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CANABBAIA
Donnerstag, 25. Mai 2006
 
Heute WIEHERT Canabbaia
Als ein in der Wolle gefärbter Lyssenkonianer ist Canabbaia natürlich verpflichtet, beim menschlichen Verhalten die Dominanz der Umweltprägung über die genetische Codierung zu beweisen. Deshalb hat er momentan vom Bellen auf Wiehern umgestellt – weil er nämlich heute die Frankfurter Galopprennbahn im Stadtteil Niederrad besucht hat.
Fleischer, Volksbank und Friseusen ließen dort die Pferdchen laufen: beim 7. Renntag des Handwerks.

Frankfurter Handwerker können rabiat werden. Schon 1614 haben sie unter der Leitung von Vinzenz Fettmilch den berühmten Fettmilch-Aufstand veranstaltet. Ob deshalb diesmal ein hochwohllöblicher Hoher Rat die massive Polizeipräsenz angeordnet hatte? (Oder war das wegen der zahlreichen Kinder unter den Zuschauern? Dachte die Obrigkeit vielleicht, die könnten sich als gefährliche Kindersoldaten entpuppen?)

Oder sollten die zahlreich erschienenen "Grünen" die ausgestellten Oldtimer beschützen? Thunderbird, Cadillac usw.: die amerikanischen Design-Äquivalenzen zum deutschen Stil des Gelsenkirchener Barock.
Und doch: wenn man nach langer Zeit wieder einmal den einen oder anderen dieser "Ami-Schlitten" sieht, sagt man sich vielleicht reuig-gerührt: irgendwie hatten sie ja doch was. Insoweit sind sie Großmutters Vertiko vergleichbar, oder den Schnörkelbauten des Historismus. Auch deren kriegsüberlebende Veteranen lieben wir heute wieder, wenn wir sie inmitten liebloser moderner Kastenbauten erblicken. (Was freilich noch lange nicht jenen ausgebrannten Posthistorismus rechtfertigt, mit dem sich Frankfurt voll in der Tiefe des Zeitgeistes zeigt.)

Doch zurück zu den Oldtimern: mein Favorit ist der "Ursus". Ein bärenstarkes Traktorungetüm aus Polen, Baujahr 1951. "Tonnageideologie" assoziiere ich mit seinen bulligen Eisenmassen. Zur Spazierfahrt freilich wäre er etwas unpraktisch. Dann doch lieber das Ford-Coupé von 1928: 80 km/h aus 40 PS.

Neblig war es und kalt. Indes: A cavallo donato non si guarda in bocca. Schließlich waren wir ja mit Freikarten hierher gekommen. Nach dem dritten oder vierten Rennen traten wir aber doch den Heimweg an. Pferderennen gesehen, plus einige (wenige) Damen, welche die schöne Tradition der Hütemodenschau hüteten – und irgendwann kam die Kälte dann durch unsere Klamotten.
Summa summarum jedenfalls: eine nette neue Erfahrung für uns.



Textstand vom 26.05.2006.
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Mittwoch, 24. Mai 2006
 
WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?
Derivate sind Zeugen. Zeugen zum einen für einen Überfluss an Geldkapital, der sich nicht rentabel in Realkapital umwandeln (investieren) lässt.
Zum anderen bezeugen sie die Genialität des Marktes (als Institution; sicherlich nicht diejenige der Marktteilnehmer), welcher eben durch die Erfindung von und den umfangreichen Handel mit Derivaten (d. h. letztlich durch den Glauben an die Werthaltigkeit der Derivate) diese (durch unser Geld- und Zinssystem wohl zwangsläufig entstehenden) Überschusse neutralisiert.

Der Markt ist in diesem Punkt sogar genialer, als selbst seine glühendsten Verehrer sich selbst eingestehen dürfen. Damit die Derivatewirtschaft als wirksamer Absorptionsmechanismus für überschüssiges Geldkapital funktionieren kann, müssen die Akteure in diesem Bereich (aber auch die Gesellschaft insgesamt) ihr Handeln als rational verstehen und fest daran glauben, dass sie mit Werten handeln und Werte schaffen.

