Samstag, 9. Juni 2007

terreur des sommes

terre des hommes (französisch für: "Erde der Menschen") ist eine ursprünglich schweizerische Organisation von Menschenfreunden, die sich u. a. auch nach Deutschland verzweigt hat und "Hilfe für Kinder in Not" leisten will. Das ist gewiss kein verwerfliches Ziel.
Kommt also her und schaut es euch an,
Wie armen Menschen man helfen kann:


Pressemitteilung vom 14.03.2007:
"Das entwicklungspolitische Kinderhilfswerk terre des hommes hat die Pläne zum Bau von Staudämmen am Salween-Fluss in Thailand und Burma kritisiert. Insbesondere in Burma befürchtet terre des hommes die Zwangsvertreibung tausender Menschen aus Dörfern entlang des Flusses. Seit Jahren existieren Flüchtlingslager im burmesisch-thailändischen Grenzgebiet. Hier leben vor allem Menschen, die vor dem repressiven Militärregime in Burma fliehen mussten. Nach Auffassung von terre des hommes führt der Bau der Staudämme zu gewaltsamen Vertreibungen, in deren Folge ein starker Zustrom von Flüchtlingen in den Lagern zu befürchten sei. terre des hommes betreut mehrere Flüchtlingslager im Grenzgebiet. Etwa zehn Millionen Menschen aus 13 ethnischen Gruppen leben im Einzugsgebiet des Salween-Flusses. Mehr als 90 Dörfer seien bereits geräumt worden, die Militärpräsenz in den betroffenen Gebieten wurde erhöht. Zur Umsetzung des Projektes müssten große Gebiete geflutet werden, während andere Regionen von der Wasserversorgung abgekoppelt würden. »Der Bau der Staudämme wird zur Zerstörung der Lebensgrundlage vieler Menschen und Tiere führen«und muss deshalb gestoppt werden«, so terre des hommes-Expertin Iris Stolz.
In den vergangenen Jahren musste das Bauprojekt auf Grund ungeklärter Finanzierung mehrfach zurückgestellt werden. Im Februar stellte die thailändische Elektrizitätsgesellschaft (EGAT), einer der Hauptprojektträger, zusätzliche Finanzmittel in Aussicht. Menschenrechtsorganisationen befürchten nun einen baldigen Beginn der Baumaßnahmen.
Im Rahmen einer Kampagne zum Erhalt der biologischen und kulturellen Vielfalt unterstützt terre des hommes den Protest von Menschenrechtsgruppen in Burma und Thailand gegen das Salween-Staudamm-Projekt. Der 14. März wurde vor zehn Jahren von Umweltgruppen zum internationalen Aktionstag gegen Staudämme erklärt
."

Pressemitteilung vom 19.01.2007 (Überschrift: "terre des hommes auf dem Weltsozialforum in Nairobi vom 20. bis 25.Januar. »Weil unsere Kinder eine andere Welt wollen!«"):
"»Weil unsere Kinder eine andere Welt wollen« - unter diesem Motto ist die Internationale Föderation terre des hommes auf dem diesjährigen Weltsozialforum in Nairobi vertreten. Das Motto orientiert sich an dem Weltsozialforum-Slogan »Eine andere Welt ist möglich«.
Raffaele Salinari, Präsident der Internationalen Föderation terre des hommes, beteiligt sich an der Debatte über Kinderhandel und andere Formen moderner Sklaverei. »Wir werden auch auf diesem Sozialforum diskutieren, was getan werden muss, um die Ausbeutung von Kindern zu stoppen und sicherzustellen, dass ihre Rechte nicht mit Füßen getreten werden«, so Salinari.
»Es braucht gerade einmal die Zeit einer Generation, um für jedes Kind auf dieser Welt Gesundheit, Zugang zu sauberem Wasser und Schulbildung zu ermöglichen« erklärt Ignacio Packer, Leiter der Programmabteilung der Schweizer Stiftung terre des hommes in Lausanne. »Wir alle wissen, woran es fehlt: politischer Wille hierzu, eine Stärkung des Sozialstaates, bezahlbare öffentliche Leistungen und der begleitende flexible Einsatz ausreichender Entwicklungshilfe.« Eine starke Zivilgesellschaft sei unabdinglich, doch seien vor allem Regierungen und politische Akteure gefordert, sich im Interesse der Kinder dem globalen Wettbewerb um die Senkung von sozialen Standards zu widersetzen und den Kräften der ungebremsten freien Marktwirtschaft Einhalt zu gebieten.
terre des hommes hat Partner aus seinen Programmen und 21 Jugendliche aus verschiedenen Ländern zur Diskussion ihrer Vorstellungen einer gerechteren Welt auf das Weltsozialforum eingeladen."
[Hervorhebungen von mir]

