Sonntag, 25. April 2010

Blick zurück im Kater - auf den US-Immobilienboom

In meinem Blott "Die Krakenarme der Finanzkrise kriechen auf unseren Kontinent" habe ich, zahlreich aber ziemlich unorganisiert, u. a. auch Zeugnisse früher Bedenken gegen die Nachhaltigkeit des US-Immobilienbooms gesammelt.
Ebenso interessant wäre es gewesen, zu den damaligen Gegenstimmen zu verlinken.
Und die Krönung einer solchen Vergegenwärtigung des damaligen Meinungsklimas wäre natürlich ein Vergleich gewesen, unter dem Gesichtspunkt einer Bewertung der beiderseitigen Argumente aus damaliger Sicht.
Von mehr historischem Interesse ist dabei die Frage, inwieweit z. B. Vorwürfe gegen den damaligen Fed-Präsidenten Alan Greenspan berechtigt sind oder nicht (vgl. meinen Blott "Alan Greenspans Fußnote Nr. 72 zur aktuellen Weltfinanzkrise und Weltwirtschaftskrise").

Darüber hinaus ließen sich aber vielleicht sogar Erkenntnisse allgemeinerer Art über den Ablauf derartiger gesellschaftlicher Diskurse gewinnen und abstrakte Kriterien für die Güte der jeweiligen Argumente herausdestillieren. Entsprechend kritischer könnte die Gesellschaft dann zukünftig den Jubel-Bläsern entgegentreten.

Dass ich selbst so etwas nicht leisten kann, ist mir klar. Indes reizt es mich, hier einen für mich faszinierenden Zufallsfund aus der Wirtschaftsliteratur ein wenig zu zergliedern, der zwar nicht als Blase(n)balg agiert, aber doch die offenbar bereits damals recht zahlreich geäußerten Bedenken letztlich stark abgeschwächt hat.
Gemeint ist der Artikel "Are U.S. Households Living Beyond Their Means? Consumer spending, household wealth, and real estate prices in the United States" der IWF-Mitarbeiter Chris Faulkner-MacDonagh ("Economist") und Martin Mühleisen ("Deputy Division Chief in the IMF’s Western Hemisphere Department". Erschienen ist er in der Ausgabe Jahrgang 41 Nr. 1 (März 2004) des Magazin "F&D Finance and Development" des Internationalen Währungsfonds. (Hervorhebungen in den nachfolgenden Zitaten jeweils von mir.)

Der Artikel stellt die damalige Situation zunächst in einen zeitlichen Rahmen:
"The boom in consumer spending, now in its 12th year ... "
und weisen auf die nicht nur nationale, sondern globale ökonomische Bedeutung hin:
"... resilient household demand has not only sustained domestic growth but has also played a key role in supporting the global economy."
Dann erfahren wir, dass einige Beobachter schon zum damaligen Zeitpunkt (also etwa bis zur Jahreswende 2003/2004) Bedenken bezüglich der Nachhaltigkeit der Immobilienpreissteigerungen geäußert hatten:
"Some observers, however, have viewed the surge in consumer spending with apprehension. The personal saving rate has fallen to historic lows, consumer debt levels have risen, and the household home equity ratio has dropped to an
all-time low. This has led to concern that the rise in private consumption may not be sustainable ... . Fears have especially been expressed that consumers could be exposed to a collapse of what many [!] view as a housing “bubble” in the United States ... .
"
Die Autoren geben indes Entwarnung; sie versichern:
"... this article finds that U.S. households are in a better financial position than they may appear."
Auffällig ist die große Bedeutung, die die Wirtschaftswissenschaftler (das wird nicht hier deutlich, sondern z. B. auch in den Reden von Ben Bernanke) dem "Reichtum" (wealth) der Haushalte zumessen. Dieser Reichtum ist allerdings ein sozusagen "mark-to-market"-Reichtum, eine rein buchhalterische, von der Marktsituation abhängige "Bilanzqualität" [sehr häufig ist in diesen Texten auch bezogen auf die Haushalte von "balance sheets" die Rede (die dann i. d. R. als "healthy" angesehen werden).
Es entspricht natürlich der Realität, wenn es in dem Artikel heißt:
"The strength of U.S. consumer spending is closely related to increases in personal incomes and wealth. Households have benefited from the rise in housing and stock markets over the past decade, with net housing and equity wealth rising by $ 3 1/4 trillion and $ 2 3/4 trillion, respectively, between the end of 1995 and the second quarter of 2003. Other components of financial wealth—primarily cash and bond holdings—also rose strongly, by $ 6 1/2 trillion, bringing the total increase in personal wealth to about 120 percent of GDP during this period."
Und ebenso ist es eine rein empirische Feststellung, wenn wir erfahren:
"... there has been a close inverse relationship between household net worth and the personal saving rate ... household expenditures respond principally to changes in long-term wealth rather than short-term fluctuations in income."
Aber das ist ja eben schon das Erschreckende, dass spekulativer Reichtum, der doch insoweit lediglich auf dem Papier existiert, als die von Markt zugeschriebenen Werte unmöglich alle zugleich durch Verkäufe realisiert werden könnten.
Interessant ist, dass die Verfasser neben einer von ihnen konstatierten (mit Steuersenkungen - und im Gegenzug natürlich gestiegener Auslandsverschuldung des Staates - gefütterten)
"expansionary macroeconomic policies over the past three years"
auch die Geldpolitik für den Boom (auch den Immobilienboom) verantwortlich machen:
"The effect of monetary policy has also been significant. Action by the Federal Reserve to lower the federal funds target rate from 6 1/2 percent in 2000 to 1 percent in 2003 — a 50-year low — has spurred successive waves of mortgage refinancing, releasing substantial financial resources to fund consumer spending.




wird fortgesetzt






Insbesondere als Literaturübersicht informativ für den vorliegenden Zusammenhang ist auch der Artikel "Research Summaries. Housing Prices and Macroeconomics" von Marco Terrones. Der erschien im Dezember 2005, in einer anderen IWF-Zeitschrift, nämlich dem "IMF Research Bulletin". Wenn man diesen Artikel bzw. die dort angegebene Literatur als repräsentativ ansehen darf, hat sich die Diskussion um eine Dämpfung von Preisblasen wohl auf die diesbezüglichen Möglichkeiten der Geldpolitik verengt. Die Regulierungsebene scheint man damals vernachlässigt zu haben und auch heute scheint sich dieser Teil der Debatte auf Regulierungsmöglichkeiten bzw. ~forderungen für den Finanzsektor zu beschränken. Warum bleiben die Regeln für eine Hypothekenvergabe außen vor?





Textstand vom 11.06.2011. Auf meiner Webseite
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