Im Sommer des Jahres 2022 hatte Prof. Dr. Hans
Neuhoff in der Sommerakademie des IfS (das 2024 aufgelöste Institut für Staatspolitik in Schnellroda von Götz Kubitschek) einen Vortrag gehalten unter dem Titel „Ukraine:
Eine Lehrstunde der Geopolitik“ (Video) Auf
diesen Aufsatz bezieht sich - nicht ausschließlich, aber doch zu großen
Teilen - meine nachfolgende Kritik an Neuhoffs Position und
Behauptungen zum Ukrainekrieg. (Genauer: Zum "großen" Ukrainekrieg seit dem 24.02.2022; einen "kleinen" Ukrainekrieg hatte Russland ja bereits seit 2014 in der Ostukraine geführt.)
Über die „Beziehungen zwischen der
NATO und der Ukraine“ informiert ein Wikipedia-Stichwort. Dort lesen wir u. a.: „Auf dem
NATO-Erweiterungsgipfel im November 2002 verabschiedete die
NATO-Ukraine-Kommission … einen NATO-Ukraine-Aktionsplan.“
Wohl mit Bezug auf dieses Datum behauptet
Prof. Neuhoff in seinem Gespräch „Ukrainekonflikt und
deutsche Lage“ mit Götz Kubitschek: „Der Ukrainekrieg wird seitens der USA als
Stellvertreterkrieg geführt, und der Stellvertreter ist über zwei Jahrzehnte
auf diese Situation vorbereitet worden.“ (S. 36 in der „SEZESSION“).
In seinem Schnellrodaer Vortrag vom Sommer
2022 untermauert er diese (im Vortrag nicht ganz so krass formulierte)
Behauptung anhand der „Theorie des offensiven Realismus“ und bezieht
sich konkret auf das Werk “The tragedy of great power politics” von John
J. Mearsheimer (2001).
26:36 (diese und nachfolgende Zeitangaben jeweils ungefähr): „Wenn ich alleine eine
aufstrebende Großmacht, bzw. eine Großmacht, die den Hegemoniestatus anstrebt …
nicht ausbalancieren kann, dann suche ich Partner. Ein beliebtes Spiel in
dieser Situation ist das sogenannte Buck-Passing. Buck-Passing bedeutet,
dass man auch versucht, erstmal jemand anderen vorzuschieben, dass der
„Balancing“ betreibt, dass der den Aufwand betreibt.“
Zunächst einmal kann bei Mearsheimer das „Buck-Passing“
nicht dem „Balancing“ dienen, weil das für ihn zwei VERSCHIEDENE Strategien
sind (Kapitel 5):
“With
balancing, threatened states seriously commit themselves to containing
their dangerous opponent. In other words, they are willing to shoulder the
burden of deterring, or fighting if need be, the aggressor. With buck-passing,
they try to get another great power to check the
aggressor while they remain on the sidelines. Threatened states usually
prefer buck-passing to balancing, mainly because the buck-passer avoids the
costs of fighting the aggressor in the event of war.”
Und das Kapitel 8 ist sogar ausdrücklich mit
„Balancing versus Buck-Passing“ betitelt.
Sodann funktioniert nach Mearsheimer das „Buck-Passing“
(also das Vorschieben einer anderen Macht zur Durchsetzung eigener Interessen)
nur mit einer anderen GROSSMACHT; vgl. die Formulierung „… they [Großmächte]
try to get another great power to check the aggressor“. Und noch deutlicher in Kapitel 8: „A threatened great power operating
in a bipolar system must balance against its rival because there is no other
great power to catch the buck. It is in multipolar systems that threatened
states can —and often do—buck-pass“.
Mithin widerspricht bereits die politologische
Theorie, der Neuhoff zu folgen vorgibt, seiner Behauptung, die USA hätten die
Ukraine 20 Jahre lang auf einen Stellvertreterkrieg gegen Russland vorbereitet.
Unwiderlegbar entlarvt indes die
Wirklichkeit seine Anschuldigung gegen die USA als intellektuelle Fehlgeburt.
2008 wollten die USA die Ukraine in die NATO aufnehmen. Ein Bündnismitglied kann
jedoch keinen „Stellvertreterkrieg“ führen, sondern würde aller
Wahrscheinlichkeit nach das gesamte Bündnis in den Krieg verwickeln.
Allerdings ist der Vorwurf mangelnder Logik
in dieser Form falsch. Hier ist nämlich zu unterscheiden zwischen formaler und
politischer Logik.
Der formal unhaltbare Vorwurf, die USA würden die Ukraine in
einem „Stellvertreterkrieg“ verheizen, macht politpropagandistisch enorm viel Sinn -
in der russischen Propaganda ebenso wie bei Neuhoff. Damit soll nämlich
jegliche Hilfe für die Ukraine delegitimiert werden: 'Ist doch deren eigene Schuld, wenn sich
die Ukraine von den Amis für deren Stellvertreterkrieg hat einspannen lassen; sollen die die Suppe also gefälligst selber auslöffeln!'
DAS ist der basso
continuo, mit dem uns Neuhoff und Russland unisono traktieren!
Doch geht es (kurze Abschweifung vom Titelthema!) durchaus auch noch schriller.
Nicht bei Neuhoff (soweit mir bekannt). Aber Götz Kubitschek referiert über den Essay „Endspiel
Europa“ von Ulrike Guérot und Hauke Ritz:
„Die Autoren erzählen die Vorgeschichte
des Ukrainekrieges als Geschichte der Platzierung einer Stellvertreternation,
die von einer raumfremden Macht – den USA – gegen das allmähliche und
naheliegende ökonomische Zusammenwachsen der eurasischen Landmasse über Jahre
in Stellung und im Februar dieses Jahres dann in den Einsatz gebracht worden
ist.“
Danach wollten also die USA nicht nur
Russland bekämpfen (und dafür die Ukraine ins Feuer schicken), sondern mit
demselben Schachzug gleich auch noch Europa von Russland fernhalten. (Dieselbe
Behauptung wird nicht selten auch in Internet-Foren usw. aufgestellt) Sind
schon geniale Kerlchen, die Amis!
Da fragt man sich freilich, warum solche brillanten Masterminds
in Afghanistan und Vietnam nicht gewonnen haben?
Mit Schuldgefühlen kann man westliche Länder hervorragend erpressen – und Deutschland ganz besonders. Mit dieser Strategie sorgen
die Asylfanatiker des Mainstreams dafür, dass sich unsere sozialen Sicherungsnetze
bis zum Platzen anfüllen. Mit genau derselben Propagandatechnik versuchen aber auch
Putin und seine westlichen Helfershelfer, unser Selbstwertgefühl und unsere Verteidigungsbereitschaft zu
unterminieren und in Sachen Ukrainekrieg eine Täter-Opfer-Umkehr zu
suggerieren, die nicht wenige Einfältige eifrig nachplappern.
Mearsheimer und Neuhoff blasen in dasselbe Schuld-Horn,
wonach die NATO Russland in die Enge gedrängt habe; allerdings mit einem deutlichen
Unterschied: Während Mearsheimer sich auf Kritik an der geplante NATO-Aufnahme
der Ukraine konzentriert, greift Neuhoff gleich die gesamte Osterweiterung der NATO an.
(Insoweit ist ganz allgemein zur breiten öffentlichen Debatte anzumerken, dass nicht in jedem Beitrag klar wird, ob der Grund für Russlands Überfall auf die
Ukraine in deren - im Zeitpunkt der Aggression angeblich bevorstehender - NATO-Aufnahme liegen soll oder schon in
der NATO-Osterweiterung insgesamt verortet wird. Umso wichtiger ist es für den Beobachter bzw. Kommentator, diese Unterscheidung
stets im Hinterkopf zu haben!)
Mearsheimer sieht das Problem hauptsächlich
in der beabsichtigten Aufnahme der Ukraine in die NATO; die frühere Aufnahme (u. a.)
der Baltenländer spielt er herunter. Zwar schreibt er,
dass “Since the mid-1990s, Russian leaders have adamantly opposed NATO
enlargement. … the Russians were too weak at the time to derail NATO’s
eastward movement -- which, any rate, did not look so threatening, since
none of the new members shared a border with Russia, save for the tiny
Baltic countries.“
Aber das erwähnt er lediglich als
Hintergrund für seine Einschätzung, wonach
„… the
United States and its European allies share most of the responsibility for the
crisis. The taproot of the trouble is NATO enlargement, the central element of
a larger strategy to move Ukraine out of Russia’s orbit and integrate it
into the West. ….. Putin’s pushback should have come as no surprise. After
all, the West had been moving into Russia’s backyard and threatening its core
strategic interests, a point Putin made emphatically and repeatedly.”
Dass Mearsheimer die Baltenländer als
unbedeutend für die strategische Lage Russlands einstuft, riecht stark nach
politischer Beruhigungspille. Hier will er vermutlich Befürchtungen abwehren,
ein Sieg über die Ukraine könne Russland dazu verleiten, sich dem baltischen
„Problem“ „zuzuwenden“. Denn DASS es für Russland militärisch sehr wohl
unangenehm sein muss, den Finnischen Meerbusen zwischen Estland und nunmehr
auch noch Finnland „eingequetscht“ zu wissen (womit ihr ruhmreiches Leningrad potentiell
von der Ostsee abgeschnitten wird), sollte eigentlich jeder flüchtige Blick auf die
Landkarte klarmachen.
Was allerdings die russische Irritation über
eine mögliche NATO-Integration (auch) der Ukraine angeht, ist diese in der rein
militärischen Dimension durchaus nachvollziehbar. Sofern in den gegenwärtigen
Friedensverhandlungen (hauptsächlich zwischen den Trump-USA und Russland) eine
Lösung gefunden wird, bei welcher der Westen dem Land belastbare
Sicherheitsgarantien außerhalb einer NATO-Mitgliedschaft gibt, spricht
sicherlich nichts dagegen. (Nur müssen dabei die USA fest im Boot verankert sein; wir Europäer dürfen es nicht zulassen, dass sich die USA unter ihrem (Rüpel-)Präsidenten Dealer-Donny insoweit einen schlanken Fuß machen!)
Neuhoff bewertet die NATO-Osterweiterung
insgesamt als Sündenfall (44:26 ff.): „Viele Autoren, auch Mearsheimer,
setzen als entscheidendes Datum an [gemeint wohl: für die Verschlechterung
der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen] den … Natogipfel im April
2008 in Bukarest [an]. Aber ich dachte mir, wenn man genau liest, dann
gibt es doch eigentlich eine Situation, wo die Theorie ..… deutlich früher und
sehr konkret greift, nämlich mit der Auflösung der Sowjetunion 1991. Auflösung
der Sowjetunion bedeutete doch eigentlich, dass von den beiden
Regional-Hegemonen, die es während der Zeit des Kalten Krieges gegeben hatte,
einer geschwächt ist. ….. Ja, ist das nicht der Moment, wo man zugreifen muss,
wo man zuschlagen muss? Die offensiven Realisten würden sagen: Natürlich, ist
doch klar ..… . Nun gibt's natürlich das Problem, dass man ja versprochen
hatte, dass sich die NATO nicht nach Osten erweitert, ..… also die Frage, gab
es eine Zusage, gab es im Rahmen der 2-plus 4-Verhandlung eine Zusage, dass
sich die NATO nicht nach Osten erweitert? ….. Fazit ist: Es gab jede Menge
mündliche Versicherungen, aber es gab keine schriftliche Vereinbarung. ….. Die
Regierung Bush Senior war zunächst immer zögerlich, in dieser Richtung
vorzugehen. Man wusste ja, was man eigentlich gesagt hatte, was man versprochen
hatte und die Russen haben auch immer wieder hinterer den Vertrauensbruch
beklagt: Es sei zwar mündlich immer wieder zugesichert worden ‚keine
Nato-Osterweiterung‘, ja, und wenn dann hinterher auf die fehlende
Schriftlichkeit verwiesen wird, fühlt man sich halt irgendwo hintergangen. Das
ist der von den Russen immer wieder beklagte Vertrauensbruch.“
49:59 ff.: „… die erste Tranche der
NATO-Osterweiterung erfolgte dann 1999 mit Polen Ungarn und Tschechien als
ersten neuen Mitgliedern… . Und ….. die Amerikaner wissen auch: Also, es muss
auch jetzt mit den Russen gesprochen werden. Wird also der NATO-Russlandrat ins Leben gerufen, 1997. Gleichzeitig
beginnen aber auch schon Gespräche mit der Ukraine. … entsprechend der Theorie [des „offensiven
Realismus“] nutzen die Amerikaner die Schwäche des Gegners aus und
treiben die NATO-Osterweiterung voran.“
Indes verzerrt er seine Darstellung (hier
und anderswo) manches und verschweigt anderes. Schließlich tritt Neuhoff sogar
seine eigene Theorie in die Tonne, um Putin zur Seite zu treten:
a) Osteuropäer und NATO:
Von Amis reingepresst, reingelockt oder reinbugsiert - oder etwa selber
reingedrängt?
Wollte man der Darstellung von Prof Neuhoff
in seinem Vortrag folgen, müsste man meinen, die Amis hätten die Osteuropäer - mit welchen (windigen) Methoden auch immer - in die NATO hineingebracht:
49:08: „1994, im Januar, geht es los,
Januar 1994, Anfang Januar, verabschiedet der amerikanische Senat eine
Resolution, in der die Osterweiterung der NATO verlangt wird. Noch im selben
Monat tagt ein Natogipfel in Brüssel, berät darüber und empfiehlt den Mitgliedsstaaten,
in dieser Richtung vorzugehen, also NATO-Osterweiterung Januar 1994. April
1994: Der amerikanische Kongress beschließt, den NATO-Enlargement-Act, der den
Präsidenten dazu auffordert, einen Plan zu entwickeln für die Osterweiterung
der NATO, April 1994.“
Tatsächlich haben aber die Osteuropäer von
sich aus nachdrücklich darum gebeten, in die NATO aufgenommen zu werden (und
das nach Neuhoffs eigener geopolitischen Theorie aus sehr guten Gründen: s. u.!).
Das Thema „Im Gleichschritt Richtung Osten? Die NATO-Osterweiterungsdebatte
zwischen 1990–1999“ erforscht aktuell Hans-Georg Ripken in einer
Dissertation. In einem Überblick über seinen Forschungsansatz
(auch hier; mehr zu seiner Methodik dort) schreibt er:
„Ausgangslage des
Prozesses war der Wunsch der MOE-Staaten auf Mitgliedschaft in der NATO, der
bereits ab 1990 zunächst hinter verschlossenen Türen, später aber auch
zunehmend offen vor allem von Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei, nach 1992
geteilt in die Tschechische und Slowakische Republik, signalisiert wurde. Doch
die NATO-Mitgliedsstaaten lehnten dies zunächst ab. Zwar hatte das Bündnis
schon im Jahr 1990 beschlossen, den osteuropäischen Staaten „die Hand zur
Freundschaft auszustrecken“, doch zunächst schienen keine ernsthaften
Bemühungen zu bestehen, die Allianz nach Osteuropa auszudehnen. Ganz im
Gegenteil: Bei einem Treffen politischer Direktoren der Bündnispartner im März
1991 wurde eine NATO-Mitgliedschaft der MOE-Staaten als „indiskutabel“
bezeichnet.“
In einem Vortrag vom 16.09.25 hat Ripken offenbar seine
bislang gewonnenen Erkenntnisse präsentiert:
„Ripken kommt schließlich zu dem Schluss,
dass die Osterweiterung der NATO kein US-geführter Gleichschritt, sondern ein
Marsch unterschiedlicher Geschwindigkeiten in dieselbe Richtung war, der als
evolutionärer Prozess aus vielen Zwischenschritten bestand. Angestoßen durch
die Sicherheitsinteressen der MOE-Staaten setzten die USA zwar die
Geschwindigkeit des Prozesses, doch auch die europäischen NATO-Staaten hatten
genuin eigene Interessen an der Erweiterung. Hier unterscheidet er in der
folgenden Diskussion auch zwischen einer nicht vorhandenen Führung und einer Vorgabe
der Geschwindigkeit durch die USA: Diese waren zwar ein dominierender Faktor,
aber nicht allein entscheidend oder aufoktroyierend.“
Das Drängen der Osteuropäer (vgl. z. B. auch bei bpb) mag den USA nicht
unwillkommen gewesen sein. Aber wenn man schon vorgibt, die Dinge
wissenschaftlich zu betrachten, dann sollte man nicht mindestens die Hälfte
eines relevanten Sachzusammenhangs unterschlagen. Und weil die ersten
Aufnahmen erst 1999 erfolgten, scheint auch das Thema für die USA bis dahin nicht
wirklich eine hohe Priorität genossen zu haben.
b) Die Russen sind keine
Glasperlenindianer!
