Samstag, 21. Januar 2017

Björn Höcke ist kein Historiker



Jenseits der Frage, wie weit rechts er in der deutschen ideologischen Landschaft steht (die ich hier ausführlich thematisiert habe), gibt es einen tieferen Grund, warum die Alternative für Deutschland (AfD) gut beraten ist, Björn Höcke NICHT zu folgen: Weil er nämlich kein Historiker ist.

Damit meine ich nicht so sehr, dass er noch nicht einmal dort den historischen Fakten folgt, wo er leider in einer geistigen Dauerschleife hängt: Der Nazizeit und den damaligen Umständen.

Hier hat ein Moritz Hoffmann "mal versucht, nur einen Absatz der #Höcke-Rede von gestern zu korrigieren" und als "kleine Geschichts-Nachhilfe für den Lehrer" einige von Björn Höcke falsch dargestellte Fakten über die Bombardierung Dresdens richtig zu stellen (wobei man in einigen Fällen auch über Hoffmanns Sichtweise streiten kann).

Noch weniger meine ich, dass Höcke im rein technischen Sinne kein "Historiker" sei: Natürlich hat er ein abgeschlossenes universitäres Geschichtsstudium absolviert. 

Aber wenn man seine Rede in Dresden vor der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" anhört der liest, dann wird man feststellen, dass "Geschichte" für ihn das ist, was sie für die Jugendbücher (bzw. Jungenbücher) des 19. Jahrhunderts war: Die 'Taten großer Männer' bzw. großer Geister. (Wobei dahingestellt bleiben kann, ob auch Frauen einbezogen sind: Darum geht es hier nicht.)

Das ist eine hoffnungslos antiquierte Geschichtsauffassung, die schon damals obsolet war. Gerade im 19. Jh. entfalteten sich die historischen Wissenschaften, und Deutschland war darin zu jener Zeit vielleicht sogar führend.

Geschichte ist ein Entwicklungsstrom, und das kann man vielleicht am besten bei einem Geschichtsphilosophen lernen, der mir persönlich sehr viel bedeutet (auch wenn ich seine Lehren nicht sklavisch übernehme) - und den, paradoxer Weise, wahrscheinlich auch Höcke sehr positiv bewertet: Oswald Spengler (hier sein Grab auf dem Münchener Nordfriedhof; gestorben ist er übrigens ausgerechnet am 8. Mai, 9 Jahre vor dem Tag der deutschen Kapitulation).

Geschichte ist dynamisch; sie wandert wie Magmaströme unterirdisch weiter und bricht dann mit vulkanischen Energien dort durch, wo sie die historische Zwangsläufigkeit (wie auch immer die bestimmt sein mag) explodieren lässt.
Das Athen der Antike hat Großartiges geleistet, aber dann wanderte das "Magma" weiter nach Rom, Konstantinopel, Alexandria, Bagdad, Florenz, Paris, Wittenberg, Weimar usw.


Höcke glaubt (karikierend gesprochen) offenbar, wenn wir uns heute die Büsten von Deutschlands großen Geistern auf den Schreibtisch stellen, dann inspirieren die auch uns zu neuen großen Taten. Er möchte dem historischen Augenblick der Weimarer Klassik gewissermaßen sagen: "Verweile doch, du bist so schön".
Das funktioniert natürlich nicht, und eine kultische Vergangenheitsverehrung würde das genaue Gegenteil eintreten lassen: Eine Kultur, die ihre Geistesgeschichte monumentalisierend musealisiert, ist schon mausetot: Sie weiß es nur noch nicht.


Wir können versuchen, Bedingungen für kulturelle Entfaltung zu schaffen; aber die üppig subventionierte deutsche Theaterlandschaft schafft aus sich selbst heraus keine Komponisten, Musiker, Schriftsteller usw.
Und die Künstlersozialkasse beschert uns keinen neuen Dürer, Caspar David Friedrich, Max Liebermann, Emil Nolde usw.

