Sonntag, 25. November 2018

Renten richtig retten: VWL-Denkmodelle gegen Markt-Schreier-Schwindel


Was ist die „demographische Krise“?
In den letzten Jahrzehnten gab es weniger Geburten, als zur Aufrechterhaltung der Bevölkerungsstärke (Migration ausgeklammert) notwendig sind. Wenn aber „unten“ weniger Junge „nachwachsen“, dann sinkt (bei unverändertem Rentenbeginn) auch die Zahl der Arbeitnehmer im Verhältnis zur Zahl der Rentner.

Zur Veranschaulichung stelle ich diesen Sachverhalt in zwei „Bevölkerungsmodellen“ dar, die zwar von den Zahlen her überzeichnet sind und außerdem einige wesentliche Umstände ausblenden. Aber für den Einstieg leisten sie das, was sie sollen:
  • Die Probleme der Rentenfinanzierung bei sinkender Anzahl von Arbeitskräften  anschaulich machen,
  • die versteckten längerfristigen Interessenpositionen der Kapitalbesitzer enttarnen und
  • dem Werbeschwindel ihrer Markt-Schreier den Boden wegziehen.

1) Bevölkerungsmodell „jetzt“
  • „Menscheneinheiten“ insgesamt = 100 (darunter, wie auch bei Arbeitenden und Rentnern, kann man sich beliebige konkrete Größen vorstellen: Tausend, Millionen – was auch immer.) 
  • Arbeitende (nachfolgend auch „Junge“) = 50 
  • Rentner (nachfolgend auch „Alte“) = 50 

2) Bevölkerungsmodell „Krisenhöhepunkt“  
  • „Menscheneinheiten“ insgesamt = 75 (Tausend, Millionen – was auch immer.) 
  • Arbeitende („Junge“) = 25 (also halbiert)
  • Rentner („Alte“) = 50 (also unverändert)

Nun gilt vom Grundsatz her IMMER, dass weniger Arbeitende weniger Güter und Dienstleistungen (nachfolgend kurz „Güter“) produzieren (können) als mehr Arbeitende. Allerdings hat diese Aussage ZWEI DIMENSIONEN: eine absolute und eine relative. Genauer müsste man formulieren: BEI GLEICHER TECHNOLOGISCHER AUSSTATTUNG produzieren mehr Arbeitende mehr Güter.

Was in der abstrakten Formulierung kompliziert erscheint, wird beinahe banal, wenn man es wiederum in Denkmodellen veranschaulicht (die bei mir zugleich auch die Auswirkungen auf die Renten aufzeigen sollen).
Diese Modelle arbeiten mit drei bzw. vier Faktoren:
  1. Bevölkerungsfaktor (dafür verwenden wir unsere vorstehenden beiden „Bevölkerungsmodelle“).
  2. Produktionsfaktor (= absolute Produktionshöhe)
  3. Außer im Basismodell ergibt sich die absolute Produktionshöhe aus Annahmen über die Produktivitätsentwicklung, also aus einem Produktivitätsfaktor.
  4. Und weil es in unserer Erörterung speziell um die Rentenhöhe geht, benötigen wir (in allen Varianten) auch noch einen Verteilungsfaktor.
Dabei ist 
  • die Bevölkerung eine feststehende Größe(nannahme)
  • die Gesamtproduktion eine variabel determinierte Größe(nannahme), die sich aus den Modellannahmen einerseits zur Anzahl der Arbeitenden und andererseits zu deren Produktivität ergibt.
  • der Produktivitätszuwachs eine für unsere unterschiedlichen Szenarien im Prinzip willkürlich festzulegende Größe.
  • Dagegen ist die Verteilung des Produktionsergebnisses auf Arbeitende und Rentner nur BESCHRÄNKT willkürlich, weil durch die unterstellte Gesamtproduktion nach oben limitiert.


Demographiekrise und Produktivität: unterschiedliche Wachstumsannahmen im Modell


1) Ausgangssituation „Wirtschaft jetzt“
Die Annahmen über die Bevölkerung entnehmen wir unserem o. a. „Bevölkerungsmodell jetzt“:
  • Menschen insgesamt = 100
  • Arbeitende = 50
  • Rentner = 50
 Das Verhältnis Rentner : Arbeitende (hier zunächst mit dem Wert „1“) ist die „Alterslastquote“ (m. E. dem Ausdruck „Generationenquote“ vorzuziehen, weil er direkt das Problem benennt).
Dieses Bevölkerungsmodell müssen wir ergänzen um einen „Produktionsfaktor“.
  • Wir setzen die Produktionsleistung der Jungen mit -2- Einheiten pro Kopf an; insgesamt erzeugt unsere gedachte Volkswirtschaft also 100 „Gütereinheiten“ (Güter und Dienstleistungen: was immer man sich darunter konkret darunter vorstellen will).
Nun benötigen wir noch einen „Verteilungsfaktor“:
  • Die Güterverteilung für Arbeitende und Rentner soll gleich sein. Jeder Mensch, jung oder alt, bekommt also EINE Gütereinheit pro Kopf und darf diese verbrauchen. (Diese Annahme, die beitragsmäßig einen Satz von 50% bedeuten würde, ist natürlich wirklichkeitsfern. Weil es hier jedoch lediglich darum geht, ökonomische Zusammenhänge und deren tendenzielle Änderungen aufzuzeigen, ist das für den Beweiswert unseres Denkmodells unschädlich.)

Für die folgenden unterschiedlichen Wohlstandsszenarien (Variationen der Produktionshöhe) legen wir auf der Bevölkerungsseite einheitlich unser o. a. Modell „Krisenhöhepunkt“ zugrunde. Wir haben also durchgängig
  • „Menscheneinheiten“ insgesamt = 75
  • Arbeitende = 25 (halbiert gegenüber „jetzt“)
  • Rentner = 50 (unverändert gegen „jetzt“)

2) Variante Wirtschaft ohne Produktivitätszuwachs (dramatischer Wohlstandsverlust)
  • "Menscheneinheiten" = 75
  • Arbeitende = 25
  • Rentner = 50 (Die „Alterslastquote“ hat sich also von „1“ auf „2“ verdoppelt; diese Annahme gilt auch für die Folgemodelle.)
  • Annahmegemäß („ohne Produktivitätszuwachs“) verharrt die Produktionsleistung der Jungen bei -2- Einheiten pro Kopf. Insgesamt erzeugt unsere gedachte Volkswirtschaft nunmehr also lediglich -50- „Einheiten“ an Gütern und Dienstleistungen.
  • Der „Verteilungsfaktor“ sinkt damit bei Gleichverteilung auf 0,67 pro Kopf ab (50 Gütereinheiten : 75 Personen).
  • Alternativ (realitätsnäher) ist die Verteilung der Produktion auch so denkbar, dass die -25- Jungen nach wie vor eine Gütereinheit pro Kopf erhalten und die -50- Alten nur noch eine halbe.
Wie immer man es dreht und wendet (und unabhängig davon, wen es trifft): Der Wohlstandsverlust in unserem „System“ ist enorm! (Und besteht unabhängig davon, ob die Renten im Umlageverfahren oder im Kapitaldeckungsverfahren aufgebracht werden!) 

3) Variante Wirtschaft mit unterproportionalem Produktivitätszuwachs (abgemilderter Wohlstandsverlust)
  • Bevölkerungszahl und „Alterslastquote“ unverändert wie vor. 
  • Annahmegemäß soll es in dieser Variante zwar eine Produktivitätssteigerung geben, die jedoch die verminderte Zahl der Arbeitskräfte nicht ausgleicht. Unterstellen wir beispielsweise eine Produktionsleistung der Jungen von 2,6 Einheiten pro Kopf (was immerhin eine Steigerung um 30% wäre!) dann kommen wir in der Summe auf -65- „Gütereinheiten“. 
  • Der „Verteilungsfaktor“ beträgt bei Gleichverteilung ca. 0,87 Einheiten pro Kopf (65 Gütereinheiten : 75 Personen). Gegenüber dem „Jetztmodell“ wäre er um 13% gesunken (statt um ca. 33% im Szenario ohne jeglichen Produktivitätszuwachs). 
  • Alternativ (realitätsnäher) kann man sich die Verteilung der Produktion auch so vorstellen, dass die -25- Jungen nach wie vor eine Gütereinheit pro Kopf erhalten (insgesamt -25-) und die -50- Alten sich die verbleibenden 40 Einheiten teilen müssen: Pro Kopf wären das 0,8 Gütereinheiten. Verlust der Rentner gegenüber „Jetztmodell“ (Ziff. 1): 20%; Gewinn gegen Szenario ohne Produktivitätssteigerung (Ziff. 2): 60%.
Bei der realitätsnäheren Variante wäre der Verlust der Alten gegen „jetzt“ mit 20% schon beträchtlich. Für die Jungen ergäbe sich zwar absolut keine Veränderung; sie würden es aber kaum hinnehmen, wenn sie ihren gesamten Produktivitätszuwachs an die Alten abgeben sollten. Das im politischen Aushandlungsprozess wahrscheinlichere Resultat wäre also, dass die Jungen mehr als 1 Einheit pro Kopf bekommen, während die Alten sich mit deutlich weniger als 0,8 Einheiten zufriedengeben müssten 

4) Variante Wirtschaft mit PROPORTIONALEM Produktivitätszuwachs (unveränderter Gesamtwohlstand)
  • Population und Alterslastquote unverändert.
  • Annahmegemäß muss der Produktivitätszuwachs die gestiegene Alterslastquote genau ausgleichen. Demnach soll jeder Junge -3- Einheiten produzieren (Summe -75- Gütereinheiten).
  • Bei Gleichverteilung erhält jeder Mensch -1- Gütereinheit; er gibt also keine Veränderung gegenüber dem Gegenwartsmodell.
Unzufrieden wären bei diesem Szenario insbesondere die Jungen, und aus demselben Grund wie im Szenario 3: Weil sie ihre gesamte Mehrleistung an die Alten abliefern müssten.

Soweit es um den Produktivitätszuwachs geht, halte ich für die Zukunft eine Entwicklung irgendwo zwischen Szenario 3 und 4 für wahrscheinlich. Unten werden wir freilich sehen, dass es noch andere Stellschrauben außer der Arbeitsproduktivität gibt, um Menge und Verteilung der Produktion zu beeinflussen.
Zunächst wollen wir aber noch in unserer Einfach-Welt bleiben und eine besonders optimistische Produktions-Annahme im Basismodell durchspielen:

5) Variante Wirtschaft mit ÜBERPROPORTIONALEM Produktivitätszuwachs (Wohlstandsgewinn)
  • Population und Alterslastquote weiterhin unverändert.
  • Annahmegemäß muss der Produktivitätszuwachs die (gegenüber dem Jetztmodell) gestiegene Alterslastquote mehr als ausgleichen. Wir lassen also jeden Arbeitenden -4- Einheiten produzieren (Summe -100- Gütereinheiten).
  • Bei Gleichverteilung würde jeder ca. 1,33 Gütereinheiten erhalten; gegenüber dem Gegenwartsmodell ginge es ALLEN besser. Diese Situation würde vermutlich beide Seiten einigermaßen zufriedenstellen. (Ist aber wohl zu schön, um wahr zu werden.)

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Einschub: Warum der Sinn-Plan scheitern musste, die Marktmechanismen zu überlisten


Die unter Ziff. 5 beschriebene Entwicklung meinte der bekannte (mittlerweile emeritierte) Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn dadurch herbeiführen zu können, dass die Arbeitnehmer zum Vorsorgesparen gezwungen werden sollten.

In dem gemeinsam mit 32 weiteren VWL-Professoren 1998 für das Bundesarbeitsministerium verfassten Gutachten „Grundlegende Reform der gesetzlichen Rentenversicherung“ (dessen Ideengeber - und nach meiner Vermutung ganz oder weitestgehend auch Verfasser - jedoch Prof. Sinn war) glaubte er, „das fehlende Humankapital durch Realkapital ….. ersetzen“ zu können (Ziff. 44 u. ö.) Nur durch eine partielle Umstellung auf das Kapitaldeckungsverfahren (ganz abschaffen wollte er das Umlageverfahren nicht) könne „es gelingen, die zur Finanzierung des zukünftigen Sozialaufwandes benötigten Ressourcen bereitzustellen“ (Ziff.44).Dieses Gutachten dürfte die Blaupause für die sog. „Riester-Rente“ geworden sein, wobei allerdings – abweichend von den Gutachterforderungen - den Arbeitnehmer eine zusätzliche private Altersvorsorge nicht verpflichtend auferlegt (sondern lediglich mit staatlichen Anreizen gefördert) wurde.Bei seinem scheinbar schlauen Plan sind ihm allerdings gravierende Denkfehler unterlaufen, die u. a. damit zu tun haben, dass die Mainstream-Volkswirtschaftslehre die Funktion des Geldes nicht versteht und überhaupt glaubt, das Geld(wesen) in ihren Überlegungen weitgehend ausblenden zu können.

