Dienstag, 6. Dezember 2005

NIKLAS LUHMANN, DER ITALIENISCHE MEZZOGIORNO und DIE DIDAKTIK DES RELIGIONSUNTERRICHTS

Die Bestände der Bielefelder Stadtbücherei waren, jedenfalls in den 60er Jahren, nicht sonderlich gehaltvoll. So griff ich, als ich mich irgendwann während meiner Schulzeit einmal für das Thema "Didaktik" interessierte (Feindaufklärung :-)?), in meiner Verzweiflung u. a. zu einem Buch über die Didaktik des Religionsunterrichts.

Weder an den Titel noch an den Autor erinnere ich mich; auch nicht im Detail an den Inhalt. Das Buch war aber eine Dissertation (oder aus einer Dissertation heraus entstanden), in der es um einen sogenannten "didaktischen Dreischritt" ging. Um welche Schritte, das habe ich längst vergessen. Jedenfalls hatte der Verfasser so ungefähr 200 Schriften zu diesem Thema untersucht aus ca. 150 Jahren (ich glaube, das einschlägige Schrifttum setzte um ca. 1800 ein) und kam zu dem Schluss, dass die dort vorgeschlagenen Formen der Religionsdidaktik sämtlich auf einen Dreischritt hinauslaufen.

Am Schluss machte er selbst einen Vorschlag, wie man die christlichen Glaubenslehren ganz anders vermitteln könne, eben ohne diesen bewussten Dreischritt. Auch insoweit erinnere ich mich nicht an Details, sondern nur daran, worauf mir bei der Lektüre auch die Vorstellungen des Verfassers eindeutig hinauszulaufen schienen: auf einen Dreischritt!

An diesen Sachverhalt erinnere ich mich wieder und wieder, wenn irgend jemand (ggf. auch ich selbst) Weisheiten mit vermeintlich fundamentalem Neuigkeitswert von sich gibt, die aber, bei genauer Betrachtung, nur neuer Wein in alten Schläuchen sind.


Gedankensprung zu Niklas Luhmann.
Nachdem ich ihn mit lokalpatriotischem Eifer für Bielefeld gegen München vereinnahmt habe (siehe: "PISTOLE ODER DEGEN? ICH FORDERE SATISFAKTION") erschien es mir nicht unpassend, endlich mal etwas von ihm und über ihn zu lesen. Glücklicher Weise muss man in Internet-Zeiten nicht mehr dicke (oder auch dünnere) Bücher wälzen, um zumindest einen ersten Eindruck zu bekommen. Zwar liegt der 1. Teilband von "Die Gesellschaft der Gesellschaft" seit einem unbedachten Flohmarktkauf in meinem Bücherschrank herum, doch müssen zum Einstieg einige Aufsätze genügen:

"Das Medium der Religion. Eine soziologische Betrachtung über Gott und die Seelen"
und
"Entscheidungen in der "Informationsgesellschaft"

sind recht abstrakt. Zwar stellt sich ohnehin die Frage, ob ich überhaupt Texte von Luhmann verstehen kann, oder ob ich nur glaube, das eine oder andere daraus zu verstehen. Stellenweise geht es mir tatsächlich wie bei der Betrachtung eines Bildes des bekannten Schwarz(über)malers Arnulf Rainer. Wie weiß ich, was drunter ist, und ob überhaupt was? Und welche Botschaft kann ein unsichtbarer Untergrund eines Bildes überhaupt transportieren – außer der sozialen Botschaft einer Inklusion jener, die daran glauben und umgekehrt der Exklusion der Banausen?
Ganz sicher bin ich mir bei manchen Passagen wirklich nicht, ob sie Sachverhalte kommunizieren, die mir intellektuell oder mangels einschlägiger Kenntnisse (noch) nicht zugänglich sind, oder ob ihr Informationsgehalt nicht stellenweise gegen gegen Null geht.
Indes: wenn ich nicht glauben würde, von Luhmanns Aufsatz

Kausalität im Süden

wenigstens das eine oder andere verstanden zu haben, würde ich nicht darüber schreiben. In diesem Aufsatz ist er gewissermaßen zu uns einfachen Menschen auf die Erde herab gestiegen. Ob er sich bei Abfassung des Artikels gerade (wieder) in der "Terra d’Otranto" aufgehalten hat, weiß ich nicht. Dass er aber dort, nämlich im " Barock-Athen" (Ferdinand Gregorovius) Lecce, an der Universität tätig war, ist gewiss (vgl. Einleitung S. 16 von "Die Gesellschaft der Gesellschaft").