Am 30.05.2007 hieß es unter der Überschrift "terre des hommes-Bilanz 2006
Knapp 500 Projekte für Kinder in 25 Ländern. Stabile Einnahmen im 40. Jahr des Bestehens von terre des hommes
":
"Das entwicklungspolitische Kinderhilfswerk terre des hommes hat im Jahr 2006 Spenden in Höhe von 14,7 Millionen Euro eingenommen und damit in 25 Ländern der Welt 496 Projekte für Not leidende Kinder gefördert. Diese Summe entspricht dem Ergebnis des Jahres 2004. »Bei Vergleichen mit dem Jahr 2005 muss man vorsichtig sein, da dieses Jahr auch bei uns durch die enorm hohen Tsunami-Einnahmen geprägt war. Im direkten Vergleich zum Jahr 2005 sind unsere Spenden 2006 um 43 Prozent zurückgegangen«, erklärte Peter Mucke, Geschäftsführender Vorstand von terre des hommes. »Da wir diesen Effekt in unseren Planungen für 2006 einkalkuliert haben, können wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein«.
terre des hommes-Schwerpunkte für die nächsten drei Jahre seien Mucke zufolge die Hilfe für Kinderarbeiter, der Schutz von Kindern in gewaltsamen Konflikten, die Unterstützung von Kindern und ihren Familien, die von HIV/AIDS betroffen sind, und die Förderung der Ausbildung von Kindern. Ferner würden Gemeinschaften in der Dritten Welt dabei unterstützt, ihre Kultur und Tradition gegen die negativen Auswirkungen der Globalisierung zu verteidigen. »Mit jeder neuen McDonald’s-Filiale und jedem Starbuck-Coffeeshop verbreitet sich westlich geprägter Lebensstil überall auf der Welt«, so Peter Mucke. »In vielen unserer Projekte geht es darum, kulturelle Wertvorstellungen der Familien und Gemeinden, die oft als unmodern und rückständig gelten, zu schützen und an die Kinder weiterzugeben.«
Zum bevorstehenden G 8-Gipfel in Heiligendamm appellierte terre des hommes an die Bundesregierung, ihre G 8-Präsidentschaft zu nutzen und ihre Initiativen für die ärmeren Länder politisch zuzuspitzen. »Wir fordern, dass Überlebensfragen wie die Grundversorgung von Menschen mit sauberem Wasser, lebenswichtigen Medikamenten und Bildungschancen Vorrang vor den Regeln der Welthandelsorganisation und den Gewinninteressen internationaler Konzerne haben«, so Wolf-Christian Ramm, Pressesprecher von terre des hommes. Er kritisierte, dass zukunftsweisende Fragen zur Ausgestaltung der internationalen Beziehungen nach dem Motto »Dialog ja – Gleichberechtigung nein« ohne Vertreter aus Afrika, Asien und Lateinamerika beschlossen würden. Mit dem Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) gebe es stattdessen ein geeignetes Gremium, in dem alle Regionen der Welt vertreten seien, das allerdings mit politischer Entscheidungsbefugnis ausgestattet werden müsse."
[Hervorhebungen von mir]

Keine Staudämme, Erhaltung rückständiger Kulturen - aber Ausbildung, Gesundheitsversorgung und sauberes Wasser müssen natürlich sein. Und da, wer (z. B.) keine Staudämme baut, auch keine Gesundheitsversorgung usw. finanzieren kann, soll der westliche Steuerzahler ran.
Somit würden in Heiligendamm Steine fliegen, (u. a.) um moderne Medizinmänner in Steinzeitgesellschaften einzufliegen?