Sinns Überlegungen laufen aus meiner Sicht darauf hinaus, der deutschen Volkswirtschaft eine investive Zwangsstopfmast zu verpassen. Er musste NOTWENDIG scheitern, weil er falsche (implizite) Annahmen bezüglich der Kreditmechanismen und des Investitionsverhaltens der Arbeitgeber enthält:

1.     Fehlannahme bezüglich der Kreditvergabemöglichkeit:   Dass volkswirtschaftliches Sparen (Investieren) ein Geldsparen zur Voraussetzung hat, wobei die Geldersparnisse des Einen zum Kredit eines Anderen werden. Das ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr ist die Relation genau umgekehrt: Im modernen Fiatgeld-Regime kommt jegliches Geld nur DURCH EINE KREDITVERGABE in die Welt. Somit können Ersparnisse überhaupt erst dann entstehen, wenn irgendjemand einen Kredit aufgenommen hat, mit dem er irgendetwas bezahlt: Die Geldschuld des Einen wird Geldersparnis des Anderen! Die Banken schöpfen das Geld „aus dem Nichts“. (Anders als viele Internet-Forenschwätzer glauben, ist das keineswegs ein Skandal.) Wenn man die Vorstellung, dass eine Kreditgewährung direkt aus bei der Bank vorhandenem (eingezahltem) Geld erfolgen müsse, karikierend umsetzt, wird deren Absurdität klar: Es müsste dann nämlich der Unternehmer sozusagen jeden Morgen mit dem Hut die Bankenfilialen abklappern und fragen „Hat jemand gestern Geld bei Ihnen vorbeigebracht, was Sie mir heute pumpen können?“

2.     Fehlannahme bezüglich der Kreditverwendung:   Dass (sozusagen umgekehrt) Geldsparen ein volkswirtschaftliches Sparen (Investieren) zur Folge hat. Auch das ist falsch. Natürlich steht die Bank, wenn Kunden Geld bei ihr deponieren, unter einem gewissen Druck, dieses Geld zinsbringend anzulegen. Also i. d. R. Kredite zu „verkaufen“. Dummer Weise können Banken Kredite aber auch an Immobilienkäufer vergeben (und ggf. eine Immobilienblase auslösen), oder die Spargelder verwandeln sich in Überziehungs- und sonstige Konsumentenkredite (wenn man an dieser Stelle mal die Illusion aufrechterhalten will, dass die Banken Einlagen in Kredite umwandeln. Es gibt da sicherlich auch Zusammenhänge; aber genau „kennt“ die wohl nur „der Markt“.).

3.     Fehlannahme bezüglich der Unternehmermotivation zur (aus Kredit oder Eigenkapital finanzierten) Investition:   Das ein Unternehmer investieren würde, weil Geld „da“ (bzw. zu niedrigen Zinsen verfügbar) ist. Doch egal, ob Erweiterungs- oder Rationalisierungsinvestitionen: Beide wird ein (rational agierender) Unternehmer nur dann tätigen, wenn er sich davon Umsatz- bzw. Gewinnsteigerungen verspricht. Das heißt: Wenn er annehmen darf, dass die Kunden die zu produzierenden Güter auch kaufen. Genau da schießt aber der Sinn-Plan ein Eigentor:

4.     Indem das (freiwillige oder erzwungene) Mehr-Sparen die Arbeitnehmer zum Konsumverzicht zwingt, verringert es die Kaufkraft. Im Gegensatz zum schönen Plan dürfte die Realität genau entgegengesetzt funktionieren: Die Unternehmer müssen die Investitionen REDUZIEREN - weil die Nachfrage nach ihren Produkten gesunken ist! In einer geschlossenen Volkswirtschaft würde das zu Beschäftigungseinbruch und Wirtschaftskrise führen. Dieses Resultat konnte in Deutschland durch Exportsteigerungen abgewendet werden. Ich will nicht behaupten, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss unmittelbar vom „Riestern“ (Vorsorgesparen) der Arbeitnehmer herrührt; statistisch nachweisbar dürfte das ohnehin nicht sein. Aber wenn man die Zusammenhänge zwischen Geld und Realwirtschaft marktwirtschaftlich konsequent durchdenkt, dann musste es eigentlich so kommen, wie Prof. Sinn selber irgendwo mal verwundert konstatiert hatte: Dass sich deutsche Ersparnisse in amerikanische Granitküchen verwandelt haben. Denn, egal ob durch „Riestern“ generiert oder nicht: Leistungsbilanzüberschüsse sind Kapitalexporte und damit Kredite, die dem Ausland gewährt wurden. Saldenmechanisch zwingend entsprechen ihnen inländische Geldersparnissen in dieser Höhe. (Der Zusammenhang zwischen Inlandssparen und Auslandskrediten besteht nicht auf der Mikro-Ebene, sondern wird makroökonomisch durch die Finanzwirtschaft vermittelt.)

5.     Von allen diesen Faktoren abgesehen ist auch die dem Gutachten innewohnende Prämisse eines „Viel hilft viel“ falsch. Es gibt schlicht keine ökonomische Gesetzmäßigkeit nach der, sagen wir, eine zehnprozentige Steigerung der Investitionsausgaben eine zehnprozentige Kostensenkung zur Folge hätte. Eine Weberei, die z. B. 1840 ihren Manufakturbetrieb auf Dampfmaschine umgestellt hatte, hätte 1850 alles Geld der Welt in die Hand nehmen können – und trotzdem keine weitere Rationalisierungsmöglichkeit gehabt. Schnellere Webmaschinen gab es auch zu diesem Zeitpunkt nicht (nehme ich zumindest an), und Elektroantrieb und Computersteuerung waren noch nicht erfunden. Ganz abgesehen von den ggf. fehlenden Absatzmöglichkeiten für die Produkte stoßen Rationalisierungsinvestitionen eben auch an technologische (ggf. auch juristische: Umweltauflagen, Datenschutz usw.) Grenzen. Und Erweiterungsinvestitionen sind sinnlos, wenn absehbar schon bald die Arbeitnehmer zum Betrieb der Fabriken fehlen werden.


Tatsächlich scheint sich heute in der realen Welt das Rationalisierungstempo zu verlangsamen. Auf jeden Fall können wir feststellen, dass ein überproportionaler Produktivitätszuwachs (also das Szenario 5) aus gegenwärtiger Sicht eher unwahrscheinlich ist und dass er in einer geldbasierten Marktwirtschaft auf gar keinen Fall durch erzwungenes Geldsparen herbeigezaubert werden kann. (Viel wichtiger und sinnvoller sind in dieser Hinsicht Investitionen des Staates und der Arbeitgeber zur Qualifizierung der Mitarbeiter bzw. des Nachwuchses!)
So oder so: Wenn man MARKTWIRTSCHAFTLER ist, sollte man eigentlich methodologisch davon ausgehen, dass der Markt sein Investitionsoptimum SELBER findet. Bestreitet man das, müsste man ein Marktversagen nachweisen; erst dieser Nachweis würde eine Korrektur der NACHGEWIESENEN Fehlentwicklung durch staatliches Zwangssparen rechtfertigen. (Und ob die überhaupt greift, müsste und könnte man dann relativ zeitnah – nach vielleicht 5 bis 10 Jahren) UNVOREINGENOMMEN überprüfen.
Aber sooooooo wissenschaftlich denkt Prof. Sinn leider nicht ….. . 