Was ich an biographischen Informationen über Luhmann im Internet finden konnte, gibt zur Chronologie seiner Italienaufenthalte leider nichts her. Immerhin entnehme ich dem "testimonial" [gute Idee übrigens, diese Art von persönlichen Erinnerungen ins Netz zu stellen!] von Javier Torres, Chicago Illinois, USA (07.07.2002), dass Luhmann bereits 1992 über seine Arbeit in Lecce sprach. D. h. er war schon dort gewesen, bevor er diesen Aufsatz schrieb.

Erster Einschub:
Bei Luhmann kann man sich wohl nie ganz sicher sein, ob er bestimmte Worte oder Sätze nicht ironisch gemeint hat. Angesichts des Aufsatztitels "Kausalität im Süden" frage ich mich, ob "Süden" darin nicht auch eine Nebenbedeutung haben sollte wie man etwa in der Börsensprache sagt "Die Kurse gehen gen Süden".

Zweiter Einschub:
Gewichtigere "testimonials", die dem Leser einen tieferen Einblick in Luhmanns Persönlichkeit gestatten (die mir aufgrund dieser Darstellungen übrigens sehr sympathisch erscheint) haben seine Wissenschafts- bzw. Professorenkollegen in einem Gedenk-Kolloquium vorgetragen. In dem Büchlein "Niklas Luhmann - Wirkungen eines Theoretikers", herausgegeben von Rudolf Stichweh, sind diese Vorträge versammelt. (Eine ausführliche Rezension hat Tom Levold verfasst; Auszüge der Vorträge sind in der Bielefelder Universitätszeitung zu lesen.).
Einen sehr verdichteten Blick (auf Englisch) über bzw. in Luhmanns Denken hat der Luhmann-Schüler Dirk Baecker verfasst (im Internet-Explorer die Codierung auf "Westeuropäisch" umschalten, sonst fehlen ein paar Umlaute!).
Einschub Ende

In dieser Arbeit geht es Luhmann um nichts weniger als um eine "Revision ... [der] theoretischen Grundlagen" der Forschungen (vordergründig) über das Mezzogiorno, also um einen gänzlich neuen Erklärungsansatz für den Entwicklungsrückstand und die Entwicklungshemmnisse des italienischen Südens. Wie aber in der Zusammenfassung ("Politische Entwicklungsplanungen ... haben sich als wenig erfolgreich erwiesen") und insbesondere in den Überlegungen unter Ziff. V des Aufsatzes deutlich wird ("... regional orientierte Forschungen"; "... extremen Unterschiede an Realisierung der Leistungsmöglichkeiten der Funktionssysteme"; "... Beschreibung unterentwickelter Regionen" usw.), geht es ihm letztlich um eine Erklärung der Entwicklungshemmnisse der Entwicklungsländer überhaupt.
Da mögen auch Erfahrungen aus seinen Brasilienaufenthalten eingeflossen sein; dass er dort war, entnehme ich dem Interview, das Hans Dieter Huber 1990 mit Niklas Luhmann geführt hat (http://www.hgb-leipzig.de/ARTNINE/huber/aufsaetze/luhmann.html - "Seite 131" unten).

