Freitag, 1. März 2013

"Manhattan Project" für die Wirtschaftswissenschaften!


Jeder kennt die Ursachen "der" Wirtschafts- und Finankrise. Zumindest glaubt ein jeder sie zu kennnen. Nur hat, leider, ein jeder (oder eine jede) eine völlig andere Vorstellung von den "wahren" Krisenursachen.

Falls jemand (was freilich eher unwahrscheinlich ist) meinen CANABBAIA-Blog verfolgt hat, weiß er oder sie, dass ich mich sehr intensiv mit der Wirtschaftskrise beschäftigt habe. Und nicht nur damit, sondern vor allem mit der Frage: Was wissen wir darüber, was ist sicher, was ist nur Vermutung - oder vielleicht sogar Ideologie?

Schon 2004 hatte ich einen außerordentlich umfangreichen (etwa buchlangen) Text zur Kontroverse um die Rentenfinanzierung (Kapitaldeckungsverfahren vs. Umlageverfahren) veröffentlicht, das "Rentenreich".
Und danach habe ich mich wegen der US-Finanzkrise (Lehman-Insolvenz im September 2008) erneut sehr intensiv mit wirtschaftswissenschaftlichen Fragen auseinandergesetzt. Und dazu eine Menge Artikel, aber auch einiges an Fachliteratur (Arbeitspapieren) gelesen.

So habe natürlich auch ich eine (auch relativ klare) Vorstellung von "den" (oder der) Ursache(n) "der" Krise. In einem Punkt freilich hoffe ich, mich von jenen ungezählten (nicht zuletzt auch: wissenschaftlichen!) Wanderpredigern zu unterscheiden, welche uns ihr jeweiliges "snake oil" für "die" Lösung "der" Krise anzudrehen versuchen: ICH lebe im schmerzlichen Bewusstsein des "scio nescio". ICH weiß, dass ich nichts weiß. Ich weiß freilich auch, dass auch alle anderen nichts wissen. ICH weiß, dass wir noch eine gewaltige wirtscahftswissenschaftliche Forschungsanstrengung benötigen, um "die" Ursachen "der" Krise zu erkennen.

Zentral für die Wirtschaft ist selbstverständlich das Geld. Das heutige Fiat-Geld kommt zwar (von Seiten der Notenbank) immer und notwendig als Kredit in die Welt; die Frage ist indes, was weiter damit geschieht. Insoweit könnte es nach meiner Einschätzung wichtig sein, dass nicht allzu wie davon gebunkert ("gespart") wird - und dann vom Eigentümer nur wieder als Kredit vergeben wird. Sondern dass jedermann die Möglichkeit hat, sich "Eigengeld" zu erarbeiten. Was jedoch voraussetzt, dass die "Sparer" (Reiche, Firmen, Rentenfonds und natürlich auch, in der Summe, die Kleinsparer) ihr Geld, für Konsum und Investitionen, wieder ausgeben. Ich vermute, dass es insoweit klemmt; vgl. z. B. meine Blog-Einträge "Aufräumarbeiten enthüllen Ben Bernanke's Perspective of the American Financial System as SOWERED" oder "Die Ökonomie der Artos-Phagen: Warum eine eigentumsbasierte Geldwirtschaft (im Basismodell) nicht dauerhaft funktionieren kann".
Für die erste Weltwirtschaftskrise, die "Great Depression" (1929 ff.) haben einige Wirtschaftswissenschaftler und Praktiker in der Tat diese sog. "Unterkonsumtionstheorie" als Begründung herangezogen (vgl. meinen Blog-Eintrag "Yes, we know! Zumindest könnten wir die eigentlichen Gründe für die neue Weltwirtschaftskrise kennen.").
Heute scheint dieser Erklärungsansatz etwas aus der Mode gekommen zu sein; man sucht die Ursache für die Krise in der Finanzwirtschaft und speziell bei den Banken. Nach meiner Überzeugung kann man dort aber lediglich die Symptome besichtigen, die eigentlichen Krisenursachen liegen da nicht.