In der Tat ist die Derivatewirtschaft marktwirtschaftlich wertvoll und vermutlich unentbehrlich, obwohl (bzw. aus anderer Perspektive: weil) sie keine Werte schafft, und sogar Werte vernichtet. Indem sie dem dort „investierten“ Geldkapital die Möglichkeit nimmt, realwirtschaftliches Wachstum zu schaffen, koppelt sie das Geldkapital teilweise von dem Realkapital ab. Insoweit nimmt sie ihm die Möglichkeit, in der Realwirtschaft Werte zu schaffen. Damit hilft sie, ein Absinken des Renditeniveaus zu verhindern bzw. umgekehrt eine Inflation der Preise für Güter und Dienstleistungen (im Anlage- wie in Konsumbereich, wohin ein Teil des Geldes zweifellos fließen würde, wenn die Investitionen nicht mehr zinsträchtig wären).

In dem Maße, wie das Geldkapital aus der Realwirtschaft in eine Art „Cyberwirtschaft“ des Geld- und Derivatehandels abdriftet, trägt es natürlich tendenziell auch zur Verarmung der Massen bei. Gleichzeitig entlastet es durch denselben Effekt – nämlich dadurch, dass es nicht produktiv verwendet wird – jedoch auch die Umwelt. Überhaupt müsste sich der Geldkapitalüberhang (und damit die Absorptionsanforderungen an den, d. h. im Ergebnis der Umfang des) Derivatemarkt(es) bei sinkender Population zukünftig noch gewaltig erhöhen.

Meine intuitiven Überlegungen (ursprünglich im Rahmen meiner Kritik an der von der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft vorgeschlagenen – und letztlich auch durchgesetzten – teilweisen Umstellung der Rentenfinanzierung vom Umlageverfahren auf das Kapitaldeckungsverfahren entwickelt; vgl. in meiner Webseite „Rentenreich“ das Kapitel “Einige Indizien für Kapitalüberfluss ...“) müssten natürlich einer wissenschaftlichen Verifikation (bzw. ggf. Falsifikation) unterzogen werden. Allerdings ist fraglich, ob die Wirtschaftswissenschaft ein Interesse daran haben kann oder überhaupt in der Lage ist, die geniale Irrationalität des Marktes auf dieser Ebene nachzuweisen oder auch nur zu erforschen.


Im übrigen gibt es, was die umweltschonende Produktion angeht, aber auch in der Realwirtschaft Unternehmen, welche (fast) gänzlich ohne Ressourcenverbrauch auskommen.
Wie das Handelsblatt in dem Artikel vom 22.05.06 u. d. T. „Vodafone sieht Klassik im Kommen“ feststellt, „beläuft sich der Umsatz mit Klingeltönen fürs Handy in Deutschland mittlerweile auf eine dreistellige Millionenhöhe“.


Bleibt zu hoffen, dass uns die Textilwirtschaft eines Tages endlich Des Kaisers Neue Kleider verkauft. Dann verbraucht auch dieser Wirtschaftszweig keine Rohstoffe und Energien mehr.

(Vgl. zu dieser Thematik auch "Nur die totale Entfesselung des Kapitalismus rettet unsere Umwelt!" auf meiner Webseite "Drusenreich - Teil 4")


Nachtrag vom 31.07.06:
U. d. T. "Das Risiko der Rezession" gibt Udo Rettberg im Handelsblatt vom 31.07.06 u. a. einige Informationen zum Verhältnis von Derivate- zu Realwirtschaft:
"Längst hat die globale Integration der Finanzmärkte dazu geführt, dass sich die virtuelle Welt der Finanzen sehr weit von der realen Güterwirtschaft entfernt hat. Der Wert der an den Devisenmärkten abgewickelten Kontrakte hat das 42fache des weltweiten Handels erreicht. Die Realwirtschaft hat im Verhältnis zur Finanzwirtschaft also längst an Bedeutung verloren.
Nur wenige der an den eng verflochtenen globalen Finanzmärkten durchgeführten Transaktionen haben einen echten Bezug zur Realwirtschaft."



Nachtrag vom 10.08.06:
Nanu? Da gibt es ja noch ganz andere Cyberwirtschaften, von deren Existenz ich bisher gar nichts wusste? Vgl. Handelsblatt-Artikel vom 07.08.2006 "Die wunderbare Welt der virtuellen Ökonomie"!


