Freitag, 20. Januar 2017

Björn Höckes historische Schokoladenkur: Medizin gegen den Schuldkult - oder gegen seine Schuldgefühle?




Vorbemerkung: Die Zitate habe ich selber nach der Höcke-Rede transkribiert. Sie entsprechend nicht immer bis ins letzte Wort dem exakten Wortlaut; in der Sache geben Sie aber Höckes Äußerungen korrekt wieder.

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Björn Höcke ist ein moralisch besserer Mensch als ich.

Ich kann Geschichte Geschichte, Denkmal Denkmal und Schuld Schuld sein lassen. Und den lieben Gott einen guten Mann. Denn persönlich fühle ich mich in keinster Weise für die Untaten des deutschen Nationalsozialismus verantwortlich.
Weil ich aber diese Dinge nicht als persönliche Last auf meinen Schultern fühle, verspüre ich auch nicht den Drang, sie abzuwerfen, indem ich die historische Faktizität leugne, relativiere oder nicht zur Kenntnis nehme.

Björn Höcke kann das offenbar nicht. Mir scheint, er leidet als Deutscher ganz persönlich unter der moralischen Last der Nazi-Zeit. Deswegen kehrt er, nach dem italienischen Sprichwort "la lingua batte dove il dente duole" (Die Zunge zieht's zum schmerzenden Zahn) rhetorisch immer wieder dorthin, bzw. zu unserem heutigen Umgang mit dieser Zeit, zurück.
Diese Rückwärtsgewandtheit der deutschen Rechten hatte ich bereits früher als feige, schwächlich und dumm kritisiert, und diese Kritik gilt nach wie vor.
Wer sich immer wieder die Schnauze nach rückwärts drehen lässt, der stolpert dummbrav in genau jenen Hinterhalt, den der linksgrün versiffte Zeitgeist gelegt hat, um eine GESUNDE, GELASSENE und SELBSTSICHERE Liebe zum Vaterland in Deutschland gar nicht erst aufkommen zu lassen.


Auch Björn Höcke und seine Anhänger tappen voll in die Fangeisen des Deutschland politisch, vor allem aber kultur- und gesellschaftspolitisch beherrschenden und terrorisierenden konsensfaschistischen Buntflötenregimes.
Sie trotten wie auf dem ausgetretenen Treidelpfad der Geschichtsklitterung. Die Strategien sind im Einzelnen unterschiedlich, vor allem unterschiedlich weit reichend. Höcke geht nicht so weit, die deutsche Kriegsschuld oder gar den Holocaust zu leugnen, was es rechtsaußen ja auch gibt. Aber auch er betreibt für sich und für seine (jubelnden) Anhänger Geschichtsverfälschung in der Hoffnung, auf diesem Wege das ramponierte deutsche Selbstbewusstsein wieder heilen zu können.

So in seiner Rede vom 17.01.2017 im Ball- und Brauhaus Watzke am Elbufer in Dresden: Hier ein Video in hoher Auflösung; dort anscheinend die gesamte Veranstaltung (?). Eingeladen hatte ihn nicht der Landesverband Sachsen der AfD; mit dessen Chefin Dr. Frauke Petry, die zugleich auch eine der beiden Bundesvorsitzenden der Alternative für Deutschland ist, ist Höcke zerstritten. Sondern die Junge Alternative Dresden, und wohl auch ein dortiger Ortsverband der AfD.

Die Rede hat eine Welle wütender Medienkommentare ausgelöst, und zwar in allererster Linie durch den folgenden Satz:
"
Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat."

Dafür wurde Höcke auf Titelseiten der Boulevard-Presse als Adolf Hitler respektive Joseph Goebbels abgebildet.
  • Der fairste der im STERN reproduzierten Medienkommentare stammt von der "Thüringer Allgemeine" aus Erfurt: "Wenn Björn Höcke nur zum Ausdruck bringen wollte, wie identitäts- und zukunftsstiftend es sei, auf die herausragenden Leistungen der deutschen Dichter, der deutschen Musikgenies, der großen Maler zurückzublicken, ja dann hätte er wohl recht. Dann hätte er gewiss auch Beifall verdient. Aber: Wenn man einzig dies zum Ausdruck bringen wollte, bemüht man dann wirklich das Beispiel des Mahnmals, das an den vermutlich schrecklichsten Völkermord in der Geschichte erinnert und spricht von einem 'Denkmal der Schande'?"
  • Der "Nordbayerischer Kurier" aus Bayreuth meint: "Leute wie Höcke sind nicht tragbar. Mit Demagogen, die die Geschichte verzerren, das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" verunglimpfen und die deutsche Schuld an Krieg und Judenvernichtung relativieren wollen, sollten deutsche Demokraten nichts zu tun haben wollen." (Meine Hervorhebung)
  • Die "Neue Osnabrücker Zeitung" urteilte: "Höcke verunglimpft Deutschlands zentrale Gedenkstätte für die Opfer des größten Völkermords der Menschheitsgeschichte."
  • Die "Hessische Niedersächsische Allgemeine" in Kassel dämonisiert Höcke als "Neo-Nazi"; 
  • Präziser analysierte die Süddeutsche aus München: "Höcke hat das Holocaust-Denkmal ein "Denkmal der Schande" genannt, und es ging ihm überhaupt nicht darum, sein Publikum zu lehren, welche Schande der Holocaust war (wie er am Tag darauf weismachen wollte). (...) Höcke überließ seinem Publikum die Interpretation, was er mit "Denkmal der Schande" gemeint haben könnte. Im Fach Perfidie ist er perfekt. 
  • Am deutlichsten zeigt der Kommentar der "Passauer Neue Presse", wo das (gewollte?) Missverständnis der Mainstream-Medien liegt (meine Hervorhebung): "Nein, das Holocaust-Mahnmal ist keine Schande für Deutschland, wohl aber ist Björn Höcke eine Schande für dieses Land, für die deutsche Politik und für die AfD."
In der Tat ist dieser Satz doppeldeutig: Man KANN ihn so interpretieren, dass das Denkmal (bzw. dessen Errichtung) selber eine Schande für Deutschland wäre. Das ist allerdings schon eine Auslegung, die ein Vor-Urteil gegen den Sprecher zeigt. Denn semantisch korrekt ist das "Denkmal der Schande" ein Denkmal, das eine Schande DARSTELLT.
Dennoch ist die erste Auslegung nicht von vornherein abwegig. Der WELT-Artikel "Was Höcke mit der 'Denkmal der Schande'-Rede bezweckt" beschreibt das semantische Feld, um das es hier geht:
"Der Genitiv hat im Deutschen viele Bedeutungen, und bei manchen Konstruktionen sind mehrere Bedeutungen gleichzeitig möglich. Doppeldeutig ist etwa die Wendung „Denkmal der Schande“. Bedeuten kann sie einerseits, dass es sich um ein „Denkmal zur Erinnerung an eine Schande“ handelt. Andererseits und genauso aber kann damit ein „schändliches Denkmal“ gemeint sein."

