Montag, 16. Mai 2005

Renten sichern - Wehrfriedhofsmauer zerfallen lassen!


"Nicht nur demographisch sehen wir alt aus" habe ich auf meiner Webseite "Rentenreich" (http://www.beltwild.de/rentenreich.htm, Thema Rentenfinanzierung, Kapitaldeckungs- gegen Umlageverfahren) in einem Kapitel "Die Alten und das Alte" geschrieben.


Wir schleppen, schon jetzt, eine ständig wachsende Welt des Alten mit uns herum: Denkmäler, Museen, Kunstwerke, alte Bücher usw. Die alle stehen nicht nur gelegentlich wirtschaftlichen Aktivitäten im Weg. Sie "konsumieren" auch von unserem Sozialprodukt, sitzen gewissermaßen mit uns zu Tische und essen (mit), was wir erarbeiten.
Wie hoch mögen die Kosten für die Pflege unseres "materiellen Kulturerbes" - Denkmalpflege im weitesten Sinne des Wortes - schon jetzt sein? Direkte Leistungen des Staatshaushaltes, Subventionen über Steuerermäßigungen, aber nicht zuletzt auch die Lasten, welche die staatliche Gesetzgebung den (glücklichen oder unglücklichen) Denkmalbesitzern auferlegt, wären da zu addieren. Und ständig kommen neue hinzu, während die Zahl der Arbeitenden sich verringert.

Wir werden nicht umhin können, Prioritäten zu setzen. Z. B. indem wir die Mauer des Wehrfriedhofs von Soisdorf (hoffentlich liest das hier kein Soisdorfer!) zerbröckeln lassen.

Eine Notiz in der Fuldaer Zeitung vom 14.05.05 gab den Anstoß zu diesem Eintrag: "Mauer des Wehrfriedhofs zerbröckelt. Unmut in Soisdorf".

Soisdorf gehört zur Gemeinde Eiterfeld und liegt etwa östlich der Kerngemeinde. Eiterfeld hat ca. 8.000 Einwohner, Soisdorf knapp 400 (vgl. die Gemeindewebs. http://www.eiterfeld.de/)

Was kostet die Wehrfriedhofsmauersanierung? Schlappe 325.000,- €! Haufen Geld, für 400 Einwohner. Aber das Beste ist: alle 30 bis 40 Jahre muss das Ding erneut saniert werden.

Mir ist die Wehrmauer von S. an sich s.egal. Und natürlich liebe auch ich alte Mauern, Kirchen, Burgen usw. Ich bringe diese Mauer hier nur als ein Beispiel für viele steuerzehrende Projekte, und als Mahnung, schon jetzt an die zukünftige Knappheit von Arbeitskräften und finanziellen Ressourcen zu denken.

Wenn privat jemand das Geld aufbringen möchte, um Denkmalschutz zu finanzieren, habe ich natürlich nichts dagegen. Aber als Steuerzahler können es uns schon jetzt nicht mehr leisten, und noch weniger in Zukunft, jedwedes altes Gemäuer alle 30 - 40 Jahre mit riesigem Finanzaufwand zu stabilisieren. Wir müssen Prioritäten setzen.

Und das gilt auch für andere Politikbereiche: z. B. die Verkehrspolitik. Warum bauen wir z. B. noch ständig neue Straßen, wo sich doch zukünftig ohnehin die Bevölkerung vermindern wird?


Nachtrag vom 04.07.05: Neulich im Zug die Süddeutsche Zeitung gefunden. Darin Essay "Jetzt, damals und dann. Über die Abschaffung der Gegenwart, den historischen 'Augenblick und das Ende der Projektemacherei" von Thomas Steinfeld (für Abonnenten des E-Papers der SZ ist der Artikel auch hier http://www.sueddeutsche.de/sz/2005-07-02//szamwochenende/artikel/sz_vp_szw-2005-07-02-006-3004-a.3004/ zugänglich).
Steinfeld geht es zwar mehr um die geistige (statt wie bei mir um die materielle) Dimension, in welcher die Vergangenheit in Form von Gedenktagen usw. unsere Gegenwart zu überwuchern droht. Immerhin verspürt er vielleicht ein ähnliches Unbehagen wie ich.
Zitate: "Dafür kennen wir Denkmäler in einer Menge und Artenvielfalt, von der das 19. Jahrhundert nicht einmal eine entfernte Vorstellung haben konnte: eine historische Anthologie der populären Musik auf 50 Schallplatten, ein Museum der italienischen Nudel, den 'Originalnachbau' einer Espressomaschine. ... dürfte es nie zuvor in der Geschichte, auch nicht im 19. Jahrhundert, eine Gesellschaft gegeben haben, die so sehr von der Vergangenheit geprägt war wie die unsere." Und vorher: "So entsteht eine neue Form von geistiger Determination. Es lässt sich immer weniger tun, was einem nicht durch Vergangenheit ... vorgeschrieben wird."
Stimmt, aber unsere Kultur wird nicht nur geistig in vielleicht unangemessener Weise von der Vergangenheit determiniert: auch konkret räumlich versteinert sie!