Nachtrag vom 27.12.06:
Heute erfährt man im Handelsblatt-Artikel "Zertifikateanleger sind am Zug" beiläufig, wie der Zertifikatemarkt in Deutschland explodiert: "Allein 2006 wuchs das in Zertifikate investierte Geld um 30 Prozent auf mehr als 110 Mrd. Euro an" heißt es dort. Und: "Das weckt Begehrlichkeiten."
Vor allem aber wirft es Fragen auf: Wieso werden solche Summen an Geldkapital (und der Zertifikatemarkt ist ja nur ein kleiner Ausschnitt der Derivate- und sonstigen Finanzmärkte, die weitgehend ohne Bezug zur realen Wirtschaft existieren)gewissermaßen als Jetonkapital ins Finanzmarkt-Casino geschleppt, anstatt für Investitionen in der Realwirtschaft verwendet?
Während man gleichzeitig uns Arbeitnehmern erzählt, wir möchten uns doch bitte mit unseren Lohnforderungen zurückhalten, um nicht die Investitionsbereitschaft der Unternehmen zu gefährden?


Nachtrag vom 03.01.2007:
"Geld überschwemmt die Märkte" berichtet Marietta Kurm-Engels im Handelsblatt vom 03.01.2007. Und nennt eine ganze Reihe von erschreckenden Zahlen über das Wachstum der weltweiten Finanzmärkte, wobei sie diese Werte auch sinnvoll mit Daten zum (weitaus geringeren) BIP-Wachstum kontrastiert.
Aber Vorsicht, Frau Engels: Feind liest mit! Was Sie in ähnlicher Weise bereits am 11.08.2006 u. d. T.
"Liquiditätsschwemme bedroht die Finanzmärkte" im Handelsblatt geschrieben hatten, hat flugs seinen Weg auf die Webseiten der Linkspartei (hier: des MdB Werner Troost) gefunden!


Nachtrag 28.02.09:
Meine eher gefühlte Beschreibung der Geldversickerungsmaschinerie ("Diskurs über die Gravitation des Geldes ...") unterlegt der Blogger Heribert Genreith in seinem Eintrag "Die Mutter aller Blasen: Warum diese Krise keine normale Blase ist" vom 20.02.09 mit Fakten, Fakten, Fakten. Das ist (zwangsläufig, wenn man präzise sein will) sehr mathematisch und darum für mich in den Einzelheiten kaum wirklich verständlich, aber sein Fazit begreife auch ich: dass alles Geld früher oder später zu den Vermögenden durchsickert.
Die Zinsen scheinen mir bei seiner Berechnung freilich mit 7,5% und 10% recht hoch angesetzt. Insbesondere bei den Derivaten dürfte außerdem wegen der Hin- und Her-Handelei ein ziemlicher Anteil der Zinsen in Form von Löhnen, Gehältern, Boni (!) und sonstigen Kosten wieder dem Konsum zugeführt werden, also in der Realwirtschaft landen.
In abstrakterer Form, unter Verwendung variabler Annahmen (und für sogar mich, trotz mathematischer Unbelecktheit, auch einigermaßen nachvollziehbar), behandelt Genreith das 'Trickle-Down-Problem' auf seiner (auch sonst interessanten) Homepage auf der Seite "Wirtschaftskrisen".





Textstand vom 28.02.2009.
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Samstag, 20. Mai 2006
 
MAGGIO DI MAGONZA oder VOR DEM DOM DAS PARADIES


Mai in Mainz: das ist nicht irgendein x-beliebiger Mai. Er ist, auf dem Mainzer Wochenmarkt am Dom jedenfalls, der schlechthinnige Mai an sich, das platonische Urbild des Wonnenmonats Mai.

Kohlköpfe, anderes Gemüse und Früchte formen arcimboldeske Figuren. Paradiesisch duften Erdbeeren. Hier funktioniert die Markt-Wirtschaft nach den Gesetzen der freien Marktwirtschaft (während man bei anderen Wochenmärkten gelegentlich eher den Eindruck einer Kartell-Wirtschaft hat). Spargel 4,- €, Spargel 3,- €, Spargel 2,50 €. Noch einen Stand weiter greifen wir dann zu: für 2,- € das Kilo! *

