditwege erhaltene (und i. d. R. schnell wieder ausgegebene) Geld "Fremdgeld": Er muss es ja zurückzahlen (und zu diesem Zweck eine güterwirtschaftliche Leistung erbringen). Für den "Zweitgeldempfänger" ist es dagegen "Eigengeld": Er schuldet es niemandem; es ist allein seine Entscheidung, ob er es wieder ausgeben oder sparen will. Dieser Umstand kann m. E. zu erheblichen Verwerfungen führen und steht letztlich vielleicht sogar hinter der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 ff.]

Und genau diese Lösung, also die Schließung des "Geld-Güter-Kreislaufs" bewirkt die kreditäre Geldschöpfung: Weil der Kreditnehmer das Geld zurückzahlen, also sich "den Geldschein zurückholen" muss, ist er gezwungen, spätestens kurz vor Kreditfälligkeit selber etwas zu verkaufen. Oder anders gesagt: In dem gemeinsamen „Gütertopf“ („Markt“) dasjenige (bzw. ein Äquivalent desjenigen) zurückzulegen, was er ihm „vorschussweise“ entnehmen durfte.

Dieses Denkmodell erklärt also, auf welche Weise Geldschöpfung und Realwirtschaft verknüpft sind bzw. auf welche Weise die (mikroökonomischen) Mechanismen der Geldschöpfung aus sich heraus (im Prinzip; das System kann auch „entgleisen“!) dafür sorgen, dass dem Geld (als Güternachfrage) auf der volkswirtschaftlichen Makro-Ebene auch tatsächlich ein Güterangebot am Markt entspricht.
Abstrakter formuliert zeigt das Modell den realwirtschaftlichen Sinn dessen, was bei einer rein finanzwirtschaftlichen Betrachtung als Magie erscheinen kann. Denn hier sieht es ja so aus, als ob ein dazu Berechtigter nur mal eben eine Zahl auf ein Papierchen schreiben müsste, und schon könnte alle Welt alles Mögliche einkaufen.

Natürlich muss das Geldschöpfungssystem so organisiert sein, dass es dem „Schreiben von Zahlen auf Papierchen“ Grenzen auferlegt. Genau ausrechnen kann man das „richtige“ Verhältnis nicht, das kann nur „der Markt“ „finden“. Aber ganz allgemein kann man auch hier zwei limitierende Mechanismen identifizieren, die auf der betriebswirtschaftlichen Ebene bei der einzelnen Geschäftsbank wirksam werden. Will die (Geschäfts-)bank nicht pleite gehen, muss sie darauf bedacht sein

·       dass sie ihre Kredite zurückbekommt (Bonität der Schuldner und ggf. ausreichende Besicherung der Kredite)

·       dass sie genügend Basisgeld hat (bzw. im Interbankenmarkt selber hinreichend kreditwürdig ist) um die entsprechenden Geldabzüge der Kunden zu kompensieren.

 
Reduzieren wir die geldbasierte Wirtschaft auf ihre immanente Tauschlogik, dann können wir im Modell und ökonomisch gedacht (also nicht rechtlich) behaupten: Indem der Käufer dem Verkäufer den Geldschein übergibt, "verspricht" er ihm, zu einem späteren Zeitpunkt seinerseits eine Ware zu liefern.
[Zum „Tauschverständnis“ von Volkswirtschaft vgl. meinen Blott „Die Geldwirtschaft folgt einer Tauschlogik, ist aber kein Tauschsystem“.]

Von daher macht es Sinn, wenn wir sagen:
Ein Kreditnehmer verschuldet (bzw.: "verschuldet") sich in ZWEI Dimensionen:

- In der Gelddimension bei der Bank (Verschuldung)

- In der realwirtschaftlichen Dimension beim Verkäufer (im Einfachmodell; eigentlich gegenüber dem Markt insgesamt). ("Verschuldung" hier in Anführungszeichen, weil nicht juristisch!)

Wenn man das erst einmal begriffen hat, dann hat man unser gesamtes Geldsystem in seinem tiefsten Kern verstanden. Und wird die allermeisten Debatten über das Geldwesen und den vermeintlichen „Betrug“ mittels einer scheinbar skandalösen „Geldschöpfung aus dem Nichts“ als sinnleere Streitereien von Unwissenden belächeln, die sich die Köpfe um nichts und wieder nichts einschlagen.

Freilich: Ein Funktionssystem verstanden zu haben bedeutet noch lange nicht, dass man auch über alle Einzelheiten Bescheid wüsste. Mit der Entdeckung des Gravitationsprinzips hat man ja auch nicht schon die ganzen Naturgesetze verstanden.
Aber in der Naturwissenschaft weiß man dann, dass eine Erklärung von Wirkmechanismen, die gegen das Gravitationsgesetz verstößt, falsch sein muss, also null Erklärungswert hat.
Dasselbe gilt, mutatis mutandis, für „Erklärungen“ (bzw. Handlungsweisen), welche gegen die o. a. grundlegenden Funktionszusammenhänge zwischen Geldwesen und Realwirtschaft verstoßen.

Jedoch haben soziale Systeme eine große Elastizität. Deshalb unterliegen Denker bzw. Akteure zeitweise der Illusion, sie könnten diese grundlegenden Zusammenhänge straflos missachten oder kurzerhand aushebeln. Beispiel ist die deutsche Hyperinflation 1923 mit ihrer „Bezahlung“ der Ruhr-Streikenden durch Gelddrucken, die ihrerseits lediglich der (schreckliche) Höhepunkt der bereits inflationstreibenden „Druckfinanzierung“ des Ersten Weltkriegs war.
 
 
Nachtrag:
Sollte man auf Fakten stoßen, die meiner obigen Beschreibung widersprechen, müsste man natürlich auch die oben entwickelten Gesetzmäßigkeiten kritisch hinterfragen.
Allerdings dürfte die jeweils „entdeckte“ Widersprüchlichkeit i. d. R. eine nur scheinbare sein; insbesondere auf ein Missverständnis der Elastizitäten als Systemeigenschaften gegründet.

In der Natur fließen Flüsse nur selten bergauf. Und wenn doch, dann lässt sich die Ursache leicht identifizieren (Erdbeben, Tsunami …). Daher käme dort niemand, der auch nur ein rudimentäres Verständnis von Physik hat, auf die Idee, solche Ereignisse als Beweis gegen die Gravitation zu deuten.

In der Volkswirtschaft ist das leider anders. Dort fließen die Flüsse öfter mal aufwärts; das kann für eine beschränkte Zeitdauer funktionieren, wenn alle an diese Möglichkeit glauben. Die Gründe kann man zwar abstrakt mit „Systemelastizitäten“ benennen; aber ganz konkret (z. B. Vorratshaltung) sind sie nicht unbedingt immer auf den ersten Blick identifizierbar. Wenn dann noch das (leider übliche) Nicht-Verstehen der (mikroökonomischen) Kausalzusammenhänge zwischen Geldwesen und Realwirtschaft hinzukommt, dann bastelt sich ein Beobachter u. U. haarsträubende Theorien zusammen.



ceterum censeo

Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 02.04.2018

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