Dienstag, 24. Februar 2026

"Scheingewinne" als Scheinerklärungen in der Finanzkrise

 
Notiz: "Opferlose Finanzverbrechen"

Auf den ersten Blick erscheint ist die Definition von "Scheingewinnen" ganz einfach, und so banal, dass man sie scheinbar gar nicht hinterfragen muss:
Scheingewinne sind eben keine echten (oder "richtigen") Gewinne.
Diese Antwort entpuppt sich freilich als eine Scheinlösung, denn jetzt stellt sich die Frage, was denn "echte" Gewinne sind?


Die Betriebswirtschaft hat, für ihre mikroökonomische Ebene, den Begriff Scheingewinne teilweise gut im Griff, nämlich soweit es um Inflationsgewinne geht.
Hier die Definition auf der Webseite "Conserio":

"Ein Scheingewinn entsteht dadurch, wenn ein Gut durch eine allgemeine Preissteigerung einen höheren Wert erlangt. Wird das Gut sodann verkauft und ist der Wiederbeschaffungswert dieses Gutes am Tag des Verkaufs höher als es tatsächlich gekostet hat, so kann ein Scheingewinn erzielt werden. Dieser Scheingewinn wird dadurch erreicht, dass zum Berechnen der Gewinnspanne der frühere Einkaufspreis herangezogen wird. Allerdings kommt der Scheingewinn nur dann zustande, wenn der erzielte Verkaufspreis nicht höher ist, als der Wiederbeschaffungswert am Verkaufstag wäre. Detailliert betrachtet bedeutet dies, dass ein reeller Gewinn entsteht, sobald der erzielte Verkaufspreis immer noch höher ist als der Wiederbeschaffungswert."
 
Andere Begriffsbestimmungen ähnlicher Art finden wir z. B. in der Wikipedia oder in dem renommierten Gabler Wirtschaftslexikon.

Eine weitere Form von Scheingewinnen sind vorgetäuschte Gewinne aus einem Schneeballsystem (die müssen die Einleger, wenn sie Pech haben, sogar versteuern - selbst wenn das Geld weg ist).

Keiner dieser Sachverhalte bezeichnet aber jene Art von Gewinnen die gemeint sind, wenn im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Finanzkrise (2007 ff., zunächst in den USA und Großbritannien, dann auch in der Eurozone) die "Scheingewinne" insbesondere der Finanzbranche kritisiert werden.

Teils werden sie als Krisenursache identifiziert. So heißt es z. B. auf S. 67 (Bl. 68 pdf) des (umfangreichen) Foliensatzes "Finanzkrise – Ursachen, Wirkungen, Rettungspakete und Regulierung" [Nachtrag 02.2026: jetzt finde ich den Text nur noch hier] von Lothar Kamp (herausgegeben von der Hans-Böckler-Stiftung des DGB) unter
"Ursachen der Finanzmarktkrise (57):
 Bilanzierungsstandards US-GAAP / IFRS (2)
  • Bei Banken: Drastische Aufwertung der Vermögenswerte der Bank und der Ratings der Kredit nehmenden Unternehmen im Boom, umgekehrt in der Krise, mit großer Bank-Multiplikatorwirkung 1:20-1:50
  • Die IFRS-Schätzverfahren zukünftiger Erträge aus bestimmten Assets oder Geschäften, z.B. Patente oder gekaufte Firmen, sind häufig aus der Luft gegriffen, unsystematisch, Hoffnungswerte und produzieren Scheingewinne. Insbesondere bei Marktänderungen sind diese Schätzungen vielfach obsolet."
Andere reiben sich erstaunt die Augen, wenn Finanzinstitute trotz der Krise immer noch (oder wieder) riesige Gewinne machen. So hieß es bei FocusMoney am 22.04.2009 unter der Überschrift "BÖRSENKOMMENTAR. Scheingewinne":
"Spätestens die Finanzkrise sollte gezeigt haben, dass es sich bei den Gewinnen der Banken nur um Scheingewinne mit Scheingeld handelt."
(Konkret wird dort ein besonders drastischer Fall geschildert, bei dem die Fa. Goldman Sachs aufgrund einer Änderung des Geschäftszwecks - Geschäftsbank statt Investmentbank - und einer damit verbundenen Bilanzänderung einfach einen ganzen Monat - den Dezember 2008 - weder bei der einen noch bei der anderen Unternehmensform verbucht hatte. Und genau in diesen nicht verbuchten Monat alle erdenklichen Verluste und Risiken reinpackte.)

