Montag, 28. September 2020

Atlas burped – und befüllte den Heißluft-Ballon der Wealthcare-Krallokratie. Kritik der libertären (Schein-)Vernunft.

 
 
In meiner Anfangszeit auf Facebook, bevor es die AfD gab bzw. bevor die intern-öffentliche Debatte unter Parteimitgliedern und Anhängern dort vollen Schwung aufnahm, habe ich des Öfteren auch mit Libertären diskutiert. Das waren ganz angenehme Zeitgenossen, die andere Meinungen aushalten konnten. (Und ich war so gut wie immer anderer Meinung! 😊)
 
Am Samstag, 23.03.2013, bin ich sogar in einer Demo der libertären „Partei der Vernunft“ (PdV) in München gegen die GEZ-Gebühren-Gier-Ganoven [mein Ausdruck] mitgelaufen. Auch das war eine friedlich-fröhlich entspannte Sache; jeder, der Lust hatte, konnte aufs Podium gehen und eine Rede schwingen (ich wollte nicht). Ende 2012, also vor Gründung der AfD (06.02.2013), habe ich sogar für deren Wahlbeteiligung an der Bundestagswahl im September 2013 unterschrieben. Dies definitiv nicht in der Absicht, die PdV zu wählen (ohne AfD wäre ich wohl gar nicht zur Wahl gegangen). Sondern einfach weil ich der Meinung war, dass auch die ihre Chance bekommen sollte. 
 
Gelegentlich greife ich auch gern auf den libertären Wortschatz zurück: Wenn ich z. B. von „Steuersklaven“ oder „Staatssklaven“ spreche. Das heißt allerdings nicht, dass ich dieser Ideologie anhängen oder ihr zustimmen würde. Als Korrektiv gegen unsere totale „Verhausschweinung“ (übrigens ein Ausdruck von Björn Höcke, den ich ebenfalls nicht goutiere, der aber mit dieser Diagnose tendenziell richtig liegt) ist ein Schuss Libertarismus nicht verkehrt. Als ausgewachsene Ideologie dagegen ist der Libertarismus einfach nur ekelhaft. 
 
Ja, er IST eine Ideologie! Und wie jede Ideologie in unterschiedlichen Varianten ausgeprägt. Die „österreichische Schule“ der Wirtschaftswissenschaften (bekannter als „Austrians“), auf die er sich beruft, ist heutzutage inexistent. Was davon noch an Trümmerstücken in der Welt herumschwimmt, ist eine Pseudo- oder Vulgär“wissenschaft“, die besonders in der US-Bloggerszene sehr aktiv ist. Als gemeinsamen Nenner ihrer im Detail dann doch recht unterschiedlichen (und nicht selten widersprüchlichen) „Lehren“ kann man wohl den (einfältigen) Ansatz sehen, Vorgänge in der Makroökonomie aus der mikroökonomischen Froschperspektive zu erklären bzw. zu gestalten.
 
Mehr oder weniger Libertäre gibt es auch in „meiner“ Alternative für Deutschland (AfD; dort spreche ich meist von „Marktradikalen“). Anfang 2016 hatten diese Kreise sogar versucht, unserer Volkspartei ein stark libertär geprägtes Parteiprogramm auf- und sozialstaatliche Institutionen teilweise weg-zudrücken. Da war für mich definitiv Schluss mit lustig (vgl. meinen seinerzeitigen Blott „AfD-Programmentwurf: Libby Langfingers Dschihad gegen den Sozialstaat“). Solchen Kreisen und Tendenzen werde ich auch in Zukunft mit aller mir möglichen Vehemenz entgegentreten (und habe das z. B. in der Debatte über das AfD-Rentenprogramm auch bereits getan).
Dies alles als Hintergrundinformation dazu, warum und in welcher Weise mich der libertäre Diskurs überhaupt interessiert und tangiert. 

 
 
Vorliegend geht es um die Staats- und Gesellschaftsvorstellungen von Dr. Markus Krall. Krall ist der im deutschsprachigen Raum vielleicht bekannteste unter den lebenden Libertären. („Libertärer“ ist keine Zuschreibung von mir; so bezeichnet er sich auch selber). 
 
Da ich ein unbedingter Gegner von unsubstantiiertem Gelaber bin, formuliere ich meine Kritik ganz konkret anhand einer Rede, die Krall am 21.08.2020 im Rahmen der 10. Hamburger Mark Banco Anlegertagung im Europäischen Hansemuseum in Lübeck gehalten hat. Es war eine Dankesrede für die ihm Anfang März 2020 zuerkannteRoland-Baader-Auszeichnung“. Der Verleihungsakt war ursprünglich für den 06.06.2020 angesetzt; jedoch wurde die Veranstaltung verlegt auf den 21.08.2020
Das Video seiner Rede wurde am 25.08.2020auf YouTube eingestellt.
 
Der 2012 verstorbene Roland Baader (Wikipedia) war (und ist wohl immer noch) der bekannteste deutschsprachige Libertäre überhaupt. Seine Anhänger ehren ihn mit dieser Webseite. Diese Anhänger (und ebenso viele andere Menschen) werden es kaum verstehen, wenn ich Baaders wohl populärstes Zitat als einen der dümmsten jemals formulierten Aussprüche zur Ökonomie bezeichne: 
Was wir in den letzten Jahrzehnten im papierenen Kreditrausch vorausgefressen haben, werden wir in den nächsten Jahrzehnten nachhungern müssen.“ (Aus diesem Interview vom August 2010.)
 
Auf den ersten Blick klingt das höchst plausibel und ich vermute, auch Sie werden Baader spontan Recht geben: Ist denn nicht wirklich viel zu viel Geld in der Welt? Und können wir das überhaupt noch zurückzahlen?
Hinter einer solchen Sichtweise steckt freilich eine rein MIKROÖKONOMISCHE Perspektive, eine Zwergensicht auf das, was eine Volkswirtschaft ist und leisten soll. Und ein Denken, das nicht die GÜTERPRODUKTION in den Mittelpunkt stellt, sondern das Geldwesen.
Das freilich sollte eigentlich eine nur dienende Funktion haben. Rein abstrakt sehen das auch die „Austrians“ so; Geld ist angeblich nur ein kleiner Umweg zur rationelleren Organisation von Güter-Tauschvorgängen. Indes ist die Tauschvorstellung von Ökonomie (die auch die Mainstream-VWL kultiviert) schon für sich genommen eine (unzulässige) Vereinfachung, die wesentliche Zusammenhänge verschleiert oder verfälscht.
Und zudem ist die eigentumsbasierte Geldwirtschaft, wenn man sie zunächst als ein Tauschsystem ansehen will, eben nicht NUR ein solches – sondern zugleich ein System, in welchem die Habenichtse den beati possidentes im Prinzip bis in alle Ewigkeit tributpflichtig sind.
 
Doch zurück zu dem o. a. (für uns alle zunächst so herrlich eingängigen) Baader-Ausspruch. Sinn und Zweck einer Volkswirtschaft ist es, diese für möglichst lange Zeiträume möglichst voll ausgelastet zu halten. Der eigentliche Reichtum, an dem (mehr oder weniger) alle partizipieren (können), ist nicht das Geld. Egal, ob man an „Fiatgeld“ oder „Goldgeld“ denkt – oder sogar an Sachwerte wie Unternehmen, Aktien usw.: Der eigentliche Reichtum ist die LAUFENDE PRODUKTION. In einer belagerten Stadt, wo die Lebensmittel ausgehen, ist selbst Gold völlig wertlos. Und ein bilanziell gestern noch wertvolles Unternehmen wird wertlos, wenn es nichts mehr produziert (weil z. B. eine Gesellschaft nicht – mehr - genügend Arbeitskräfte hat; aktuelles Stichwort: „demographische Krise“).
 
Staat und Gesellschaft (konkret: Die Notenbanken mit ihrer Geldpolitik; ggf. auch der Staat mit seiner Fiskalpolitik) müssen dafür sorgen, dass die Wirtschaft brummt: DAS ist Sinn und Zweck jedes Wirtschaftens. Und dafür muss der Rubel ROLLEN – anstatt im Tresor von Dagobert Duck zu versauern.
Aber wenn Libertäre in einem solchen Zusammenhang von „wir“ sprechen, dann meinen die gar nicht wirklich die Gesellschaft insgesamt. Sondern ganz speziell die Kleinen Leute, Arbeitnehmer usw.: DENEN geht es nach dem Geschmack der Libertären viel zu gut!
 
Dass sich die Reichen die Taschen bis zur Halskrause vollstopfen, kritisieren auf der abstrakten Ebene und in ganz spezieller Hinsicht zwar auch die Libertären. Die wettern gerne gegen die bösen Konzerne, insbesondere die Finanzkonzerne. Wenn es dann allerdings zum Schwur kommt, wenn es um ganz konkrete Unternehmen und Unternehmer (z. B. Bill Gates) geht, dann haben die jedoch stets ihr Vermögen „selber erarbeitet“. Die Milliarden, die sie zusammengebracht haben (und die ich denen keineswegs missgönne), sind nichts als der wohlverdiente Lohn für die Risiken, an denen sie so schwer geschleppt haben wie einstmals Atlas am Himmelsgewölbe. Im Prinzip haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils genau jenen Anteil bekommen, den „der Markt“ ihnen zugesprochen hat. Allerdings hat der böse Staat anschließend den Kapitalbesitzern ihr sauer verdientes Geld teilweise wieder abgenommen („geraubt“) und an die Arbeitssklaven verteilt; DAS GEHT GAR NICHT für die Gemeinschaft der Taschenfüller.
 
Den Libertarismus als eine Ideologie der Reichen selber zu begreifen, wäre falsch. Tatsächlich ist diese Denkweise eine Ideologie kleiner Krauter (schon in diesem früheren Blott hatte ich den Begriff „Krauterideologie“ gebraucht), die gerne reich wären – und sich bis dahin schon mal auf die Seite der Reichen stellen. Und die glauben, dass es ihnen dabei hilft, wenn sie nach oben buckeln und nach unten treten. Sozialneid ist diesen Krauter-Kreise fremd: Die missgönnen keinem Superreichen seine Milliarden. Den Arbeitssklaven freilich, denen gönnen sie nicht das Schwarze unterm Fingernagel. Wenn der Staat durch die Einführung eines Mindestlohns die unternehmerische Freiheit einschränkt, Hungerlöhne zu zahlen (welche der Staat dann wiederum mit ALG II – „Hartz IV“ – subventionieren „darf“), dann quillt die Volksseele des Lumpen-Plutokratiats vor Wut über.
 
Wirklich Reiche dürften in der Regel intelligenter sein und so denken, wie Robert Bosch: „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.“ Und selbst die hyperreichen Koch-Brüder, die in den USA zahlreiche libertären Bewegungen und Denkfabriken (Think Tanks) finanzieren, scheinen mittlerweile nicht mehr NUR gegen jedwede Form von staatlicher Daseinsvorsorge zu kämpfen, sondern so etwas wie soziale Verantwortung zu entwickeln und eingesehen zu haben, dass der totale Libertarismus vielleicht doch nicht die beste aller möglichen Welten ist.
 
Jedenfalls: Die Kredite, die der Staat aufgenommen hat, sind zwar einerseits Schulden aller Steuerzahler. Aber andererseits auch Guthaben einiger Steuerzahler (und ggf. auch Gebietsfremder). Für „die“ Gesellschaft insgesamt ist die Kreditaufnahme also tendenziell ein Nullsummenspiel (solange sie nicht zu Inflation führt).
Und auf jeden Fall hat diese Staatsverschuldung geholfen, die Realwirtschaft auf Touren zu halten.
Überhaupt ist es abenteuerlich, wenn ausgerechnet die „Austrians“ mit ihrem mikroökonomischen Sparfimmel gegen Schulden wettern: Wem wollen die eigentlich ihr Geld leihen, wenn Schuldenmachen verwerflich ist? Denn Zinsen wollen diese Hybrid-Dagobertisten natürlich kassieren (diejenigen, die nicht mit Gold spekulieren); das ist für die gewissermaßen ein Menschenrecht. Schließlich „arbeitet“ ihr Geld doch?
 
Es gibt aber noch einen anderen Hintergrund bei der „österreichischen“ Kritik an staatlicher Kreditfinanzierung: In gewisser Weise sind diese Kreise ökonomische Sadisten*, die mental in der Wirtschaftswelt des 19. Jahrhunderts steckengeblieben sind. Krisen, die damals alle Jahre wieder einzelne Länder (und auch schon ganze Weltteile) heimsuchten, sind für diese atavistischen Vulgärökonomen naturgesetzlich notwendig. Dass die westliche Welt seit dem Ende des 2. Weltkrieges weitgehend krisenfrei war (wenn man die Weltwirtschaftskrise als „richtige“ Krise zum Vergleichsmaßstab nimmt), ist für diese Herrschaften sozusagen ein bedauerlicher Betriebsunfall der Geschichte.
* Einen „strong cruel streakkonstatierten ihre Wegbegleiter auch bei der libertären Vordenkerin Ayn Rand, auf die ich unten ausführlich eingehe. Oder hier: „She invited her readers to rejoice in cruelty”. Und dort: “Sex is plentiful [in ihren Romanen; in ihrem Leben wohl auch] ….. and rough.” In diesen Zusammenhang gehört auch ihre Begeisterung für die Kriminalromane von Mickey Spillane.
 
Im Gefolge der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise, also in den Jahren 2008 ff., habe ich mich ausgiebig in der anglophonen, also speziell der US-amerikanischen, Bloggerszene eingelesen (hier z. B. wird das ein wenig sichtbar). Und bin dabei auf „österreichische“ Blogposts aus den 90er Jahren gestoßen, welche schon damals eine Krise vorhersagten. Ich bin überzeugt, dass die „Austrians“ in allen Jahren nach dem II. WK so sehnsüchtig auf eine Krise gewartet und deren unmittelbar bevorstehenden Eintritt prognostiziert haben, wie religiöse Endzeitsekten das Jüngste Gericht erwarten und vorhersagen. (Die Austrians sind tatsächlich eine – wirtschaftswissenschaftliche - Sekte mit vergleichbaren Zügen, wie religiöse Sekten. Nur haben die „The Market as God“, bzw. ist genau genommen lediglich der Mammon ihr Götze.)
 
Daher sind diese Leute fürchterlich enttäuscht, dass nicht nur die finale Krise dessen, was sie als „Papiergeldsystem“ verunglimpfen, nicht eingetreten ist, sondern dass es überhaupt keine großen Wirtschaftskrisen (gemessen an der Great Depression) seit 1945 gab. (Dass es beim „Papiergeld“ einen Unterschied zwischen gedecktem Kreditgeld und ungedecktem Willkürgeld gibt, übersteigt deren intellektuellen Horizont und wird, wie freilich auch im ökonomischen Mainstream, ausgeblendet). So produzieren sie am laufenden Band Krisenvorhersagen (wobei die Panikmache nicht selten auch den eigenen Geschäftsinteressen dient: Vgl. den SZ-Bericht „Crash-Propheten im Crash-Test“ vom 27.12.2019). Dass sich diese Prophezeiungen niemals erfüllen, ficht sie und ihre Gläubigen genauso wenig an wie andere Chiliasten die vielfachen Fehlprognosen des Weltuntergangs: Beim nächsten Mal kommt er ganz bestimmt! Krall erwartet den Crash noch in diesem Jahr (bzw., wie man hier liest „Ende 2020 oder Anfang 2021“); tatsächlich wird er natürlich auch diesmal ausbleiben.
 
Tendenziell sind diese (nach bestimmten „Beweismustern“ aufgebauten) Krisenprognosen verschwörungstheoretischer Art. Das ist zwar nicht ganz so primitiv und vor allem nicht so offensichtlich wie etwa Theorien, wonach 9/11 ein Insiderjob gewesen sei. Aber irgendwie sitzen in den Notenbanken böse Buben, die ständig an einem Geldsystem herumschrauben, welches doch ganz phantastisch funktionieren würde, ließe man es nur in Ruhe. Unterkonsum bzw. (Geld-)Überakkumulation kommt im ökonomischen Denken der „Austrians“ nicht vor bzw., wenn es in der Realität doch vorkommt, dann ist das halt so und muss man damit leben: Jedes Herumfummeln an den ehernen Marktgesetzlichkeiten würde alles nur noch schlimmer machen. Und dass es in unserem Wirtschaftssystem Ungleichgewichte geben könnte, die im Eigentumssystem begründet liegen (und nicht etwa im Geldsystem), das ist den Libertären nicht nur Hekuba: Nur sozialistische Ketzer können so etwas behaupten! Folglich liegt es auch jenseits ihrer Vorstellungskraft, dass die Notenbanken (Zentralbanken) wahrscheinlich Sachzwängen unterliegen, wenn sie die Welt mit Geld fluten. Vermutlich tun sie das, um die Wirtschaft überhaupt funktionsfähig zu halten und damit unser aller Wohlergehens zu sichern.
Für Libertär-Austrians dagegen existieren nur sozusagen „Schuld und Sühne“. Wenn es den Menschen mal richtig gut gegangen ist, dann haben sie garantiert ZU gut gelebt. Dafür haben sie Sühne in Form von Wirtschaftskrisen zu leisten: So ist nun einmal der Lauf der Welt - glauben jedenfalls diese spießbürgerlichen ökonomischen Folter-Fans.
 

 
Doch nun zur Krall-Rede. Die ist sprachlich funkelnd und voller origineller Einfälle in Worten und Vergleichen. Zumindest graduell trifft auch auf ihn zu, was über die Bücher von der Ultralibertären Ayn Rand gesagt wurde: „….. her language is so uplifting -- it goes swooping up into the clouds when she talks about the characters she considers heroes. The reader travels along with her.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich ein echter „Österreicher“ auch an Kralls rhetorischem Aufstieg in Wolkenkuckucksheime berauscht. (Überrascht hat mich deshalb der insgesamt doch recht magere Beifall. Entweder war die Zahl der Anwesenden gering, oder, wahrscheinlicher, die Zuhörer hatten Mühe, seinem stakkatoartigen Vortrag zu folgen und viele – äußerlich - brillante Pointen sind untergegangen.)
Auch ich habe jedenfalls diese Fassaden-Dimension seines Vortrages durchaus genossen. Doch vernebelt sie mir nicht den kritischen Verstand: Ich verwechsele die Verpackung nicht mit dem Inhalt. Und ich höre Kralls Worte eben auch mit dem aus zahlreichen Debatten mit libertär-„österreichischen“ Zeitgenossen entstandenen Hintergrundwissen um die inneren Widersprüchlichkeiten dieser „Schule“ und um Wortbedeutungen, die vom gängigen Sprachgebrauch abweichen.
 
 
 
Krall will (20:56 ff) „ .. eine kleine Bestandsaufnahme machen. Nicht im Stil von Buchhaltern, sondern mit der Sprachgewalt und mit der Frechheit und mit dem Humor, welchen die Sozialisten, diese Propheten der Freudlosigkeit, so sehr hassen, dass sie uns am liebsten nicht nur das Rückgrat, sondern auch gleich das Zwerchfell operativ entfernen lassen würden.
Und das (21:17 ff) „… in zwei Schritten, Diagnose und Therapie.“ Die Bürokratie habe „ihre alles erstickenden Tentakel in jeden Bereich unseres Lebens so tief reingesteckt, dass man schon von sexueller Belästigung sprechen“ müsse. In diesem Duktus geht es dann weiter bis zum Lösungsvorschlag (22:15 ff):
Da ich mit Roland Baader die Liebe zu Spanien, meiner Wahlheimat teile, sage ich, nach der baldigen Wende machen wir mit diesem Tintenfisch das einzig Sinnvolle: Pulpo nach galizischer Art, klein gehackt in leicht konsumierbare und gut verdauliche Stücke und spülen das Ganze mit einer guten Flasche spanischen Rioja herunter.
 
 
Die zweite Diagnose beginnt mit einem „kurzen Blick auf die Wirtschaftspolitik.“ Hier kritisiert er (22:58 fff.), dass „in dieser früheren Bastion der Marktwirtschaft, dem in lichteren Zeiten von Ludwig Erhard geführten Ministerium“ „keine Wirtschaftspolitik mehr“ stattfinde, „sondern stattdessen Industriepolitik à la Francaise“. Diese Kritik ist, von Krall kommend, insofern unverständlich, als doch seiner Meinung nach die vom Staat ungegängelte Privatwirtschaft alles bestens erledigt: Wozu braucht man dann überhaupt noch „Wirtschaftspolitik“ und worin soll die bestehen?
Und dort zeigt sich: Die Negativauswahl der politischen Klasse manifestiert sich nirgendwo so gnadenlos, wie in der Wirtschaftspolitik unserer Mächtigen.“ Worin sich das zeigen soll: Man weiß es nicht. Ob Krall selber insoweit ganz konkrete Punkte im Visier hat, darf man bezweifeln.


(23:21) „Die adverse Selektion der Inkompetenten und Rückgratlosen hat mittlerweile eine Wagenburg gebaut, die Reihen fest geschlossen, das Niveau so tief, dass ein Mensch bei Verstand den Grad an Debilität nicht mehr heucheln kann, der notwendig wäre, um nicht sofort aufzufallen und von der Armee der Berliner hinauskomplimentiert zu werden.“ Diese von den Hörern mit Applaus aufgenommene Feststellung ist zwar wiederum äußerst „süffig“ formuliert. Aber zugleich ersetzt die Polemik jedweden Inhalt. Man kann ein System ablehnen, auch ohne dessen Akteure zu rückgratlosen „Demenzzombies“ zu erklären. Doch geht es Krall hier wie insgesamt in seiner Rede nicht um Analyse, sondern darum, die Zustimmung seines Publikums zu erhaschen, indem er es mit genau jenem intellektuellen Schnellfutter abfüttert, das dieses Publikum erwartet. Er will kein Wissen verbreiten, sondern die Spießbürger in einem Zustand des erbaulichen Behagens einlullen. Um selbigem zu frönen benötigen die Frommen imaginäre oder tatsächliche Sünder, über die sie sich moralisch erheben können. (Wobei die Frommen gar so fromm gar nicht immer sind.)
 
 
(23:47) „Die Politik in Deutschland ist der einzige Ort, an dem die Schulversager, Berufsversager, Arbeitsverweigerer, kurz: die Kevins und Roberts dieser Welt, ihr Auskommen ohne jede Leistung finden. Sie müssen, ja, sie dürfen diese Leistung nicht einmal vortäuschen, denn das würde sie in den Augen der anderen, die in der Politik die Mehrheit stellen, verdächtig machen.
Als AfDler bin ich weiß Gott kein Fan des Angela-Schurkel-Regimes und der Blockparteien und ganz sicher nicht von Kevin Kühnert (SPD) oder Robert Habeck (Grüne). Aber jenseits der inhaltlichen Dimension (bei der natürlich auch nicht alles falsch oder schlecht ist, was die Regierung tut oder die Blockparteien sagen) denke ich schon, dass man einige Arbeit (also von - subjektiver - „Leistung“) investieren muss, um sich in der Politik überhaupt und insbesondere auf einem der vorderen Plätze zu behaupten. Auch ich rede durchaus polemisch über die politischen Gegner. Aber dieses allgemeine Gelüll von Krall ist ein weiterer unreflektierter Griff in die Stereotypenkiste und verrät mir, dass er keinerlei Verständnis von realer Politik hat. Auch hier sucht er die unio mystica mit seinen Zuhörern und plappert der kindischen Volksmeinung nach, die Politiker seien sämtlich Idioten und besser machen könne es doch eigentlich jedes Kind.
 
 
(24:14) „… Die Schulen bereiten unsere Kinder nicht mehr auf das Leben vor, sondern auf den Unterbietungswettbewerb des Big Brother Containers und des parteipolitischen Promi-Dschungelcamps.
Das ist mit Sicherheit Quatsch, auch wenn es anscheinend Tendenzen gibt, die Standards abzusenken, um (noch) mehr Abiturienten den Zugang zu den Universitäten zu ermöglichen.
 
 
(24:29) „Immer mehr unserer Schulen sehen aus wie einem amerikanischen Ghetto-Movie der 70er Jahre entsprungen. Die Toiletten für Mädchen und Jungen sind mehr oder weniger nur benutzbar, wenn man seinen Ekelreflex unterdrücken kann. Aber Geld für eine Toilette für das nur in der Fantasie vorhandene dritte Geschlecht in den Schulen ist da. Zu diesem Wahn sage ich: Es gibt ein Recht auf Geisteskrankheit!
Der Zustand der Schultoiletten sagt nichts über das aus, was im Unterricht gelehrt wird. Und Toiletten für das „dritte Geschlecht“ mag es in bestimmten Bezirken Berlins geben; auf ganz Deutschland übergegriffen hat dieser (tatsächliche) Wahn zum Glück (noch?) nicht.
 
 
(24:50) „Der Lehrkörper besteht zu einem immer größeren Teil aus Alt-68er-Zauseln und der nächsten Generation des Bildungsabstiegs, der ihnen nachgefolgt ist. In einigen Berliner Schulen, so habe ich gehört, zog im letzten Jahr der Direktor am Freitag von Klasse zu Klasse, um die Schüler zu Gretels Schulschwänzparty zu schicken.
Die „68er-Zausel“ (zu denen, rein generationsmäßig betrachtet, auch ich gehöre) sind längst aus dem Schuldienst ausgeschieden. Und wie der von Krall diagnostizierte Bildungsabstieg mit den Erfolgen Deutschlands im weltweiten Wirtschaftswettbewerb zusammenzubringen ist: Darüber macht er sich offensichtlich keinerlei Gedanken. Er versucht noch nicht einmal, Kausalzusammenhänge zwischen dem angeblichen Bildungsabstieg und dem von ihm kritisierten Übermaß an staatlicher Regulierung zu ziehen und zu beweisen, weshalb und wie der von ihm geforderte Minimalstaat es besser machen würde. (Bzw. die Privaten, die auch diesen Sektor übernehmen sollen.) Ganz im Gegenteil weist er in seinem Nachtwächterstaat den Bundesländern sogar „die Festlegung von Mindeststandards im Bildungswesen“ (51:33 ff.) bei der Ausbildung zu. (Warum übrigens nicht auf Bundesebene? Würde schließlich zahlreiche Bürokraten überflüssig machen?)
Außerdem ist diese Aussage eine dümmlich-arrogante Unverschämtheit gegenüber den heutigen Lehrern, die sich aufreiben zwischen den Mühlsteinen der Kultusbürokratie, zu integrierenden fremdkulturellen Schülern und zu inkludierenden Behinderten. Diese Lehrer tragen VERANTWORTUNG für die ihnen anvertrauten jungen Menschen – und damit zugleich für unsere Zukunft als Gesellschaft. Krall trägt Goldsäcke, gewissermaßen. Die zu haben, ist schön; aber eine (Aus-)Bildung zu haben, ist um Potenzen wichtiger. Gleichwohl bin ich überzeugt, dass Krall sich als jener Atlas fühlt, der nach der griechischen Mythologie das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trägt: Ist er denn nicht derjenige, der es seinen Kunden ermöglicht, ihr Geld inflationssicher anzulegen? Dass Gold als Zahlungsmittel ein „barbarisches Relikt“ ist (Keynes), dass seine Haltung keinerlei Zinsen einbringt, die „Investition“ in Gold keinen Nutzen für die Gesellschaft, dass für die Haltung Kosten anfallen und dass schließlich auch der Goldkurs (teils heftig) schwankt: Geschenkt! Für Kralls Mammoniten-Gemeinde alles keine Argumente. Denen geht es ausschließlich ums Geld, und um das Ersinnen von Schlichen und Kniffen, wie man möglichst viel davon erraffen kann. Das Wort „Leistung“ ist ein bloßes Feigenblatt; „Leistungsträger“ ist für Krall, wer Geld hat – und sei es ihm von Ur-Ur-Ur-Ahnen in den Schoß gefallen.
Es ist eine Frechheit, wenn solche Gestalten mit primitiven Klischees Beifall erheischen. Aber Lehrer sind natürlich nicht unter der Krall-Kundschaft; von daher kann er unbesorgt gegen diese WAHREN Leistungsträger hetzen.
 