Trotzdem kann eine unvoreigenommene Betrachtung nur eine Bedeutung sehen: Denkmal, das für eine Schande steht. So hatte das sogar der antisemtische AfD-Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg, Dr. Wolfgang Gedeon, gesehen, als er in einem Buch bzw. auf seiner Webseite von "gewissen Schandtaten" schwafelte (meine Hervorhebungen):
"„Es gibt auf der Welt unzählige Denkmäler, zumeist errichtet von Staaten und Nationen zur Erinnerung an große Zeiten oder große Persönlichkeiten ihrer Geschichte. Dass ein Volk auf dem größten Platz seiner Hauptstadt ein riesiges Denkmal zur Erinnerung an gewisse Schandtaten seiner Geschichte errichtet, ist dagegen selten, wenn nicht einzigartig. Diese Einzigartigkeit findet bekanntlich in Berlin statt, und das Schlimmste daran ist: Die meisten Deutschen finden das inzwischen ganz ,normal‘. Um das zu erreichen, haben gewisse Leute lange und ausdauernd daran gearbeitet, wobei Geschichte oder besser gesagt Interpretation von Geschichte eine entscheidende Rolle spielt.“
Ich kritisiere, dass wir für unsere Schandtaten ein kolossales Denkmal inmitten der Hauptstadt errichtet haben. Sicherlich ist es moralisch notwendig, der Opfer des Nationalsozialismus auch durch Denkmäler zu erinnern. Im Vordergrund der Erinnerungskultur sollten aber nicht die negativen, sondern die positiveren Seiten unserer Geschichte stehen, die großen Erfolge und Sternstunden unseres Volkes.
"


Das zeigt EINERSEITS, dass es rein semantisch unfair ist, Höckes Äußerung so zu interpretieren, als habe er das Denkmal bzw. dessen Errichtung als eine Schande hinstellen wollen.
ANDERERSEITS zeigt dieser Vergleich mit der Äußerung des eindeutigen Antisemiten Dr. Gedeon aber auch, wes Geistes Kind der Meister Höcke ist: Höcke äußert sich in der Sache in GENAU DERSELBEN WEISE wie der notorische Antisemit (bzw. nach eigenem Verständnis "nur" Antizionist) Dr. Wolfgang Gedeon: Der kritisiert, dass Deutschland ins Herz seiner Hauptstadt ein Denkmal setzt ("pflanzt"!), das an eine geschichtliche Schande bzw. "Schandtat" (die Angemessenheit dieses Begriffs thematisiere ich hier nicht) erinnert.


Deswegen ist es auch eine schamlose Lüge, wenn Herr* Höcke in einem nachträglichen Rechtfertigungsversuch seiner Rede formuliert (meine Hervorhebung):
„Ich bin erstaunt über die Berichterstattung zu meiner Rede vom 17. Januar in Dresden. Angeblich soll ich dort das Holocaust-Gedenken der Deutschen kritisiert haben. Diese Auslegung ist eine bösartige und bewusst verleumdende Interpretation dessen, was ich tatsächlich gesagt habe. Wörtlich habe ich gesagt: ,Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.‘ Das heißt, ich habe den Holocaust, also den von Deutschen verübten Völkermord an den Juden, als Schande für unser Volk bezeichnet. Und ich habe gesagt, dass wir Deutsche diesem auch heute noch unfassbaren Verbrechen, also dieser Schuld und der damit verbundenen Schande mitten in Berlin, ein Denkmal gesetzt haben. Was ist daran falsch? Was ist an dieser Feststellung zu kritisieren? Gar nichts!"

* Eigentlich müsste ich sagen: "Mein Parteifreund Björn Höcke". Aber das vermeide ich hier, aus Gründen, die aus dem Text meines Eintrags sicherlich verständlich werden.

"... dass wir Deutsche diesem auch heute noch unfassbaren Verbrechen, also dieser Schuld und der damit verbundenen Schande mitten in Berlin, ein Denkmal gesetzt haben" mag Höcke gemeint zu haben. Wenn er aber schreibt, dass er das gesagt habe, ist das schon rein formal eine Lüge.


Eine dreiste Lüge ist auch die folgenden Behauptung Höckes:
"Angeblich soll ich dort das Holocaust-Gedenken der Deutschen kritisiert haben. Diese Auslegung ist eine bösartige und bewusst verleumdende Interpretation dessen, was ich tatsächlich gesagt habe."

Fakt ist, dass er das Holocaust-Gedenken der Deutschen TATSÄCHLICH kritisiert hat. Rein theoretisch, losgelöst aus dem Zusammenhang, könnte der Satz "Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat" zwar auch rein deskriptiver Natur sein, i. S. v. "So ist das halt".

Dummer Weise macht Höcke hier das, was er (und erst Recht seine Jünger) bei der "Lügenpresse" heftig kritisieren würden: Er zitiert sich unvollständig, präsentiert einen Satz als komplett, der in der Rede selber nur ein Satzteil war und unterschlägt einen anderen Teil, den er vorausgeschickt hatte und der seinen jetzigen Versuch einer Korrektur als Falschbehauptung auffliegen lässt (meine Hervorhebung):
"Wir Deutschen - und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier versammelt haben -, also unser Volk sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat."  
Hier zeigt sich, dass eine Betrachtung IM ZUSAMMENHANG, deren Fehlen in den Medien seine Anhänger beklagen, Höcke noch sehr viel schlechter aussehen lässt als eine bloß oberflächliche Betrachtung. Er unterscheidet nämlich in dieser Passage zwischen den deutschen Normalos, die dem Schuld-Kult Denkmäler "in das Herz" ihrer Hauptstadt "pflanzen" (ein hier bewusst abwertendes Verb i. S. v. "sich breitmachen"; darauf kommt man nur mit Nachdenken, denn  im üblichen Sprachegebrauch werden Denkmäler "errichtet"), und denjenigen, die er für Patrioten hält - welche seiner Meinung nach nie und nimmer ein solches Denkmal dort hingepflanzt hätten. Das zeigt, dass er SEHR WOHL das deutsche Holocaust-Gedenken, zumindest in Gestalt dieses Denkmals, kritisieren wollte.
Das sagt er sogar selber, wenn er Martin Walser anführt und an anderer Stelle ein Zitat des verstorbenen SPIEGEL-Herausgebers Rudolf Augstein, die beide das Mahnmal kritisiert haben.

Mit logischer Stringenz hat es der Herr Höcke halt nicht so; dafür verschanzt sich der patriotische Held hinter dem wunderschönen Gesicht und den strahlenden Augen (solche Augen können doch gar nicht lügen?) unserer Thüringer Landtagsabgeordneten Wiebke Muhsal. Die viel zu hübsch ist, als dass sie als zivile Geisel in dieser Affäre Kollateralschäden erleiden sollte. :-)

Verständlicher ist schon, dass er seine Rechtsanwälte ansetzen will; auch aus meiner (äußerst kritischen!) Sicht seiner Rede gibt sie nichts her, was mit juristisch hinreichender Gewissheit als Weltsicht eines "Neo-Nazis" usw. bezeichnet werden dürfte. 
Allerdings: Arg nah vorbeischrammen an der rechten Außenkante tut das, was er äußert, schon. Und was er denkt - das weiß nur er selber.

Doch zurück zu Höckes Lügenwelt. Da ist (auch wenn viele Leser jetzt zunächst den Kopf schütteln werden) sogar seine Behauptung "Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat" gelogen.
Für dieses Werturteil lege ich allerdings einen Lügenbegriff zu Grunde, wie er in der Formulierung des Betrugsparagraphen § 263 StGB enthalten ist. Vorliegend geht es natürlich nicht um Vermögensschäden; wohl aber um die Technik, mit der solche - rechtswidrig - erschlichen werden können. Nämlich durch "Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen".
Als wahr unterstelle ich hier, dass wir Deutschen tatsächlich das einzige Volk sind, das eine große historische Fehlleistung (sage ich hier mal bewusst neutral) in einem Denkmal mitten in seiner Hauptstadt dargestellt hat.
Nur: Stillschweigend besagt der Satz auch (und macht ja nur unter dieser Prämisse Sinn), dass es in der Geschichte anderer Völker vergleichbare Entgleisungen gegeben habe, die diese eigentlich zu einer vergleichbaren Verdenkmalung hätten bewegen sollen. Das ist aber NICHT der Fall (also "eine Entstellung wahrer Tatsachen"); der Holocaust war, so schmerzlich diese Einsicht für uns auch ist, tatsächlich ein singuläres Ereignis. 
Warum? Haben nicht Stalin und Mao Tse Tung noch mehr Menschen, ebenfalls Zivilisten und ebenfalls nicht im Krieg, ermordet?

Das ist richtig; und dennoch gibt es Unterschiede, die leider zu unseren Lasten gehen:
  • China und Russland waren, vergleichsweise zu Deutschland, noch halbbarbarische Länder. Die Bürgerkriege dort lagen noch nicht lange zurück, als sich durch die Politik Stalins in der Ukraine der "Holodomor" ereignete, und es in China, wohl zumindest mitbedingt durch Maos "Großen Sprung nach vorn", zur "Großen chinesischen Hungersnot" kam.
  • In China war die Hungersnot offenbar eine unbeabsichtigte Nebenwirkung von fehlerhaften ökonomischen Maßnahmen der Regierung. Ob das auch beim Holodomor so war, oder ob Stalin den Hunger ganz gezielt eingesetzt hatte, um den Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierung zu brechen, ist streitig. Während in Deutschland der Mord an den Juden geplant war, und mit einer erschreckenden bürokratischen Systematik durchgeführt wurde.
  • Ein weiterer, und ebenfalls sehr wesentlicher Unterschied liegt darin, dass die Judenvernichtung das Ergebnis der nationalsozialistischen Ideologie selber war, die die Deutschen als Herrenmenschen und (nicht nur) die Juden als "Untermenschen" ansah. Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, dann hätte das Nazi-Regime im Osten wahrscheinlich noch weiter gemordet; der "Hungerplan" und der Umgang mit den sowjetischen Kriegsgefangenen zeigen, mit welcher unvorstellbaren Unmenschlichkeit das Nazi-Regime vorging. Während der Kommunismus eine zwar untaugliche, aber dem Ansatz nach humanitäre Ideologie ist, war die nationalsozialistische Ideologie (um hier dem Kind mal einen Namen zu geben, auch wenn sie der kommunistischen Ideologie nicht wirklich ebenenvergleichbar war) eindeutig antihumanitär und damit schon von ihrem Ansatz her, vor irgendeiner praktischen Umsetzung, verwerflich.
Insofern muss, wer die Geschichte daraufhin befragt, "wie es wirklich gewesen ist", die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit schon einräumen.
Pol Pot war vielleicht vergleichbar; aber über den weiß ich nichts Näheres. Und sein Kambodscha war eben kein hochentwickeltes Land. Während Deutschland, lt. Höcke-Rede, so etwas wie der Weltmeister bei den Hochbegabten aller Zeiten und aller Völker war. Umso schlimmer also, wenn ein solches Volk die Schande eines derart ungeheuerlichen Zivilisationsbruchs auf sich lädt.