In diesen Beispielen ist das Zustandekommen der Scheingewinne konkret fassbar.
Für vielen andere Texte, wo dieser Ausdruck auftaucht, dürfte aber das
Goethe-Wort gelten: 
"Denn eben, wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein."

Ohne nähere Angaben, durch welche Mechanismen (Inflation oder Bilanzierung oder anderes?) sog. Scheingewinne erzeugt wurden, hat der Begriff keinen Erklärungswert. Wenn wir wüssten, was Scheingewinne sind, und welche Scheingewinne für die Volkswirtschaft insgesamt schädlich, dann könnten wir sie ja einfach verbieten oder abschöpfen. Da wir das nicht tun ist die Unterscheidung zwischen echten und bloß scheinbaren Gewinnen (und die Klärung, inwieweit diese der Gesamtwirtschaft schaden) wohl doch nicht ganz so einfach.

Auch ich hatte bereits die Frage erörtert, ob bzw. wie es sein kann, dass Finanzinstitute "Scheingewinne" machen - und wodurch sich diese von echten Gewinnen unterscheiden. Siehe meine beiden Blotts
Meine Vermutung war damals gewesen, dass die Banken Gewinne durch die angelsächsischen Grundsätze der Mark-to-Market-Bilanzierung, also den Ansatz der Werte nach jeweiligen Marktpreisen (sowie die Einbeziehung immaterieller Werte, insbesondere Firmenwerte und ganz allgemein einen großen Bewertungsspielraum für die Unternehmen) machen.
Denn die deutsche HGB-Bilanzierung lässt bzw. ließ* nur sehr konservative Wertansätze zu.
*[Die Bilanzvorschriften des Handelsgesetzbuches gelten nur noch für einen Teil der deutschen Unternehmen. In diesem Interview erfahren wir insoweit: "Seit 2004 gilt ... für deutsche börsennotierte Unternehmen die „internationale“ IFRS- Rechnungslegung".]
 
Auch in Deutschland werden die "Bewertungsspielräume" der angelsächsischen Bilanzmethodik natürlich ausgenutzt. Ein Beispiel bringt das bereits oben verlinkte Interview "Seifenblasen und Scheingewinne" vom 13.02.2009 mit dem Bilanzexperten Prof. Dr. Hans Werdich von der Fachhochschule Erfurt. Das aber nur als Randnotiz, denn mir geht es hier um die Finanzbranche.

Am 30.08.2010 hatte Philipp Plickert in der FAZ unter der Überschrift  " 'Finanzsektor maßlos aufgebläht'. Das 'Wunder' der Banker" über eine Studie* von Andrew Haldane, Simon Brennan und Vasileios Madouros (Ökonomen bei der Bank of England, also der britischen Nationalbank) berichtet, in denen diese der Frage nachgegangen waren "What is the contribution of the financial sector: Miracle or mirage?".
*[Dieser Aufsatz ist Teil des - gratis herunterladbaren - Buches "The Future of Finance: The LSE Report"].








Nachträge 24.02.2026
 
Diesen Text hatte ich ursprünglich im Jahr 2014 verfasst. Anscheinend wollte ich ihn weiter ausbauen oder war aus anderen Gründen nicht zufrieden damit. Jedenfalls habe ich ihn jetzt, am 24.02.2026, wiederentdeckt; mit dem Status als "Entwurf".
Unvollständig, wie er ist, veröffentliche ich ihn jetzt dennoch. Ich selber habe mich mittlerweile vom Geldsystem-Thema (sowie überhaupt vom Bloggen) ziemlich entfernt; sei es altersbedingt, sei es aus Frustration darüber, dass alle meine Blogeinträge ein Reden in die Wüste waren.
Wichtig ist das Thema dennoch; daher nunmehr hier eingestellt als evtl. Anregung für Menschen, die ebenfalls die Frage umtreibt, ob es (wie ich stark vermute) in unserem Geldsystem möglich ist, Geld ohne Zusammenhang mit realwirtschaftlichen Transaktionen zu schaffen und zu "verdienen".
 
Vgl. in diesem Zusammenhang auch meinen Blogpost



ceterum censeo
Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand 24.02.2026

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