Kein Paradies ohne Schlange. Die Mainzer Markt-Versucherin säuselt flüssig, lockt mit der Verheißung eines süßen Zungenkusses und einzigartiger Aromen. Apfelsaft ist hier nicht jene urinfarbene Flüssigkeit, welche man in Gasthäusern vorgesetzt bekommt und in Lebensmittelläden kaufen kann. Milchig-gelb und trüb ist dieser hier, reich an frisch gepressten Wert- und Geschmacksstoffen. Als echte Paradiesschlange lohnt er mir den Verzehr denn auch prompt mit Erkenntnis. Gleich dem unverständlichen Murmeln der mythischen Seherin Pythia aus dem Schoße der Erde gurgelt er dumpf in meinen Eingeweiden. Verstehen kann ich nicht, was er sagt, doch macht er mit Nachdruck klar. „Das wirst du bereuen, dass du mich hier eingesperrt hast. Ich will hier raus, lass mich hier raus, rauslassen sollst du mich!“ Nun ja – mit einer Schlange werde ich dann doch noch fertig. Heiße schließlich nicht Adam! (Übrigens: meine Eva war klüger als die Ur-Eva. Hat ihren Adam sogar gewarnt ... . Nützt aber nichts: auch beim nächsten Mal werde ich, wie immer, wieder dieses himmlische Schlangengift schlucken!)

Szenenwechsel zu Brenninkmeyer. Meinen Cordstoff- oder Kordstoff-Bademänteln werde ich (ebenso wie meinen Margarine-Figürchen) wohl noch auf ewig nachtrauern müssen. Immerhin gibt es jetzt, natürlich ebenfalls bei C + A, dünne Sommer-Morgenmäntel aus Baumwollstoff. Dezentes Muster und Färbung, nicht dieser fürchterliche Frotteestoff. Und, wie es sich für ein geistliches Zentrum, Kardinalssitz gar, gehört, geschehen in Mainz wahre Wunder. Ich habe den Morgenmantel bezahlt und ihn dennoch umsonst bekommen. Wie beschreibt man das? Am besten mit einem Begriff, der mich immer schon fasziniert hat: coincidentia oppositorum. Mainz ist ja auch nicht gar so weit von Kues entfernt. Und wie funktioniert nun diese Aufhebung der Gegensätze im praktischen Leben?

Das lässt sich leider nur etwas weitschweifiger darstellen als in zwei Worten. Vor einigen Wochen hatte mein Microsoft Word 2000 den Geist aufgegeben. Unwillig, mein Geld in den Opferstock von Dagobert Buck G. zu werfen, lud ich die kostenfreie Software-Suite OpenOffice herunter, mit dem Textprogramm „Writer“. Dankbar bin ich jenen, welche es für die Allgemeinheit freigegeben haben, welche die Download-Seiten unterhalten und sich um die Weiterentwicklung bemühen, oder Foren betreiben oder dort anderen helfen.
Das Programm ist wirklich gut, aber diese oder jene Kleinigkeit – das Einsetzen von Seitenzahlen, oder das Verschieben einer einzelnen Zellenbegrenzung innerhalb einer Tabelle z. B. - verhalf mir immer wieder zu einem verzweifelten Laokoon-Feeling. Ich will doch bloß schreiben - und gelegentlich mit dem Geschriebenen kämpfen. Aber möglichst nicht beim Schreiben mit dem PC kämpfen. Das Ringen um Worte, Sätze und angemessene Textstrukturen reicht mir schon.

Es blieb mir also keine andere Wahl, als Dagoberts Tresore füllen zu helfen. Bis das Geld den Dagobert Buck G. Erreicht, haben aber noch einige andere was davon abgezwackt. Jedoch bei Saturn Hansa in Mainz zwacken die deutlich weniger als in Frankfurter Läden. So dass die Differenz beinahe den Preis des Morgenmantels abdeckte, welchen ich, so gesehen, (fast) geschenkt erhielt. Nun frage ich mich, ob Frankfurt vielleicht deshalb so teuer ist, weil der dortige Kaiserdom dem Heiligen Bartholomäus geweiht ist? Der hat seinen Heiligenschein mit dem Verlust seiner Haut erkauft. Die haben die Heiden ihm abgezogen. (Aber darüber habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen, in meinem Gedicht "Frankfurt stickt voller Merkwürdigkeiten").

Wie auch immer: trotz des verregneten Flohmarktes am Rheinufer hat es sich für mich gelohnt, wieder einmal den 50. Breitengrad zu überqueren.

*Der Mainzer Wochenmarkt ist also, nebenbei bemerkt, ein perfektes Modell für marktökonomische Studien. Es herrscht totale Konkurrenz, und die Nachfrager verhalten sich, wie in der Wirklichkeit, nicht alle rational. Sonst blieben ja die 4,- €-pro-Kilo-Spargelanbieter auf ihrer Ware sitzen. Aber auch dort wird gekauft. Das mag am subjektiven Mangel an Markttransparenz für den jweiligen Käufer (der vergleicht vielleicht nicht) liegen, oder an geheimen Zusatznutzen: wer 4,- € bezahlt, glaubt vielleicht, dass er besseren Spargel bekommt. (Bleibt ihr nur bei eurem Glauben!)


