Samstag, 3. September 2005

DER WANDERER - ZUM DRITTEN!

(vgl. dazu Blog-Eintrag vom 28.06.05 u. d. T. "Der Wanderer")

Wir Deutschen sind doch deutlich ärmer als gedacht.
Nicht nur, dass es "uns" bei aller Italienbegeisterung und Goetheverehrung erst im Jahre 1998 gelungen ist, das Tagebuch bzw. die Briefe an den Vater (und noch einiges an schriftlichem Material drum herum) des August von Goethe, Sohn von Sie-wissen-schon-wem, von seiner Italienischen Reise zu veröffentlichen.
Selbst das haben "wir", d. h. konkret natürlich die Herausgeber (Gabriele Radecke für den Text und einen Teil der Erläuterungen, Andreas Beyer ebenfalls teilweise für die Erläuterungen und allein für das Nachwort) nur mit US-amerikanischer Hilfe zu Stande gebracht: das Editionsprojekt wurde gemeinschaftlich von der Goethe-Gesellschaft in Weimar und dem Clark-Art-Institute in Williamstown, Massachusetts, gefördert.

Da freilich nicht nur die Deutschen im Allgemeinen arm sind, sondern auch ich im Besonderen nicht reich bin, haben mir die Amerikaner auch ganz persönlich unter die Arme gegriffen, damit nun auch der dritte Goethe-Wanderer in meine Bibliothek wandern konnte. Und dazu war nicht einmal "conservative compassion" erforderlich; nein: die Marktmechanismen, auf einem von den Amerikanern in dieser Form überhaupt erst geschaffenen Markt, verhalfen mir zum Goethe-Genuss.
Womit ich freilich nur wortreich die simple Tatsache umschrieben habe, dass ich jenes leinengewandete Werk (Titel: "August von Goethe. Auf einer Reise nach Süden"), welches neu nur um den Preis von 23,- Eurostücken zu haben ist, preiswert und in tadellosem Zustand (wenn auch offenbar aus einem Raucherhaushalt) bei Ebay ersteigern konnte.

Die Beschreibungen, welche die drei Goethes (Vater Johann Caspar Goethe, Sohn Johann Wolfgang von Goethe und der - stark dem Wein-Geist ergebene - Sohnessohn August von Goethe) uns von ihren jeweiligen Italienreisen (1740, 1786 - Redaktion des Reisebuches jedoch erst sehr viel später, nämlich um 1815 - und 1830) hinterlassen haben, reflektieren die Entwicklung der Gesellschaft und die veränderte Stellung des Individuums in der Gesellschaft. Ich zweifle nicht, dass irgendwann ein gelehrter Kopf auf die Idee kommen wird, einen Vergleich der Reisebeschreibungen unter diesem Gesichtspunkt zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung zu machen. Allerdings gibt es hier auch eine "innerfamiliäre" Persönlichkeitsentwicklung. Großvater Goethe reist, um sein Wissen zu erweitern, Sohn Goethe, um seine Persönlichkeit in vielfältiger Hinsicht zu bereichern, aber auch um sich zu befreien. Befreien wollte sich vielleicht auch der Enkel, aber während sich sein Vater "zu" etwas befreit hatte, die Bahn für seine künstlerische Weiterentwicklung frei gemacht, konnte der Sohn nur noch versuchen, sich "von" etwas, der Dominanz seines Vaters, dem Einerlei seines Weimaraner Alltages usw., zu befreien.

Johann Caspar Goethe beschreibt (auch erst später, und mit Hilfe des italienischen Hauslehrers der Familie, aber doch wohl ganz im Geist der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts), was er in Italien gesehen hat, vielleicht auch im Sinne einer Anleitung für andere (seinen Sohn?) "Was man sich in Italien ansehen sollte". Bei Johann Wolfgang von Goethe wird es schon deutlich privater. Auch er hält sich zwar im Großen und Ganzen an den damaligen Bildungsreisekanon. Ihm geht es aber nicht darum, irgendwelche Sehenswürdigkeiten abzuhaken und deren Gesehen-Haben im Gehirn abzuspeichern. Er macht sich Italien quasi innerlich zu eigen, die Reise wird zu einem wesentlichen Element seiner Persönlichkeitsentwicklung, und das sowohl in ihrem mehr äußerlichen "informationellen" Ertrag, als auch ganz innerlich-emotional. So etwa mit seiner Initiation in unbefangene Sexualität in Rom, die dann in letztlich in Weimar in das Verhältnis zu Christiane Vulpius einmündete, welchem die Welt wiederum den Goethe-Spross der vorletzten Generation, Johann August, verdankt (der seinerseits eine Tochter und 2 Söhne hatte, die sämtlich kinderlos blieben).