Ohnehin ist die Passage über die großen Geister "von denen wir ja so viele haben ..... vielleicht mehr als jedes andere Volk auf dieser Welt" ein unsäglicher Passus nationalistischer Überheblichkeit. Dem steht (was einem Geschichtslehrer nicht ganz unbekannt sein sollte) die historische Realität gegenüber, dass sich die zivilisatorischen Entwicklungen in Europa großenteils zuerst im Westen (England und Frankreich) bzw. Süden (Italien) vollzogen haben, bevor sie nach Deutschland kamen (und von dort nach Osten weitervermittelt wurden). Wir sind nicht nur eine verspätete Nation, sondern auch zivilisatorisch ein leicht verspätetes Volk. (Auch Brandenburg-Preußen wurde ja nicht zuletzt durch holländische Entwässerungsexperten und hugenottische Handwerker usw. wirtschaftlich und damit auch machtpolitisch, vielleicht sogar auch kulturell, vorangebracht.) (Meine eigenen Vorfahren mütterlicherseits, Salzburger Exulanten, waren ebenfalls am Werke. Aber gut: Die kamen aus dem Süden, und aus dem deutschen Sprachraum. :-) )
Damit will ich mein Deutschland  weiß Gott nicht herabsetzen; aber um ein stolzer und selbstsicherer Deutscher zu sein muss ich mir keine Mythen dergestalt kreieren, wonach wir Deutschen (karikierend formuliert) eigentlich die ersten richtigen Menschen nach den Neandertalern gewesen wären. :-)

Irgendwo in meinem Bücherschrank fliegt ein (englischsprachiges) Buch herum, das ich nie gelesen habe - und das dennoch einen enormen Einfluss auf mein ganzes Weltverständnis und Weltverhalten hatte und hat: "I'm OK – You're OK" (Wikipedia; Amazon Deutschland). Ich habe es mir in etwa übersetzt mit: "Ich respektiere dich, aber ich lasse mich nicht von dir anpissen. (oder: "... aber wenn du mir dumm kommst ...)" :-)

Vor allem respektiere ich historische Fakten, und wenn ich, nur als Beispiel, hier in unserer Gegend die Wieskirche besuche und deren Lob in den höchsten Tönen gesungen lese, dann weiß ich (auch aufgrund meines allgemeinen Italien-Interesses) doch sehr gut, dass in der Barockzeit die Baumeister und Stuckateure zunächst aus dem Süden kamen, bevor dann in Deutschland eigene große Meister heranwuchsen.
Und wenn ich lese, welch ein großer Musiker Johann Sebastian Bach war, dann weiß ich andererseits doch über die Malerei, dass Deutschland nach (ungefähr) der Dürerzeit jahrhundertelang keinen Maler von internationalem Rang mehr hervorgebracht hat. Und, wenn ich das richtig sehe, wohl überhaupt erst um 1900 wieder den Anschluss an das "Weltniveau" gefunden hat.
Literarisch war nach Schiller und Goethe bei uns auch erst mal Ebbe. In der Musik hatten wir unseren Wagner, aber der gleichzeitige italienische Verdi war auch kein Waisenknabe, und nicht der einzige bedeutende nichtdeutsche Opernkomponist seiner Zeit - und der Zeit danach, als die deutsche Musik ihren Gipfel längst überschritten hatte.
Es macht glücklich, wenn man auf sein Land stolz sein darf. Aber objektiv ist man eher unglücklich dran, wenn man blind ist und die Augen vor den Leistungen anderer Völker verschließt. 

Doch zurück zum Holocaust-Denkmal: Selbst wenn es zutrifft, dass wir das einzige Volk sind, das eine sehr negative Seite seiner Geschichte verdenkmalt, dann haben wir auch allen Grund dazu.
Denn das, was Deutschland sich in der Nazizeit an "gewissen Schandtaten" (Dr. Gedeon) geleistet hat, war leider in der Tat einmalig.

Was England in seinen Kolonien verbrochen hat, oder die USA gegenüber den Indianern, mag (jedenfalls bei den Indianern) rein zahlenmäßig ähnliche Dimensionen gehabt haben wie der Völkermord der Nazis. Aber das war eben eine andere Zeit, und es waren ad hoc-Maßnahmen, keine geplante Entvölkerungsstrategie. In den USA gab es bis in die 1860er Jahre Sklaverei, bis in die 1960er Jahre institutionellen Rassismus und gibt es heute immer noch jede Menge gesellschaftlichen Rassismus. Aber die Sklaverei, damals, das war halt so (wenngleich im breiten gesellschaftlichen Diskurs bereits unter Beschuss). Und der institutionelle Rassismus: Der ist eine Schande für die USA, ebenso wie heute der immer noch mächtige gesellschaftliche Rassismus. Aber eben doch eine völlig untergeordnete "Gewichtsklasse" gegenüber dem Holocaust.

Um meine bisherigen Überlegungen zusammenzufassen: Die Medien haben NICHT Recht, wenn sie das "Denkmal der Schande" oberflächlich nach dem Motto interpretieren "Kommt von Höcke, also kann es nur so gemeint gewesen sein, dass er die Erinnerung an den Holocaust in dieser Form für schändlich halten würde". 
Dass er aber das Denkmal als solches für einen Schandfleck inmitten des Herzens unserer Hauptstadt hält: Das ist schon so, und das bestätigt er indirekt sogar selber, wenn er andere zitiert, die das ebenfalls getan haben. Und da spielt es natürlich schon eine Rolle, ob das ein Rudolf Augstein sagt, ein Martin Walser - oder eben ein Björn Höcke. 

