Montag, 12. September 2005

VOM FRIEDHOF DER UNVERWESLICHEN LEICHEN ZUM MITTAGSMENUE AUS DER SCHÄDELKALOTTE

Textstand: 25.09.05

Altstadtfest, Radlersonntag "Kinzigtal Total": erneut ist eine kleine Flucht in ruhigere Gefilde angesagt. Und erneut geht es nach Hirschhorn, dem Ort mit dem "Friedhof der unverweslichen Leichen" (vgl. mein Blog-Eintrag vom Sonntag, 03.07.05). Wieder ist aber das Städtchen für uns nur ein Nachtlager auf dem Weg zu Höherem: von hier aus lässt sich Baden-Baden mit Bahn und Bus und akzeptablem Zeitaufwand erreichen.

Abseits der Lange Str. residiert dort eine rot-grüne Buchstabenkoalition. Einem großen roten "G" folgen viele kleine grüne Buchstaben und vereinigen sich zum Firmennamen "Gondrom".
Bei Gondrom gibt's (nicht nur in Baden-Baden) Bücher, was freilich nicht weiter erwähnenswert wäre: die gibt es z. B. bei "Weltbild" ganz in der Nähe auch. Indes ist die Baden-Badener Gondrom-Filiale ein veritabler Lesetempel. Im Herzen des großen Ladens plätschern die Wasser eines grün patinierten Bronze-Brunnens mit Statue, Gründerzeit wohl. Drum herum formen bequeme Sofas einen magischen Kreis der Leselust. Wasser zum Trinken gibt es auch, und eine Kaffeemaschine komplettiert den Buchladen zum Lesecafé.


Auch sonst haben Buch und Lesen in Baden-Baden anscheinend einen hohen Stellenwert. Die große und gut bestückte Stadtbibliothek liegt zentral in bester Lauflage zwischen Lange Str. und Luisenstr.. Daraus, und ebenso aus den kundenfreundlichen Öffnungszeiten und dem guten Besuch, folgere ich, dass man hier Literatur und Bücher mag und nicht nur zu Werbezwecken "in Literatur macht", wie der kleine Konkurrent im Süden, Badenweiler. Dort war mal Stephen Crane zu Gast, Renée Schickele hat da gelebt und Anton Tschechow [versuchen Sie mal, diese Seite direkt über die Eingangsseiten von Badenweiler zu finden!] hat's nicht überlebt. Also schnell ein paar Photos usw. zusammenstellen, Tschechow-Museum und Tschechow-Kongress machen. Bücher? Kann man dort in der bescheiden bestückten evangelischen Gemeindebücherei ausleihen. Wir wollen's ja nicht übertreiben, mit der Literatur.
Zwar hat Baden-Baden ca. 55.000 Einwohner, gegen nur ca. 4.000 in Badenweiler. Und doch hat Badenweiler immerhin ca. 460.000 Übernachtungen, Baden-Baden (im Verhältnis: "nur") ca. 710.000. Zugegeben: der burgbergbekrönte Kurpark in Badenweiler ist traumhaft, da kann man glatt das Lesen vergessen. In der Cassiopeia-Therme vermutlich erst recht. Und wenn man ein Ferienzimmer erwischt, wo nicht nur die Handtücher so vor sich hin schimmeln, sondern das ganze Haus müffelt, da mag man auch nicht lesen.
Trotzdem, auch wenn die Stadt kein Geld für eine Bücherei hat. Im nicht literaturberühmten Bad König hat man auch keines (mehr) für diesen Zweck übrig. Da haben die Bürger die (weiterhin in städtischen Räumen untergebrachte) Bibliothek übernommen: Eine "Public-Private-Partnership" im besten Sinne!
In Bad Salzhausen, Ortsteil von Nidda, bemüht (oder bemühte?) sich sogar ein Verein, das Örtchen in ein Antiquariatsparadies zu verwandeln: ein hessisches Hay-on-Vogelsberg, so zu sagen.

Nun mache ich aber besser Schluss mit meinen Bücherwelt-Exkursen, damit meine Leser nicht denken, ich hätte bei diesem Thema die "écriture automatique" eingeschaltet. Wir lassen, in Baden-Baden, dieses Mal die Stadtbibliothek tatsächlich links liegen, um mit einem scharfen Rechtsruck den Fuß der Himmelstreppe zu erreichen. Klettert hoch, und ihr seid in "Zhengs Garden", dem uns schon vertrauten Asia-Restaurant. Nach dem ebenso preis- wie preisenswerten Diner reicht man uns einen Fruchtsaftcocktail und, comme il faut, zusammengerollte feuchtheiße Handtücher auf einem Tablett. Wir wischen uns den Schweiß des Schmausens von der Stirne und könnten uns sogar noch ein Dessert leisten, hätten wir nicht schon 4 Euro jeder für die Besichtigung der historischen Säle des Baden-Badener Spielkasinos ausgegeben.