Dessen Reisebriefe an seinen Vater haben eine Art Doppelnatur. So jedenfalls erscheint mir ihr Inhalt nach einem ersten Durchblättern. Eine genaue Lektüre bleibt vorbehalten und wird, obwohl die Reisebriefe einerseits etwas trocken sind, auch nicht lange auf sich warten lassen. Denn auf andere Weise sind sie, auch vom gewissermaßen "feuchten" Gehalt der zahlreichen Weinschenkenvisitationen abgesehen, als Einblick in eine spezifische private Existenz doch sehr interessant.
Goethe der Vorletzte (1830 ist August von Goethe auf seiner Reise in Rom gestorben) musste einerseits seinem Vater beweisen, dass er sich nicht nur in den Kneipen amüsieren, sondern wie der große Goethe in Italien auch bilden wollte und konnte. Dies zumindest äußerlich, in ähnlicher Weise wie Großvater Johann Caspar Goethe, durch pflichtschuldige Sehenswürdigkeitenbesichtigungsberichterstattungen. Gleichwohl ist er doch weit stärker als sein Vater mit seiner nur privaten Existenz beschäftigt, seinem biologischen (und ökonomischen) Dasein. Da wird vieles klein-klein beschrieben: was, wo und wann er gegessen, besonders aber getrunken hat. Und mit wem, denn August war kein Knauser. "Wein für alle" "commandierte" er des öfteren in den Spelunken und machte sich durch diese und andere Großzügigkeiten vermeintlich das Volk zum Freund. Ein innerlich Einsamer? Vom Besitzstreben war er andererseits aber auch nicht frei: da lässt er schon mal eine "Terracotta" (wohl eine Statue, die vielleicht in seiner Vorstellung – oder auch tatsächlich; keineswegs unmöglich in der Gegend von Pompeji - antik war) mitgehen. Einen interessanten Ausdruck hat er für solche Diebereien: "retten" nennt er das! (In Pompeji selbst wurden die Besucher von Wachen begleitet, die sie am "Retten" hinderten.).
Wo hat er nur solche Ausdrücke gelernt? Von seiner Mutter? Oder seinen (Sauf-)Kumpanen? Oder hatte – kaum wage ich es, eine solche Vermutung auszusprechen – gar sein Vater im intimen Familienkreis damit geprahlt, dass er das eine oder andere Mitbringsel aus Italien dort "gerettet" hatte? In welcher Gesellschaft verkehrte August daheim?
Gerade dieser intime Teil der Reiseschilderungen Augusts von Goethe, mit ihren manchmal umgangssprachlich-kumpelhaften Ausdrücken, lässt auf zeitweise kurzweilige Textpassagen hoffen. Der Leser penetriert – voyeuristisch, zugegeben – in den Mikrokosmos eines "Menschen wie du und ich", der im Grunde (nur noch) deshalb nach Italien reist, um seinen Spaß zu haben.

Ich glaube, ich werde Spaß an der Lektüre haben. Dagegen habe ich mich durch Johann Caspar Goethes "Viaggio per l'Italia" eher durchgequält.              


Nachtrag 19.06.09
Inzwischen habe ich das Buch vor nun schon längerer Zeit gelesen und mich dabei keineswegs gelangweilt. Momentan lese ich ein Buch, dass trotz seiner unterschiedlichen Zielrichtung (nämlich von vornherei für die Öffentlichkeit bestimmt) den o a. privaten brieflichen Reisenberichten des Goethe-Sohnes August "August von Goethe. Auf einer Reise nach Süden" nicht ganz unähnlich ist, nämlich das kurze Zeit später verfasste Italienbuch "Italien, wie es wirklich ist; Bericht über eine merkwürdige Reise in den hesperischen Gefilden, als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen" von Gustav Nicolai (vgl. Blott "Hurra; hurra hurra - die Schundliteratur ist da: "Italien wie es wirklich ist" (Gustav Nicolai, 2. Aufl. 1835)"). Ein halbwegs systematischer Vergleich beider Werke könnte reizvoll sein. Das in oben konstatierte Klein-Klein in den Goethe-Junior-Briefen findet sich - freilich nicht ganz so Makrofotografisch - auch bei Nicolai.
Auf jeden Fall geben uns beide Zeitgenossen, die etwa zur gleichen Zeit gen Süden gereist sind, eine ganze Menge interessanter Informationen über das italienische Alltagsleben.


Nachtrag 22.11.2009
Wie sein Vater, interessierte sich auch der Junior August von Goethe für Geologie. Geologische Sachverhalte werden des Öfteren im Buch erwähnt. Vielleicht hilft zu einem besseren Verständnis der damaligen wissenschaftlichen Kontroversen die Lektüre eines Vortrags von Helge Martens auf der 11. Sitzung der Humboldt-Gesellschaft am 13.06.1995 u. d. T. "Goethe und der Basaltstreit". Inhalt:
A. Einordnung des Basaltstreits
B. Die Positionen
C. Die Neptunisten
D. Zwischen den Fronten
E. Die Plutonisten
F. Goethe





Textstand vom 22.11.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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