Nachtrag vom 14.01.07:
Pro memoriam, oder auch zu Nutz und Frommen eventueller Leser (die freilich kaum über die Google- oder auch Technorati-Blogsuche zu diesem Eintrag gelangen werden: in beiden Fällen ist nämlich Fehlanzeige z. B. bei "Wehrfriedhof": werfen Blog-Suchmaschinen die alten Archivbeiträge einfach aus ihren Servern raus?) hier zwei aktuelle Artikel aus der Zeit vom 11.01.2007:
"Ein Land auf Abriss. Die Republik verliert ihr kulturelles Erbe. Über 100 000 Baudenkmale sind in den letzten Jahren zerstört worden. Und die Vernichtung geht weiter" von Hanno Rauterberg. [habe ich noch nicht gelesen]
18.1.07: Habe ich nun gelesen. Mir wird Angst und bange, wenn ich lese, wie viele Denkmale verschwunden sind. Das aber nicht wegen ihres Verschwindens, sondern bei der Vorstellung, wir hätten alle diese Dinger mit unseren Steuergeldern retten müssen. Lumpige 40.000,- € hier für ein Kirchlein in einem 140-Seelen-Dorf, 300.000,- € für eine Wehrfriedhofsmauer (Letzteres fordert zwar nicht Rautenberg, aber den Soisdorfern ist ihre Mauer zweifellos ebenso lieb wie den Dittichenrodern ihre Kirche). Und sonst? In Quedlinburg stehen Häuser leer, weil dort zu wenig Menschen wohnen: erhalten müssen wir die Bauten aber trotzdem. In Weißenfels werden Barockbauten abgerissen, weil die Menschen lieber in Neubauten wohnen wollen: unverzeihliche Barbarei. Wie wär's denn mal mit Denkmal-Knästen? Häuser, die keiner mehr bewohnen will, mit Knackis mit Fußfesseln füllen? Oder wen sonst wollen die Denkmal-Anbeter in die alten Bruchbuden zwingen?
In Frankfurt werden Hochhäuser aus den 50er-Jahren abgerissen - wie schrecklich! Diese wunderschönen Bauten, gelle? Ästhetische Zierden aus der Zeit der Nierentische. Klar: auch dafür gibt's Liebhaber. Ich freilich gehöre nicht zu jenen, die jedem gesichtslosen Baukörper eine Träne nachweinen, nur weil er schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Und dann das Argument, dass uns auch im Gesundheitswesen immer vorgeschwindelt wird, wenn wieder mal wer mehr Geld aus den Patiententaschen ziehen will: Denkmalschutz rechnet sich ja! Spar dich reich, so zu sagen.

Als (partielles) Kontrastprogramm dazu:
"Gefährlicher Eifer. Über die Denkmal-Ideologie" von Jens Jessen. Recht hat er (auch wenn ich mir bei dem "spezifisch deutsch" nicht so sicher bin), wenn er z. B.
"... eine spezifisch deutsche Überdehnung des Begriffes [kritisiert], die das ästhetisch Wertvolle nach und nach durch das Kriterium des historisch Interessanten ersetzte und dieses Interessante schließlich in jedem Zeugnis einer Epoche sehen wollte. Zur gotischen Kirche kam so die neugotische Kaserne und zur neugotischen Kaserne kommen bald alle Fabrikgebäude, die in einem vergleichbar historisierenden Backsteinstil gebaut wurden. Mit anderen Worten: Neben das Schöne trat das Hässliche, wenn es nur alt genug war, und gleichzeitig rückte dieses Alte immer näher an die Gegenwart heran." [Hervorhebung von mir]

Nachtrag 25.03.07:
Übrigens gab es schon lange vor meiner Zeit Menschen, welchen das Problem des alten Klimbims in unserer (seelischen und realen) Landschaft bewusst war:
1827 bewunderte Johann Wolfgang von Goethe die Vereinigten Staaten von Amerika wie folgt:

"Den Vereinigten Staaten

Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, das alte,
Hast keine verfallene Schlösser
Und keine Basalte.

Dich stört nicht im Innern,
Zu lebendiger Zeit,
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.

Benutzt die Gegenwart mit Glück!
Und wenn nun eure Kinder dichten,
Bewahre sie ein gut Geschick
Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten."


Allerdings holen wir langsam auf ;-).



