Samstag, 26. Mai 2012

Warum ich die Financial Times Deutschland, bzw. deren Chefökonomen Thomas Fricke, für einen Lobbyisten der (angelsächsischen) Finanzinteressen halte

FTD-Chefredakteur Thomas Fricke hat heute in seiner Zeitung (bzw. auf deren Webseite) einen Kommentar "Symptom Staatsschulden" veröffentlicht, mit dem ich mich in einem Leserkommentar sehr intensiv auseinandergesetzt habe (nicht direkt auf der Webseite der Zeitung, wo man die Kolumnen nicht kommentieren kann, sondern im FTD-Blog "Wirtschaftswunder" bzw. auf der Facebook-Seite von Thomas Fricke).

Mein unten wiedergegebener Leserkommentar entspricht im Text (mit zwei oder drei nebenschlichen Korrekturen) dem Kommentartext auf der Facebook-Seite. (Der ist auf 8.000 Zeichen begrenzt; im Blog ist mein Kommentar etwas weitschweifiger.)

Was ich vorliegend als Überschrift setze, stand nicht im Fokus meiner Beschäftigung mit dem Fricke-Text. Diesen Eindruck hatte ich schon lange, weil die Kommentare der FTD zur Finanzkrise fast immer eine 'Verhaftung' des deutschen Steuerzahlers und/oder Staatsfinanzierung durch die EZB fordern.
Aber erst bei "Symptom Staatsschulden" ist das für mich konkret am Text als Argumentationsstrategie sichtbar geworden. Eine Strategie, für die mir nur Begriffe wie "perfide" oder "hinterhältig" einfallen.

Ich will das jetzt nicht im Detail aufdröseln; wen es interessiert, der muss sich das schon selbst - mit Hilfe meines u. g. Kommentars - aus dem Fricke-Text heraussuchen.
Selber lesen macht schlau, und wenn Sie es im Fricke-Text ebenfalls entdecken, wird Sie das eher überzeugen, als wenn sie sich von mir vielleicht "überredet" fühlen.

Jedenfalls ist klar zu erkennen, dass Thomas Fricke einerseits auf die Banken schimpft (und damit den populären Diskurs bedient, den er sonst gerne als "Stammtisch" diskreditiert), dass aber andererseits seine Forderungen im Ergebnis auf eine Rettung (auch) der Banken (wie natürlich auch der Staaten) hinauslaufen. Und das bewerte ich persönlich als eine bewusste (desinformatorische, propagandistische) Kommunikationsstrategie, ganz gewiss bei einem Mann mit der Intelligenz eines Herrn Fricke.



Text meines Leserkommentars zu Thomas Fricke,  "Symptom Staatsschulden":