Es ist also sehr wohl zutreffend, dass Höcke das deutsche Holocaust-Gedenken kritisiert hat: Zumindest dem Rang nach, den es einnimmt

Überhaupt fordert er ein völlig neues Geschichtsbild und liefert seinen Anhängern diese Geschichtsklitterung in seiner Rede gleich selber.

Etwa bei Minute 32:40 (meine Zeitangaben beziehen sich immer auf das "kurze" Video, das nur die Höcke-Rede enthält) kommt Höcke auf die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa zu sprechen. [Zum Hintergrund dieser Rede vgl. Wikipedia-Eintrag.] Er lobt sie in formaler Hinsicht als brillant, bezeichnet sie aber inhaltlich als eine Rede gegen das eigene Volk. Eine Begründung dafür liefert er nicht, und bei dieser Sachlage muss er sich die Frage gefallen lassen, welche Aussagen genau er denn an dieser Rede so kritikwürdig findet.
Diese Passagen doch hoffentlich NICHT (meine Hervorhebungen):


"Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.
Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.
Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg."

Diese hoffentlich auch nicht:


"Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.

Es gibt entdeckte und verborgen gebliebene Schuld von Menschen. Es gibt Schuld, die sich Menschen eingestanden oder abgeleugnet haben. Jeder, der die Zeit mit vollem Bewußtsein erlebt hat, frage sich heute im Stillen selbst nach seiner Verstrickung.
Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter oder noch gar nicht geboren. Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben.
Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen.
Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen.
Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.
Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.
Das jüdische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Versöhnung.
Gerade deshalb müssen wir verstehen, daß es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann. Die Erfahrung millionenfachen Todes ist ein Teil des Innern jedes Juden in der Welt, nicht nur deshalb, weil Menschen ein solches Grauen nicht vergessen können. Sondern die Erinnerung gehört zum jüdischen Glauben."

Oder will der Herr Höcke die Kriegsschuldfrage neu stellen, die Weizsäcker so beurteilt:
"Hitler wollte die Herrschaft über Europa, und zwar durch Krieg. Den Anlaß dafür suchte und fand er in Polen."?


Oder den Gewaltverzicht (bzw. die Gebietsverluste) nicht akzeptieren:
"Gewaltverzicht heute heißt, den Menschen dort, wo sie das Schicksal nach dem 8. Mai hingetrieben hat und wo sie nun seit Jahrzehnten leben, eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit für ihre Zukunft zu geben. Es heißt, den widerstreitenden Rechtsansprüchen das Verständigungsgebot überzuordnen. 

Darin liegt der eigentliche, der menschliche Beitrag zu einer europäischen Friedensordnung, der von uns ausgehen kann."

Ich habe die Weizsäcker-Rede jetzt lediglich überflogen; aber der folgende Auszug straft u. a. Höckes Behauptung Lügen, (ca. 39.40: "Deutsche Opfer gab es nicht mehr, sondern es gab nur noch deutsche Täter. Bis heute sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Opfer zu betrauern.") dass unser Land nicht auch seine eigenen Opfer betrauert habe (meine Hervorhebung):

"Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.
Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.
Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.
Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.
Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mußten.
Wir gedenken der erschossenen Geiseln.
Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.
Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.
Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.
Neben dem unübersehbar großen Heer der Toten erhebt sich ein Gebirge menschlichen Leids,
Leid um die Toten,
Leid durch Verwundung und Verkrüppelung,
Leid durch unmenschliche Zwangssterilisierung,
Leid in Bombennächten,
Leid durch Flucht und Vertreibung, durch Vergewaltigung und Plünderung, durch Zwangsarbeit, durch Unrecht und Folter, durch Hunger und Not,
Leid durch Angst vor Verhaftung und Tod,
Leid durch Verlust all dessen, woran man irrend geglaubt und wofür man gearbeitet hatte.
Heute erinnern wir uns dieses menschlichen Leids und gedenken seiner in Trauer.
"


Also, HERR HÖCKE: WAS GENAU DAVON (oder aus den anderen Passagen) IST IHRER MEINUNG NACH GEGEN DAS EIGENE VOLK GERICHTET???

Ergänzung 23.02.2017: Mittlerweile sehe Höckes Tiraden gegen die berühmte Weizsäcker-Rede als einen Teil jener rechtsextremistischen Agitation, die Richard von Weizsäcker eine "Befreiungslüge" vorwirft.
Jedenfalls kann seine Version im aktuellen SPON-Interview "Ich denke ganz anders", mit der er seine Kritik an Richard von Weizsäcker zu rechtfertigen versucht, nicht zutreffen (und ist daher eine weitere Höcke-Lüge):

"SPIEGEL: ... In Ihrer Rede kritisierten Sie Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ bezeichnet hatte. Wäre es Ihnen lieber gewesen, die Naziherrschaft hätte angedauert?
Höcke: Dass die Nazidiktatur überwunden werden musste, das ist doch selbstverständlich. Aber ebenso selbstverständlich war der 8. Mai 1945 für die Menschen, die in diesem vollkommen ausgebombten Land dahinvegetierten, nicht nur eine Befreiung, sondern eben auch eine totale Niederlage. Die Deutschen erlebten den 8. Mai 1945 nun mal ambivalent. Die einen hatten Glück und wurden von Soldaten befreit, die ihnen Kaugummis und Schokolade gaben. Andere trafen auf Soldaten und wurden vergewaltigt. Für viele Deutsche begann auch eine neue Diktatur.
"
Denn alles das hatte Weizsäcker bereits selber gesagt!

In Höckes Rede ging es dann weiter zu der Frage, warum wir Deutschen unsere Visionskraft verloren haben. Roman Herzogs "Ruck"-Rede lehnte er als "Ökonomismus" ab - was immer das sein mag. Damit will ich mich hier nicht weiter aufhalten.

