Mittwoch, 26. April 2006

Die Schlüsselblumen als Schlüssel zur Heimatkenntnis

Wanderer, gehst du nach Gelnhausen: begebe dich nicht direkt dort hin! Gehe auch weder über Los, noch über Lieblos. Du kannst an Wissen gewinnen, willst du deinen Weg in Maintal beginnen. Dort (ich weiß nicht, in welchem Ort – die Stadt ist nämlich ein etwas künstlich zusammengesetztes Verwaltungsgebilde) domiziliert ein gewisser Peter Heckert, Heimatforscher. Der hat eine 20-seitige Stadtbeschreibung von Gelnhausen (davon allein ca. 7 S. über die Marienkirche) ins Netz gestellt.

Im Falle Gelnhausen versorgt uns (anders als bei vielen anderen, darunter auch sehenswerten, Städten) zwar schon die Stadtverwaltung mit ausführlichen Schilderungen der Stadtgeschichte und vieler Sehenswürdigkeiten. Aber für einen Ausdruck müsste man sich diese Wissensschätze mühsam von verschiedenen einzelnen Seiten herunterladen; bei Heckert hat man alles bequem beisammen.
(Auch ich habe übrigens Gelnhausen mal beschrieben, doch nur ganz kurz und auf Englisch.)

Der Abschnitt über Gelnhausen ist jedoch nur ein Teil einer weit umfangreicheren Webseite (mit derzeit, in meinem Browser und mit normaler Buchstabengröße, 111 Druckseiten) unter dem Titel „Ausflugsziele" auf denen Peter Heckert größere und kleinere Orte des östlichen Main-Kinzig-Kreises (und darüber hinaus des bayerischen Spessarts) liebevoll beschreibt.
In der Einleitung legt er seine Zielsetzung dar:
„Ich bin dabei, für das ganze Rhein-Main-Gebiet und die umgebenden Mittelgebirge eine Datei aufzubauen mit Vorschlägen für Ausflüge mit dem Auto, dem Fahrrad und zu Fuß. Schwerpunkt sind dabei geschichtliche und kulturelle Höhepunkte. Der Bereich umfasst das Gebiet zwischen Butzbach und Heidelberg, Fulda und Rüdesheim. Eingeschlossen sind Rundgänge durch größere und kleinere Städte (z.B. Gelnhausen, Bad Orb, Bad Soden Salmünster, Friedberg, Bad Nauheim, Frankfurt, Offenbach). Als Beispiel wird hier erst einmal der Bereich 'Unteres Kinzigtal' wiedergegeben. Der Text wird von Zeit zu Zeit ausgetauscht. Interessenten können sich auch direkt an mich wenden, ich stelle gern auch die anderen Gebiete zur Verfügung.“

Klickt man sich auf seine Homepage hoch, stellt man fest, dass er gewissermaßen dem Ratschlag Goethes folgt: "Geh vom Häuslichen aus und verbreite dich, so du kannst, über alle Welt". Heckert hat zunächst einmal "alles" über Maintal ins Netz gestellt: Geschichte der Ortsteile allgemein ("Maintal" – 138 Schreibmaschinenseiten bei normaler Schriftgröße: das dürften so etwa 400 Buchseiten sein!), Archäologie ("Bodenfunde Maintal" – mit 90 Schreibmaschinenseiten ebenfalls keine geistige Diätkost). Auch aus Deutschlands dunkler Zeit berichtet er: "Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in den Orten der heutigen Stadt Maintal" [was – nur schlappe 21 Seiten? Das wird doch gleich ausgedruckt und flugs gelesen: Geschichte von unten; wissen, "wie es eigentlich [oder: wirklich] gewesen ist"!]. [Vergleichbares, aber teilweise schon auf einer mehr generalisierenden Ebene, präsentiert uns übrigens eine Arbeit von Reiner Bajus über das nicht weit entfernt gelegene Büdingen, die man wohl als Grundlage für den entsprechenden Wikipedia-Artikel vermuten darf.]
Umfangreiche Informationen – nicht nur über, aber natürlich mit Schwerpunkt auf, der Nazizeit - gibt es bei Heckert auch zur Geschichte der Juden in den Ortsteilen der heutigen Gemeinde Maintal ("Jüdisches Leben in Maintal"). Schon einige flüchtige Blicke in den Text lassen Zahlen zu Gesichtern werden und machen den Leser zum Zeugen der "Banalität des Bösen" – bzw. auf dieser Ebene des Geschehens vielleicht eher einer "Bürokratie des Bösen". (David Goldhagen würde vermutlich die Formulierung "Bürokratie der Bösen" bevorzugen.)

Über die Welt verbreitet Heckert sich (und macht sich um die lokalhistorisch interessierte Welt verdient), indem er sich zunächst die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten der Nachbarstadt Hanau aneignet ("Hanau Stadt" – 109 S., also ca. 300 Buchseiten) und dann auch jene des Altkreises Hanau ("Hanau Kreis" 120 S.). Doch behält er diese Besitztümer nicht egoistisch für sich, sondern teilt seine Beute elektronisch mit allen Interessierten.

