Sonntag, 19. März 2006

Überlingen

Welke Blätter nur sind mir geblieben von unserem Herbsturlaub 2002 in Radolfzell am Bodensee. Und nicht einmal das: nur Bits und Bytes auf der Festplatte.

Dort soll aber nicht festsitzen, was ich damals über Überlingen schrieb (und was mir jetzt im Zusammenhang mit dem "ZIZENHAUSENER TOTENTANZ " wieder in die Hände fiel):


Meersburg ist ein Juwel. Klingt abgeschmackt, hat für mich aber eine konkrete Bedeutung: Meersburg ist klein, übersichtlich, einheitlich „alt“ (bei näherem Hinsehen sind die Gebäude natürlich ganz verschiedenen Stilepochen zuzuordnen, aber fast alle stammen aus der Zeit, als man noch Stile hatte, also aus der Zeit vor 1800, und nicht nur imitierte (wie z. B. im Historismus). Meersburg hat Farbe, Glanz, und dieses „Juwel“ ist auf einen Blick zu erfassen.

Überlingen ist eine Kristallstufe: ebenfalls schön, aber komplexer, man muss näher hinsehen, die Schönheit nicht mit einem Rundblick suchen, sondern eher im Detail, genauer: in zahlreichen Details (und zwischendrin muss das Auge die langweilige Moderne ausblenden lernen). Und es ist, als einstmals freie Reichsstadt, geschichtsgesättigter, historisch (in meinen Augen) interessanter als Meersburg, das sicherlich auch seine Höhen und Tiefen erlebt, auch mal gegen seinen Herrscher aufgemuckt hat, aber letztlich den baulichen Glanz des Alten, der uns heute bezaubert, weitestgehend dem Bischof, oder jedenfalls seiner Funktion als Bischofsresidenz, verdankt.

Schön war das Wetter nicht, es nieselte, mal mehr, mal weniger stark. Gleichwohl faszinierte uns (meine Frau und mich – sorry, aber ich kann nichts dafür, dass ich nicht in einer „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ lebe: vielleicht wird’s ja was bei der nächsten Wiedergeburt!) der Spaziergang durch den Stadtgraben. Eine gewaltige Arbeitsleistung, unter den technologischen Voraussetzungen des Mittelalters. Der intensive Pflanzenbewuchs hat die vom Menschen dem Fels geschlagenen Wunden geheilt und lässt den Graben nun als eine natürliche Schlucht erscheinen, vergessen die Mühen seiner Anlage. Was mag man mit dem Aushub gemacht haben? Häuser gebaut? Oder die Stadtmauer? Oder Land an See aufgefüllt, oder eine Hafenmole?

Strategisch ist die Stadtlage eigentlich gar nicht so günstig, aber dieser Graben (oder gab es damals noch weitere vorgeschobene Befestigungen?) haben es ermöglicht, die Stadt im dreißigjährigen Krieg immerhin zweimal gegen Belagerungen zu halten, nur beim dritten Mal hat’s dann nicht mehr geklappt. Übrigens wurden die Angriffe damals auch schon über den Bodensee vorgetragen: wenn wir wiederkommen, muss ich mal in der Stadtbücherei nachschauen, ob es dort genaueres zu lesen gibt. Ist doch irgendwie faszinierend, wie „modern“ man schon im 17. Jh. Kriege führte (die Soldateska freilich war damals noch etwas raubauzig: ein „Schwedentrunk“ war seinerzeit keineswegs gesundheitsfördernd)! Ist ja schön, so alte Städte anzusehen und in deren Geschichte zu stöbern, aber in der „guten alten Zeit“ möchte ich denn doch nicht leben.

Faszinierender Kontrast zur „wilden“ Vegetation des Stadtgrabens ist die subtropische Vegetation des Stadtgartens, exotische Blütenpracht als Kontrast zum deutschen Grün, Kakteen gar (aber die lässt man hier im Winter bestimmt nicht draußen). Diese Abfolge: Natur/Park ist sicherlich ein wichtiger Teil unseres Erlebens; der Kontrast bringt’s. Mein (zufällig entdeckter) Tipp also, lieber Leser: nicht durch die Bahnhofstraße aus der Altstadt raus zum Stadtgarten gehen, sondern „von hinten anschleichen“: vom Wagsauterturm oder vom Aufkirchertor durch den Graben, bis zum Gallerturm gehen.

So ganz leicht macht es diese Stadt dem Reisenden mit ihren Toren und Türmen aber nicht: das Franziskanertor steht nämlich nicht am Rand, sondern mitten in der Altstadt, welche nämlich früher mal kleiner war und später erweitert wurde, so dass an dieser Ausfallstraße nun das Aufkirchertor die Stadtgrenze bildete. Na ja, die Namen muss man sich nicht unbedingt merken (ich schreibe sie hier gerade von einem Stadtplan ab): aber eben diese Entwicklung, das mittelalterliche Wachstum, das ein Stadttor in die Innenstadt „rutschen“ lässt: sollte man doch kennen. (Der erfahrene Reisende erinnert sich vielleicht auch an Rothenburg o. T., wo der Weiße Turm und der Markusturm mit dem Röderbogen als Überreste noch heute den runden Verlauf der ersten Stadtbefestigung markieren.)

