Mittwoch, 25. August 2021

Geld ist KEIN Wertaufbewahrungsmittel!

 
Der Wirtschaftsduden (Aufl. 2016), der auf der Webseite der Bundesanstalt für politische Bildung (bpb) eingestellt ist, definiert Geld wie folgt (meine Hervorhebungen):
"Allgemeines Tauschmittel, mit dessen Hilfe Güter getauscht werden können; mit Geld werden Güter bezahlt. ..... Weiterhin dient Geld als Wertmesser oder Recheneinheit (mit Geld sind Güterwerte messbar und vergleichbar), als WERTAUFBEWAHRUNGSMITTEL (mit Geld können Werte aufbewahrt und gespart werden und bei Bedarf in Güter umgetauscht werden) und als Wertübertragungsmittel (mithilfe von Geld können Werte an andere Personen z. B. durch Verkauf oder Schenkung übertragen werden).
 
Das sind gängige Definitionen, bei denen mich die Funktionen als (eine Art von) Tauschmittel, als Wertmesser und als Wertübertragungsmittel mich hier nicht interessieren. Ich will lediglich untersuchen, ob das Geld tatsächlich ein "Wertaufbewahrungsmittel" ist - oder, wie ich in der Überschrift behauptet habe, eben nicht.
 
Carl-Ludwig Thiele, ehemaliges Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, hat Tagung des Deutschen Historischen Museums über "Die Bedeutung des Bargelds als Wertaufbewahrungsmittel" gesprochen. Zitate daraus: 
  1. "Die Wertaufbewahrungsfunktion ist eine wichtige Funktion des Geldes. Wer spart, bildet sich so eine Reserve, über die er später bei Bedarf verfügen kann."
  2. "In Geld wird der Wert eines verkauften Gutes gespeichert und Geld macht es so möglich, diesen Wert in die Zukunft zu übertragen. Um als Wertspeicher zu dienen, muss Geld haltbar und wertbeständig sein. Da das Geld heute kaum einen eigenen Materialwert mehr hat, kommt es darauf an, den Nominalwert zu erhalten."
Das sind klare Formulierungen, die wohl jeder unterschreiben würde. Und doch behaupte ich das Gegenteil - warum?

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist die Rentenfinanzierung. Viele Menschen glauben, die Bürger (oder auch der Staat, für seine Beamten) müssten doch nur tüchtig Geld sparen, dann hätten sie später genug für die Altersvorsorge.
Das ist freilich ein Irrtum.

Natürlich gibt es verschiedene Formen des Sparens. Insbesondere hat der Sparbegriff zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen. Auf der mikroökonomischen Ebene steht er zunächst einmal für Konsumverzicht. Anlegen kann der Einzelne das Geld auf unterschiedliche Weise: als Spareinlagen, als Versicherungsbeitrag, für Anleihe- oder für Aktienkäufe. Oder, wenn er ein eigenes Unternehmen besitzt, kann er in dieses investieren.

Volkswirtschaftliches "Sparen" ist Investieren. Investieren können Unternehmen aus Eigenmitteln, aus der Ausgabe neuer Anteile (Aktien) - oder aus Krediten. Für solche Kredite braucht die Bank nicht unmittelbar Spareinlagen; sie kann selber "Bankengeld" schöpfen. "Banks do not lend reserves (or deposits). But banks need reserves (and deposits) to lend" hatte ich einen englischsprachigen Blott vom 05.04.2014 betitelt. Übersetzt: Banken verleihen kein Zentralbank und keine Kundeneinlagen. Grundsätzlich benötigen sie aber schon einen gewissen "Bodensatz" an Zentralbankgeld (Kundeneinlagen), um Kredite vergeben und damit Geld (genauer: Bankengeld) schöpfen zu können. Die nötige Menge schwankt und ist insbesondere vom Vertrauen der Banken untereinander abhängig. Aber jedenfalls ist die Menge an Bankengeld um Vieles höher als die Menge an Basisgeld (Zentralbankgeld). Individuelles Geldsparen und Kreditvergabe stehen also in einem komplizierten und nicht quantitativ präzise zu bestimmenden Zusammenhang; aber grundsätzlich kann man sagen, dass die Kreditvergabe (und damit die Möglichkeit für Unternehmen, kreditfinanzierte Investitionen zu tätigen, NICHT davon abhängt, dass Wirtschaftssubjekte vorher ihr Geld auf die Bank getragen und also in diesem Sinne "gespart" haben.
 
