Mittwoch, 11. Februar 2015

Inflation - Deflation - Geldmenge



In meinem vorangegangenen Blott "Eine Geldmenge gibt es nicht" hatte ich gezeigt, dass es nicht "die" Geldmenge gibt, sondern ZWEI VERSCHIEDENE Arten von Geldmengen  
(wobei ich hier "Geldmenge" in einer sehr allgemeinen Bedeutung verstehe; nicht im üblichen technischen Sinne von M1, M2, M3 usw.):
  • Eine Geldeinheitenmenge (nominale oder absolute Geldmenge). Hier handelt es sich um die Gesamtmenge von Geld (Bargeld und Buchgeld) in einer Volkswirtschaft, gemessen in der kleinsten Einheit. Also z. B. 10 Billionen Pfennige, Cents usw. Hier spielt es keine Rolle, wie viel (oder wenig) man damit kaufen kann.
  • Eine Geldkaufkraftmenge (reale oder relative Geldmenge). Die sagt uns, wie viele Wareneinheiten man zu einem gegebenen Zeitpunkt mit der vorhandenen nominalen Geldmenge kaufen kann. (Als Wareneinheit hatte ich im angeführten Blott ein Bonbon angenommen, wobei am Ausgangspunkt meines Denkmodells der Preis einer Wareneinheit jeweils eine nominale Geldeinheit war, also 1 Bonbon = 1 Pfennig kosten sollte.)
Ich behaupte nunmehr:
  1. Inflation vermindert die reale Geldmenge (Geldkaufkraftmenge).
  2. Deflation vermehrt die reale Geldmenge (Geldkaufkraftmenge).
Die Richtigkeit dieser Behauptungen ist vielleicht nicht unmittelbar einsichtig; manchen mögen sie auf den ersten Blick falsch erscheinen.
Ein Denkmodell soll das Gemeinte verdeutlichen:

Eine Volkswirtschaft setzt in einer gegebenen Periode Güter (meinetwegen auch Dienstleistungen; die kann man sich stillschweigend einbezogen denken) im Wert von einer Million Wareneinheiten um. Also beispielsweise 1 Mio. Bonbons für 1 Mio. Pfennige.
Nun verdoppeln die Verkäufer die Preise: 1 Mio. Bonbons kosten jetzt 2 Mio. Pfennige.
Wenn wir die Geldmenge im System nicht verdoppeln, können mit den vorhandenen 1 Mio. Pfennigen lediglich noch 500.000 Bonbons gekauft werden.
Bei Preissteigerungen gilt also: Solange die nominale Geldmenge nicht vermehrt wird, vermindert sich die Kaufkraft der vorhandenen Geldmenge, sie ist weniger wert - und somit sinkt die reale Geldmenge (Geldkaufkraftmenge).

In der Realität funktioniert das natürlich etwas anders.

Eine Inflation kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern in aller Regel wird ihr eine Steigerung der Geldmenge vorausgehen. Alternativ könnte man sich auch eine sinkende Gütermenge bei gleich bleibender nominaler Geldmenge vorstellen. So etwas ist insbesondere in Notsituationen - z. B. Lebensmittelpreise in einer belagerten Stadt - vorstellbar; aber wir wollen hier nur die "normale" Inflation erörtern.
Normal werden Inflationen, speziell Hyperinflationen, durch eine überproportional zur Warenmenge ansteigende nominale Geldversorgung ausgelöst. Die nominale Geldmenge ist längst gestiegen, bevor die Preise ansteigen.
Danach kann es allerdings passieren, dass die Preise schneller klettern als die Geldversorgung. In der deutschen Hyperinflation Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts haben sehr viele Städte Notgeld gedruckt, weil die Reichsbank mit der Geldversorgung gar nicht mehr nachkam.
Aber dieses Gelddrucken ist ja gerade deshalb erforderlich, weil der Wert der schon vorhandenen nominalen Geldmenge ständig (stark) absinkt. Die Inflation als solche entwertet die vorhandene nominale Geldmenge und damit fällt auch die reale Geldmenge (die Kaufkraft der vorhandenen Geldeinheitenmenge).
Der Nachschub von neuem Geld, bei Hyperinflation meist mit höheren nominalen Werten, macht den Kaufkraftverfall wieder wett. Dadurch wird für die Marktakteure nicht sichtbar und ist für sie irrelevant, dass Inflation eine starr gedachte nominale Geldmenge als reale (kaufkraftbezogene) Geldmenge schrumpfen lässt.
Eigentlich müssten, wenn man die Geldmenge einfach nicht mehr vermehrt, die Preise dann wieder fallen. Aber eine solche Anpassung würde in der Wirklichkeit sicherlich zu massiven Problemen führen.