Was wäre Ägypten heute wirtschaftlich ohne den Assuan-Staudamm? Die ökologischen Folgen sind zwar gravierend und in der Tat großenteils negativ (hinter diesem Link stecken auch allgemeine -kritische- Infos zu Staudämmen und deren ökologischen Auswirkungen; hier finden Suchende eine Forendiskussion mit weiteren Links und selbstverständlich lässt uns die Wikipedia auch zu diesem Thema nicht im Stich). Einem ZDF-Bericht zufolge hat sich der Staudammbau allerdings in der Summe positiv für Ägypten ausgewirkt. Ich bin überhaupt überzeugt, dass die negativen Folgen (für die Gegenwart; irgendwann in der Zukunft mag das anders aussehen, aber das ist mit unserer Ressourcenausbeutung genau so) übertrieben dargesellt und die positiven unterschlagen werden. Da ist wohl ein 'Kritik-Vorurteil' im öffentlichen Meinungssystem (der westlichen Wohlstandsstaaten) am Werke. Eine ökonomisch-ökologische Bilanz habe ich noch nirgends im Netz gesehen und schon gar kein "was wäre, wenn nicht ...-Szenario".
Richtig - in 500 Jahren (vielleicht sogar etwas schneller?) ist das Ding verlandet. Das bedeutet allerdings umgekehrt, dass der Stausee in 100 Jahren oder 200 Jahren noch lange nicht Schlamm-voll ist. Somit wird er auch dann noch Strom erzeugen, wenn die Erdöllager schon lange leer sind und damit uns der Strom ausgegangen ist (von unseren eigenen kleinen Talsperren und anderen alternativen Energiegewinnungsanlagen einmal abgesehen).
Was könnte der Kongo sein mit dem "Grand Inga"-Staudamm? (Hier ein Wikipedia-Eintrag, der sich aber -derzeit- wohl auf ein kleineres Projekt bezieht.)
Aber klar: auch da würden wieder einige Fledermausarten aussterben, und weil die Finger der kongolesischen Politiker und Bürokraten noch klebriger sind als diejenigen ihrer chinesischen Entsprechungen, würden Entschädigungsgelder nicht lediglich teilweise, sondern ganz einfach gar nicht bei den umzusiedelnden Menschen ankommen. Ohne eine entwickelte ökonomische Basis kann kein Land gesellschaftlich-moralische Standards auf westlichem Niveau pflegen. Wenn man keine Großprojekte in jenen Ländern akzeptieren will, weil die Begleitumstände nicht unseren humanitären Standards entsprechen, verweigert man diesen Staaten zugleich mit der ökonomischen auch eine humanitäre Weiterentwicklung. Irgendwo muss man anfangen, den Knoten der Rückständigkeit aufzulösen. Und das lässt sich nicht quasi "upside down" realisieren, indem man erst unsere Rechtsstandards einfordert, und dann (vielleicht) Großprojekte unterstützt.

Mich erfasst ein Schrecken, ein 'terreur des sommes', ob jener Summen, die wir aufbringen müssten, um steinzeitliche Reproduktionszahlen unter den Bedingungen neuzeitlicher Hygienestandards zu finanzieren.
Einen anderen Schrecken, einen weiteren 'terreur des sommes', jagt mir die Zusammenschau dieser widersprüchlichen Forderungen ein.
Und schließlich schrecken mich, wiederum 'terreur des sommes', diese Nickerchen des Denkens, die den oben proklamierten widersprüchlichen Zielsetzungen zu Grunde liegen.