Letztlich ist bei ihm wie bei anderen (mehr oder weniger) neoliberalen Volkswirten die Aversion gegen das Umlageverfahren und die Begeisterung für das Kapitaldeckungsverfahren ideologiegeleitet: „Der Markt macht es besser“ ist das stillschweigende oder ausformulierte Vor-Urteil dieser Kreise. Und Gläubige brauchen keine Beweise. 
EINSCHUB ENDE
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Es gibt keinen Zauber – außer faulem Zauber


Die oben entwickelten Modellszenarien haben eines gemeinsam: In allen Fällen wird das, was in einer (wie auch immer definierten) Zeitspanne verbraucht wird, in (ungefähr) derselben Zeitspanne von den Arbeitenden produziert.

Dafür liefern meine Denkmodelle freilich keinen Beweis. Das ist vielmehr eine ANNAHME, die den Modellen zugrunde liegt. Auch ist sie nicht hundertprozentig korrekt: Die Alten haben vielleicht eine Wohnung gekauft oder ein Haus gebaut und ersparen sich mit dieser Investition die Miete. Sie werden vermutlich auch keine neuen Möbel mehr kaufen (oder sind zumindest nicht dazu gezwungen). Auch das vorhandene Auto und die Kleidung können einige Zeit über den Renteneintritt hinaus verwendet werden. Auf der anderen Seite fallen bei Immobilien Reparaturkosten an, das Auto wird nicht ewig halten (und die neuen sind sowieso schöner) und die Kleidung auch nicht (und kommt noch schneller außer Mode).

Die Tatsache, dass Rentner mit weniger Geld auskommen können als Arbeitende, ist bei den niedrigen Rentensätzen in Deutschland ohnehin schon „eingepreist“. Aber das (relativ Wenige), was die Alten bekommen (aus der gesetzlichen Rentenversicherung lediglich ca. 50% ihres letzten Arbeitseinkommens), das brauchen sie bitter nötig. 

Von daher ist es annäherungsweise durchaus gerechtfertigt, eventuelle „Realersparnisse“ (insbesondere Immobilien) der Alten zu vernachlässigen und aus realwirtschaftlicher Sicht davon auszugehen, dass ihr laufender Verbrauch an Gütern und Dienstleistungen aus der laufenden Produktion der Jungen herrührt.

In der deutschen Fachdebatte ist dieser Sachverhalt unter dem Namen „Mackenroth-These“ oder „Mackenroth-Theorem“ bekannt. Diese hatte der Soziologe Gerhard Mackenroth 1952 so formuliert (Wikipedia):
"Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein ‚Sparen‘ im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand ... Kapitalansammlungsverfahren und Umlageverfahren sind also der Sache nach gar nicht wesentlich verschieden. Volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren.“

Das gilt selbstverständlich nur für eine geschlossene Volkswirtschaft.
Aber die Hoffnung, die Arbeitnehmer in anderen Ländern würden unsere Renten bezahlen, wenn wir uns jetzt dort in Unternehmen usw. einkaufen würden, halte ich für trügerisch. Demographische Entwicklungen wie bei uns gibt es in vielen Ländern der Welt: In Japan, China, Italien und selbst in den USA. Da würden die Japaner unsere und wir deren Unternehmen kaufen und hoffen, später aus den Renditen die Renten zu finanzieren: Ein Nullsummenspiel! Und sicherlich würden die Zahlerländer (ganz speziell die übermächtigen USA) Mittel und Wege finden, den Abfluss unserer Zins- und Dividendenansprüche aus ihren Ländern zu verhindern (aktuelles Stichwort: „America first“!).
Wer sich in der Rentenfrage auf das Ausland verlässt, der wird eines Tages wirklich verlassen sein. Auch zukünftig werden unsere Rentnergenerationen im Wesentlichen von dem leben müssen, was die jeweils arbeitende Generation IN UNSEREM LANDE erwirtschaftet.

Es ist also fauler Zauber, wenn irgendjemand behauptet, ein Rentenfinanzierungssystem ersonnen zu haben, das den Faktor der Demographie ausschalten könne: There is no free lunch!Eine Ausnahme sind eventuelle Produktivitätssteigerungen. Die können in der Tat verteilt werden ohne dass man jemand anderem etwas wegnehmen muss. Auch das ändert aber nichts daran, dass (bei gleicher technologischer Ausstattung) eine günstigere Alterslastquote allen Beteiligten einen höheren Wohlstand ermöglichen würde. 
Wenn wir also beispielsweise in unserem o. a. Szenario 5 für die Population die Werte des Gegenwartsmodels einsetzen (50 Arbeitende + 50 Rentner, somit Alterslastquote 1), dann hätten wir eine Produktion von 200 Gütereinheiten und damit bei Gleichverteilung -2- Einheiten pro Kopf (gegen nur ca. 1,33 Einheiten bei der auf 25 verringerten Arbeitnehmerzahl im Szenario).
Abstrakt formuliert: Eine steigende Alterslastquote muss nicht ZWINGEND einen ABSOLUT sinkenden Wohlstand nach sich ziehen. Aber RELATIV zum niedrigeren „Jetztniveau“ der Alterslastquote ist der Wohlstand (bei gleicher technologischer Ausstattung) in jedem Falle niedriger. (Für die Wirtschaftssubjekte würde sich das in einer Lohn- und Rentensteigerung unterhalb der prozentualen Produktivitätssteigerung niederschlagen.)