Es ist schon strittig, ob es überhaupt
mündliche Zusagen über eine generelle Nichterweiterung der NATO nach Osten gab.
Z. B. hat Mark Kramer das 2009 in seinem Aufsatz „The Myth of a
No-NATO-Enlargement Pledge to Russia” bestritten; entsprechende
Zusicherungen hätten sich lediglich auf das Territorium der (ex-)DDR bezogen.
„Dem Putin-Regime dient Geschichte in
erster Linie als Argument zur Rechtfertigung seiner Politik. Dabei werden
einzelne ‚passende‘ Quellenfunde aus ihrem Kontext gerissen und isoliert zu
einem quasi allgemeingültigen ‚Beweis‘ für die eigene Deutung verabsolutiert.
Veranschaulichen lässt sich diese Vorgehensweise, die jeder seriösen
Quellenexegese Hohn spricht, an Putins bekannter Rede auf der Münchener
Sicherheitskonferenz 2007, wo er die NATO-Erweiterungen anprangerte als ‚provozierenden
Faktor, der das Niveau des gegenseitigen Vertrauens‘ gesenkt habe. Putin
zufolge brach der Westen frühere Versprechen. Als Beleg zitierte er eine Rede
des damaligen NATO-Generalsekretärs Manfred Wörner vom 17. Mai 1990, der
zugesagt habe, ‚NATO-Streitkräfte nicht hinter den Grenzen der Bundesrepublik‘
zu stationieren …. Wer indes die auf der Homepage der NATO verfügbare Rede
nachliest, konstatiert schnell, dass Wörner dort – wie der wohlweißlich nicht
mitzitierte Folgesatz verdeutlicht – ausschließlich eine NATO-Erweiterung um
DDR-Gebiet erörterte … – und eben keinesfalls jedwede künftige
Bündniserweiterung ….
Umgekehrt bieten Äußerungen
westlicher Politiker aus den frühen 1990er Jahren durchaus Anhaltspunkte für
den in Russland früh verbreiteten Eindruck, der Westen habe einseitig den
Konsens über eine Nichterweiterung der NATO verlassen. Erinnert wird dabei
daran, dass in der Ära des Kalten Krieges Konflikte bisweilen durch nicht
verschriftliche, rein mündliche Absprachen gelöst wurden wie etwa 1962 die
Kuba-Krise … . Dieses Argument sollte jedoch nicht übergewichtet werden. Die
sowjetische Diplomatie war hochprofessionell und wusste, dass im Völkerrecht am
Ende nicht mündliche Aussagen einzelner Politiker zählen, sondern vertragliche
Vereinbarungen. Faktum bleibt, dass es im gesamten Vertragswerk zur
deutschen Einheit keinerlei schriftliche Festlegung für eine künftige
Nichterweiterung der NATO gibt. Diese war von der sowjetischen Seite auch nicht
eingefordert worden, anders als im Folgejahr bei freilich gescheiterten Versuchen,
eine solche Klausel in bilaterale Verträge mit den einstigen
Warschauer-Pakt-Staaten aufzunehmen.“
Egal, wer was wann gesagt hat und in welchem
Kontext: Niemand, nicht einmal der US- Präsident, ist in den parlamentarischen
Demokratien des Westens legitimiert, rechtsverbindliche Erklärungen für die
NATO abzugeben. Die Russen sind keine Glasperlenindianer, die wissen das. Wie
sich auch schon daraus ergibt, dass sie entsprechende Klauseln in Verträge
einbauen wollten.
c) Schriftliche Erklärungen
Russlands gelten gar nichts?
Russland hat sich vielfältig verpflichtet,
das Recht souveräner Staaten auf freie Bündniswahl vielfach SCHRIFTLICH
anerkannt. Details z. B. in der Ausarbeitung „Zum Recht auf freie
Bündniswahl – Rechtliche Positionen und Handlungsoptionen im Ukraine-Konflikt
zwischen der NATO, Russland und der Ukraine“ des Wissenschaftlichen
Dienstes des Bundestages vom Januar 2022.
Wer dem Westen den Bruch MÜNDLICHER Zusagen
vorwirft, aber die SCHRIFTLICHEN Anerkenntnisse Russlands verschweigt, ist
nicht um Wahrheitsfindung bemüht, sondern macht ganz bewusst Propaganda für Russland!
d) Der NATO-Russlandrat „wurde
ins Leben gerufen“ – und dann?
50:29
… „Also, es muss auch jetzt mit den Russen gesprochen werden. Wird also der
NATO-Russlandrat ins Leben gerufen, 1997“.
Das
war’s – in Neuhoffs Vortrag. Aber natürlich nicht in der Realität. Vielmehr
wurde, ebenfalls noch im Jahr 1997, die „NATO-Russland-Grundakte“ vereinbart.
Und
da steht doch, potztausend, wahrhaftig was drin! Unter anderem:
- „Zur
Verwirklichung der Ziele dieser Akte verpflichten sich die NATO und Russland
gemeinsam dazu, ihre Beziehungen an folgenden Grundsätzen auszurichten:
- …..
- Verzicht
auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegeneinander oder gegen
irgendeinen anderen Staat, seine Souveränität, territoriale Unversehrtheit oder
politische Unabhängigkeit in einer Weise, die mit der Charta der Vereinten
Nationen oder der in der Schlussakte von Helsinki enthaltenen Erklärung über
die Prinzipien, die die Beziehungen der Teilnehmerstaaten leiten, unvereinbar
ist;
- Achtung
der Souveränität, Unabhängigkeit und territorialen Unversehrtheit aller Staaten
sowie ihres naturgegebenen Rechtes, die Mittel zur Gewährleistung ihrer
eigenen Sicherheit sowie der Unverletzlichkeit von Grenzen und des Selbstbestimmungsrechts
der Völker, wie es in der Schlussakte von Helsinki und anderen
OSZE-Dokumenten verankert ist, selbst zu wählen; …..“
Und
an anderer Stelle:
„Die
Mitgliedstaaten der NATO wiederholen, dass sie nicht die Absicht, keine Pläne
und auch keinen Anlass haben, nukleare Waffen im Hoheitsgebiet neuer
Mitglieder zu stationieren“!
Russland
hatte also auch in dieser Vereinbarung das Recht auf freie Bündniswahl
anerkannt. Und (wegen der Erwähnung „neuer Mitglieder“) der Aufnahme
neuer Mitglieder in die Nato quasi stillschweigend zugestimmt bzw. auf jeden
Fall die Erweiterungsabsicht der NATO ohne Protest zur Kenntnis genommen.
Es ist ja gut und schön, ehrlich und fair
gegenüber Russland zu sein. Aber diese Fairness sollte man doch auch und erst Recht
gegenüber der eigenen Seite praktizieren? Und nicht aus Naivität oder aus Hass
auf das Eigene (bzw. auf die Amis) mit Haut und Haaren der russischen
Propaganda verfallen?!
Völlig inakzeptabel ist es jedoch, gegenüber
den eigenen Bürgern Dokumente mit SCHRIFTLICHEN Vereinbarungen bzw. mit Verpflichtungen der Gegenseite zu verschweigen, die für den westlichen Standpunkt sprechen.
Dies gilt insbesondere dann, wenn man zuvor mündliche Zusagen, die keinerlei
Rechtswirkung entfalten konnten, zugunsten Russlands ins Feld geführt hat.
e) Nach Neuhoffs eigener
Theorie hätten die Russen die Baltenländer ohne den Schutz ihrer
NATO-Mitgliedschaft längst bedrängt oder überfallen
Die
nachfolgenden Zitate erscheinen unten noch einmal in anderem Zusammenhang. An
dieser Stelle beweisen sie, wie die von Neuhoff selber in seinem Vortrag
formulierte Theorie des offensiven Realismus den osteuropäischen Staaten eine
objektive Grundlage für ihren Beitrittswunsch liefert – und warum sie über die
erfolgte NATO-Aufnahme heilfroh sein können:
Demnach wäre es sogar „wissenschaftlich“ zu erwarten gewesen, dass Russland, nach Wiederherstellung
seiner alten Stärke, versuchen würde, seine Nachbarländer wieder zu Vasallen zu
machen.
Aber
bei Neuhoff dient die Mearsheimer-Theorie nicht dem wissenschaftlichen
Erkenntnisgewinn; er funktioniert sie zu einer politischen Waffe gegen die USA
um. Konträre Schlussfolgerungen "seiner" Theorien, selbst wenn sie sich unabweislich aufdrängen,
blendet er souverän aus. Sein Weltbild folgt einer klaren Rollenverteilung: Die
Amis sind die Bösen, die Russen die Lieben, die keiner Fliege etwas zuleide tun
würden – wenn doch die üblen Amis sie nur in Ruhe und Frieden ihrer Wege gehen
ließen!
f) Neuhoffs Assistentenwahl
wirft Fragen auf
Einer von Prof. Neuhoffs Mitarbeitern im
Europaparlament ist Sergej Erler. Dieser hat 2013 eine Studienarbeit verfasst u. d. T.
„Die NATO im Wandel. Eine sozialkonstruktivistische Analyse der NATO-Osterweiterung“.
Die ist als Buch erschienen (auf der „GRIN-“Verlagsseite eine Übersicht Bücher). Lt. Inhaltsbeschreibung bei Amazon kritisiert er diese
Osterweiterung mit der Unterstellung: "Die transformierte
sicherheitspolitische Internationale Organisation - die NATO, trägt durch die
eigene Erweiterung um die Mitgliedstaaten des ehemaligen Ostblocks zu einer
neuen Konfrontation anstatt zur Sicherheit in Europa bei.“
Das entspricht dem Standpunkt der russischen
Regierung; die Baltenländer, Polen usw. sowie mittlerweile auch Finnland und
Schweden sind dagegen sicher froh, dass die NATO sie vor möglichen russischen
Übergriffen schützt (vgl. auch oben!).
Über diesen Sergej Erler gibt es zwei Artikel auf dem
Portal CORRECTIV:
„CORRECTIV“ ist ein AfD-Hasser-Portal
und insoweit eine mediale Dreckschleuder (vgl. meine damaligen Blogeinträge). Speziell Jean Peters wurde sogar
extra als Experte für „gutes Schreiben“ engagiert, um in dem berüchtigten
CORRECTIV-Bericht über eine Informationsveranstaltung in Potsdam Substanz durch
Suggestion zu substantiieren. An diesem Treffen hatten neben AfD- auch
CDU-Mitglieder teilgenommen; unter anderem, aber beileibe nicht nur, ging es
dort um das Thema „Remigration“.
Zwischen dem Ereignis und dem Bericht
vergingen Wochen. Die lange Bearbeitungsdauer resultiert daraus, dass die
Fakten selber keine ausreichende Grundlage für das von Ziel lieferten, die gutgläubige
deutsche Öffentlichkeit zu einer Hasswelle gegen die AfD auf die Straßen zu
peitschen. Der Text musste also so hingepfriemelt werden, dass bloße
Unterstellungen von den Lesern als Fakten wahrgenommen wurden – und ein
derartiger KAMPAGNENJOURNALISMUS braucht halt seine Zeit. Mit dieser Masche (der
Joseph Goebbels neidvoll applaudiert hätte) war CORRECTIV leider erfolgreich:
Viele Medien (die sogenannten „Öffentlich-rechtlichen“ vorneweg!) sind
drauf reingefallen (und wurden später vor Gericht erfolgreich abgemahnt). Und
zahllose gutgläubige Bürger fielen ebenfalls drauf rein und demonstrierten
gegen die AfD.
Derselbe modus operandi, Fakten, vorsichtig
gesagt, zu „überinterpretieren“, zeigt sich auch in den o. a. Artikeln
über Erler. So etwa bei Peters, wenn er
den CDU-MdB Roderich Kiesewetter mit der logikfernen Behauptung zitiert:
„Durch die Beschäftigung einer Person wie
Erler an zentralen sicherheitspolitischen Stellen im EU-Parlament dient die AfD
beziehungsweise ihr Abgeordnete Neuhoff russischen Interessen … . Dabei spiele
es keine Rolle, ob es sich bei Erler um einen russischen Agenten handele oder
nicht“.
Doch allem berechtigten Misstrauen gegen
CORRECTIV zum Trotz stimmt EINE Passage äußerst bedenklich, in welcher
Peters Tatsachen benennt, die von Erler offenbar nicht bestritten werden:
„Es gibt Hinweise darauf, dass Erler parallel
zu seiner Karriere bei der OSZE mehrere Online-Identitäten nutzte. Auf Telegram
und VK fanden sich unter einem Profil mit dem Namen ‚Sergej Olkhov‘ Bilder von
seiner Masterarbeit, seines angeblichen Diplomatenpasses und seinem Treffen mit
Jeff Monson. Einmal postet der Account ein Bild von Erler auf dem Roten Platz
in Moskau, Erler darauf verkleidet in russischem Nationaltrikot. Recherchen von
Open-Source-Analysten bewerten weitere forensische Details gegenüber CORRECTIV
als Bestätigung, dass dieser Account und ein weiterer namens ‚Siggi Borovik‘
von Erler stammen. All das sind allerdings nur Hinweise, die nicht als feste
Belege gelten können. Auf Anfrage, ob diese Profile zu ihm gehörten, schreibt
Erler gegenüber CORRECTIV, er nehme sein ‚Recht auf freie Meinungsäußerung
gemäß Art. 5 GG wahr‘.
Während seiner OSZE-Mission
von 2015 bis 2022 blieben diese Profile in mehreren russischen
Online-Netzwerken aktiv und teilten Inhalte, die sich mit der offiziellen Linie
des Kremls decken.
Zu diesen Profilen schreibt
er auf CORRECTIV-Anfrage: ‚Private Meinungsäußerungen in sozialen Medien,
soweit sie von mir stammen, stellen keine Illoyalität oder gar strafbares
Verhalten dar. Die Gleichsetzung politischer Kommentare mit angeblicher
,Desinformation‘ oder ,Spionage‘ weise ich als unbegründet zurück‘.“
Hier drängt sich schon die Frage auf, ob sich Erler
nicht möglicher Weise seinem Herkunftsland immer noch weitaus enger verbunden fühlt als
seiner neuen Heimat. Was zwar als solches weder strafbar wäre, noch eine
Agententätigkeit voraussetzen müsste. Aber allemal eine patriotische Loyalität
zu einem anderen Land als Deutschland indizieren würde (wie man sie ja auch
unter islamischen Einwanderern nicht selten antrifft). Und ihn damit nicht als geeigneten Mitarbeiter für einen Abgeordneten der angeblich doch so superpatriotischen AfD erscheinen lässt.
Dass der seinerzeitige ukrainischen
Präsident Janukowytsch am 21.11.2013 die Unterzeichnung des
Assoziierungsabkommens der Ukraine mit der EU überraschend verweigerte (womit
er den „Euromaidan“ entfachte), hat der Antragsverfasser in seinem Vortrag in Schnellroda so begründet (1:08:28): Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Wollte man das als korrekte und vollständige
Beschreibung der Hintergründe akzeptieren, müsste man die damalige ukrainische
Regierung für ausgesprochen doof halten. Wusste Janukowytsch das alles nicht
vorher? Warum hat er sich dann überhaupt auf ein solches Abkommen eingelassen?
Freilich: Dass der Westen (hier: der IWF)
der Ukraine (1:09:01) „strikte Bedingungen zur innerstaatlichen Reform“
auferlegte, „um die nötigen 17 Milliarden Euro als Kredit zu erhalten um den
ukrainischen Staatshaushalt wieder flüssig zu machen“: Das ist natürlich was
ganz, ganz Böses; das geht ja mal gar nicht, dass die Ukraine Subventionen
abbauen, marktwirtschaftliche Reformen einführen und die Korruption bekämpfen
soll (zumal doch der damalige Präsident Janukowitsch der Oberkorrupte war)!