Ja, wir haben noch einige zeitgenössische Künstler mit "Weltniveau": Gerhard Richter z. B. Aber der ist nicht dadurch ein großer Maler geworden, dass er sein Nachtgebet abends vor einer Menzel-Statue verrichtet hätte. ;-)

Gute Ausbildung ist eine Voraussetzung, für die der Staat sorgen kann. (Obwohl, historisch gesehen, die künstlerische Avantgarde eher nicht aus den Akademien kam. Heute mögen die freilich innovationsfreundlicher aufgestellt sein.)
Selbstverständlich müssen wir auch die historische Erinnerung wachhalten, wie das z. B. die Kunstgeschichte tut. Es mag ja auch sein, dass man als Maler oder Musiker auch heute noch von den Alten (wahrscheinlich eher indirekt, vielleicht sogar in der kritischen Auseinandersetzung) etwas lernen kann.

Aber grundsätzlich muss unsere Kultur GEGENWARTS- und vor allen Dingen ZUKUNFTSorientiert sein. Dafür müssen wir z. B. das Abdriften unserer "Wissensgesellschaft in eine Glaubensgemeinschaft" verhindern; wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass man "ein komplexes System [nicht] auf ein vorgegebenes Ziel ... lenken oder wünschenswerte konkret beschriebene Verhältnisse herbeiführen" kann. (Aber freilich ebenso, dass dieser Satz keine absolute Gültigkeit beanspruchen kann, sondern dass die Steuerungsfähigkeit auch vom jeweiligen technologischen Niveau abhängt.)

Romantisierende Vorstellungen von Geschichte bewirken eher, dass wir uns noch schneller "feige das eigene Grab" graben, als das nach der Geschichtsvorstellung von Oswald Spengler ohnehin passieren wird (aber vielleicht ja doch abwendbar ist? :-) ). 

Auch wenn er selber eher ein (genialischer) Träumer war, hat Oswald Spengler doch Recht damit, dass wir nüchterne Realisten brauchen, Tatmenschen bzw. "Tatsachenmenschen", die sich nicht in eine glorreiche Vergangenheit zurückträumen, sondern an einer großartigen Zukunft bauen. Dafür muss man den eigenen Platz, individuell wie als Gesellschaft, finden. Und natürlich die anderen Länder als gleichberechtigte Partner respektieren, nach dem Motto "I'm OK – You're OK".

Deutschland war mal, mehr oder weniger, eine Weltmacht.
Deutschland ist heute schon noch ein wenig mehr als nur ein Fliegenschiss auf dem Globus. Aber eben KEIN Gravitätszentrum mehr im Fortgang der abendländischen Geschichte und der Weltgeschichte.
Die Zeiten sind vorüber, die Zeiten sind vorbei:

Wo einst Sudeten gestanden, steht heute die Tschechei*. :-)
Zum Beispiel. 
*[Korrekt natürlich "Tschechien"; aber Reim musste sein. ;-) ] 

Versuchen wir also, in unserem verbliebenen Raum unseren kleinen und bescheidenen Part in Europa (hier schon etwas größer) wie im Konzert der Weltmächte (eher klein) REALISTISCH zu spielen - soweit wir in diesem Machtgefüge überhaupt einen eigenen Spielraum haben. 
Let's make the best of it, muss das Motto sein, und nicht: Träumen wir uns zurück in vergangene Glorie. Das sind "Tempi passati" - wie im ruhmreichen Rom, also auch in unserem Deutschland.

"Franzosen und Russen gehört das Land. Das Meer gehört den Briten. Wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten" hat Heinrich Heine gesagt.

Es wird Zeit, dass wir aufwachen und uns endlich in der Wirklichkeit einrichten.
Tun wir das nicht, baseln wir noch einmal mit der Nase in der Luft über die Erde, dann kann es uns passieren, dass wir zum 3. Mal in die Sch'e stolpern.
Muss nicht sein.



Textstand 06.04.2017

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