Donnerstag, 7. Januar 2010

Stark, Jürgen! Einer trotzt dem Erpresserpack der Finanzmärkte - und lehnt einen Griechenland-Bailout ab!

Während Deutschlands Journalisten, zähneknirschend zwar, das tumbe Germanenvolk auf die Aussendung deutscher Steuergelder gen Süden vorbereiten, und es in Berlin zwischen der Athen-Hilfswilligen Angela Merkel und dem schwäbisch sparsamen Finanzminister eine Auseinandersetzung gibt, tritt unser deutscher EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark den auf vielfältigen Kanälen vorgetragenen Desinformationen, Drohungen und Epressungsversuchen der Finanzmärkte voll vor die Schienbeine:
Die Märkte täuschen sich, wenn sie davon ausgehen, dass andere Mitgliedstaaten in die Brieftasche greifen werden, um Griechenland zu retten“, sagte Stark der italienischen Zeitung „Il Sole 24 Ore“. „Die Verträge sehen eine Nicht-Rettungs-Klausel vor, und diese Regeln müssen eingehalten werden“, mahnte das EZB-Direktoriumsmitglied" berichtete am 06.01.10 das Handelsblatt unter der Überschrift "Keine Nothilfeaktion: EZB fordert EU-Front gegen verschuldete Griechen".

Ebenso lesen wir auch in der Financial Times Deutschland vom 06.01.10 unter "Renten und Devisen. Notenbank bringt Athen in Bedrängnis":
"Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt ein großes Fragezeichen hinter Hilfen für den Schuldenstaat Griechenland und hat damit am Mittwoch dem Euro zugesetzt. Die Gemeinschaftswährung verlor am Morgen 0,6 Prozent gegenüber dem Dollar und fiel bis auf 1,4284 $."
Der Mini-Verlust des Euro-Kurses zeigt, dass eine Griechenland-Pleite keineswegs zu einem dramatischen Kursverfall führen würde. Man könnte sich sogar vorstellen, dass Stark seine Äußerung gemacht hat, um die Reaktion der Devisenmärkte zu testen.


Auch dem Focus v. 6.1.10 war die starke Stark-Äußerung eine Meldung wert: "EZB. Griechenland kann nicht auf EU-Hilfe hoffen."

Freilich rechnet das Handelsblatt damit, dass die EU-Länder im Notfall doch eingreifen würden. Am Schluss des o. a. Berichts heißt es nämlich:
"Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte jüngst stärkere Eingriffsrechte der Europäischen Union in die nationale Haushaltspolitik hoch verschuldeter EU-Länder wie Griechenland gefordert. Sollten alle Anstrengungen scheitern, ist die EU aber wohl auch bereit, die Reißleine zu ziehen: Voriges Jahr erklärte der damalige EU-Wirtschaftskommissar Joaquin Almunia, es gebe einen Notfallplan der Euro-Länder. Details wurden nie bekannt. Experten vermuten, andere Staaten könnten mit Überbrückungskrediten einspringen."


Warum erhebt eigentlich kein Proteststurm in diesem unserem Deutschland und macht unserer Engelskanzlerin und allen anderen Verschwendungswilligen klar, dass wir unseren Steuergelder KEINE Flügel angeheftet wissen wollen?


Nachträge 12.01.2010

Ausführlicher insbesondere darüber, wie die Kapitalmarkt-Analysten die Äußerungen von Jürgen Stark einschätzen (nämlich als Schuss vor den Bug für Griechenland, aber als letztlich nicht ernst gemeint, wenn es hart auf hart kommt) berichtete die Nachrichtenagentur Reuters u. d. Überschrift "EU's Stark says no bailout for Greece" am 06.01.10.

"Die" Amerikaner gibt es nicht. Die Unter- und Mittelschicht steht in mancher Hinsicht vielleicht unter den unseren. Die aber an der Spitze sind, sind zum großen Teil wirklich Spitze. Während unsere Hysterixe in Medien, Politik und Wissenschaft durch die Bank nichts Besseres mit unserem Steuergeld anzufangen wissen als es im griechischen Schuldenlabyrinth zu versenken, lässt eine mögliche griechische Staatspleite den US-Wirtschaftshistoriker Harold James von der Universität Princeton völlig kalt (meine Hervorhebung):
"Staatsbankrotte werden kommen. Aber ähnlich wie bei den Banken wird es auch Profiteure geben. Starke Länder wie Deutschland werden zu guten Konditionen Kredite aufnehmen können. Der Bankrott eines Euro-Landes würde die Gemeinschaftswährung genauso wenig zerstören wie die Probleme Kaliforniens dem Dollar schaden."
Dieses Zitat entnehme ich dem WELT-Artikel "Geldpolitik. Schulden gefährden den Wohlstand des Westens" von D. Eckert und H. Zschäpitz vom 12.01.2010, in welchem eine Reihe von führenden Wirtschaftswissenschaftlern zur vorausichtlichen künftigen Entwicklung der Währungen und der Staatsverschuldung befragt wurden.
Notierenswert hier auch die Meinung von Ian Bremmer Gründer [der Denkfabrik] Eurasia Group, New York:
"Der Bankrott eines Industriestaats wird wahrscheinlicher. Inzwischen ist selbst eine Insolvenz Japans nicht mehr ausgeschlossen. Schwächere europäische Länder könnten ebenfalls auf der Kippe stehen. Für die Deutschen stellt sich die Frage, wie lange sie für die europäische Idee unsolide haushaltende Nachbarn alimentieren wollen."
Und des Bielefelder Wirtschaftshistorikers Werner Abelshauser:
"Griechenland ist währungspolitisch eine quantité négligeable und könnte notfalls durch einen Brüsseler Kommissar regiert werden." Letzteres freilich sollten wir vermeiden, denn wer ein Land regiert, haftet auch dafür. Die Griechen, fürchte ich, lassen sich noch nicht einmal von ihrer eigenen Regierung regieren, geschweige denn von uns. Aber alimentieren allemal, dafür lügen sie der Welt die Hucke voll (nicht nur die Regierung, ich habe mittlerweile auch einige Kommentare von Griechen zu Zeitungsartikeln und Blogs gelesen: 'Griechenland ist nicht korrupt', 'Griechenland wurde von Kohl + Co. in die europäische Währungsunion gezwungen' ...).
Dazu (wenn auch leider nicht zur Bailout-Zumutung) die passenden Worte wählte Dr. Paul Schulmeister in seinem [ansonsten Mainstream-Memmen-] Kommentar "Die griechische Pleite kann Europa erschüttern" in der österreichischen Zeitung "Die Presse":
"Doch man soll sich [durch die griechischen Ankündigungen einer energischen Haushaltssanierung] nicht täuschen lassen. Die Verstellungskunst gehört seit den Zeiten des Trojanischen Pferdes zum traditionellen Repertoire der Hellenen."

Eine vom alten Aristoteles gänzlich unbeleckte Logik entwickelt der Unctad-Chefökonom Heiner Flassbeck lt. taz-Bericht "Staatsbankrott in Griechenland. Kauft Feta und Olivenöl!" (Einleitung: "Das griechische Haushaltsloch bringt auch die Staaten der Eurozone in Bedrängnis. Deutschland hat Mitschuld") von BEATE WILLMS vom 10.01.10.
Von Heiner Flassbeck und dem Chef des Deutschen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn, wird berichtet: "Sie halten insbesondere Deutschland für mitschuldig an der Misere in Griechenland und Co - und deshalb in einer Bringschuld. Leistungsbilanzdefizite wie das griechische seien nur möglich, weil Länder wie Deutschland deutliche Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen, so Flassbeck."
Und was folgert Flassbeck daraus:
"Als Soforthilfe ist Flassbeck aber auch einer europäischen Anleihe nicht abgeneigt, die eine vermittelte Subventionierung Griechenlands und anderer Defizitländer bedeuten würde: Die Staaten der Eurozone würden an den Geldmärkten gemeinsam Geld aufnehmen. Die Zinsen dafür wären erheblich niedriger als die, die für griechische Bonds zu zahlen wären, aber deutlich höher als für deutsche Staatsanleihen."
Meinen Kommentar dort wiederhole ich hier:
"Heiner Flassbeck ist zwar "ideologisch" sympathischer als die Neo-Liberalen; intelligenter scheint er allerdings auch nicht zu sein. [Glaubt der allen Ernstes, dass die Griechen uns ihre Schulden zurück bezahlen würden?? Da muss man wohl schon Ökonom sein, um solche abstrusen Meinungen zu haben.]
Was bitte hat das griechische Leistungsbilanzdefizit unmittelbar mit der Überschuldung der griechischen Regierung zu tun? Haben die Parteien ihre jeweilige Klientel in Staatsposten gehievt, weil Deutschland so viel an Waren nach Griechenland exportiert hat?
Und wem hilft eine eventuelle deutsche Hilfe für Griechenland, damit es seine Staatsschulden bezahlen kann? Gut, den Griechen hilft es zwar auch; aber nicht zuletzt freuen sich doch die Finanzmärkte.
Denen will also Heiner Flassbeck die Steuergroschen der deutschen Arbeitnehmer in den Rachen werfen! Wozu gibt es eigentlich an den Kapitalmärkten den Begriff "Risikoprämie", wofür die Absicherungsmöglichkeiten über Credit Default Swaps?
Vom Fußball sagte man einst, dass es ein Spiel sei, wo 20 Mann versuchen denn Ball in ein Tor zu bringen - und am Ende Deutschland gewinnt.
Von der Finanzwirtschaft wird man dann bald sagen, dass sei ein Spiel, mit dem man über hochkomplexe Instrumente viel Geld machen kann - weil Deutschland am Ende immer verliert.
Wir sollten unserer Engelskanzlerin Beine machen, wenn sie unseren Steuergeldern Flügel machen will!"


Nachtrag 14.01.2010
Und jetzt auch der Boss vom Stark: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet! Auszüge aus dem Handelsblatt-Artikel "Hilfen abgelehnt: EZB-Präsident schürt neue Sorgen um Griechenland" von heute (meine Hervorhebungen):
"Griechenland kann nicht auf eine Sonderbehandlung durch die Europäische Zentralbank (EZB) hoffen. Keine Regierung und kein Staat könnten eine spezielle Behandlung erwarten, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gestern in Frankfurt. .....
Trichet forderte die Griechen auf, sich selbst zu helfen und nicht auf mögliche Hilfen der anderen Euro-Länder zu setzen. Für Griechenland müssten die Mitgliedschaft im Euro-Raum und die dadurch bedingten niedrigen Anleihezinsen Hilfe genug sein, sagte Trichet.
Auch mit Blick auf die Sicherheiten, die die Notenbank von den Banken im Euro-Raum für kurzfristige Leihegeschäfte akzeptiert, fand Trichet deutliche Worte. Die Notenbank werde ihre Prinzipien nicht ändern, nur weil die Staatsanleihen eines Mitgliedslandes die entsprechenden Kriterien nicht mehr erfüllten. Die Kriterien beziehen sich auf die Ratings
."
Hat der (bzw. das Führungsgremium der EZB) den Stark vorgeschickt um die Reaktion der Märkte zu testen und dann, nachdem sie nicht eingebrochen sind, noch ein Brikett nachgelegt? Scheint so. Hoffen wir, dass sich nicht nur die EZB daran hält, sondern auch die deutsche Bundesregierung nicht unser Geld nach Griechenland verschifft!


Nachtrag 22.02.10
Das "GlobalEurope Anticipation Bulletin (GEAB)", "der vertrauliche Informationsbrief des Think-tanks LEAP / Europe 2020", prognostiziert in einer Pressemitteilung vom 16. Februar 2010 über seinen Informationsbrief Nr. 42:
"GEAB N°42 ist angekommen! 2. Quartal 2010: Massive Verschärfung der umfassenden weltweiten Krise – Verstärkung der fünf negativen Grundtendenzen.
Nach unserer Auffassung sind die tausenden Milliarden, die die Staaten aufgewandt haben, um « durch die Krise zu kommen » verpufft. Diese riesigen Summen vermochten lediglich, den Ablauf der umfassenden weltweiten Krise ein paar Monate zu hemmen. Von dieser Politik wird jedoch nur ein Ergebnis von Dauer bleiben: Nunmehr sind auch die Staaten in den von den Finanzmärkten erzeugten Strudel geraten, der sie in die Pleite reißen wird.
Wir sagen in dieser 42. Ausgabe des GEAB eine massive Verschärfung der Krise im zweiten Quartal 2010 voraus, wenn die Krise, deren Folgen vorübergehend durch massiven staatlichen Geldeinsatz neutralisiert waren, wieder virulent und den Staaten das Geld für weitere Krisenbekämpfungsmaßnahmen fehlen wird.
"
Mich interessiert allerdings mehr, was die Mitarbeiter der Brüsseler Denkfabrik über die griechischen Schuldenprobleme sagen (weil es mir sehr plausibel erscheint):
"1. Wie wir bereits in unseren Vorhersagen für 2010 in der 41 Ausgabe des GEAB schrieben (GEAB N°41, wird Griechenland in den nächsten Wochen wieder vom Radar der internationalen Berichterstattung verschwinden. Griechenland ist der Baum, mit dem der Wald der ausufernden Staatsschulden (insbs. der Washingtons und Londons) und der erneuten Verschärfung der weltweiten Wirtschaftskrise, die insbs. die USA heimsuchen wird, versteckt werden soll (2).
2. Griechenland und seine Staatsfinanzen sind eine innere Angelegenheit der Eurozone und der EU; die aktuelle Lage bietet den verantwortlichen EU-Behörden die einmalige Gelegenheit, Griechenland, das allgemein als gescheiterte Erweiterung gilt, zu bewegen, seine überkommenen und verkommenen politischen und wirtschaftlichen Strukturen zu reformieren. Die anderen Länder der Eurozone, allen voran Deutschland, werden alles daran setzen, die griechischen Eliten im Austausch für ihre Hilfe zu zwingen, Griechenland auf die Höhe des 21. Jahrhunderts zu führen. Weiterhin bietet die aktuelle Situation angesichts des geringen Anteils Griechenlands von 2,5% an der Wirtschaftsleistung der Eurozone (3) die Möglichkeit, Instrumente zu entwickeln, mit denen die Eurozone in Krisenzeiten stabilisiert werden kann. Dies fehlt nämlich bisher in der Konstruktion der Währungsunion (4).
3. Die Regierungen und Medien Großbritanniens und der USA nutzen die Situation, um die katastrophale Entwicklung ihrer Wirtschaften und öffentlichen Finanzen zu verschleiern und die Attraktivität der Eurozone für Investoren zu verringern, deren Gelder sie dringendst benötigen. Im letzten Jahr probten sie die selbe Strategie in den Horrorszenarien von den Staatsbankrotten in Ost-Europa, die europäische Banken und damit die gesamte Eurozone in den Abgrund reißen würden (5). Auch würden Washington und London es freudig begrüßen, wenn der IWF die Kontrolle in Griechenland übernehmen könnte. Im Umweg über diese Behörde, die sie absolut kontrollieren (6), könnten Großbritannien (7) und die USA in die Geldpolitik der Eurozone hineinregieren
4. Die Regierungen der Euroländer sind zur Zeit über die Schwäche des Euro begeistert. Sie wissen allerdings genau, dass diese Schwäche nicht von Dauer sein wird, da Dollar und britisches Pfund früher oder später zusammenbrechen werden. Aber die vorübergehende Entlastung für die Exportindustrie der Euroländer wird mit viel Wohlwollen gesehen.
5. Die Spekulanten, ob Hedge Fonds oder Investmentbanken, oder normale Geschäftsbanken, die große Summen in Griechenland investiert haben (8), eint das Interesse, dass Europa Griechenland schnellstmöglich Finanzhilfen zusage. Denn wenn die europäischen Regierungen nicht umgehend ihren Steuerzahlern tief in die Tasche greifen, wie das Tandem Paulson/Geithner es 2008/2009 zur Rettung von AIG und der gesamten Wall Street vorgemacht hat, könnten Banken durch die Herabstufung ihrer Kredite, die sie in Griechenland vergeben haben, massive Verluste machen bzw. die Wetten der Hedge Fonds gegen den Euro nicht aufgehen (9)
."
[Über Meinungsmanipulation durch angloamerikanische Medien zu Gunsten der dortigen Finanzinteressen hatte man bereits in dem Bericht Nr. 33 berichtet; hier zur Pressemitteilung über diesen Bericht. Im Detail kann ich die Behauptungen nicht würdigen (die Tonart wirkt etwas sensationalistisch), doch grundsätzlich bin auch ich davon überzeugt, dass wir nicht alles für lautere Sorge um unser und der Welt Wohl nehmen dürfen, was aus New York und London an Kommentaren in Finanz- und Wirtschaftsdingen kommt.]



Textstand vom 28.06.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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