[Vgl. dazu auch den Eintrag "Eviva Magonza - ein Sommersamstag in Mainz" vom 18.06.05]


Nachtrag 13.01.2008:
Hier drei Aufnahmen vom Wochenmarkt am Samstag, 12.01.08

Reste der Weihnachtsdekoration im Vordergrund, karnevalistischem Flaggenschmuck im Hintergrund





















Textstand vom 13.02.2008
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Mittwoch, 17. Mai 2006
 
Erdscheibenökonomen
Damals, als wir noch in Frankfurt (a. M.) wohnten, sah ich ihn in Schreibwarenläden Kaufhäusern usw. alle Jahre wieder: den „Frankforter Kalenner für Uzer un Schenner“. So, wie ein Heiligenkalender die Namenstage derjenigen auflistet, welche „zur Ehre der Altäre erhoben“ wurden, ist (oder war?) der „Kalenner“ ein Thesaurus für alle jene, die ihre Mitmenschen verhohnepiepeln („uzen“) oder welche mal so richtig mundartlich schimpfen wollten (hier kann man in einem Forenbeitrag vom 05.08.05 nachlesen, welche hübschen Pejorative die Frankfurter Urbevölkerung so drauf hat).
„Erdscheibenökonomen“ ist freilich ein Ausdruck, den man dort nicht findet (auch nicht in dialektaler Form). Das ist auch lediglich ein Versuch meinerseits, ein im anglophonen Diskurs beliebtes Schimpfwort einzudeutschen. Gebräuchlich ist es dort in der Form „flat-earthers“ z. B. In der Umweltdebatte, speziell als Spott der „Neo-Malthusians“ oder „Depletionists“ (die um die Begrenztheit der mineralischen Ressourcen wissen und vor deren baldiger Erschöpfung – depletion - warnen) gegen die „Cornucopians“ (deren Motto etwa lautet: „Wenn uns der eine Rohstoff ausgeht, fällt uns schon rechtzeitig was Neues ein“.)
Diesem hübschen Schimpfwort bin ich neulich wieder begegnet, und zwar in einem Newsletter der ASPO Irland. Die ASPO ist die „Association for the Study of Peak Oil“, eine in mehreren Ländern vertretene Vereinigung von Wissenschaftlern (und Laien?), die sich Sorgen wegen des erwarteten baldigen Fördergipfels für das Erdöl machen. Die irische Vereinigung scheint die rührigste zu sein und gibt jedenfalls einen Newsletter heraus. In der Ausgabe vom Mai 2006 wird unter der laufenden Nr. 706 mitgeteilt, dass die Berechnung und die Bezeichnung der Rohölverknappung geändert wurde, und dies damit begründet, dass „This new approach offers an olive branch to the flat earth economists whose religion prohibits recognition of natural limits“.
Und diese „flat earth economists“ sind eben bei mir zu „Erdscheibenökonomen“ eingedeutscht.
Näheres zu den „Flat-earthers“, jenen Menschen, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist (oder dass der liebe Gott die Menschen vor 6000 Jahren plötzlich und unerwartet in die Welt gesetzt hat, und ähnlichen Relikten einstmals gängiger Weltsichten), kann man dem Artikel über die „Flat Earth Society“ in der englischsprachigen Wikipedia entnehmen (eine kürzere Version gibt es auch in der deutschen). Wer glaubt, dass die Rohölreserven praktisch unbegrenzt, oder beliebig substituierbar sind, dem kann man, nach Meinung der ASPO (und nach meiner Meinung) auch zutrauen, dass er die Erde für eine Scheibe, Eva für ein Rippengeschöpf und die biblische Schöpfungsgeschichte für eine Tatsachendarstellung hält („Creationism“ - Schöpfungswissenschaft).
Erdscheibengläubige oder Scheibenerdegläubige – irgendwie klingt „flat-earthers“ ja doch besser, nicht wahr? (Aber wie wäre es auf Deutsch mit "Scheibenerdlinge", oder "Erdscheibianer"? Oder lieber "Flacherdianer"?)