 
(26.30): „In den Schulen wird keine Bildung mehr vermittelt, sondern Ideologie indoktriniert. Die Schulfächer heißen Genderismus, Klimasozialismus und Ökologismus.
Ich selber habe kaum Kenntnisse über die Inhalte des heutigen Schulwesens. Und glaube allerdings auch nicht, dass Krall insoweit wirklich tiefe Einsichten halt. Der erste Satz ist nach dem Muster „Früher war alles besser“ moduliert. Tatsächlich haben aber sicherlich zu ALLEN Zeiten die Schulen neben Wissen auch Werte vermittelt – und natürlich diejenigen, die zu ihrer jeweiligen Zeit die herrschenden waren. Im Kaiserreich, in der Nazizeit, in der DDR – und selbstverständlich auch in unserer Demokratie. Gerade in der Krallokratie wäre die Schule mit Sicherheit ein zentrales Wirkungsfeld der libertären Ideologie: DIE ist tatsächlich eine Ideologie; die Demokratie nicht.
Allerdings geht es für Krall bei dem, was er als derzeit gelehrte Ideologie versteht, (nur) um „Genderismus, Klimasozialismus und Ökologismus“. Gut möglich, dass auch diese Themenfelder hier und da im Unterricht behandelt werden. Insbesondere für den anthropogenen Klimawandel und die Einflüsse der Menschen auf die Umwelt könnte ich mir das durchaus vorstellen (beim Genderismus weniger). Dass das allerdings tatsächlich Schulfächer sind, glaube ich Krall nicht. Und auch nicht, dass die einen so breiten Raum einnehmen, dass die eigentlichen Fächer nicht mehr gelehrt werden. Auch hier erhascht er offensichtlich mit falschen Klischees den Beifall seiner Zuhörer.
 
Die anschließende Darstellung „Und wie tief die Genderismus-Logik Menschenverstand und Wissenschaft mittlerweile hinab zieht, möchte ich kurz anhand eines Vortrags an einem Seminar der Universität Köln demonstrieren …. “ beleuchtet, ebenso amüsant wie erschreckend, einen in der Tat krassen Sachverhalt und macht seine anschließende rhetorische Frage (27:51) absolut nachvollziehbar: „Kurz, da frage ich mich: Schüttet man an den Universitäten was ins Trinkwasser?“. Nur hat dieser Vorfall weder mit den Schulen zu tun, noch mit Kralls Minimalstaats-Vision.
 
 
(28:01) „Lassen sie mich zum nächsten Desasterfeld kommen, dem im vollen Gange befindlichen Angriff auf den Rechtsstaat. ….. Wir erleben seine Aushöhlung täglich und das Tempo steigert sich, weil man eine vermeintliche Moral, die nur eine sozialistische Beraubungsmoral ist, über das Recht stellt.
Auch ich bin nicht glücklich darüber, dass die Rechtsbrüche der Schurkel-Regierung bei der illegalen Massenimmiggression ungesühnt bleiben, oder wie das Bundesverfassungsgericht uns Bürger mit seiner „Recht“sprechung in Sachen Eurozonen-Bailout regelrecht an der Nase herumgeführt hat. Aber auch hier übertreibt Krall gewaltig, zumal wenn man die Lage in Deutschland mit den zahlreichen Angriffen der Trump-Administration auf Administration und Rechtsprechung in den USA vergleicht. Seine pathetische Formulierung (29:41) „Aber es gilt der Satz des heiligen Augustinus von Hippo: Nehmt vom Staat das Recht weg, was bleibt dann, als eine große Räuberbande?“ kann mich insofern wenig überzeugen, als Krall selber vom Staat das Recht wegnehmen will – d. h. jenen Teil, der nicht den Reichen nützt, sondern die Schwachen schützt: (47:54) „Ihre [der Justiz] Hauptaufgabe ist nicht das Miet- oder das Arbeitsrecht, sondern die Sicherung der Vertragsfreiheit und die Durchsetzung von Verträgen, sowie der Schutz der Menschen vor Verbrechen.
 
 
(29:57) „Keine Auflistung des gesellschaftlich-wirtschaftlich-politischen Desasters unseres Kontinentes wäre natürlich komplett ohne die Erwähnung der feministisch-lagardistischen Geldpolitik.
Was an der Geldpolitik der EZB „feministisch“ sein soll, erschließt sich mir nicht. Aber insgesamt teile ich seine Kritik (30:18) durchaus:
Die EZB steht über jedem nationalen Recht, obwohl das so nie abgemacht war. Sie ist eine Schattenregierung, die sich allzuständig erklärt hat. Sie ist zuständig fürs Klima, sie ist zuständig für Corona.“
 
Bei Krall geht es allerdings nicht wirklich (nur) um die EZB; er hasst jede Zentralbank, weil er das Fiatgeld hasst. Bezüglich des EuGH gebe ich ihm allerdings Recht; nur muss ich die einschlägige Passage insgesamt wiedergeben, weil der Zusammenhang rund um die von Krall kritisierte „monetäre Matrix“ sonst unverständlich wäre:
(30:28) „Ihr [der EZB] willfähriger Helfershelfer, der Europäische Gerichtshof, der nicht dem Recht dient, sondern der immer tieferen Union, kennt nicht einmal das Konzept der Befangenheit. So kommt es, dass Richter dort richten, deren Heimatländer ohne die Beraubung durch die monetäre Matrix sofort Konkurs anmelden und sich reformieren müssten.“
Auf welche Weise irgendeine „monetäre Matrix“ die (wie ich sie nenne) „Schlender-Länder“ berauben könnte, erschließt sich mir nicht. Der Begriff „Matrix“ bezieht sich vielleicht auf die Filmserie unter diesem Namen. Ich kenne sie nicht und weiß nicht genau, welche Bezüge Krall damit herstellen will. Bei min 42:32 spricht Krall von „Matrix des Fiatgeldes, das die Bürger zu Sklaven macht“. „Fiatgeld“ ist für Gold-Dealer seiner Sorte der innerweltliche Satan schlechthin. Aber ausgeraubt werden im Euro-System ganz sicher nicht die PIGS (oder PIIGS), wie die Schlender-Länder zu Zeiten der Staatsschuldenkrise genannt wurden. Sondern die SOLIDEN Länder, darunter an erster Stelle natürlich Deutschland.
 
 
 
(30:59; meine Hervorhebungen) „Dieses Land und dieser Kontinent stehen vor dem Umbruch. Die Leistungsträger müssen nach dem Vorbild des Werkes „Der Streik“, unter uns Österreichern besser bekannt unter dem englischen Originaltitel „Atlas Shrugged“, erkennen, dass sie die ausgebeutete Arbeiterklasse des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind, für die gilt: ‚Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will‘!
Hier enthüllt Krall den Hintergrund seiner simplen Gesellschaftssicht: Es ist die radikallibertäre „Philosophie“ der aus der Sowjetunion emigrierten Alissa Sinowjewna Rosenbaum, die sich in den USA den Schriftstellernamen „Ayn Rand“ zulegte, unter welchem sie heute allgemein bekannt ist.
Mir persönlich war Ayn Rand schon Anfang der 70er Jahre zum ersten Male „begegnet“. Damals war ich freier Busreiseleiter für meist US-amerikanische Touristen. Eine dieser Gruppen war ein College Choir aus Kentucky. Irgendwie kam ich mit einer der Studentinnen in ein Gespräch über Philosophie. Wahrscheinlich habe ich ihr was von Oswald Spengler vorgeschwärmt; sie aber empfahl mir als wegweisendes philosophisches Werk eben jenen Atlas, der mit den Schultern zuckte. (Sie gehörte also wohl zu denjenigen “… young recruits who were once the backbone of the Rand insurgency.” Und die sich dort heute rarmachen, weil das Meinungspendel in den USA wieder in Richtung Sozialstaat oder gar Sozialismus ausschlägt.) Der Wikipedia-Eintrag zum Roman „Atlas shrugged“ (auf Deutsch in verschiedenen Übersetzungen erschienen: „Atlas wirft die Welt ab“, „Wer ist John Galt“ und 2012 mit dem von Krall zitierten Titel „Der Streik“?) erläutert den Hintergrund wie folgt: „Der Titel, wörtlich übersetzt ‚Atlas zuckte mit den Schultern‘, ist eine Anspielung auf den mythischen Titanen Atlas, der das Himmelsgewölbe auf den Schultern trägt – Rand stellt hier die Frage, was passieren würde, wenn die „tragenden“ Menschen der Gesellschaft plötzlich verschwinden würden.
Irgendwann habe ich mir das Buch dann auch gekauft. Vermutlich eine gekürzte Ausgabe, denn 1.096 S., wie die vollständige Ausgabe, hatte es nicht. Vermutlich fliegt es noch heute irgendwo in meinen Bücherbeständen herum; gelesen habe ich es allerdings nie. Nur angelesen: Und dann erschien es mir dermaßen banal, dass ich nicht verstanden habe (und bis heute nicht verstehe), wie man ein solches Werk als „Philosophie“ bezeichnen kann. Andererseits ist heute ja alles „Philosophie“: Unternehmens“philosophie“, Lebens“philosophie“ usw.
Den Inhalt des Buches fasst die NZZ in einem Satz zusammen: „In ihrem Roman geht es in dramatischer Weise um schöpferische und schaffenswillige Helden, die von faulen Nutzniessern, salopp: vom Wohlfahrtsstaat, missbraucht werden, bis sie nach und nach verschwinden, gewissermassen individuell in Streik treten.“ Und bewertet die Botschaft so: „Ayn Rands Roman ist das Hohelied auf den Individualismus schlechthin, wird aber nach wie vor oft als Empfehlung eines rücksichtslosen Egoismus missinterpretiert.“ Da bin ich mir nicht so sicher, ob sich tatsächlich guter und böser Egoismus so einfach unterscheiden lassen – in ihrem Buch (bzw. ihrem Gesamtwerk) wie im Leben. Wenn die Libertären a priori unterstellen, dass jedwedes Handeln für den ‚Eigennutzen‘ automatisch dem ‚Gemeinnutzen‘ zugutekommt, dann hat man Probleme damit, überhaupt einen „schlechten“ Egoismus zu identifizieren oder zuzugeben. Und wenn man umgekehrt einräumt, dass es sowohl „guten“ als auch „schlechten“ Egoismus geben kann, dann bringt man die Fundamente des Libertarismus ins Rutschen. Dass das durchaus auch im Denken von Ayn Rand „kippt“, zeigt die Philosophin Skye C. Cleary in ihrem Artikel „Philosophy shrugged: ignoring Ayn Rand won’t make her go away“ am Beispiel einer Vergewaltigungsszene in Ayn Rands Buch „Fountainhead“ (1943):
Might makes right and, as Roark [der Vergewaltiger] states earlier in the novel, the point isn’t who is going to let him do whatever he wants: ‘The point is, who will stop me?’ Rand’s championing of selfishness, and her callousness to the unfortunate, finds echoes in contemporary politics. It would not be stretching a point to say that her philosophy has encouraged some politicians to ignore and blame the poor and powerless for their condition.
Auch auf der persönlich-psychologischen Ebene zeigte Ayn Rand ein recht beunruhigendes Interesse, wenn nicht gar Verständnis, für abweichendes Verhalten von gesellschaftlichen Normen. Und zwar nicht für ein alle überragendes Genie, sondern für einen extrem widerlichen Sexualverbrecher (vgl. auch hier).
 
Aber von solchen Feinheiten abgesehen und zurück zur Frage, ob Ayn Rands Ansicht überhaupt in die Kategorie „Philosophie“ einzureichen sind: Die ist ebenso „philosophisch“ wie beispielsweise Max Stirner („Der Einzige und sein Eigentum“). Mit Textbausteinen aus der Philosophiegeschichte und dem Begriff des „Objektivismus“ kleistert sich Ayn Rand eine Gedankenwelt zusammen, die sie selber zweifellos als geistige Riesenleistung eines philosophischen Atlas ansieht. Die aber an Originalität sogar noch hinter Stirner zurückstehen dürfte. Her philosophy is a vulgarized cross between Adam Smith and Friedrich Nietzsche, a flat Enlightenment rationalism aspiring to an ethic of heroismurteilte der Soziologe Peter L. Berger 1986. Der Konservative Whittaker Chambers ätzte: “….. the author has, with vast effort, contrived a simple materialist system, one, intellectually, at about the stage of the oxcart, though without mastering the principle of the wheel.
 
Als Lebensphilosophie mag ihre Weltanschauung taugen: Für Besitzende, für Menschen mit Ellenbogen und für die Sykophanten der Kapitalinteressen, die sich selber schon dadurch am Reichtum anderer beteiligt glauben, dass sie ideologisch für deren (tatsächliche oder vermeintliche) Interessen kämpfen. (Also gewissermaßen für die heutigen männlichen Äquivalente der einstmaligen weiblichen Hedwig-Courths-Mahler-Fangemeinde.)
In den Reihen der „zünftigen“ Philosophen wurde sie zu Recht kaum rezipiert und nicht ernst genommen: „Philosophers love to hate Ayn Rand. It’s trendy to scoff at any mention of her. ….. Many propose that she’s not a philosopher at all and should not be taken seriously” erfährt der Leser in diesem Artikel vom Juni 2018.
Zutreffend ist allerdings auch die gleich anschließende Feststellung der Artikelverfasserin: „The problem is that people are taking her seriously. In some cases, very seriously.“ Nur erhebt selbst eine breite Rezeption ihrer Anschauungen diese noch nicht zu dem, was Philosophie ausmacht. Für mich ist Philosophie eine intellektuell anspruchsvolle Weltsicht, mit der man „ringen“ muss, die man annehmen oder ablehnen kann, die ihren Lesern aber auf jeden Fall viel „Food for thought“ offerieren und Nüsse zu knacken geben muss. Nach allem, was ich über den „Objektivismus“ weiß, ist das nicht der Fall – auch wenn die Stanford Encyclopaedia of Philosophy Ayn Rand einen langen Eintrag widmet (der mir merkwürdig flach und wenig kritisch vorkommt).
In Harvard, wo sie ihre Ideen mal vortragen durfte, lehnte man ihre „Philosophie“ ab. Weil sie die dort geäußerte Kritik nicht ertragen konnte, verkroch sie sich in der Filterblase ihrer Jüngerschaft. Dennoch hat sie unter der Kritik der Fachwelt gelitten: „When the culmination of her life's work was greeted with derision by the educational establishment, she lost much of her energy and curiosity. In many ways, she became a very ordinary personurteilt eine Biographin.
Im Kreise ihrer Gefolgschaft jedoch war ihre Dominanz durch strenge Regeln abgesichert: “1) Ayn Rand is the greatest human being who has ever lived, and 2) her novel Atlas Shrugged is the greatest human achievement in the history of the world.
 
Wo man versucht hat, libertäre Ideen umzusetzen, war das Ergebnis kontraproduktiv.
Doch bin ich mir sicher, dass die Fans des Libertarismus auf solche Fakten die gleiche Antwort parat haben, mit der sich auch Marxisten über das Versagen ihrer Systeme hinwegtrösten: Das war halt nicht der RICHTIGE Kommunismus (das RICHTIGE Libertariat).
 
Der bereits oben erwähnte Konservative (und vorher langjährige Kommunist: er muss es also wissen!) Whittaker Chambers macht auf die totalitären Konsequenzen des Denken von Ayn Rand aufmerksam:
“..…  when a system of materialist ideas presumes to give positive answers to real problems of our real life, ….. mischief starts. In an age like ours, in which a highly complex technological society is everywhere in a high state of instability, such answers, however philosophic, translate quickly into political realities. And in the degree to which problems of complexity and instability are most bewildering to masses of men, a temptation sets in to let some species of Big Brother solve and supervise them.
Und weiter:
When she calls “productive achievement” man’s “noblest activity,” she means, almost exclusively, technological achievement, supervised by such a managerial political bureau. She might object that she means much, much more; …... But, in sum, that is just what she means. For that is what, in reality, it works out to. And in reality, too, by contrast with fiction, this can only head into a dictatorship, however benign, living and acting beyond good and evil, a law unto itself (as Miss Rand believes it should be), and feeling any restraint on itself as, in practice, criminal, and, in morals, vicious — as Miss Rand clearly feels it to be. Of course, Miss Rand nowhere calls for a dictatorship. I take her to be calling for an aristocracy of talents. We cannot labor here why, in the modern world, the pre-conditions for aristocracy, an organic growth, no longer exist, so that impulse toward aristocracy always emerges now in the form of dictatorship.”
Das ist eine faire Beschreibung – und die trifft, unabhängig davon, wo er seine eigene Position im Verhältnis zum „Objektivismus“ versteht, noch weitaus mehr auf die Krallokratie zu.
 
 
 
Krall verkündet (37:11):
Meritokratie, also die Herrschaft der Verdienstvollen, ist das große Zauberwort.
Und bastelt sich seine ideale Staatsform mit beschränktem Wahlrecht zusammen:
(37:29) „Unser gegenwärtiges Wahlrecht ….. ist die Manifestation des Satzes, dass vier Wölfe und ein Schaf darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt. ….. (37:38) „Diese Einsicht führt uns zum ersten Element eines freiheitlichen Utopia: Es wählt, wer beiträgt, nicht wer entnimmt. Und das bedeutet, das Wahlvolk ….. besteht aus denen, die keine Transfers des Staates in Anspruch nehmen, weder in Form von Sozialtransfers noch von Subventionen. Wer von anderer Leute Fleiß und Mühe lebt, ist unmündig, und wer unmündig ist, wählt nicht.
Die Story von der Meritokratie ist blanker Schwindel. Krall selber ist seine Lüge aber wohl nicht einmal bewusst. An einem selbstkritischen Durcharbeiten seiner schlichten Gesellschaftssicht ist er nicht interessiert – und dazu wohl auch nicht befähigt. Tatsächlich aber besteht bei ihm das „Verdienst“, das zum Wählen berechtigt, einzig und allein darin, Geld zu haben. Wer mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde ist in der Krallokratie auch dann ein „Leistungsträger“, wenn er den ganzen Tag auf seiner Südseeinsel herumliegt und sich hübsche Frauen (oder, bei entsprechend devianter Präferenz, Kinder) einfliegen lässt. Ein Schmarotzer, und folglich ohne Wahlrecht, wäre dagegen in Kralls schöner neuen Werte-Welt der Student, der mit einem Staatsstipendium büffelt: Weil er den Besitzenden auf der Tasche liegt.
Wenn es Krall ernst wäre mit seiner pathetischen Phrase „Wer von anderer Leute Fleiß und Mühe lebt, ist unmündig“, dann würde er sämtlichen reichen Erben das Wahlrecht entziehen. Aber die leben, in der Vorstellungswelt von Krall und den Libertären, tatsächlich von EIGENEN Fleiß und eigener Mühe: Die Arbeit, ihr Geld renditeträchtig anzulegen, macht sie zu den wahren Helden des Fortschritts. Und das selbst dann, wenn sie auch diese Arbeit an Angestellte delegieren. Denn schließlich erlauben sie den Arbeitssklaven ja, mit ihrem Geld zu wirtschaften. Und dafür hat ihnen der Pöbel gefälligst dankbar zu sein.
Welche weiteren Stellschrauben Krall, bewusst oder nicht, in sein Politsystem eingebaut hat, um den Reichen die absolute Macht zu sichern, also eine Plutokratie zu installieren, werden wir unten noch sehen.
Theoretisch sind zwar auch diejenigen Besitzenden vom Wahlrecht ausgenommen, die etwa für ihre Unternehmen Subventionen erhalten. Das ist jedoch blanke Augenwischerei: Kralls anorexischer Staatshaushalt lässt Subventionen überhaupt nicht zu. Und wenn doch welche fließen, wird man sie als Dienstleistungen für den Staat (z. B. Waffenentwicklung usw.) deklarieren (was sie u. U. ja auch sind).
In Wahrheit geht es ihm also einzig und allein darum, die ‚unnützen Esser‘ von jenen Früchten fernzuhalten, deren Saat sie zwar u. U. selber (früher) mitgesät haben; deren Genuss die antisoziale Kleptokraten-Clique von Krall & Co. jedoch einzig und allein sich selber gönnen möchte. Zwar wird diese Form von Kleptokratie mit dem Begriff „Markt“ verschleiert; doch beruht auch sie letztlich auf staatlichem Zwang, denn sowohl bei Ayn Rand wie bei Dr. Markus Krall soll ein Minimalstaat das Eigentum schützen. Dafür, dass er den beati possidentes eine ungehinderte Ausbeutung der Habenichtse ermöglicht, ist er ihnen dann doch wieder lieb und teuer. (Auf Ausbeutung versteht sich selbstverständlich auch das Ayn Rand Institute, welches seine Zeloten bei einem Kongress nach allen Regeln der Kunst schröpfte: “The event organizers were exploiting young adherents of Objectivism as any number of Rand’s fictional mouthpieces treated the contemptible untermenschen doomed to toil anonymously in the shadows of history’s Great Men.” Herrenmenschen unter sich halt ….. .)
 
 
 
Bei Ayn Rand wird für gewöhnlich eine „Zweiteilung der Menschheit“ diagnostiziert: in „schaffende und konsumierende Individuen“, meint die FAZ; im Wikipedia-Eintrag heißt es insoweit: „Rand zieht einen scharfen Kontrast zwischen den aufbauend ‚Schaffenden‘ und den zerstörerischen ‚Plünderern‘.“ Auch hier ist von einer „bifurcated class analysis“ die Rede. Diese vordergründig binäre Gesellschaftseinteilung blendet jedoch zwei soziale Gruppen komplett aus:
  • Die ganz normalen ‚Arbeitsameisen‘ und
  • Diejenigen, die einfach nur reich sind, ohne als Unternehmer usw. aktiv (gewesen) zu sein.
Durchdenkt man ihre sozioökonomische „Vision“ konsequent (wie sie gedacht ist und wie sie sich voraussichtlich entwickeln würde), dann kommt man zu dem Schluss, dass es in ihrer Welt eigentlich DREI gesellschaftliche ‚Klassen‘ gibt:
1.     Die (Hoch-)Leistungsträger (Genies usw.). Zu dieser Gruppe kämen in der Realität still und leise die Besitzenden hinzu. (Wenn Sie es nicht schon in Rands Vorstellung sind; aber um das zu beurteilen, müsste ich mit ihrem Werk, ihren Briefen und Tagebüchern vertraut sein.)
2.     Die Arbeitssklaven, die von den großen Führern aus der 1. Klasse angeleitet, zur Arbeit angehalten und vermutlich mit möglichst wenig Lohn abgespeist werden. Denn ohne die Erstklassigen wären sie, nach Rands Meinung, ja komplett wertlos.
3.     Und schließlich sind da noch die Transferempfänger (jedenfalls in einem Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung, der aber zu nicht geringen Teilen auch in den USA existiert – und sogar von Ayn Rand selber in Anspruch genommen wurde). Die sind, auch wenn Ayn Rand das anscheinend nicht in Form einer 3-Klassen-Gesellschaft thematisiert, in ihrer sozialen Hierarchie die Parasiten. Da sie auch private ‚Sozialleistungen‘ weitestgehend ablehnt (allenfalls unter Freunden akzeptiert sie solche), und staatliche Armenhilfe sowieso, läuft es rein logisch letztlich darauf hinaus, dass man diese Schmarotzerklasse – man könnte auch sagen: diese Unter-Menschen – verrecken lässt. Gegensätze berühren sich manchmal; so in diesem Falle der Randsche Radikal-Libertarismus mit dem Nationalsozialismus. Überlegungen zur Vernichtung von „Untermenschen“ und von „lebensunwertem Leben“ drängen sich in einer solchen Vorstellungswelt geradezu auf; zumindest gibt es dort keine grundsätzlichen Dämme mehr gegen ein derartiges Denken. (Der gemeinsame Nenner zwischen NS-Ideologie und „Randism“ dürfte der Sozialdarwinismus sein, bei den Nazis bewusst und im Vordergrund, bei Rand verschleiert und im Hintergrund stehend.)
 
Auf etwas andere Weise komme ich damit zum gleichen Ergebnis wie Whittaker Chambers, der in seiner Rezension „Big Sister Is Watching You“ von 1957 (also unmittelbar nach Erscheinen des Buches) die Sache freilich mehr sozialphilosophisch angeht:
 “… the world, as seen in materialist view from the Right, scarcely differs from the same world seen in materialist view from the Left. The question becomes chiefly: who is to run that world in whose interests, or perhaps, at best, who can run it more efficiently?
Weiterhin identifiziert er in Rands “Atlas“-Buch einen “dictatorial tone” und folgert:
„… the mind which finds this tone natural to it shares other characteristics of its type.   1) It consistently mistakes raw force for strength, and the rawer the force, the more reverent the posture of the mind before it.   2) It supposes itself to be the bringer of a final revelation. Therefore, resistance to the Message cannot be tolerated  ….. .
Wohin solche Einstellungen letztlich führen können, beschreibt Chambers mit einem drastischen Vergleich (meine Hervorhebung):
Dissent from revelation so final (because, the author would say, so reasonable) can only be willfully wicked. There are ways of dealing with such wickedness, and, in fact, right reason itself enjoins them. From almost any page of Atlas Shrugged, a voice can be heard, from painful necessity, commanding: ‘To a gas chamber — go’!
 
Das alles geht natürlich weit über Krall hinaus, der den Sozialstaat nicht gänzlich abschaffen will, sondern ‚nur‘ auf eine Armenfürsorge wie im 19. Jahrhundert reduzieren (dazu unten mehr).
Dennoch darf man, was Masha Gessen in einem Artikel vom Juni 2019 über das Verhältnis zahlreicher Figuren der Trump-Administration zu Ayn Rand formulierte, auch auf Dr. Markus Krall ummünzen:
Their version of Randism is stripped of all the elements that might account for my inability to throw out those books: the pretense of intellectualism, the militant atheism, and the explicit advocacy of sexual freedom. From all that Rand offered, these men have taken only the worst: the cruelty. They are not even optimistic. They are just plain mean.
Auch Krall ist “just plain mean“: Er will die Reichen reicher und die Armen nicht nur ärmer machen, sondern sogar politisch entrechten. Und lügt zu diesem Zwecke dem einfältigen Volk vor, dass er eine „Meritokratie“ einführen wolle.
 
Freilich beweist der Umstand, dass sich Krall auf Ayn Rand beruft (und weitgehend sogar mit ihr übereinstimmt), keineswegs eine völlige Identität seiner Ansichten mit denen der ultralibertären Vordenkerin. Wie ich eingangs bereits geschrieben hatte, gibt es bei den „Libertarians“, genau wie bei anderen weltlichen Ideologien und religiösen Sekten auch, durchaus Unterschiede und natürlich auch Auseinandersetzungen. Den Kultcharakter der Bewegung, die sich in den 60er Jahren um Ayn Rand gebildet hatte, kritisierte sogar der Libertäre Murray Rothbard “The Sociology of the Ayn Rand Cult” (1972; zum Kultartigen ihrer Bewegung vgl. auch diesen Artikel von Jonathan Chait aus dem Jahr 2009). Ayn Rand distanzierte sich zwar von den Libertären: „she dismissed us [libertarians] as ‚hippies of the right‘ (pronounced ‚ippes of de racht‘)“ schreibt dieser Autor. Das ändert freilich nichts daran, dass ihre Position objektiv innerhalb dieser Ideologie zu verorten ist.
Aber genau wie Ayn Rands Ideologie gleichzeitig Ausfluss ihres extremen Narzissmus und Egoismus war und andererseits zu dessen Rechtfertigung diente („Rand, whose intellectual adjudications ….. eerily tracked her self-interest“), will auch die Krallokratie einer verschärften Bereicherung der Reichen dienen. Oder präziser: Einer Bereicherung derjenigen (noch-nicht-ganz-so-reichen) Beutegreifer, die gerne ebenso reich wie die Superreichen wären: Sie wollen, wie Jonathan Chait in einer Kritik aus dem Jahr 2009 genial enthüllt hat, die „healthcare“ [Gesundheitsfürsorge] abschaffen und die Staatsaufgaben auf die totale „Wealthcare“ [Reichenfürsorge] reduzieren. (Der Chait-Artikel war auch die Quelle für meine Begriffsverwendung in der Überschrift). Sie basteln sich eine diesem Zwecke dienlich erscheinende Staatsform zusammen, und das tun Krall und Kumpanen mit der gleichen intellektuellen Penetrationstiefe wie Kinder, die mit Bauklötzen hantieren.
 