Jedenfalls erweckt der Vortragende den Eindruck, dass er über die
Reformforderungen empört ist.
Wie brüderlich–liebevoll behandelt dagegen
Wladimir Putin die Ukraine (1:09:14): „Gleichzeitig bietet Putin eine
deutliche Reduzierung der Energiepreise an und einen Kredit ohne besondere
Bedingungen von 16 Milliarden Euro. Janukowytsch entscheidet sich für Russland.“
Wer würde da nicht dem Wladi willig in die Arme fallen?
[Behauptung]
„The Agreement with the European Union would prevent Ukraine from joining
the Customs Union between the Russian Federation, Belarus and Kazakhstan”.
[Fakt]
“NOT TRUE. In fact, … if … Ukraine wanted to maintain independent
preferential trade relations with both the EU and the Customs Union, this would
still be possible, through the establishment of Free Trade Areas. The Agreement
was meant to do just that: to leave Ukraine free to determine its own trade
policy.”
„Einen knappen Vorsprung in
Meinungsumfragen haben diejenigen, die sich eine Annäherung an die EU wünschen.
55 Prozent stimmten in einer repräsentativen DW-Umfrage im Juli 2013 für die
Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU noch in diesem Jahr. 49
Prozent sprachen sich für eine Zollunion mit Russland aus. Die Zahlen legen
nahe, dass sich manche Ukrainer beides wünschen. Doch Moskau lehnt das ab:
Die Ukraine könne nicht auf zwei Stühlen sitzen.“
Nachdem der Antragsverfasser seinen Vortrag offenbar
nicht öffentlich verschriftlicht und mit Quellenangaben versehen hat, können
wir diese Frage nicht mit seiner Informationsbasis abgleichen. Jedenfalls
dürfen wir Zweifel an seiner Behauptung hegen, die EU habe der Ukraine „keine
Zollfreiheit im Warenverkehr mit Russland“ zugestehen wollen. Zumal, wie
gesagt, die Ukraine das ja doch vorher gewusst haben müsste und keineswegs erst
unmittelbar vor Vertragsunterzeichnung mit Erstaunen entdeckt hätte.
Doch was immer insoweit Fakt sein mag: Völlig
unbestreitbar verschweigt der Vortragende Vorgänge, die sich im Vorfeld der
verweigerten Vertragsunterzeichnung zugetragen haben und die „Mütterchen Russland“
in ein äußerst schlechtes Licht rücken. Denn anders als es die Darstellung des
Antragsverfassers in seinem Schnellrodaer Vortrag suggeriert, hat Putin der
Ukraine keineswegs nur das Zuckerbrot gereicht. Vielmehr hat er ihr massiv die
Folterwerkzeuge gezeigt.
Darüber berichteten z. B. folgende Artikel
· Sehr umfassend und auch Putins Druck auf andere Nachbarländer schildernd
ist schließlich: „Kalt, skrupellos –
erfolgreich?“, SPIEGEL 15.12.2013. Die nachfolgende Passage erläutert auch auch die Motivation
der Ukrainer für den „Aufstand“ des Euro-Maidan: „Als Kiew 2004
das erste Mal auf die Barrikaden ging und die Orange Revolution begann,
protestierte das Volk gegen Wahlbetrug. Ob Männer oder Frauen wie Juschtschenko,
Timoschenko oder Janukowitsch an der Spitze der Ukraine standen, war Moskau
letztlich egal. Es waren Repräsentanten verschiedener Clans, die untereinander
um die Führung im Land kämpften – mit denen konnte man sich mehr oder weniger
einigen. Jetzt aber stehen Leute auf dem Maidan, die sich um ihre europäische
Hoffnung betrogen fühlen – weil ihre Führung sich von Russland kaufen ließ. Die
von Europa träumen als einem Synonym für Demokratie und Ehrlichkeit, für
ein Ende von Willkür und Korruption, für Selbstbestimmung. Moskaus plumper
Druck auf Kiew habe die Lage verändert, sagt der russische Politologe Wladislaw
Inosemzew: Der ukrainischen Gesellschaft gehe es nun nicht mehr darum,
welche Figur aus der Elite des Landes gerade an der Spitze stehe, sondern darum,
wohin das Land marschiere. Dieser Herbst habe die Zahl der proeuropäischen Ukrainer
sprunghaft erhöht.“
Entsprechend liest man das auch in anderen Quellen: Nicht die EU
als solche interessierte die Ukrainer; vielmehr hatten sie die Korruption, die
unter dem Janukowitsch-Regime noch schlimmer betrieben wurde als jemals vorher,
sowie den weiteren Abbau von Transparenz und Rechtsstaat (vgl. dazu z. B.
Andrew Wilson, Ukraine Crisis, 2014, S. 49 ff.; äußerst detailliert zu
den Mechanismen der Korruption S. 53 ff.) gründlich satt.
Mit welcher Zielsetzung verschweigt also der
Vortragende die Tatsache, dass
a) Russland massiven Druck auf die Ukraine
ausgeübt hat, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen und
dass
b) eben dieser Druck ein wesentlicher Grund
dafür war, dass die ukrainische Regierung nicht unterzeichnet hat?
Der erste Grund ist unmittelbar evident:
Russland soll nicht in einem schlechten Licht erscheinen. Auch in zahlreichen
anderen Passagen des Vortrages stellt der Redner ja den Westen (subtil) stets
als den Bösen dar und Russland als das (manchmal geschwächte, manchmal
naive) Opfer westlicher (speziell amerikanischer) Machenschaften.
Der andere Grund ist weniger offensichtlich,
aber wahrscheinlich weitaus wichtiger. Der Redner gibt sich jede erdenkliche
Mühe, die Perspektive seiner Hörer auf die rein militärische Dimension zu
verengen: Die USA hätten die Ukraine immer mehr an die NATO herangeführt und
Russland habe um seiner Sicherheit willen praktisch gar nicht mehr anders
gekonnt, als sozusagen zurückzuschlagen. Tatsächlich weiß der Antragsverfasser sehr
gut, dass Putins Russland keineswegs mit einer bloßen Neutralität der Ukraine
zufrieden wäre. Für Putin geht es darum, dieses Nachbarland fest in die
russische Einflusssphäre einzuzementieren. In indirekter Form hatte der
Sprecher das in seinem Vortrag sogar selber konstatiert und implizit gebilligt.
An einer Stelle, wo es oberflächlich um die Begründung seiner Unterscheidung
zwischen „Ukraine-Krieg“ und „Ukraine-Konflikt“ geht, sagt er
nämlich (1:33 ff.): „Ukraine Konflikt betrifft den Versuch des
US-geführten Westens, die Ukraine aus der russischen Einflusssphäre herauszulösen,
sie in die westliche Einflusssphäre einzugliedern. Und den Widerstand, den Russland
dem entgegengestellt hat: Das ist der Ukraine Konflikt.“
Mit diesen Formulierungen macht der Redner deutlich,
dass er die Souveränität der Ukraine nicht akzeptiert und das größte
rein europäische Land jetzt und immerdar dazu verdammen will, Moskaus Vasall zu
bleiben. Dass das ein eklatanter Verstoß gegen die im AfD-Grundsatzprogramm (Kap. 1 Abs. 1) normierten Prinzipien von Staatensouveränität und Selbstbestimmung der Völker
ist, liegt auf der Hand. Als Mitglied der Bundesprogrammkommission kann er
sich auf Unkenntnis dieses AfD-Grundsatzprogramms nicht berufen. Aber anscheinend darf man nicht alle schönen Worte AfD-Grundsatzprogramm ernst nehmen. Zumindest die AfD-Putinisten tun das jedenfalls nicht.
Freilich täuscht Neuhoff in seinem Facebook-Posting vom
30.01.2025
die Möglichkeit einer glücklich zwischen den Blöcken lebenden Ukraine vor.
Auszug (im Layout von mir verändert):
„Die Ukraine steht militärisch mit dem
Rücken zur Wand und wird diesen Krieg verlieren! Man muss das nicht schön
finden. Man muss aber mit dieser Realität leben. Dazu zählt, sich mit Putins
Bedingungen für einen Waffenstillstand auseinanderzusetzen.
- Erstens: Kein NATO-Beitritt
der Ukraine.
- Zweitens: Die annektierten Gebiete Luhansk, Donezk, Saporischschja
und Cherson sowie die Krim verbleiben bei Russland.
- Im Sinne eines dauerhaften
Friedens sollte auch ein EU-Beitritt vom Tisch sein.
Als ‚Schweiz Osteuropas‘
könnte die kriegsgebeutelte Ukraine dann dem Spannungsfeld der Großmächte
endlich entfliehen … .“
Dass die Ukraine in Wahrheit niemals „dem
Spannungsfeld der Großmächte … entfliehen“ kann, weiß Neuhoff dagegen, wie oben
gezeigt, sehr genau. Sicher kann die Ukraine militärisch neutral werden und
wäre dann INSOWEIT mit der Schweiz vergleichbar. Aber die Schweiz ist (wie auch
Österreich) in allen anderen Belangen fest in die westliche Welt eingebunden –
und insbesondere auch mit der EU assoziiert. Das ist eine der Voraussetzungen
für Wohlstand und Wohlergehen der Schweiz, die weitgehend korruptionsfrei und
(im Rahmen des Menschenmöglichen) eine untadelige Demokratie (insoweit übrigens
sogar Vorbild für die AfD: Ziff. 1.1 Grundsatzprogramm!) ist. ALLES das
unterscheidet sie von der „alten“ Ukraine – und alles das ist für Putin in
einem so großen Land, das lange Landgrenzen mit Russland hat und zahlreiche
verwandtschaftliche Bindungen nach Russland, völlig inakzeptabel. Wo käme denn sein
Despotenregime hin, wenn seine Untertanen feststellen müssten, dass man in
einem wahrhaft demokratischen und rechtsstaatlich organisierten Land sowohl
wirtschaftlich besser als auch glücklicher leben kann als unter einem
kleptokratischen Autokraten?
Bislang spricht absolut gar nichts dafür, dass Putin
eine unabhängige Ukraine tolerieren würde. Doch solange die Ukraine im
russischen Einflussbereich gefangen ist, wird sie nicht florieren. Und nein,
zwischen beiden Welten zu stehen reicht auch nicht: Nur wenn die Ukraine in den
Westen eingebunden wird (und der den dortigen Politikern ständig Druck macht,
die Korruption zu bekämpfen), hat sie eine Chance, auch wirtschaftlich auf
westliches Niveau aufzusteigen. Aber das Schicksal der Ukraine ist dem Prof. Neuhoff gleichgültig; dem geht es "bestenfalls" darum, wie Deutschland wieder mit Russland ins Geschäft kommen kann - gerne auch über die Leichen der Ukrainer hinweg. Und schlimmstenfalls einzig und allein darum, Russland die Ukraine - territorial bzw. als exklusive Einflusssphäre - zuzuschanzen.
Tatsächlich liegt es keineswegs im deutschen
Interesse, (pro-)russische Hetze gegen die Ukraine weiterzuverbreiten.
Genau das aber tut der Antragsverfasser in
dem o. a. Facebook-Posting, indem er die ukrainische Regierung als „Selenskyj-Regime“
verunglimpft. Wer so gegen die Ukraine hetzt, der ist kein ehrlicher Makler,
sondern ein Ukrainehasser, der, aus welchen Gründen auch immer, fest auf Putins
Seite steht.
„Die USA haben lange Zeit gewissermaßen
als zweite und in der Tiefe wirkende Schiene, also neben der Hard Power die
Softpower-Schiene, die zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Ukraine
aufgebaut bis 2013. Victoria Nuland hat es offen ausgesprochen: Bis 2013,
November 2013 sind 5 Milliarden Dollar in diese Organisationen gegangen.“
Das ist dummes Zeug.
Rein überschlägig berechnet: Verteilt man
die 5 Mrd. USD auf (grob) 25 Jahre, dann hätten die USA im statistischen
Durchschnitt 200 Mio. USD jährlich gezahlt, entsprechend aktuell ca. 170 Mrd. €
pro Jahr. Das wiederum ist etwa derselbe Betrag, den die deutsche Bundesregierung
2023 für die Meinungsmache (im Wesentlichen für die verfassungswidrig
steuerfinanzierte Hass- und Hetz-Agitation der „Zivilgesellschaft“ gegen die AfD) tatsächlich ausgegeben hat: „Für das Haushaltsjahr 2024 hat der
Haushaltsgesetzgeber für das Bundesprogramm ‚Demokratie leben!‘ 182 Millionen
Euro zur Verfügung gestellt. Ausgereicht wurden Haushaltsmittel in Höhe von
171,8 Millionen Euro“ war am 18.08.2025 auf der Webseite des
Bundestages
zu lesen. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die Geldeinheit 2023 deutlich
weniger wert war als vor 30, 20 und selbst noch vor 10 Jahren. Wer also auch
nur ein Mindestmaß an fiskalischem Dimensionsverständnis hat, begehrt (innerlich) sofort: „Das kann nicht sein, es muss sich um russische Propaganda
handeln mit dem Ziel, die Demonstranten des ukrainischen ‚Euromaidan‘ als
amerikanische Marionetten anzuschmieren“. Zumal man sich ja auch noch fragen
müsste, ob die USA denn gar keine reguläre Entwicklungshilfe gezahlt haben?
Auch das wäre extrem unwahrscheinlich.
Wer sich also wissenschaftlich seriös mit
der Ukrainefrage beschäftigt, der plappert nicht unbesehen russische Propagandalügen nach. Sondern recherchiert zunächst, was es mit diesen 5
Milliarden USD tatsächlich auf sich hat.
Bereits am 17.05.2015 hatte die ZEIT zu
genau dieser Frage einen Artikel veröffentlicht: „Haben die Amis den Maidan
gekauft?“
Untertitel: „Die USA gaben in der Ukraine über Jahrzehnte Milliarden aus.
Wohin floss das Geld?“. Im Text erfährt man: „Im Jahr 1992 wurde USAID auf Einladung
der damaligen Regierung in der Ukraine aktiv, so wie auch in Russland, in Georgien
und in vielen anderen postsowjetischen Ländern. ‚Wir dachten damals, dass wir
höchstens 20 Jahre hier sein würden und dann würde hier alles blühe‘, erinnert
sich [Ann Marie] Yastishock [die stellvertretende Leiterin von USAID
in der Region]. Amerika hat in dieser Zeit mit viel Geld Projekte gefördert,
mit denen die Demokratie entwickelt werden sollte: Antikorruptionsgruppen,
Wahlbeobachtungen, Expertise für Abgeordnete. Weitaus mehr Geld hat es
allerdings für Gesundheitsprojekte, Umweltprojekte und wirtschaftliche
Entwicklung ausgegeben. Aber die Zuwendungen werden seit Jahren weniger.
Waren es 2011 noch 195,6 Millionen Dollar, schrumpfte die Summe 2014 auf 86,1
Millionen. Erst für 2015 wurde sie wieder etwas aufgestockt.“
Zudem gibt es eine Broschüre „Ukraine: Current Issues and
U.S. Policy“, im Januar 2017 vom Wissenschaftlichen Dienst („Congressional
Research Service“) der beiden amerikanischen Parlamentskammern
herausgegeben. Dort erfährt man (auf S. 37): „According
to the U.S. Agency for International Development (USAID) ‘Greenbook’ website,
the United States obligated over $4 billion in aid to Ukraine from FY1990
through FY2012.10”.
Also 4 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe für die Haushaltsjahre 1990
bis 2012; im Jahr 2013 sind sicherlich noch ein paar Kröten hinzugekommen. Vermutlich hat Victoria Nuland aus dem Gedächtnis zitiert, oder sie hat
großzügig aufgerundet, um „anzugeben“: Das eine wie das andere wäre eine
plausible Erklärung für die Differenz zwischen vier und fünf Milliarden. So oder so ändert die "fehlende Milliarde" aber absolut gar nichts daran, dass der Großteil dieser Unterstüzungsleistungen reguläre Entwicklungshilfe war.