Dass Höcke sich eine deutsche Erneuerungsbewegung nur als aus Dresden bzw. der ehemaligen DDR entspringend vorstellen kann - nun ja, das mag Schmeichelei gegenüber seinen Gastgebern gewesen sein. (Wobei freilich auch ich durchaus anerkenne, dass in den Neuen Bundesländern die Bereitschaft zum politischen Wandel größer ist als unter uns saturierten und politisch trägen Wessis.)

Etwa bei Minute 38 ging es um die Bombardierung Dresdens. Höcke sprach von Vertriebenen und Zivilisten und von der Schönheit des Stadtkerns, die dort vernichtet worden seien. Und bezeichnete die Bombardierung als Kriegsverbrechen, vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.
Das ist in der Sache nicht falsch (jedenfalls bei laienhafter Betrachtung; der Historiker Moritz Hoffmann ist anderer Meinung); aber auch und gerade hier kommt es entscheidend auf den Kontext an, in welche eine solche Aussage gemacht wird: Vor welchem Publikum, und zu welchem Zweck.

Der rhetorische Zweck Höckes war die Begeisterung seiner Anhänger, die sich auch so äußerten. Aber der politisch-strategische Zweck war es völlig eindeutig, die Nazi-Verbrechen unter den Teppich zu kehren und sie mit dem Hinweis nach der bekannten rechtslastigen Argumentationsstrategie "Die Alliierten haben ja auch ....." zu relativieren oder gar zu überdecken.
Diese Funktion ergibt sich u. a. aus der Tatsache, dass Höcke an keiner Stelle darauf hinweist, dass DEUTSCHLAND den 2. Weltkrieg begonnen hat. Und die anderen sich (bzw. ihre Bündnispartner) lediglich verteidigt haben.

Ergänzung 23.02.2017: Es gibt den Verdacht, dass Björn Höcke unter dem Pseudonym "Landolf Ladig" früher einige Artike für NPD-Blätter verfasst hat. Er selber sowie der Herausgeber eines dieser Magazine, Thorsten Heise, bestreiten das zwar. Andererseits hat Höcke sich geweigert, der Aufforderung des damaligen AfD-(Mit-)Vorsitzenden Prof. Bernd Lucke nachzukommen und die Nicht-Identität eidesstattlich zu versichern.
Über diesen "Landolf Ladig" schreibt Andreas Kemper (ein Linksextremer; aber ich denke mal, dass seine inhatliche Darstellung des von "Ladig" Geschriebenen korrekt ist) in seinem Blott "Landolf Ladig, NS-Verherrlicher" vom 09.01.2016 (meine Hervorhebungen):
"
Ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich die Inhalte „Landolf Ladigs“ bekannt sind. „Ladig“ hat nicht einfach nur im NPD-Magazin 2012 dazu aufgerufen, die NPD zu wählen. Er hat zudem in Heises „Volk in Bewegung“ geschrieben und dieses Blatt ist eher rechts von der NPD anzusiedeln. Entsprechend waren auch die Texte von „Ladig“. Er schrieb dort, dass Deutschland zweimal von Fremdmächten überfallen worden sei – 1. Weltkrieg und 2. Weltkrieg – aus puren Neid auf das prächtig gedeihende Deutschland. Beim zweiten Überfall kam noch hinzu, so „Ladig“, dass sich im Nationalsozialismus die erste staatlich organisierte Antiglobalisierungsbewegung entwickeln konnte. Um zu verhindern, dass sich dieses Erfolgsmodell auf andere Staaten ausweite, überfielen die fremden Mächte Deutschland. Doch, so „Ladig“ weiter, in der Avantgarde der identitären Systemopposition lebe diese Glut weiter, und es gelte, in der kommenden Revolution den Führungsanspruch durchzusetzen. „Ladig“ vertritt hier also einen nationalrevolutionären Ansatz gekoppelt mit NS-Verherrlichung. Die faschistische Ideologie, die in Höckes Aussagen deutlich wird, wird in den „Ladig“-Texten zugespitzt und unverblümt NS-verherrlichend. Was unter dem Pseudonym „Ladig“ geschrieben wurde, ist also tatsächlich noch „krasser“."
Wenn man der Meinung ist, dass die anderen Staaten das sanfte Lämmlein Adolf Hitler und sein armes deutsches Volk in den 2. Weltkrieg getrieben haben, dann macht es natürlich Sinn, auch die Bombardierung Dresdens als eine letztlich unprovozierte Untat der Alliierten anzusehen. Ich will damit nicht behaupten, dass Björn Höcke Landolf Ladig ist. Fakt ist jedoch, dass Höcke nicht alle zumutbaren Schritte (Abgabe einer EV) unternommen hat, um einen solchen Verdacht auszuräumen. 
Vielmehr hatte Höcke bereits im Jahr 2010 an einer rechtsextremen Demonstration in Dresden teilgenommen. Ein vom ZDF veröffentlichtes Video zeigt, dass er dort sogar mitskandiert hat. ("Wir wollen marschieren"; das richtete sich gegen die Blockade dieser Demo durch sogenannte "Antifaschisten".) In diesem Falle hat Höcke nicht gelogen, aber lügen lassen. Ein Sprecher der AfD Thüringen behauptete nämlich: "Björn Höcke hat am 13. Februar 2010 mit zwei Freunden an einer friedlichen Gedenkveranstaltung für die Opfer der Bombardierung Dresdens teilgenommen. Sie sind dort hingefahren, um sich einen Eindruck von der Veranstaltung zu verschaffen." Wer aber mitskandiert, will gerade KEIN bloßer Beobachter sein.