 
Krall hofft, sein politisches Süppchen dank Corona-Krise kochen zu können (32:06):
Das Seigniorage-Kapital der Fiatgeldmonopolisten wird in wenigen Monaten ausgegeben sein. Alle wirtschaftlichen Indikatoren zeigen nach Süden. Im zweiten Quartal schrumpfte Deutschlands wirtschaftliche Leistung mit annualisiert 40 Prozent, und das ist erst der Anfang. ….. Um den Schaden abzuwenden, wird es leider zu spät sein. Aber es wird nicht zu spät sein, eine Wende zum Besseren zu erreichen.
Mit „Wende zum Besseren“ meint Krall (auch wenn er im Kontext lediglich von einer Wiederaufrichtung eines Europas der Vaterländer spricht) natürlich seine schöne neue Plutokraten-Welt. Ausgerechnet inmitten der Corona-Krise würde damit denjenigen, die unter ihr leiden, die staatliche Hilfe entzogen, oder zumindest das Wahlrecht (und die Hilfe auf ein reines Subsistenzniveau geschrumpft). Was die „Seigniorage“ angeht, d. h. den Gewinn des Staates aus der Geldschöpfung (historisch „Schlagschatz“ genannt), beschränkt sich dieser beim kreditgeschöpften Fiatgeld auf die Zinsen, welche die Notenbanken aus der Kreditgewährung an die Geschäftsbanken ziehen. (In der aktuellen Situation kommen die Minuszinsen hinzu, welche die Geschäftsbanken für ihre Guthaben bei der EZB bezahlen müssen.) Aber Krall glaubt offenbar, dass die gesamte (Basis-)Geldschöpfung dem Staat als Ertrag zufällt. Diesen Unsinn glauben allerdings erstaunlich viele Mainstream-Wirtschaftswissenschaftler ebenfalls.
 
 
(33:05) „Die Rückeroberung der Freiheit muss dem Diktum folgen: Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen begossen werden.
Jefferson hat das gesagt. Oder frei nach Luther: Hier stehe ich, ich kann noch ganz anders; dann helfe euch Gott! Amen.
Das sind ausgesprochen seltsame Töne.
 
 
 
(33:38) „Nur was der Einzelne nicht in freier Selbstbestimmung und im direkten Austausch mit anderen selbst regeln kann, soll dann an eine zunächst kleine überschaubare Gemeinschaft, nämlich die Kommunen, übertragen werden. Und nur was die Kommunen nicht leisten können, sollte Ländersache seien, und nur was die Länder nicht können, sollte Bundessache sein.
Die „kleine überschaubare Gemeinschaft“ ist eine der beiden zentralen, jedoch unbewussten „Hintergrundannahmen“ in den libertären Gesellschaftsvorstellungen. Libertarismus ist Dorfdenke, welche sich die reale Welt auf die Dimension eines Dorfes (genauer: eines vorneuzeitlichen Dorfes!) zurechtstutzt: Jeder kennt jeden und weiß also, wem er vertrauen kann; komplexe Probleme, die entsprechend komplexer Regelungen bedürfen, gibt es nicht. Deswegen sind für Krall auch die allermeisten Gesetze, Ämter und Bürokraten überflüssig, und reicht es aus, wenn der Bundestag 2 Monate im Jahr zusammenkommt.
Tatsächlich wäre eine Welt, in der die Anbieter ihre eigenen Regelungen machen und diese nach Belieben ändern könnten (das ist die „Vertragsfreiheit“, die Krall besonders wichtig ist – s. u.) extrem kompliziert. Im Prinzip genau wie der Kommunismus, würde auch diese Gesellschaft an der Informationsproblematik scheitern. Nur kann im Kommunismus (technisch: in der Zentralverwaltungswirtschaft) die zentrale Behörde nicht alle relevanten Daten verarbeiten: Das kann der Markt deutlich besser. Im Libertariat wäre es der Einzelne, der mit der Inflationsflut überfordert wäre: Vor jeder Transaktion müsste er sich über die Geschäftsbedingungen des Anbieters informieren, vor jeder Reise müsste er neu ausklamüsern, welche Maut für welche Route anfällt, usw..
 
Die andere stillschweigende (Fehl-)Annahme, aus der das libertäre Denken seine Rechtfertigung zieht, ist der Glaube, im Libertariat wäre ‚alles wie jetzt – nur besser‘. Oder, abstrakt gesprochen, die Annahme, dass die tiefgreifende Änderung der gesellschaftlichen Parameter zwingend zu einer besseren Gesellschaft führen müsse und keinerlei negative Folgen haben könne. Nicht anders als die Kommunisten (und wohl auch alle anderen Ideologien; teilweise übrigens auch die Wirtschaftswissenschaft) denken die Libertären in Begriffen. Ein Denken in Modellen, ein Test ihrer Annahmen durch Gedankenexperimente: Das alles ist denen fremd. Sie scheuen es wie der Teufel das Weihwasser, weil kritisches Denken Löcher in die Luftballons ihrer Illusionen piksen würde.
 
Zurück zum Krall-Text: Die Zuständigkeitsabgrenzung der unterschiedlichen staatlichen Ebenen ist in der Form, wie Krall sie hier formuliert, ausgesprochen unzweckmäßig. Sinnvoll ist es, Regelungskompetenzen nicht schematisch auf derjenigen Ebene anzusiedeln, welche eine Aufgabe ÜBERHAUPT leisten kann, also z. B. die Organisation oder die Überwachung des Schulwesens auf Länderebene. (Und warum geht Krall, im Rahmen seines Leitprinzips, bei Millionenstädten nicht sogar auf die kommunale Ebene herunter?) Effizienter wäre es dagegen, die Entscheidungskompetenz dort zu installieren, wo eine Aufgabe am besten und am effektivsten gelöst werden kann.
Warum sollen beispielsweise Lehrpläne in 16 Bundesländern jeweils eigenständig „erfunden“ werden? Würde man diese Aufgabe auf der Bundesebene ansiedeln, könnte man zahlreiche Staatsbedienstete einsparen! Noch deutlicher wird der Nachteil einer möglichst weit nach „unten“ verlagerten Regelungskompetenz bei Bauvorschriften. Deren Verlagerung auf die „hohe“ Bundesebene würde nicht nur Zahl der Bürokraten reduzieren, sondern auch die "Bürokratiekosten" für Bauherren und Bauunternehmen bei „grenzüberschreitenden“ Aktivitäten in anderen Bundesländern senken.
Hier steht die tendenzielle „Dorfdenke“ der Libertären einer möglichst effizienten Staatsorganisation entgegen. Man fühlt sich an Schildbürgerstreiche der FDP erinnert, wie der einstigen Verlagerung der Kindergeld-Auszahlung an die Unternehmen, um (vermeintlich) Bürokratie einzusparen, oder der einstigen Verpflichtung der Bundespost, bei Telefon- und Internetanschlüsse die „letzten Meter“ bis zum Haus von Privaten legen zu lassen.
Auch im AfD-Grundsatzprogramm findet sich ein ähnlicher Geniestreich (Ziff. 5.2): Die Bundesagentur für Arbeit will man auflösen und deren Aufgaben auf kommunale Jobcenter übertragen (also die historischen Entwicklung der Arbeitsvermittlung umkehren, die ihren Ursprung in großstädtischen Vermittlungsbüros z. B. für Dienstmädchen hatte).
 
 
 
(35:56) „Unser Utopia ist eine Zitadelle der Freiheit und ruht auf den fünf Säulen jeder freien Zivilisation: Individualität, Eigentum, Familie, Religion und Kultur.
Bezeichnend ist, dass Krall in seiner Auflistung die Arbeit vergisst, obwohl doch diese (als „Leistung“) angeblich ein tragendes Element seiner Gesellschaftsorganisation sein soll.
Was er an hier unter „Kultur“ versteht, ist mir unklar. Im anthropologischen Sinne IST jede Zivilisation eine „Kultur“. Meint er dagegen lediglich die Kunst, dann stellt sich die Frage, ob bzw. inwieweit diese durch den Staat gefördert werden muss: Sollen z. B. Museen und Theater aus Steuermitteln subventioniert werden?
 
Religion hat für die libertäre Ideologie den unschätzbaren Nutzen, dass sie die Idee des Eigentums dem diskursiven Zugriff entziehen kann. In gleicher Weise, wie sich früher die Feudalherrschaften als gottgegeben darstellten (und zweifellos auch selber empfanden), kann man heute die Religion dafür verwenden, das Eigentum – und dessen zeitlich unbegrenzte Weitergabe innerhalb der Familie – metaphysisch überhöhen. Unabhängig davon, ob Krall das bewusst anstrebt oder nicht: In der Tendenz läuft es darauf hinaus, das einstige „Bündnis zwischen Thron und Altar“ durch einen neuen Bund zwischen Tresor und Altar zu ersetzen.
 
Für mich erstaunlich und rätselhaft ist die hohe Affinität zwischen Libertarismus und Katholizismus. Vielleicht spielt dabei das (im gängigen Diskurs meist aus dem historischen Zusammenhang gerissene) Pauluswort eine Rolle: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“.
Krall selber ist Katholik. Roland Baader, einst der führende Libertäre in Deutschland, war lt. Frank Schäffler ein „gläubiger Katholik“. Ebenfalls katholisch sind die (tendenziell mehr oder weniger libertär orientierten) AfD-Politiker Prof. Jörg Meuthen und Beatrix von Storch. Und ich hatte, bei Facebook, die heftigsten Auseinandersetzungen mit denjenigen Libertären, die sich zugleich als gläubige Katholiken geoutet haben.
In den USA existiert eine Webseite „The Libertarian Catholic“ und eine Facebook-Seite „CatholicLibertarians“. Ebenfalls katholisch ist der führende republikanische Politiker Paul Ryan (der wegen seines Libertarismus in Konflikt mit einem katholischen Kleriker kam). Ryan beruft sich – wie auch deutsche katholische Libertäre – auf die Subsidiaritätslehre der katholischen Theologie; jedoch widersprechen ihm Theologen und Professoren einer katholischen Universität mit aller Schärfe: "….. your continuing misuse of Catholic teaching to defend a budget plan that decimates food programs for struggling families, radically weakens protections for the elderly and sick, and gives more tax breaks to the wealthiest few. ….. Subsidiarity is not a free pass to dismantle government programs and abandon the poor to their own devices. ….. In short, your budget appears to reflect the values of your favorite philosopher, Ayn Rand, rather than the Gospel of Jesus Christ."
Andererseits erfahren wir hier: „Many bishops ….. have become prominent advocates of the idea that Catholicism and libertarianism can coexist or even support each other“.
Der Bericht “The Rise of the Catholic Right. How right-wing billionaires are attempting a hostile takeover of the U.S. Catholic Church” vom März 2019 erhellt, auf welche Weise in die Besitzenden in den USA die libertäre Ideologie auch in der katholischen Kirche mit gigantischen Geldmitteln vorantreiben: “….. groups including the Napa Institute, Legatus ….. and the Acton Institute push an extreme libertarian economic agenda. Their devotion to individualism, unrestricted capitalism, and diminishment of government services, especially to the poor and marginalized, runs counter to the central tenets of Catholic social teaching.Die Soziallehren der Kirchen haben aber keinen dogmatischen Status; man kann sie also ablehnen, ohne sich „extra ecclesiam“ zu stellen. (Wie darüber am Ende der Liebe Gott urteilen wird, ist natürlich eine andere Frage. 😊)
 
 
 
Im gewisser Hinsicht widersprüchlich sind die ‚Zivilisationssäulen‘ Individualität und Familie.
Potentiell hat die Hochhaltung der Familie im libertären Diskurs eine Doppelfunktion (und in beiden Fällen zum Wohle der Besitzenden und zum Nachteil der Habenichtse):
- Allgemein wird in libertären Kreisen die Familie nicht selten als ein soziales Sicherungssystem gepriesen, mit dem Hintergedanken, staatliche Sozialleistungen abbauen zu können, indem man sie den Familien aufpackt. So hieß es z. B. in einem (von mir heftig kritisierten) Entwurf libertärer Kreise für das AfD-Grundsatzprogramm: „Die staatliche Sicherung ist für Notlagen gedacht, darf nicht überfordert werden und soll und kann die Familie als Keimzelle gesellschaftlicher Solidarität nicht ersetzen.“ (Kap. VI: „Soziale Sicherheit in Not und Alter“). Ethisch hochtrabend begründet Roland Baader seinen Angriff auf den Sozialstaat: „Wird die Abhängigkeit der Kinder und Alten, der Kranken und Behinderten vom Liebesverband und von der gewachsenen Verantwortungs- und Solidargemeinschaft der Familie auf das „kälteste aller Ungeheuer“ (Nietzsche), den Staat, übertragen, erlöschen die Lichter der Zivilisation und der Freiheit.“ Ob Krall diese Meinung teilt, weiß ich nicht. Allerdings würde der in seinem System gewollte bzw. (mangels staatlicher Mittel zwangsläufige) drastische Abbau von Sozialleistungen automatisch den Familien im Durchschnitt auf die Schultern fallen. (Ganz abgesehen davon, dass Krall auch die Ausgleichsleistungen für Familien abschaffen will; dazu unten mehr.)
- Auf der anderen Seite sorgt die Sakralisierung der Familie für die gesellschaftliche Akzeptanz einer Vermögensübertragung zwischen den Generationen, die jeglichem staatlichen Zugriff entzogen bleibt. Als Fakt ergibt sich das bereits durch den Wegfall jeglicher direkten Steuern. Indes kann es nicht schaden, diesen Zustand tief in den gesellschaftlichen Anschauungen zu verankern. Denn eigentlich widersprechen Erbschaften ja dem Leistungsprinzip, mit welchem das libertäre Denken die sozialen Ungleichheiten vordergründig rechtfertigt (vgl. z. B. Jens Beckert, „Unverdientes Vermögen: Soziologie des Erbrechts“). Doch wo die reine Lehre dem unmittelbaren eigenen Interesse entgegensteht, wird sie halt entsprechend zurechtgebogen.
Krall betrachtet „die Familie“ offenbar als eine anthropologische Konstante. Dass es himmelweite Unterschiede zwischen der Kleinfamilie gibt, die für unsere abendländische Kultur prägend ist (und die den Spielraum für „Individualität“ erweitert!), und den für rückständigere Kulturen charakteristischen Großfamilien (Clans), wird ausgeblendet. Und ebenso, dass die soziale „Auffangfunktion“ der Clans überhaupt nur dort und deshalb erforderlich ist, wo und weil der Staat weniger leistungsfähig ist. Auch hier tritt der erschreckende doppelte Atavismus des libertären Denkens zutage.
„Doppelt“ ist der libertäre Atavismus deshalb, weil er sich – in unterschiedlicher Weise - auf den Ebenen des Denkens und der Wirklichkeit bewegt: Die libertäre Ideologie legt unterschwellig längst überholte gesellschaftliche Zustände zu Grunde - und ihre Umsetzung würde eben diese wieder hervorbringen.
 
 
 
(36.10; meine Hervorhebung) „Wenn wir radikal im Sinne der fünf Säulen einer funktionierenden freien Zivilisation denken wollen, so müssen wir etliche Denkstrukturen, an die wir uns seit 100 Jahren gewöhnt haben, über Bord werfen.
Welche Vorstellung verbindet Krall mit der relativ präzisen Zeitangabe „seit 100 Jahren“? Was genau hat sich vor ungefähr 100 Jahren in Deutschland in welche Richtung verändert, und warum bewertet Krall das negativ?
Historisch geht es um den Übergang von der Kaiserzeit zur Demokratie. Auch wenn das Kaiserreich keine absolutistische Herrschaft, sondern eine „nur“ konstitutionelle Monarchie war, hatte der Kaiser doch eine relativ starke Stellung. Wahlberechtigt waren damals nur Männer ab 25 Jahren.
Mit der Einführung der Weimarer Republik wurde die Demokratisierung vorangetrieben und nicht zuletzt wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. Aufgrund seiner Äußerungen an anderer Stelle (vgl. anschließend) gehe ich davon aus, dass ihm das gar nicht gefällt. Soziale Errungenschaften (für Krall zweifellos „sozialistische Sünden“) waren zwar schon im Kaiserreich eingeführt worden (Kranken-, Renten- und Unfallversicherung). Die Weimarer Republik hat sie (1924) durch eine „Reichsfürsorgepflichtverordnung“ und (1927) durch die Arbeitslosenversicherung ergänzt. Bereits 1918 war der  8-Stunden-Tag eingeführt worden (dem ebenfalls schon im Kaiserreich Reduzierungen der Wochenarbeitszeit vorausgegangen waren). Man muss wohl davon ausgehen, dass Krall diese Demokratie als eine Pöbelherrschaft ansieht, die uns (endgültig) in den „Sozialismus“ geführt hat. (Für Libertäre ist jeder Sozialstaat „Sozialismus“.)
Dass es uns heute weitaus besser geht als zu Kaiser’s Zeiten, müsste für Krall eigentlich ein rätselhafter Betriebsunfall der Geschichte sein – ebenso wie für die „Austrians“ insgesamt die (schon viele Jahrzehnte andauernde) Nichterfüllung ihrer unstillbaren Sehnsucht nach dem ‚erlösenden‘ Zusammenbruch unseres Finanzsystems und der großen Wirtschaftskrise.
 
Bemerkenswerter Weise findet Kralls Präferenz für die Zeit um 1900 ihre Entsprechung bei Ayn Rand: „… the 1890s, which Rand insisted was the only historical period of true human flourishing.“ Der Artikelverfasser, der uns das mitteilt, weist zugleich auf die sozio-ökonomischen Zeitumstände hin: It was [in den USA] an era of unfettered capitalism — child labor, robber barons, tenements [Mietskasernen] — which she loved not in spite of those things, but because of them.
 
 
 
(36:34) „Das Wahlrecht war ….. in keiner Phase der demokratischen Entwicklung ein absolutes. Es war ein Bürgerrecht, kein Menschenrecht. Im antiken Griechenland durften nur wehrfähige Männer wählen. Das Frauenwahlrecht wurde in Europa erst im zwanzigsten Jahrhundert eingeführt: zum Glück, darf ich dazu hin[zu]fügen.
Hier kommt Krall zu seinem zentralen Anliegen, der Kastration dessen, was wir heute unter „Demokratie“ verstehen, zu einer Plutokratie, in der zwar nicht nur die Reichen wählen dürfen, aber doch alle diejenigen ausgeschlossen sind, die Hilfen des Staates in Form von Sozialleistungen oder Subventionen in Anspruch nehmen (müssen).
 
Um seinen Anschlag auf das Wahlreicht breiter Bevölkerungsschichten zu legitimieren, greift Krall in die Mottenkiste der Geschichte: mit dem Verweis auf das auf männliche Bürger beschränkte Wahlrecht im alten Griechenland, das sich selbst als demokratisch verstand und dessen reife Staatsform („attische Demokratie“) auch wir heute als „demokratisch“ bezeichnen. Krall will damit wohl „beweisen“, dass das Wahlrecht aller Bürger nicht zum „Wesen“ „der“ Demokratie gehört. Aber indem er von „Phase[n] der demokratischen Entwicklung“ spricht, widerlegt er sich im Grunde selber: Es gibt kein überzeitliches „Wesen“ von Demokratie, und warum sollten wir Heutigen in unserer ganz allgemein gegenüber der Antike weitestgehend veränderten und höherentwickelten Zivilisation uns diese Zeit zum Vorbild nehmen? So demokratisch das alte Athen im Vergleich etwa zur absoluten Monarchie der Perserkönige war, war es gleichwohl eine Sklavenhaltergesellschaft. Was wir heute allgemein abhorreszieren, scheint Krall nicht zu stören. Und tatsächlich geht seine Forderung, den ‚Schmarotzern‘ [nicht sein Ausdruck, aber offenkundig seine Meinung über alle Empfänger von Staatshilfen] das Wahlrecht zu entziehen, der Tendenz nach in diese Richtung. Wie wir später noch sehen werden, baut Krall in seine Staatsvorstellungen einige Spezialregelungen ein, die auf den ersten Blick harmlos wirken, tatsächlich aber dafür sorgen würden, dass in der Krallokratie auch unabhängig vom Wahlrecht die tatsächliche Macht bei den Reichen läge.
Beim Frauenwahlrecht spielt Krall listig mit der Sprache. Dem Wortlaut nach ist er glücklich darüber, dass das Frauenwahlrecht nicht schon früher eingeführt wurde, sondern „erst“ im 20. Jahrhundert. Auf entsprechende Vorhaltung würde er das sicherlich abstreiten und behaupten, sich über dessen ‚endlich‘ erfolgte Einführung zu freuen. Indes indizieren seine positive Bewertung der Zeiten ohne Frauenwahlrecht (antike „Demokratien“ und Kaiserzeit) wiederum das Gegenteil.
 
 
(36:49, meine Hervorhebung) „Im Deutschland von 2020 darf nicht wählen, wer kein Staatsbürger ist, wer unter 18 Jahre alt ist, wer an einer schweren psychischen Krankheit leidet, die sein Urteilsvermögen massiv behindert, oder wer eine Freiheitsstrafe verbüßt. Das Wahlrecht zu verabsolutieren heißt, seine historischen Begrenzungen zu ignorieren.“ Diese Einschränkungen waren meist, aber leider nicht immer, von der Idee getragen, dass diejenigen Entscheidungen treffen sollen, die das Gemeinwesen tragen.
Auch hier hat Krall offenkundig das antike Griechenland im Sinn. Und indem er die damaligen Wahlberechtigten, also die Stadtbürger, mit denjenigen gleichsetzt „die das Gemeinwesen tragen“, spricht er den Sklaven eben diese tragende Eigenschaft ab.
Seine Kritik, der zufolge eine Verabsolutierung des Wahlrechts dessen „historische Begrenzungen“ ignoriere, ist ein weiteres Beispiel für libertären Atavismus: Was zu irgendeiner Zeit, die der Sprecher nach seinem ideologischen Gusto festlegt, in irgendeinem Bereich Gültigkeit hatte, wird heiliggesprochen und zur ewig gültigen Wahrheit hochgejubelt.
 
 
 
37:11 „Meritokratie, also die Herrschaft der Verdienstvollen, ist das große Zauberwort. Die Gegner einer solchen Idee behaupten gerne, dies würde auf eine Wiederbelebung des Dreiklassen-Wahlrechts des neunzehnten Jahrhunderts hinauslaufen. Das ist natürlich Unsinn, denn ein Klassenwahlrecht ist genau das Gegenteil des meritokratischen Prinzips.“
Auf den ersten Satz war ich schon oben eingegangen und hatte ihn als Unwahrheit entlarvt, mit der Krall aber wohl nicht nur seine Hörer, sondern auch sich selber belügt.
Auch ist ein Klassenwahlrecht keineswegs „genau das Gegenteil des meritokratischen Prinzips“ (das wäre vielmehr die exklusive Zuerkennung des Wahlrechts an die Nicht-Leister): Es hat schlicht und einfach nichts damit zu tun.
Eben das trifft freilich auch auf Kralls Vorhaben zu, das Wahlrecht allen denjenigen wegzunehmen, die staatliche Hilfen bekommen – und es denjenigen zu belassen, die von ihrem eigenen Geld (freilich nicht unbedingt von ihrer eigenen Arbeit) leben. Denn, wie ich oben schon sagte: Es ist keine Leistung und bringt der Gesellschaft keinen Nutzen, wenn jemand mit dem goldenen Löffel im Munde geboren wurde.
Und durch einige weitere Regelungen in seinem Staatsaufbau, die in der Praxis auf eine Dominanz der (Super-)Reichen in der Politik hinauslaufen, wäre die Krallokratie sogar noch ungeschminkter eine Plutokratie, als eine „Demokratie“ mit Klassenwahlrecht.
 
 
38:07 „… jeder ist frei und aufgefordert, sich für das Wahlrecht und gegen die Unmündigkeit des transferfinanzierten Lebens zu entscheiden. Er kann das in jeder Wahlperiode aufs Neue tun, und somit bleibt das Wahlrecht auch allgemein.“
Die „Unmündigkeit“ bezieht sich auf Kralls (ausgesprochen unverschämte) Behauptung „Wer von anderer Leute Fleiß und Mühe lebt, ist unmündig, und wer unmündig ist, wählt nicht“. Die hatte ich schon oben abgehandelt; hier bleibt der Modus des ‚Selbstausschlusses‘ vom Wahlrecht zu untersuchen. Diese Option sollen die Bürger VOR Beginn einer Wahlperiode ausüben. (Vgl. dieses Interview mit Roland Tichy). Dafür müssten sie freilich Hellseher sein und z. B. im Voraus wissen, dass in einigen Jahren die „Corona-Krise“ kommen und sie als Arbeitnehmer zu „Transferempfängern“ von Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld machen wird. Offen bleibt bei Krall, was mit denjenigen passiert, die nicht schon vorab auf ihr Wahlrecht verzichtet haben, aber plötzlich und unerwartet hilfebedürftig werden: lässt der Staat die dann verhungern?
Der Tendenz nach hätte die Pflicht zur Vorab-Entscheidung über eine ungewisse Zukunft für die Krallokratie höchstwahrscheinlich den Effekt, dass viele Bürger wohl für ihre materielle Existenzsicherheit und damit gegen ihr Wahlrecht optieren würden. Ein weiteres Mosaiksteinchen, wie eine „Krallokratie“ die relative Position der (Super-)Reichen stärken würde.
 
 
 
(38:41) „Das NEUE DEUTSCHLAND, Leib- und Magenblatt sowie Sprachrohr der ach so demokratischen kommunistischen SED, heute firmierend unter ihrem neuen Pseudonym „Die Linke“, hat mich dafür zum gefährlichsten Mann Deutschlands ernannt, Franz Josef Strauß auf Speed sozusagen. Panik ist schon was Schönes, wenn es die Richtigen trifft.
P. S. Dass Lieschen Neubauer, das verwöhnte reiche Erbenkind aus dem Imperium einer salonkommunistischen Zigarettendynastie, und Thunbergs Gretel ganz offen die Abschaffung der Demokratie und die Einrichtung einer Öko Diktatur gefordert haben, war der linken Mainstreampresse natürlich keine Zeile wert.
Krall bezieht sich auf das Interview „Vorbereitung auf die Konterrevolution“ des ND mit dem Soziologen Andreas Kemper vom 25.05.2020. Der nennt ihn „die unbestritten gefährlichste Figur“ und begründet: „Krall präsentiert sich nach außen als katholischer Familienmensch. Aber seine wichtigste Aufgabe besteht offensichtlich in der Vorbereitung und Durchführung der »Konterrevolution«, wie er das nennt.“ Konkret auf die Frage „Wie soll der Sturz der Regierung nach Kralls Vorstellungen genau ablaufen?“ behauptet Kemper: „Das können Sie ganz detailliert in einem Aufsatz in »eigentümlich frei« vom 18. April dieses Jahres nachlesen.“ Es muss sich um „Politik als Pandemie. Großangriff auf die Freiheit. Nach Corona ist vor der bürgerlichen Revolution“ handeln; leider ein kostenpflichtiger Text.
Dennoch glaube ich nicht, dass Krall tatsächlich einen Umsturz vorbereitet. Sehr wohl meine ich indes, dass die Demokraten und insbesondere wir Kleinen Leute Kralls politische Kastrationsprojekte mit aller Entschiedenheit bekämpfen müssen: „Wehret den Anfängen“!
 
Mit der abschätzigen Bemerkung über „das verwöhnte reiche Erbenkind“ gibt Krall seinen Affen Zucker. Seine Gefolgsleute sind, wie gesagt, nicht arm, aber doch nur Möchtegern-Reiche. Deswegen kommt dieser Seitenhieb wohl auch in seinen Kreisen gut an. Offenen Neid auf die Reichen würden die zwar niemals bekunden; unterschwellig ist er aber natürlich vorhanden. Beim einfachen Leser wird die Bemerkung sogar den Eindruck erwecken, dass Krall doch eigentlich auf seiner Seite stehe. Ob der nun wirklich, wie Kemper glaubt, ein Sprachrohr (oder libertärer Einflussagent) des Multimilliardärs August Francois von Finck (Finck jr.) ist, lasse ich mal dahingestellt. Ein Freund des Kleinen Mannes ist er definitiv nicht; seine Krallokratie würde ausgerechnet die Erben noch mehr verwöhnen, als unser Staat das ohnehin schon tut. Erben müssen keine Faulenzer sein; aber für das ererbte Vermögen selber haben sie keinerlei Leistungen erbracht.
 
 
(39:20) „Der zweite Baustein der freiheitlichen Utopie, die ich vortragen möchte, ist eine gestärkte und neue formulierte Gewaltenteilung. Sie kennt künftig nicht drei, sondern vier Gewalten, von denen jede einzelne durch den Souverän direkt gewählt wird.
Das klingt harmlos oder sogar vernünftig. Wie sich unten zeigen wird, ist zieht Krall damit aber nur einen weiteren Trick seiner Demokratie-Demontage aus dem Ärmel.
 