Warum wollte Nuland möglicher Weise mit der
Höhe der amerikanischen Hilfe „angeben“?
Nun, ganz korrekt ist der ZEIT-Bericht
leider auch nicht. Die fragliche Äußerung hat Nuland nämlich NICHT intern in
dem berühmt-berüchtigten „Fuck the EU“-Telefonat mit dem amerikanischen
Botschafter in Kiew gemacht, sondern öffentlich auf einer Konferenz einer
amerikanisch-ukrainischen NGO „U.S.-Ukraine Foundation“. Auf der Webseite des US-Außenministeriums ist der Redetext mit der Ortsangabe "Washington" und dem Datum 13.12.2013 eingestellt; anscheinend hat sie die Rede also an diesem Tag in Washington gehalten; jedenfalls ist der 13.12.13 der spätestmögliche Zeitpunkt ihrer Ansprache).
“Since
Ukraine’s independence in 1991, the United States has supported Ukrainians as
they build democratic skills and institutions, as they promote civic
participation and good governance, all of which are preconditions for Ukraine
to achieve its European aspirations. We’ve invested over $5 billion to assist
Ukraine in these and other goals that will ensure a secure and
prosperous and democratic Ukraine.”
Zugegeben: Bei oberflächlicher Lektüre kann
man diese Formulierungen tatsächlich dahin gehend missverstehen, als hätten die
USA diese Gelder weitestgehend für, sagen wir, „Demokratiepropaganda“
ausgegeben. Aber, wie oben gezeigt: Das ist nicht nur falsch, sondern für jeden kritischen Beobachter von vornherein unplausibel; kein wirklich neutraler Beobachter bzw. Kommentator übernimmt unbesehen eine solche von vornherein absurde Lesart.
[Noch weitaus absurder ist die Vorstellung, dass die 5 Milliarden dazu gedient hätten, den "Euromaidan" zu finanzieren.Neuhoff behauptet das zwar nicht; wohl aber die russische Propaganda. Und tatsächlich durchwabert diese wahnhafte Vorstellung auch zahlreiche Hirne einfältiger "Westler" (sicher nicht nur in Deutschland!). Das ist schon deshalb Unsinn, weil Nuland diese Zahl am - oder jedenfalls nicht später als dem - 13.12.2013 genannt hat. Zu diesem Zeitpunkt stand der "Euromaidan" noch ganz in den Anfängen; die weitere Entwicklung war gar nicht absehbar. Trotzdem soll Amerika ALLEIN SCHON BIS DAHIN 5 Milliarden Dollar ZUR FINANZIERUNG DES EUROMAIDAN rausgehauen haben? Wer das glaubt, der glaubt auch an den Weihnachtsmann!]
„Die USA und auch die Bundesrepublik
Deutschland haben in der Ukraine ein faschistisches Regime errichtet, das zum
Krieg gegen Russland geeignet und bereit ist und von ihnen dazu aufgerüstet und
in Abhängigkeit gebracht wurde. Swoboda, Rechter Sektor und andere
faschistische, zutiefst antisemitische und antirussische Organisationen
wurden hochgezüchtet und mit dem Maidan-Putsch 2014 an die Macht
gebracht, um einen Staat aufzubauen, der den Krieg gegen Russland führt.
Diese Thesen sind
keineswegs gegen die Ukraine gerichtet – im Gegenteil: Wir treten für die
antifaschistische Befreiung der Ukraine von den von der NATO aufgebauten
Bandera-Faschisten ein. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass die ukrainische
und die russische Nation wieder friedlich und miteinander leben können. Wenn
die NATO-Offiziere, CIA-Agenten und Think-Tanks aus der Ukraine rausgeworfen
wurden, wenn die Bandera-Ideologie und ihr faschistischer Terror besiegt sein
wird, werden die Menschen wieder friedlich miteinander leben können.
Die NATO setzt ihre
Aggression fort und hat begonnen, mit weitreichenden Raketen russisches Kernterritorium
anzugreifen.“
Ähnlich hetzt Neuhoff gegen den Westen bzw.
gegen Europa als „Kriegstreiber“. Doch auch wenn man kein Fan der Ursula von der Leyen und Konsorten ist: Als AfDler molto con
brio auf Putins antieuropäischen Propagandazug aufzuspringen, der vdL mittlerweile mit Hitler
gleichsetzt,
ist weder anständig noch klug. Denn wie z. B. auch die USA in Afghanistan
leidvoll erfahren mussten, ist der Feind meines Feindes noch längst nicht
unbedingt mein Freund.
Die Argumente Neuhoffs und der o. a.
Linksradikalen sind zwar nicht identisch, aber doch einander so nah wie die
beiden Enden eines Hufeisens. Erklärt sich diese zunächst verblüffende
Nähe der außenpolitischen Anschauungen daraus, dass in Hufeisen Pferdefüße stecken?
„In der geopolitischen Auseinandersetzung
zwischen den beiden Blöcken ist der ‚Westen‘ der ursprüngliche Aggressor, der
seit über drei Jahrzehnten mit der NATO- und EU-Osterweiterung entgegen
historischer Absprachen, der einseitigen Aufkündigung von Rüstungsbegrenzungsverträgen
usw. aggressiv gegen Russland vorgeht“.
Die Behauptung „entgegen historischer
Absprachen“ ist zwar weitestgehend falsch; sie entspricht jedoch dem, was
auch Prof. Neuhoff in seinem Schnellrodaer Vortrag vom Sommer 2022 in
Schnellroda suggeriert hat.
„Der Euromaidan ist bisher
in der Wissenschaft nicht aufgearbeitet“ sagte der Vortragende bei ca. Min. 1:09:35. Doch
nur wenig später (1:11:12 ff.) „weiß“ er ganz genau:
„… im Dezember 2013 ist es soweit: Die [Demonstrations-]Maschinerie
wird angeschoben und es ist belegt, dass die USA im Hintergrund die Fäden
ziehen“.
Der „Euromaidan“ (auch: „Revolution
der Würde“) hatte tatsächlich bereits am 21.11.2013 begonnen; allerdings
heißt es in der Wikipedia: „Die Proteste nahmen
ab dem 1. Dezember 2013 Massencharakter an“. Das geschah jedoch nicht, weil
sich die USA da reingehängt hätten, sondern weil „einen Tag zuvor friedliche
Studentenproteste durch die Spezialeinheit Berkut der ukrainischen Polizei mit
exzessiver Gewalt auseinandergetrieben worden waren“. Weiter erfahren wir:
„Die dritte und bis dahin größte Protestwelle ereignete sich in Kiew am 8.
Dezember. Mindestens 500.000 Menschen demonstrierten an diesem Tag auf dem
Majdan“.
Dass die USA (also hunderte oder tausende von hypothetischen US-Agenten)
500.000 Ukrainer dazu gebracht haben sollten, zu demonstrieren: Das klingt
geradezu abenteuerlich. Eine Operation dieses Ausmaßes wäre nicht geheim
geblieben; das eine oder andere Indiz wäre bei einer solchen Großoperation
durchgesickert.
Tatsächlich hatte sich Victoria Nuland am 10.12.2013 auf den
Euromaidan begeben und dort (neben Lebensmitteln) zweifellos auch Zuspruch an die Demonstranten
verteilt. Doch dieses Ereignis erwähnt der Vortragende nicht einmal; es spricht
auch tendenziell gegen seine Darstellung, dass die USA „im Hintergrund die
Fäden“‘ gezogen hätten. Denn Strippenzieher ziehen es üblicher Weise vor,
UNSICHTBAR zu bleiben.
Vielmehr soll als Beleg dafür, dass die USA
im Dezember 2013 „die Maschinerie … angeschoben“ hätten, ein Telefonat
von Victoria Nuland mit dem amerikanischen Botschafter in der Ukraine
herhalten, das zugleich belegen soll, dass die USA auch später noch „die
Fäden gezogen haben“. EIN EINZIGES Telefongespräch als beweiskräftige
Allzweckwaffe dafür, dass die Amis vom Euromaidan bis zur Präsidenten-Absetzung
das politische Geschehen in der Ukraine gesteuert haben! Und das, obwohl in dem
bekannt gewordenen Text weder direkt noch indirekt eine Beeinflussung des
Euromaidan oder Pläne für einen Sturz des ukrainischen Präsidenten angesprochen
werden. Diesen Inhalt fantasiert sich Neuhoff kurzerhand selber zusammen.
Das fragliche Telefonat wurde am 04.02.2014 auf YouTube veröffentlicht; tatsächlich muss es bereits am
Sonntag, 26.01.2014, stattgefunden haben (dazu im nächsten Abschnitt). Somit
hat es schon chronologisch nichts mit Vorgängen im Dezember 2013 zu tun, die auch
nicht einmal andeutungsweise erwähnt werden. Die verquirlte Scheinbeweisführung
des Redners mit zusammenhanglosen Fakten dafür, dass die
Euromaidan-Demonstrationen im (oder seit) Dezember 2013 von den USA gesteuert
worden wären, ist von Wissenschaft so weit entfernt wie die Sonne vom Mond –
oder wie der Ukrainehass (s. u.) des Antragsverfassers von den Vorgaben des AfD-Grundsatzprogramms! Nur in der Propaganda ist es ganz normal, zusammenhanglose
Ereignisse so darzustellen, als ob sie doch etwas miteinander zu tun hätten. Auf
welche Weise seine faktenfernen Agitprop-„Argumente“ deutschen Interessen
dienen sollten: Das müsste der Antragsverfasser erst noch nachweisen!
Nun zum Inhalt und zum theoretischen
Beweiswert des vorerwähnten Telefonats.
Vorab Links zu und Auszüge aus einigen
Medienmeldungen der damaligen Zeit, die den HINTERGRUND des Telefongesprächs
beleuchten:
„Länder-Analysen“ zur Lage in der Ukraine
am Samstag, 25.01.2014: „In einem überraschenden Schritt bietet
Präsident Wiktor Janukowytsch Oppositionspolitikern Schlüsselposten in der
Regierung an. Arsenij Jazenjuk könnte Premierminister, Witalij Klitschko
Vize-Premier werden. Wiktor Janukowytsch bietet an, möglicherweise zur
Verfassung von 2004 zurückzukehren. Bei dem Treffen zwischen Janukowytsch und
den Oppositionspolitikern wird außerdem vereinbart, die Straßen Kiews
schrittweise wieder freizugeben.“
dito 26.01.2014: „Arsenij Jazenjuk,
Vorsitzender der Fraktion der größten Oppositionspartei Vaterland, gibt an,
dass er und Witalij Klitschko noch nicht über das Angebot des Präsidenten
entschieden haben, nach dem sie die Führung der Regierung bekleiden könnten.
Die Entscheidung werde die jeweilige Partei treffen.“
Merkur vom 07.02.2014 über das Telefonat: „Offen
sprechen sie über den mittlerweile gescheiterten Versuch von Präsident Viktor
Janukowitsch, die Oppositionsführer Arseni Jazenjuk und Vitali Klitschko in die
Regierung zu holen.“ [Also nicht etwa einen der beiden zum neuen Präsidenten zu machen! - Meine Hervorhebung.]
EURACTIV, das den Sonntag, 26.01.2014
als Gesprächsdatum vermutet (zu Recht: s. u.), berichtet am 07.02.2014 über
das Telefonat und über die Entwicklungen in der Ukraine u a.: „The
planned government reshuffle had seen Arseny Yatsenyuk, the leader
of the Batkivschchyna party of former Prime Minister Yulia Tymoshenko, being
offered the job of prime minister. Vitaly Klitschko, a former international
boxing champion, was offered the job of deputy prime minister.
Nuland
said she did not think that Klitschko should be in government. She said that
“Yatse”, meaning Yatsenyuk, “is the guy” to be prime minister [also Ministerpräsident, nicht etwa Präsident: Das wollte Yatsenyuk natürlich selber bleiben!], while Klitschko,
from the outside, should keep the unity of the opposition. Klitscko working
under Yatsenyuk is not going to work, she said.
Both
diplomats also exchanged concerns over the third opposition leader, Oleh
Tyahnybok, who heads the nationalist Svoboda party. The ambassador advised
Nuland not to talk with the three leaders, but only to Klitschko.”
Über die anschließende weitere Entwicklung
erfahren wir:
„Both
Yatsenyuk and Klitschko have turned down the proposals to join the government,
which is led by Serhiy Arbuzov, a close associate of the president, Viktor
Yanukovich.”
TAGESSCHAU, 07.02.2014: „Hinter
vorgehaltener Hand hatte es in Washington seit langem Kritik an der behäbigen
Reaktion der EU auf die Entwicklungen in Kiew gegeben: Die EU habe es versäumt,
die Ukraine frühzeitig mit attraktiven Angeboten stärker an sich zu binden. Dem
Druck Putins habe Europa zu wenig entgegen gesetzt. Zu soft und zu
unentschlossen habe die EU agiert. Und dass die US-Regierung vom
Wunschkandidaten der Europäer, Vitali Klitschko, wenig hält, ist nun auch
bekannt.“
Was u. a. hinter der amerikanischen Kritik
an der EU steckt, beleuchtet die WELT am 07.02.2014 etwas näher: „Die USA hatten schon vor Wochen
Sanktionen wie die Aufhebung der Visa bestimmter ukrainischer Politiker
beschlossen, unter ihnen Innenminister Vitali Sachartschenko. Damit wollte
Washington ein Zeichen setzen gegen das überharte Vorgehen gegen die
Oppositionellen. Die EU hat bislang noch keine vergleichbaren Schritte
beschlossen, sondern lediglich den Bedarf für weitere Beratungen reklamiert.“
Wichtig ist in diesem Bericht auch der
Hinweis:
„Das Telefonat zwischen Nuland und Pyatt
ist offenkundig nicht in ganzer Länge ins Netz gestellt worden, das ergibt sich
schon aus dem Fehlen der Begrüßungsformeln.“
Ebenfalls am 07.02.2014 hieß es in der WELT: „Nulands harsches
Urteil ist in der Wortwahl rustikal. Ihre Frustration über Europa lässt sich
aber durchaus nachvollziehen.“
Detaillierter zu den europäischen Sanktionen
ist ein bpb-Artikel vom 13.03.2014.
Der SPIEGEL fand am 07.02.2014 die
zurückhaltendere Politik der Europäer gar nicht so schlecht.
„Wer das Telefonat abhört und ins Netz
stellt - vermutlich die ukrainische Regierung, die russische Regierung oder
einer ihrer Nachrichtendienste - bestärken das allgemein wabernde Gefühl, dass
die USA schäbig mit Europa umgehen.
Eine Deftigkeit reicht
deswegen als Beleg, weil sich die wenigsten die Mühe machen werden, die
Umstände zu verstehen, die Nuland zu dieser sehr körperlichen
Handlungsanleitung veranlasst haben.“
Und manche, wie z. B. Prof. Neuhoff, gerieren sich als profunde Sachkenner, machen sich aber nicht einmal die Mühe,
jene Vorgänge zu identifizieren, die damals ganz konkret Gegenstand des
Telefonats waren. Denen reicht es, dass Janukowitsch etwa vier Wochen später
gestürzt wurde und dass Jazenjuk wenig später Ministerpräsident wurde: und
schon zaubern sie ihre antiamerikanische Verschwörungstheorie aus dem Zylinder.
Dass sie gegen solche scheinbaren Eindeutigkeiten bereits deshalb misstrauisch
sein müssten, weil ihr Narrativ perfekt mit der Propaganda vom Onkel Putti übereinstimmt,
ist solchen „Experten“ Hekuba.
„Moskau bemühe sich [sagten
diplomatische Kreise], es so darzustellen, als diktierten Amerika und Europa
den Ukrainern, welchen Weg sie gehen sollen – und wann welche Vertreter der
Opposition in die Regierung eintreten sollen. Die proeuropäischen Demonstranten
auf dem Maidan werden zum Teil als naive „Marionetten“ denunziert, zum Teil als
gefährliche Antisemiten, Nazis und Volksverhetzer.“
Dass das Telefonat in keinster Weise
geeignet ist, amerikanische Strippenzieherei für den Dezember 2013 zu belegen,
hatten wir bereits oben festgestellt.