[Vgl. auch den ZEIT-Artikel "Der Mann an der Grenze" vom 18.02.2016. Darin speziell zum unten nachfolgenden Passus die Information (meine Hervorhebung): "2006 schreibt er an die Hessische / Niedersächsische Allgemeine; versucht, Hitlerdeutschland zum Opfer zu stilisieren: "Es ging darum, bis zum Kriegsende eine möglichst große Zahl deutscher Menschen ... zu töten."]

Geradezu widerlich wird es, wenn Höcke (ca. 39.15) sagt:
"Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann ab 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft".

Wir Deutschen können verdammt froh sein, dass die Sieger relativ glimpflich mit uns umgegangen sind. (Auch wenn da keineswegs nur menschliche Güte am Werke war, sondern der Ost-West-Konflikt uns und unserer Wiederaufnahme in den Kreis der Völker genauso geholfen hat, wie 2015 das Engelchen im Kanzlerbunker unsere darniederliegende AfD wieder auf die Beine gebracht hat. ;-) ) 
Klar wurde unser Land etwas geschrumpft; aber so ist das halt, wenn man einen Krieg anfängt und verliert. Dann soll man bitte auch nicht heulen und sich als Unschuldslamm gebärden: So etwas ist weibisch, unmännlich und eines wahren deutschen Patrioten unwürdig! :-)
[Andererseits: Wenn Höcke glaubt, dass die anderen Deutschland damals in den Krieg getrieben haben .....]

Und was die Umerziehung angeht, erfährt man darüber unter dem Wikipedia-Stichwort "Reeducation":

"Allen Besatzungsmächten gemeinsam war der Wunsch, Deutschland solle nach der militärischen Beendigung der Zeit des Nationalsozialismus zu einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft umgeformt werden. Die Bildungspolitik sollte ein wichtiger Baustein in diesem Prozess sein.
Zu unterscheiden sind bei der Reeducation kurzfristige Maßnahmen, die sich v. a. an die erwachsene Bevölkerung richteten, und langfristige Maßnahmen, welche durch eine besondere Bildungspolitik die Umerziehung der jüngeren Generation sowie der Nachfolgegenerationen sicherstellen sollten. Unmittelbar nach dem Krieg versuchten die Westalliierten, besonders die Briten und Amerikaner, durch politische Bildung ein Fortleben der nationalsozialistischen Ideologien zu verhindern."
Was genau hat der Herr Höcke dagegen einzuwenden? Dass den Deutschen ihre Identität als Nationalsozialisten geraubt wurde?
Da muss ich mal ganz böse fragen:
TICKT DER AFD-LANDESVORSITZENDE VON THÜRINGEN NOCH SAUBER?

Oder war er nicht vielleicht doch tiefer in NPD-Gedankengut verstrickt, als er und der zuständige NPDler behaupten???

Ab etwa Minute 40.30 geht es um bauliche Fassaden (Wiederaufbau Frauenkirche, Stadtschloss Berlin u. a.), die nunmehr wieder mit einem würdigen patriotischen Inhalt zu füllen seien. Bis jetzt seien es nur Fassaden; unsere Geistesverfassung und unser Gemütszustand seinen immer noch der eines ("brutal" oder "total"?*)  besiegten Volkes sei.
*Ich habe die Passage mehrmals abgespielt und glaubte, ein "brutal" gehört zu haben; in den Medienberichten lese ich "total". Das wäre sogar eine Lesart zu Höckes Gunsten, denn "brutal besiegt" wäre wirklich ein brutaler Ausdruck angesichts des von Deutschland brutal begonnenen und noch brutaler fortgeführten Krieges.    
(Erg. 18.04.2017: Hubertus Volmer, Leiter des Politik-Ressorts von n-tv.de, hat "brutal" gehört; in seinem Artikel "Björn Höcke in sieben Szenen" vom 13.02.2017 schreibt er: "Deutlicher wird Höcke im Januar in Dresden. Vor gut 500 Zuhörern attestiert er den Deutschen den Gemütszustand eines 'brutal besiegten Volkes', nennt die Vergangenheitsbewältigung 'dämlich' und fordert eine 'erinnerungspolitische Wende um 180 Grad'.")Wie auch immer: Hier schließt sich dann die Passage über das Holocaust-Mahnmal in Berlin an.

Gegen Patriotismus ist nichts zu sagen; aber bitte keinen, der sich nur noch die Schokoladenseiten der deutschen Geschichte heraussucht und alles andere verschweigt. 
Natürlich gibt es, wie Höcke richtig sagt (ca. 43.0) keine moralische Pflicht zur Selbstaufgabe und auch mir gefällt es ganz und gar nicht, wie sich die Lemmingsherde des deutschen Stimmviehs nicht nur AN die Wahlurnen, sondern sozusagen gleich anschließend ihr Geld IN die Urnen der Euro-Transferunion von Don Drucki Draghi und seinen Spießgesellen von der ECB (European Crooks Bank) führen lassen, ihre Grenzen von Immiggressorenhorden niedertrampeln lassen und sich von ihrer eigenen Regierung das letzte Hemd ausziehen lassen, damit diese unsere "Klubgüter" an internationale Eindringlinge verteilen kann. Von den längerfristig zu erwartenden Schäden für unsere Gesellschaft und Kultur, oder schlimmstenfalls sogar deren Zerstörung (durch Islamisierung, Clanismus, Korruption usw.) ganz zu schweigen. 
Wenn mich das alles gleichgültig lassen würde, dann wäre ich nicht Mitglied der AfD geworden.
Aber ebenso wenig lässt es mich gleichgültig, wenn ein wildgewordener Nationalromantiker eine, sozusagen, "Zurückwertung aller Werte" in unserem Lande anstrebt. Wohin denn dann eigentlich? Wer sind wir denn selbst, wenn nicht jenes demokratieliebende Volk, das wir heute geworden sind - aber leider im 20. Jahrhundert nicht durchgängig waren?