Bei einer durch Nachfrageschwäche ausgelösten Deflation ist es umgekehrt.
Stellen wir uns vor, im Laufe der Zeit sei der Preis für ein Bonbon auf 100 Pfennige gestiegen. Dann brauchen wir 100 Millionen Pfennige, um eine Million Bonbons umzusetzen (in separaten aber gleichzeitigen Transaktionen).
Plötzlich entscheiden sich die Geldbesitzer dafür, 99 Millionen Pfennige auf die hohe Kante zu legen. Dann darf ein Bonbon nur noch 1 Pfennig kosten, damit wir 1 Mio. Bonbons gleichzeitig umsetzen können.
Nehmen wir an, die Verkäufer gehen mit den Preisen tatsächlich so weit herunter.
Dann bleibt die nominale Geldmenge unverändert: 1 Mio. wird ausgegeben, 99 Mio. werden gespart - macht zusammen 100 Mio., die in der Ausgangssituation für 1 Mio. Bonbontransaktionen nötig waren.
Aber die reale Geldmenge ist ins Gigantische gestiegen. Denn zu den gegebenen Preisen könnte man jetzt mit dem vorhandenen Geld 100 Mio. Bonbons kaufen.
Tatsächlich ist das natürlich nicht möglich (insbesondere dann nicht, wenn die Wirtschaft schon vorher mit der Produktion von 1 Mio. Klümpchen voll ausgelastet war).
Würden die Sparer ihre Geldhorte auflösen und Güter nachfragen, müsste es zu einer gewaltigen Inflation kommen.

So erklärt, mag Ihnen der Sachverhalt selber jetzt einleuchtend erscheinen.
Aber, werden Sie vielleicht fragen, inwiefern oder in welchem Zusammenhang ist das überhaupt wichtig?


Die vorliegenden Überlegungen leite ich aus der Beschäftigung mit Theorien von Anhänger der sog. Österreichischen Schule der Wirtschaftswissenschaften (Wikipedia) ab. Die sind insbesondere in den USA vertreten und werden, nicht selten auch hier bei uns, kurz als "Austrians" bezeichnet. (Diese Einführung erscheint mir, zumindest auf den ersten Blick, als recht brauchbar; Kurzbeschreibung im Gabler Wirtschaftslexikon. Diese Darstellung auf der Webseite des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wirkt stark ideologisch aufgeladen; der Verfasser ist auch kein Ökonom, sondern ein Architekt. Ein FAZ-Artikel von 1910 trägt den Titel "Österreichische Schule. Die Tea Party begann im Kaffeehaus".)

Historisch hat diese Schule durchaus einige respektable Ökonomen aufzuweisen (Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk; in der Folgegeneration insbesondere Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek). Das intellektuelle Maß der heutigen Austrians betrachte ich als ziemlich verzwergt. Daher bezeichne ich das, was sich heute als "Austrians" versteht, als "Vulgäraustrians" (in Analogie zu den "Vulgärkeynesianern").

Die Vulgäraustrians, aber auch schon Ludwig von Mises, behaupten, dass jede beliebige Geldmenge ausreichend sei, um jede beliebige Wirtschaftsleistung zu tragen, und folglich auch jede beliebige Transaktionsmenge. Diese Behauptung hatte ich im vorangegangenen Blott anhand von Denkmodellen falsifiziert.
Nach meinem Eindruck die zentrale Obsession der Vulgäraustrians ist die Geldpolitik der Zentralbanken.


Dazu ist zunächst einmal festzustellen, dass die Versorgung des Geldmarktes mit Zentralbankgeld (Basisgeld) zwar wichtig ist. Dass es aber (was in den Darstellungen der Vulgäraustrians nicht selten unterschlagen wird) letztlich die Geschäftsbanken sind, deren Aktivitäten die tatsächlich vorhandene Geldmenge in einer Wirtschaft schaffen.
Eine weitere gerne unterschlagene (oder pro forma erwähnter, aber nicht in die Analyse einbezogene) Tatsache ist der Umstand, dass ein Teil der Geldmenge gespart werden kann, und dass derzeit offenbar tatsächlich ein großer Teil gespart wird.
Dieser Teil ist nicht nachfragewirksam, bzw. kann allenfalls dadurch nachfragewirksam werden, dass andere Marktteilnehmer Kredite aufnehmen. Es kann freilich nicht unbegrenzt funktionieren, dass die einen das ihnen zufließende Geld horten, und die anderen immer mehr Schulden aufnehmen. (Bzw., aus systemischer Sicht gedacht, aufnehmen "müssen", damit die Wirtschaft rund läuft.)