 
 
(39:31) Die erste Gewalt ist die Legislative. Sie wird auf 201 Abgeordnete begrenzt, die in 201 Wahlkreisen nach dem englischen Mehrheitswahlrecht vom Volk direkt und ohne Parteilisten gewählt werden. Die Kandidaten müssen dem Wahlvolk angehören, dürfen also auch keine Transfers in Anspruch nehmen. Sie dürfen keiner Partei angehören, sondern sie müssen sich dem Wahlvolk in ihren Wahlkreisen als gestandene freie Männer und Frauen präsentieren, die kraft ihrer Autorität die Mehrheit der Wählerstimmen auf sich vereinen können.
(39:58) Sie dürfen zweimal ins Parlament einziehen, aber nicht zweimal hintereinander. Ihre einzige Aufgabe ist die Verabschiedung und Aufhebung von Gesetzen und sie wählen nicht die Regierung, also die Exekutive. Die Bezahlung der Abgeordneten darf nicht höher liegen als das durchschnittliche Einkommen, das sie in der Legislaturperiode vor ihrer Wahl in der freien Wirtschaft verdient haben.
(40:15) Idealerweise erhalten sie gar kein Abgeordnetengehalt und tagen auch nur 30 bis 60 Arbeitstage im Jahr, dann haben sie weniger Zeit, neue Gesetze zu machen.
(40:29) Politik ist in dieser Ordnung der freien Gesellschaft keine Karriere und kein Broterwerb, sie ist ein Dienst am Volk und eine patriotische Tat für den Souverän.
Derzeit hat Deutschland über 700 Bundestagsabgeordnete; Krall will die Zahl auf 201 reduzieren. Wie er auf genau diese Zahl kommt, weiß ich nicht. Für Krall ist Politik etwas ganz Simples; die Parlamentsarbeit kann in ca. 2 bis 3 Monaten locker erledigt werden. Aus meiner Sicht urteilt der Gold-Dealer Krall über die in Wahrheit immense Komplexität von Politik und Gesellschaft mit jener dümmlichen Überheblichkeit, wie sie für ignorante Außenstehende typisch ist. Diese Attitüde kommt bei seinen Hörern an, weil sie im Volk weit verbreitet ist. Krall würde vermutlich argumentieren, dass die Politik nur deshalb derzeit komplizierter als nötig ist, weil sie ihre Nase überall reinsteckt und Dinge reguliert, die „der Markt“ ganz von selber regeln würde.
Wer sich selber ein Bild darüber machen möchte, welche Gesetze in der Krallokratie noch erforderlich wären, und welche (zumindest theoretisch) nicht, kann sich die „Liste der Rechtsnormen der Bundesrepublik Deutschland/Gesetze“ in der Wikipedia anschauen.
Was er dort natürlich nicht findet sind diejenigen Gesetze, die überhaupt erst durch die Änderungen erforderlich würden. Krall würde eine solche Notwendigkeit sicherlich bestreiten oder herunterspielen; aber jeder kennt das „law of the unintended consequences“: „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“.
 
Und selbst dann, wenn wir unsere Überlegungen auf diejenigen Gesetze beschränken, die eindeutig im Interesse der Geld- und Unternehmensbesitzer liegen, können wir schon eine Fülle von Regelungen identifizieren, die durchaus kompliziert sind, die aber die Besitzenden ganz sicher nicht würden abschaffen wollen: Aktienrecht (insbesondere den dortigen Minderheitenschutz), Kommunikationspflichten der Unternehmen, Börsen- und Wertpapierrecht, Haftungsregelungen für Vermögensberater usw.
 
Dass die Abgeordneten „keiner Partei angehören“ dürfen, ist, was Krall angeht, subjektiv bestenfalls naiv. Objektiv ist es ein weiterer Baustein, um die Krallokratie in der Realität zu einer Plutokratie zu machen, einer Herrschaft des Geldes.
Denn dass im Falle von Direktwahlen die Kandidaten „kraft ihrer Autorität“ gewählt würden, ist zwar im Volke ein durchaus weit verbreiteter Glaube. Doch wer von denjenigen, die diese Meinung äußern, kann überhaupt die Kandidaten nennen, die in seinem Wahlkreis bei der letzten Bundestags- usw. Wahl angetreten sind? Ich könnte es nicht. Und wer würde deren Programme durchackern? Richtig: Genau diejenigen, die derzeit auch alle Parteiprogramme durchlesen: Also so gut wie niemand!
Die Annahme, die Kandidaten müssten „sich dem Wahlvolk in ihren Wahlkreisen als gestandene freie Männer und Frauen präsentieren“ ist ebenfalls im besten Falle naiv, ansonsten perfide. Gewinnen wird, wer die beste Werbung macht. Die kann im Prinzip nur derjenige machen, der über viel Geld verfügt. Und über viel Geld verfügt nur, wer entweder selber superreich ist – oder wer sich meistbietend an Superreiche „verkauft“. Die Krallokratie würde in der konkreten Umsetzung ZWANGSLÄUFIG auf eine korruptionsverseuchte Plutokratie hinauslaufen.
 
Auch die Abschaffung der Parteien ist eine in weiten Kreisen populäre Forderung, weil die Parteien sich vermeintlich allzu weit vom Volk entfernt haben und nur ihre Eigeninteressen verfolgen. Tatsächlich würde die Abschaffung jedoch die Wähler vollends orientierungslos machen. Auch wer (wie fast alle, den Verfasser weitgehend eingeschlossen) keine Parteiprogramme liest, weiß doch wenigstens aus der Berichterstattung der Medien in etwa, welche Partei für bzw. gegen welche politischen Ziele eintritt. Und eine Partei kann man abstrafen, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllt. Bei Kralls Abgeordneten ist das faktisch unmöglich: Sie sollen ja ohnehin nur für eine Legislaturperiode wählbar sein dürfen, und danach nur noch für eine weitere, aber das erst nach einer Unterbrechung. Wer wird an einem solchen Amt überhaupt ein Interesse haben? Wer wird unter diesen Bedingungen versuchen, Gemeinsinn zu entwickeln und an das Große Ganze zu denken? Es wird ihm ja noch weniger gelohnt, als jetzt schon! Real wird sich also auch für die Abgeordneten das Grundgesetz der Krallokratie zur Richtschnur ihres Handelns entwickeln: „Kralle dir Kohle, so viel du nur kannst! Gehe nicht über Los, sondern über Leichen – und lass dich nicht erwischen!“
 
Dass die Abgeordneten in nur 2 – 3 Tagungsmonaten pro Jahr eine vernünftige Arbeit abliefern könnten und würden: Das kann nur ein ignoranter Gold-Höker glauben, der sich mit Politik gar nicht ernsthaft beschäftigt, sondern sie gedanklich auf Kindergarten-Niveau reduziert. Selbst diejenigen Hobby-Abgeordneten, die nicht korrupt wären, könnten sich gar nicht hinreichend spezialisieren und mit der notwendigen Tiefe in die unterschiedlichsten und komplexesten Sachverhalte einarbeiten. Entsprechend undurchdachte, schlampige und schlechte Gesetze würden sie machen.
Zugleich wären diese Hobbypolitiker Haifischfutter für die Bürokraten: Bis sie deren Wissensstand über Gesetze, Rechtsprechung und Faktenzusammenhänge in nur einem größeren Politikfeld auch nur annähernd erreicht hätten, wären sie schon wieder „weg vom Fenster“.
Ebenso wären sie ideale Opfer für Lobbyisten. Nicht nur, weil die schlecht bezahlten Abgeordneten tendenziell „die Hand aufhalten“ werden. Sondern vor allem auch, weil alle Bestimmungen in der Krallokratie darauf hinauslaufen, Profi-Politiker zu verhindern und die Politik von puren Amateuren betreiben zu lassen, die überhaupt nur kurzzeitig in diesem Gebiet tätig sind. Auch da werden viele Beifall klatschen. Weil sie sich von derartigen Hobbypolitikern „Volksnähe“ erträumen und nicht begreifen, dass Dilettanten zwangsläufig eine dilettantische Politik abliefern werden. Als blutige Amateure und „befristet Beschäftigte“ könnten die gar keinen Durchblick entwickeln und würden von den mit allen Wassern gewaschenen PROFI-Lobbyisten locker über jeden Tisch gezogen.
 
 
 
Mit seiner Forderung, möglichst geringe, am besten gar keine Diäten zu bezahlen, deutet Krall zugleich an, wie er sich die Stellung der Arbeitnehmer in seiner schönen neuen Welt vorstellt: Als möglichst schlecht bezahlte Arbeitssklaven.
Die Schlecht- oder gar Nicht-Bezahlung der Abgeordneten ist nichts anderes als eine beabsichtigte Ausbeutung der politisch Schaffenden durch die finanziell Raffenden. Wer die Abgeordneten (ebenso die Kirchenleute: vgl. unten zur Abschaffung der Kirchensteuer) um einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit prellen will, der will sich Kosten (Steuern) ersparen. Und der will auch ganz allgemein für die Dienste anderer Menschen so wenig wie möglich bezahlen. Krall und seine Anhänger wollen auch und gerade die Arbeitnehmer mit einem möglichst niedrigen Lohn abspeisen, denn schließlich nehmen sie (nach libertärer Denkweise) den Unternehmens- und damit den Kapitalbesitzern ja etwas von ihrem Eigentum weg. Und das geht gar nicht.
(Krall würde natürlich niemals zugeben, dass er und seine Gesinnungsgenossen auf blanke Ausbeutung aus sind. Aber wenn man mit Libertären über den Mindestlohn debattiert und erlebt, wie die einen regelrechten Hass dagegen entwickeln, dass der Staat arbeitenden Menschen dieses ohnehin dürftige Minimum sichert, dann weiß man, wohin die Reise für diese Kreise gehen soll.)
In der Welt der Realitäten ist es auf den ersten Blick saudumm, die Abgeordnetenarbeit nur mager zu vergüten. Die „Betrogenen“ werden sich dann anderweitige Einkommensquellen suchen. Das tun einige zwar ohnehin, und vielleicht ist der eine oder andere sogar jetzt schon, trotz üppiger Diäten, korrupt. Aber wenn man die Diäten allzu dürftig ansetzt (Krall will ja „idealerweise gar kein Abgeordnetengehalt“ bezahlen), dann wird die Korruption endemisch werden.
Andererseits wäre diese Situation eine Bonanza für die Interessen der Superreichen: Alle gewünschten Parlamentsentscheidungen könnten sie unschwer „einkaufen“.
Ob Krall das alles klar ist, kann ich natürlich nicht wissen. Seine Anhänger durchschauen diese zwangsläufigen Folgen mit Sicherheit nicht. Das dürften in der großen Masse Kleinbürger sein – und häufig nicht einmal diejenigen, die einer Volkswirtschaft den größten Nutzen bringen. Sondern Versicherungsvertreter, Ladeninhaber (z. B. Apotheker, obwohl gerade die mehr als andere Berufsgruppen von staatlichen Schutzzäunen profitieren, die dann wegfallen würden), Börsenspekulanten, Vermögensberater und andere Freiberufler (Rechtsanwälte, Architekten usw.). Die träumen sich in die Position von Superreichen, aber die verwirklichte Krallokratie wäre eine binäre Ayn-Rand-Gesellschaftsordnung: Wer das Geld hat, hätte die Macht. Echte Meriten würden wenig zählen: Sogar Genies wären dort nur das „wert“, was die Geldsäcke ihnen bezahlen. Der Rest der Menschheit, ob abhängig beschäftigt oder selbständig, wäre Pöbel und nichts als ein Spielball der wahren Herren. (Die ihrerseits den Hals niemals voll genug kriegen und sich gegenseitig bekämpfen würden. Dazu würden sie immerhin die Unterstützung des ‚Fußvolks‘ benötigten, dessen Interessen sie daher bis zu einem gewissen Grade dann doch wieder berücksichtigten müssten.)
 
Am Ende wäre die Krallokratie eine Klientelgesellschaft nach altrömischem Muster: Die Superreichen (in der römischen „Republik“ die Patrizier) schaffen sich mit Geld und auf andere Weise eine Gefolgschaft (Klienten, Klientel), die sie dann im innenpolitischen Kampf gegen andere Superreiche (Patrizier) einsetzen, um die größtmögliche Macht zu erlangen. Die Gesellschaft würde „tribalisiert“. (Und bereits bestehende Clan-Strukturen, wie in Deutschland die berüchtigten Araber- und Kurden-Clans, hätten einen „Startvorteil“!)
 
Wer andere (z. B. seine Volksvertreter) um ihren verdienten materiellen Lohn prellen will, muss sie wenigstens mit warmen Worten „honorieren“: „Dienst am Volk“, „patriotische Tat“.
Solche Formulierungen erwachsen aus der libertären Fundamentalillusion, im Libbyland wäre ‚alles wie jetzt – nur besser‘. „Volk“ versteht Krall hier als eine GEMEINSCHAFT. Aber eine solche bildet sich aus Geben und Nehmen: Ich empfinde mein Volk bzw. meinen Staat deshalb als Gemeinschaft, weil ich mir von ihm Schutz nach innen und außen erwarte, aber auch Hilfe in individuellen und Beseitigung von gesellschaftlichen Notlagen. Krall dagegen reduziert die Gemeinschaft auf eine bloße Gesellschaft: Man schließt sich zusammen, um den Schutz seines Vermögens nach innen (Polizei) und nach außen (Streitkräfte) zu sichern – das war’s dann. Ansonsten verfolgt jeder ausschließlich seine eigene Interessen.
Was soll einen (zudem noch schlecht oder gar nicht bezahlten) Abgeordneten dazu bewegen, seine Arbeit als „Dienst am Volk“ zu verstehen, wenn er z. B. damit rechnen muss, nach dem Ende der Legislaturperiode keine Arbeit zu finden oder anderweitige Nachteile zu erleiden? Und wenn er weiß, dass „sein“ Volk ihm in dieser Lage seinen Einsatz für die imaginäre Gemeinschaft mit Hohn und Spott „danken“ würde: „Eigene Schuld! Hättest ja was Richtiges arbeiten können, anstatt im Parlament herumzulungern und auf unsere Kosten zu leben! Dann hättest du genügend verdient und Rücklagen für schlechte Zeiten bilden können – wie wir das auch tun!“
 
Dass Krall selber ganz genau so denkt und die Arbeit der Abgeordneten nicht ernst nimmt, zeigt jede seiner Bemerkungen und seiner geplanten Bestimmungen. (Und so denken leider auch sehr viele ganz normale Bürger.)
 
 
 
An dieser Stelle ist vielleicht ein klärender Exkurs angezeigt, was der Libertarismus bedeutet und was er bei konsequenter Umsetzung bewirken würde. Ein gewisser Robert Hutchinson hat das in seinem Essay “Why Libertarianism fell short” (09.04.2019) vom Standpunkt eines Katholiken (und zugleich eines ehemaligen und teilweise immer noch Libertären) nach meiner Meinung gültig beschrieben (meine Hervorhebungen):
“Many Catholics, like many Americans, pass through a libertarian phase. ….. Like nominalism in philosophy and materialism in physics, libertarianism is almost inevitable when you first begin to examine things with your own eyes and think for yourself. One day you wake up from the statist dream. You begin to notice that government isn’t always benign and wise, that wars are often pointless, and that many policies proposed to help the poor are actually designed to help politicians and profiteers, anyone but the poor.
And as political ideologies go, my sympathies are still libertarian. I dislike the surveillance state. I distrust most politicians. I supported Ron and then Rand Paul in the last three presidential elections.
Yet libertarianism is, in the final analysis, like chemotherapy: a necessary but temporary treatment for sick patients, not something you want to stay with for life.        At bottom, libertarianism sees the entire world as nothing more than a gigantic marketplace in which human beings are simply interchangeable economic units – without regard to language, culture or religion — that multinational corporations can import and export the way they do silicon wafers and steel.     Americans today, and Europeans as well, feel they are losing too much of their souls in the neoliberal economy of unfettered global markets, mass immigration and corporate censorship. Their innate sense of solidarity with their fellow citizens make them question policies that raise quarterly GDP an extra percentage point and maximize shareholder value but destroy entire communities in the process.”
Patriotismus und Libertarismus sind tatsächlich ideologisch genauso unvereinbar, wie Libertarismus und (katholisches oder sonstiges) Christentum („Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“). Rein logisch betrachtet, sind „Rechtslibertäre“ ein Widerspruch in sich. Doch diejenigen, die eigentlich kontradiktorischen Ideologien, Religionen oder Zielen anhängen, wissen, wie sie mit solchen Widersprüchen umgehen: Sie leugnen sie und stricken sich kurzerhand ihre eigene Weltsicht zusammen. (Insofern sind die wie Gott, den der mittelalterliche deutsche Theologe Nikolaus von Kues als eine „Coincidentia oppositorum“ definiert hatte, ein Zusammentreffen oder eine Vereinigung der Gegensätze. 😊)
Das dürfte auch für Markus Krall gelten, den Martin Sellner in seinem (in der historischen Übersicht beeindruckenden) Essay „Kapitalistische Willkommenspolitik“ (13.11.2019) einer „libertär-patriotischen Gegenöffentlichkeitzurechnet.
Sellner ist der Kopf der „Identitären Bewegung“. Konkret geht es ihm darum, „heftige bis bösartige ….. Attacken aus dem libertär-patriotischen Bereich gegen das nationalkonservative Lager“ (wo er demnach sich selber verortet) abzuwehren. Dabei konstatiert er zutreffend (und im Ergebnis wie oben Hutchinson), dass „die Liberalen sich selbst und ihre zahlreichen patriotischen Anhänger täuschen, indem sie einem Patriotismus und einer Migrationskritik das Wort reden, die sie aus ihrer eigenen Ideologie kaum begründen können.“ Das gilt natürlich noch weitaus mehr für die liberale Teilmenge der Libertären.
 
 
 
Kehren wir jedoch zurück zu Kralls Design dessen, was man mit guten Gründen auch als „Krallokratur“ bezeichnen könnte.
 
(40:38)Die zweite Gewalt ist die Exekutive. Das Wahlvolk wählt aus seiner Mitte in Direktwahl einen Kanzler für vier Jahre, der das Amt nur einmal antreten darf, dann hat sich's abgekanzelt.
Für eine solche Beschränkung der Wahlperiode gelten mutatis mutandis dieselben Argumente wie oben bei den Abgeordneten:
- Zu wenig „Einarbeitungszeit“
- Wissensdefizite; struktureller Nachteil gegenüber Bürokratie und Lobbyisten
- Motivatorisch kontraproduktiv, weil gute Politik nicht mit Wiederwahl belohnt werden darf. Überhaupt ist es seltsam, wenn ausgerechnet Libertäre (hier Krall), welche die gesamte Gesellschaftsstruktur auf Eigennutz aufbauen wollen (und als Sozialmonadisten erwarten, dass diese dann im Sinne einer prästabilierten Harmonie funktionieren würde), in ihrem politischen System genau diese Motivationsstruktur regelrecht vernichten. Aber Libertäre sind anscheinend tendenziell Autisten, die sich nicht in andere Menschen hineinversetzen können oder wollen.
 
 
(40:49) „Er ernennt nur vier Minister: Äußeres, Verteidigung, Finanzen und Inneres-Justiz. Alle anderen Ministerien werden ersatzlos abgeschafft; wir brauchen sie nicht.“
Auch hier kommt wieder die Arroganz eines Nicht-Politikers zum Vorschein, der von REALER Politik keine Ahnung hat und daher deren Komplexität krass unterschätzt. Im Hintergrund steht wohl die weit verbreitete Meinung, die Politiker bräuchten doch nur „den Willen des Volkes“ umzusetzen, dann wäre alles okay. Dass die Menschen in einem Volk einerseits sehr unterschiedliche objektive Interessen haben, und andererseits und darüber hinaus noch sehr unterschiedliche subjektive Sichtweisen, verstehen Polit-Banausen wie Krall & Co. nicht. (Und diese Unterschiede werden auch keineswegs dadurch ausgehebelt, dass man die Transferempfänger gleich ganz von jeglicher politischen Beteiligung fernhält.)
 
 
(41:02) „Die dritte Gewalt ist die Judikative. Das Volk wählt die Richter, die sowohl dem Wahlvolk angehören als auch die entsprechende juristische Qualifikation vorweisen müssen.
Auch das klingt super demokratisch. Aber noch weniger als bei den Abgeordneten würden sich die Wähler über die inhaltlichen Positionen der Richter informieren. Und noch mehr als bei den Abgeordneten würde diese vordergründig so herrlich basisdemokratische Regelung in der Wirklichkeit damit enden, dass finanziell gut gepolsterte Kreise mit entsprechender Werbung „ihre“ Richter durchsetzen. Und mit der Bestimmung, dass die Richter „dem Wahlvolk“ angehören müssen, hat Krall die Transferempfänger und damit einen großen Teil der Bürger auch hier von jeglicher aktiven wie passiven Beteiligung ausgeschlossen.
Dieser Bevölkerungsteil ist für ihn offenbar eine Art von Sklavenpopulation, die das hinzunehmen hat, was die anderen mit ihnen machen. Einfach nur ekelhaft, ein derart anmaßendes plutokratisch-faschistisches Staatskonzept!
 
 
 
(41:23) „Und damit kommen wir zur vierten Gewalt, einer Kontrollinstanz ohne aktive legislative, exekutive oder judikative Macht. Diese Instanz, ich nenne sie hier einen demokratischen Wahlkönig, wird auf Lebenszeit von Wahlvolk gewählt. Er kann mit zwei Dritteln der Stimmen vom Wahlvolk abgerufen werden; ansonsten endet seine Amtszeit nur mit Rücktritt oder Tod. Seine einzige Aufgabe - und dafür braucht er diese Art von Unabhängigkeit - ist die Überprüfung neuer Gesetze und exekutiver Maßnahmen auf ihre Kompatibilität mit der freiheitlichen Verfassung und seiner damit verbundenen unbegrenzten Vetomacht. Er kann das Veto ausüben, wenn er nur der Meinung ist, dass ein Gesetz sich gegen die freiheitliche Ordnung richtet.
(42:01) „Im Veto ist seine Macht absolut, in der Gestaltung ist sie nicht existent.
Auch diesen „König“ dürfen die Bürger (d. h. die gesellschaftlichen Nützlinge; die Parasiten bleiben auch hier ausgeschlossen) zwar wählen. Aber wehe, sie haben ihn einmal eingesetzt: Dann kann er nach Belieben („wenn er nur der Meinung ist …“) nicht nur sämtliche Gesetze aufheben, sondern sogar Maßnahmen der Exekutive. Im Negativen ist er also ein totaler Herrscher. Und das (auch wenn Krall diese Frage nicht thematisiert) vermutlich auf allen Eben. Wenn also eine Gemeinde z. B. eine Arbeitslosenunterstützung beschließt, hätte er das Recht, diese aufzuheben – und die Notleidenden kurzerhand verhungern lassen.
Natürlich würde der Kampf auch (bzw. gerade) um diesen Posten von den Superreichen unter Einsatz gigantischer Geldmittel geführt werden. Und wenn dann z. B. das Verteidigungsministerium einen Auftrag für, sagen wir, eine U-Boot-Flottille an die „falsche“ Firma vergibt, könnte und würde er (natürlich mit „bürgerfreundlichen“ Vorwänden) diesen stornieren, damit das „richtige“ Unternehmen an die Fleischtöpfe Ägyptens gelangt.
Auch die Gerichtshöfe wären machtlos gegen ihn. Wobei sich in diesem Zusammenhang die Frage stellt, ob er etwa auch Gerichtsurteile aufheben dürfte?
Eine Abwahl wäre äußerst unwahrscheinlich, so lange er genügend Geldmittelt und damit Werbepower hinter sich hat.
Und wofür braucht ein Staat dann überhaupt noch „oberste Gerichte“? Zumindest ein Verfassungsgericht bräuchte man NICHT mehr. Aber wieso sollte ein „demokratischer Wahlkönig“ besser geeignet sein, die Verfassungswidrigkeit von Gesetzen zu beurteilen, als ein Kollektivgremium mehrerer Verfassungsrichter? Ach so: Er soll gar nicht objektiv urteilen. Für Krall reicht es aus, dass der ‚Demokratiekönig‘ „der Meinung ist“, Gesetze würden gegen die Verfassung verstoßen. Welchen Nutzen soll das für „das Volk“ haben? Richtig: Keinen! Auch hier ist lediglich eine Institution zum Schutz der Besitzenden geschaffen, die mit entsprechendem Propagandaaufwand schon dafür sorgen würde, dass „der Richtige“ gewählt wird! Eine Einzelperson, die mit einem Federstrich alles aushebeln könnte, was die 201 gewählten Abgeordneten im Bund, und die Volksvertreter auf Länder- und kommunaler Ebene beschlossen haben. Cui bono?
 
Zudem birgt diese Instanz die Gefahr einer massiven politischen Inkohärenz in sich: Wenn der ‚Demokratiekönig‘ den Sinn von Regelungen des Gesetzgebers oder von Maßnahmen der Exekutive entweder nicht versteht, oder wenn er sich einfach nur Popularität durch sein Veto verspricht (oder den Interessen seiner Hintermänner dienen muss) und kurzerhand zerschlägt, was andere Zweige der Staatsverwaltung aufgebaut haben, dann wird es gewaltig knirschen im Staatsgetriebe.
 
 
 
(42:06) „Damit komme ich zur finalen Frage: Wie schaffen wir wieder nachhaltig Wohlstand? Die Lösung kann nur sein, den Staat zu beschneiden, und zwar so lange, bis die Heilungskräfte des marktwirtschaftlichen Immunsystems sich gegen den Krebs der umverteilenden, beraubenden, dem menschlichen Maß widersprechenden und zerstörenden Verzerrung aller Preise und Güter durch den Staat durchgesetzt haben. Und je radikaler man das tut, desto schneller wird die Heilung vonstattengehen.
Haben wir denn insgesamt gegenwärtig keinen Wohlstand? Leben wir etwa im Elend? Krall würde vermutlich erwidern: Das nicht gerade, aber derzeit ist unser Wohlstand nicht „nachhaltig“, weil nur durch „Geldsozialismus“ geschaffen. (Unten spricht er vom angeblich: „jetzt anstehende[n] Kollaps des sozialistischen Staats“.
Wahrscheinlich glaubt er auch, dass wir noch viel mehr Wohlstand hätten, wenn wir den Staat auf eine Nachtwächter-Rolle beschränken würden. Diesbezügliche Ansätze beispielsweise in den USA sind freilich nicht sonderlich ermutigend. Dort wurden die öffentlichen Dienstleistungen etwa im Gesundheitswesen weitgehend zurückgeschraubt – mit entsprechend negativen Folgen im Umgang mit der „Coronakrise“.
 
Und schon rein theoretisch kann man prognostizieren, dass eine Umsetzung von Kralls Vorstellungen nicht zu einer Wohlstandsmehrung führen würde, sondern zu einer Wirtschaftskrise riesigen Ausmaßes. Wer das nicht erkennt, der versteht nicht, wie eine geldbasierte Marktwirtschaft überhaupt funktioniert.
In der Krallokratie wären die breiten Massen gezwungen, für die unvorhersehbaren Wechselfälle des Lebens durch eigenes Sparen vorzusorgen. Täten sie das nicht, würden sie ihr Wahlrecht verlieren. Darauf würden zwar vermutlich viele Menschen leichten Herzens verzichten (zumindest diejenigen, die dieses Recht schon jetzt nicht wahrnehmen). Doch vor allem wäre der Umfang der staatlichen Versorgung in Notlagen äußerst dürftig, auf das bloße Existenzminimum reduziert (und außerdem, da auf die kommunale Ebene zurückverlagert, von der finanziellen Leistungskraft der Gemeinden abhängig.) Auf solche Aussichten würden die Menschen mit exzessivem Sparen reagieren – und dadurch der Wirtschaft in großem Umfang Nachfrage entziehen. [Ein Praxisbeispiel ist China mit seinen noch größeren Exportüberschüssen als Deutschland. Ausgerechnet Ben Bernanke, einst als Chef der Fed sozusagen der Hohepriester des weltweiten Kapitalismus, hatte für dieses Land die Einrichtung einer umfassenden gesetzlichen Rentenversicherung gefordert: Um das exzessive Gelsparen der chinesischen Wanderearbeiter einzudämmen, den dortigen Konsum anzukurbeln - und in der Konsequenz die Exportüberschüsse zu reduzieren. Etwas ironisch habe ich das hier thematisiert.] Eine gewaltige Wirtschaftskrise wäre die zwangsläufige Folge und am Ende wären, trotz Wegfall der bösen „Umverteilung“, ALLE Bürger ärmer – selbst die Reichen (und das soziologische „Kleinvieh“ der Libertären sowieso).
Diese Wirtschaftskrise ließe sich auch nicht durch eine „antizyklische“ Fiskalpolitik überwinden. Zum einen, weil der Staat dazu keine Mittel (mehr) hätte. Vor allem aber auch, weil es sich um eine dem Krallschen Gesellschaftsentwurf „eingebaute“ Krise handelt, eine Dauerkrise, die völlig anderer Natur ist als die bekannten „Konjunkturzyklen“.
„Für sich selber arbeiten“ kann man in einer arbeitsteiligen modernen Gesellschaft eben nur dadurch, dass man für andere arbeitet (und, vordergründig betrachtet, vom dafür erhaltenen Geld möglichst wenig abgibt). Kaufen die anderem einem die Produkte der eigenen Arbeit nicht ab, kann man praktisch überhaupt nicht arbeiten (zumindest mit seiner Arbeit keine Erträge erwirtschaften). Und "die anderen" bin in anderen Zusammenhängen natürlich "ich selber".
Wer seine Weltsicht naiv aus der mikroökonomischen Froschperspektive heraus konstruiert, dem bleiben freilich die vielfältigen Interdenpendenzen einer Volkswirtschaft ein Buch mit sieben Siegeln.
 