Hier gibt es eine Webseite unter der Überschrift „The Flat Earth Society“, und dem hübschen Untertitel „"Deprogramming the masses since 1547". Wenn ich freilich so über den Inhalt hovere, habe ich den Eindruck, als ob die die Sache nicht richtig ernst nehmen. Doch mag es den Flacherdlingen gut tun, Zuspruch von einem veritablen Biologen oder Biochemiker zu erhalten. Dan Graur fordert in „Nature“, dem „International weekly journal of science“ zur „Solidarity with the oppressed flat-Earthers“ auf. Aber kann man solchen Menschen trauen? Oder ist dieser Leserbrief gar ironisch gemeint?
Auch Donald Simanek habe ich stark in Verdacht, dass er sich mit dem Abdruck des Artikels „The Flat-out Truth“ von Robert J. Schadewald unter dem Vorwand einer neutralen Berichterstattung über die Flacherdlinge lustig macht.
Also, ich muss sagen, da ziehe ich doch den „Sokal Hoax“ („Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“) vor: der war wenigstens ernst gemeint!
Wie auch immer: Scheibenerdenökonomen gibt es auch bei uns. Dazu zähle ich außer den Ressourcenzauberern z. B. alle jene, welche glauben, die Altersrenten durch das Kapitaldeckungsverfahren sicherer machen zu können (vgl. mein Blogeintrag „Rentensimonie?“ und ausführlicher meine Webseite „Rentenreich“).
Interessante Frage, mit welcher Bezeichnung die ihrerseits wohl mich schmähen würden, wenn sie es denn überhaupt jemals erfahren würden, wie ich sie hier (oder an anderer Stelle z. B. als "Humankapitalsubstitutionsadepten") schenne.
Vermutlich würden sie mich einen verfluchten Physiokraten schimpfen. Das ist für deren beschränkte Phantasie zweifellos das Allerschlimmste, was sie sich vorstellen können.


Textstand vom 17.05.2006.
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Sonntag, 14. Mai 2006
 
Schlossbewohner
Die englischsprachige Ausgabe der Wikipedia (also die Mutter aller Wikipedien) bringt heute, am 14.05.2006, als "featured article" einen Beitrag über das Schloss Sanssoucis von Friedrich dem Großen in Potsdam.
Der Eintrag "is based on a translation of the corresponding German-language Wikipedia article retrieved on March 12, 2006", bietet als besondere "Bonbons" aber auch Links zu zwei Webseiten mit Luftaufnahmen, eine davon sogar mit eingetragenen Markierungen für Gebäude, bei deren Aufruf kleine Abbildungen mit kurzem Erläuterungstext erscheinen.

Jedenfalls, der Artikel erinnert mich daran, dass wir eine Wohnung mit Schlossblick haben: auf das leer stehende Schloss der früheren Ysenburger Seitenlinie in der Hauptstadt des einstigen Drei-oder-so-Dörfer-Fürstentums Isenburg-Wächtersbach. (Die ursprüngliche, Schreibweise der Isenburger ist die mit "I". Nachdem jedoch ein Schreibfehler der kaiserlichen Kanzlei in Wien daraus ein "Y" gemacht hatte, übernahm die Familie diese wohl als eleganter empfundene Version.)

Und nicht nur haben wir einen Blick auf ein Schloss: wir wohnen (und hier verrate ich Ihnen ein Geheimnis; aber Sie sagen es ja niemandem weiter?) sogar selbst in einem Schloss.

Und das heißt beinahe genau so, wie die Sommerresidenz vom Alten Fritz. Nur ein einziger Buchstaben wurde durch seinen alphabetischen Vorgänger ersetzt: Schloss Sanssouris benenne ich hiermit feierlich jenes Gebäude, welches wir (und andere) bewohnen.

Allerdings: da bin ich nicht der Erste, der auf die Idee kam, sich kühn mit dem großen Friedrich zu vergleichen. Schon Viktor Otto Stomps hatte ein Schloss gleichen Namens, in Stierstadt im Taunaus (heute Ortsteil von Oberursel).

So darf er zwar den Erfinderruhm beanspruchen (und, anders als uns, gehörte dem das Gebäude vielleicht sogar?), aber dafür hatte er keinen Schlossblick, wie wir.
Und wenn das Schloss bei uns gegenüber (das jetzt Privatleuten gehört, die ursprünglich wohl ein Altersheim daraus machen wollten) auch leer steht: Mäuse gibt es dort mit Sicherheit!



Textstand vom 14.05.2006
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