Einflussfaktoren auf Verteilung und Produktion, die in meinen o. a. Basismodellen unberücksichtigt sind


EIN Zusammenhang bleibt in jedem Falle unveränderlich (in einer geschlossenen Volkswirtschaft): Dass (annähernd) jeglicher „Verbrauch“ (den Begriff hier unter Einschluss investiver Mittelverwendung gedacht) einer Periode der Produktion dieser Periode entnommen werden muss. Es sind also immer die Arbeitenden, die das herstellen, was zeitgleich „verbraucht“ wird.
Und im Verhältnis von Arbeitenden zu Mittelempfängern sind es (letztlich) immer die Arbeitenden, denen das abgenommen wird, was andere zeitgleich „verbrauchen“.
Doch abweichend von meinen o. a. Schlichtmodellen sind diese „anderen“ keineswegs nur die Rentner. Denn dort hatte ich die Verteilungsfrage gröbstens simplifiziert. In der Wirklichkeit kommen noch die Kapitalbesitzer hinzu die (Noch-)Nicht-Arbeitenden (Jugend, Hausfrauen, Arbeitslose …).
Ein großer „Umverteilungs"-Faktor, der leicht in Vergessenheit gerät, ist der Staatsverbrauch: Was der Staat ausgibt, fehlt den Bürgern - teilweise. (Insoweit ist es wiederum gleichgültig, ob er es denen über Steuern, Krediten oder – 1923! – via Inflation abnimmt.) Allerdings gilt das nur für diejenigen Ausgaben, die keine Umverteilung der eingenommenen Gelder darstellen. Und bei demjenigen Teil, der umverteilt wird, sind Verschiebungen zwischen den einzelnen Empfängergruppen möglich.
Es existieren also durchaus noch andere Stellschrauben, an denen man in der realen Welt (theoretisch) drehen könnte bzw. die sich durch Marktmechanismen teilweise von selber neu justieren. Das sind
In der Verteilungsdimension:
  • Kapitaleinkommen (von Nicht-Rentnern)
  • Aufwendungen für den Nachwuchs (einschl. staatlicher Aufwendungen
  • Staatsverbrauch. Hier sind bewusste Umschichtungen denkbar: Sehr vieles, womit wir den Staat belasten und woran wir uns gewöhnt haben, ist – speziell unter Krisenbedingungen – verzichtbar. Und sowieso ermäßigen sich die Staatsausgaben durch fallende Aufwendungen für Ausbildung und Familienförderung bei sinkender Kinderzahl bereits von selbst. Bewusste Einsparungen und automatisch sinkende Ausgaben könnten direkt in die Rentenversicherungssysteme fließen. (In diesem Zusammenhang weise ich vorsorglich darauf hin, dass die Finanzierung z. B. der Beamtenpensionen aus Steuermitteln eine Umlagefinanzierung ist. Denn auch diese Aufwendungen sind ja nicht kapitalgedeckt, sondern werden den laufenden Steuereingängen entnommen. Ebenso stellen Staatszuschüsse zu anderen Rentensystemen eine Umlagefinanzierung dar.
  • EINSCHRÄNKUNG ZU „STAATSVERBRAUCH“: Die wegfallenden Aufwendungen für Kinder und Eltern werden allerdings vermutlich durch Einnahmeausfälle kompensiert oder sogar überkompensiert. Diese Ausfälle entstehen dadurch, dass bei einer Demographiekrise selbstverständlich auch die Staatseinnahmen sinken (bei unveränderten Steuersätzen). Denn es sind letztlich IMMER die Arbeitenden, die die Steuern bezahlen. Geld IST EIN GUTSCHEIN FÜR GÜTER. Somit sind auch die Steuereingänge des Staates „Gütergutscheine“. Die Güter, die in einer Periode verbraucht werden (vom Staat oder von den Wirtschaftssubjekten) sind grosso modo innerhalb derselben Periode von den jeweils Arbeitenden produziert worden. Anders formuliert: Was immer der Staat (oder die Rentner oder die Kapitalbesitzer) verbrauchen, muss von den Arbeitenden hergestellt – UND ABGEGEBEN – werden. Wenn man also absolut höhere Steuereinnahmen erzielen will, müsste man die Arbeitenden stärker belasten. (Theoretisch könnte man zwar auch die Verteilungsrelation ändern, indem man die Steuererhöhung den Kapitalbesitzern aufdrückt. Das wirft allerdings andere Probleme auf: Steuervermeidung durch Kapitalabwanderung ins Ausland usw. bzw. die Frage, inwieweit die Kapitalbesitzer die Mehrbelastung ggf. doch wieder an die Arbeitenden weitergeben könnten und würden.
  • Wer immer – explizit oder faktisch - davon ausgeht (oder vorgibt, davon auszugehen), dass die Steuerzahlungen NICHT von der „Demographiekrise“ betroffen sind, hat entweder denkbar wenig Ahnung von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen oder hatte keine Lust, diese gründlich zu durchdenken. Alternativ kann es sich um einen Lobbyisten der Kapitalinteressen handeln, der das Volk ganz bewusst hinters Licht führt. Denkbar ist freilich auch, dass er das Volk UNBEWUSST über die wahren Zusammenhänge hinwegtäuscht. Das gilt dann, wenn er einen „Rentenplan“ entwickelt, dessen Grundlage nicht reale volkswirtschaftliche Zusammenhänge sind, sondern ein wüstes Vorschlags-Sammelsurium, das mit einem „Rosinenmodell“ arbeitet und argumentiert. Solche Pläneschmiede picken sich das heraus, was ihnen jeweils in den Kram passt. Inkonsistenzen werden verschwiegen (oder kommen den Plänemachern gar nicht erst in den Sinn) und gegenläufige Entwicklungen werden einfach nicht erörtert. Früher kamen solche Ideologien von den Marxisten, aber die sind derzeit in der öffentlichen Debatte ziemlich weit zurückgedrängt sind. Heutzutage kommen ökonomische Heißluft-Ideen vor allen Dingen aus den Kreisen derjenigen, die sich volkswirtschaftlich als „Austrians“ verstehen und gesellschaftspolitisch mehr oder weniger Libertäre sind. In der Verteilungsdebatte vertreten sie, egal ob das dem Einzelnen bewusst ist oder nicht, die Interessen der Kapitalbesitzer.

Doch zurück zu den „Stellschrauben“, mit denen man u. a. auch die Rentenhöhe beeinflussen könnte. Angenehmer als die Umverteilung einer gleichbleibenden Gütermenge (mit harten gesellschaftlichen Verteilungskämpfen) ist es für Politik und Gesellschaft, wenn sie MEHR Güter verteilen können. Und tatsächlich ließe sich in der Produktionsdimension die Erwerbstätigenquote (und damit die Gesamtproduktion) erhöhen durch
  • Verlängerung der Lebensarbeitszeit
  • evtl. Steigerung der Frauenquote und
  • Einwanderung (von möglichst qualifizierten Arbeitskräften).
Ein SERIÖSER Beitrag zur Rentendebatte wird niemals von sich behaupten, das Problem der Demographiekrise durch die Einführung eines neuen Finanzierungsverfahrens lösen zu können. (Schon gar nicht, wenn er dafür keinerlei Daten und konkrete Pläne vorlegt, sondern sich auf Wischiwaschi-Phrasen beschränkt.)
Vielmehr müsste er Daten über die (voraussichtlichen bzw. denkbaren) zukünftigen Entwicklungen DER GÜTERPRODUKTION zusammentragen und SZENARIEN (ggf. auch über veränderte Verteilungsrelationen) vorlegen: Wenn ….. dann ….. .