 
 
An dieser Stelle ist vielleicht ein weiterer Exkurs sinnvoll, zu den beiden möglichen Begründungsansätzen für den Libertarismus. Eine diesbezügliche Erörterung findet sich z. B. in dem Beitrag „Catholic & Libertarian? It Depends“ auf der Webseite der Loyola-Universität in Chicago (2014; meine Hervorhebungen):
Broadly speaking, there are two species of economic libertarian. For Ayn Rand and others in the natural-rights tradition, property rights are conceived as virtually absolute in scope, limited only as necessary for the protection of other property rights. For these libertarians, the protection of property rights — the freedom from interference by government — is a moral imperative, irrespective of the outcomes it produces. In contrast, for libertarians whose outlook is based in economics (think Milton Friedman), the commitment to state noninterference in private-property rights rests on empirical — and, at least in theory, testable — claims about how the world works.
Allerdings darf man vermuten, dass die ökonomischen Begründungen für den Libertarismus sehr häufig lediglich vorgeschoben sind, um eine bereits vorhandene Präferenz für diese Ideologie (scheinbar) zu rechtfertigen. Als Beispiel für einen solchen Fall nennt der Autor Eduardo M. Peñalver das Buch „Defending the Free Market“ von Robert Sirico (meine Hervorhebung): „Sirico’s supposedly empirical and utilitarian arguments against government redistribution or intervention in labor markets are little more than ideological assertion masquerading as empiricism.
In diesen Zusammenhang gehört auch die Feststellung von Jonathan Chait („Wealthcare“, 2009): „… [Ayn] Rand ….. argued for laissez-faire capitalism as an ethical system. She did believe that the rich pulled forward society for the benefit of one and all, but beyond that, she portrayed the act of taxing the rich to aid the poor as a moral offense. Countless conservatives and libertarians have adopted this premise as an ideological foundation for the promotion of their own interests.
Die Libertären überhaupt und Krall und sein Gefolge im Besonderen sind keine tiefschürfenden Denker. In der Masse geht es denen nur darum, sich im Verteilungskampf selber ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzuschneiden, bzw. zu behalten: Die sind gierige Materialisten im vulgären Wortsinne. Dass sie subjektiv vollauf überzeugt sind, auch Ethik und Religion auf ihrer Seite zu haben, glaube ich gerne. Aber diese Überzeugungen sind interessengeneriert und interessengeleitet, nicht das Ergebnis eines intensiven und aufrichtigen Ringens um philosophische Wahrheiten.
 
 
 
Nun kommt Krall zum Geldwesen:
(42:32) „Der erste Schritt wird es sein, die Matrix des Fiatgeldes, das die Bürger zu Sklaven eines unsichtbaren Netzes aus Papiergeld macht, zu beseitigen und ein transparentes und betrugsfreies Geldsystem zu etablieren.“
 
Als Voraussetzung für die Erschaffung des erhofften libertären Wohlstandsparadieses sehen die libertär-„österreichisch“ ausgerichteten Propagandisten und Profitsucher eine Reform des Geldwesens an. Schon oben (Stichwort „verwöhntes Erbenkind“) hatte ich darauf hingewiesen, dass die Libertären ihren Sozialneid zwar nicht offen bekunden, aber sehr wohl Ressentiments gegen die richtig Reichen haben. Wenn es um konkrete Superreiche geht, dann haben die sich in der libertären Mythologie ihr Vermögen zwar allesamt selber „erarbeitet“ (George Soros vielleicht ausgenommen 😊). Abstrakt schimpfen sie allerdings gerne auf diejenigen, die ihren Reichtum angeblich staatlichen Hilfen (Subventionen) verdanken, oder dem „Geldsozialismus“ der Notenbanken. Über letzteren schwafeln die Austrians andauernd; eine Definition liefern sie nirgends. Roland Baader (der Urheber dieses Begriffs?) grenzte 2007sozialistisches“ und „Goldgeld“ voneinander ab mit seiner Forderung, „das sozialistische (staatsmonopolistische) Geld aufgeben und zum echten Geld (Goldgeld) zurückkehren“. 2010 hat er ein Buch veröffentlicht „Geldsozialismus: Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression.“
In Wahrheit ist aber der „Geldsozialismus“ ein Pappkamerad mit doppelter Schauseite: Nach außen behaupten sie, dass er „die Reichen reicher und die Armen ärmer“ machen würde.
Mit diesem (Schein-)Argument wurden bereits im England des Jahres 1816 Forderungen nach Rückkehr zum Goldstandard begründet. In einem Buch oder Buchauszug von Theodore Jerolaman (ein Extrakt aus diesem Buch?) über die „History and Science of Money“ (1896) erfahren wir (meine Hervorhebung): „… the contractionist sharks [die Geldverknappungshaie] were loud in their assertions that the contraction of the currency, which began in 1816, was solely for the benefit of the producing classes, the laboring-man…… The victory of the fund-holding classes of England in 1816 was completed [“by a bill which demonetized silver, and placed England on the single gold standard”], and then they commenced systematically to contract the currency. ….. The effect upon the toiling millions of old England was frightful in the extreme; in a short time ‘money became scarce, industry paralyzed, debts multiplied, and famished thousands walked the streets vainly seeking for work to keep their wives and little ones from starvation. ….. The currency volume of England was contracted in a few brief years to one-third of the circulating medium in 1815 — contracted for the sole purpose of enriching the fund-holding and fixed-income classes. As a direct result of that contraction, which began in 1816, more than 120,000 farmers were deprived of their landed possessions.”]
Dem libertären Monetär-Schmonzes sitzt offenbar auch der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke auf, wenn er sich aufs Trittbrett schwingt und, um seinen Anhängern eine tiefe Einsicht ins Geldwesen vorzutäuschen, das gängige Geschwafel der Vulgär-Austrians nachplappert (Facebook, 18.03.2016, meine Hervorhebung): „Das Scheingeld des Geldsozialismus ist der Treibstoff des Kasinokapitalismus, der marktwirtschaftliche Selbstregulierungsprozesse teilweise außer Kraft setzt. Der Wachstums- und Rationalisierungsdruck, der auf der Realwirtschaft lastet, und der auch dazu führt, daß der Mittelstand verschwindet und immer mehr Menschen in Deutschland von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können, hat seinen Ausgang auch in einem kranken Geldsystem.
Tatsächlich hassen die Libbys das „Papiergeld“ aber deshalb, weil es einen Wohlfahrtsstaat möglich macht, weil es also (theoretisch zumindest) „umverteilt“: Nämlich die Reichen ein klein wenig ärmer macht und den Armen ein etwas menschenwürdigeres Leben ermöglicht.
So ist die Meinung von Roland Baader zu verstehen, dass wir „nachhungern“ müssten, was wir vermeintlich „vorausgefressen“ haben (s. Einleitung). Zustimmend zitiert er in einem Artikel „Wie wir uns betrügen — Wohlfahrtsverwahrlosung [sic!]“ (2009) einen anderen Autor, der den Wohlfahrtsstaat als „nicht mit reellen Mitteln finanzierbares Paradies auf Pump“ geschmäht hatte. DAS ist die WAHRE Rolle des Begriffs „Geldsozialismus“ für die libertär-vulgärösterreichische Avantgarde der Plutokraten: Hetze gegen den modernen Wohlfahrtsstaat!
[Ich selber bestreite keineswegs, dass man den Wohlfahrtsstaat überziehen kann. Aber um Maß und Mitte geht es den Libertären nicht; die kultivieren einen blanken Hass. Der richtet sich vordergründig gegen den Staat; tatsächlich handelt es sich aber um die übelste Form von Sozialneid überhaupt, nämlich gegen die Kleinen Leute gerichtet. Ihre „Freiheit“ wollen diese Widerlinge dadurch erringen, dass die da unten tiefst möglich ins Elend treten – während sie ihre hohlen Köpfe tief ins Gedärm der Superreichen stecken!]
 
 
Dass die Libertären vom WIRKLICHEN Geldwesens rein gar nichts verstehen, war mir schon vor mehreren Jahren aufgefallen. Nun habe ich, um die Hintergründe von Kralls Goldstandard-Phantasien besser zu verstehen, einige Texte von Roland Baader näher unter die Lupe genommen, die man wohl als repräsentativ ansehen darf: (Baader dürfte der unmittelbare Inspirator von Krall sein, noch vor Ayn Rand.)
 
 

 
Der Schuster, der Bauer und der Fürst. Hier erklärt Baader, „in Form einer Geschichte“, was Geld seiner Meinung nach eigentlich ist.
Wie das Geld historisch tatsächlich entstanden ist, ist umstritten. U. a. wird vermutet, es sei zur Bezahlung von Strafen oder von Söldnern erfunden worden, im sakralen Umfeld (Opfer im Tempel oder gar „Reliquiengeld“) oder im Zusammenhang mit der Errichtung von Abgaben. Geld wäre dann von Obrigkeiten – dem „Staat“ – eingeführt worden, und keine Erfindung des Marktes. Baaders „Story“ ist also lediglich ein Denkmodell (und ohnehin haben unterschiedliche Kulturen unabhängig voneinander in unterschiedlicher Weise Geld erfunden). Als didaktische Hinführung zum Geldverständnis ist die Baader-Story aber vorzüglich geeignet. (Sich selber freilich versperrt Baader ein solches Verstehen, weil er die jeweiligen „realen“ Fort-Schritte in seinem Modell auf der Ebene gedanklicher Abstraktion mit der Vorstellung „unverändert alles nur Tausch“ verkleistert.)
Sein Denkmodell beginnt mit einem Schuster, der bei einem Bäcker ein Paar Schuhe gegen 30 Brote eintauscht und zwar „je ein frischgebackenes Brot an 30 Tagen“. Bei der Umformulierung auf die Abstraktionsebene: „Bei der Transaktion wurde ….. ein bereits produziertes Gut gegen 30 noch zu produzierende Güter getauscht“ lässt er ein wesentliches Element aus. Hier findet nämlich KEIN „Tausch“ im üblichen Sinne statt, wo Schuster und Bäcker gleichzeitig die Schuhe und die 30 Brote „über den Ladentisch schieben“ würden. Sondern ein ZEITVERZÖGERTER „Tausch“. Und damit ist dieser „Tausch“ gleichzeitig eine KREDITGEWÄHRUNG des Schusters an den Bäcker, der seine Brote erst später liefert (bzw. zu liefern verspricht). Indem Baader das übersieht, hat er sich ein Verstehen der tatsächlichen Funktionsweise von Geld verschlossen. Eine Erweiterung von Baaders Modell auf VIER Stufen, beginnend mit dem Szenario eines „Direktausches“ (alle Güter gehen gleichzeitig über den Ladentisch), hätte ihm diese Denkfalle wohl erspart.
Im Folgeschritt nimmt Baader an, dass sich der Schuster vom Bäcker einen Zettel ausstellen lässt mit der Zusage „Ich liefere an 30 Tagen des Jahres X je ein frisches Brot an den Inhaber dieses Zettels“. Dieser Zettel stellt einen weiteren Schritt in Richtung „Geld“ dar. Hier kommt Baader der Funktionsweise von Geld sehr nahe: „Der Zettel fungiert also als Geld, das den Tausch erleichtert.“ Doch versperrt er sich wiederum diesen Zugang auf der abstrakten Ebene: „Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass nach wie vor Produktion gegen Produktion getauscht wird – nur eben mit Hilfe von Geldzetteln.“
Wiederum blendet er aus, was sich in diesem Schritt geändert hat: Der „Tausch“ ist jetzt nämlich ein INDIREKTER geworden.
In seinen 3. Gedankenschritt lässt Baader die Marktteilnehmer „ ‚echtes‘ Geld“ einführen, „in Form von Gold und Silber“. Damit ersetzen sie das Versprechen einer Lieferung KONKRETER Güter durch ein abstraktes „Warenlieferungsversprechen“. Hier macht Baader einen großen Gedankensprung, der nunmehr neuerlich verschleiert, was hier eigentlich passiert ist. Denn für die „Geldwerdung“ der Zettel ist die Einführung von Goldgeld nicht erforderlich und nicht einmal logisch folgerichtig. Weitaus näher liegt die Annahme, dass „der Markt“ nunmehr einen abstrakten Wertmaßstab für die Güterpreise einführt (z. B. „1 B“ = Wert eines Brotes, 1/30 Paar Schuhe, 1/25 Schwein, 500 Hühnereier usw.) und die „Geldzettel“ mit diesem Wert bedruckt. Damit haben wir bereits ECHTES GELD!
Anschließend kann man natürlich die Geldzettel durch (Gold- usw.) Münzen ersetzen. Aber dieser Schritt hat keinerlei Erklärungswert mehr dafür, „was Geld eigentlich ist“ Hier ersetzt Baader kurzerhand das logisch saubere Gedankenexperiment durch seine private Vorstellung von „echtem“ Geld (die freilich, wie wir unten sehen werden, stark oszilliert).
Jedenfalls haben wir auf dieser 3. Stufe „echtes“ Geld, und das hat NICHTS damit zu tun, ob Edelmetallgeld eingeführt wird (für einen „Brotwert“ ohnehin billigere Metalle) oder nicht.
In Baaders Modell haben sich (was er selber nicht verstanden hat) jene DREI ELEMENTE entwickelt, die „echtes Geld“ von einem einfachen Tausch unterscheiden - und damit seinen Nutzen für Handels- (und Abgaben!-)Transaktionen begründen:
 
0. DIREKTTAUSCH
1. KREDITISIERUNG der Lieferbeziehung (Zeitverzögerung)
2. MEDIATISIERUNG der Lieferbeziehung (indirekter „Tausch“ zwischen prinzipiell beliebig vielen Teilnehmern)
3. UNIVERSALISIERUNG des Güterversprechens (abstrakter Wertmaßstab für ALLE am Markt angebotenen Güter). Nunmehr sind die Geldzettel „richtiges“ Geld!
 
Marktlogisch wäre das Geld also durch Kreditgewährung entstanden. In China war das vielleicht tatsächlich der Fall. Grundsätzlich darf man aber das o. a. logische Modell der Geldentwicklung nicht mit der historisch realen Geldentstehung gleichsetzen (wie die „Austrians“ das häufig tun).
Baader hatte, wie wir gesehen haben, die in seinem Modell eigentlich logisch zwingende Stufe des „Zettelgeldes“ übersprungen und das Gold zur ersten Geldform erklärt. Wie daraus wiederum Zettelgeld geworden ist - Banknoten erklärt er mit Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten: Die Wirtschaftssubjekte hätten ihre Goldbestände bei Goldschmieden deponiert. Die dafür ausgehändigten Quittungen (also quasi Lagerscheine) wären dann selber in der Wirtschaft als Geld akzeptiert worden. Das ist historisch nicht falsch (auch wenn es möglicher Weise noch andere Entstehungsstränge für das Papiergeld gab, wie etwa die Wechsel). Die ‚Goldquittung-Banknoten‘ entstanden im 17. Jahrhundert in London. Eine ausführliche Beschreibung dieser Vorgänge “How modern banking originated: The London goldsmith-bankers' institutionalisation of trust.
Baader führt freilich seine Leser an der Nase herum, indem er die Vorgänge so darstellt, als ob die Goldschmiede solche Quittungen stets nur auf vorhandene Goldbestände emittiert hätten. Tatsächlich haben aber schon DIE eine Goldstandard-Währung geschaffen, bei der mehr Banknoten (hier: ‚Lagerquittungen‘) ausgegeben wurden, als tatsächlich vorhanden waren. Das „ungedeckte Papiergeld“ war also genau das, was die „Austrians“ sonst so hochhalten: Eine ERFINDUNG FREIER MÄRKTE. Und nicht erst (wie Baader es hinstellt) eine Erfindung gieriger Fürsten (Staaten). Aber, wie ich bereits oben konstatierte: Wenn Fakten ihrer Ideologie (hier: ‚Private tun nichts Böses‘) entgegenstehen, ignorieren sie diese einfach.


2) Baader-Zitatensammlung zum Geldwesen:

Roland Baader ist im Jahr 2012 verstorben. 2016 hat ein gewisser Rahim Taghizadegan (Wikipedia; s. a. hier), „Privatgelehrter und Gründer des scholarium in Wien“, ein Buch u. d. T. „Das Ende des Papiergeld-Zeitalters. Ein Brevier der Freiheit“ herausgebracht. Auf 240 Seiten sind darin, nach Themenfeldern geordnet, Zitate aus den Werken von Baader zusammengestellt. Das Inhaltsverzeichnis und fünf Kapitel aus dem Buch (sowie Kurzbiographien des Autors und des Herausgebers) kann man auf der Verlagsseite gratis runterladen. Daraus habe ich mir die Zitatensammlung zum Thema „Geld und Gold“ vorgeknöpft.
Baader ist ein (wortgewandter) Agitator; ein kritischer, um Erkenntnis ringender Denker ist er nicht. Er „predigt“ seinen libertären „Glauben“; innere Widersprüche, zumindest in seinem Denken über das Geldwesen, bemerkt er wohl nicht einmal.
1981 hatte er geschrieben: „Fauler Kredit ….. ist mit Gold nicht machbar. Deshalb können große und dauerhafte Kulturen und Zivilisationen nur mit wahrhaftigem Geld und wahrhaftigem Kredit entstehen – und das ist Goldgeld und Goldkredit, und deshalb gehen Zerstörung und Niedergang von Völkern und Nationen mit unwahrhaftigem Geld und faulem Kredit einher; und dieser Schwindel hat tausend Namen – nur einen nicht: Gold!“ Was ein „Goldkredit“ sein soll, ist mir schleierhaft – und ebenso, wieso Baader offenbar alle im derzeitigen Bankensystem vergebenen Kredite für „faulen Kredit“ hält. Jedenfalls sind Kredite im System eines bloßen GoldSTANDARDS ebenso „Schwindel“ (i. S. v. Baader), wie im Papiergeldsystem: Beide sind nicht durch hinterlegtes Gold gedeckt. In Gold einlösbar waren lediglich Banknoten; aber selbst für die war nur ein Bruchteil an Goldbeständen vorhanden. Darüber klärt Thorsten Polleit auf (übrigens Chefvolkswirt der von Krall geleiteten „Degussa Goldhandel“; meine Hervorhebung):
Laut Reichsbankgesetz §17 muss[te] nur 1/3 der umlaufenden Reichsbanknoten gedeckt sein: durch gültiges deutsches Geld, also Goldmark, Reichskassenscheine [also Staatsanleihen direkt bei der Notenbank!], Gold in Barren oder ausländischen Münzen; die übrigen 2/3 Drittel sind in Form von diskontierten Wechseln vorzuhalten.“ Zutreffend urteilt Polleit daher: „Wenn man … davon spricht, das Kaiserreich hätte einen klassischen Goldstandard gehabt, dann ist das eine falsche Deutung der Fakten. Es handelte sich vielmehr um einen Mogel- oder Pseudo-Goldstandard! Das Kaiserreich ist da übrigens kein Einzelfall. Auch in den USA, England, Frankreich und anderswo operieren Zentralbanken und Geschäftsbanken mit einer Teilreserve!“ Trotzdem erwartete er für ein vermeintlich ideales Geldsystem ebenfalls einen Goldstandard (2009; meine Hervorhebung): „ ‚Free Banking‘ heißt die Lösung, also das Privatisieren des Kredit- und Geldsystems. Die vorhandenen Bankverbindlichkeiten werden an das Gold angebunden, das noch in den Kellern der Zentralbanken lagert. So erhält die ausstehende Papiergeldmenge einen Anker. Danach können Angebot und Nachfrage frei über die Quantität und Qualität des Geldes befinden. Vermutlich würde ein Goldstandard entstehen, oder ein Bimetallismus, in dem Gold und Silber Anker des Geldes werden.
 
Das nach Aufgabe der Goldwährung weltweit ausgebrochene Währungs- und Wirtschaftschaos“ (1988). Diese Behauptung ist ein Schmarrn. Die Goldwährung wurde (entgegen „österreichischer“ Forenmythologie) bereits um 1930 aufgegeben. Die fortbestehende Goldeinlösepflicht für US-Dollars berechtigte nur noch ausländische Notenbanken zum Umtausch, so dass deren 1971 erfolgte Aufhebung („Nixon-Schock“) nur noch die Wechselkurse betraf (doch sogar dieses Ergebnis stellte sich erst 1973 ein). Tatsächlich gab es bereits seit 1945 jedenfalls in den entwickelten Ländern relativ wenige Finanz- bzw. Wirtschaftskrisen; von einem „Chaos“ habe ich (* 1945) zu keiner Zeit etwas gemerkt. (Und ausgerechnet die „Austrians“ sollten freie Wechselkurse eigentlich begrüßen, anstatt sie zu verteufeln und somit den Zerfall des Bretton-Woods-Systems begrüßen.) Vor 1945, und besonders im 19. Jahrhundert, hatte es Finanz- und Wirtschaftskrisen in rauen Mengen gegeben. (Daten liefern z. B. die Wikipedia-Einträge „Aus der Wirtschaftsgeschichte bekannte Krisen“; „List of banking crises“ und „List of economic crises“.) Aber „Austrians“ sind ebenso faktenresistent wie Trumpfbacken.)
Dies ganz besonders in den USA, die erst 1913 eine Zentralbank gründeten: Die „Fed“. Ab diesem Datum datieren viele Vulgäraustrians den monetären Weltuntergang. In Wahrheit waren die Amerikaner finanztechnisch rückständige Nachzügler; die europäischen Länder hatten damals bereits seit Jahrzehnten Notenbanken.
Im Übrigen widerspricht sich Baader selber, wenn er (nachfolgend) zutreffend schreibt: „auch unter der Ägide des klassischen Goldstandards [gab es] wiederkehrende Zyklen von Aufschwung und Abschwung“.
 
„… das einzig wahre Geld und die einzige der Reichtumsmaschine Marktwirtschaft wesensgerechte Währung – nämlich die Goldwährung“. (2003) Dass Baader unter „Goldwährung“ ein ‚Vollgold-Geld‘ versteht, ergibt sich aus einem Zitat von 2004 (meine Hervorhebungen): „… leider findet sich auch unter den Ökonomen, die eine Rückkehr zum Goldgeld befürworten, nur eine Handvoll, welche die Idee eines rein privaten Goldgeldes mit 100%-Deckung der ausgegebenen Goldzertifikate vertreten. Die meisten gold bugs [Goldfans oder Goldnarren – br.] wollen zum klassischen Goldstandard zurück, wie er in etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in den wichtigsten Industrienationen geherrscht hat. Dieser hat zwar unvergleichlich viel besser funktioniert als unser gegenwärtiges Chaos des vom permanenten Kaufkraftzerfall geprägten fiat money, aber er hatte zwei entscheidende Schwächen:   1) stand der klassische Goldstandard unter Staatshoheit, weshalb er auch sofort abgeschafft werden konnte, sobald er der staatlichen Machtexpansion im Wege stand; und   2) war er (weil nicht privater Natur) ein Fractional Reserve Standard, d. h. er beruhte auf dem System von Bruchteils-Goldreserven [falsch: für Buchgeld gab es gar keine Goldreserven!] im Kreditwesen der Banken. Und das hatte zur Folge, daß auch unter der Ägide des klassischen Goldstandards wiederkehrende Zyklen von Aufschwung und Abschwung, von boom and bust, von Euphorie und Krise aufgetreten sind.“
Dass im Goldstandard   a) überhaupt nur Banknoten gedeckt waren, und diese   b) nur teilweise (und c., was Baader und viele andere unterschlagen: die schon damals sehr viel größere Buchgeldmenge gar nicht!) hat natürlich gar nichts damit zu tun, dass die Basisgeldschöpfung damals in staatlicher Hand lag. [Baader wie auch andere „Austrians“ unterscheiden selten zwischen Basisgeld und Bankengeld. Dadurch verschleiern sie, dass der allergrößte Teil der Geldmenge – das Bankengeld - gar nicht von den Zentralbanken geschöpft wird, sondern von den Banken, also durch Marktvorgänge und von der „freien Wirtschaft“.] Vielmehr war die vorhandene Goldmenge schon zu jener Zeit viel zu gering, um die Menge der Transaktionen im Handels- und Finanzwesen abzudecken. Bereits 1876 hatte ein gewisser William Berkey (offenbar aus amerikanischer Perspektive) in seinem Buch „The Money Question. Paper Monetary Systemberichtet: „Population, commerce and trade have long ….. outgrown the world’s supply of the precious metals.”
Es lohnt sich übrigens, dort noch etwas weiter zu lesen. Denn schon zu jener Zeit hatte er erkannt, dass das Goldgeld (weil knapp) keineswegs den Wohlstand aller fördert, sondern die Geldbesitzer begünstigt und die Anbieter von Arbeitskraft, aber auch von Gütern, benachteiligt (so jedenfalls interpretiere und ergänze ich seine folgenden Ausführungen; meine Hervorhebungen):
Bank notes, it will be perceived, are purely an offshoot or development of the credit system, invented to remedy the want of an adequate medium of exchange. [Darüber, ob sie zu diesem Zweck ERFUNDEN wurden, kann man vielleicht streiten. Aber zumindest wurden sie schon kurz nach ihrer Erfindung in diesem Sinne benutzt, als die Goldschmiede mehr ‘Lagerquittungen’ ausgaben, als sie Goldbestände hatten. Und auch logisch sind Banknoten, also "Zettelgeld" eine Folge von Kreditgewährung: Vgl. das Modell oben.]  In this manner a monetary system of a peculiar character has been developed in Great Britain, which has exercised a powerful influence upon the destinies of the people of that kingdom and also upon the rest of the world.  The monetary system thus developed in Great Britain, although based on specie, is made up almost wholly of credit.  The statement of Sir John Lubbock, given on page 48, shows that of £19,000,000, paid into his bank in a few days, only one-half of one per cent. consisted of coin.  Every dollar in coin in Great Britain thus becomes the basis of an immense superstructure of credit.  Gold coins are the legal tender money of the country, silver being a tender only for small sums.  As the exchanges of the country are carried on with a medium of exchange only a small percentage of which is coin, whenever a stringency occurs, or a want of confidence prevails, which inevitably happens as soon as the credit of the nation becomes fully inflated, everybody seeks to obtain possession of this small percentage of the circulating medium, which alone is a tender in payment of debts.  Coin consequently rises in value and is no longer a proper measure of other values.  In this respect at least, its functions as money are totally perverted.  Money thus instituted is given a tremendous power over property and labor, and the whole tendency of the system is to make the rich richer and the poor poorer.  The system, however, is in accord with the views held by the aristocratic or governing class of Great Britain, and finds its champions in a school of political economists, who profess to believe, and strive to inculcate, the doctrine that it is natural and proper that poverty and want and disease and misery should be next door neighbors of wealth and unbounded prosperity.  It is due chiefly to this system of money that such great extremes of wealth and poverty are to be found in Great Britain”.
Hier hat also bereits vor 150 Jahren jemand exakt beschrieben, was das geheime Ziel auch der „Libertär-Austrianer“ („Austrians“) ist!
 