Nicht jede Schlucht in der Überlinger Altstadt ist übrigens ein Stadtgraben: wer am Bahnhof „Überlingen Mitte“ aussteigt (der einfach mit „Überlingen“ bezeichnete Bahnhof liegt westlich, also, von Radolfzell kommend, vor, der Altstadt) kommt in ein Loch mit hohen Wänden und muss diesem zunächst über die Treppe oder den Aufzug entrinnen, um sich der Altstadt zu nähern. Oben wird er freundlich von Schildern zur Altstadt und zur Tourist Information empfangen, die auch noch an weiteren Stellen angebracht sind, ihn allerdings irgendwo am Münster verlassen. Das Münster ist finster (sehr lange habe ich nicht reingeguckt, deshalb ist die Dunkelheit meine Haupterinnerung) und das Rathaus hat einen schönen Saal, den haben wir diesmal auch nicht gesehen (wir kommen ja, wie gesagt, irgendwann mal wieder). Gut war aber der Capuccino im Café der Einkaufspassage am Münster. Was, außer einer bekannten Stadt in Westfalen, ist eigentlich ein Münster? Mein Lexikon bietet an „Kloster/Stift, große Stiftskirche, Dom“. Also ein Dom kann das hier nicht sein: das ist, so viel weiß ich, eine Bischofskirche, und die Überlinger als freie Reichsstädter haben sicherlich keinen Bischof in ihren Mauern geduldet (die Bischofs-Burschen wollten damals nämlich nicht nur die Seelen, sondern auch den Rest des Menschen beherrschen, und selbst unsere gläubigen Vorfahren wollten nicht glauben, dass das gut für sie wäre). Die Frankfurter sind zwar dreist genug, ihre Bartholomäuskirche (richtig, das war der Heilige, dem man das Fell über die Ohren gezogen hat: passt ja auch zu Frankfurt, gelle?) „Dom“ zu nennen, aber da drin sind immerhin mal Kaiser gekrönt worden: ganz so wichtig war Überlingen denn doch nicht. Und der Bischof saß ja ein paar Kilometer weiter in Meersburg (d. h. früher in Konstanz, bevor die sich reformiert und den Bischof vertrieben haben: wurden dann zwar vom Hause Habsburg wieder ideologisch auf den alten Kurs getrimmt, aber der Bischof als echter Ästhet blieb bei seinen Weinbergen und seinem Alpenblick in Meersburg: hätte ich an seiner Stelle auch gemacht! Also, Münster, wie auch immer: jedenfalls ist die Kirche groß und man sollte mal reingucken. Das Gewölbe innen ist ebenso gotisch wie die Kirche von außen. Ich hasse es, wenn eine Kirche z. B. außen gotisch und innen barock ist, wie etwa das Münster – noch so’n Ding! – in Radolfzell. Die Kunstschwätzer sagen dann für die Vergangenheit zwar meist, wie einfühlsam man doch in vergangenen Zeiten die Stile angepasst habe – z. B. beim barocken Zentralturm des romanischen Mainzer Doms - nur in unserer Zeit schreit man gleich „Stilbruch“. Was lange her ist, ist schon per se o.k., aber mir entgehen solche Feinheiten und deshalb bevorzuge ich die stileinheitlichen Gebäude (wenn’s nicht nachgemachte sind, wie das Meiste vom Kölner Dom).

Münster, Kaffee – da war doch noch was? Richtig, eine anthroposophische Buchhandlung am Kirchplatz. Es gibt anscheinend unter der Viertele-rationalen Oberfläche der Schwaben (hoffentlich liege ich mit dieser Bezeichnung richtig: Alemannen, Schwaben, Badenser, Württemberger: ist alles ziemlich verwirrend für den flüchtigen Vaganten!) doch ein mehr oder weniger starkes spekulatives Element. Radolfzell mit seinen 30.000 Einwohnern hat eine christliche Buchhandlung (außerdem natürlich auch eine „richtige“); Überlingen eine anthroposophische (und ebenfalls eine „richtige“): nur in Konstanz habe ich nichts „Verdächtiges“ entdecken können, aber vielleicht eröffnen dort ja demnächst die postanthropozentrischen Progressisten ihren Laden (ob diese Glaubensgemeinschaft außer dem Verfasser noch weitere Anhänger hat, konnte noch nicht ermittelt werden). Dafür gibt es in Konstanz eine Universität: die hat ja möglicherweise exorzistische Kräfte.

Ein Buchantiquariat – ich kann’s nicht lassen – hat Überlingen auch. Mit einer erstaunlichen Menge an Büchern, recht guten sogar. Aber der Laden ist dermaßen vollgestopft, dass man die Lust am Schauen verliert. Und die Preise sind auch nicht gar so niedrig, dass man den Antiquar von seiner Bücherlast befreien möchte.


Textstand vom 19.03.2006.
Gesamtübersicht der Blog-Einträge auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm

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