In DIESEM Rahmen könnte er natürlich auch Vorschläge machen (z. B. Lebensarbeitszeit verlängern, staatliche Ausgaben umschichten, Frauenquote steigern, qualifizierte Einwanderung fördern, Kapitalbesitz stärker belasten usw.). Sowie deren jeweilige Auswirkungen abschätzen. Dafür müsste man aber wohl ein größeres Team (Forschungsinstitut) an diese Aufgabe dransetzen; das kostet Geld.

Und leider gibt es nicht wenige Heilsverkünder, die größere geistige Anstrengungen scheuen und deren Notwendigkeit kurzerhand leugnen. Diese intellektuellen Taschenspieler  schütteln dann Hokuspokus-"Lösungen" aus dem Ärmel, deren Anstrengung nicht auf die Gewinnung von Erkenntnissen gerichtet ist sondern darauf, die unwissenden Massen zu blenden. Solche Gurus geben vor, dass ihre jeweiligen Rentenrettungswundermittel mühelos und insbesondere verteilungsneutral umzusetzen seien, und dass sie die Folgen der verschlechterten Alterslastquote in wundersamer Weise wegzaubern könnten.

Im Kern steckt dahinter meist eine ideologische Marktvergötzung, die den Staat - und ganz besonders staatliche Daseinsvorsorge - als böse (ineffizient) ansieht und glaubt, dass der "freie Markt" alles sehr viel besser richten könne und würde.

Solche Markt-Schreier (im doppelten Wortsinne) finden im Volk leider einigen Anklang. Denn für den Mann auf der Straße ist die Sache völlig klar: Wenn es später nicht mehr genügend Arbeitende gibt, die für „mich“ bezahlen können, dann muss „ich“ mir eben selber möglichst viel Geld auf die Seite legen!
Dass es aber letztlich nicht um GELD geht, sondern um GÜTER: Das können die einfachen Menschen kaum überblicken und die Markt-Gurus WOLLEN das gar nicht erst thematisieren. Weil damit kein schneller Blumentopf in der politischen Debatte zu gewinnen ist und vor allem, weil es die intellektuelle Filterblase ihrer spezifischen Interessen- bzw. Ideologieposition in der Rentendebatte zum Platzen bringen würde.

Wenn man jedoch in meine o. a. Modelle Annahmen über das umlaufende Geld einführt, dann zeigt sich: Der jeweiligen Gütermenge (50, 75, 100 usw. Einheiten) muss eine entsprechende Geldmenge entsprechen, die im System unterwegs ist. Denn nur so können die Güter ja gekauft und produziert werden.
Führt man zusätzliches Geld ein (egal ob aus Kopfkissen-Beständen, Bankkonten oder einfach frisch gedruckt), dann werden die Preise steigen. Würden also in großem Umfang Rentner versuchen, im Höhepunkt der demographischen Krise mit „Geld von gestern“ einkaufen zu gehen, dann wäre Inflation die Folge. Genau so, als wenn der Staat zusätzliches Geld einfach drucken und den Rentnern schenken würde.

Die Geschädigten wären sie teilweise selber; insbesondere aber wären die Arbeitenden die Gelackmeierten. Das würden die natürlich merken und sich entsprechend zu Wehr setzen, also vermutlich höhere Löhne fordern. Die sie wegen des Arbeitskräftemangels sehr wahrscheinlich auch bekommen würden.



Wie die Reichen die Rentner berumsen wollen. Und gewisse Kreise Räuberleitern dafür ausbaldowern.


Wir haben gesehen, dass die Annahme, breite Bevölkerungsschichten könnten einfach heute Geld zurücklegen und dieses morgen ohne negative gesamtwirtschaftliche Folgewirkungen ausgeben, ein Kinderglaube ist.
Mindestens genauso einfältig ist jedoch Forderung, die Zentralbank müsse nur für genügend hohe Zinsen sorgen, dann sei die Rentenfinanzierung (im Kapitaldeckungsverfahren) überhaupt kein Problem.

Unstreitig hat die Geldpolitik der Notenbanken eine erhebliche Auswirkung auf das Zinsniveau.
Aber z. B. für die USA haben Alan Greenspan (vgl. indirekt
hier) und Ben Bernanke geltend gemacht, dass die Leitzinserhöhungen der US-Notenbank im Vorfeld der Immobilienkrise die Kreditvergabe in den USA nicht wirksam einschränken konnten, weil eine „global saving glut“ (weltweite Sparschwemme) die Zinsen niedrig hielt.


Übrigens hatte Bernanke in seiner Rede ausdrücklich das Vorsorgesparen adressiert: „The prospect of dramatic increases in the ratio of retirees to workers in a number of major industrial economies is one important reason for the high level of global saving.

In einer späteren Rede "
Asia and the Global Financial Crisis" (19.10.2009) hatte Ben Bernanke die chinesische Regierung sogar aufgefordert, durch eine staatliche Altersvorsorge und andere Sozialleistungen das private Vorsorgesparen einzudämmen (meine Hervorhebungen):
"... to achieve balanced and sustainable growth, the authorities in surplus countries, including most Asian economies, must act to narrow the gap between saving and investment and to raise domestic demand. In large part, such actions should focus on boosting consumption. Admittedly, just as increasing private saving in the United States is challenging, promoting consumption in a high-saving country is not necessarily straightforward. One potentially effective strategy is to reduce households' precautionary motive for saving by strengthening pension systems and increasing government spending on health care and education. Of course, such measures are likely to improve welfare and productivity as well as to contribute to more balanced, robust, and sustainable economic growth."

Daraus hatte ich - nur halb im Scherz - die Schlussfolgerung hergeleitet:
"
Ben Bernankes Empfehlung an die AfD: Gesetzliche Sozialversicherungen beibehalten!"

Hätte er gründlich nachgedacht, hätte er konsequenter Weise eine Abkehr von der kapitalgedeckten Altersvorsorge (auch in den USA!) und ein umlagefinanziertes Rentensystem fordern müssen, um die "saving glut" (Sparschwemme) insoweit einzudämmen. Das hätte aber natürlich den Interessen seiner Klientel, der US-Finanzinstitute, widersprochen.

Wie auch immer: Grundsätzlich gelten die Gesetze des Marktes und nach denen hat ein steigendes Kapitalangebot tendenziell eine sinkende Rendite zur Folge.