Aber weiter mit Baader. Wenn man dessen Zitate über das Geldwesen liest, gewinnt man den Eindruck, dass er selber keinerlei konsistente Vorstellungen davon hatte, sondern jeweils nachgeplappert hat, was er aktuell gerade aufgeschnappt hatte So schrieb der anno 2004:
Die Rückkehr zu einem staatlich geregelten Goldstandard zu fordern, wäre närrisch. Dieses System hat im 20. Jahrhundert in hundert Prozent aller Fälle versagt.
Im März 2008 hieß es dann:
Es gab ….. vor dem 1. Weltkrieg ein Jahrhundert des gesunden Geldes. In diesem Jahrhundert erhöhte sich der Reichtum der Welt mehr als in allen vorangegangenen Zeiten der Menschheit. In diesem Jahrhundert des Goldes hat der Staat das Geld und den Kredit nicht manipuliert.“ Dabei hatte Baader 2004 (s. o.), den Goldstandard als „Fractional Reserve Standard“ bezeichnet und für Krisen verantwortlich gemacht: „… d. h. er beruhte auf dem System von Bruchteils-Goldreserven im Kreditwesen der Banken. Und das hatte zur Folge, daß auch unter der Ägide des klassischen Goldstandards wiederkehrende Zyklen von Aufschwung und Abschwung, von boom and bust, von Euphorie und Krise aufgetreten sind.“
Nachdem sich der Reichtum seit dem Ersten (und insbesondere seit dem Zweiten) Weltkrieg weitaus mehr erhöht hat „als in allen vorangegangenen Zeiten der Menschheit“, und das für weitaus mehr Menschen, beweist die Baadersche Art von Beweisführung, dass das Papiergeldsystem unschlagbar wohlstandsfördernd ist. Man hätte erwarten können, dass diese Widersprüchlichkeit Baader auffällt und er sich damit auseinandergesetzt hätte. Aber dafür hätte er ja noch weiter denken müssen als von Zwölf bis Mittag: Das kann man „Österreichern“ nicht zumuten! Wieso sollte jemand nachdenken, wenn er doch einen gefestigten Glauben hat? Credo, quia absurdum est! Von Fakten lassen Libertäre sich nicht verwirren: Umso schlimmer für die Wirklichkeit, wenn diese es wagt, anders zu sein, als sie der ideologischen Konstruktion nach sein müsste!
(In diesem Artikel von 2008 war sich Baader übrigens auch „sicher, dass die Domäne des reinen Papiergeldes die nächsten 10 Jahre nicht überleben wird“. 😊)
 
Das am Markt entstandene Geld, also letztlich die Gold- und Silberwährungen, waren gesundes Geld; das uns vom staatlichen Gewaltmonopol aufgezwungene, durch nichts gedeckte Papiergeld, das fiat Money, ist krankes Geld.
Welche „Gold- und Silberwährungen“ er meint, weiß man nicht; vermutlich denkt er an den Goldstandard. Falsch ist die nicht nur von ihm, sondern von allen „Austrians“ gebetsmühlenartig wiedergekäute Behauptung, wonach das Fiatgeld durch nichts gedeckt sei: Tatsächlich ist es durch den „Rückleistungsdruck“ gegen die Kreditnehmer gedeckt: Vgl. z. B. meinen Blott „Wessen ‚Schuldschein‘ ist das Geld?“ (1.2.16).
 
So wenig wie irgendjemand – auch nicht der klügste Mensch der Welt – wissen kann, was der «richtige Preis» und die «richtige Menge» und die «richtige Art» des Käses ist, der in einer Volkswirtschaft benötigt und gewünscht wird, so wenig kann jemand wissen, was die entsprechend richtigen Parameter für Geld und Kredit sind. Herausstellen kann sich das nur auf freien Märkten.“ (2010)
Bei seinem Schwärmen über das Goldgeld gewinnt man freilich den Eindruck, dass er eben dieses vom Staat einführen lassen will. Und das wäre das Gegenteil von „freien Märkten“.
 
Freilich schrieb Baader im selben Jahr 2010 auch (meine Hervorhebung):
Free Banking bezeichnet ein Geldsystem ohne Zentralbank, bei welchem die Ausgabe von Bargeld und Depositengeld Privatbanken überlassen wird – und dies ohne gesetzliche Vorgaben oder Beschränkungen.“ Und: „Das Free Banking ist ein System, das sich spontan am Markt entwickelt – eine natürliche Geldordnung. Es bedarf keines Goldstandards und keiner 100%-Deckung der Bankeinlagen.
Da schau her: Wenn Geld von Privaten nach Lust und Laune in die Welt gesetzt werden kann, dann braucht es plötzlich keine Deckung mehr? Dann ist es nicht „betrügerisch“, wenn es aus dem Nichts geschaffen wird? Oder wie sonst sollen diese Banken nach Baaders Vorstellung Geld schaffen? Darüber hat er sich offensichtlich keine Gedanken gemacht.
 
„.Im Wettbewerb der verschiedenen Bankunternehmen beim Free Banking haben Edelmetalle als Einlösemedien natürlich stets eine Rolle gespielt, und die Gold- und Silbermünzen haben das System gestützt, aber eines Reservenautomatismus wie beim Goldstandard bedurfte es nicht. Der entscheidende Fehler bei unserem Falschgeldsystem, dem fiat Money mit staatsgelenktem Zentralbankwesen, ist nicht so sehr die Tatsache, dass es sich um Papiergeld handelt, als vielmehr der Umstand, dass wir es mit einem gesetzlichen Zwangsgeld zu tun haben, dass es zu ihm also keine Alternative gibt.“ (2010)
Dabei hatte er oben noch behauptet, im Goldstandard sei das Geld nur deshalb nicht voll gedeckt, weil es ein staatliches, kein privates System gewesen sei? Jetzt soll plötzlich das Fiatgeld („Papiergeld“) als solches gar kein Problem sein, sondern lediglich der Umstand, dass es sich um „gesetzliches Zwangsgeld“ handelt? Aber das „Falschgeldsystem“ war doch eigentlich das Papiergeldsystem? Wieso ist privat produziertes Papiergeld plötzlich KEIN „Falschgeld“ mehr?
 
Konsistenz ist nicht Baaders Stärke; 2012 heißt es wiederum:
Bei echtem Geld (Goldgeld) wäre Geld- und Zinspolitik vollständig überflüssig.“
Hier sind Ausführung von Kristof Berking, selber ein „Austrian“, interessant. Der hat im August 2011 als freier Redakteur des Smart Investor Magazins das Sonderheft „Gutes Geld – Wie Geld in die Welt kommt, woran das herrschende System krankt und was eine gesunde Geldordnung ausmacht“ herausgegeben. Das Heft besitze ich nicht, jedoch sind das Vorwort (auch bei Amazon nachzulesen), Inhaltsverzeichnis und - worum es hier geht - der Beitrag „Der Gold-als-Recheneinheit-Standard. Wie eine Vielzahl privater Währungen mit einer einzigen Recheneinheit vereinbar ist“ von Berking online verfügbar. Obwohl auch er ein irgendwie am Gold verankertes Geldsystem fordert (worauf ich hier nicht weiter eingehe) realisiert er immerhin, dass Geld der Wirtschaft dienen und deshalb die Geldmenge flexibel sein muss – und dass ein Goldgeldsystem im Sinne Baaders eine Volkswirtschaft vor die Wand fahren würde. Nachfolgend die entsprechenden Textauszüge (meine Hervorhebungen):
„[Es wird gesagt] Preisdeflation [sei] nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. … das ist richtig, denn wenn Güter durch eine Effizienzsteigerung der Produktion allgemein billiger werden, wie dies in der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert der Fall war, so ist das nur normal und erfreulich … . ….. Aber: Es wäre auch nicht richtig, eine Preisdeflation mutwillig herbeizuführen, indem man die Geldmenge künstlich etwa auf die vorhandene Menge Gold fixiert, während zum Beispiel die Weltbevölkerung wächst oder die Nachfrage nach einem allgemeinen Tauschmittel, also Geld, aus anderen Gründen steigt …..“. ….. Wie groß die Geldmenge sein muss, soll … allein Angebot und Nachfrage bestimmen und nicht ein Monopol, weder durch ungedeckte Geldmengenvermehrung ….., noch durch Fixierung der Geldmenge auf einen einzigen Rohstoff, was eine Preisdeflation künstlich verursachen könnte. Bereits dies ist ein hinreichender Grund, die Wiedereinführung eines gesetzlichen Goldstandards abzulehnen. Es gibt aber noch weitere Gründe. Wenn der Staat vorschreibt, dass nur Gold als Geld zu verwenden ist, dann entsteht ….. das Problem der Hortung. Da in einer arbeitsteiligen Wirtschaft jeder zum Wirtschaften auf Geld angewiesen ist, wird es für die Goldbesitzer attraktiv, das Gold zurückzuhalten ….. . ….. Da die Verfügung über das bereits vorhandene Gold und die Goldminen heute nicht gleichmäßig über die Welt verteilt ist, wäre es auch aus geopolitischen Gründen bedenklich, sich der Möglichkeit zu berauben, etwas anderes als Gold als Geld zu verwenden. ….. Vermutlich ist auch tatsächlich nicht genug Gold vorhanden, um alles Geld der Welt zu decken, ohne dass dadurch die Kaufkraft des Goldes extrem ansteigen würde. ….. Die Geldmenge muss nach Bedarf der Menschen und des Marktes wachsen und schrumpfen können. ….. Wie oben ausgeführt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass zu der realistischen, aus der Geschichte bekannten Kaufkraft des Goldes genügend Gold vorhanden ist, um den globalen Bedarf an allgemeinem Tauschmittel zu decken, zumal das Goldgeld in gewissem Grade auch als Wertaufbewahrungsmittel dem Geldkreislauf entzogen werden kann [und ebenso als Schmuck und zu technischen Zwecken – erg. br.].“
Darin hatte ich mich mit 3 Büchern (davon 2 Gemeinschaftsarbeiten) von 5 Austrians auseinandergesetzt und deren begriffsmagisches Denken kritisiert:
1.     Thorsten Polleit [zu diesem s. a. oben] und Michael Prollius, "Geldreform. Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld"
2.     Thomas Mayer, "Die neue Ordnung des Geldes. Warum wir eine Geldreform brauchen",  [Mayer war mal Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Gleichwohl hält er die kreditäre Geldschöpfung für ein Übel. Ihre ökonomische Ratio (Güterdeckung der Geldemission durch „Rückleistungsdruck“!) versteht er nicht und will uns stattdessen mit Willkürgeld „beglücken“.]
3.     Philipp Bagus und Andreas Marquart, "Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden ... und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen".
 
 
Nach diesem großen „Ausflug“ in die Welt der „österreichischen“ Geld-Denke verstehen wir (hoffentlich) besser, was Krall (und Baader) wirklich wollen: Ein Rentiers-Paradies, wo das Geld knapp ist und sie risikolos und inflationsfrei von anderen Menschen Zinsen abkassieren können. Für wirkliche Leistungsträger dagegen ist eine leichte Inflation kein Problem: Als Arbeitnehmer bekommen sie Gehaltserhöhungen; als Unternehmer haben sie ihr Geld in Fabriken investiert und können die Preise für deren Produkte (und damit auch ihren „Unternehmerlohn) entsprechend der Inflation erhöhen.
 
Schauen wir uns Kralls Vorstellungen aber im Detail an, um zu sehen, ob sie überhaupt realisierbar wären. Er hatte gefordert, „ein transparentes und betrugsfreies Geldsystem … etablieren“ (s. o.). Dann fährt er fort:
(42:44) „Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Wettbewerb oder Goldstandard oder beides. Geld muss wertstabil, nicht beliebig vermehrbar und knapp sein, sonst ist es kein Geld, sondern ein Instrument der Beraubung durch Inflation und Manipulationszins. Es genügt nicht, eine unabhängige Zentralbank zu haben: Der Bürger muss sich darauf verlassen können, dass es überhaupt keine Zentralbank gibt, die der Versuchung erliegt, Geldpolitik zu machen. Geldpolitik ist schon per se und als Idee verwerflich.
Obwohl beim Goldstandard die in den Notenbanken vorhandene Goldmenge lediglich die ausgegebenen Banknoten decken würde, und selbst die nur zu einem mehr oder weniger großen Bruchteil, wäre er im Prinzip geeignet, die Geldmenge zu beschränken (auch wenn man die Menge nicht im Voraus berechnen kann). Bei einem „Wettbewerbsgeld“ ist nicht einmal das der Fall; das wäre genauso beliebig vermehrbar wie das gegenwärtig „vom Staat“ (also den Zentralbanken) geschaffene Basisgeld und das von den Banken geschöpfte Bankengeld. (Wobei letzteres allerdings, im Prinzip wie beim Goldstandard, durch die Menge des Basisgeldes beschränkt ist, aber die Grenze ebenfalls nicht vorausberechnet werden kann.) 
Das „Wettbewerbsgeld“ („Free Banking“) ist ein Mythos der Austrians. Wirklich intensive Gedanken macht sich darüber kein einziger von denen – mit einer Ausnahme. Friedrich August von Hayek hatte 1974 einen Vorschlag für ein Parallelwährungssystem (Konkurrenzwährungssystem) erarbeitet, dessen Ziel eine bis auf minimale Schwankungen praktisch absolute Geldwertstabilität ist. Das der freilich nicht so funktionieren kann, wie vom Autor erwartet, habe ich in meinem Blott „Nobelpreis schützt vor Torheit nicht: Warum Friedrich August von Hayeks „Denationalisation of Money“ ein ‚Design for Disaster‘ ist“ (03.02.2017) nachgewiesen.
So sehr die „Austrians“ dem „Markt“ huldigen: Dass Geld eine DIENENDE Funktion für die REALWIRTSCHAFT hat, und dass folglich das Geldsystem flexibel sein muss, um sich den Erfordernissen der REALWIRTSCHAFT anzupassen, liegt jenseits des „österreichisch-“ libertären Horizontes (mit Ausnahmen: vgl. oben zu Kristof Berking). Deren Gesichtskreis ist rein mikroökonomisch und beschränkt sich darauf, selber möglichst viel Geld zu sparen und damit von anderen irgendeine Form von „Renten“ (Renditen) zu kassieren. So sehr die „Austrians“ davon schwafeln, dass sich ‚ehrliche Arbeit wieder lohnen müsse‘, wollen sie doch in Wahrheit nur auf anderer Leute Kosten reich werden. Und verklären dafür z. B. auch ihre Börsenspekulationen (die ihnen im Rahmen des derzeitigen Geld- und Ordnungsrahmens gerne gegönnt seien!) als „Investition“ und als ‚ehrliche Arbeit‘. Nicht wenige von denen spekulieren freilich darauf, dass Gold auf irgendeine Weise als Geld eingeführt wird und dann gigantisch an Wert gewinnen würde. Die Kehrseite wäre eine gigantische Deflation und eine Wirtschaftskrise von nie dagewesenen Ausmaßen.
Und dass Konkurrenzwährungen (ohne Goldstandard) nicht beliebig vermehrbar wären, ist ein Schmarrn. Auf welche Weise, wenn nicht ebenfalls „ex nihilo“, sollten die „freien“ Banken denn überhaupt Geld schöpfen können? Übrigens waren es in den USA die Banken, also „der Markt“, die auf die Einrichtung einer Zentralbank gedrängt haben (die dann natürlich der Staat umsetzen musste) – nachdem das Land 1907 knapp an einer (weiteren) großen Finanzkrise vorbeigeschrammt war!
 
Dass die Geldpolitik der Notenbanken in den entwickelten Ländern außerordentlich erfolgreich war, hatte ich oben schon mehrfach gezeigt: Zwischen 1945 und 2007 gab es in diesen Ländern keine ernsthaften Finanz- und Wirtschaftskrisen, und die Krise von 2007 haben die Zentralbanken ebenfalls bewältigt. Und das gegen die Prognosen (und sehr zum Verdruss) der „Austrians“, die ihre kruden „Lehren“ gerne durch einen großen Crash bestätigt gesehen hätten. (Dessen bisheriges Ausbleiben ihre gewissermaßen satanistische Erwartungshaltung jedoch keineswegs beeinträchtigt.)
Jedenfalls ist es empirisch schlicht falsch, wenn Krall behauptet, die Geldpolitik sei erfolglos geblieben:
(43:13) „Geldpolitik ist entweder der Versuch der Beraubung des Sparers, oder dem Wahn geschuldet, die Zentralbank könne in positiver, nicht zerstörerisch wirkender Weise auf die Wirtschaft Einfluss nehmen, indem sie das Geld manipuliert. Das ist ein Aberglaube, der auch nicht dadurch zur wissenschaftlichen Wahrheit befördert wird, dass wir mit ihm aufgewachsen sind.
In einer Wahnwelt, welche die Fakten konstant ignoriert, leben nur der Herr Dr. Krall, die Krallokraten und die sonstigen libertär-„österreichischen“ Monetärtheologen selber.
 
 
(43:32) „Nur ein Goldstandard mit Verfassungsrang und der Macht der Politik entzogen Treuhändern oder ein Wettbewerb privat organisierter Währungen, bei der sich wahrscheinlich auch ein Goldstandard durchsetzen würde, kann dies auf Dauer garantieren.“
Logisch, dass der Gold-Verhökerer Krall seinen Jüngern ständig die Karotte des Goldstandards vor die Nase hält: Auf dessen Einführung und die damit zwangsläufig verbundene gigantische Preissteigerung ihrer Goldbestände spekulieren diese emsigen „Leistungsträger“ ja. So könnte man über Nacht und ohne Mühe richtig reich werden; dass die Anbieter von Gütern und Arbeitskraft im Gegenzug dadurch richtig arm würden, interessiert sie nicht: Eigene Schuld, wenn man zu dumm ist, sich auf anderer Leute Kosten zu bereichern!
Dass in einem bloßen GoldSTANDARD fast die gesamte Geldmenge ebenfalls „Betrugsgeld“ wäre, begreifen Krall und die anderen Austrians schon deshalb nicht, weil sie ihre (unterschiedlichen und sogar kontradiktorischen, aber sämtlich „genialen“) Geldsysteme überhaupt nicht tiefer durchdenken. Das gilt noch mehr für die geforderten Wettbewerbswährungen: Hayek hat diese für wünschenswert (und möglich) erklärt, dann passt das schon. Schließlich hat der doch einen Nobelpreis erhalten? (Dass er sich den mit jemand anderem teilen musste und dass er ihn keineswegs für eine konkrete wissenschaftliche Leistung erhalten hat, sondern nur in Anerkennung seines Lebenswerkes, wird verschwiegen – und ist den allermeisten Adepten sicherlich nicht einmal bekannt.) Eigenes kritsches Nachdenken? Fehlanzeige!
 
 
 
(43:44) „Damit kommen wir zum Steuersystem und zu den Aufgaben des Staates. In Deutschland haben wir Dutzende von Steuern und Abgabenarten. Wir besteuern die Leistungen, also Einkommen und Lohn, Gewinn und damit letztlich Fleiß.
Nicht überraschend stellt Krall auch Gewinne als ein Ergebnis von Leistung und Fleiß dar. Damit ist zum einen die Zurechnung von (ggf. gigantischen) Unternehmensgewinnen auf einen oder wenige Eigentümer genauso geheiligt, wie leistungslose Einkommen von Erben. Und ebenso natürlich  Spekulationsgewinne. Auch an dieser Stelle zeigt sich also seine klammheimliche Gleichsetzung von „Leistungsträgern“ mit Reichen. Ob die überhaupt irgendeine eigene Leistung für ihren Vermögenserwerb aufwenden mussten, interessiert die Krallisten und Dagobertisten nicht: Sie streben nicht nach Erkenntnis; sie wollen lediglich Kohle krallen. So viel wie nur irgend möglich, und diese ungeschmälert an ihre Kinder weitergeben.
 
 
(44:13) „Am Beispiel des Tabaks wird das mit den hohen Kosten für die Krankenkassen begründet. Aber Hand aufs Herz: Fließt etwa die Tabaksteuer in die gesetzliche Krankenversicherung und würde eine private Versicherung nicht viel bessere und effizientere Anreize für ein gesundes Leben im wettbewerblichen Prozess entwickeln als der an seiner überbordenden Weisheit erstickende Gott der anmaßenden Bürokratie?
Krall hat Recht, dass bei der Tabaksteuer Gesundheitsargumente für fiskalische Zwecke vorgeschoben werden. Aber ansonsten: Private Krankenversicherungen gibt es längst; in den USA sind die noch weiter verbreitet als hier. Haben diese Versicherungen hüben und drüben bereits substantielle Anreizsysteme für ein gesundes Leben entwickelt, Herr Dr. Krall? Und sind sie billiger als Gesundheitsleistungen der Pflichtversicherung? Beides, soweit ich weiß, Nein! Und das stärker privatwirtschaftlich organisierte US-Gesundheitssystem verschlingt exorbitante Teile des Volkseinkommens, weitaus mehr, als unser mehr staatlich geprägtes Gesundheitswesen. (Zum „Ausgleich“ ist es im Gesamtergebnis ineffizienter.)
Aber auch hier gilt: Umso schlimmer für die Fakten, wenn sie sich partout nicht ins ideologieversiffte Weltbild einordnen wollen!
 
 
 
(44:33) „Das Sammelsurium der Abgaben kommt immer mit dem Mantel einer angemaßten höheren Moral daher. Seine tiefere Motivation ist aber die Beraubung der Leistungsträger die Verteilung der Früchte der Arbeit unter den Faulen im korrupten Tausch gegen deren Wählerstimmen.
Leistungsträger“ wird, wie oben gezeigt, in der schönen neuen Krallistensprache zur Bezeichnung für die Besitzenden. Leistungslose Gewinne sind dementsprechend „Früchte der Arbeit“.
Die „Faulen“ sind für Krall offenbar alle Transferempfänger, denn denen will er ja das Wahlrecht klauen. Also Arbeitslose, „Aufstocker“, BAföG-Bezieher, Kindergeldempfänger, Kranke, Rentner, Wohngeldempfänger usw.
 
 
 
(44:48) „Dieser Vorgang [also die „Beraubung der Leistungsträger“] degradiert das demokratische Prinzip und die demokratische Wahl und macht sie zu einem Vertrag zu Lasten Dritter.
Auch wenn ich diese Meinung nicht teile: Für – höhere – Arbeitsentgelte kann man das allenfalls so sehen. Aber bei Krall besteht „Leistung“ ja schon darin, dass man Gewinne einkassiert – mit oder ohne irgendeine eigene Leistung. Er unterstellt damit implizit, dass Eigentümer einen quasi natürlichen Anspruch darauf haben, andere für sich arbeiten zu lassen und die Gewinne einzusacken. Das ist nicht unproblematisch: Unabhängig davon, dass beispielsweise ein Bill Gates sehr verantwortungsvoll und sozial mit seinem Vermögen umgeht: Hat er wirklich seine 100 Milliarden (oder wie viel auch immer) seiner „eigenen Leistung“ zu verdanken? Da haben noch einige andere dran mitgeschafft. Und wenn er das (mehr theoretische) Risiko eines totalen Vermögensverlustes getragen hat: Die Arbeitnehmer hatten das sehr viel größere Risiko eines Arbeitsplatzverlustes.
Im Eintrag „Redistribution” der Stanford Encyclopedia of Philosophy formuliert der Autor in seiner „Conclusion“ denselben Einwand (meine Hervorhebung):
“….. couching discussions of distributive justice in terms implied by redistribution smuggles in associations of forceful takings and rights infringements ….. . Moreover, focusing on the permissibility of ‘helping’ and ‘aiding’ poorer people through ‘redistributive’ transfers seems tacitly to accept the existing distribution of holdings as a morally unproblematic benchmark. This focus will tend to privilege the status quo, and foster resistance to more egalitarian social arrangements.
Auf den Punkt gebracht: Die Verwendung des Begriffs „Umverteilung“ gibt der Debatte von vornherein einen negativen Drall („Framing“), weil sie die Assoziation des Wegnehmens und der Verletzung von (Eigentums-)Rechten heraufbeschwört.
Indem man die Debatte auf die „Zulässigkeit“ von „Transfer-“Leistungen einschränkt, blendet die Frage nach der Legitimität der jeweils präexistenten Vermögens-(und Einkommens-)Verteilung aus.
 
 
(44:54) „Er [der Vorgang, also die angebliche „Beraubung der Leistungsträger“] ersetzt die Demokratie durch eine Ochlokratie.
Der Wikipedia-Eintrag erklärt zum Stichwort „Ochlokratie“: „Der Begriff wurde durch den Historiker Polybios … in die antike griechische Staatstheorie eingeführt. In seinem Verfassungskreislauf stellt er die Ochlokratie als Verfallsform oder ‚Entartung‘ der demokratischen Staatsform dar. Dabei geht die Orientierung am Gemeinwohl verloren, stattdessen bestimmen Eigennutz und Habsucht das Handeln der Bürger.“
Legt man diese Definition zu Grunde, dann streben die habsüchtigen Krallokraten eine Ochlokratie an. Womit sie die von Polybios postulierte zeitliche Abfolge bestens bestätigen würden. (Aber für die Krallisten sind natürlich nur die Armen habsüchtig; sie selber und die Reichen haben’s ja – und selbstverständlich alles irgendwie ausschließlich aus eigener Leistung geschaffen.)
 
 
(44:59) „Das Ergebnis ist, dass die Steuern und Abgaben viel zu hoch sind und mit knapp 1,4 Billionen Euro über 40 Prozent der Wirtschaftsleistung abschöpfen.
Im Bereich der ABGABEN kommt es nur bedingt zu einer Umverteilung. In der Renten- und Arbeitslosenversicherung geschieht das allenfalls geringfügig. In der Krankenversicherung kommt es tatsächlich zu einer „Umverteilung“, weil die Beiträge für jeden in gleicher Höhe erhoben werden, sondern nach Arbeitseinkommen – und trotzdem alle das gleiche Schutzniveau haben. Wenn Krall diese Solidarkasse abschaffen will, muss er sich fragen lassen, ob er überhaupt auch für diejenigen, die wenig verdienen, eine Krankenversicherung mit vollen Leistungen vorsieht. Und, wenn ja, wer das bezahlen soll. Das wäre dann eine „Transferleistung“ – und somit wäre dieser gesamte Personenkreis schon mal vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil er ja bei anderen – Versicherten oder Steuerzahlern – ‚schmarotzt‘. Diese Frage stellt sich dann nicht nur für Arbeiter und Angestellte, sondern auch für wenig verdienende Beamte. (Die Frage des Lastenausgleichs für Familien stünde ebenfalls im Raum; die klammere ich aber hier mal aus.)
Und pikanter Weise sind ausgerechnet diejenigen, die Krall als (tatsächliche und angebliche) „Leistungsträger“ schützen will, aufgrund von Pflichtversicherungsgrenzen bzw. mangels Beitragspflicht (Krankenversicherung) von dieser Umverteilung ohnehin weitestgehend ausgenommen.
Vor allen Dingen wäre die Abschaffung der Sozialabgaben für die Beitragspflichtigen insgesamt ein Nullsummenspiel: Sie müssten sich dann ja privat versichern. (Was mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit sogar weitaus teurer wäre, denn „Bürokratie“ gibt es, notwendiger Weise, nicht zu knapp auch im privaten Wirtschaftssektor. Auch wenn sie dort „Verwaltung“ („Verwaltungskosten“) heißt. Und bei der Altersvorsorge müssten sie auch noch ein großes "Schwankungspolster" für konjunkturelle Achterbahnfahrten einbauen.
 
 
 
(45:06) „Zunächst müssen daher alle Steuern ersatzlos abgeschafft, werden, die den Anreiz zur Leistung mindern. Das betrifft die Einkommensteuer, die Abgeltungssteuer den Solidaritätszuschlag, die Reichensteuer, die Lohnsteuer, die Gewerbesteuer, die Körperschaftssteuer und die Kirchensteuer. Das sind 427 Milliarden Euro ….. jährlich. (45:26) Zweitens müssen alle Bagatellsteuern und Willkürsteuern abgeschafft werden, ….. . Das sind die Biersteuer, die Steuern auf Kaffee, den Luftverkehr, Wetten und Glücksspiel, und den Schaumwein vulgo Sekt, und das sind weitere fünf Milliarden Entlastung.
Die jährlichen Steuereinnahmen beliefen sich in Vor-Corona-Zeiten auf ca. 800 Mrd. €. Krall will diese um ca. 430 Mrd. € reduzieren; es würden somit nur noch ca. 370 Mrd. € FÜR ALLE STAATLICHEN EBENEN verbleiben. Die würden aus Verbrauchssteuern (und Zöllen) finanziert. Davon wären die Unterschichten in doppelter Hinsicht überproportional betroffen:
  • Vom Wegfall der direkten Steuern profitieren sie relativ wenig bis gar nicht, weil sie absolut und prozentual zum Einkommen wenig oder gar keine Einkommensteuern gezahlt haben.
  • Die Verbrauchsbesteuerung belastet diejenigen Schichten, die mehr oder weniger ihr gesamtes Einkommen wieder ausgeben müssen, proportional stärker als diejenigen, welche den größten Teil ihres Einkommens sparen.
Krall würde wahrscheinlich entgegnen, dass dafür ja auch bei den Kleinverdienern die direkten Steuern entfallen. Soweit solche überhaupt gezahlt wurden, sieht das auf den ersten Blick wie ein gutes Argument aus. Dabei wird aber übersehen, dass Krall auf der anderen Seite die STEUERN MASSIV ERHÖHEN würde.
Das sagt er zwar nirgends; und wenn man sich auf den Ausdruck „Steuern“ kapriziert, stimmt es auch nicht.
Aber indem er das Schulwesen und die Infrastruktur vollständig oder weitestgehend privatisieren will, sollte klar sein, dass die Bürger die insoweit benötigten Leistungen zukünftig bei den privaten Eigentümern KAUFEN müssen. Das nennt man dann zwar nicht „Besteuerung“; vom Ergebnis her läuft es jedoch darauf hinaus, dass ein substantieller Teil der entfallenen Steuern dann in anderer Weise bei den Bürgern als Kosten anfallen würden. Darüber spricht Krall nicht; er will ja schließlich seine Anhänger einlullen und nicht mit irgendwelchen Kosten-Nutzen-Analysen langweilen: Hat Jesus auch nicht gemacht; und in beiden Fällen sind die Anhänger davon überzeugt, dass ihr Messias sie ins Himmelreich führen wird.
Es ist natürlich ein Märchen, dass die Besteuerung von Kapitalerträgen irgendeine LEISTUNG ver- oder behindern würde. Doch mochte der Redner sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, seinen Hörern wieder einmal das Mantra der Kapitalinteressen unterzujubeln, wonach sogar das Couponschneiden eine „Leistung“ sei!
 