Bleiben wir aber zunächst bei Süditalien, dass ich selbst nur einmal für kurze Zeit gesehen habe, bei einem Urlaubsaufenthalt in Vieste am Monte Gargano (Apulien). Auch habe ich natürlich nicht Luhmanns Lesehorizont, und leider auch keinen Zettelkasten. Immerhin, wenngleich Friedrich Vöchtings in der einschlägigen Literatur häufig als grundlegend bezeichnetes (für die neuere Entwicklung natürlich nicht verwertbares) Werk "Die italienische Südfrage" (Berlin 1951) noch ungelesen bei mir im Bücherschrank steht, und ich auch sonst keine Fachliteratur des "Meridionalismo" gelesen habe, kenne ich doch zumindest einiges an Belletristik über den und aus dem italienischen Süden. "Fontamara" von Ignazio Silone hat mich nachhaltig beeindruckt (vielleicht deshalb, weil ich es, mit großer Mühe, auf Italienisch gelesen habe). "Christus kam nur bis Eboli" von Carlo Levi ist als Film vielleicht noch bekannter denn als Buch. Aus letzterem (wo die Situation mehr "von außen" betrachtet wird als bei Silone) ist mir immerhin ein Begriff in Erinnerung geblieben: "in un grande naufragio di noia". (Konkret bezieht sich das auf einen Arzt, der in der Langeweile eines süditalienischen Nestes den größten Teil seines im Studium erlernten medizinischen Wissens vergessen hatte; es ist aber vielleicht auch ganz allgemein eine lern- und sozialpsychologisch eine wichtige Aussage.)

Dazu kam im Bereich der Sachliteratur die Lektüre u. a. einiger Bücher von Danilo Dolci. Ähnlich portraitiert der Bericht "Die zehn Todesqualen" des Briten Gavin Maxwell die Situation der (einfachen) Menschen im Sizilien der 50er Jahre. Die Insel lässt sich natürlich nicht in jeder Hinsicht mit dem restlichen Süditalien gleich setzen, doch habe ich auch einiges z. B. über Neapel gelesen und besonders ist mir auch das Buch – man muss wohl sagen: die anthropologische oder ethnographische Fallstudie - der US-Amerikanerin Ann Cornelison über die bzw. aus der Stadt Tricarico (Region Molise) in Erinnerung geblieben: "Torregreca. Eine Stadt südlich von Neapel." (Infos zum Buch - auf Englisch - hier und dort. Infos – und Bilder - über das wirkliche "Torregreca" gibt's hier und da und – dort!).
[Zu weiteren - rein subjektiv ausgewählten - Lesehinweisen, nicht nur über Süditalien, s. a. meine Webseite "Italienreich: Bibliothek"]

Natürlich enthalten auch zahlreiche allgemeine Bücher über Italien Hinweise auf die Situation im Süden, so z. B. das relativ neue Reisebuch "Im Gegenlicht" von Joachim Fest. Wenn der Corriere Della Serra wirklich geschrieben haben sollte "Dopo Goethe, arriva Fest … Das schönste Buch über Italien seit langem", notiere ich dazu zwar nur: "De gustibus non disputandum est!" Gleichwohl ist Fests Schilderung stellenweise aufschlussreich für die Mentalität des Mezzogiorno (auch wenn man dergleichen an vielen anderen Stellen schon gelesen hat). So öffnet sich für ihn etwa das eigentlich geschlossene Castello in Catania, weil er vom örtlichen Oberpaten begleitet wird. Oder seine Schilderungen des weit verbreiteten Aberglaubens, insbesondere der Furcht vor dem bösen Blick ("malocchio").

Auch an eher unerwarteter Stelle kann man Einsichten in die Mentalität (Luhmann mag den Begriff nicht; ich verwende ihn hier dennoch) des Südens gewinnen. So z. B. in der volkstümlichen Biographie der Marie Sophie Amalie, Herzogin in Bayern und dann Gemahlin des letzten Königs von Neapel ("Die Heldin von Gaeta" - ital. "La Regina del Sud" von Arrigo Petacco). Dort (wenn ich mich richtig erinnere) wird geschildert, wie der zum Kommandierenden der Armee des "Regno delle due Sicilie" (Königreich beider Sizilien, häufig auch kurz als "Königreich Neapel" bezeichnet) im Krieg gegen Garibaldi eingesetzte (adelige) Befehlshaber nach seiner Ernennung zunächst einmal seine privaten Pferde verkaufte. Er konnte sich ja jetzt aus Staatsbeständen gratis bedienen ... !

Auf diese Weise wird man zwar noch nicht zum Weisen der Mezzogiorno-Wissenschaft. Aber man gewinnt doch ein Gespür für die Unterschiede im Denken (und entsprechend im Handeln) der Menschen im italienischen Süden und unserer Breiten. Mit besonderem Schmunzeln las ich seinerzeit das Buch von Conrad Lay: "Das tägliche Erdbeben: E. Bericht über d. Stadt Neapel, Arbeitslosigkeit, Schmuggel, Mafia, Revolten". Der Linke Lay war zu seinen Genossen nach Neapel in eine Kommune gezogen und beobachtete dort, wie sie sich "durchschlugen". Trotz (scheinbar) gleicher ideologischer Orientierung und entsprechender Sympathie kann Lay sein Entsetzen über das Staatsverständnis und das mangelnde Verantwortungsgefühl der Neapolitaner denn doch nicht unterdrücken. [Was werden die Neapolitaner über ihn gedacht haben? "Der kauft auch erst 'ne Bahnsteigkarte, bevor er Revolution macht"? Und Lay mag gedacht haben: "Mit diesen Egoisten eine sozialistische Gemeinschaft aufbauen ...?"]


Zurück nun aber zu Luhmanns Aufsatz über die Kausalität im Süden. Auch wenn sich mir die Textstruktur nicht in allen Einzelheiten enthüllt habe ich das Gefühl, dass der Autor seine Gedankenfäden in einem geradezu filigranen Muster entwickelt. Auf diese Weise entfaltet und verwebt er zwei 'Erzählstränge'. Der eine handelt von "Kausalität", der andere von "Freiheit".

Wenn ich Luhmann richtig verstehe, läuft seine Argumentation darauf hinaus, dass die Menschen im Mezzogiorno ein anderes Verständnis von Kausalität haben.
Diese Formulierung scheint zunächst nicht Luhmann-adäquat zu sein, da für diesen soziale Systeme bekanntlich nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikation bestehen. Dennoch 'infiltrieren' die Menschen auch seine Texte, oder zumindest den hier gegenständlichen. So spricht er z. B. von der "Gewohnheit, in Netzwerken der Hilfe, der Förderung und der erwartbaren Dankbarkeit zu denken", und denken können ja nur Menschen, nicht das System. Ebenso bezieht er die Erwartungen der Menschen ein: "Man erwartet und testet gegebenenfalls Wiederholbarkeit. Jemand hatte in einer schwierigen Lage geholfen und damit gezeigt, daß er über Kompetenz und Macht verfügt, die man in ähnlichen Situationen wiederbenutzen kann." Deshalb halte ich meine Interpretation für zulässig.

Kausalität ist für uns weitgehend mit technischer Rationalität identisch. Für Luhmann indes sind Kausalität (und Freiheit) "Konstruktionen, ... deren Anwendung unter regionalen und historischen Sonderbedingungen gelernt werden muss und im Bewährungsfalle nur schwer zu revidieren ist." Kausalität sei ein "als Medium ... die bloße Möglichkeit einer Zurechnung von Wirkungen auf Ursachen. Als Form ist es die vollzogene Zurechnung." Das Kausalschema prägt sich unserem Gedächtnis "in der diffus erlebten und rasch wieder vergessenen Wirklichkeit" deshalb besonders nachdrücklich ein, "weil es relationale und damit außergewöhnliche Formen sind, ... [ein besonderer] Anreiz für Erinnerung und für Lernen." (Auch das "Lernen" verweist auf das einzelne Individuum.)

Es bleibt (mir zumindest) letztlich unklar, ob er den Kausalitätsbegriff ganz allgemein relativieren will oder lediglich in der Anwendung auf bzw. in soziale(n) Verhältnisse(n). Luhmann jongliert insoweit in einer zwar eindrucksvollen, für mich aber auch irritierenden Weise mit der Geistesgeschichte, angefangen bei Aristoteles.
(Mir scheint, dass er zu einer Reifizierung von Begriffen tendiert. So jedenfalls deute ich z. B. den Satz: "Und trotzdem werden wir fragen müssen, ob Kausalität richtig verstanden ist, wenn man sie schon durch ihren Begriff auf eine feste, technisch verfügbare Koppelung von Ursachen und Wirkungen reduziert."

Letztlich dürfte allerdings weder die Frage, auf welcher Ebene er "Kausalität" relativieren will, noch diejenige, ob er ein Realist im Sinne des scholastischen Universalienstreites war, entscheidend sein. Physikalische Kausalzusammenhänge hätte Luhmann kaum geleugnet; im übrigen geht es in seinem Aufsatz um die Gesellschaft, also auch nur um gesellschaftliche Kausalitäten bzw. um jeweils gesellschaftsspezifische Kausalverständnisse. (Oder müsste man präziser sagen, dass Luhmann darüber nachgedacht hat, wie spezifische gesellschaftliche Kausalitäten durch ein jeweils gesellschaftsspezifisches Kausalitätsverständnis erzeugt werden?)

Das gesellschaftliche Kausalitätsverständnis betrachtet er, zumindest in seinen Konkretisierungen, allerdings monoperspektivisch: aus der Sicht der Antragsteller, derjenigen, die von den (staatlichen) Organisationen etwas wollen (was ihnen zusteht – oder auch nicht zusteht). Komplementär zu der Frage, weshalb 'von außen' erwartet wird, dass sie Organisationen (häufig) nur unter Verwendung von 'Vitamin B' dazu gebracht werden können, ihre Pflicht zu tun (oder auch vom Weg des rechtstreuen Verwaltungshandelns abzuweichen), stellt sich immerhin die Frage, wieso die Personen innerhalb der Organisationen ihre Pflicht häufig nicht tun, sei es, dass sie gar nichts, sei es, dass sie Unerlaubtes tun.

Vielleicht hängt es mit seiner monoperspektivischen Sicht zusammen, dass Luhmann für die (wohl auch von ihm so empfundenen) Funktionsdefizite der Staatsorgane im Mezzogiorno (und vermutlich noch weitaus mehr in Entwicklungsländern) eine monokausale Erklärung liefert: eben jenes angeblich andere Kausalitätsverständnis. Eine detaillierte Analyse und Kritik will ich hier nicht vortragen; dafür bietet sich vielleicht bei einem späteren Eintrag Gelegenheit. An dieser Stelle geht es lediglich um die Einordnung von Luhmanns Analyse in den Rahmen anderer Erklärungsversuche für die Funktionsdefizite (und damit im Ergebnis für die Rückständigkeit) derartiger Gesellschaften.

Zunächst stellt sich allerdings noch die Frage, welche Funktion seine Ausführungen über "Freiheit" haben. Ich selbst bin eher skeptisch ob, im sozialen Raum, zu einem – sei es auch altehrwürdigen – Begriff immer ein konkretes Substrat existiert, d. h. ob es "Freiheit" überhaupt gibt (oder nicht lediglich "Freiheiten"). Luhmann hätte vielleicht schon die Fragestellung als solche verworfen; vielleicht hätte er aber sogar zugestimmt. Denn "Freiheit" scheint sich bei ihm auf den Spielraum innerhalb eines jeweiligen Systems zu beziehen, und das lässt sich zwanglos pluralisieren; denn schließlich sind wir alle in eine Vielzahl von System in der einen oder anderen Weise (und mehr oder weniger tief) eingebunden.

Jedenfalls betrachtet er Freiheit als ein soziales Konstrukt; das ist eine m. E. richtige, aber wohl auch nicht neue Perspektive. Für Luhmann liegt "Freiheit" insoweit auf der gleichen Ebene mit "Kausalität", als es "sich in beiden Fällen um Konstruktionen handelt, deren Anwendung unter regionalen und historischen Sonderbedingungen gelernt werden muss und im Bewährungsfalle nur schwer zu revidieren ist".

Für mich dagegen liegen die Begriffe "Kausalität" und "Freiheit" auf völlig verschiedenen Ebenen. Kausalität existiert in der Natur unabhängig vom Menschen. Auch im Süden fahren die Autos nicht, wenn man Wasser in die Tanks schüttet. Und schon die Tatsache, dass Luhmann die "Kausalität im Süden" überhaupt problematisiert, zeigt ja, dass er selbst ebenfalls eine Gesellschaft als problematisch ansieht, deren Einstellung zur staatlichen Gemeinschaft z. B. in einem Sprichwort wie diesem zum Ausdruck kommt (das Beispiel von mir, nicht von L.):
"Roba dello stato è roba del governo.
Chi non la mangia, va nel inferno."
(Staatsgut ist Regierungsgut; zur Hölle fährt, wer's nicht nehmen tut.)

"Freiheit" ist dagegen ausschließlich ein (notwendiges) soziales Konzept, das in unterschiedlichen Zusammenhängen unterschiedliche Funktionen ausfüllt (z. B. in der Ethik als Begründung von Verantwortung). Insofern (da stimme ich im Ergebnis vielleicht mit Luhmann überein) ist letztlich die Frage nach der Wirklichkeit von (Willens-)Freiheit verfehlt. "Freiheit" ist, jedenfalls im moralischen Bereich ein Feedback-Begriff, weil nur die Hypothese des freien Handelns das Konzept der Schuld und damit von psychischen ("Gewissen") und sozialen Sanktionen legitimieren und überhaupt erst glaubhaft machen, kann.

Letztlich kann aber dahingestellt bleiben, was Freiheit "wirklich" oder "eigentlich" "ist" und wie Luhmann den Begriff ganz allgemein versteht. Hier geht es lediglich darum, welche Funktion seine Überlegungen zu den (möglichen) Realisierungsgraden und dem systemischen Ort von "Freiheit" im Rahmen seiner Analyse der "Kausalität im Süden" haben.

Ich kann seinen Ausführungen nicht entnehmen, dass Luhmann einen spezifischen Zusammenhang zwischen meridionalen, d. h. entwicklungshemmenden, Denk- und Verhaltensweisen und dem Grad an Freiheit gerade in diesen Gesellschaften herstellen wollte. Sein Argument scheint mir lediglich darauf hinaus zu laufen, dass der Mensch nicht die Freiheit hat, aus seinem jeweiligen (nördlichen, südlichen oder sonstigem) System auszubrechen. 'Extra ecclesiam nulla salus' heißt die Parole der Kirche und 'tritt aus der Gesellschaft heraus und die fällst ins Nichts' heißt die Parole der Gesellschaft. Freiheit ist lediglich die Bandbreite möglichen Verhaltens innerhalb eines bestehenden sozialen Systems (bzw. Sub- oder Sub-Sub-Systems).

Das wäre allerdings, kaum wage ich es zu sagen, eine ausgesprochen banale "Erkenntnis". Sollte Luhmann sein Feuerwerk an intellektueller Brillanz wirklich zur entzündet haben, um uns diese alte Weisheit in neuer Verpackung zu servieren?
Zumindest an dieser Stelle kann ich mich des Versuchs einer Entscheidung dieser Frage enthalten. Hier kommt es mir allein darauf an, herauszustellen, dass Luhmann die (aus dem Blickwinkel "besser" funktionierender Staaten betrachtet:) Funktionsdefizite der Staatsorgane im italienischen Mezzogiorno kausal auf ein anderes Kausalitätsverständnis dieser Gesellschaftssysteme zurück führt. Dass dies eine monokausale Erklärung, und schon als solche fragwürdig, ist, hatte ich bereits oben aufgezeigt. Eine detaillierte Kritik wird (hoffentlich) der Gegenstand eines weiteren Blog-Eintrags werden.

Vorliegend interessiert, wie Luhmann seinen Erklärungsansatz gegen andere Erklärungsmodelle abgrenzt, bzw. gegen welche Modelle. Er kritisiert Deutungsversuche, die mit Begriffen wie "unterschiedliche Kultur" oder "andere Mentalität" arbeiten, als verfehlt. Der Begriff "Mentalität" etwa kann nach Luhmann "nicht klarstellen ..., was durch ihn ausgeschlossen wird"; deshalb "sind wissenschaftliche Erträge nicht zu erwarten". Die "Feststellung von Unterschieden in der Kultur und den Mentalitäten des Südens im Vergleich zu den Zentren der modernen Gesellschaft" ist seiner Meinung nach "[wissenschaftlich wie politisch] ebenso inspirativ wie unergiebig geblieben". Luhmann sucht "Konzepte, die historisch und regional vergleichende Untersuchungen anleiten können und die in ihrer theoretischen Prägnanz den Begriffen 'Kultur' und 'Mentalität' überlegen sind". Mit einer "Begriffsrevision" hofft er "bessere Ausgangspunkte für vergleichende Untersuchungen" zu gewinnen.

Wenn aber die Menschen im "Süden" Kausalität anders verstehen als "wir" (Luhmann hätte, da seine Gesellschaft bekanntlich nicht aus Individuen besteht, das wahrscheinlich anders formuliert; für mich läuft es aber gleichwohl darauf hinaus): ist ein derartiger Sachverhalt etwa nicht unter den Oberbegriff "andere Mentalität" zu subsumieren? Natürlich präsentiert Luhmann hier eine spezifisch bezeichnete Form von Mentalität. Aber zweifellos haben auch jene anderen Forscher (und die sonstigen Teilnehmer der Meridionalismo-Diskussion), die mit diesem Begriff gearbeitet haben, das oder die jeweils aus ihrer Sicht bezeichnende(n) Element(e) der Mentalitätsunterschiede benannt. Kein ernsthafter Debattenteilnehmer könnte sich darauf beschränkend, achselzuckend zu sagen: "Tja, iss halt 'ne andere Mentalität da unten" [oder "hier", denn in der italienischen Diskussion kamen zahlreiche Beiträge ja nicht zuletzt aus dem Süden selbst, z. B. in den Publikationen des Bareser Verlages Laterza].


Damit schließt sich der Kreis meines eigenen "Erzählstrangs" und ich bin wieder bei den zweihundert Modellen der Religionsdidaktik angelangt. So wie dort der Autor das 201 entwickelt hatte, was aber etwas gänzlich anderes sein sollte als die anderen, so hat Luhmann (nach meinem Verständnis zumindest) nur das 1001 Modell einer anderen Mentalität im Süden geliefert. Stände er selbst "auf der anderen Seite" von seinem Aufsatz, hätte Luhmann mit seiner feinen Ironie vielleicht das Gleiche gesagt, was ich über seinen Text denke: die Freude an der intellektuell hoch gestochenen Debatte, die als eine Art l'art pour l'art geführt wird [hm ..], erinnert mich doch stark an den Diskurs vieler Intellektueller im "Süden". War Luhmann vielleicht zu lange oder zu oft dort unten? Oder wandert, um ein Bild von Leonardo Sciascia zu variieren, nun auch die intellektuelle "Palmengrenze" nach Norden? Wenn er sich mit "Orientierungswissen" zufrieden geben will ("Die Frage ist nur, ob man mit der vorgeschlagenen Revision der Annahmen über Kausalität zu besseren Einsichten kommt - und wenn nicht im Sinne von Erfolgswissen, dann doch im Sinne von Orientierungswissen", sagt er an einer Stelle), würde er nicht mehr bieten, als andere Meridionalisten. Dass deren Deutungen im Rahmen der jeweiligen Gesellschaft Orientierungswissen vermitteln, ist dann um so weniger zu bestreiten, wenn man Kausalitäten ohnehin für relativ hält.

Vielleicht hat Niklas Luhmann sich in seinem Text aber sogar selbst ironisiert. Er diagnostiziert im Süden eine "Schwerpunktverlagerung in Richtung auf die Ebene der latenten Kommunikation von Einstellungen", bei der "die Informationen eine untergeordnete Rolle spielen und ... es vor allem auf das Symbolisieren des Netzwerks ankommt." Ersetzt man "des Netzwerks" durch "der intellektuellen Potenz", lässt sich sein Satz zwanglos auf seinen hier behandelten Aufsatz beziehen.
(Die gleiche Schwerpunktverlagerung entdeckt er selbst ohnehin auch in Kunst und Wissenschaft: "Die gleiche Schwerpunktverschiebung in Richtung auf personalisierte Einstellungskommunikation findet man auch in der Inszenierung von Kultur. Wissenschaft und Kunst werden in erster Linie als Kultur gefördert.")


Trotz aller Kritik kann ich mich einer gewissen Faszination an Luhmanns Stil und seiner Ideenwelt nicht entziehen. Vor allem Bemerkungen mit einer über das eigentliche Thema hinausgehenden Reichweite blitzen auf:

"Direkte Rückschlüsse von Kultur auf Verhalten [sind] nicht möglich".

"In der offiziellen Kultur herrschen diese Schemata der technischen Rationalität und der individuell fundierten Freiheit nach wie vor. Es gibt eine romantische Gegenkultur, es gibt zahllose Ansätze zur Kritik der modernen Gesellschaft; aber solche Bestrebungen leben davon, daß das, wogegen sie sich wenden, den ersten Platz besetzt hält. Und doch gibt es deutliche Zeichen dafür, daß diese beiden aufeinander abgestimmten Schemata nur noch wie kulturelle Fiktionen fortexistieren."
"Das Paradies war der Ort für einen Modellversuch in genau dieser Frage [nämlich der "Freiheit konstituierende[n] Funktion von Wissen"] und die Welt verdankt einer mutigen Frau die Folgen des Normbruchs: Unterscheidungsvermögen und Freiheit. Die Kenntnis des Verbots hat genügt."

"Freiheit ist ... ein Konzept für das Abschneiden der Rückfrage nach weiteren Ursachen"

"Der einzige Sinn dieser Rede von 'postmodernen' Verhältnissen dürfte darin liegen, sich um ein Begreifen der modernen Gesellschaft herumzudrücken mit der Behauptung, es sei schon vorbei."

"Kultur ... wird als eine sich selbst konsumierende Angelegenheit zelebriert, fast wie ein Ritual, bei dem das Dabeisein und Gesehen- und Gehörtwerden zählt. Es geht, könnte man vermuten, um die Schokoladenseite des Netzwerks [erinnert mich irgendwie an Schelskys Buch "Die Arbeit tun die anderen"] oder auch um die Symbolisierung von Gemeinsamkeit bei stark divergierenden Interessen."

Und noch ein Satz, der stutzig macht, und speziell auf den Süden bezogen ist:
"Forschungen über die besonderen Strukturen und Probleme des 'Mezzogiorno' Italiens sind in großer Zahl durchgeführt oder jedenfalls projektiert und finanziert worden. "
Was will er uns mit dem "jedenfalls ... finanziert" sagen? Werden da im Süden sogar Forschungsgelder in dunkle Kanäle abgezweigt?

Zur Finanzierung eine andere gelungene Formulierung:
"Man kann eine Diskrepanz zwischen verfügbarem Wissen und rhetorischen Formulierungen beobachten, auch eine Diskrepanz zwischen dem, was man wissen kann, und derjenigen Sprache, mit der man Finanzierungen erreichen kann. "


Hier ein Vortrag von Stefan Nehrkorn vor der Humboldt-Gesellschaft zur Einführung in die Ideen von Niklas Luhmann: http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann



Textstand vom 07.02.2008
Gesamtübersicht der Blog-Einträge auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm

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