Montag, 28. Mai 2007

Die Antike als historisches Über-Ich der Europäer?

Manchmal kann man in der Selbstreflexion genau nachverfolgen, auf welche Weise zwei Gedankenflüsse sich vermischt haben.


Der eine kam von meiner Rezension "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft" des Buches "Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung" von Prof. Dr. Manfred Pohl her. Der will einem Bundeskovent mit 50 "weisen Persönlichkeiten" weitgehend die bisher dem Bundestag und Bundesrat zustehenden legislativen Funktionen übertragen. Ich habe mich in meiner Buchbgesprechung ziemlich mokiert über die Vorstellung von "weisen" Menschen und u. a. darauf verwiesen, dass die gesamte griechisch-römische Antike (nur) 7 Weise anerkannte (das zwar in verschiedener Besetzung, so dass in der Summe mehr rauskommen würden; jedenfalls zeigt es aber, wie skeptisch man schon damals der Vorstellung gegenüber stand). Andererseits gibt es heute noch zahlreiche Verehrer des antiken Denkens (das wohl tatsächlich eine wesentliche intellektuelle Grundlage auch für die Moderne bildet).

Trotzdem empfinde ich es als Schwäche, wenn sich -dieses hier nur als Beispiel für viele herausgegriffen- z. B. der "Kulturwissenschaftler" -was ohnehin eine fragwürdige akademische Kategorie ist- Hartmut Böhme in seinem "Zeit"-Essay "Wer sagt, was Leben ist. Die Provokation der Biowissenschaften und die Aufgaben der Kulturwissenschaften " unter den schützenden Rock seiner altgriechischen Geistesgroßmütter verkriecht, um sich vor einem rein naturwissenschaftlichen Biologieverständnis zu schützen:
"Die Lebens- und Biowissenschaften gehen auf das griechische Wort bíos zurück, womit das Leben, die Lebenszeit sowie der Lebenswandel von Menschen und ausdrücklich nicht von Tieren gemeint sind. Es bezeichnet sodann den Lebensunterhalt, die Nahrung, das Gewerbe und das Vermögen. Es kann sogar in die Lebensbeschreibung (Bio-Graphie) eingehen. Der bíos agathós ist das im ethischen Sinn gute Leben. Doch im Griechischen prägt das Wort bíos auch Wendungen wie "Leben schenkend", "in Lebenskraft erblühend". Es prägt den Ausdruck für Lebensart, das Verb für "das Leben lassen, fristen, erhalten, erwecken" oder für das, was man "verrichtet". Selbst der Generationenbegriff wird als bíos gefasst. Hieran fällt sofort auf, dass das semantische Feld von bíos bei den Griechen Momente der Natur wie auch, und zwar überwiegend, solche der Kultur aufweist. Wenn man Biowissenschaft also als "Lebenswissenschaft" bestimmen will, wäre es eine Reduktion, diese als Naturwissenschaft zu konzipieren. Das heißt: Der griechische Begriff von "Leben", der über die Naturbasis hinaus die kulturellen und geschichtlichen Dimensionen des menschlichen Daseins integriert, ist dem heutigen Verständnis von Biowissenschaften weit überlegen. Tatsächlich können die Biowissenschaften nicht zeigen, dass sie gegenüber dem, was ihrer Wortherkunft entspräche (Bio-Logie, als die vernünftige Rede über den bíos), nicht reduktionistisch sind. Was also gehört in griechischer Tradition zu den Wissenschaften vom bíos dazu?"
Wozu sollte uns interessieren, was die alten Griechen unter "bios" verstanden? Bzw., etwas pointierter formuliert: weshalb soll ich als Steuerzahler eine akademische Pfründe für Personen finanzieren, die mir auch auf anderen Gebieten unter dem schon an sich bezeichnenden Titel "Rettung durch Rückschritt" hauptsächlich heiße Luft anzubieten haben: "Die Menschheit lebt nicht mit der Natur, sondern sie ist zu ihrem Parasiten geworden. Parasitärer Anthropozentrismus dominiert auch die Weltbeziehungen. Das »Mundane« der gesellschaftlichen Beziehungen, ihre globalisierten Ökonomien und Kräfte, hat das »Mundiale«, nämlich eine auf Wechselseitigkeit beruhende Beziehung zur Welt der Dinge, der Natur und des Kosmos, zusammengekürzt auf Probleme einer Technik, in der es langfristig um Beherrschung der Erde und kurzfristig um Nutzenmaximierung für menschliche Zwecke geht. Darin wirkt eine Naturfeindschaft, die von den Zwischenhochs etwa der Naturästhetik niemals wirkungsvoll unterbrochen wurde: Neben der materiellen Umweltzerstörung drückt sich für Serres darin eine global gewordene »kulturelle Verschmutzung« des Denkens aus. Die Gewinnung einer nichtparasitären, wohl aber alliierenden Naturbeziehung ist die entscheidende Zukunftsaufgabe, die zu verabsäumen den Preis des Hasses, der Kriege und des Todes kostet. »Die globale Geschichte«, so Serres, »tritt in die Natur ein und die globale Natur in die Geschichte«." Ich halte es für wahrscheinlich, dass unsere Umweltprobleme überhaupt unlösbar sind; aber hübsche Begriffen wie der von einer anzustrebenden "alliierenden Naturbeziehung" haben den gleichen Nutzwert wie die Beschwörungsformeln primitiver Schamanen. Dass die exakten Wissenschaften bisher kein umfassendes Wissen über "das Leben" -das individuelle wie das gesellschaftliche- gewonnen haben (und wohl auch zukünftig nicht gewinnen werden), ist zwar richtig und sichert den Geisteswissenschaften -vorzugsweise denjenigen, die ihren Gegenstand wenigstens mit halbwegs exakten statistischen und anderen Methoden behandeln- ihre Existenzberechtigung. Es berechtigt sie aber keineswegs zur Überhebung im Sinne von "Wir sind die wahre Wissenschaft".