Textstand vom 12.05.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

Kommentare:

  1. Man darf nicht vergessen, daß:
    1. Öffentlich gefördete Maßnahmen der Denkmapflege in der Regel ein Vielfaches an privaten Investitionen nach sich ziehen
    2. Die Erhaltung unsere gebauten Kulturerbes mit unserer Identität und unseren sozikulturellen Wurzeln verbunden ist
    3. Denkmalpflege in vielen Städten eine wichtige Investition im Rahmen eines nachhaltigen Stadtentwicklungskonzepts darstellt und
    4. Einnahmen durch Tourismus (ca 21% der Gäste machen eine Städtereise um vor allem berühmte Sehenswürdigkeiten/Baudenkmäler zu besichtigen, die es ohne die Denkmalpflege schon lange nicht mehr geben würde!) werden ohne öffentlich gefördete Denkmalpflege gefährdet! Hierzu einiges Zahlen:
    Arbeitsplätze ca. 2,8 Millionen
    Einnahmen des Tourismus in D 2002: 19,2 Mrd US $

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  2. Hallo Herr Ripp,

    zu Ihren Punkten (welche den gängigen "respektablen" Positionen in der öffentlichen Debatte entsprechen) folgende Erwiderung:

    1) In diesem konkreten Falle geht es allerdings ausschließlich um "Staatsknete"; private Investitionen in die Wehrfriedhofsmauer sind wohl eher nicht zu erwarten.

    2) Wurzeln sind gut, aber wenn man die Wahl hat zwischen anständigen Lebensbedingungen für lebendige Menschen und dem Dienst an toten Wurzel-Objekten, muss man einen angemessenen Ausgleich zwischen Wurzelwachstum und den Interessen derjenigen finden, für welche die Wurzeln da sind - oder eigentlich da sein sollten.

    3) Ich liebe Rothenburg o. d. T., Bamberg :-), Kronach, Kulmbach, Meersburg, Büdingen usw. . Trotzdem geht mir nicht nur jetzt schon manche Denkmalförderung und Verdenkmalung in unserem Land zu weit.
    Meine Überlegungen zur "Wehrfriedhofsmauer" betreffen weniger die Gegenwart, als vielmehr die Zukunft. Welche Lasten an "kulturellem Erbe" (das sich auch jetzt noch fleißig mehrt - im Gegensatz zur Bevölkerung) kann eine dramatisch reduzierte Zahl von "Aktiven" noch schultern? Rationalisierungsmöglichkeiten gibt es in diesem Bereich schließlich kaum.
    Ich jedenfalls möchte mich nicht zum Sklaven machen, der am Kulturerbe schuftet wie die alten Ägypter an den Pyramiden; und auch nicht andere dazu machen.
    Pflegen wir die Alzheimer-Kranken oder pflegen wir lieber die Wehrfriedhofsmauern? Das wird in nicht allzu ferner Zeit eine ganz reale Alternative sein (obwohl man das in der öffentlichen Debatte kaum jemals direkt gegenüber stellen wird), wenn die Ressourcen (und nicht nur die Arbeitskräfte) immer knapper werden.

    4) Ähnliche Argumente kann man von Interessenvertretern in zahlreichen Zusammenhängen hören. So kämpften die Badeort-Lobbyisten seinerzeit z. B. auch gegen die Einschränkung der von der gesetzlichen Sozialversicherung bezahlten Kuren mit der Begründung, dass dadurch Arbeitsplätze in den Badeorten vernichtet würden.
    Stimmt auch; aber niemand spricht von den Arbeitsplätzen, die entstehen würden, wenn man die Leute selbst über die Verwendung ihres Lohnes entscheiden lassen würde, statt ihnen das Geld zwangszweise aus der Tasche zu ziehen. Wer kein Geld hat (weil der Staat es ihm abgenommen oder, betr. Rente, nicht gegeben hat), kann leider nicht reisen.
    Und jetzt bitte keine Rechnung aufmachen, dass das ja nur "Pfennige" pro Person sind. Denn es gibt einfach zu viele solcher "Groschengräber", wie es die Wehrfriedhofsmauer in Soisdorf zu werden droht. Hier jedenfalls wird auch eine Restaurierung den Strom von in- und ausländischen Reisenden nach Eiterfeld-Soisdorf nicht nennenswert anschwellen lassen.

    Prioritäten sollte man schon setzen bei der Ausgabe öffentlicher Gelder. Und meinen Sie nicht auch, Herr Ripp, dass wir vielleicht besser ein wenig zur Erhaltung des einen oder anderen wirklich bewahrenswerten Weltkulturerbes in armen Ländern beisteuern sollten, als unser ganzes Land (sogar schon - angeblich - "qualitätvolle" Gebäude aus den 50er Jahren!) zu verdenkmalen, und damit ja auch in be-denklicher Weise zu petrifizieren?

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  3. P. S.

    "Die fetten Jahre sind vorbei".

    Wenn ich mich nur erinnern könnte, wo ich das mal gelesen habe ... (im Alter lässt das Gedächtnis schon mal etwas nach) :-)

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