Denkbar wäre immerhin, dass es Aufschlüsse
über eine mögliche Verwicklung der USA in die innenpolitische Entwicklung in
der Ukraine NACH dem Gespräch liefert. Dazu behauptet der Antragsverfasser in
seinem Schnellrodaer Vortrag (1:11:24 ff.):
Richtig ist an der Darstellung von Prof. Neuhoff, dass Victoria Nuland, seinerzeit Unterstaatssekretärin im
amerikanischen Außenministerium, mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew über
eine Neubildung der Regierung in der Ukraine gesprochen hat. Und dass Arsenij
Petrowytsch Jazenjuk Ministerpräsident wurde - freilich erst einen ganzen Monat
später. Ebenfalls
beweist das Telefonat, dass die USA versuchen wollten, Einfluss auf eine
Regierungs-Neubildung nehmen wollten. Doch ging es zum Gesprächszeitpunkt nicht
um eine irgendwann in der Zukunft anstehende Berufung von Jazenjuk (und schon gar nicht um dessen Einsetzung als Präsident, sondern - wie Neuhoff sogar selber sagt! - lediglich als Ministerpräsident!), sondern um
ein aktuelles Angebot des Präsidenten vom 25.01.2014, also vom Vortag des
Telefonats (s. u.).
Komplett FREI ERFUNDEN ist die Unterstellung
des Redners (der möglicher Weise Schwierigkeiten hat, zwischen Präsident und Ministerpräsident zu unterscheiden), dass diese neue Regierung erst nach einem Sturz des Präsidenten
Janukowitsch gebildet werden sollte. Für einen von den USA erwarteten – oder
gar geplanten – Sturz des Präsidenten Janukowitsch gibt es keinerlei Anhaltspunkte im
Gespräch.
Und ebenso wenig in der
späteren politischen Entwicklung: Janukowitsch wurde durch das ukrainische Parlament
gestürzt, weil der Präsident abgehauen war.
Detaillierte Informationen über den
Abstimmungsvorgang liefert das Wikipedia-Stichwort „Wiktor Janukowytsch“: „Am selben Tag [22.02.14] stimmten
in der Werchowna Rada 328 der 334 an dem Tag im Parlament registrierten
Abgeordneten für die Resolution Über die Selbstentfernung des Präsidenten der
Ukraine aus dem Amt und vorgezogene Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. Dies
entsprach 72,89 %. 328 Stimmen gegen 0 Gegenstimmen bei insgesamt 453
Abgeordneten, von denen 115 abwesend waren und 6 nicht wählten“.
Zudem kann man mit Sicherheit ausschließen,
dass erfahrene Diplomaten das Fell des (Präsidenten-)Bären verteilen, ohne eine
Vorstellung davon zu haben, wie der denn überhaupt zu „erlegen“ sei. Wenn aber doch, dann hätten die sich über den
Präsidentensturz unterhalten, statt über einen Wechsel im Amt des Ministerpräsidenten. DASS es am 22.02. tatsächlich zu einem Sturz des Präsidenten kommen würde,
konnten sie Anfang Februar nicht ahnen. Und darüber haben sie eben auch gar nicht gesprochen.
Ebenso ist auszuschließen, dass die
veröffentlichende Stelle (also mutmaßlich der russische Geheimdienst) ggf. vorhandene
einschlägige Passagen weggekürzt hätte (veröffentlicht wurde ja nur ein
Auszug aus dem Gespräch!): Das ergäbe keinen Sinn, wenn man die USA „anschmieren“ will.
Allerdings unterhalten sich die beiden wie
ein altes Ehepaar: Sie selber wissen, wovon sie reden und können sich deshalb
auf saloppe Andeutungen wie „glue this thing“, „make it stick
together“, „if we move fast“ oder „we probably regroup on that
tomorrow as we see how things start to fall into place“ usw. beschränken. Aber
so viel wird auch für Außenstehende klar, dass es um eine neue Regierung ZUM
GESPRÄCHSZEITPUNKT geht und darum, welcher von den der drei Oppositionsführer (Arsenij Jazenjuk, Vitali Klitschko und Oleh Tjahnybok) in der Regierung sitzen
soll – und wer nicht.
Rekapitulieren wir den politischen Sachstand
im Gesprächszeitpunkt (also um den 01.02.2022 herum):
Janukowitsch hatte der Opposition am Samstag, 25.01.2014 angeboten, in einer neu zu bildenden Regierung den Posten des Ministerpräsidenten(für Jazenjuk / Yatsenyuk) und des Stellvertreters (für Klitschko) zu übernehmen.
Das haben beide am Dienstag, 28.01.2014, abgelehnt. Jazenjuk hat also dem Wunsch der USA NICHT entsprochen (was aber natürlich am 26.01.14 noch nicht bekannt war). Dass er am 27.02.14 dann doch Ministerpräsident wurde, hat in der Sache mit DIESEM Telefonat nicht das Geringste zu tun. Wohl aber beweist das Gespräch, das Jazenjuk der amerikanische Wunschkandidat war (aus guten sachlichen Gründen: s. u.); dass die USA später (wieder) zu seinen Gunsten interveniert haben, ist durchaus vorstellbar.
Wie fügt sich der Gesprächsinhalt in diese
Chronologie ein?
Weil der Botschafter ein Problem darin
sieht, dass Präsident Janukowitsch den Viktor Klitschko zum stellvertretenden
Ministerpräsidenten machen wollte, muss das Gespräch spätestens am Dienstag,
28.01.14, stattgefunden haben (zu einer Uhrzeit, wo den beiden die Ablehnung
noch nicht bekannt war). Da jedoch andererseits Victoria Nuland den Botschafter
darüber informierte, dass der UN-Diplomat „Serry could come in Monday or
Tuesday“ (27./28.01.14) muss das Gespräch bereits vor diesem Montag
erfolgt sein. Höchst unwahrscheinlich ist, dass es schon am Samstag, also am
Tag des Angebots von Janukowitsch an Jazenjuk, stattfand.
Somit bliebe nur noch
der Sonntag, 26.01.14, als Gesprächsdatum übrig (wie ja auch EURACTIV
annimmt: s. o.).
Die Besuchsdaten des UN-Diplomaten Serry
werden durch die Information auf einer UNO-Webseite bestätigt, wo es heißt: “[Secretary-General]
Ban [Ki-moon] thanked the President [Victor Yanukovych] for
receiving his Special Envoy, Robert Serry, whom he dispatched to Kiev from
28 [Dienstag] to 30 January to convey his
interest and concern in developments and to express the UN’s solidarity with
Ukrainians”.
Es gibt noch ein weiteres Element, anhand
dessen man das genaue Gesprächsdatum bestimmen könnte. Denn gleich im Anschluss
informiert der Botschafter seine Gesprächspartnerin: „In
the meantime there's a Party of Regions faction meeting going on right now and
I'm sure there's a lively argument going on in that group at this point.”
Die (Präsidenten-)Partei der Regionen hält
also genau zu diesem Zeitpunkt eine Fraktionssitzung ab und der Botschafter
vermutet, dass es dort eine heftige Debatte gibt (weil der Präsident seine
eigene Partei mit dem Angebot an die Opposition überrascht hatte?). Man müsste
nur Zugang zu den ukrainischen (Parlaments-?)Archiven haben; vielleicht würde
es auch reichen, die Medienberichte aus jenen Tage zu lesen, dann könnte man
wahrscheinlich eruieren, an welchem Tag genau diese Fraktionssitzung – und
damit auch das Telefonat – stattgefunden hat.
Aber, wie oben dargelegt, kommt ohnehin nur
Sonntag, 26.01.14, in Betracht.
Bei
3:15 scheint die BBC-Transkription falsch zu sein: „And again the fact that
this is out there right now, I'm still trying to figure out in my mind why
Yanukovych GARBLED that“; von „garbled“ ist dort nichts zu hören. Tatsächlich setzt die BBC
das Wort in Klammern, hat es also dem (aus ihrer Sicht) mutmaßlichen Sinn nach
ergänzt. Aus meiner Sicht erscheint eher „DID“ als angemessene
Konjektur: „… why Janukowitsch DID this“.
Der Botschafter würde sich dann
(verständlicher Weise) fragen, was eigentlich hinter Janukowitschs Angebot an
die beiden Oppositionsführer steckte, in die (ihm gewissermaßen "unterstehende") Regierung einzutreten.
Jedenfalls zeigt sich, je tiefer man in den
Gesprächsinhalt eindringt, dass die beiden US-Diplomaten hier nicht im
Entferntesten einen Sturz von Präsident Janukowitsch planten oder auch nur
erwarteten. Dagegen spricht auch, im selben Textabschnitt, die Äußerung des
Botschafters, man müsse irgendwie mit Janukowitsch kommunizieren („The other
issue is some kind of outreach to Yanukovych …“).
Man muss schon randvoll mit Vorurteilen stecken
(oder von russischer Propaganda komplett gehirngewaschen sein) und den tatsächlichen Gesprächsinhalt resolut ausblenden, um in dieses Telefonat einen amerikanischen
Putschplan gegen den ukrainischen Präsidenten hineinzufantasieren.
Die Strategie von
Janukowytsch
Angesichts dieser Schwächen
der Opposition [„Die drei oben genannten Repräsentanten der Protestierenden gehören
in politischen Verhandlungen verschiedenen politischen Lagern an und haben
offensichtlich nur begrenzten Einfluss auf die Protestierenden.“]
hat Janukowytsch offensichtlich beschlossen, die Proteste auszusitzen. Durch
seine Hinhaltetaktik kann er warten, bis die Demonstrationen kleiner werden.
Indem er die Protestierenden als radikale Randalierer darstellt, kann er
vorsichtige Bürger von einer Teilnahme abschrecken und westliche Sanktionen
verhindern. Durch eigene Kompromissangebote kann er dem eigenen Lager zeigen,
dass die Eskalation nicht seine Schuld ist. Dabei haben seine Angebote bisher
nie eine tatsächliche Einschränkung seiner Macht bedeutet. Selbst die
Übergabe der Regierung an die Opposition wäre eher symbolisch, da die Regierung
(je nach Version der Verfassung) entweder vom Präsidenten oder vom Parlament
abhängig ist und damit jederzeit wieder entlassen werden kann. Gleichzeitig
hat Janukowytsch auch keine Schritte unternommen, um der ursprünglichen
Kern-forderung der Proteste nachzukommen und seine ablehnende Haltung gegenüber
der EU zu ändern.
In der Tat deutet nichts darauf hin, dass
Janukowitsch sein Amt zu diesem Zeitpunkt bereits verloren gegeben hätte; auch
der o. a. bpb-Analytiker glaubt ja sogar noch am 13.02.14, dass Janukowitsch
die Proteste aussitzen könne. Wie also hätten die USA Ende Januar wissen sollen,
dass der Präsident irgendwann flüchten würde? Und dass das Parlament – darunter
auch Abgeordnete seiner eigenen Partei – ihn gleich anschließend absetzen
würde? Doch um die USA anzuklagen, unterstellt ihnen der Redner implizit
gottgleiche Eigenschaften: Allwissenheit und Allmacht!
Wenn DAS nicht total ABSURD ist: was dann?
Bei 1:13:24 seiner Schnellrodaer-Rede
erzählt Prof. Neuhoff seinen Hörern:
„Was [nach der Absetzung des
Präsidenten] folgte, ist der Bürgerkrieg in der Ukraine seit 2014, als nach
den Handelnden-Informationen, also Information der Akteure, die ich bekommen
habe, wichtiges Datum der 2. Mai, die Erstürmung des Gewerkschaftsgebäudes in
Odessa, in dem sich die Antimaidan-Aktivisten verschanzt hatten, mit 50 Toten,
verbrannt im Gebäude. Damit war klar, die Fronten sind verhärtet.“
Mit dieser Behauptung verfolgt Neuhoff offenkundig die Absicht, die (von russischer - zunächst aber wohl privater - Seite: Igor Wsewolodowitsch Girkin, alias Igor Iwanowitsch Strelkow!) bereits seit Mitte April laufende Sezessions-Rebellion in der Ostukraine in ihrer Bedeutung herunterzuspielen. Obwohl man vermuten darf, dass der "Marsch der Einheit" (s. u.) gerade WEGEN der Sezessionskämpfe (also GEGEN diese) in der Ostukraine abgehalten wurde.
Über die Vorgänge in Odessa informiert das
Wikipedia-Stichwort „Ausschreitungen in Odessa
am 2. Mai 2014“. Danach veranstalteten Anhänger von zwei Fußballvereinen einen „Marsch
der Einheit der Ukraine“ zum Stadion; andere Gruppen kamen hinzu. Etwa 300
prorussische Aktivisten sammelten sich bewaffnet in der Innenstadt, um den „Marsch
der Einheit“ anzugreifen. Es kam zu einer über drei Stunden andauernden
Straßenschlacht, bei der sechs Personen infolge von Schussverletzungen starben.
Nachdem sich die prorussischen Aktivisten zerstreut hatten, begaben sich die
Teilnehmer des „Marsches der Einheit“ zu einem Zeltlager prorussischer
Aktivisten, die sich ihrerseits ins nahe gelegene Gewerkschaftshaus zurückzogen.
Die „Proukrainer“ brannten die Zelte der „Prorussen“ nieder. Anschließend
bewarfen sich die Proukrainischer außerhalb und die Prorussen im Inneren des
Gewerkschaftshauses gegenseitig mit Brandsätzen; auf beiden Seiten sollen auch
Schüsse gefallen sein.
Die Ermittlungen, die von den ukrainischen
Behörden wohl nicht mit besonderem Eifer betrieben wurden, brachten keine
Klärung der Verantwortlichkeit.
Das alles hat indes nichts mit dem
Bürgerkrieg zu tun (oder allenfalls insofern, als die proukrainische
Demonstration vermutlich gegen die Abspaltungsrebellion in der
Ostukraine veranstaltet wurde). Zweifellos hat der Brand im Gewerkschaftshaus böses Blut zwischen den russisch-ethnischen und den „ukrainischen
Ukrainern“ gemacht; zudem wurde er von Russland natürlich propagandistisch
ausgeschlachtet. Im Vergleich zu den Kämpfen im Donbas, wo der tatsächliche Bürgerkrieg
längst vorher begonnen hatte, war er jedoch ein Randereignis. Und eben KEINE Kausalursache des Sezessionskrieges.
(Die Formulierung "Bürgerkrieg" habe ich hier unkritisch von Prof. Neuhoff übernommen; in Wahrheit ist sie aber irreführend. Denn es waren nicht "die (ostukrainischen) Bürger", die gegen die Zentralregierung kämpften, sondern zunächst dubiose Banden, später zunehmend verstärkt durch russische Freiwillige und "Freiwillige" = als Freiwillige getarnte Soldaten.)
Tatsächlich hat Russland hat versucht, in der Ukraine
sezessionistische Bewegungen zu organisieren. Das geschah aber ursprünglich
wohl NICHT in der Ostukraine, sondern in Charkiw und Odessa.
Vgl. dazu im Buch „Ukraine’s Unnamed War. Before the Russian Invasion of 2022” von
Dominique Arel und Jesse Driscoll, S. 135:
“The
focus [Russlands] was virtually all on Kharkiv and Odesa. This probably
reflects the thinking at the time in Moscow: banking on Kharkiv to lead the
resistance against Kyiv, with a cascade of communities tipping in sequence.
This strategy was laid out in a memorandum, leaked in 2015, that circulated in Kremlin
circles in February 2014 (weeks before Yanukovych’s flight). The document
painted the Yanukovych government as “terminally bankrupt” and the Ukrainian
state on the verge of regional disintegration. The document is treated as
evidence that Russian intervention in Ukraine was planned before the Maidan
events culminated … . Revealingly, the memorandum explicitly speculates that
the “maximum integration” of Eastern provinces with Russia would not arise from
Donetsk (where über-oligarch Rinat Akhmetov was seen as loyal to Kyiv), but
rather from the “priority regions” of Kharkiv and Crimea. The memorandum
writers, and the March 1 callers, all anticipated that Kharkiv, and secondarily
Odesa, would drive the rebellion in Ukraine.”