Jenseits aller sozialen Überlegungen zur relativen Verteilung der Steueraufbringung wäre eine Höherbelastung der Bessergestellten selbst dann eine Frage der Gerechtigkeit, wenn man diese auf eine Kosten-Nutzen-Betrachtung beschränken wollte. 
Wer mehr hat, profitiert stärker von der inneren und äußeren Schutzfunktion des Staates und von der Gewährleistung von Rechtstaatlichkeit. Von daher ist es nur recht und billig, wenn diese Kreise auch höher besteuert werden. Das ist bei einem allein aus Verbrauchssteuern finanzierten Fiskus nicht der Fall. Zwar darf man typisierend unterstellen, dass die Wohlhabenden in absoluten Beträgen auch mehr Geld für ihren Konsum ausgeben als die Ärmeren. Aber das tun sie nicht notwendig in jenem Lande, aus dem sie ihre Profite ziehen. Vielmehr werden sie lustig um die Welt reisen und ihr Geld in fernen Ländern lassen. Während daheim die Arbeitssklaven nicht nur für sie „anschaffen“ sollen, sondern auch noch die Staatsausgaben überproportional finanzieren, die den Reichen jedenfalls beim Besitzschutz mehr als den anderen zugutekommen.
 
Mit seiner Forderung nach Abschaffung der Kirchensteuer beweist sich wieder einmal die Strategie von Krall & Co., sämtliche gesellschaftlichen Leistungen möglichst für lau mitzunehmen. Als „treuer und gläubiger katholischer Christ“ benötigt er die Dienstleistungen dieser Kirche zwar ganz persönlich. Darüber hinaus benötigt er sie ideologisch zur metaphysischen Grundlegung von Eigentum: sozusagen im Bündnis von Tresor und Altar. Aber bezahlen will er dafür nichts, oder allenfalls Pfennige. Sein gesamtes Sinnen und Trachten ist darauf gerichtet, seine Mitmenschen maximal auszubeuten. DAS ist auch sonst sein Verständnis von „Freiheit“ und „Demokratie“: Eine faktisch fast ungehinderte Ausbeutungsmöglichkeit der Arbeitenden durch die Besitzenden! Denn wer kann bezweifeln, dass Krall das, was er mit den Politikern und mit seinen Gottesdienern vorhat, auch gegen die Arbeitnehmer umsetzen will? Denen einfach nur die Sozialleistungen weitestgehend zu entziehen, reicht den Krallisten noch lange nicht: Die würden, wenn man sie denn ließe, nicht eher ruhen, bis sie ihren Sklavenstaat nach antikem Muster verwirklicht hätten. Oder zumindest den Frühkapitalismus wieder eingeführt hätten.
 

(45:40) „Abgeschafft werden sollte auch der Rundfunkbeitrag, denn der Staat braucht keinen sozialistischen Propagandaapparat. Das bringt dem Bürger geschlagene weitere 9,1 Milliarden Euro zurück.
Ich bin selber alles andere als ein Freund derjenigen, die ich häufig als „GEZ-Gebühren-Gier-Ganoven“ bezeichne. Eine komplette Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks würde allerdings nur der Krallokratie in die Hände spielen: Es läge dann völlig im Ermessen der Kapitalbesitzer und damit der Eigentümer der Informationsmedien, mit welchen Informationen sie das Volk versorgen und welche sie ihm vorenthalten möchten. Von den sonstigen Möglichkeiten der Propaganda und Gehirnwäsche ganz abgesehen.
Was die Einnahmen aus den Rundfunkbeiträgen angeht, belaufen sich diese m. W. für 2019 auf ca. 8 Mrd. €. Bei dem Betrag von 9,1 Mrd. € hat Krall vermutlich die Werbeeinnahmen der Sender eingerechnet, was natürlich falsch wäre.
 
 
 
(45:54) „Arbeitslosen-, Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung sollten privatisiert werden, das wird effizienter und besser funktionieren als das Monster der Sozialstaatsbürokratie und eine bessere Leistung mit einem Bruchteil der Kosten zur Verfügung stellen.
Diese Tirade gegen den Sozialstaat basiert auf einer frei zusammenphantasierten Fata Morgana. Faktenferne Schmähworte („Monster der Sozialstaatsbürokratie“) sollen über fehlende (und tatsächlich auch gar nicht erbringbare) Substantiierungen hinwegtäuschen. 
In Wahrheit sind private Krankenversicherungen deutlich teurer als die gesetzliche KV; auf das Negativbeispiel USA hatte ich bereits hingewiesen. Und der Akquise- und Verwaltungsaufwand privater Vorsorgesysteme ist prozentual weitaus höher, als die außerordentlich kostengünstig arbeitende gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland. Man darf aber im Krall-Klüngel nicht wenige Versicherungsvertreter vermuten, die sich naturgemäß weniger für das Volk interessieren als dafür, wie sie ihre Provisionen mehren können.
Gegen eine Privatisierung der Altersvorsorge, die dann nur in Form eines „Kapitaldeckungsverfahrens“ erfolgen könnte, spricht zudem die Tatsache, dass die Zinsen schon jetzt gegen Null gehen. Und dass sie sogar NOCH WEITER SINKEN würden, wenn die Bürger für ihre Altersvorsorge privat sparen müssten: Weil dadurch das Angebot von Ersparnissen immens steigen würde. (Geht man vom bisherigen Volumen aus, um weit über 200 Mrd. € jährlich!) Dieser Zusammenhang nennt sich „Marktmechanismus“. Umso schlimmer für den Markt, wenn die makroökonomischen Wirkzusammenhänge anders funktionieren, als sie nach den mikroökomischen Vorstellungen der libertären Intelligenzija müssten!
 
 
(46:05) „Das Maß der persönlichen Vorsorge sollte im Ermessen des Einzelnen liegen. Er bezahlt, also ist auch mündig genug, das selbst zu entscheiden. Das reduziert die Abgabenlast von Bürgern und Unternehmen um weitere 564 Milliarden Euro. Mehr als eine halbe Milliarde Euro wird so für die private Daseinsvorsorge entfesselt.
Ermessen“ klingt wunderbar freiheitlich; dass dann freilich bei der Kranken- und Pflegeversicherung ein Kleinverdiener genauso viel bezahlen müsste wie die Gutsituierten, verschweigt Krall. Tatsächlich geht es ihm gar nicht darum, „die“ Bürger von Lasten zu befreien: Sondern den Bessergestellten noch mehr Geld zuzuschanzen und die „Kleinen“ noch mehr zu rupfen.
Wenn freilich die Gierschlünde ihre Hälse ums Verrecken nicht voll genug kriegen könnten, dann könnte es eines Tages passieren, dass die anderen, die Opfer, ein wenig an diesen Hälsen zu drehen beginnen. Eben das prognostiziert der US-Milliardär Nick Hanauer in seinem eindringlichen Appell „Beware, Fellow Plutocrats, The Pitchforks Are Coming“ (hier wohl Text der Video-Inhalt als ausgedruckter Text). Seine sozioökonomische Weltsicht bezeichnet Hanauer als „middle-out economics“ (meine Hervorhebung): Middle-out economics rejects the old misconception that an economy is a perfectly efficient, mechanistic system and embraces the much more accurate idea of an economy as a complex ecosystem made up of real people who are dependent on one another.”
Ich halte es für wahrscheinlich, dass Kralls libertäre Rafferpropaganda AM ENDE eher den Boden für mehr Sozialismus bereitet (weil sie einen berechtigten Hass bei den breiten Massen auslöst) und somit geradezu kontraproduktiv wirkt. Dazu noch einmal die Warnung von Nick Hanauer: “Dear 1%ers, many of our fellow citizens are starting to believe that capitalism itself is the problem. I disagree, and I’m sure you do too. Capitalism, when well managed, is the greatest social technology ever invented to create prosperity in human societies. But capitalism left unchecked tends toward concentration and collapse. It can be managed either to benefit the few in the near term or the many in the long term”. Auch in den USA haben immer mehr Bürger die Schnauze voll von einer Gesellschaft, die immer undurchlässiger wird und die die Eltern als „Humankapitalsparer“ maximal ausbeutet, damit die Sachkapitalsparer maximalen Nutzen aus dem arbeitenden Volk ziehen können.
Mit seiner Ankündigung, auch die „Abgabenlast“ der Unternehmen würde sich verringern, verrät Krall seine Absicht, die Arbeitgeberanteile zu den gesetzlichen Sozialversicherungen zu streichen. Folglich will er die Arbeitnehmer um diese Anteile prellen. Danke für diese Aufrichtigkeit, Herr Dr. Krall!
 
Entfesselt“ würde in der Krallokratur nur eines: Die Kreativität der „freien Wirtschaft“, sich von diesem Kuchen möglichst dicke Scheiben abzuschneiden. Dummerweise stünde ihnen dafür nur der HALBE „Kuchen“ zur Verfügung; die Arbeitgeberanteile will Krall den Arbeitssklaven ja krallen.
 
 
(46:24, meine Hervorhebung) „Die Zahlung der bestehenden Rentenansprüche sollte grundlegend reformiert werden. Da das System darauf beruht, dass jeder glaubt, anderer Leute Kinder würden im Zuge des sogenannten Generationenvertrages seine Rente bezahlen, sollten auch nur diejenigen eine volle gesetzliche Rente beziehen, die ihre Funktionsvoraussetzungen erfüllt und mindestens zwei Kinder bis zum Ende der Ausbildung großgezogen haben. Was da noch verbleibt, sollte aus einer privat geführten Rentenkasse gezahlt werden, die mit einer Totalprivatisierung aller staatlichen Vermögenswerte aufgefüllt wird.“
Nur Einfaltspinsel und skrupellose Gauner glauben bzw. wollen ihren uninformierten Mitbürgern weismachen, dass die Erträge im Kapitaldeckungsverfahren von der Anzahl der ‚Kinder‘ [genauer: der Arbeitskräfte; aber das sind ja, wenn Einwanderung ausschließt, die früheren Kinder] in einer Gesellschaft unabhängig seien. Das ist ökonomischer Schwachsinn in Potenz: Vielmehr benötigen BEIDE Finanzierungswege der Renten – Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren – eine ausreichende Anzahl von Arbeitskräften und damit von früheren ‚Kindern‘. (Vgl. dazu näher meinen Blott „Rentendebatte: Lug und Trug der KDV-Klinkenputzer“ vom 06.03.2020.) Freilich würde ein Eingeständnis, dass auch das KDV auf „anderer Leute Kinder“ angewiesen ist, offenlegen, dass eben nicht „das Geld“ arbeitet: Sondern Menschen. Die für eine erfolgreiche Arbeit in einer modernen Wirtschaft natürlich Maschinen usw., also Realkaptal, benötigen. Die jedoch ihrerseits überhaupt nur im Zusammenspiel mit „Humankapital“ Erträge liefern können und somit nur dadurch einen Wert bekommen. Die Kapitalbesitzer haben aber natürlich jedes erdenkliche Interesse daran, ihr Angewiesensein auf „Humankapital“ maximal zu vernebeln.
 
Recht und Gesetz gelten für Krall offenbar nur dann, wenn es um die Belange seiner eigenen Klientel geht. Kinderlosen Rentnern will er die rechtlich bestehenden Ansprüche kurzerhand streichen. Das ist ein skrupelloser Eingriff in bereits BESTEHENDE RENTENANSPRÜCHE, die nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts einen eigentumsähnlichen Charakter haben (begründet durch die früheren eigenen Beitragsleistungen). Wollte der Staat die Besitzenden derart berauben, wäre das für ihn ein unerhörtes Sakrileg. Kein Problem hat er mit einem solchen Diebstahl dann, wenn es um die Arbeitssklaven geht. So müsste z. B. ich als Kinderloser mir mit meinen 74 Jahren in der schönen neuen Welt der Krallokratie  eine Arbeit suchen, weil ich keine oder lediglich eine drastisch geminderte Rente bekäme. Ob er die Rentner zu den „Transferempfängern“ rechnet, weiß ich nicht. Aber insoweit, als Rentner mit weniger als 2 Kindern im Krallokraten-Kosmos ggf. auf Sozialhilfe angewiesen wären, wären sie dann auf jeden Fall solche und somit praktischer Weise vom Wahlrecht und damit von der politischen Mitbestimmung ferngehalten.
 
 
(46:55) „Post, Bahn, große Teile der Verwaltung, Immobilien, Wald- und Grundbesitz, Industriebeteiligungen, Sparkassen, Landesbanken, Infrastruktur, Straßen, Häfen, Flughäfen, Autobahnen Lizenzen, und andere Vermögenswerte werden meistbietend privatisiert, um das zu finanzieren. So wird die nächste Generation von der Last eines unerfüllbaren Generationenvertrages befreit, den sie ohnehin nie unterschrieben hat.
Von dieser Last sind sie mitnichten befreit. Jedenfalls die nach dem Krall-Cut noch verbleibenden Altansprüche an Renten würden faktisch aus neuen „Privatsteuern“ finanziert. Aufgrund der von Krall für die Bezahlung der Altrenten vorgesehenen Privatisierung von Staatseigentum müssten die Bürger für vorher mautlose Verkehrswege usw. Benutzungsgebühren entrichten, was einer Besteuerung wirtschaftlich gleichkommt. [En passant: Genau das ist übrigens auch das Problem bei bzw. der Trick hinter den propagandistisch hochgejubelten „Public-Private-Partnerships“: Im Ergebnis sind diese nichts anderes als eine versteckte Kreditaufnahme des Staates, die von den Bürgern mit versteckten „Privatsteuern“ finanziert wird.]
Ich glaube nicht, dass Krall diese Zusammenhänge vorsätzlich verschweigt: Er denkt schlicht nicht so weit. Das macht die Sache für ihn natürlich nicht besser; es entlarvt seine hämischen Tiraden gegen die Politik(er) als das, was sie sind: Dümmlich-arrogantes Gefasel eines Menschen, welcher die Welt ausschließlich aus seiner Froschperspektive als Goldhöker wahrzunehmen vermag.
 
Ganz unabhängig von seinem o. a. Finanzierungsweg für Altansprüche ist Kralls Behauptung, dass die arbeitende Generation durch den Wegfall des Umlageverfahrens von der Rentenlast befreit wäre, ein Schmarrn. Vielmehr ist es IMMER diese Generation, die dasjenige erarbeiten – und, auf welche Weise auch immer, „abgeben“ - muss, was die Alten verbrauchen wollen. Vom ökonomischen Gesamtergebnis her unterscheiden sich daher Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren gar nicht. Klassisch formuliert ist dieser Sachverhalt in der berühmten „Mackenroth-These“. Die kennt Krall offenbar nicht bzw. glaubt, dass die freie Marktwirtschaft die Flüsse bergauf fließen könnte, wenn nur der böse Staat sie nicht an solchen Wundertaten hindern würde.
 
 
 
(47:12) „Die Kernaufgaben des Staates bestehen in der Sicherung der Freiheit des Einzelnen als freier Teilnehmer am gesellschaftlichen, sozialen und marktwirtschaftlichen Geschehen und der Gewährleistung von innerer und äußerer Sicherheit.
Das Ideal von Krall und der hinter ihm stehenden Kapitalinteressen ist also das, was man im 19. Jahrhundert als „Nachtwächterstaat“ bezeichnete. Der soll sich im Wesentlichen gefälligst darauf beschränken, die Beute der Krallokraten nach innen und außen zu schützen und eine weitgehend ungehinderte Ausbeutungsfreiheit der Arbeitssklaven zu garantieren.
 
 
(47:23) „Er [der Staat] darf auch eine soziale Komponente haben, die sich aber auf die wirklich Bedürftigen, nicht die lautstarken Faulen konzentriert.
Die gnädige Herrschaft überwindet sich wahrhaftig, dem einen oder anderen armen Hund gelegentlich mal eine Brotkruste hinzuschmeißen!
Wer freilich die „wirklich Bedürftigen“ einerseits und wer die „lautstarken Faulen“ andererseits sind: Darauf bleibt Krall die Antwort schuldig. Die ergibt sich freilich schon aus seinem Gesamtkonzept, den Sozialstaat komplett abzuschaffen und nur eine „Armenfürsorge“ nach Art der frühen Neuzeit (und bis in die Kaiserzeit) zu dulden. Im Zweifel sind die Antragsteller „Faule“ – damit es nicht zu teuer wird.
 
 
 
(47:31) „Der Staat darf auch kritische Infrastruktur entwickeln die zur inneren und äußeren Sicherheit beiträgt. Aber für all das zusammen braucht ein funktionierender Staat nach historischer Erfahrung maximal 15 Prozent der Wirtschaftszeitung des Landes. Er wendet sie im Wesentlichen auf für Verteidigung, Innere Sicherheit und Justiz.
Was eine „kritische“ Infrastruktur sein soll, weiß ich nicht. Wahrscheinlich Polizeipräsidien, Kasernen; Truppenübungsplätze und dergleichen. Denn das, was man normaler Weise unter „Infrastruktur“ versteht, soll der Staat ja an die Privatwirtschaft verscherbeln? Jedenfalls geht es auch hier um die Sicherung des Eigentums der Kapitalbesitzer, nicht um irgendeine ökonomische Infrastruktur.
Beim historischen Staatsanteil des BIP bezieht sich Krall wohl erneut auf das Deutschland der Kaiserzeit. Das ist absolut willkürlich: Zu anderen Zeiten hat der „Staat“ zweifellos noch weniger verbraucht. Dass sich aber seither die Komplexität der Gesellschaft enorm erhöht hat und dadurch auch das Staatshandeln komplexer und entsprechend kostenaufwändiger werden musste: Dafür lässt Kralls Traum keinen Raum.
 
 
(47:49) „Die Justiz kann durch eine radikale Reduzierung der Gesetze und Regulierungen verschlankt und entlastet werden. Ihre Hauptaufgabe ist nicht das Miet- oder das Arbeitsrecht, sondern die Sicherung der Vertragsfreiheit und die Durchsetzung von Verträgen, sowie der Schutz der Menschen vor Verbrechen.
Logo: Für Krallokraten ist es ganz und gar nicht die Aufgabe der Justiz, Verbraucher, Arbeitnehmer oder Mieter zu schützen. Nur beim Börsenrecht, Banken-Beratungsrecht usw.: Da sehen die das mit Sicherheit anders. Aber ansonsten gilt: Haie an die Front; juristische Grenzschützer abziehen!
Natürlich: Für die Durchsetzung von Verträgen, wenn also z. B. ein schlauer Krallist einen gutgläubigen Verbraucher, den man des Schutzes der Gesetze (beispielsweise des AGB-Rechts) über den Tisch gezogen hat: DAFÜR ist die Justiz dann wieder gut genug.
 
Nicht bestreiten will ich freilich, dass es der Staat, und obendrauf noch die Rechtsprechung, mit dem Schutz der „Underdogs“ gelegentlich übertreiben. Aber Krall geht es nicht um die Korrektur von Auswüchsen: Solchen Leuten passt die ganze Richtung nicht.
 
 
 
(48:03) „Dazu [also zu den Staatsaufgaben] kommt Infrastruktur und Soziales, und auch ein schlanker Staat muss den Schwachen helfen und denen, die unverschuldet in Not kommen und sich nicht selbst helfen können. Das betrifft vor allem alte und behinderte Menschen. Und alles, was sozial Ist, findet aber dann in den Kommunen statt und wird von den Bürgern vor Ort entschieden.
Konsistent ist das nicht: Eben noch wurde die Infrastruktur meistbietend verscherbelt (und der Staat sollte nur noch „kritische“ Infrastruktur, zu Sicherheitszwecken) entwickeln dürfen. Plötzlich ist er doch wieder ganz allgemein für die Infrastruktur zuständig?
 
Alte Menschen sollten keiner besonderen Sozialleistungen bedürfen: Für deren Absicherung ist schließlich die Rente da. Ach so: Bei Krall entfällt ja der Arbeitgeberanteil; dadurch ist Altersarmut en masse garantiert. Zusammen mit der zugehörigen politischen Entrechtung. Sozialleistungen für Behinderte: Ja, die braucht es in der Tat.
Aber was ist mit Arbeitslosen? Sind die Schuld daran, wenn plötzlich ihr Arbeitgeber pleitegeht? 
Will er die gesetzliche Unfallversicherung privatisieren? Kontrollieren die Privatversicherungen dann auch die Betriebe wegen Einhaltung der Unfallverhütungsvorschriften? Und wer erstellt diese? Entfällt die gegenwärtige Freistellung des Arbeitgebers von allgemeinen Haftungsansprüchen?
Was ist mit der Krankenversicherung, die für weite Teile der Arbeitnehmer unbezahlbar wird, weil dann   a) jeder denselben Beitrag entrichten muss und   b) der Arbeitgeberanteil auch dort entfällt? (Entsprechend für die Pflegeversicherung.)
Und Verbrechensopfer? Nimmt man auch denen das Wahlrecht weg, wenn sie wegen eines Verbrechens auf Sozialleistungen angewiesen sind?
Welche „Umverteilung“ bezahlen nur die Versicherten, obwohl die eigentlich eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft wären (z. B. familienbezogene Leistungen)? Sind Zahlungen für Familien überhaupt „Sozialleistungen“?


 
(48:25) „Schließlich die Verwaltung: Der schlanke Staat braucht höchstens 100.000 Beamte, die ihn verwalten und nicht X Millionen.
Weil es Krall um die Personalkosten geht muss man unterstellen, dass er das Wort „Beamte“ im umgangssprachlichen Sinne verwendet, also für ALLE Staatsbediensteten (rechtlich: Beamte – nur ca. 35%! -, Angestellte und – falls es die überhaupt noch gibt – Arbeiter sowie Soldaten). Deren Gesamtzahl beläuft sich in Deutschland auf ca. 4,8 Millionen. Davon sind lediglich ca. 500.000 beim Bund beschäftigt; da Krall von X Millionen spricht, meint er also den Gesamtstaat.
Allein beim Bund sind knapp 300.000 in der Bundeswehr (knapp 240 Tsd.) sowie im Bereich Öffentliche Sicherheit und Ordnung (gut 50 Tsd.) tätig. Der Polizeiapparat (Länderebene und Bundespolizei) beschäftigt knapp 330.000 Personen. Die Zahl der Erzieherinnen und Erzieher (kommunale Ebene) beläuft sich auf gut 230.000. Einige hunderttausend Personen dürften im Justizbereich arbeiten (Staatsanwaltschaften, Gerichte, Gefängnisse). Auch von denen werden sich nur relativ wenige (etwa die Finanzgerichte) einsparen lassen.
Nachdem Krall diese Bereiche ja nicht wegfallen lassen will (eher wird man sie in der Krallokratie noch ausbauen), erweist sich die Behauptung, der Staat brauche höchstens 100.000 Beamte, als purer Unsinn. Selbst wenn es nur um die Verwaltung im engeren Sinne geht, ist diese Zahl ein Phantasieprodukt. (Und ohnehin gibt es davon nicht „X Millionen“; dieser Wert errechnet sich nur, wenn man ALLE Staatsbediensteten einbezieht.)
Deutschland hat knapp 11.000 Gemeinden. Setzt man als Durchschnittswert für alle – großen und kleinen – Kommunen 10 Personen für die reine Verwaltung an, sind die 100.000 schon überschritten. Und dazu kommen noch Bund und Länder. Dabei man unterstelle ich, dass die Zwischenebenen – Landkreise und Regierungsbezirke – im Lande Krallistan abgeschafft werden. Allerdings würden auch dort Aufgaben verbleiben und müssten diese Bedienstete auf Landes- oder Gemeindeebene weiterarbeiten.
Adam Riese hätte also keine Freude an den Rechenkünsten des Herr Dr. Krall. Hoffen wir, dass er besser rechnen kann, wenn es um das Goldhandelsunternehmen geht, dessen Geschäfte er führt. Sonst hat der Eigentümer keine Freude an ihm.
 
Die Sozialversicherungen beschäftigen ca. 2,4 Mio. Menschen. Deren Abschaffung (als staatliche Einrichtungen) sowie die Entlassung der Beschäftigten des Schul- und Hochschulwesens (zusammen gut 1,5 Millionen!) durch Privatisierung wäre natürlich nicht mit einem Wegfall der Kosten verbunden: Die müssten dann privat bezahlt werden, von arm und reich gleich. Und wären, weil Private Gewinne erzielen wollen, vermutlich noch höher als bisher.
Kralls „Kostensenkungsprogramm" ist in diesem Bereich also ebenso wirksam wie das Verfahren von Till Eulenspiegel. Der hatte einstmals einen fetten Beraterauftrag erhalten, um die Kosten eines Nürnberger Spitals zu senken. Er drohte den Kranken, dass er den Kränksten verbrennen werde, um aus ihm einen Extrakt zur Heilung der anderen zu gewinnen. Natürlich rannten alle schnellstens weg; drei Tage später aber war das Spital so voll wie zuvor. Till Eulenspiegel hatte jedoch sein fürstliches Beraterhonorar bereits kassiert und sich aus dem Staube gemacht. (Auf ähnliche „geniale“ Weise „sanierte“ der Magier Cagliostro gegen Ende des 18. Jahrhunderts vorübergehend ein Straßburger Spital.)
 
 
(48:42) „Diese ganz große Steuerreform wird nämlich die Existenz von Finanzämtern überflüssig machen.
Somit können nur noch Verbrauchssteuern erhoben werden; damit werden, wie ich oben bereits schrieb, diejenigen überproportional besteuert, die ihr gesamtes Einkommen verbrauchen (müssen). Und die Besitzenden entlastet. In der Tendenz erfolgt die Versteuerung dann nicht mehr nach Leistungsfähigkeit, sondern geht in Richtung einer für alle gleichen Kopfsteuer.
 
 
(48:47) „Die verbleibenden indirekten Steuern können über eine zentrale Finanzverwaltung digital administriert werden.“
Das können sie nur dann, wenn das Bargeld abgeschafft ist und das gesamte Geldwesen digitalisiert ist – was Krall mit Sicherheit NICHT will.
 
 
(48:52) „Die in jeder Stadt stehenden Zwingburgen mit dem Namen Finanzamt werden dichtgemacht und abgeschafft. Bei dieser Gelegenheit sollten alle Akten vernichtet werden, die der Staat in Jahrzehnten der Schnüffelei beim Bürger angesammelt hat. Alle Einkommensteuerakten, alle Daten über die Steuerbarkeit von Leistungen, die der Bürger erarbeitet hat, alles, was der Schnüffelstaat über Einkommen und Vermögen jedes einzelnen Bürgers weiß, bis auf die letzte Seite, auf den letzten Datensatz und Aktenschrank, bis zum letzten bit & byte geschreddert vernichtet gelöscht und aus dem institutionellen Gedächtnis der Nation entfernt. Tabula rasa des Raubstaats, das größte Osterfeuer der Geschichte. Die Verfassung sollte zudem festlegen, dass der Staat solche Daten nicht haben, nicht erheben, nicht erschleichen und nicht speichern darf."
Unter die „Leistungen, die der Bürger erarbeitet hat“ subsumiert Krall hier kurzerhand die Kapitalerträge – die ANDERE für einige Bürger erarbeitet haben (welche teilweise auch selber dafür gearbeitet haben, zu großen Teilen aber auch nicht).
Eine „tabula rasa des Raubstaates“ wäre das nur dann, wenn die indirekte Besteuerung kein „Raub“ (im Sinne der libertären Terminologie) wäre. Aber warum sollte das so sein?
Die Besitzenden (unmittelbar auch die Arbeitnehmer, denen die Abschaffung der direkten Steuern im Endeffekt jedoch schadet) sollen durch die Abschaffung der Finanzämter auf alle Ewigkeit davor behütet werden, durch direkte Besteuerung einen angemessenen Anteil zur Staatsfinanzierung beitragen zu müssen.
 