Höcke fährt dann fort (ca. 44.0): 
"Wenn wir eine Zukunft haben wollen, brauchen wir eine Vision. Eine Vision wird aber nur dann entstehen, wenn wir uns wieder selber finden. Wir müssen wieder wir selbst werden. Selber haben werden wir uns nur, wenn wir eine positive Beziehung zu unserer Vergangenheit aufbauen."
Richtig; aber eine solche positive Beziehung habe ich durchaus - ganz ohne mir die Geschichte schönfärben zu müssen. Nicht grundlos hatte ich oben in der Weizsäcker-Rede diesen Satz besonders herausgehoben:
"Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit."

An dieser patriotischen Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit fehlt es Herrn Höcke. Der versucht, die Geschichte neu zu erzählen: An großen Geister hatte Deutschland seiner Meinung nach mehr als die anderen. Dann gab es da irgendwie mal 'ne kleine Delle [die allerdings für "Landolf Ladig" noch nicht einmal eine Delle war] - und jetzt sind wir wieder wer. Und wollen gefälligst wieder unseren Platz an der Sonne haben.
SO redet Höcke natürlich nicht; aber es ist genau diese abgelebte Denke, die hinter seinem Gerede steckt.
Die hat uns schon zweimal in die Scheiße geführt; ein drittes Mal brauche ich nicht.
Das sehen offenbar auch die allermeisten Wähler so, weshalb uns der Höcke politisch wie ein Bleischuh in die Tiefe zieht.


Franz Josef Strauß zitierend sagt Höcke weiter, dass die Vergangenheitsbewältigung eine Gesellschaft auf Dauer lähmt. Das ist, wenn man's übertreibt, sicherlich richtig. (Und wenn Weizsäcker oben sagt, dass man die Vergangenheit gar nicht bewältigen, weil nicht umschreiben, könne, hat er logisch völlig Recht.) 
Aber Höckes Schlussfolgerung, dass wir eine "erinnerungspolitische Wende um 180°" brauchen: die macht mich schaudern. Überblendet man dieses schon für sich völlig eindeutige Bild noch mit seiner inhaltichen Argumentationstrategie 'Alliierte als Täter, Deutsche Untaten bleiben unerwähnt, also tendenziell Unschuldslämmer oder gar unschuldige Opfer' und den sonstigen Forderungen seiner Rede (scharfe Kritik am Holocaust-Denkmal "im Herzen der Hauptstadt", "wieder an die Großen unserer Kulturgeschichte erinnern, von denen wir vielleicht mehr haben als jedes andere Volk"), dann spüre ich hier ein Überschießen, ein Umkippen von Patriotismus in einen unseligen, auf einer verfälschenden Geschichtsdarstellung aufbauenden Nationalismus, der das Ansehen unserer AfD bei unzähligen potentiellen Wählern schwer beschädigt und der, wenn politisch umgesetzt, unserem Vaterland nicht helfen, sondern es in schwere Krisen treiben würde.

Weiter bezeichnet er die Gedenkkultur an den Holocaust und die anderen Untaten der Nazizeit als "tote Riten" [Aber hallo: die Großen unserer Geistesgeschichte sind doch auch meist schon tot? :-) ] und "hohle Phrasen". Wenn das so ist: Warum dann das ganze Geschrei? Tote Riten und hohle Phrasen schaden wenig. Sonst wären Politik, Kirchen usw. schon lange zusammengebrochen.

"Wir brauchen eine lebendige Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zuallererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt."

Klar, kann nicht schaden, wenn man mal von Johann Gensfleisch zum Gutenberg gehört hat, von Martin Luther oder Friedrich von Spee, von Schiller und Goethe.
Aber Namen wie Dante Alighieri und William Shakespeare, Dostojewski und Tolstoj sollte man ja vielleicht auch mal gehört haben?
Nicht, dass ich hier einen Pfauenradschlag meiner persönliche Bildung schlagen wollte: Außer vom Dante habe ich von denen diesen ausländischen Dichtern praktisch nichts gelesen, und auch nur wenig von Goethe und Schiller, und verstehe weder von Kunst, noch von Musik, noch von Literatur etwas. Ich mag es nur einfach nicht, wenn die Großen auf ihre Nationalität reduziert werden und in den Schulen nur die eigenen Großen auf Podeste gestellt werden: Über die eigenen Grenzen sollte man schon hinausschauen können.
Und heute im Internet-Zeitalter ist unser guter alter Gutenberg ohnehin nicht mehr "state of the art". Konrad Zuse: Klar, schadet nichts, den Namen zu kennen. Aber, Ersterfinder des Computers hin oder her: In der Entwicklungsgeschichte der IT ist er (und ist unser Deutschland) nur eine Randnotiz.


Summa summarum: Für einen echten (Neo-)Nazi halte ich Björn Höcke nicht.

Ergänzung 23.02.2017: Nachdem ich mir die Sache mit "Landolf Ladig" nochmal genauer angeschaut habe, bin ich mir nicht mehr sicher.

Aber mindestens ist er als abgelebter Nationalromantiker via buddhistischer Seelenwanderung und psychologisch mumifiziert wie die alten Ägypter aus dem 19. Jahrhundert in das 21. Jahrhundert zu uns herübermigriert. Zukunft hat seine glühende Vergangenheitsbegeisterung eher nicht.


Jedenfalls bin ich heilfroh, dass Höcke doch immerhin so viel Einsicht gezeigt hat, nicht für unsere AfD zum Bundestag anzutreten: Das hätte viel von jener Wählerzustimmung kaputt gemacht, welche das Blockflöten-Engelchen im Kanzlerbunker und die von ihr millionenfach eingeschleusten etwas robusteren Gäste an Wählerzustimmung so liebevoll für uns aufgebaut haben! :-)



Nachtrag:
Der Tagesspiegel bringt ein Transkript (eine schriftliche Fassung, die jemand beim Anhören erstellt hat) der Rede. 


Nachtrag 23.01.2017
Vgl. jetzt auch meinen Blott "Björn Höcke ist kein Historiker".



Textstand vom 18.04.2017

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