Für dieses Geld haben wir aber auch einen Gutschein für freien Eintritt zum Spielbetrieb erhalten. Da gehe ich allerdings nicht hin, bevor nicht die skandalöse geschlechtsbezogene Diskriminierung abgeschafft wird. Mann muss nämlich mit Jackett und Krawatte antreten, um Einlass zu finden. Frau dagegen darf dort sogar in Shorts und Turnschuhen rumturnen. Noch aber gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit auf der Welt: Vor jenem Orte, wo selbst die Kaiserin zu Fuß hingeht, steht eine lange Warteschlange. Wir Männer marschieren erleichtert vorbei. Manchmal ist der kleine Unterschied doch recht praktisch.

Keine Schlange lauert im Keller des Frieder Burda Museums. Dort regen die Spiegelungen der Grohe Sensorenabdeckung am Urinal in Gedanken (in der Realität ist hier keine Volks-Literatur an den Wänden zu finden) zur Reflexion an: "Such den Witz nicht an der Wand / Du hältst ihn selber in der Hand". Das ist kein Zitat von Marcel Duchamp, sondern echte Poesie des Volkes, wie man sie in verschiedenen Anthologien (z. B. dieser) nachlesen kann. An Duchamps avantgardistisches Kunstwerk denkend könnte man auf den Gedanken kommen, den o. a. Toilettenspruch als Indiz für den hohen kulturellen Stand unserer schreibtätigen Massen zu werten. Wenn nur nicht das erste "t" der Halterung so häufig aus dem orthographischen Rahmen rutschen würde! Indes: Wird's Konjugieren uns zu schwer / kommt ein Cactus, hilft uns sehr!

Das Museum (http://de.wikipedia.org/wiki/Sammlung_Frieder_Burda) ist kleiner als erwartet, und wir hätten durchaus Zeit gehabt für die Ausstellung "Das Heilige und der Leib" in der Staatlichen Kunsthalle nebenan. Doch hatten wir es versäumt, ein Kombiticket zu lösen. So entgingen uns die gegeißelten Gabelkreuzgestalten aus der Sammlung des Nationalmuseums Warschau. Dafür nahmen wir aus dem Frieder Burda Museum die Erkenntnis mit, dass Böhmen am Meer liegt (Anselm Kiefer). Ja, ja, auch Prag stand schon mal unter Hoch-Wasser, und dieses Wasser kam natürlich im Wege der Verdunstung und Kondensation aus dem Meer. Hurrikan "Katrina" hat freilich in New Orleans das Meerwasser ohne zeitraubende Umwege angeliefert.
Aber Natur kann auch schön sein, z. B. wenn Richard Meier sie malt. Der hat in seinen luftigen kleinen (1.000 m² Ausstellungsfläche) Museumsbau hinreißende Aussichten eingeplant. Leider hat der Kurator Klaus Gallwitz vergessen, die Fenster zu beschildern: "Richard Meier pinxit".

Ob Max Beckmann mal in Böhmen war, weiß ich nicht. In den dreißiger Jahren wäre das vermutlich schwierig gewesen, wegen der Devisenbewirtschaftung. Und Beckmann war – nach 1933 - auch knapp bei Kasse, schreibt der Ausstellungskatalog über Max Beckmann in Baden-Baden. Für den Aufenthalt in einem fashionablen Sanatorium in Baden-Baden hat das Geld offenbar doch noch gereicht. Bilder hat er dort auch gemalt, wie einst ein anderer im Sanatorium von St. Remy. Letztere sind mir zwar lieber, doch Beckmanns Baden-Baden-Bilder sind durchaus eindrucksvoll.

Zurück zur Natur: Die kann man als Landschaftskunst in der Lichtentaler Alle (http://de.wikipedia.org/wiki/Lichtentaler_Allee) besichtigen, und die Freunde der Lichtentaler Allee haben sogar einen Verein gegründet. [Die Allee führt zu einem Vorort von Baden-Baden um das alte Kloster Lichtenthal – dieses mit "th" geschrieben, die Allee merkwürdiger Weise nur mit "t".]
Berühmt ist Brenners Parkhotel; als Bauwerk allerdings nicht besonders attraktiv. Trotzdem rüttle ich mal am Gartengitter wie weiland unser (Noch-)Leitwolf erfolgreich an einem anderen Gitter gerüttelt hat: "Ich will hier rein". Mir wird es nichts nützen, und für unseren Leitwolf hat es gehalten sieben Jahr, doch länger hält's wohl nicht mehr.
Vielleicht sollte ich kompromissfähiger sein und dem Eigentümer Dr. O. einen Deal vorschlagen: "Ich esse deinen Fertigpudding, und notfalls sogar deine Salami-Pizzas mit dem ganz speziellen Tiefkühl-Aroma, und du lässt mich in deine Nobelhütte ein."
Da hätten wir dann beide ein echtes Opfer gebracht: er ein kleines, ich ein großes.
(Auch wenn Bielefeld meine Heimatstadt ist: seine Versuchsküche sollte Dr. O. besser von dort nach Baden-Baden verlegen.)