 
(49:39, meine Hervorhebung) „Wie verschlanken wir dann die Verwaltung, um mit diesem Programm Schritt zu halten? Da der Fisch immer vom Kopf her stinkt, muss man auch dort anfangen. Die Reduzierung der Ministerien auf vier: Inneres und Justiz, Äußeres, Verteidigung und Finanzen, und die Liste der Ministerien, die wir nicht mehr brauchen, ist dafür umso länger. Das Wirtschaftsministerium geht im Finanzministerium auf das Justizministerium geht im Innenministerium auf und beschränkt sich auf die Zuarbeiten zur inneren Sicherheit.
Welche Funktion soll in einem Minimalstaat, bei dem die private Marktwirtschaft sowieso alles bestens regelt, ein Wirtschaftsministerium eigentlich noch haben? Die geplante Beschränkung der Aufgaben des (ins Innenministerium integrierten) ehemaligen Justizministeriums auf „Zuarbeiten zur inneren Sicherheit“ zeigt, dass Krall mit einem Rechtsstaat, so, wie wir ihn heute verstehen, nicht viel am Hut hat. Wer kümmert sich um die obersten Bundesgerichte, wer beispielsweise um das gerichtliche Verfahrensrecht?
 
 
(50:02) „Und wenn sie mich fragen, wer schreibt denn dann in Zukunft die ganzen Gesetze, so lautet meine Antwort: gar Niemand! Umso weniger neue Gesetze, desto besser. Und für die ist nur noch das Parlament zuständig.
D. h. völlig unerfahrene Abgeordnete sollen im Akkord (2 - 3 Monate pro Jahr!) die Gesetze selber schreiben! Auch in dieser Regelung enthüllt sich die totale Infantilität von Kralls Gesellschafts- und Politikverständnis. Wie natürlich auch in der Meinung, dass ein Großteil der Gesetze überflüssig sei.
 
 
(50:12) „Das Arbeitsministerium wird mit der Privatisierung der Sozialversicherung abgeschafft.
Arbeitsrecht, Arbeitsschutz: Alles kein Thema mehr. Für das frühkapitalistische Krallistan.
 
 
(50:15) „Ernährung und Landwirtschaft sind private Aktivitäten, sie brauchen keinen Staat.
Auch die private Wirtschaft braucht Regulierung. Wenn es beispielsweise um Entschädigungen für Wolfsrisse geht, oder um Fischfangquoten zur Stabilisierung der Bestände, dann werden die Unternehmen selber sogar danach schreien.
 
 
(50:19) „Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist als Ministerium das Kondensat einer Geschwätzwissenschaft, welche sich anmaßt, sich in das Leben der Familien einzumischen. Seine ersatzlose Abschaffung wird keine Lücke hinterlassen.“
Wenn also Kinder von ihren Eltern misshandelt werden, soll sich der Staat raushalten?
Und was ist mit Kindergeld und sonstigen familienbezogenen Leistungen? Mit „Geschwätzwissenschaft“ hat das ganz sicher nichts zu tun! Wäre das Kindergeld in der Krallokratie eine „Transferleistung“, mit deren Inanspruchnahme die Eltern das Wahlreicht einbüßen? Oder will Krall den Lastenausgleich für Familien überhaupt streichen? Letzteres ist zu vermuten, denn tatsächlich hätte der Staat gar kein Geld mehr dafür.
Die Eltern sind jedoch INVESTOREN, sozusagen „Humankapitalsparer“. Denen ihre Aufwendungen zu ersetzen ist überhaupt keine „Sozialleistung“, das ist der Ausgleich eines Marktversagens (weil der Markt den Eltern keine Kompensation gewährt).
Aber auch deren Leistung wollen sich die Krallokraten kostenlos krallen. Für die Kapitalbesitzer wäre dieses (ich sage mal: ) „amerikanische Modell“ ideal. Sie müssten zwar die Arbeitskräfte bezahlen. Aber den Eltern nicht einen Pfennig für DEREN Aufwendungen erstatten. Sie würden sich (und tun das beispielsweise in den USA weitgehend schon jetzt!) die „Humankapitalinvestitionen“ der Eltern für lau krallen.
Es sind eben keineswegs nur die kinderlosen Rentner, die von „anderer Leute Kinder“ profitieren. Sondern ALLE KAPITALBESITZER. Ohne Arbeitnehmer hätten die keine Rendite. Und ohne die „Humankapitalinvestitionen“ von Eltern gäbe es keine Arbeitnehmer.
Für die Kapitalbesitzer hinterlässt eine Abschaffung des Familienministeriums in der Tat keine Lücke. Für die Eltern, und ebenso die Kinder, schon.
 
 
(50:29) „Das Gesundheitsministerium hat nur eine relevante öffentliche Aufgabe, den Schutz vor Seuchen. Das kann auch im Verteidigungs- oder Innenministerium eingegliedert werden; der Rest wird gestrichen.
Ich habe keinen Überblick darüber, was das Gesundheitsministerium tut. Aber beispielsweise Regelungen für und eine Überwachung der Leistungserbringer, die Finanzierung allgemeiner medizinischer Forschung usw.: Das wird man schon staatlich gewährleisten müssen; der Markt bietet nur das an, womit sich Geld verdienen lässt – und zwar möglichst rasch.
Wir hätten dann Zustände wie im US-amerikanischen Gesundheitswesen, dessen Kosten weltweit die höchsten sind – und wo dennoch die Lebenserwartung geringer und die Kindersterblichkeit höher ist als zehn anderen Ländern mit ähnlicher Wirtschaftsleistung. Und wo sich die Pharmahersteller ohne Ende bereichern und „Arzt- und Krankenhausrechnungen … die Hauptursache für Privatinsolvenzen“ sind.


(50:38): „Infrastruktur ist Aufgabe der Kommunen und der privaten Wirtschaft; das Ministerium kann also weg.
Ähnlich wie sie derzeit bei der Digitalisierung baut die private Wirtschaft Straßen usw. nur dort, wo sie davon profitiert. Es sei denn natürlich, sie bekäme vom Staat einen Ausgleich für entgangene Gewinne. Dann kann freilich der Staat die Autobahnen auch gleich selber errichten. Auf sich allein gestellt, würde die Privatwirtschaft ÜBERHAUPT KEINE Bahnlinien, Flughäfen usw. bauen. Aus dem einfachen Grunde, weil es immer einige Grundbesitzer geben wird, die ihr Land gar nicht oder nur zu exorbitanten Preisen hergeben wollen. Und wer erstellt einen Verkehrswegeplan für das ganze Land? Konkurrierende Konzerne? Bauen die dann drei Autobahnen nebeneinander?
 
 
(50:44) „Beim Digitalen hat der Staat ohnehin komplett versagt, das ist eine der Aufgaben, die nur der Karriereplanung von Berufspolitikern dienen.
Stellt sich die Frage, was die Privatwirtschaft – „der Markt“ – dort geleistet bzw. warum die (in der Fläche) „versagt“ hat.
 
 
(50:49) „Das Umweltministerium haben kann um 90 Prozent verkleinert und als Abteilung ins Innenministerium zurückintegriert werden.
Dann kann das Fracking im Oberrheingraben endlich losgehen. Die Umweltverschmutzung wird man in den Vierteln der politisch Entrechteten konzentrieren; die können sich ja nicht wehren. Zumindest nicht demokratisch. Und Gewaltanwendung ist dem Volk selbstverständlich verboten. Auch lästige Demos des Pöbels kann man verbieten: Wer die Macht hat, hat das Recht.


(50:55) „Bildung und Forschung sind private Aufgaben.
Heißt: Schulen usw. werden privatisiert; der Bürger tauscht seine Steuerersparnis gegen Gebührenpflicht ein. Weil auch diese Kosten dann für jedes Kind mehr oder weniger gleich sind, werden Geringverdiener ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken. DAS freilich wird den Arbeitgebern gar nicht recht sein, denn in der heutigen komplexen Arbeitswelt sind solche Arbeitskräfte nicht mehr zu gebrauchen.
Grundlagenforschung wird es keine mehr geben: Daran ist nichts zu verdienen.
Hierzu ein Zitat von einem Manager, der es deutlich weiter gebracht hat als der Goldhöker Krall. In seiner (auch sonst lesenswerten!)Autobiographie "Die Macht der Freiheit. Erinnerungen" (2000; Taschenbuch 2002) berichtet Hans-Olaf Henkel, in seiner höchsten unternehmerischen Karrierestufe Europachef des (damals noch strahlenden) IBM-Konzerns über ein Erlebnis als Trainee 1964 in New York. Dort durfte er einen Computer vorführen, der russische Texte ins Englische übersetzte - und dessen Entwicklung vom US-Militär finanziert worden war. Aus späterer Sicht verallgemeinert er dann (S. 90/91, meine Hervorhebung):
"Nebenbei bemerkt: Die Entwicklung eines solchen Computers konnte nur vom Staat finanziert werden - aus Produkt auf dem Markt wäre er viel zu teuer gewesen. Das heißt aber auch, dass es ohne einen offiziellen  Auftrag diesen Sprachcomputer, durch den wiederum die gesamte technologische Entwicklung einen Schritt weitergebracht wurde, vielleicht nie gegeben hätte. Heute kommen vile Projekte nur deshalb nicht zur Ausführung, weil sie sich 'nicht rechnen'. Was nicht [ich würde ergänzen: VORHERSEHBAR] auf dem Markt besteht, wird auch nicht angefasst. ..... Ließe man ausschließlich die Industrie über alles entscheiden, würde es zu vielen Durchbrüchen in Forschung und Technik gar nicht kommen. Gerade deshalb ist eine staatliche Forschungsförderung unverzichtbar."
Und das alles gilt weitaus mehr für Grundlagenforschung, bei der sich (noch) keinerlei Anwendungs- und damit Verkaufs- und Gewinnmöglichkeit abzeichnet.
 
 
(50:57) „Das Entwicklungshilfeministerium kann weg. Als Entwicklungshilfe geplante Finanzbereicherung korrupter Eliten in diktatorisch geführten Ländern wird damit abgeschafft.
Da stimme ich Krall zu.
 
 
(51:06) „Und die fast 100 Bundesbehörden und Körperschaften des Öffentlichen Rechts ebenso wie die mehreren hundert Bundesbeauftragten für Schappes und Schmonzes sollten auch alle ersatzlos abgeschafft werden.
Auch die BaFin? Bundesgrenzschutzbehörden? Geheimdienst? Bundestagsverwaltung? Bundesrechnungshof? Bundesarchiv? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe kann auch weg? Bundeskriminalamt? Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie ? Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung? Bundeskartellamt? Weitere kann man sich hier raussuchen. Die Bundesbeauftragten sind in diesem Wikipedia-Eintrag aufgelistet.
 
 
(51:16) „Durch die radikale Reduzierung der Regulierung - ich wage die These 99 Prozent der seit 1970 gemachten Gesetze und Regulierungen sind überflüssig – und die Rückabwicklung der Energiewende verkleinern wir den Bürokratieaufwand massiv und entlasten Wirtschaft und Bürger um weitere 400 bis 500 Milliarden Euro an Kosten.
Ich wage die These, dass die Krallisten nach Gesetzen schreien werden, sobald ein Blatt vom Nachbarbaum in ihren Garten fällt. Es ist ja keineswegs nur, und vielleicht nicht einmal vorrangig, eine Regelungswut von Politikern und Behörden, die uns mit einer in der Tat enormen Regulierungsdichte überzieht: Es sind die Bürger selber, die für jeden Sch. zum Gericht rennen oder ihre Politiker einspannen, um ihre teils mehr, teils weniger legitimen Interessen zu sichern. Dadurch werden alte Selbstverständlichkeiten ausgehebelt oder in schriftliche Regeln gegossen, unser Leben wird immer mehr formalisiert und bürokratisiert. Das ist nicht schön; aber wer dagegen ankämpfen will, muss eine REALISTISCHE Vorstellung von den Triebkräften hinter solchen Entwicklungen haben.
 
 
(51:33) „Die Aufgaben der Bundesländer zwischen einem verschlankten Bund und gestärkten Kommunen werden sich auf wenige Aufgaben beschränken: die Sicherstellung der Volkssouveränität durch die Vertretung im Bundesrat, die Festlegung von Mindeststandards im Bildungswesen und Ausbau des dualen Systems der Handwerkerausbildung. Damit fallen auch dort fast alle Ministerien ersatzlos weg. Und wissen sie was? Kein Mensch wird das bemerken, dass all das nicht mehr da ist ….. .“
Wieso braucht es einen Bundesrat, um die Volkssouveränität sicherzustellen? Reicht dafür nicht der Bundestag? Und welche Aufgaben genau hätte dann der Bundesrat?
Die Frage, ob die Überwachung der Bildungsstandards nicht besser auf der Bundesebene angesiedelt wäre, hatte ich bereits oben aufgeworfen.
Was am dualen System der Handwerkerausbildung ausgebaut werden müsste, wüsste ich nicht. Ebenso wenig erschließt sich mir die Begrenzung auf die Handwerkerausbildung: Einen weitaus größeren Teil des dualen Bildungssystems dürften die Lehrberufe in der Industrie und im tertiären Sektor ausmachen. Aber auch insoweit stellt sich dann natürlich die Frage einer einheitlichen Regelung auf Bundesebene.
 
 
(52:06) Dann kommt der Staat kurzfristig mit 15 und langfristig mit zehn Prozent Anteil am Bruttosozialprodukt aus. Dann wird der Bürger frei sein; er wird den Karren nicht nur aus dem Dreck ziehen, in den ihn die Politik hineingeritten hat: Er wird ihn nachgerade aus dem Dreck katapultieren, ihn putzen, polieren, mit Blattgold verzieren und auf die Schienen des gesellschaftlichen und technischen Fortschritts setzen. Er wird wahrhaft eine Republik der Freiheit errichten.
Frei ist der Bürger dann keineswegs: Vielmehr wird er allerorten von Unternehmen abkassiert: Auf den Straßen, in Kindergärten, Schulen, Hochschulen usw. Und hat sich, als Kunde oder als Arbeitnehmer, den Regularien der Anbieter zu unterwerfen: So will es die hehre „Vertragsfreiheit“.
 
 
ZUSTÄNDE WIE IM NEUEN KRALLISTAN
 
Begeben wir uns auf eine Studien-Zeitreise ins Land der Krall-Künstler.
 
Bei unserer Analyse der politischen Strukturen fällt uns eine dauerhaft verfestigte Schicht von nicht Wahlberechtigten auf; insoweit eine Entsprechung zur Sklavenschicht der Antike, die für Krall ja offenbar die Idealdemokratie ist. Weil sich die Menschen vor Beginn jeder Legislaturperiode entscheiden mussten, ob sie ggf. später Sozialleistungen in Anspruch nehmen wollten, und weil niemand sein Schicksal (Krankheit, Arbeitslosigkeit?) vorhersehen kann, wählte die breite Masse die Existenzsicherheit anstelle der politischen Mitbestimmung.
 
Bettler sieht man keine in Krallistan. Allerdings berichtete man uns, dass kurze Zeit nach der Gründung des Staates die Straßen voll vom Bettelpack gewesen seien – bis man jegliches Betteln strikt untersagt habe. Das sei nicht ohne einige heftige Diskussionen abgegangen; schließlich stehe die Staatsidee doch für persönliche Freiheit und insbesondere für freies Unternehmertum. Es habe sich dann aber die Auffassung durchgesetzt, dass Betteln keine unternehmerische Tätigkeit sei. Ehemalige Maoisten hätten schließlich den erweiterten Gewaltbegriff der Linken ins Spiel gebracht: Das Betteln sei eine Form von psychischer Gewaltausübung gegen die Bürger; daher sei ein Verbot im Rahmen der neuen Staatsideologie nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar zwingend geboten. Hinter vorgehaltener Hand erzählten uns andere, dass das Bettelverbot im Parlament heiß umstritten gewesen sei, und dass es einiger monetärer Transferleistungen von einigen bekannten Großindustriellen an einige linksliberale Abgeordneter bedurft hätte, um dem Gesetz eine Mehrheit zu verschaffen.
Diesen Kreisen ging es nicht wirklich um die Belästigung durch die Bettler. Sondern darum, dass sich ihre Arbeitskräfte nicht vor der Arbeit drückten, indem sie ihr Auskommen durch anderer Leute Wohltätigkeit fanden: Also, brutal gesagt, um eine Disziplinierung der Arbeitssklaven. Wie übrigens schon bei den Bettelverboten der frühneuzeitlichen Feudalstaaten.
 
Auf unserer Reise wurde wir auch Zeuge einer erschreckenden Szene: In einem der „Volksviertel“ (wie man in Krallistan die Elendsviertel beschönigend bezeichnete) hatte ein Mann an einem Kiosk eine Zeitung gestohlen und war weggelaufen. Eine vorbeikommende Polizeistreife – von denen es übrigens auffallend viele in diesen Vierteln gab – hatte die Verfolgung aufgenommen und ihn, als er auf Anruf nicht stehenblieb, erschossen. Uns erinnerte das fatal an rassistische Vorkommnisse in der US-Polizei, die in früheren Zeiten auf ähnliche Weise mit den Schwarzen in den USA umgesprungen war.
 
Überhaupt wurde von einer seit der „libertären Wende“ enorm angestiegenen Kriminalitätsrate berichtet. Vor allem waren Streikaktionen häufig und es kam sogar zu Sabotageakten der Arbeitnehmer in ihren Betrieben. Die totale Ausrichtung der neuen Ideologie auf das Geldverdienen sowie (nicht zuletzt) auf das bloße Geldbesitzen nahm den Arbeitnehmern den Stolz und die Freude, Mitarbeiter erfolgreicher Unternehmen zu sein und zu deren Erfolg beizutragen: Das alles war ja kein Wert mehr, was zählte, war einzig und allein die Höhe des (materiellen) Verdienstes.
In vergleichbarer Weise, wie George Soros das in seinem Essay „The Capitalist Threat“ für einen hypertrophierten Kapitalismus (insbesondere Finanzkapitalismus) beschrieben hatte, war nun auch Krallistan dabei, jene Wertegrundlagen zu eliminieren, auf denen die vorangegangene Schmarotzokratie (wie man jetzt die Demokratien alten Stils verächtlich nannte) den Wohlstand ihrer Gesellschaften geschaffen hatten.
 
 
 
Mit den vorangegangenen Reiseskizzen aus Krallhynien will ich keineswegs leugnen, dass der Sozialstaat tatsächlich eine Tendenz zur Übertreibung in sich trägt. Das hat aber eher mit dem „Fürsorge-Trieb“ in unserer Kultur zu tun als mit Wählerkorruption (die es aber natürlich sehr wohl gibt). Schon 1787 hatte Goethe, mit Bezug auf Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“, in einem Brief aus Italien an Frau von Stein geschrieben:
Auf Herders dritten Teil freu' ich mich sehr. Hebet mir ihn auf, bis ich sagen kann, wo er mir begegnen soll. Er wird gewiss den schönen Traumwunsch der Menschheit, dass es dereinst besser mit ihr werden solle, trefflich ausgeführt haben. Auch, muss ich selbst sagen, halt' ich es für wahr, dass die Humanität endlich siegen wird, nur furcht' ich, dass zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital und einer des andern humaner Krankenwärter sein werde."
Den Brief verfasste er in Neapel; als Erfahrungshintergrund darf man jedoch wohl seinen vorangegangenen Aufenthalt in Rom ansehen. Im damaligen Vatikanstaat wurden z. B. die Getreidepreise streng reglementiert – mit den erwartbaren negativen Folgen für den Fleiß der Bauern. Auf der anderen Seite gab es anscheinend eine ausgeprägte Wohltätigkeit von Klöstern, die ebenfalls nicht unbedingt zur Eigenleistung motivierte. Dieses System wurde um 1800 von Reiseschriftstellern des Öfteren kritisiert. Wir sehen hier, dass „Sozialismus“ (bzw. „Etatismus“) keine Erfindung der Neuzeit ist und exzessive Wohlfahrtsleistungen keine Demokratie voraussetzen.
Und gerade aktuell müssen wir zuschauen, wie die Massenimmiggression aus breiten Kreisen Beifall erhält („Bahnhofsklatscher“) – obwohl sie den deutschen Steuersklaven zig Milliarden Euro aufbuckelt. Die Motivationsstruktur der Menschen ist eben etwas komplexer, als sich Libertär-Austrians wie Dr. Krall (deren Motivationsstruktur vielleicht etwas simpler ist) vorstellen können.
 
Eindeutig untergräbt der Wohlfahrtsstaat seine eigenen wirtschaftlichen Voraussetzungen dann, wenn er so üppig ausgebaut wird, dass sich arbeiten kaum noch lohnt (oder wenn die aufgespannten sozialen Hängematten Millionen von Eindringlingen anlocken).
Die libertär-“österreichische“ Sektenideologie freilich kämpft nicht vorrangig gegen den (real kaum noch existierenden) Sozialismus, sondern hetzt gegen den Sozialstaat als solchen (den sie kurzerhand als „sozialistisch“ verunglimpft). Und das unabhängig davon, ob die Sozialleistungen als „Clubgüter“ nur an diejenigen verteilt werden, die sie mit erarbeitet haben, oder an jeden, der es über die (unbewachten) deutschen Grenzen schafft und der das Zauberwort „Asyl“ aussprechen kann.
Mit ihrem völlig aus der Zeit gefallenen Gesellschafts- und Wirtschaftsverständnis sind diese Kreise keine ernst zu nehmende politische Kraft und in keinster Weise geeignet, sozialstaatlichem Wildwuchs wirksam entgegenzutreten. Solche eher bösartigen Kläffer halten die Karawane nicht auf.
Es ist an uns, den Vernünftigen im Lande, unter grundsätzlicher Bejahung des modernen Wohlfahrtsstaates immer wieder zu fragen, wo dessen Notwendigkeit aufhört und wo die Gefahr einer demotivierenden Überversorgung beginnt. (Für mich wäre etwa das bedingungslose Grundeinkommen ein solcher Fall.)
 
 
 
Dazu braucht es freilich sehr viel mehr, als Kralls Krakeele. Umgesetzt werden seine Forderungen zwar nie. Aber seine Rede ist pure Volksverdummung, bzw. eine Bestätigung und Verstärkung der im Volke längst vorhandenen Vorurteile gegen die Politik. Hier gibt es keinerlei Appell zum Mitdenken, zur kritischen Reflexion auch der eigenen Positionen, inwieweit die vielleicht nicht die Lösung sind, sondern zu Problemen beitragen. Diese Rede adressiert nicht den Verstand des mündigen Bürgers, sondern die dumpfen Vorurteile derjenigen, die nicht über ihren eigenen Tellerrand hinausblicken können oder wollen. Alles ist mundgerecht vorgekaut (und spricht ohnehin nur das aus, was die Zuhörer sowieso über Staat und Politik denken). Das Publikum wird behandelt wie Kinder im Kasperletheater. 
 
Dieser Krallismus ist, in seiner materiellen Gier wie in der Simplizität seiner Weltsicht, Teil einer beängstigend anschwellenden Infantilisierung der Gesellschaft. Brandaktuell hat Alexander Kissler konstatiert und kritisiert (meine Hervorhebungen): „In unserer gegenwärtigen Gesellschaft stoßen wir auf viele machtvolle Infantilismen. Teils dienen sie politischen, teils wirtschaftlichen Interessen. ….. Erwachsene ….. greifen zu vorreifen Verhaltensweisen, um ewig unverbindlich spielen zu können. Und werden so zum Spielball der anderen. Darin liegt die Nachtseite von so viel Kinderei, die Gefahr. Der kindische Mensch wird schnell zum manipulierten Bürger – oder zum skrupellosen Machthaber. ….. Am gravierendsten zeigen sich die Tendenzen der Infantilisierung in der Politik. ….. Auf der Vorderbühne herrscht eine demoskopisch angeheizte Stimmungsdemokratie, während im Maschinenraum der Macht entschieden wird. So könnte die Republik ihren republikanischen Geist verlieren. Dagegen hilft nur der Mut zur Erwachsenheit. ….. Um die Lage wirklich zu bessern, für sich und für andere, um der Verschleuderung unserer Gaben ebenso zu entkommen wie ihrer Zurichtung zu fremden Zwecken, müssen wir Erwachsenen noch einmal erwachsen werden. 
 
 
Nachtrag
 
Eine Einordnung von Kralls Demokratie-Demontage in das libertäre Denken anderer (Friedrich August von Hayek, Hans-Hermann Hoppe) bietet Andreas Kemper in seinem Blott "Markus Kralls Demokratiefeindlichkeit" vom 04.09.2020.


Nachtrag 30.09.2020

Eine interessante Information zur Rentabilität von Goldanlagen (Quelle): "Eine Studie der Investmentbank Credit Suisse und der London Business School hat ergeben: In den vergangenen 50 Jahren brachten weltweite Aktien jährlich 5,3 und Anleihen 4,4 Prozent an jährlicher Rendite ein. Das vermeintlich sichere Gold dagegen: 0,7 Prozent."
 
 
Nachtrag 01.10.2020
 
Erst jetzt stelle ich fest, dass die Idee vom Atlas, der ein Bäuerchen macht, vor mir schon anderen eingefallen war. U. a. in einer köstlich humorvollen Anekdote u. d. T. "Atlas Burped. Or: Ayn Rand, Saint Nick, and the Peculiar Economics of Canoe Trip Beer".
 
 
Nachtrag 11.10.202
 
In einem Facebook-Beitrag vom 09.10.2020 schreibt Dr. Markus Krall:
"Welche Hohlbirne hat sich eigentlich das angebliche "Wunder von Wörgl" und das angeblich so tolle Schwundgeld von Silvio Gsell ausgedacht?
Würden sie
[recte: Sie] ein Geld FREIWILLIG annehmen, das sich in Luft auflöst. Was für ein hanebüchener Schwachsinn!
Das haben wir! #Negativzins
"
Richtig ist daran, dass negativ verzinstes Geld ein Schwundgeld ist. (Das gilt freilich genauso für positiv verzinstes Geld, bei dem jedoch die Inflationsrate den nominalen Zins überschreitet, also der Realzins negativ ist.)
 
Was dagegen das "angebliche" Wunder von Wörgl angeht, ist es  einigermaßen erschütternd zu sehen, wie Krall hier sogar die historischen Fakten leugnet, weil sie nicht in seine sado-libertäre Ideologie passen. 
Das Wörgeler Freigeld (Schwundgeld) war (in dem begrenzten Raum und der begrenzten Zeit, für die dieses Experiment - leider - nur möglich war) tatsächlich ein Erfolg: Für die Gemeinde, und für diejenigen Arbeitslosen, welche auf diese Weise damals in Arbeit und Brot gebracht werden konnten. Und die örtlichen Kaufleute usw. haben dieses Geld auch angenommen. Möglich, dass ihnen Schillinge lieber gewesen wären. Aber besser als gar nichts waren die "Arbeitswertscheine" allemal für sie. Das zeigt auch eine sehr detaillierte Befragung, die seinerzeit ein Schweizer Kantonalrat bei einigen ausgewählten Repräsentanten der örtlichen Bevölkerung vorgenommen hatte. Die Ergebnisse sind abgedruckt als Anhang zur (Diplom?)arbeit "Umlaufgesicherte Komplementärwährungen. Gelingen und Scheitern in der Praxis" von Thomas Schneegans.

Informationen über dieses Experiment liefern u. a.
  •  Der sehr ausführliche (82 S.) Text "Der Welt ein Zeichen geben. Das Schwundgeldexperiment von Wörgl/Tirol 1932/33" von Gebhard Ottacher.
  • Wohl nicht online verfügbar ist die von Ottacher häufig herangezogene Diplomarbeit von Thomas Wendel: "Gesellschaftspolitische Bedeutung und technische Funktionsweise umlaufgesicherter Zahlungsmittelsysteme. Die Schwundgeldexperimente von
    Wörgl 1932 und Cabricán 1994 im Vergleich. Diplomarbeit, FU Berlin, Fachbereich Politische Wissenschaft, 1994
    ."
  • Weitere Diplomarbeiten hier (Suchwort "Wörgl")
  • "Der Geldzauberer" lautet ein Bericht von Thomas Wendel (wohl der Vf. der o. a. Diplomarbeit) im Magazin brandeins aus dem Jahr 2003.
  • Die Wikipedia
  • Das  Unterguggenberger-Institut (hier und dort)
  • "Freigeld Wörgl. Das Wunder von Wörgl" auf der Gemeindewebseite. (Verfasserin ist Veronika Spielbichler, Obfrau, also Vereinsvorsitzende, des vorerwähnten "Unterguggenberger Institut Wörgl e.V.".)
 

ceterum censeo  
Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 11.10.2020

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