In diesem Buch erfahren wir auch (S. 4):
“The
Donbas rebellion turned into an actual war, a military conflict, when a
commando headed by Russian citizen Igor Girkin, also known by his nom de guerre
Strelkov, seized Sloviansk (Donetsk oblast) in April 2014 [am 12.04.14
– vgl. S. 147]. The Ukrainian government reacted by sending the army to
besiege the town. In the Ukrainian narrative, Strelkov was an agent taking
orders from the Kremlin. The war, in this narrative, was thus clearly initiated
externally. The optics at the time certainly reinforced the impression. The
Girkin men looked like the Crimean Little Green Men and arrived from Crimea.
Yet available evidence suggests that Strelkov was a freelancer, someone
tolerated (but mistrusted) by Russian authorities, who hoped to incite a local
uprising. Whether Moscow ever had direct control over Strelkov remains disputed.”
Zusammenfassend: Am 12.04.2014 kamen ortsfremde
Kämpfer unter dem Kommando des Russen Igor Girkin in die Stadt Sloviansk und
betrieben dort den separatistischen Aufstand. Die Ukraine setzte ihre Armee
gegen die Rebellen ein (hier auf S. 20 das entsprechende Präsidenten-Dekret
in deutscher Übersetzung). Es gab damals gute Gründe, eine verdeckte russische
Operation anzunehmen. Tatsächlich handelte es sich aber wohl um eine private
Aktion, gefördert von dem russischen nationalistischen Milliardär Konstantin Malofeev
(S. 148 ff.).
Spätestens mit dieser Girkin-Operation, 3
Wochen vor dem Brand in Odessa, hatte der Bürgerkrieg begonnen (und „war
klar, die Fronten sind verhärtet“).
Behauptung des Redners bei 1:14:05
(unmittelbar im Anschluss an die oben zitierte Stelle):
„Die ukrainische Armee wurde gegen die
Verfassung gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Die Verfassung
verbietet es und die ukrainische Armee wurde gegen ihre eigene Bevölkerung im
Donbass eingesetzt.“
Das ist frei erfunden (von Prof. Neuhoff selber oder von der russischen Propaganda, die er dann unkritisch übernommen hätte).
Den Einsatz der Streitkräfte regelt die ukrainische Verfassung im Artikel 17. Dort heißt
es (in der englischen Übersetzung): “The
defence of Ukraine and protection of its sovereignty, territorial integrity
and inviolability shall be entrusted to the Armed Forces of Ukraine. ….. The
Armed Forces of Ukraine and other military formations shall not be used by
anyone to restrict the rights and freedoms of citizens or with the intent to
overthrow the constitutional order, subvert the public authorities or obstruct
their activity.”
Die Streitkräfte haben also die Aufgabe, die
Souveränität, aber auch die territoriale Integrität des Landes zu schützen. Sie
dürfen lediglich nicht dazu eingesetzt werden, die Rechte und Freiheiten der Bürger zu
beeinträchtigen oder gegen die verfassungsmäßige Ordnung zu putschen. Auch in
den hier weggelassenen Teilen dieses Artikels gibt es keine Regelung, wonach
der Einsatz im Inneren („gegen die eigene Bevölkerung“) generell verboten
wäre.
Prof.
Neuhoff behauptet
- Worin genau lag der Staatsstreich?
- Ist es ein "Staatsstreich", wenn ein Präsident, gegen den das Volk demonstriert, abhaut.
- Oder wenn ein Parlament an Stelle des verschwundenen Präsidenten einen neuen einsetzt, um die weitere Regierungsfähigkeit des Landes zu sichern?
- Haben die Montagsdemonstranten in der DDR ebenfalls einen „Staatsstreich“ gemacht - oder gilt der Vorwurf nur für das amerikanische Volk?
- Und was genau haben die Amerikaner getan, welche Beweise gibt es für deren Intervention?
Diese Fragen müsste und würde jeder wirklich wissenschaftliche Beobachter
stellen.
Nicht
so Neuhoff. Der „weiß“ zwar ganz genau, dass die USA „mitgewirkt“ haben. Wie
sie das gemacht haben, oder auch nur an welcher Stelle im Gang der Geschehnisse
die USA (seiner Meinung nach) eingegriffen: Das verrät er uns nicht.
Behauptungen ohne Beweise, Indizien und sogar gänzlich ohne nähere Präzisierung, ist eine Propagandamethode. Von Wissenschaft ist das meilenweit entfernt.
Nulands
Wunsch, dass Jazenjuk zum Ministerpräsidenten* werden sollte, wurde zwar
erfüllt. Jedoch erst am 27.02.2014 und somit einen Monat nach dem Telefongespräch und unter völlig
anderen politischen Rahmenbedingungen als denjenigen, wie sie zum Zeitpunkt des
Telefonats herrschten und auf die sich das Gespräch bezog.
Das
hindert aber Neuhoff nicht daran, seinen Hörern (und wohl auch sich selber)
einen Beweiszusammenhang vorzgaukeln:
1:11:58:
„Die Nuland sagt klar, das muss nicht der Klitschko, der kann das nicht, der
Jazenjuk muss dahin, den müssen wir zum Ministerpräsident machen. Genauso kam
es. Die Amerikaner haben unmittelbar an diesem faktischen Staatsstreich -
Janukowytsch war ein gewählter Präsident – mitgewirkt.“
Außer
diesem einen Telefonat gibt es ja keinerlei Informationen über Einmischungen
der USA; folglich täuscht die Propaganda – die russische wie die neuhoffsche –
unzutreffende Zusammenhänge vor.
*Zum Verständnis: Das ukrainische Parlament, das Janukowytsch abgesetzt hatte, hatte seinen Parlamentspräsidenten Oleksandr Turtschynow (Turtschinow) als Übergangspräsidenten eingesetzt. Und Arsenij Jazenjuk eben "nur" als Ministerpräsidenten (vgl. auch das Wikipedia-Stichwort "Präsident der Ukraine").
Jedenfalls wurde die Absetzung von Janukowitsch und die
Einsetzung eines neuen Präsidenten (Oleksandr Turtschynow) durch das ukrainische
Parlament beschlossen. Theoretisch ist natürlich eine amerikanische
Einflussnahme auf die Parlamentarier möglich. Doch dass die in großem Maßstab
Parlamentarier bestochen hätten, ist extrem unwahrscheinlich: zumindest in Einzelfällen
wäre da was durchgesickert. Was ist über die Vorgänge im
Zusammenhang mit dem Sturz des Präsidenten öffentlich bekannt?
„In der Nacht vom 21. auf
den 22. Februar, als der Präsident floh, haben die oppositionellen
Ordnungskräfte alles getan, um Hitzköpfe von einem Sturm abzuhalten. Der
Präsidentensitz blieb unversehrt. Auch die Führung der Opposition war zu dieser
Zeit nicht auf Sturm aus. Am Nachmittag vor Janukowitschs nächtlicher Flucht
hatten ihre Führer unter tätiger Mithilfe der Außenminister Frankreichs, Polens
und Deutschlands, Laurent Fabius, Radoslaw Sikorski, und Frank-Walter
Steinmeier, mit Janukowitsch einen Kompromiss vereinbart. Dieser sah unter
anderem vor, die präsidialen Vollmachten durch eine Rückkehr zur 2010
aufgehobenen Verfassung von 2004 zu begrenzen, eine Regierung der nationalen
Einheit einzusetzen und vorgezogene Präsidentenwahlen abzuhalten. Die
Opposition hat dieses Abkommen eingehalten. Noch am selben Tag hat sie im Parlament,
der „Werchowna Rada“, zusammen mit der Präsidentenpartei die Verfassung von
2004 wieder in Kraft gesetzt. Zugleich billigte der „Rat des Majdan“, das
kollektive Führungsorgan der Opposition, mit großer Mehrheit den gefundenen
Kompromiss. Wer das Abkommen brach, war Janukowitsch. Statt an den
vereinbarten Maßnahmen mitzuwirken, floh er und blieb zunächst unauffindbar.
Lediglich in einer vorab aufgezeichneten Ansprache meldete er sich tags darauf
im Fernsehen zu Wort, um mitzuteilen, die Oppositionsführer, mit denen er eben
noch ein Abkommen unterzeichnet hatte, seien „Kriminelle“ und er werde „nichts
unterzeichnen“ – also auch nicht die vereinbarte Verfassungsänderung, die noch
seiner Unterschrift bedurfte, um in Kraft zu treten. Janukowitsch ist nicht gewaltsam
aus dem Amt getrieben worden. Er ist von sich aus geflohen und hat die
Vereinbarung gebrochen, die damals als der einzige Weg erschien, das
Blutvergießen in Kiew zu beenden. Warum er das tat, ist unklar. Vielleicht
hat er Angst bekommen. Vielleicht hat er das proeuropäische Kiew aber auch
verlassen, um in Absprache mit Putin im Osten des Landes, also dort, wo
Russland kurz darauf eine gewaltsame „Sezession“ inszenierte, eine moskauhörige
Gegenregierung aufzubauen.“
Am 22.02.2014, also im
Zeitpunkt des Geschehens, hatte Konrad Schuller in seinem FAZ-Artikel „Auf dem Majdan: Klitschkos
schwärzeste Stunde“ berichtet: „Klitschko und die zehntausenden von Menschen, die ihn
jetzt, in der Nacht zum Samstag, auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz Majdan …
in Grund und Boden schreien, haben an diesem Tag sehr unterschiedliches erlebt.
Er, der Gründer und Vorsitzende der ukrainischen Oppositionspartei „Udar“
(Schlag) hat zusammen mit den beiden anderen Parteiführern an der Spitze der
ukrainischen Revolution zusammen mit den Außenministern Polens und
Deutschlands, … seit Donnerstag und dann die Nacht hindurch fast ununterbrochen
mit Präsident Viktor Janukowitsch verhandelt. Am Freitag Nachmittag haben sie
dann ein Abkommen unterzeichnet, das eine sofortige Schwächung des Präsidenten
durch ein Verfassungsgesetz vorsieht und zugleich eine Stärkung von Parlament
und Regierung. Binnen zehn Tagen soll ein neues Kabinett eingesetzt werden, in
dem Regierungschef und Minister für alle Seiten dieses Konflikts akzeptabel
sind – und schließlich soll die nächste Präsidentenwahl schon spätestens im
Dezember dieses Jahres abgehalten werden, statt wie vorgesehen im März 2015.“
Interessant sind auch der
BBC-Bericht “Ukrainian MPs vote to oust
President Yanukovych” vom 22.02.2014 und der Artikel „Archrival [Julia Timoschenko, die „Erzrivalin“
des gestürzten Präsidenten] Is Freed as Ukraine Leader Flees“ in der New York Times vom
gleichen Datum. Dort wird u. a. auch festgestellt, dass es Russland keineswegs
nur um seine militärische Sicherheit geht, sondern darum, die Ukraine in seinem
Einflussbereich zu halten: … uncertainty over the intentions of Russia,
which now faces the loss of … what it considers a critical part of its
own sphere of influence.“ Umgekehrt könnte man daraus herleiten, dass
die Ukraine durch diesen Präsidentenwechsel in den westlichen Einflussbereich
gerät, was auch zutrifft. Nur beweist das eben nicht, dass die Amis diese
Nummer abgezogen haben, denn genau das war ja (auch) der Wunsch der
Demonstranten, also des ukrainischen Volkes.
Ein weiterer informativer Artikel erschien am 03.01.2015 in der New York Times: „Ukraine Leader Was
Defeated Even Before He Was Ousted“ – archive.today.
Unterstellen wir trotz allem rein
hypothetisch, dass bei diesen Vorgängen tatsächlich die USA „die Fäden gezogen“
hätten: Was genau wäre daran gegen die Interessen der Ukraine gerichtet gewesen?
Eine Entfernung des
Präsidenten Janukowitsch wünschten sich die Demonstranten dringend (und hatten
ja auch allen Grund dazu!). Als politisch Aktive repräsentierten die
Demonstranten das ukrainische Volk – nicht anders als in der DDR die
Montagsdemonstranten.
Will Neuhoff den USA vorwerfen, dass die ggf. dem Volkswillen entsprochen hätten?
Haben die Amis etwa auch die Montagsdemos in der DDR gesteuert?
Waren auch die DDR-Demos ein verwerflicher „Staatsstreich“?
Die neue Regierung konnte
nur aus Politikern einer der drei Oppositionsparteien (theoretisch natürlich
auch mehreren gemeinsam) gebildet werden: Wer wäre in dieser Situation denn
sonst in Betracht gekommen? Politiker aus der „Partei der Regionen“ des
gestürzten Präsidenten jedenfalls nicht!
Oleh Tyahnybok war der
Führer einer nationalistischen, antirussischen Partei: Will Neuhoff die USA dafür kritisieren, dass sie DEN nicht in die Regierung hievenwollten – was zwangsläufig Russland
provoziert hätte?
Warum genau die USA nicht
den Vitaly Klitschko in der Regierung sehen wollten, ist anscheinend nicht öffentlich bekannt.
Vermutlich wegen Unerfahrenheit in Regierungsgeschäften; vielleicht war er auch
zu populistisch und machte den Massen unbezahlbare Versprechungen und
blockierte notwendige Reformen. Oder man erwartete, warum auch immer, von ihm
keine gedeihliche Zusammenarbeit mit anderen Parteien? Auf dem Papier erscheinen die politischen
Positionen seine UDAR-Partei durchaus vernünftig. Aber Papier ist bekanntlich
geduldig und Fakt ist, dass Klitschko keine Regierungserfahrung hatte und
keinen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Ökonomischer Sachverstand war
aber das, was die Ukraine dringend benötigte – und was Jazenjuk (beides) hatte. Klitschko wurde zwar massiv
von der deutschen Bundesregierung unterstützt. Jedoch erfahren wir in
dem bpb-Artikel “Quo vadis Ukraine?
Gesellschaftlicher Wandel versus erstarrtes Regime“ vom 13.02.2014: „seine
Rolle und sein Einfluss [werden] im Ausland [also speziell wohl in
Deutschland; dagegen in den USA offenbar nicht!] überschätzt“ (vgl. auch
hier). Was also wäre inhaltlich daran verwerflich, wenn sich die USA tatsächlich für den mutmaßlich bestgeeigneten
Kandidaten als Ministerpräsidenten stark gemacht hätten?
„Wenn
sie in Diskussionen geraten über die Ukraine-Problematik, bestehen sie zu
Beginn darauf. dass die einschlägige Kategorie aufgerufen wird, nämlich die
Kategorie der Geopolitik.“
So glaubt er, nur noch über die (bösen) USA
und Russland (das bemitleidenswerte Opfer) reden zu müssen und Taten und
Wünsche des ukrainischen Volkes unberücksichtigt lassen zu dürfen: Das ist in
seiner Sicht lediglich eine Marionette der USA.
Beim Ukraine Konflikt hätten wir es nach Neuhoff (13:09)
„in Wahrheit mit einem US-amerikanisch-russischen Konflikt zu tun“.
Ein
solcher ist der Konflikt natürlich AUCH; aber hier führt er sein
(falsches) Analyseergebnis bereits in der Prämisse ein: Dass es sich NUR um
einen Großmächtekonflikt handele und dass sich das Ergebnis des Euromaidan
schon deshalb aus den Intentionen einer der beiden Großmächte erklären lasse,
weil es ihren Interessen entspreche.
Gewiss waren nach dem Sturz von
Janukowitsch der neue Präsident und die neue Regierung der Ukraine nicht
prorussisch; aber das entsprach nicht nur dem Interesse der USA (bzw. des
Westens insgesamt), sondern vor allen Dingen dem Wunsch und Willen des
ukrainischen Volkes. Genau wie es, mutatis mutandis, auch bei den Montagsdemos
in der DDR der Fall war!
Der Vortragende handelt wie ein
Trickzauberer, der exakt dasselbe Kaninchen aus dem Zylinder zieht, dass er
vorher dort hineindefiniert hat: Weil es sich um „Geopolitik“ handelt
und weil der Ausgang der Volksdemos den amerikanischen Wünschen entsprach, will
er völlig faktenunabhängig wissen, dass die USA das gesamte relevante Geschehen
gesteuert haben müsse.