Zurück jedoch zum Thema "Über-Ich":

Der andere Gedankenstrom knüpfte an meinen aktuellen Mainz-Bilder-Blog an ("Two innocents abroad: Mainz, Samstag 26.05.2007"). An Bonifatius dachte ich und daran, dass Mainz sein (Missions-)Erzbistum und später das zumindest dem Rang nach führende deutsche Erzbistum war. (Aktuell ist ja wieder sein Erzbischof Karl Lehmann der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Kardinal.)

Diese Stellung hat vermutlich auch damit zu tun, dass die Stadt (wie auch die historisch ebenfalls kirchenrechtlich und politisch bedeutsamen Erzbistümer Köln und Trier mit den ihnen zugewiesenen "Erzämtern") römischen Urprungs war. Zumindest im frühen Mittelalter dürften noch eindrucksvolle Überreste der römischen Zivilisation sichtbar gewesen sein (Reste der großartigen Wasserleitung stehen sogar heute noch aufrecht: -hier und da eine virtuelle Rekonstruktion von Mark Engelhardt; ein suggestives Foto dort).
[Mittlerweile haben wir die "Römersteine" auch in situ besichtigt.]

Die Begegnung mit den architektonischen Überresten der Antike dürfte nicht ohne Folgen für das Selbstbewusstsein der Menschen in jener Zeit geblieben sein. Prägender noch war insoweit aber zweifellos die Begegnung mit dem antiken Denken. (Als Beleg für die selbst heute noch ausgeprägte Antikenverkehrung -oder Verehrung antiker Berufs-Schutz-Gottheiten?- vgl. oben die Ausführungen des Kulturwissenschaftlers Prof. Hartmut Böhme!).


Auch wenn ich von der "Wissenschaftlichkeit" der Psychoanalyse eine eher geringe Meinung habe: innerhalb dieses Denksystems selbst würde es zweifellos Sinn machen, die Antike als eine Art "Über-Ich" der abendländischen Zivilisation zu interpretieren.
Aber vielleicht ist das ja schon geschehen und lediglich mir unbekannt? Für sachdienliche Hinweise zur Erfassung eventueller Erkenntnistäter dank im Voraus der
Blog-Master.



Textstand vom 13.06.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen