Montag, 21. März 2016

Warum war John Maynard Keynes ein großer Ökonom?



John Maynard Keynes ist (woran ich gerade in einer Facebook-Debatte wieder erinnert wurde) die Hassfigur der Marktradikalen, also der Megaphone der primitivstmöglich konzipierten Interessen der Besitzenden. Und das, obwohl er selber ein überzeugter Kapitalist war und den Kapitalismus keineswegs abschaffen, sondern vor seinen eigenen dysfunktionalen Mechanismen retten wollte.
(George Soros, ein Kapitalist par excellence, hatte später in seinem Essay "The Capitalist Threat" dieselbe Idee. Allerdings darf man bei Soros bezweifeln, dass seine sonstigen Überlegungen, Forderungen und Taten mit dieser Überzeugung tatsächlich Ernst machen.)

Zu diesem Zweck hatte Keynes ein Tabu verletzt, das in den Wirtschaftswissenschaften (unbewusst, aber deshalb umso wirksamer) dazu diente (und heute immer noch oder wieder) dazu dient, die Besitzinteressen zu immunisieren: Die funktionale Neutralität des Geldes für den Wirtschaftsprozess zu leugnen.
Ketzer Keynes landete zwar nicht auf dem Scheiterhaufen. Dazu war er zu groß, bzw. einen so großen Scheiterhaufen, auf den ein Keynes gepasst hätte, konnten die intellektuellen Ameisen der Folgegenerationen nicht auftürmen. Aber seine "schlechten" Einflüsse hat man auf andere Weise neutralisiert: Indem man ihn in der "Auslegung" und "Weiterentwicklung" mehr oder weniger verzerrt darstellt (vgl. Paul Davidson, "Post World War II politics and Keynes's aborted revolutionary economic theory", 2008). (Von Davidson ist hier auch ein ganzes Buch über Keynes online.)

Unabhängig von seinen Lehren (mit denen ich selber im Detail kaum vertraut bin) lässt sich die überragende geistige Größe dieses Mannes bereits aus einem einzigen Satz aus der Einleitung seines opus magnum "The General Theory of Employment, Interest, and Money" (1935) erschließen:

"It is astonishing what foolish things one can temporarily believe if one thinks too long alone, particularly in economics (along with the other ), where it is often impossible to bring one's ideas to a conclusive test either formal or experimental."

Etwas interpretierend-frei von mir übersetzt:
"Es ist unglaublich, welchen Schrott man sich zumindest vorübergehend zusammenfantasieren kann, wenn man zu lange im eigenen Gedankengebäude gefangen ist. Das gilt besonders in der Wirtschaftswissenschaft (wie aber auch in den anderen Gesellschaftswissenschaften), wo es oft unmöglich ist seine Hypothesen experimentell zu verifizieren oder rigoros auf logische Folgerichtigkeit zu prüfen."

Ich glaube nicht, dass irgend ein Wirtschaftswissenschaftler nach Keynes ein solches Maß an Selbsterkenntnis besaß, oder den Mut, öffentlich ein derartiges Bekenntnis abzulegen.
Sonst wären der Menschheit mancherlei "foolish things" erspart geblieben, die heute noch den Erkenntnishorizont der Volkswirtschaftslehre verdüstern.
Und die meist dazu dienen, Interessenpositionen zu verschleiern: Nämlich die Interessen der Kapitalbesitzer.



ceterum censeo 

Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 21.03.2016

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