Montag, 20. September 2021

Die Wahrheit ist teilbar: Über motivatorische und deskriptive Wahrheiten

 
"Jeder trägt den Marschallstab im Tornister".
Das ist eine Maxime, an deren Richtigkeit zu glauben für eine Gesellschaft sehr nützlich ist: Die Aussicht, an die Spitze gelangen zu können, spornt die Menschen an. Während es demotivierend währe, wenn sich die Menschen sagen müssten: "wie sehr ich mich auch abstrampele: nützt sowieso nichts, weil die gesellschaftlichen Hierarchien nach anderen Kriterien als nach Leistung aufgebaut sind".
Der Eingangssatz ist wahr - aber lediglich im motivatorischen Sinne.

Die "wahre Wahrheit" (die deskriptive, beschreibende, nämlich) ist dagegen: "Häuptlinge" kann es nur dort geben, wo es auch viele "Indianer" ("Unterlinge") gibt.
Das gilt in einer Gesellschaft in den unterschiedlichen Hierarchien: Im Staat (auf den unterschiedlichen Ebenen), innerhalb von Parteien, innerhalb von Vereinen, Verbänden, Kirchen usw. Und nicht zuletzt natürlich auch in Unternehmen.

Aber nicht nur innerhalb von Unternehmen, sondern auch in der Volkswirtschaft insgesamt: Es kann keine Reichen geben, wenn es nicht auf der anderen Seite auch Arme gibt. Die müssen nicht zwangsläufig bettelarm sein. Doch ist Reichtum etwas, was kollektiv erarbeitet wird, aber individuell angeeignet.
Niemand wird dadurch zum Millionär, dass er Tag und Nacht arbeitet: Sondern indem er andere für sich arbeiten lässt.
Daher ist es unmöglich, dass jeder Millionär werden kann.
Auch hier ist es zwar gesellschaftlich wünschenswert, dass jeder sein Bestes gibt. Und das wird er insbesondere dann tun, wenn er sich auch persönliche Vorteile davon verspricht und z. B. glaubt "Wenn ich hart arbeite, kann auch ich Millionär werden". Auch das ist eine MOTIVATORISCHE Wahrheit und als solche gesellschaftlich nützlich.
Aber es ist eben keine DESKRIPTIVE Wahrheit: In der Realität ist es unmöglich, dass jeder Millionär wird, weil jeder Millionär nur dadurch überhaupt zu einem solchen werden konnte, dass andere sozusagen darauf verzichtet haben, selber Millionäre zu werden und ihm von ihrem Arbeitsergebnis einen Teil abgegeben haben.

Das alles sage ich nicht im Sinne einer Kapitalismuskritik.
Schließlich wissen wir alle (oder zumindest die Allermeisten: Denn allzu viele mehr oder weniger "antikapitalistische" Traumtänzer gibt es noch immer), dass alle Versuche, einen real existierenden Sozialismus einzuführen, kläglich gescheitert sind.
Ebenso wenig bestreite ich, dass Reichtum in einem Zusammenhang mit persönlicher Leistung stehen KANN.
 
Indes ist Reichtum auch dort, wo er einem - Erben - nicht lediglich leistungslos in den Schoß gefallen ist, niemals AUSSCHLIESSlCH das Ergebnis von EIGENER Leistung. So freilich versuchen Libertäre und Marktradikale (wie z. B. Markus Krall, aber ebenfalls nicht wenige AfD-Parteifreunden) die Zusammenhänge darzustellen: Als ob es selbstverständlich wäre, quasi ein göttliches Gesetz oder naturgegeben, dass sich einige Menschen Teile der Leistung anderer aneignen und über die Generationen weitergeben dürften - bis in alle Ewigkeit. Jede steuerliche Belastung (beispielsweise Erbschaftssteuer) ist für diese Kreise eine Art gesellschaftlicher Raub am hart erarbeiteten eigenen Besitz.
Dass Reichtum immer auch das Ergebnis einer (gut funktionierenden) gesellschaftlichen Zusammenarbeit, und eines durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hart erarbeitenden Wissensschatzes ist ("Wir alle stehen auf den Schultern von Riesen"), wird ausgeblendet.
Und ebenso, dass unser Wirtschaftssystem eben KEIN echtes Tauschsystem ist, sondern Komponenten eines Tributsystems beinhaltet, welche die Akkumulation von Reichtum bei den Reichen quasi zu einer ökonomischen Gesetzmäßigkeit machen.

Wir müssen daher innerhalb unseres gesellschaftlichen Diskurses mit einer Widersprüchlichkeit leben:
Dass es Zusammenhänge gibt, bei denen es sinnvoll ist, von denen wir andere Vorstellungen haben (indem wir die "motivatorische Wahrheit" für die Wahrheit schlechthin halten), als sie der Wirklichkeit (der "deskriptiven Wahrheit") entsprechen.
 
Wenn wir freilich über gesellschaftliche Zusammenhänge sprechen und überlegen, inwieweit dort politische Eingriffe sinnvoll bzw. wünschenswert sein könnten, dann dürfen wird nicht die motivatorische Wahrheit mit der eigentlichen (deskriptiven) Wahrheit verwechseln. Bzw. vertreten, wenn wir das tun, Partikularinteressen mit wahrheitswidrigen Behauptungen.


Nachtrag 22.09.2021

Nicht direkt einschlägig, aber doch wohl strukturell irgendwie vergleichbar mit meiner Vorstellung von "motivatorischen Wahrheiten" scheint mir der 'illusionsgetriebene Kapitalismus' zu sein.
Vgl. dazu das Handesblatt-Interview "Kapitalismus fußt auf einer Illusion" vom 26.08.2018 mit Prof. Jens Beckert bzw. dessen Buch "Imaginierte Zukunft", Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3518587171 (569 Seiten).



Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch auf mein Buch hinweisen:
Gesamtschau-Geheimdienst: Wie der Sepia-Haldi die AfD in den braunen Hades laviert: Analyse des "Prüffall"-Gutachtens des VS vom 15.01.2019.
Momentan ist es nur als eBook verfügbar; man braucht jedoch kein Kindle-Gerät, sondern kann die Software für eine Lektüre am PC hier herunterladen.
(Als älterer Mensch mag eigentlich auch ich eher "richtige" Bücher. Der unschätzbare Vorteil einer elektronischen Version ist freilich die Möglichkeit, Internet-Links direkt anzuklicken.)
 
Textstand 22.09.2021

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