Ob Herr Heckert Goethe überhaupt erwähnt, weiß ich nicht, doch wandelt er auch insoweit auf dessen Spuren, als er sich nach Thüringen verbreitet. Nicht nach Weimar (da haben sich ja auch schon genügend große Geister breit gemacht), sondern nach "Schmalkalden" (Sehenswürdigkeiten, Geschichte: Martin Luther, Reformation). Über den Ort "Steinbach-Hallenberg" legt er dann wieder ein Opus Magnum vor: "Steinbach-Hallenberg. Geschichte einer hessisch-thüringischen Stadt". Nicht "ein" großes Werk, sondern drei (übertragen gesprochen:) "Wälzer", denn neben der allgemeinen Einführung bietet er noch voluminöse Spezialstudien "Zur Geschichte der Schule in Steinbach-Hallenberg" und zur lokalen Kirchengeschichte. [Alle diejenigen übrigens, welche nicht wissen, wo Steinbach-Hallenberg überhaupt liegt, brauchen sich nur auf der Homepage der Stadtverwaltung unter "Tourismus" die Karte "Lage" anzuschauen: da kuschelt sich der Ort zwischen die Nachbardörfer Rotterode, Springstille, Viernau usw. Was – diese Örter kennen Sie auch nicht? Ja also dann kann ich – respektive kann die stadteigene Lagekarte – Ihnen auch nicht mehr helfen!]


Sollten Sie vom Lesen der gesammelten Werke Heckerts (oder gar schon meiner kurzatmigen Bemerkungen dazu) erschöpft sein, stellen Sie einfach einen Bembel mit Apfelwein auf den Tisch und genießen Sie das Leben in vollen Zügen. Damit aber das Trinken nicht zu langweilig wird, sollte Sie ein gutes Buch dazu lesen. Zweckmäßigerweise ein Buch über den Apfelwein. Autor: Peter Heckert!
[Ich selbst bevorzuge den naturtrüben Apfelwein, möglichst von den Gaststätten noch selbst gekeltert, was es heute aber wohl kaum noch gibt. Einst schleppte ich einen Bekannten in eine Apfelweinkneipe in Frankfurt-Sachsenhausen, wo es solch ein gutes "Stöffche" noch gab, und schwärmte: Dies hier ist ein besonders guter Apfelwein. Die Antwort: "Wenn das der gute ist – wie muss dann erst der schlechte schmecken?" Das gleiche hätte – oder habe – ich auch gesagt, bevor ich dem Rat alter Frankfurter folgte: "Nach dem dritten Glas schmeckt er". So ist es!]


Ach ja, die Schlüsselblumen! Die fanden wir nicht bei Heckert, sondern am vergangenen Sonntag in der Bulau. Das ist ein Wald- und großenteils Feuchtgebiet (Auengebiet der hessischen Kinzig) im Dreieck zwischen den Orten Hanau, Nieder-Rodenbach (Gemeinde Rodenbach) und Rückingen (Gemeinde Erlensee). Früher waren die Römer dort und haben uns den Limes und in Rückingen ein Kastellbad hinterlassen. Später kamen die Amerikaner und hinterließen uns, wenn wir dem Wikipedia-Eintrag Kinzig glauben dürfen, jene wilde Natur, welche uns heute noch in der Bulau erfreut. Ich vermute mal, dass sich im diesem Feuchtgebiet später im Jahr die Mücken mehren. Aber Ende April herrscht dort noch ungetrübte Frühlingspracht. Teppiche von weißen Buschwindröschen bedecken den Waldboden, unterbrochen von Veilchen und Schlüsselblumen.

Sagenhaften Berichten unserer Bekannten zufolge (welchen wir den Wandertipp verdanken), wuchsen eine Woche früher auch Schlüsselblumen noch in größeren Beständen. Auch wir haben noch eine Menge dieser Blumen beisammen gesehen – auf dem enteilenden Gepäckträger einer mittelalterlichen Radlerin, welche um eines flüchtigen privaten Vasenglücks willen diese Blütenpracht dem visuellen Zugriff der anderen Auenbesucher entzog.

Und wie kommen Peter Heckert und die Bulau-Blumen zusammen? Eigentlich gar nicht, denn was ich zunächst auf seinen Seiten suchte – Näheres über Natur und Geschichte der Bulau nämlich -, fand ich dort nicht. [Ein wenig bietet diese Broschüre der Stadt Hanau.] Doch statt welker Blumen offeriert uns Heckert frische Lesefrüchte, welche er freigiebig mit jedem teilt, der sie genießen mag.

Und so hätte ich denn schließlich doch noch eine Art von Rechtfertigung für meine Überschrift zusammengestoppelt:
Die eine nimmt – der andere gibt ... .


Nachtrag vom 31.07.06
Wegen des Zusammenhanges mit Heimat- bzw. Lokalgeschichte (was ist eigentlich der Unterschied, if any? Vielleicht schreiben die Amateure Bücher zur Heimat- und die Profis solche zur Lokalgeschichte?) hier ein heute gemachter Linkfund.

Auf dieser Webseite sind eine Reihe von Beiträgen zur Geschichte des (Rheinland-Pfälzischen) Rhein-Lahn-Kreises eingestellt (sehr interessant z. B. ein umfangreiches Buch von Rolf Hübner "Berühmte Kurgäste in Bad Ems" - "Emser Depesche" wird natürlich auch behandelt -, sowie Beiträge zur Geschichte der "Verbandsgemeinde Loreley" (Loreley klingt ja gut; "Verbandsgemeinde" schrecklich; u. a. gehört Kaub dazu, über dessen Geschichte man ebenfalls einiges in dem Heimatgeschichtsportal nachlesen kann).


Nachtrag 03.05.2008: Bilder von der Bulau gibt es jetzt im Blott "DIE BULAU oder THE HANAU EVERGLADES".


Textstand vom 03.05.2008.
Gesamtübersicht der Blog-Einträge auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm

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