So etwas ist, im günstigsten Falle, Autosuggestion;
Wissenschaft ist das jedenfalls nicht. im schlimmsten Falle handelt es sich sogar um bewusste und absolut skrupellose Propaganda für Putins Russland.
Nachdem er seinen Hörern lang und breit verklickert
hat, dass Russland praktisch gezwungen gewesen sein, etwas gegen die
befürchtete NATO-Mitgliedschaft der Ukraine würde, präsentiert er für den
russischen Überfall auf die Ukraine plötzlich und unerwartet eine regelrechte
Räuberpistole (1:21:59):
„Am 16 Februar beginnt von den in den Osten
verlagerten Truppen der Ukraine im Zuge des Dekrets vom März 2021 ein
starker Beschuss des Donbas, am 16 Februar. Der Donbas war immer über die
ganzen 8 Jahre sagen wir, locker beschossen worden, mit vielen Toten, aber es
war kein schwerer Beschuss. Jetzt steigert sich der Beschuss und das wird
verstanden von der russischen Seite, vermutlich wird es von der russischen
Seite so verstanden, als der Beginn einer Offensivaktion und Putin gibt am 24.
Februar den Befehl zur Invasion der Ukraine.“
An diesen Sätzen ist so ziemlich alles
falsch:
- Über das erwähnte Dekret schreibt die Wikipedia (z. B. hier): „Am 24. März 2021 von Präsident Selenskyj durch den Erlass № 117/2021 der Beschluss des Rates für Nationale Sicherheit und Verteidigung der Ukraine vom 11. März 2021 sowie die ‚Strategie zur Beendigung des Besatzungsregimes und der Wiedereingliederung des vorübergehend besetzten Territoriums der Autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol‘ bestätigt und deren Umsetzung angeordnet.“ - Es ging also um die Krim; folglich kann dieses Dekret nicht Grundlage für eine Militäraktion der Ukraine im Donbas gewesen sein.
- Im Internet findet sich wenig über die ach so furchterregende angebliche Ukrainer-Offensive vom 16.02.22. Der Eintrag “War in Donbas” in der englischsprachigen Wikipedia berichtet: “There was a sharp increase in artillery shelling by the Russian-led militants in Donbas, which was considered by Ukraine and its allies to be an attempt to provoke the Ukrainian army or create a pretext for invasion. For example, the Ukrainian military reported enduring 60 attacks along the line of contact on 17 February alone, including one shell that struck a kindergarten near the front line, injuring three staff. There were two to five attacks per day over the first six weeks of this year".
- Auf der „World Socialist Website“ liest man im Artikel „Artilleriebeschuss im Donbass bringt Europa an den Rand des Kriegs“ vom 19.02. 2022: „Am Donnerstag und Freitag [17./18.02.2022] wurde aus der ostukrainischen Region Donbass schwerer Artilleriebeschuss gemeldet, bei dem auch Wohngebiete in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dabei handelt es sich um die schwerste Eskalation des Konflikts zwischen den US-finanzierten ukrainischen Streitkräften und den prorussischen Separatisten seit dem letzten Frühling. Von dem Beschuss wurde nur wenige Stunden nach dem Zeitpunkt berichtet, an dem ein russischer ‚Einmarsch‘ in der Ukraine vorhergesagt worden war. Laut den USA sollte er am 16. Februar beginnen, war aber ausgeblieben. Der Kreml hat immer bestritten, einen Einmarsch zu planen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte, die Lage im Donbass könne ‚jeden Moment zu einem neuen Krieg in der unmittelbaren Nähe unserer Grenzen eskaliere‘. In einem Dorf im Gebiet der Volksrepublik Lugansk wurden ein Kindergarten und eine Schule getroffen. Die Separatisten machten das ukrainische Militär dafür verantwortlich, Kiew beschuldigte die Separatisten.“ - Wer auch immer angefangen hat: Nach
Großoffensive kann dieser Artillerieangriff nicht ausgesehen haben. Dennoch
muss der friedliebende Onkel Putti vor lauter Schreck ins Koma gefallen sein: Wie anders wäre
es zu erklären, dass er, wie es nach Neuhoffs Darstellung der Fall sein müsste, seinen Streitkräften erst acht Tage später einen
umfassenden Vergeltungsangriff befohlen hat?
- Gänzlich unerklärt lässt Neuhoff, dank welcher glücklichen
Fügung die russischen Truppen an den Staatsgrenzen der Ukraine zu Weißrussland
und Russland bereitstanden, um die angebliche ukrainische Attacke im Donbas zu sühnen: Ist
Putin Hellseher?
Leonid Ragozin, Korrespondent des
prowestlicher Sympathien eher unverdächtigen arabischen Senders Al Jazeera,
schätzte in seiner Analyse „Ukraine vs Russia: A mafia
state’s cover-up?“ vom 13.05.2014 die Motive hinter dem
russischen Vorgehen (damals "nur" den Krieg in der Ost-Ukraine) so ein: “Being
intimately linked to Russia at many different levels, a successful,
democratic and tolerant Ukraine threatens the existence of the mafia state
and that’s what is at stake for the Kremlin rulers.”
Im Vorfeld der Präsidentenwahl hatte der
Industrielle Petro Poroschenko erklärt, „er stehe für
Kompromisse mit Russland in allen Fragen, ausgenommen der Annexion der Krim und
dem Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und der Ukraine“
(Wikipedia). Das konnte Russland nicht gefallen.
Prof. Neuhoff äußerte sich in seinem
Schnellroda-Vortrag über den Weg Poroschenkos zur Präsidentschaft:
ca. 1:14:39: „Es wurde dann Poroschenko installiert
als neuer Präsident, ein weiterer Oligarch.“
Poroschenko wurde keineswegs „installiert“,
sondern vom Volke gewählt. Sein potentieller Konkurrent Vitali Klitschko hatte seine eigene
Kandidatur zurückgezogen und ihn unterstützt. Möglich, dass die USA ihn dazu
gedrängt haben. Würde aber nichts daran ändern, dass Poroschenko nicht
„installiert“ wurde, sondern vom Volk in freier Wahl berufen. Das Wahlergebnis
stimmte überein mit den Nachwahl-Befragungen von Meinungsforschungsinstituten; das beweist, dass es nicht gefälscht war (vgl. Wikipedia-Eintrag „Präsidentschaftswahl in der
Ukraine 2014“).
Und selbst wenn man der Ansicht Neuhoffs
folgen wollte, dass Janukowytsch durch einen „Staatsstreich“, also
illegal abgesetzt wurde, ändert auch das nichts daran, dass Poroschenko vom Volk
gewählt wurde. Und eben nicht „installiert“ – wie und vom wem auch immer. Auch hier verbreitet der Herr Professor also pure HETZE:
cui bono? DEUTSCHEN Interessen jedenfalls dient diese Hetze NICHT! (Und der AfD noch weniger; die hat genug damit zu tun, sich selber gegen die Hetze von
links und aus der sog. "Mitte" zur Wehr zu setzen!)
In einem Tweet vom 16.07.2025 behauptete Neuhoff, dass
Bundeskanzler Friedrich Merz „sich weiterhin vor Bettel-Präsident
Selenskyj in den Staub“ werfe. Was genau er mit „sich in den Staub
werfen“ gemeint haben mag (im Kontext ging es um deutsche Käufe
amerikanischer Waffen für die Ukraine), ist vorliegend unerheblich. Für uns ist vorliegend lediglich interessant, dass er mit
dem Ausdruck „Bettelpräsident“ für den Präsidenten eines verzweifelt
gegen einen übermächtigen Gegner ankämpfenden Landes HASS UND HETZE gegen
PATRIOTEN verbreitet – und russische Propaganda sowieso. (Womit er nicht zuletzt auch hier tritt das Bekenntnis des AfD-Grundsatzprogramms zur Staatensouveränität neuerlich mit Füßen tritt!)
„Die Ukraine befindet sich heute in einem
Abnutzungskrieg. Russland führt diesen Krieg mit offenen Grenzen, die Ukraine
mit geschlossenen, damit die Männer das Land nicht verlassen können. Allein
diese Tatsache sollte allen zu denken geben.“
Als reine Tatsachenbeschreibung trifft das wohl zu.
Doch konnte er es nicht lassen, diese Sätze in
den sozialen Netzwerken von Fakt-Moll nach Hetz-Dur zu transponieren, indem er (z.
B. am 26.05.2025 auf YouTube) die ironische Beschreibung „Tapferkeit
der Ukraine“ erklärt hinzufügte. Die Anführungszeichen stehen im Original;
sie haben dieselbe Funktion wie diejenigen, welche einst in der BRD die „DDR“ einrahmten:
den Inhalt ("Tapferkeit") als Falschbehauptung zu denunzieren. Im Klartext verleumdet also Prof.
Dr. Neuhoff die Ukrainer als FEIGLINGE!
Nun ist es zwar richtig, dass es in der
Ukraine Probleme mit der Heranziehung zum Wehrdienst (bzw., wie man hier ja
sagen muss: zum Kriegsdienst) und mit Desertion gibt und dass auch nicht wenige
Männer das Land verlassen haben (und zweifellos noch mehr es verlassen würden,
wenn sie dürften), um sich einem drohenden Heldentod zu entziehen (vgl. relativ aktuell etwa den - kostenpflichtigen - SZ-Bericht "Deserteure. Der Ukraine laufen die Soldaten weg" vom 03.02.2026).
Ebenso richtig ist freilich, dass der
antiukrainische Hetzer auch hier wieder wesentliche Zusammenhänge unterschlägt.
Vor allen Dingen die Tatsache, dass Putin seine Soldaten bislang in ärmeren
Gegenden Russlands mit hohen Prämien ködert. Solange seine anderen Staatsbürger nicht
befürchten müssen, als Wehrpflichtige zwangsweise an die Front geschickt zu
werden, haben die russischen Männer keinen Grund zu flüchten. Als aber zu
Beginn des Krieges die Perspektive eines zwangsweisen Einsatzes im Raum stand,
sind ziemlich viele junge Russen in die Nachbarländer verduftet.
Zudem würde die von Neuhoff (und anderen AfD-Putinisten, mit dem Parteivorsitzenden "PuTino" Chrupalla an der Spitze) geforderte Wiederaufnahme des
Handels mit Deutschland Putins Einnahmen beträchtlich steigern; dadurch könnte er mit noch höheren Prämien locken. Und die noch zahlreichere russische
Soldateska könnte die Ukrainer (Soldaten und Zivilisten) noch effektiver ermorden.
Nicht juristisch, wohl aber politisch-faktisch hätte Deutschland dann Beihilfe
zum Mord geleistet. Diese Beihilfe zum Mord mag nicht Neuhoffs Ziel sein, wenn er
die Aufhebung der Sanktionen fordert. Sie wäre indes eine Nebenfolge, die er
billigend in Kauf nimmt.
Schließlich „vergisst“ der kundige Kriegsexperte bei seiner Herabwürdigung der Ukrainer als Feiglinge, dass diese trotz ihrer Unterzahl an Soldaten, Bewaffnung und Munition
seit nunmehr fast vier Jahren einer weit stärker bewaffneten Überzahl an
Aggressoren trotzen. Feiglinge wären in dieser Situation längst ausgerissen. Blamiert
haben sich nicht die Ukrainer, sondern dieser souveränitäts- und
patriotenfeindliche deutsche HETZER, der mit haltlosen
Heilsversprechungen das Ukrainewild den russischen Exekutionskommandos vor die
Flinten treiben will (Tweet vom 03.12.2025): „Ohne die
europäischen Milliarden wäre dieser Krieg morgen zu Ende – und Europa hätte die
Chance auf eine echte Friedensordnung, mit einer neutralen Ukraine als ‚Schweiz
Osteuropas‘. Wer Frieden will, darf kein weiteres Geld ins sinnlose
Blutvergießen an der Ostfront pumpen. Deshalb wiederhole ich meine Forderung:
Geldhahn zudrehen – sofort!“!
24:24:
„Großmächte streben nach Macht, und zwar so viel wie möglich.“
25:36:
„Das Machtstreben ist gewissermaßen unersättlich, es kann nie genug sein.“
38:14:
„Großmächte streben globale Hegemonie an“.
39:41 „Das Streben der
Großmächte ist also das: Den Hegemoniestatus in der Region, in der Groß-Region
zu erreichen, und das wäre dann auch das Sprungbrett für globale Hegemonie.“
Könnte Russland die Ukraine erobern oder ihr
seine Vorstellung von Friedensvertrag aufzwingen, würde es sich also schon nach
Neuhoffs eigener Lehre keineswegs mit einer Verschweizerung der Ukraine
begnügen. Vielmehr würde sie dieses Land, wenn überhaupt noch formal selbständig, faktisch nur als Vasallen dulden - ähnlich wie Weißrussland.
Am 15.04.2025 hielt Prof. Neuhoff einen
längeren Vortrag, der z. B. hier auf Instagram online ist und in welchem
er die Ukraine zur Kapitulation aufforderte. Auf das logische Gerüst reduziert, argumentiert er
wie folgt:
- Trump hat eine Friedensinitiative gestartet, aber Putin kommt ihm nicht entgegen.
- Und zwar akzeptiert Putin deshalb keine Feuerpause, weil sich die ukrainischen Streitkräfte in dieser Zeit neu aufstellen und damit Russland mehr Widerstand leisten könnten.
- Russland habe bereits eine neue Großoffensive vorbereitet. [Hat jemand diese russische „Großoffensive“ im Sommer 2025 gesehen?]
- Putin wolle anstelle eines Waffenstillstands „gleich einen Friedensvertrag“, und sogar einen solchen, „der eine dauerhafte Lösung des Konflikts bedeutet, der eine neue und stabile Sicherheitsarchitektur in der Region schafft. Und nicht nur dort, sondern für ganz Europa.“
- Die Russen hätten die Ukraine überfallen, weil damals die Aufnahme des Landes in die NATO bevorgestanden habe. [Hat jemand mitbekommen, dass 2021/2022 eine NATO-Aufnahme der Ukraine geplant war? Belege?]
- Russland wolle lediglich diese Sicherheitsbedrohung ausschließen und die Ukraine in den Status eines neutralen Pufferstaates zurückführen, den sie bis 2014 gehabt habe [gehörte das Land danach einem Bündnis an?].
- Ach ja, etwas mehr wolle Russland jetzt ja doch: Eine Anerkennung der von Russland eroberten Gebiete, mindestens durch die USA. Dann wäre nämlich ein evtl. späterer Rückeroberungsversuch durch die Ukraine völkerrechtswidrig. [Schwer vorstellbar, dass eine amerikanische Erklärung völkerrechtliche Bindungswirkung zwischen Russland und der Ukraine schaffen könnte. Davon abgesehen: Hat sich Russland denn selber um die Völkerrechtswidrigkeit seines Überfalls auf die Ukraine geschert?]
- Außerdem fordert Russland einen dauerhaften Verzicht auf den NATO-Beitritt sowie eine Begrenzung der Streitkräfte der Ukraine auf 85.000 Mann. [Diese faktische Entwaffnung der Ukraine soll eine „stabile Sicherheitsarchitektur“ schaffen?]
- Diese Bedingungen seien für die Ukrainer inakzeptabel, die in ihrer Halsstarrigkeit auch noch von den Europäern bestätigt würden.
- Hinsichtlich der militärischen Fähigkeiten der Ukraine bestünden unrealistische Vorstellungen; weder bekäme sie genügend Waffen, noch könne sie genügend Soldaten rekrutieren, um die von Russland eingenommenen Gebiete zurück zu erobern.
- Die USA würden auch nicht helfen, Trump verhandele sogar mit Russland über die Wiederherstellung normaler Beziehungen zwischen beiden Ländern.
- Also solle die Ukraine, wenn sie schon keinen Friedensvertrag abschließen wolle, im eigenen Interesse einfach die weiße Fahne hissen.
Diesen ausführlichen Argumentationsstrang wiederum auf den vorliegend relevanten Kern eingedampft, lautet Neuhoffs Forderung:
Dass die Ukraine sofort kapituliere,
wenn sie schon Putins Friedensplan nicht akzeptiere!
Wer darin die logische Folgerichtigkeit
vermisst kapiert nicht, welche grundstürzende intellektuelle Revolution Prof.