Eine Entwertung des Sachkapitals tritt unvermeidbar dann ein, wenn die Anzahl der Arbeitenden sinkt. Eine Autofabrik, die mit beispielsweise 1.000 Arbeitnehmern jährlich 100.000 Pkws produziert, kann (bei unveränderter technologischer Ausstattung) mit 500 Arbeitnehmern nur noch 50.000 Autos herstellen. Damit steht der halbe Immobilien- und Maschinenpark nutzlos in der Gegend herum. Natürlich sinkt auch die Rendite, wobei es noch eine günstige Annahme ist, dass sie sich nur halbiert. Denn real werden die wenigen Arbeitnehmer wahrscheinlich höhere Löhne durchdrücken, womit die Erträge nicht nur von der Erlösseite, sondern zugleich von der Kostenseite angeknabbert werden. Und ggf. verschlechtern sich auch die Skaleneffekte, und die Kosten je produzierter Einheit steigen.
Aber selbst dann, wenn man lediglich eine Halbierung der Rendite unterstellt (sagen wir, von 10 auf 5 Mio. €), hat das Investitionskapital entsprechend an Wert verloren.

Noch anschaulicher kann man sich den Kausalzusammenhang zwischen sinkender Population und sinkenden Renditen bei den Wohnungsmieten vor Augen führen: Wenn „jetzt“ jeder der 100 Menschen in unserem Ausgangsmodell eine Wohnung hat, dann stehen 25 Wohnungen oder 1/4 des Bestandes leer, wenn sich die Bevölkerungszahl auf 75 reduziert.
Die Mieter freuen sich über sinkende Mieten; die Investoren jammern über sinkende Erträge. (Letztlich wird ein rational agierender Investor die Wohnung auch dann noch vermieten, wenn er gerade mal die Kosten hereinbekommt.)

Diese Überlegungen zeigen, dass die Demographiekrise keineswegs nur für (Umlage-)Rentner Nachteile bringt: Auch die Kapitalbesitzer (darunter ggf. auch die Rentner im Kapitaldeckungsverfahren!) müssen mit einem Renditeverfall rechnen, der u. U. dramatische Ausmaße annehmen kann. Seriöse Vorhersagen über den Umfang sind unmöglich. Es kann aber durchaus passieren, dass die Renditen (einschließlich der Sparzinsen) weit stärker sinken als der Produktionseinbruch durch die verringerte Zahl von Arbeitenden.

In jedem Falle gehe ich davon aus, dass die Besitzenden („die Reichen“) diesen Zusammenhang durchaus auf dem Schirm haben. Die sind ja nicht blöd; die halten nur das Volk – uns – für blöd, bzw. sorgen dafür, dass wir dumm gehalten werden.
Tatsächlich gibt es mindestens DREI Gründe, warum die Reichen die Umlagefinanzierung für die Rentenversicherung abschaffen und sie durch ein Kapitaldeckungsverfahren ersetzen wollen:

1) Verdienstmöglichkeiten der Kapitalsammelstellen als offenkundiger Grund für die Propagierung des Kapitaldeckungsverfahrens
Banken, Fonds und Versicherungen wollen Geld verdienen. Entsprechend hoch sind bei diesem Verfahren die Abschluss- und Verwaltungskosten, während sie beim Umlageverfahren weitaus niedriger sind. Was die Kapital-Apologeten natürlich in aller Regel verschweigen. Dieser Grund ist ziemlich offensichtlich und wird z. B. im
Rentenpapier der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag ausführlich beschrieben (S. 8 ff.). Und von Gewinnen der Finanzinstitute profitieren selbstverständlich auch deren Eigentümer (Aktionäre usw.; tendenziell: die Reichen). Aber dieser Nutzen ist gering im Vergleich zu zwei weiteren Effekten: 


2) Steigerung der Nachfrage – und damit der Preise – für Kapitalgüter
Rentensparer, die in Aktien usw. investieren wollen, müssen diese am Markt erwerben. Dabei konkurrieren sie mit anderen Kaufinteressenten (tendenziell: Den Reichen). Logischer Weise treibt eine höhere Nachfrage die Preise in die Höhe. Von daher ist es hanebüchen, wenn KDV-Schaumschläger dem Mann auf der Straße vorrechnen, welche eine gewaltige Rendite er erzielt hätte, wenn er sein Geld vor 20 (30, 40 ….) Jahren in Aktien investiert hätte. Abgesehen davon, dass solche Berechnungen wahrscheinlich immer besonders günstige Bedingungen postulieren (z. B. einen Basiszeitpunkt mit besonders niedrigen Aktienkursen auswählen), sagt die Steigerung eines Aktienindex in einem bestimmten Zeitraum rein gar nichts darüber aus, wie sich dieser entwickelt hätte, wenn nicht der einzelne Vorsorgesparer als Nachfrager käme, sondern ALLE Vorsorgesparer zusammen. Nach den Marktgesetzlichkeiten wäre eine gewaltige Preissteigerung zu erwarten, und entsprechend ein enormer Renditeverfall.

3) Demographiekrise: Renditesicherung für die Reichen via Kapitaldroge für die Rentensparer
Die eigentliche "hidden agenda" der Kapitalbesitzer in der Rentendebatte ist jedoch noch weitaus tiefer versteckt als die Interessenpositionen Nr. 1 und 2.
Wie wir gesehen haben, muss die demographische Krise nach den Marktgesetzlichkeiten die Renditen im Prinzip genauso (und in der Höhe u. U. sogar stärker) beeinträchtigen, wie das Beitragsaufkommen im Umlageverfahren. (Man kann darüber spekulieren, ob die aktuelle Niedrigzinspolitik der EZB nicht bereits ein Vorbote dieser Entwicklung ist!) Weil aber Kapitalbesitzer weiter denken als simple Arbeitnehmer und Rentensparer; haben sich die zweifellos schon genau überlegt, wie sie ihr Schäfchen ins Trockene bringen können. Man darf daher vermuten, dass diese Kreise auf die Idee verfallen sind, die Rentner für ihre eigene Renditesicherung vorzuschieben. Hat man die Rente erst einmal voll von Kapitalerträgen abhängig gemacht (indem man das Umlageverfahren – UV -zerschlägt und den Rentnern ein privates Vorsorgesparen – technisch: Das Kapitaldeckungsverfahren, KDV - aufzwingt), dann kann man den Staat politisch prima unter Druck setzen, für hohe Kapitalerträge zu sorgen (also z. B. höhere Zinsen auf Staatsanleihen zu bezahlen) und die "störende" Niedrigzinspolitik der EZB zu unterbinden.
Die höheren Renditen können sich in niedrigeren Löhnen, höheren Preisen und/oder höheren Steuern niederschlagen: Immer sind es jedoch die Arbeitnehmer, welche am Ende diese Kosten tragen müssen. Denn sie sind es, welche die Güter produzieren und die Güter sind es, auf welche alle (einschl. Staat) zugreifen wollen. Von höheren Renditen profitieren einerseits die Rentner, wenn ihre Altersvorsorge im Wege des Kapitaldeckungsverfahrens organisiert ist. Zum anderen aber auch ALLE ANDEREN KAPITALBESITZER: Die sahnen sozusagen als Trittbrettfahrer ab. Eine clevere Strategie für die Reichen, die auch für sie negativen Folgewirkungen der Demographiekrise abzumildern.
Denn weil die (Zins-)Belastungen hübsch versteckt sind, kann man die Volksvögel rupfen, ohne dass sie aufjaulen. (Der Italiener würde sagen: Il trucco c’è, ma non si vede: Es steckt ein fieser Trick dahinter, aber der ist bestens versteckt.)