Mit großem Schwamm tragen Sie Zusammenhänge auf, nur um den deutschen Steuerzahler an die Hammelbeine zu kriegen. Weil das ach so böse Finanzsystem ja leider doch gerettet werden muss.
Irland eröffnet: dort war ja die Staatsverschuldung tatsächlich erst durch die Bankenrettung explodiert.
Auch für Spanien passen die Zahlen, oberflächlich betrachtet, zu Ihrer Deutung.
Wo liegt ihr Denkfehler (oder ihr bewusstes Desinformationsmanöver: das können nur Sie selber wissen!)?
Sie begründen "die" Krise so:
"Der Kern der Krise ist nach aller Wahrscheinlichkeit das Platzen einer Finanz- und Kreditblase, deren logischer Schluss darin lag, dass es eine Menge Leute gab, die 2007 ziemlich hoch verschuldet waren oder sich dank hochspekulierter Vermögenswerte nur reich fühlten. Als das aufflog, versuchten alle, ihre Schulden zurückzuzahlen, und da sind – zum Glück – die Staaten eingesprungen, weil so viel kollektiver Ausgabenverzicht rasch in die Depression führt."
"Die" europäische Staatsschuldenkrise gibt es nicht. Ein Kollege von Ihnen hatte vor ca. 1 - 2 Monaten richtig darauf hingewiesen, dass die Schwierigkeiten in jedem Problemland andere Ursachen haben. Sie dagegen unterstellen, dass alle Länder (außer Griechenland?) die Staatsverschuldung aus Gründen der Konjunkturförderung hochgetrieben, also explizit oder implizit keynesianische Konjunkturförderung betrieben haben.
Für Ökonomen (ich bin keiner) sollte das unschwer verifizierbar sein. Bringen Sie einschlägige Daten oder Links zu Arbeitspapieren (Sie wären ja wohl kaum der einzige Ökonom, der solche Zusammenhänge bemerkt hätte). Bis dahin unterstelle ich substanzlose Spekulation.
Es gab nicht "EINE" Finanz- oder Kreditblase. Wir hatten eine Immobilienblase in den USA und haben (zeitversetzt, und ohne inneren Zusammenhang) eine solche in Spanien. Dass die Spanier in den Jahren 2008 ff. hektisch versucht hätten, ihre Hypotheken zurückzuzahlen, stimmt nicht. Die Immobilienboom-Konjunktur in Spanien konnte nicht nachhaltig sein. Der Staat kann den Zusammenbruch eines solchen Booms nicht ausgleichen (die USA mit ihrem als Weltreservewährung privilegierten Dollar sind ein Sonderfall). Selbst wenn also der spanische Staat das versucht hätte oder hat, wäre es kein ökonomisch tragfähiges Modell gewesen, sondern eben - "bitterböse Schulden".
Die spanische Staatsverschuldung ist ja, was sie ausblenden (sonst müssten Sie die u. a. Zusammenhänge einräumen!), sogar geringer als unsere deutsche.
Im Vergleich zu Deutschland sind dort die Staatsschulden nicht wegen ihrer prozentualen Höhe "bitterböse", sondern wegen der STRUKTURELL labilen Wirtschaftslage. Die Finanzmärkte trauen Spanien - anders als Deutschland - eine Rückzahlung nicht zu, weil die spanische Wirtschaft keine Überschüsse für Zins und Tilgung erwirtschaftet. Die von den USA ausgehende 'internationale' Finanzkrise spielt eine (Neben-)Rolle. Nicht über eine 'harte' Kausalität, sondern psychologisch über ein (zu Recht!) geschärftes Risikobewusstsein der Finanzakteure.
Das bedeutet, dass (um Ihre Sätze vom Kopf auf die Füße zu stellen) 'unsere Kanzlerin seit zwei Jahren zu verhindern sucht, dass durch Gelddrucken und deutsche Schuldenübernahme an Symptomen kuriert wird, statt tiefere Ursachen der (Struktur-)Krise zu beheben. Das würde nämlich die Krankheit verschlimmern - und auf die Deutschen jetzt und immerdar (ewigliche Transferunion) zurückschlagen.'
Was Spanien bekommen hat, war durchaus verdient [genau wie Greenspan-Amerika!]. Zu lange hat es sich in der Konjunktursonne eines spekulativ finanzierten Immobilienbooms gesonnt. Diesen hätte es - unabhängig von der Geldpolitik - administrativ bremsen müssen und können (Beleihungsgrenzen usw.!), andere Wirtschaftszweige dagegen fördern bzw. durch Deregulierung ‚entfesseln‘.
Dass Politiker diese Kausalitäten evtl. verkennen, macht Ihr Rezept des fröhlichen Gelddruckens nicht tauglicher. Angelsächsische Stimmen flüstern uns die Gelddruckerei nicht aus Nächstenliebe ein. Die wollen ihre Kredite sichern, aber vor allem - teilweise schon erfolgreich! -, die Währungskonkurrenz schwächen!