Neuhoff hier vollbringt: Den Ersatz der uralten aristotelischen Logik durch
eine völlig neuartige Polito-Logik, ein geradezu Kuhn-kopernikanischer Paradigmenwechsel!
Was freilich jeder kapieren wird: Dass die
Ukraine für den Antragsverfasser ein Störenfried ist, der Deutschlands guten
Geschäften mit Russland im Wege steht. Weshalb er dieses Land kurzerhand von
der Bahnsteigkante unter die tödlich mahlenden Stahlräder von Putins rollendem Zug
stoßen möchte.
Damit trampelt der AfD-MdEP jegliches konservative Verständnis von Anstand und von (Völker-)Recht mit den Springerstiefeln kurzsichtig definierter deutscher (Rohstoff-)Interessen
nieder!
Und wer den ukrainischen Präsidenten als „Regime“
verunglimpft, der hat nicht deutsche Interessen im Sinn: Der betreibt übelste
Hetze gegen heldenhaft kämpfende VATERLANDSVERTEIDIGER! Wer fremde Patrioten in
die Sklaverei stoßen will, weil es vermeintlich deutschen Interessen
entspricht, ist kein wahrer Patriot! Sondern ein jämmerlich feiger Opportunist, dessen (außen-)politischer Weitblick exakt an der eigenen Nasenspitze endet!
.....
Wahre „diplomatische“ Hilfe
würde beinhalten, dass Deutschland mit allen Seiten redet – so, wie die USA
unter Donald Trump. Dessen Sondergesandter, Steve Witkoff, hat am 11. April …..
mehr als vier Stunden lang mit Wladimir Putin gesprochen. - (Wozu sollen wir eigentlich palavern, wenn die
Ukraine doch sowieso kapitulieren soll?)
…..
Russlands Kernbedingungen,
insbesondere die dauerhafte Anerkennung der gehaltenen Gebiete sowie der Krim
als russisches Staatsgebiet, sind für das Selenskyi-Regime [sic!] und seine Helfer
in Europa inakzeptabel.
…..
Ich bin daher überzeugt:
Das Beste, was die ukrainische Führung noch für ihr Land tun kann, ist das
Hissen der weißen Fahne, ….. die Kapitulation.
Russlands seinerzeitige (und zugleich derzeitige) Friedensbedingungen sind nicht nur „für
das Selenskyi-Regime“ inakzeptabel, sondern für alle Ukrainer.
Aber
davon abgesehen: Auf die Idee, dass ein Land sich kurzerhand auf Gnade oder
Ungnade ergeben soll, weil ein Friedensvertrag (sehr) ungünstige Bedingungen
enthalten würde, dürfte in der gesamten Menschheitsgeschichte noch niemand
gekommen sein; diese intellektuelle Pionierleistung darf sich ihr Erfinder
stolz ans Revers stecken!
In seinem o. a. Kapitulationsaufruf an die ukrainischen
Vaterlandsverteidiger war Prof. Neuhoff in Sachen Waffenstillsand noch ehrlich:
Doch mittlerweile hat er einen Dreh
gefunden, um Russlands Verweigerung eines Waffenstillstands der EU anzulasten. In
der Sitzung des Europäischen Parlaments vom 09.09.2025 sagte nämlich der Herr Prof.
Neuhoff und sprach: „Frau Präsidentin! Die einzige wirksame
Sicherheitsgarantie für die Ukraine wäre ihre Rückkehr zur Neutralität. Die
EU behauptet, einen Waffenstillstand anzustreben. Doch indem sie verlangt, dass
EU- und NATO-Staaten ihn überwachen, gibt sie Russland nur den Anreiz, noch
mehr ukrainisches Territorium zu besetzen.“
Ganz abgesehen davon, dass die Neutralität
der Ukraine keine Sicherheit bieten, sondern sie verlässlich unter Russlands
Fuchtel halten würde und dass der Kausalzusammenhang, wonach eine
Waffenstillstandsforderung die Gegenseite zu weiterem Vorrücken motiviert (was
doch der liebe Onkel Wladibär bis dahin nie und nimmer im Sinn hatte?) nicht
nachvollziehbar ist: Wie sehr muss man die Ukraine hassen, wie tief im Putin drinstecken,
um eine derartige HETZPROPAGANDA gegen die EU (und mittelbar gegen die
Patrioten eines von einem kriminell-kleptokratischen Autokraten überfallenen
miteuropäischen Opferlandes) zu konstruieren und zu verbreiten?
Womöglich noch heftiger hetzte er am 11.09.25 auf X (Twitter) (wo er auch seine EP-Rede
vom 09.09. teilte) gegen die EU (die wir zwar alle nicht lieben, die aber nun
auch nicht jeglichen Übels Ursache ist): „Die EU nimmt weiterhin Kurs auf Krieg.
Ihre Forderung nach einem Waffenstillstand in der Ukraine [erg.: ist]
eine gefährliche Nebelkerze! Fest steht: Die Verantwortlichen sind längst
Geiseln ihrer eigenen Eskalationspolitik. Mit Vernunft hat ihr Handeln längst
nichts mehr zu tun. Darum appelliere ich ganz bewusst an ihr Gewissen.“
Nicht etwa der räuberische Imperialist
Putin, der den Krieg begonnen hat und einen Waffenstillstand verweigert, „eskaliert“,
nein: Es ist die eigene Seite, der Westen (hier: die EU), die eine „Eskalationspolitik“
betreibt!
Putin ist wirklich doof, wenn der immer noch
Propagandisten bezahlt: Läuft ihm doch eine unübersehbare Herde von gewissenlosen
Gratis-Lakaien hinterher, die vor Hass auf die eigene Seite nur so triefen. Und
die Logik, Anstand, Rechts- und Ehrgefühl und selbst ein Minimum von Mitgefühl
gegen die Patrioten eines mit-europäischen Landes einfach in die Tonne treten,
um ihrem Herrn und Meister Triumphmärsche zu komponieren.
Gefährlich sind Waffenstillstandsforderungen
nur für den Kriegsverbrecher im Kreml selber, dessen Weigerung seine angebliche
Friedensbereitschaft als Propagandalüge entlarvt. Das freilich lassen seine
Agitprop-Lakaien nicht auf ihrem Abgott sitzen; keine Behauptung ist denen zu
abstrus, um ihren Onkel Putti in strahlendem Potemkin-Persilweiß zu pinseln.
„Geschätzt 27 Millionen russische Opfer –
rund die Hälfte Zivilisten, rund 3,8 Millionen gefallene deutsche Soldaten,
sowie Plünderungen, Vergewaltigungen und Massaker an der deutschen
Zivilbevölkerung und eine jahrzehntelange Besatzung Ostdeutschlands: Der 2.
Weltkrieg hat Deutschen und Russen unermessliches Leid zugeführt.“
Das log der Antragsverfasser am 08.05.2025
(also am Tag der deutschen Kapitulation) auf X (Twitter) seinen Lesern vor.
Zum Glück sind nicht alle von denen gläubige
Schäflein; in einem Kasten „Leser haben Kontext hinzugefügt, der ihrer
Meinung nach für andere wissenswert wäre“ heißt es gleich darunter:
„Die emsig verbreitete Gleichsetzung von
‚sowjetischen‘ mit ‚russischen‘ Opfern der Nazi-Gewalt ist eine eklatante
Verfälschung der historischen Fakten & unterschlägt, dass rund die Hälfte
der Opfer in der Sowjetunion nicht der russischen Ethnie angehörten.“
Auch hier scheitert also Neuhoffs plumper Versuch,
die Ukraine-Unterstützer (subtil und indirekt) mit der Nazi-Keule
niederzuknüppeln.
Eine der von den Lesern verlinkten Webseiten liefert (aus einer russischen
Quelle!) eine nach Sowjetrepubliken aufgeschlüsselte Tabelle der sowjetischen
Kriegsopfer. Dort sind nicht nur die absoluten Zahlen angegeben, sondern auch
die jeweilige prozentuale Höhe bezogen auf die Gesamtbevölkerung. An erster Stelle steht Weißrussland mit
25,3%, darauf folgt die Ukraine mit 16,3%. Erst an dritter Stelle kommt
Russland mit 12,7%. Die Opferangaben sind nicht hundertprozentig verlässlich,
weil natürlich die Verwaltung nicht wie in Friedenszeiten funktioniert hat.
(Die Sowjets haben die Zahlen anfänglich sogar selber weitaus zu niedrig
angegeben, weil diese natürlich auch das Versagen Stalins dokumentieren). Doch
ist die angegebene „Rangfolge“ plausibel; schließlich waren Weißrussland und
die Ukraine von Deutschland besetzt; von Russland dagegen nur ein kleiner Teil.
Eigentlich verbietet sich eine
Instrumentalisierung der Opferzahlen. Wollte man dennoch eine historische
Verantwortung Deutschlands daraus herleiten, wäre unser Land mehr den Ukrainern
als den Russen verpflichtet.
„Ein Staatenverbund, der
fast die Hälfte der Weltbevölkerung und des globalen BIP umfasst, lädt zu
einer Wissenschaftskonferenz über seine Beziehung zur EU ein? Als
Deutscher, der unsere Nation endlich wieder auf den Kurs der Vernunft bringen
möchte, wäre der eigentliche ‚Skandal‘, nicht daran teilzunehmen“
tönte Prof. Neuhoff am 13.11.2025 z. B. auf
„X“. Und auch in seinen Beiträgen vom 09.11. bis 25.11.2025 geht es um die
angebliche außenpolitische Bedeutung seines Sotschi-Trips. Der „eigentliche Skandal“ ist freilich
dieses Posting selber. Denn in Wahrheit war es keineswegs der BRICS-Staatenverbund
(der ohnehin mehr Wind als Wirklichkeit ist), welcher zu dem „BRICS-Europe
Symposium“ eingeladen hatte. Vielmehr informiert der Eröffnungsredner,
der indische Politiker Ram Madhav, in einem Facebook-Beitrag vom
16.11.25,
dass diese Veranstaltung „… is hosted by United Russia Party, ruling
party in Russia, and the Russian Academy of Sciences at Sochi in
Russia“. Gastgeber waren also die russische Regierungspartei „Einiges Russland“ und die russische
Akademie der Wissenschaften.
Würden in Bayern die CSU und die Bayerische
Akademie der Wissenschaften gemeinsam zu einer Tagung einladen, wäre die
Propagandaabsicht der bayerischen „Staatspartei“ offenkundig. (Aber als seriöse
Wissenschaftsakademie würde sich die bayerische gar nicht erst auf eine solche
Operation einlassen!) Ebenso offensichtlich war die Tagung in Sotschi eine
russische Agitprop-Veranstaltung. Während sich der Antragsverfasser in seinem
o. a. Posting in den sozialen Medien als Welt-Wichtig-Wichtel aufspielt, ist er
in Wahrheit bloß ein elender Muschik auf Putins neo-zaristischem Geo-Schachbrett,
der sich vom Windhauch des Weltgeistes umweht wähnt.
Dass die russische Politik der AfD in
Wahrheit heftig misstraut, berichtet der TELEPOLIS-Artikel „Warum Moskau die AfD
hofiert“
vom 09.12.2020. Moskau umgarnt demnach die Russland-Freunde der AfD nicht etwa
deshalb, weil die Partei dort politisch besonders populär wäre. Vielmehr hält
das Kreml-Regime die Russland-Pilger der AfD offenbar für nützliche Idioten,
die sich willig dafür instrumentalisieren lassen, eine „gewollte Ohrfeige
Moskaus für das deutsche Polit-Establishment“ auszuteilen. „Ohrfeigen“ für ihre antideutsche
Politik haben unsere Herrschenden fürwahr in unbegrenzter Menge verdient. Aber
diese „Ohrfeigen“ müssen wir schon SELBER austeilen und aus UNSEREN
eigenen Gründen!
Wer sich von fremden Mächten als DEREN
Watschenrobot einspannen lässt, wird sich schnell mit Haut und Haaren in fremdem
Spanngeschirr eingespannt wiederfinden!
32:17: „Das ganze Argumentationssystem
von Mearsheimer funktioniert nur, wenn diese Aussagen, jede dieser Aussagen für
sich, unabhängig von Empirie Gültigkeit beanspruchen kann. Wenn es so wäre,
dass er diese Aussagen aus der Historie ableitet „Staaten tun dies und das“ und
daraufhin diese Annahmen formuliert als Gesetzmäßigkeiten, dann würde er im
Grunde genommen induktiv vorgehen und könnte nicht hinterher gewissermaßen
einen Blick in die Geschichte werfen, um zu gucken, ob es denn jetzt stimmt:
Das wäre dann ein reiner Zirkelschluss.“
Tragfähige gesellschaftswissenschaftliche
Theorien können gar nicht anders gewonnen werden als aus empirischen
Beobachtungen. Vorliegend kann allein schon die Bestimmung, was eine Großmacht
ist und was nicht, nur empirisch geleistet werden. Induktives Schließen ist
eine normale Verfahrensweise und produziert nicht per se Zirkelschlüsse.
Wie immer Mearsheimer seine Theorie des „buck-passing“
(also des Vorschickens einer anderen Großmacht durch eine sich bedroht fühlende
Großmacht) gewonnen haben mag: Jedenfalls testet er ihre Gültigkeit selbstverständlich
anhand historischer Beispiele. So schreibt er in Kapital 8
„Balancing versus Buck-Passing” seines Buches „The Tragedy of Great
Power Politics“:
“I
examine the five most intense cases of security competition in Europe over the
past two centuries to test my claims about when threatened states are
likely to buck-pass. Specifically, I consider how the great powers responded to
the four potential hegemons in modern European history: Revolutionary and
Napoleonic France (1789–1815), Wilhelmine Germany (1890–1914), Nazi Germany
(1933–41), and the Soviet Union (1945–90). I also look at how the European
great powers reacted to Otto von Bismarck’s effort to unify Germany with the
sword between 1862 and 1870. Bismarckian Prussia, however, was not a potential
hegemon. The system was multipolar for all of these cases, save for the bipolar
rivalry between the United States and the Soviet Union during the Cold War. Furthermore,
all of these security competitions led to great-power wars, except for the
conflict between the superpowers. The evidence from these five cases is
largely consistent with my theory on when states buck-pass and when they
balance against aggressors. The United States, for example, had no choice but
to balance against the Soviet Union during the Cold War, because the system was
bipolar.”
Einen klassischen Zirkelschluss liefert dagegen
Neuhoff selber, wenn er sagt:
15:49: „Geopolitik wäre demnach das
Handeln von Großmächten“
und bei
23:08: „Geopolitik wird nach der
Realismustheorie von Großmächten und nur von Großmächten bestimmt”
Wenn „Geopolitik“ das Handeln von
Großmächten IST, dann braucht es keine Theorie um vermeintlich zu „erkennen“,
dass Geopolitik nur von Großmächten bestimmt wird: Geopolitik ist dann bereits
PER DEFINITIONEM das Handeln von Großmächten.
Auf einem Zirkelschluss beruht die (schon
oben kritisierte) Aufforderung an seine Zuhörer
13:34: „Wenn sie in Diskussionen geraten über
die Ukraine-Problematik, bestehen sie zu Beginn darauf, dass die einschlägige
Kategorie aufgerufen wird, nämlich die Kategorie der Geopolitik.“
Damit hat er bereits vorausgesetzt, was doch
überhaupt erst zu beweisen wäre: Dass der Ukrainekrieg ein Konflikt zwischen
Russland und den USA ist (und dass die eigenen Wünsche und Bestrebungen der
Ukraine/r letztlich keine Rolle spielen).
Zusammenfassend können wir konstatieren,
dass sich der AfD-Europaabgeordnete Prof. Dr. Hans Neuhoff zwar als rein faktenorientierter, emotionsloser
Wissenschaftler geriert, jedoch in Wahrheit stets „den Daumen auf die Waage“
hält:
- Er biegt sich Mearsheimers
Theorie so zurecht, dass sie für seine Argumentation passt;
- er ignoriert wesentliche Fakten,
die nicht zu seiner Darstellung passen;
- er missachtet die Logik und
stellt unbewiesene, unplausible und sogar nachweislich wahrheitswidrige Behauptungen auf,
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