Doch will er unser Mäzen nicht sein, treten wir in die Gönner-Anlage ein. Zuvor aber den Blick in die Ferne schweifen lassen, wo die Burgruine Hohenbaden im Licht der Abendsonne badet und die Konglomeratfelsen des Battert vor sich hinbröseln.
Fest stehen dagegen noch die Steinfiguren, welche ein Zeit-Künstler (derselbe, dem wir schon am Bodenseeufer in Radolfzell (http://www.koch4u.de/Regio/sehenswert.htm) bei der Arbeit zugeschaut hatten?) in der Oos aufgeschichtet hatte. Wann? Es hat schon eine Zeit lang nicht mehr geregnet ... . [Ob übrigens das Setzen von Internet-Links eine Art Zeit-Kunst ist wie der Bau von Steinfiguren in der Oos?]

Aus dem Schampus-Hotel wehen Klavierklänge in die Blumenwelt der Gönner-Anlage. 3 Zecher auf heckenumhüllter Bank lassen leise ihre Bierflaschen klingen: Prost! Meine Belle Jardinière entsamt derweil in diesem Hortus conclusus blümerante Blumenbäumchen für ihren fensterlichen Gartenersatz.

Dann geht es mit uns wie mit der Oos: bergab. Bus, Bahnhof, irgendwo auf einer (zum Glück nicht unserer) Strecke ein Personenschaden. Etwas verspätet sind wir wieder in Heidelberg, aber der Anschlusszug nach Hirschhorn wartet..

Am Sonntag kehre ich noch einmal zurück auf die Lichtentaler Allee, wenn auch nur im Geiste. Auf dem Erbacher Kerwemarkt (ein Straßenfest der Gewerbetreibenden mit verkaufsoffenem Sonntag) hat auch die Stadtbücherei einen Stand: Bücherflohmarkt. Unter den ausgemusterten Beständen finde ich die "Lichtentaler Allee", drei Romane von Otto Flake in einem Band. Flake hat von 1928 bis zu seinem Tode 1963 in Baden-Baden gelebt. Derzeit gedenkt man dort mit 2 Ausstellungen seines 125. Geburtstages. Über seinen Roman "Hortense oder die Rückkehr nach Baden-Baden" las ich irgendwo (im Klappentext einer Neuausgabe? Oder war es vor der Buchhandlung in der Passage an der Kreuzstraße – noch eine also – in den dort ausliegenden Blättern mit Infos zu Literatur mit lokalem Bezug?), dass Gustav Seibt in einer Besprechung dieses Romans die rhetorische Frage aufgeworfen habe, "warum man uns noch nicht eher von diesem Buch erzählt hat".

Auch wenn ich Seibt nicht näher kenne, gab das wohl den Ausschlag, zögernd dann doch den verlangten 1,- € in die "Lichtentaler Allee" zu investieren – in der Hoffnung, das Buch nicht irgendwann ungelesen bei Oxfam abliefern zu müssen. Denn in der Lichtentaler Allee blüht auch die "Hortense". Als Backfisch hatte sie, ein Madel von Adel natürlich, aus Baden-Baden Reißaus genommen, und irgendwann wird sie wohl wieder zurück kehren, aber auf den ca. 50 Seiten, die ich auf der Rückreise geschafft habe, ist es noch nicht so weit. Dafür geht es in anderer Hinsicht richtig rund und zur Sache, d. h. Hortense geht zur Sache, in er alten und neuen Welt. Doch dann war unsere Heimfahrt zu Ende, und wenn die Hortense mich nicht irgendwann mal in den Urlaub begleitet, wo ich sie genießen und anschließend sitzen lassen kann, werde ich ihr Leben auf den restlichen 200 S. wohl nicht mit ihr teilen können (ganz so aufregend wie weiland Lady Di ist Hortense nun auch wieder nicht).

Aber das interessiert Sie ja alles gar nicht; Sie wollen doch nur das Eine: wissen, was es mit dem Diner aus der Schädelkalotte auf sich hat.
Nun, vielleicht sollte ich meine Hand besser nicht dafür ins Feuer legen, dass unser Menü im Thai-Restaurant wirklich in einer solchen serviert wurde. Ich kann immerhin nicht mit allerletzter Sicherheit ausschließen, dass es sich um eine halbe Kokosnuss gehandelt haben könnte.              


Textstand vom 19.09.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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