Ich sehe jedoch auch sonst keinen hoffnungsvollen Ansatz, und weiß mich darin mit dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Paul Davidson (http://econ.bus.utk.edu/department/davidson.htm; vgl. auch Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Paul_Davidson_(economist) einig. Daher schicke ich meinem eigentlichen Eintrag über ein wünschenswertes wirtschaftswissenschaftliches "Manhattan Projekt) zwei Passagen aus seinem Aufsatz "Keynes and Money" (aus: Arestis and Sawyer, eds., Handbook of Alternative Monetary Economics, 2006; evtl. ganz oder teilweise identisch mit dem Aufsatz "Keynes and Money" 1989, in Hill, ed., Keynes, Money, and Monetarism) voraus , die mir in der Realität zwar erst hinterher untergekommen sind:

(Buchseite 140) Keynes’s message was that, until we get our theory to accurately mirror and apply to the ‘facts of experience’, and especially the role of money and liquidity, there is little hope of getting our policies right. Unfortunately, since Keynes’s revolutionary theory was aborted in the 1940s by leading American economists who called themselves neoclassical synthesis Keynesians, Keynes’s message was forgotten. Consequently this message is just as relevant today as it was in 1936.

(Buchseite 150) Most mainstream economists suffer from the pervasive form of envy which we may call the ‘Economist’s Disease’; that is, these economists want to be considered as first-class scientists dealing with a ‘hard science’ rather than be seen as ‘second-class’ citizens of the scientific community who deal with the non-precise ‘social’ and ‘political’ sciences. These economists, mistaking precision (rather than accuracy) as the hallmark of ‘true’ science, prefer to be precise rather than accurate. Precision conveys ‘sharpness to minute detail’. Accuracy, on the other hand, means ‘care to obtain conformity with fact or truth’.


Daher fordere ich ein großes Forschungsprojekt, welches die Krisenursache(n) belastbar identifiziert, indem es einerseits die tatsächlichen ("historischen") Abläufe untersucht und andererseits daraus abstrakte, wenn möglich auch mathematisch anspruchsvollle Modelle destilliert. Der geniale Nobelpreisträger im stillen Kämmerlein kann das m. E. NICHT leisten; dafür bräuchte man ein großes Team hochqualifizierter Fachleute aus allen Gebieten der Wirtschafts- und Finanzwissenschaft, sowie aus Mathematik und Physik.

Diese Forderung habe ich in einem Wiki der Wahlalternative2013 erhoben, und zwar mit dem vorliegenden Blogtitel "Forderung: 'Manhattan Project' für die Wirtschaftswissenschaften". Die WA2013 ist zwar selber keine Partei, Sie hatte dort jedoch zur Vorbereitung einer Parteigründung ein vorläufiges Wahlprogramm eingestellt, das diskutiert werden konnte. [Mittlerweile ist die Parteigründung erfolgt; diese neue Partei nennt sich "Alternative für Deutschland".]
Da nicht allen den Text dort lesen werden, veröffentliche ich ihn auch hier (in einer im Erscheinungsbild leicht abgewandelten Form):

Es fällt nicht unbedingt auf, aber wenn man den Sinn der WA und ihr Programm intensiv durchdenkt, wird man früher oder später auf eine Konstellation stoßen, die letztlich ein Widerspruch in sich ist.
Warum treten wir (ich bislang lediglich als Unterstützer) für die WA ein? Weil wir gegen die Euhaftungspolitik der Berliner Blockparteien sind. Warum sind wir dagegen? Weil wir sie für Deutschland für schädlich halten.

Aber mit dieser Begründung können wir, wenn wir unsere Position tiefer fundieren wollen, nicht zufrieden sein. Jedenfalls für mich wäre es durchaus ok, deutsche Steuergelder, auch große Summen, "ins Feuer" zu stellen, wenn ich es für realistisch halten würde, dass wir es mit einer vorübergehenden Krise zu tun haben, die mit einer vorübergehenden deutschen Bürgschaft gelöst werden könnte. Genau davon geht aber (vermute ich mal kühn) hier niemand aus. Wir (ich zumindest) gehen davon aus, dass die aktuellen Hilfen lediglich der Einstieg in eine Transferunion sind, in der deutsche Steuereinnahmen in großem Umfang gen Süden verschwinden.
Zu diesem Schluss kommen wir (ich zumindest) deshalb, weil wir letztlich wissen, dass Volkswirtschaft nach (bzw. eigentlich ja immer noch: in!) der Finanzkrise nicht mehr das ist, was sie vorher war. Oder anders: Dass wir mit unserem überkommenen Verständnis der volkswirtschaftlichen Mechanismen die Finanzkrise und ihre Folgen nicht begreifen, und schon gar nicht lösen, können.

Das Programm unterstellt aber an vielen Stellen (z. B. bei der Forderung nach einer Fundierung von Sozialleistungen durch eine kapitalgedeckte Versicherung), dass alles so ist, wie es einst war. Dass, wer brav spart, auch Erträge erwirtschaftet, und vor allem in der Not dann auch wirklich die Sparsumme zur Verfügung hat.