Das Besitzbürgertum wird daher zu gegebener Zeit sein Herz für die Armen entdecken und - ausschließlich im Interesse der Rentner: großes Indianerehrenwort! - politischen Druck ausüben, um hohe Zinsen zu bekommen. Die Rentner freuen sich dann - und alle anderen (sehr viel mehr!) reiben sich die Hände: ‚Das haben wir doch wieder sauber gedeichselt?‘

Solche Hintergründe (oder Abgründe) muss man durchschauen, wenn man Rentenpolitik machen will. Und sich diesem perfiden Spiel verweigern! Denn BEZAHLEN müssen, wie gesagt, die ARBEITNEHMER die höheren Zinsen. Anders formuliert: Während die Verleumder des Kapitaldeckungsverfahrens vorgeben, dass die Arbeitnehmer keine höhere Beitragsbelastung im Umlageverfahren tragen könnten, wollen sie ihnen eine weitaus höhere Zinsbelastung aufdrücken. Darüber, wer diese bezahlen soll bzw. wer die Zinsen LETZTLICH aufbringen muss, verlieren diese „Reformer“ natürlich kein Wort!

Wer immer SERIÖS in der Rentendebatte mitreden will, muss die oben
  • modellhaft dargestellten Zusammenhänge kennen und
  • die Verteilungsinteressen (insbesondere von Arbeitenden, Rentnern, Kapitalbesitzern und Staat) überblicken bzw. durchschauen.
  • Nicht zuletzt müssten sich die Adepten des Kapitaldeckungsverfahrens zu dem Problem äußern, dass die Umstellung vom Umlageverfahren auf das Kapitaldeckungsverfahren EINE VERDOPPELUNG DER (wie auch immer generierten) „Beiträge“ erfordern würde. Denn einerseits müssten die Arbeitenden (egal, über welchen Finanzierungsweg) die laufenden Rentenansprüche aus dem Umlageverfahren bezahlen. Aber andererseits in (mindestens) gleicher Höhe für ihr eigenes Alter sparen. Doch dazu wird man nur selten etwas hören.
Debattenteilnehmer, welche die hier behandelten ökonomischen Wirkungszusammenhänge und die unterschiedlichen Partikularinteressen der beteiligten Gruppen zu verschleiern suchen, argumentieren nicht in der Absicht, eine für alle Beteiligten bestmögliche Lösung (das „Pareto-Optimum“) zu suchen und somit einen fairen Interessenausgleich zu vermitteln. Sondern versuchen mit hoher Wahrscheinlichkeit, den uninformierten Mitbürgern eine Scheinlösung unterzujubeln, die eine bestimmte Interessengruppe massiv begünstigt.

Tatsächlich agitieren die Propagandisten des Kapitaldeckungsverfahrens bewusst oder ideologiegesteuert im Interesse der Kapitalbesitzer. Das Schicksal der Rentner ist denen herzlich gleichgültig.
Ich zumindest habe von dieser Seite bisher noch keinen Diskussionsbeitrag gesehen, der die ökonomischen Gesamtzusammenhänge EHRLICH UND GRÜNDLICH benennt und analysiert. Manchmal ist die offerierte "Lösung" nicht einmal ansatzweise mit Datenprojektionen untermauert.


Nun bin ich zwar bereits Rentner und dürfte darauf hoffen, dass bei einem Systemwechsel mein sozialer Besitzstand gewahrt bleibt.
Aber als Proletarier ärgere ich mich gewaltig über die Dreistigkeit, mit der neoliberale Advokaten der Besitz-Bourgeoisie das unwissende Volk übers Ohr hauen und ihm die umlagefinanzierte Rente rauben wollen.
Und ich bin wild entschlossen, derartige Angriffe mit allen meinen Kräften zu denunzieren und zu bekämpfen.



Nachtrag 14.12.2018

Der FAZ-Artikel „Der Zins bleibt mindestens bis 2050 niedrig“ vom 13.12.2018 beschreibt eine wissenschaftliche Bestätigung dessen, was ich schon lange sage und was, mit nur wenig Überlegung, eigentlich für jeden Laien (wie eben auch ich einer bin) offenkundig sein müsste: Dass aufgrund der negativen demographischen Veränderungen selbstverständlich auch die Kapitalrendite sinkt.
"Wer als Sparer hofft, in den kommenden Jahren von deutlich höheren Zinsen zu profitieren, erhält eine kalte Dusche in Gestalt einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Darin gelangt das IW, wie zuvor eine ganze Reihe von Fachleuten im Ausland, zu dem Ergebnis, dass der Zins vor allem als Ergebnis demographischer Veränderungen voraussichtlich noch lange Zeit sehr niedrig bleiben wird. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für viele andere Länder."
Anm. von mir: Richtig: Deswegen können nur ideologisch Verblendete ("Austrians" usw.) sowie skrupellose Lobbyisten der Kapitalinteressen die Schleifung des Umlageverfahrens und die Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens zur Rentenfinanzierung fordern!
Und dabei immer nur mit vergangenheitsbezogenen Werten argumentieren und so tun, als wäre das Kapitaldeckungsverfahren (bzw. als wären die Kapitalrenditen) demographieresistent. Was natürlich ein Märchen bzw. ein kackdreister Volksbetrug ist!

"Die Autoren weisen darauf hin, dass langfristig niedrige Zinsen nicht nur schlecht sind, weil sie Sparern das Leben erschweren. Private Haushalte, Unternehmen und Staaten profitieren von niedrigeren Finanzierungskosten und erleichtern damit unter anderem die Finanzierung von Investitionen in Infrastruktur."
Anm. von mir: Dass Zinsen zwar die Einnahmen der einen, aber zugleich die Ausgaben anderer sind (und zwar im Endeffekt hauptsächlich der Arbeitnehmer!): Das verschweigen die Kapital-Gauner natürlich ebenfalls! 
Ergänzung 27.12.2018: Pressemitteilung des IW über die und Link zu der IW-Studie (verfasst von Dr. Markus Demary und Prof. Dr. Michael Voigtländer).
 



ceterum censeo 
Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 23.05.2019

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