Die Zeit heilt alle Wunden; manche Deformationen des Denkens aber heilt nur die Not. Die wird, mit Erderwärmung und Ressourcenverknappung, auch uns bald wieder besuchen: dann geht auch hier der Verstand wieder seinen aufrechten Gang.


Dieser Eintrag schließt, in unterschiedlicher Weise, thematisch auch an meine früheren Titel "Kopf oder Zahl? Oder acephal?" (besonders an das "acephal"!) und "Wohltätige Gewissenserpressung?" an.

Leser(innen), die meine anderen Einträge zu den Themen "Umwelt" und "Ressourcenverknappung" kennen, mögen sich über meine scheinbaren Plädoyers für den Bau von Staudämmen, trotz abträglicher ökologischer Folgen, wundern. Tatsächlich plädiere ich indes weder für noch gegen Staudämme, sondern lediglich gegen prinzipielle Staudammfeindschaft.
Was mich eigentlich aufbringt, ist nicht die Staudammgegnerschaft von (z. B.) "terre des hommes e. V." als solche, sondern die unerträgliche Bequemlichkeit der Gesinnungsethiker, die einzelne (negative) Zusammenhänge herausgreifen und dann einfach nur "dagegen" sind, ohne sich zu fragen, welche (ökonomischen und ökologischen) Implikationen ihre eigenen Forderungen (z. B. nach einer Verbesserung der Lebenssituation der Menschen in Entwicklungsländern) haben.
"Denken, wie die Webervögel Nester bauen" habe ich die fehlende Bereitschaft zu vernetztem Denken an anderer Stelle genannt.
Mann kann nicht z. B. die medizinische Versorgung verbessern und dadurch die Mortalitätsrate senken wollen, ohne dass das gravierende wirtschaftliche Auswirkungen (moderne Wirtschaftsweise mit entsprechend steigendem Ressourcenverbrauch) hätte. Also: entweder keine Staudämme bauen und ganz aus den Angelegenheiten der anderen raushalten, oder konkret sagen, auf welche Weise man die Menschen in diesen Ländern schnell auf unser Wohlstandsniveau hieven will (was ich allerdings ohnehin für illusorisch halte).
Es ist keine nachhaltige und schon gar keine intelligente Politik, wenn der Westen die Explosion von Populationen finanziert (Beispiel: Palästina), die sich in ihrem eigenen Lebensraum auf der Basis ihrer derzeitigen Wirtschaftsweise in diesem Umfang nicht selbst versorgen können.


Im übrigen fand ich bei der Suche nach Informationen über den Assuan-Staudamm das Online-Werk "Buch der Synergie" des Syrers Achmed W. Khammas (hier seine private Webseite).
Es scheint ausgezeichnet und sehr umfassend über die verschiedenen wirtschaftlichen und ökologischen Aspekte der Energiegewinnung zu informieren; was allerdings den spekulativen Teil angeht, bin ich recht skeptisch.
Der Autor schreibt auf jeden Fall ein brillantes Deutsch in einem lockeren Stil, besonders naturgemäß in seinem taz-Weblog "Der Datenscheich".

Nachtrag 30.07.2008:
Am 22.04.2008 berichtete die Süddeutsche Zeitung über Planungen zum Grand Inga Staudamm: "Streit um Afrikas Super-Damm": Daraus einige Zitate:
"... Grand Inga, das größte geplante Wasserkraftwerk der Welt. ... Mehr als doppelt soviel Energie wie der chinesische Bruder [Drei-Schluchten-Staudamm] könnte Grand Inga liefern ... . ..... 80 Milliarden Dollar soll Grand Inga kosten. Studien sehen einen Damm von bis zu 200 Metern vor. ..... Grand Inga könnte bis zu 320 Terrawattstunden pro Jahr erzeugen. Das ist mehr als ein Drittel der gesamten Stromerzeugung Afrikas."



Textstand vom 20.06.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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