Genau das ist jedoch EXTREM unwahrscheinlich. Wir erleben, dass die Notenbanken in einem bisher in Friedenszeiten und normalen Staaten/Volkswirtschaften ungekannten Ausmaß die Welt mit Fiatgeld fluten. Ich will an dieser Stelle gar nicht darüber rechten, ob sie das aus "Bosheit" tun, oder ob dieses Treiben nicht vielmehr eine zwingende Folge unseres ökonomischen Systems ist Nur: Normal ist das nicht mehr; irgendetwas hat sich fundamental geändert.

Deutschland geht es scheinbar gut, aber letztlich hat auch unser eigenes Land ein Problem: Wir können die Vollbeschäftigung anscheinend nur durch eine starke Exporttätigkeit aufrecht erhalten, und nur in einem System der Ungleichgewichte, wo wir mehr exportieren, als wir von den anderen ankaufen. Das ist natürlich kein Grund, nunmehr unsere eigene Wettbewerbsfähigkeit vorsätzlich zu schwächen. Es ist für mich auch kein Grund, Transferleistungen in den europäischen Süden zu akzeptieren, bei denen wir letztendlich die deutschen Exporte aus dem deutschen Steueraufkommen insoweit selber finanzieren würden.

Es sollte aber für uns alle ein Grund sein, gründlich darüber nachzudenken, ob ein solches System tatsächlich auf Dauer funktionieren kann. Und, wenn nicht (was ja doch wohl anzunehmen ist), ob und auf welche Weise wir unsere eigene Volkswirtschaft, aber ggf. auch die Weltwirtschaft insgesamt, derart umbauen können, dass KEINE massiven Ungleichgewichte mehr eintreten. Und vor allem, dass die Systeme gut funktionieren, ohne derartige Ungleichgewichte zu benötigen.
Habe ich darauf eine Antwort? Nein. Hat die WA eine Antwort? Ich sehe keine. Hat die Wirtschaftswissenschaft eine Antwort? Mir ist bisher keine bekannt geworden (freilich bin ich auch kein Wirtschaftswissenschaftler). Was ich freilich sehe, ist eine Vielzahl von ökonomischen Sektenpredigern, die mit den Heilsgewissheiten ihrer jeweiligen "Schule" hausieren gehen. Überzeugt hat mich bisher keiner dieser Prediger; jeder greift sich aus der Fülle der auffälligen Fakten diejenigen heraus, die sein ohnehin vorgegebenes Weltbild zu bestätigen scheinen.

Nach meiner Überzeugung brauchen wir (die Menschheit insgesamt, nicht nur Deutschland) ein wirtschaftswissenschaftliches
"Manhattan Projekt", bei dem vorbehaltlos hinterfragt wird:

  • - Was ist der Fall (d. h.: Welche jener zahllosen Einzelphänomene, die wir in der Weltwirtschaft beobachten, sind überhaupt für ein Verständnis der aktuellen Krisenlage erheblich) und
  • - Was steckt dahinter?
Beispielsweise käme die "Unterkonsumtionstheorie" [Wikipedia] als eine plausible Erklärung für die gegenwärtigen Krisenerscheinungen in Betracht.
Geld wird heute mutmaßlich in großem Maßstab gehortet. Zum einen von den Reichen/Superreichen (und den diesen gehörenden Unternehmungen). Zum anderen freilich auch etwa von Rentenfonds im Kapitaldeckungsverfahren, und vielleicht sogar (so jedenfalls Ben Bernankes bekannte Erklärung für den "saving glut") von chinesischen Wanderarbeitern (und deutschen Sparern?).
Wenn diejenigen, die Geld akkumulieren, dieses nicht mehr ausgeben (weder für Konsum, noch für Investitionen), sondern nur verleihen, und wenn dann auch noch die Kredite nicht in rentable Investitionen fließen, sondern verkonsumiert werden, dann ist es jedenfalls für mich schwer vorstellbar, wie eine solche Entwicklung NICHT zu einer Krise führen sollte.

Ein anderes Phänomen ist die gewaltige Ausweitung der Geldmenge, auch schon vor der US-Immobilienkrise. Eine nahe liegende, aber nicht unbedingt richtige, Erklärung schreibt diese Entwicklung dem bösen Willen der Notenbanker (Alan Greenspan usw.) zu. Dagegen halte ich es für wahrscheinlicher, dass die Notenbanken/Notenbanker nicht die Triebkräfte dieser Entwicklung waren, sondern selber Getriebene. Warum, wodurch, ob vermeidbar oder nicht: Das alles wäre zu untersuchen.

Und schließlich ist nach meinem Dafürhalten die explosive Entwicklung des "reinen" Finanzmärkte (Derivate usw.) bislang unverstanden. Die Derivatewirtschaft schafft ja doch selber keine Werte; sie ist (solange dem System kein frischer "Brennstoff" zugeführt wird) ein Nullsummenspiel bzw., unter Berücksichtigung der Transaktionskosten, sogar ein Verlustgeschäft. Demnach stellt sich die Frage, was diesen Bereich denn überhaupt für die Finanzwirtschaft so attraktiv macht. Findet sich jeweils ein "greater fool", der frisches Geld in den Verbrennungsofen wirft? Oder existieren irgendwelche Mechanismen (welcher Art auch immer), die es der Finanzwirtschaft ermöglichen, ihre eigene Fütterung mit Frischgeldzufuhr von den Notenbanken zu erzwingen?

Eine weitere interessante Frage wäre die nach den Auswirkungen der Bilanzierungsformen auf die Real- und Finanzwirtschaft. Der Ansatz von Firmenwerten in gigantischer Höhe, oder die Generierung von Gewinnen durch eine bilanzielle Abwertung eigener Anleihen (also eigener Schulden) unter pari, begünstigt möglicher Weise (wie auch immer das konkret vor sich gehen mag) den Fi-nanzsektor und benachteiligt die Realwirtschaft.

Ob das alles zutrifft, weiß ich nicht; auch nicht, ob es andere Entwicklungen gab, die als Ursachen für die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise in Betracht kommen. Nach meiner Überzeugung sind in diesem Bereich fundamental neue Erkenntnisse nur durch einen massiven und koordinierten personellen Aufwand zu gewinnen: Also gewissermaßen im Rahmen eines wirtschaftswissenschaftlichen "Manhattanprojekts". Finanziert von der Bundesrepublik sollten hochbegabte Kräfte (vielleicht Postdoktoranden?) aus den deutschsprachigen Ländern aus allen Bereichen der Wirtschaftswissenschaften dafür zusam-mengezogen werden: Allgemeine VWL, Wirtschaftsgeschichte, Finanzwissenschaft, Bilanzwissenschaft. Gleichfalls sollten erstklassige Mathematiker und Physiker mitarbeiten.

Aufgabe dieser scientific community wäre es, Hypothesen zu erarbeiten und (ggf. parallel anhand der historischen Zahlen und anhand von Modellrechnungen) zu verifizieren bzw. zu falsifizieren. Vielleicht gelingt es ja auf diese Weise, den Schleier des Nichtwissens (oder der ideologisch, aber vielleicht auch interessengefärbten, "Irrlehren") zu durchbrechen.

Unabhängig davon, ob und wann sich ein Erfolg einstellt, sehe ich für eine als Partei organisierte WA2013 einen Vorteil darin, dass sie sich mit der Forderung nach einem derartigen Forschungsprojekt- Gegenüber der Öffentlichkeit als eine Partei der ökonomischen Rationalität positionieren würde, aber auch als eine Partei, die keine Heilslehren verkündet, sondern intelligente Lösungsstrategien sucht. - Innerhalb der Wissenschaft könnte sie dadurch intellektuell interessant werden, aber natürlich (für einen freilich sehr begrenzten) Personenkreis auch als potentieller Arbeitsplatzbeschaffer. Damit erreicht man zwar keine Klientel wie mit Wohltaten für die Rentner, die Eltern usw. Aber vielleicht lässt sich mit einer intellektuellen Führungsposition ein "trickle down"-Effekt erzeugen, der "unsere" Ideen in ein breiteres Publikum trägt.


Nachtrag 06.10.2013
Zum vorliegenden Zusammenhang vgl. auch meinen Blott "
Es ist nicht gut, dass der Mensch allein denke!" vom 28.02.2010, der sozusagen ein "Forschungsprogramm" zur internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise enthält.



ceterum censeo
Zerschlagt den €-Gulag
und den offensichtlich rechtswidrigen Schlundfunk (GEZ-Gebühren-Ganoven)!

Textstand vom 06.10.2013. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm.
Eine vorzügliche, laufend aktualisierte Übersicht über die Internet-Debatte zur Eurozonenkrise bietet der Blog von Robert M. Wuner. Für diesen „Service“ ihm herzlichen Dank!
Für Paperblog-Leser: Die Original-Artikel in meinem Blog werden später z. T. aktualisiert bzw. geändert.

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