Dass die weltweite Geldmenge in den letzten Jahrzehnten weit über die Zuwachsraten der Realwirtschaft hinaus angestiegen ist, dürfte unstreitig sein.
Die Vulgäraustrians sehen dafür die Zentralbanken als Schuldige und beschimpfen sie dafür.
Ich selber gehe davon aus, dass die Zentralbanken (bzw. letztlich die Geschäftsbanken) die Geldmenge deshalb steigern (mussten), weil immer mehr gespart wird, d. h. weil die Geldbesitzer nur einen Teil ihrer Einnahmen für Konsum oder Investitionen ausgeben.
Ziel (bei den Zentralbanken) bzw. Ratio (bei den Geschäftsbanken, die individuell natürlich nur ihren Profit mehren wollen) der gesteigerten Geldversorgung ist es also, eine Nachfrageschwäche und einen dadurch ausgelösten Preisverfall (Deflation) zu verhindern.

Da die Vulgäraustrians behaupten, dass jede beliebige Geldmenge ausreichend sei, um die Kapazitäten einer Volkswirtschaft (bzw. der Weltwirtschaft) voll auszulasten, wettern sie heftig gegen die Geldmengenausweitung. Als Interessenvertreter der Geldbesitzer (gewollt oder nicht, objektiv sind sie das jedenfalls) hassen sie eine Geldentwertung.
Eine, auch nachfragebedingte (es gibt auch andere) Aufwertung des Geldes, also eine Deflation, ist dagegen vielen willkommen bzw. wird in ihrer negativen Auswirkung auf die Wirtschaft verharmlost (gelegentlich mit haarsträubenden Argumenten).

Was ich hier zeigen wollte war, dass (so überraschend das zunächst klingt) auch eine Deflation eine Geldmengenausweitung darstellt.
Der Unterschied liegt lediglich darin, dass im einen Falle die Geldmenge nominal (absolut) wächst, und im anderen Falle real (relativ, kaufkraftbezogen).

Beide Formen der Geldmengenausweitung bleiben solange ohne Auswirkung auf die Preise, wie das zusätzliche Geld auf den Konten (oder unter den Kopfkissen) bleibt.
Wenn wir in unserem Klümpchen-Wirtschaftsmodell stipulieren, dass ein Bonbon einen Pfennig kostet, und das wir 1 Mio. Bonbons haben, die für 1 Mio. Pfennig umgeschlagen werden, dann können die Geldbesitzer ruhig weitere 99 Mio. Pfennige auf ihren Konten bunkern. Ein Problem wird das erst dann, wenn die mehr Bonbons dafür kaufen wollen. Nehmen wir an, die Produktionskapazitäten unserer gedachten Bonbon-Wirtschaft seien voll ausgelastet, dann müsste eine verstärkte Nachfrage die Preise in die Höhe treiben - also inflationär wirken.

Genauso kann sich eine Steigerung der nominalen Geldmenge auswirken - oder eben auch nicht.
Setzen wir in unserem Modell die anfängliche Geldmenge mit 1 Mio. Pfennig ein, dann ist es völlig unschädlich, wenn das Bankensystem die Geldmenge auf 100 Mio. Pfennige hochjagt: Vorausgesetzt, dieses Geld wird nicht nachfragewirksam, also gespart.
Wollen die Geldbesitzer mehr Klümpchen kaufen, als am Markt verfügbar sind bzw. als die Produktionskapazitäten hergeben, steigen die Preise: Es kommt zur Inflation.

Wie sich die Wirtschaft in der Realität verhält, hängt von vielen Bedingungen ab.
Hier geht es lediglich um die Feststellung, dass es nicht eine, sondern zwei Formen der Geldmengendefinition (wie gesagt, in einem allgemeinen, nicht banktechnischen) Sinne gibt:

  • Im Schatten der bestens bekannte Geldeinheitenmenge (nominale oder absolute Geldmenge) einerseits existiert
  • eine Geldkaufkraftmenge (reale oder relative Geldmenge).
Wer einer Deflation das Wort redet, fordert eine Steigerung der relativen Geldmenge.
Und die kann zumindest theoretisch am Ende ebenso zu Inflation führen, wie eine Steigerung der absoluten Geldmenge.



ceterum censeo

Zerschlagt den €-Gulag
und den offensichtlich rechtswidrigen Schlundfunk der GEZ-Gebühren-Gier-Ganoven!
Textstand vom 11.02.2015.
Für Paperblog-Leser: Die Original-Artikel in meinem Blog werden im Laufe der Zeit teilweise aktualisiert bzw. geändert.

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