Sicher: Irving Fishers Debt-Deflation Theory of Great Depressions erscheint schlüssig. Sie ist aber erkennbar das Werk eines Spekulanten, und würde letztlich (wie von Greenspan bereits praktiziert) eine fortdauernde Inflationierung erfordern.
Was Sie über die italienischen Staatsschulden konkret behaupten wollen, ist mir unklar. Wenn ich aber Ihre Einschränkung "im Langjahresvergleich" lese, wittere ich windige Argumente.
Die Steigerung der Schulden begründen sie rein spekulativ damit, dass
"Banken mit Steuergeldern gerettet werden mussten, Regierungen gegen die drohende Depression Konjunkturpakete auflegten und Wachstumsverluste für neue Löcher in Staatshaushalten sorgten":
Wo sind die Fakten für Italien? Dessen Banken waren schrottpapierfrei (Draghi ist halt cleverer als Weber).
Doch war die Schuldenlast des Staates schon längst zu hoch, und die italienische Regierung hat sie in guten Jahren nicht abgebaut. Verständlich, dass die Finanzmärkte es ihr in schlechten Zeiten noch weniger zutrauen.
Auch in Italien sind die Rigiditäten noch größer als bei uns (vom maroden Mezzogiorno ganz abgesehen). Wenn reichliche Geldgaben ein hübsches Strohfeuer entfachen, haben Reformer nichts mehr zu lachen. Der nächste Knall kommt dann bestimmt.
Über Portugal schweigen Sie: passen dort die Daten nicht?
Für Griechenland passen die Fakten keinesfalls. Drum verlegen sie sich auf Mystifikation:
"Da war Griechenland eher die Ausnahme von der Regel. Und selbst dort gilt, dass die große Explosion erst danach kam - und es auch noch andere Gründe geben muss, warum sich die Krise anschließend so verselbstständigt hat."
Guess what: Verdammt spät merkten die Finanzmärkte, dass das Land überschuldet war. In der Diskussion waren die Probleme spätestens Anfang 2009 (im Februar 2009 schrieb ich einen Blog-Eintrag "Lässt Klingklax sich klaglos beklauen? Keine Euro-Anleihen zur Rettung der Mittelmeer-Länder! Keine deutschen Steuergelder gen Süden senden!").
Merkwürdig, dort nach "anderen" Gründe suchen: Das Land war pleite, ganz einfach! Gewiss ein valider Grund für die Finanzintermediäre, den Sack zuzumachen!
Wieso lenken Sie bei Gr. immer hartnäckig von den wahren Problemen ab:
"Und da trifft es als Erste die, die das schwächste Glied in der Kette sind: Sagen wir Griechenland. Was den Schein erhält, die Schulden, die es dort tatsächlich gibt, seien die Ursache - und von den wahren Ursachen ablenkt. Die Bank dankt"
und fragen uns Deutsche, ob wir die totale Haftung wollen? Die Pleite als Ablenkung von den „wahren Ursachen“ der Insolvenz? Perfide, wie Sie uns deutschen Steuerzahlern die von Ihnen propagierte Haftungsunion als Heldenkampf gegen die bösen Banken andrehen wollen!
Sollten Sie dennoch Ihre Position guten Glaubens vertreten und letztlich eine Inflationierung für ökonomisch erforderlich halten, hätte ich tatsächlich Schwierigkeiten, Sie zu widerlegen. Denn (auch?) ich sehe als tieferen Grund "der" Krise (aber gewiss nicht der griechischen!) die (wohl schon von Keynes antizpierte) Konzentration von Kapital, das weder konsumiert noch investiert werden kann. [Vgl. meinen Blog-Eintrag „Die Ökonomie der Artos-Phagen (Artosphagen): Warum eine eigentumsbasierte Geldwirtschaft (im Basismodell) nicht dauerhaft funktionieren kann“].
Falls Sie diesen Hintergrund zwar denken, aus sozusagen politischen Gründen aber verschweigen, würden Sie sich allerdings als Teil eines Manipulationssystems begreifen, nicht als Teil eines diskursiven Erkenntnissystems. Und dann könnte niemand eine ERKENNTNISFÖRDERNDE Diskussion mit Ihnen führen.

 
ceterum censeo
Europa ja, Albtraum nein!
Euro ja, Fremdschulden nein!
Freunde ja, Kostgänger nein!

Textstand vom 26.05.2012. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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