Auf dem Papier könnte man sich vorstellen, dass höhere Geldersparnisse für das Alter zu höheren Investitionen in einer Volkswirtschaft führen. Das käme freilich dem Versuch gleich, die Marktmechanismen insoweit auszuhebeln, denn DIE sind es ja in einer freien Marktwirtschaft, die das Verhältnis von Konsum und Investition regulieren. Jedwedes Herumfummeln der klobigen Staatsfinger in diesen Zusammenhängen wird mit allergrößter Wahrscheinlichkeit scheitern; das gilt auch für ein zwangsweises Vorsorgesparen.
Im Gegenteil würden die Investitionen sogar sinken, wenn die Wirtschaftssubjekte ihre Geldersparnisse überproportional steigern. Dann fehlt der Wirtschaft nämlich die Nachfrage, und Investitionen werden sinnlos (und führen den Unternehmer, der die Kaufkraft falsch eingeschätzt hat, ggf. in den Ruin).
Konkret für Deutschland wird schon in wenigen Jahren eine steigende "Altenlast" erwartet: Weniger Junge müssen im Verhältnis mehr Rentner "mitversorgen". Dann ist es aber erst Recht sinnlos für Unternehmer, die Investitionen zu steigern: Für die neuen Maschinen und Betriebe werden die Betreiber, nämlich die Arbeitskräfte, fehlen. 
Zusammenfassend ist also festzuhalten, dass mehr Altersvorsorge durch Sparen die Volkswirtschaft massiv beeinträchtigt (Krise durch Nachfrageausfall) und die Investitionen tendenziell senken - statt steigern - wird. (Vgl. dazu auch meine Webseite "Rentenreich".)
 
Für die volkswirtschaftliche Seite der Rentenfinanzierung ist die Unterscheidung von individuellem und volkswirtschaftlichem Sparen deshalb wichtig, weil man, kurz gesagt, Geld nicht essen kann. Wissenschaftlich formuliert ist das in der sog. "Mackenroth-These" (Wikipedia; meine Hervorhebung):
"Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein ‚Sparen‘ im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand […] Kapitalansammlungsverfahren und Umlageverfahren sind also der Sache nach gar nicht wesentlich verschieden. Volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren.“ 
Hier meint "Ansammlung von Periode zu Periode" und "Sparen im privatwirtschaftlichen Sinne", dass es kein "Gütersparen" gibt, kein Horten von GÜTERN fürs Alter. Das gilt nicht absolut: Ich kann mir ein Haus bauen, kurz vor der Rente ein Auto kaufen und mich über die Jahre hinweg mit jeder Bekleidung bevorraten, die bis zum Lebensende hält. Aber das macht natürlich niemand, und das Auto wird kaputt gehen (und vorher einige Reparaturen benötigen) und das Haus erfordert ebenfalls einen Erhaltungsaufwand: Alles Arbeitsleistung, die grundsätzlich von den "Jungen" zu erbringen ist. Im Prinzip kann man also sagen, dass (auch) die Alten von dem leben müssen, was die Jungen produzieren.
 
Ein Denkmodell, zwar drastisch überzeichnet und vereinfacht, aber in der Darstellung der grundlegenden Zusammenhänge eine korrekte Abbildung der Realität, zeigt uns, warum das Geld kein Wertaufbewahrungsmittel für die Altersvorsorge sein kann (d. h.: einem hypothetischen - real natürlich unmöglichen - Gütersparen nicht gleichwertig ist):

In der Periode A soll das Verhältnis Arbeitende (Junge) zu Alten (Rentnern) = 1 : 1 sein. Die Jungen produzieren eine Gütermenge, die wir mit "2" (Einheiten) bezeichnen. Die Summe der Arbeitseinkommen und Renten sei gleich (Geldmenge -2- "Einheiten"); somit bekommen Junge und Alte je -1- Einheit aus der Güterproduktion.

Periode B, Variante 1: Junge zu Alten = 0,5 : 1. Gütermenge (theoretisch denkbare Produktivitätssteigerungen lassen wir außen vor) = -1- Einheit. Wenn die jeweilige Summe von Arbeitseinkommen und Renten weiterhin gleich ist (Geldmenge -1- "Einheit"), dann können kaufen ("bekommen" an Gütern): Die Jungen 0,5 Einheiten der Gütermenge; das ist nach wie vor eine Einheit pro Kopf. Bei den Alten muss sich jedoch nunmehr eine Personeneinheit mit einer halben Gütereinheit zufrieden geben, ihren Konsum also halbieren.

Periode B, Variante 1: Alles wie vorher, nur dass die Alten tüchtig Geld gespart haben. Dadurch sei das "Einkommen" der Rentner (das diese zur Hälfte durch Auflösung ihrer Geldersparnisse "erzielen") genauso groß wie das der Jungen. Wir haben in unserem System jetzt also eine (wie immer: nachfragewirksame!) Geldmenge von 1,5 Einheiten, denen nur 1,0 Gütereinheiten gegenüberstehen. War das Verhältnis von Geld zu Gütern (zu konstanten Preisen gerechnet) vorher 1:1, ist es nunmehr 1:0,67. Jede Geldeinheit kauft damit nur noch 2/3 Gütereinheiten.
Die Alten verlieren dabei zwar 1/3 an Wert ihres gesparten Geldes; können aber immer noch mehr kaufen (konsumieren), als wenn sie gar kein Geld gespart hätten. Eine gewisse "Wertaufbewahrungsfunktion" hatte das Geld für sie also doch. Aber eben nicht dieselbe, als wenn sie (fiktiv) Güter "gespart" (also hypothetisch etwa Konserven eingelagert hätten).
Die eigentlich Gelackmeierten sind die Jungen: Denen wird durch die Teuerung 1/3 ihrer Kaufkraft "geklaut". In gewisser Hinsicht werden sie von den Alten betrogen, denn die "tauschen" eigentlich wertloses "Geld" gegen gute Güter ein. (Und das liegt nicht etwa am Papiergeldsystem: Das liegt in der Logik der Mackenroth-These, wonach sich Junge und Alte immer die in der jeweiligen Periode produzierten Güter - irgendwie - untereinander teilen müssen. Damit würde Goldgeld ganz genauso an Kaufkraft verlieren.)
Das würden sich die Jungen selbstverständlich auf Dauer nicht gefallen lassen, sondern versuchen, ihren Anteil am Sozialprodukt durch Lohnerhöhungen wieder zu steigern. Theoretisch (konkret prognostizierbar ist das natürlich nicht) so lange und so weit, bis die ursprüngliche Relation ihres Einkommen (Summe 0,5 Einheiten) zu der der Rentner (Summe ebenfalls 0,5 Einheiten) wieder hergestellt wäre. Damit hätten die Geldersparnisse der Alten am Ende ihre Wertaufbewahrungsfunktion gänzlich eingebüßt.

Vor diesem Erklärungs-Hintergrund ändere ich nunmehr meine provokative Schlagzeile ab:
  • Auf der Ebene des einzelnen Wirtschaftssubjekts, also MIKROÖKONOMISCH betrachtet, macht es durchaus Sinn, Geld als "Wertaufbewahrungsmittel" zu bezeichnen. Wenn wir unseren Überziehungskredit ausgereizt haben, müssen wir Geld ansparen, um uns z. B. einen neuen PC zu kaufen.

  • Für die Volkswirtschaft insgesamt, also MAKROÖKONOMISCH betrachtet, ist Geld jedoch KEIN Wertaufbewahrungsmittel. Das Geldsparen der Vorsorgesparer hat NICHT dazu geführt, dass in ihrem Alter in der Volkswirtschaft insgesamt mehr Güter verfügbar sind. Sie haben lediglich durch die Ansammlung von "Warengutscheinen" (Geld) ihre Verteilungsposition gegenüber den Jungen verbessert. (Aber auch das funktioniert nur so lange und so weit, wie sich die Jungen damit sozusagen "übers Ohr hauen" lassen.)
 Diese Differenzierung macht nicht nur Sinn: Sie ist wichtig, weil selbst unzählige Profis glauben, durch Sparen später das Rentenniveau insgesamt steigern zu können. Genau das funktioniert aber mit allergrößter Wahrscheinlichkeit NICHT.
 
 
Eines habe ich jetzt freilich vergessen: Dass meine Leserinnen und Leser nicht entfernt so dumm sind, wie ich es bin. Die sparen selbstverständlich KEIN Geld; die legen, als ausgefuchste Finanzprofis, ihr Geld natürlich in Aktien an, kaufen also "richtige" Werte!
Blöd ist nur, dass die Aktien (von Neumissionen abgesehen) schon jemandem gehören. Es tritt also ein Verdrängungswettbewerb ein, der höchstwahrscheinlich zu künstlich überhöhten Kursen führt ("Asset price inflation").  Und was machen die Aktienverkäufer anschließend mit ihrem Geld? Verkonsumieren, und damit wieder in den Geld-Güter-Kreislauf einspeisen, werden die das eher nicht. Sondern am Finanzmarkt "investieren": In Phantasieprodukte, die volkswirtschaftlich keinerlei Nutzen bringen. Weil sie "Investitionen" nur im umgangssprachlichen, nicht aber im volkswirtschaftlichen Sinne sind. Das führt zu Verwerfungen in der Wirtschaft während der Ansparphase.

Und wenn sie dann im Rentenalter so richtig kassieren wollen, stellen die Füchse entsetzt fest, dass Erträge und Firmenwert (unter den Voraussetzungen meines o. a. Denkmodells) sich halbiert haben: Weil eben nur noch die halbe Arbeitnehmeranzahl da ist und folglich auch nur (evtl. Rationalisierung mal ausgeklammert) die halbe Gütermenge produziert wird.

Das alles ist nur logisch; denn auch dadurch, dass sie ggf. Aktien kaufen, steigern die Vorsorgesparer in keinster Weise die Gütermenge, die später für sie verfügbar ist.

In der Rentendebatte kommen wir also nicht um die Wahrheit drum herum, dass die Alten nur das (mit) konsumieren können, was die Jungen produzieren. Und dass es folglich BEI JEDEM FINANZIERUNGSSYSTEM um die VERTEILUNG der DANN verfügbaren Gütermenge geht.
(Über Auslandsanlagen rede ich gar nicht erst. Wer immer hier glaubt, dass "America first" unsere Alten durchfüttern würde, weil wir doch so heilige "Eigentumsrechte" haben, der kann sein Geld auch gleich bei den Taliban "investieren": Da ist es genauso sicher, wie (auf Dauer und bei entsprechenden Größenordnungen) im "Rechtsstaat" USA! 😝



Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch auf mein Buch hinweisen:
Gesamtschau-Geheimdienst: Wie der Sepia-Haldi die AfD in den braunen Hades laviert: Analyse des "Prüffall"-Gutachtens des VS vom 15.01.2019.
Momentan ist es nur als eBook verfügbar; man braucht jedoch kein Kindle-Gerät, sondern kann die Software für eine Lektüre am PC hier herunterladen.
(Als älterer Mensch mag eigentlich auch ich eher "richtige" Bücher. Der unschätzbare Vorteil einer elektronischen Version ist freilich die Möglichkeit, Internet-Links direkt anzuklicken.)
 
Textstand 25.08.2021

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen